Die Kirche: eine theologische Lesung

Die Kirche: eine theologische Lesung

Leonardo Boff

Theologe

Erd-Charta Kommission

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In den vorigen Artikeln haben wir über die Frage nach dem absolutistischen Charakter der Macht in der Kirche nachgedacht., die sich im Klerus und im Papst verdichtet. Manche waren schockiert, aber das ist nun einmal eine Tatsache. Jetzt ist eine allgemeine Überlegung angebracht, und zwar eine theologische, um über die göttliche Wirklichkeit zu nachzudenken, die der Kirche zugrunde liegt. Kirche wird hier als eine geformte Gemeinschaft verstanden, beginnend mit dem Glauben an Jesus als Sohn Gottes und Welterlöser.

Wie bekannt, galt Jesu größtes Anliegen nicht der Kirche, sondern dem Reich Gottes, dieser radikalen Utopie totaler Befreiung. Das war so evident, dass die Evangelisten Lukas, Markus und Johannes nicht einmal das Wort Kirche benutzen. Nur das Matthäusevangelium spricht drei Mal von der Kirche. Als sich das Reich Gottes aufgrund der Hinrichtung Jesu nicht verwirklichte, nahm die Kirche diesen Platz ein. Das Neue Testament vermittelt uns drei verschiedene Formen der Kirchenorganisation: die Form der Synagoge bei Markus, die charismatische Form bei Paulus und das hierarchische Modell der Paulus-Jünger Timotheus und Titus. Dies ist die Form, die sich durchgesetzt hat.

Zunächst einmal definiert sich die Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen. Als Gemeinschaft fühlt sie sich im christlichen Gott verankert, der ebenfalls eine Gemeinschaft aus Vater, Sohn und Heiligem Geist bildet. Das bedeutet, dass Gemeinschaft Vorrang vor den den Machtinstanzen hat. Ihr Platz befindet sich im Zentrum im Dienst der Animation und Kohäsion. Liebe und Gemeinschaft, die Wesenheit der Dreifaltigkeit, sind auch die theologische Wesenheit der Kirche.

Die Gemeinschaft wird von zwei Pfeilern gehalten: Jesus Christus und der Heilige Geist. Jesus erscheint in zwei Formen: in der Form des Mannes aus Nazareth, des Armen, des umherziehenden Propheten, der das Reich Gottes predigte (als Gegensatz zum Reich Cäsars) und der am Kreuz endete; und in der Form des Auferstandenen, der eine kosmische Dimension erreichte, gegenwärtig in Materie, Evolution und Gemeinschaft, als ein Vorläufer des neuen Menschen und des glücklichen Endes des Universums.

Der zweite Pfeiler ist der Hl. Geist. Er war beim Schöpfungsakt des Kosmos gegenwärtig, begleitet stets die Menschheit und jeden Einzelnen und kommt tut seine Wirkung bereits vor der Ankunft von Missionaren. Er löst Spiritualität aus, die lebendige Erfahrung von Liebe, Vergebung, Solidarität, Mitleid und das Sich-Öffnen für Gott. In der Kirche hält der Hl. Geist das Erbe Jesus lebendig und ist verantwortlich für dessen stete Aktualisierung durch Charisma, kreatives Denken, Riten und innovative Sprache.

Der Hl. Irenäus (+ 200) formulierte gut: Christus und der Geist sind die beiden Hände des Vaters, mit denen Er uns erreicht und rettet.

Christus, als die Inkarnation des Sohnes, repräsentiert die beständigere Seite der Kirche, ihren institutionellen Charakter; der Hl. Geist steht für die kreativere Seite, ihren dynamischen Charakter. Die lebendige Kirche ist gleichzeitig etwas Strukturiertes und etwas derart Veränderliches, dass es sich der Kontrolle der Institution entzieht.

Man sagt auch, dass die konkrete Kirche, verstanden als Gemeinschaft und als Jesusbewegung, zwei Dimensionen besitzt: die petrinische und die paulinische. Die petrinische (abgeleitet vom Hl. Petrus = Papst) ist der Grundsatz der Tradition und der Kontinuität. Die paulinische Dimension (abgeleitet vom Hl. Paulus) repräsentiert den Aspekt der Loslösung, der Kreativität. Paulus verließ das Land der Juden und brach auf zu einer Inkulturation in der hellenistischen Welt auf. Petrus steht für die Organisation, Paulus für die Kreativität.

Petrus und Paulus leben gemeinsam in der Figur des Papstes. Er ist der Erbe und Wächter beider Seiten, symbolisiert durch die Grabhügel beider Apostel in Rom. Sie gehören jeweils zueinander. Doch in den letzten Jahrhunderten dominierte die petrinische Dimension und verdrängte beinahe die paulinische.. Dieses Ungleichgewicht hat zu einer zentralistischen kirchlichen Organisation geführt mit der Macht in den Händen Weniger, Konservativer und derer, die sich dem neuen Weg widersetzen, komme er von der Kirche selbst oder von der Gesellschaft. In seiner Abwehrhaltung gegenüber aller Modernität ist der aktuelle Papst fast ausschließlich petrinisch.

Es ist heute wichtig, das verlorene kirchliche Gleichgewicht zurückzugewinnen. Die Kirche muss das Erbe Jesu aufrechterhalten (Petrus) und gleichzeitig die Formen ihrer Gestalt in der Welt erneuern (Paulus). Nur so kann sie ihren Konservatismus überwinden und ihre Kreativität in der Kommunikation mit ihren Zeitgenossen zeigen. Die Kirche darf nicht Quelle giftigen Wassers sein, sondern Leben spendenden Wassers.


Leonardo Boff

06.08.2010

Übersetzt aus dem Englischen von

traductina@yahoo.com

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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