Eine andere Art und Weise, Kirche zu sein

Eine andere Art und Weise, Kirche zu sein

Leonardo Boff

Theologe

Erd-Charta Kommission

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Diejenigen, die meinen letzten Artikel „Wo ist die wirkliche Krise der Kirche?“ lasen, müssen entmutigt worden sein. Ich analysierte dort die Struktur der Kirche: zentralistisch, pyramidenförmig, absolutistisch und monarchisch. Diese Machtstruktur begünstigt weder die evangelischen Ideale von Gleichheit und Geschwisterlichkeit, noch die Beteiligung der Gläubigen. Im Grunde verschließt sie der Beteiligung und Liebe Tür und Tor. Das rührt daher, dass es in der Natur dieser Machtstruktur liegt, dass sie stark und kalt zu sein hat. Dieses Modell der Kirchenmacht hält sich für „die Kirche“, DIE Kirche schlechthin und, schlimmer noch, als so von Christus gewollt, wobei sie, wie ich gezeigt hatte, historisch entstanden ist und es sich nur um ihre Animations- und Leitungsinstanz handelt, die weniger als 0,1 % aller Gläubigen repräsentiert. Somit stellt „die Kirche“ nicht die ganze Kirche dar, sondern nur einen minimalen Teil.

Die Kirchengemeinschaft, als ein religiöses Phänomen und eine Jesus-Bewegung, ist viel mehr als eine Institution. Die Kirchengemeinschaft findet andere Wege der Organisation, die dem Traum ihres Gründers und dessen erster Nachfolger viel näher kommen. Die brasilianischen Bischöfe bekannten bei ihrer jährlichen Versammlung, die vom 4.-13. Januar dieses Jahres in Brasilia stattfand, klugerweise: „Nur eine Kirche mit ‚unterschiedlichen Lebensformen‘ desselben Glaubens wird in der Lage sein, maßgeblich mit der heutigen Gesellschaft zu kommunizieren.“ Mit dieser Feststellung verwarfen die Bischöfe den Anspruch, es gebe nur eine Seinsweise: die der Tradition und der Macht. Unbestreitbar gibt es viele andere Wege: den der Befreiungskirche, den der Charismatiker, den der Ordensleute, den der Katholischen Aktion, selbst den des Opus Dei, den der Gemeinschaft und Befreiung und den des Neuen Lieds, um nur die bekanntesten zu benennen.

Doch es gibt eine sehr spezielle und verheißungsvolle Form, die in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts in Brasilien entstanden ist und die weltweite Bedeutung erlangt hat, denn sie hat sich in vielen Ländern integriert: die der Basisgemeinden, CEBs (Communidades Eclesiales de Bases). Die Bischöfe widmeten ihnen die „Botschaft zum Volk Gottes der Basisgemeinden“. Interessanterweise entstanden die Basisgemeinden zu dem Zeitpunkt, als in Brasilien ein neues historisches Bewusstsein aufkeimte: in der Gesellschaft als das Verlangen des Volks nach mehr politischer Beteiligung; in der Kirche als das Streben der Gläubigen ebenfalls nach mehr Teilhabe und kirchlicher Mit-Verantwortung. Die Basisgemeinden begründen eine neue Seinsweise für die Kirche, deren wichtigstes, wenn nicht ausschließliches, Anliegen die Armen sind. Ihr Stil ist gemeinschaftlich, partizipativ, eingebettet in die lokale Kultur. Die Dienste werden rotativ verteilt und die Wahlen sind demokratisch. Sie bringen kontinuierlich ihren Glauben und Leben zum Ausdruck, sind im religiösen Feld aktiv, entwerfen neue Gottesdienste und Riten, sind auch im sozial-politischen Umfeld tätig, in den Gewerkschaften, den sozialen Bewegungen, wie bei der Landlosenbewegung Movimiento de los trabajadores sin Tierra, MST, oder bei den gängigen politischen Parteien.

Wir wissen nicht genau, wie viele es sind, doch man schätzt, dass es einige hunderttausend Basisgemeinden in Brasilien gibt, die mehrere Millionen Christen umfassen. Die Bischöfe sehen ihren hoch innovativen und System übergreifenden Wert. Die Marktwirtschaft hat kooperative und solidarische Beziehungen eliminiert, während in den Basisgemeinden die Beziehungen auf Geldlosigkeit und der Logik der Tauschringe basieren. Die Basisgemeinden haben sich die Ökologie zum Anliegen gemacht und sind deshalb auch als ökologische Basisgemeinden (comunidades ecológicas de base) bekannt. Die Basisgemeinden haben eine starke Spiritualität der Sorge um das Leben und um Mutter Erde entwickelt. Das Ergebnis von alldem sind mehr Respekt, Ehrfurcht und Kooperation mit allem Existierenden und Lebendigen. Die Basisgemeinden zeigen auf, wie die heilige Erinnerung an Jesus in eine andere soziale Struktur münden kann, die ihren Schwerpunkt in der Gemeinschaft, in geschwisterlicher Liebe und in der Freude am Zeugnis über den Sieg des Lebens über die Unterdrückung hat. Dies ist die existentielle Bedeutung der Auferstehung Jesu, da sie ein Aufstand gegen diese Welt ist.

In Bescheidenheit erklären die Bischöfe, dass die Basisgemeinden der Kirche helfen, sich mehr im Einsatz für das Leben und gegen das Leid der Armen zu engagieren. Darüber hinaus flehen die Bischöfe die ganze Kirche an, sich zum Engagement für einen Wandel der Welt hin zu einer Welt von Brüdern und Schwestern zu bekehren.

Diese Seinsweise der Kirche kann ein Modell für die Einbindung der zeitgenössischen, städtischen und globalisierten Kultur. sein Wenn sie dem Projekt von Papst Benedikt XVI zur „Rück-Eroberung“ Europas als Inspiration diente, so hätte sie sicher manchen Erfolg. Man könnte Gemeinschaften von Christen sehen, von Intellektuellen, Arbeitern, Frauen, Jugendlichen, die ihren Glauben als Antwort auf die Herausforderung ihrer existentiellen Situationen leben. Sie würden nicht vorgeben, das Monopol auf den einzig wahren Weg zu besitzen, sondern sich mit jedem zusammen tun, der ernsthaft nach einer neuen religiösen Sprache und einem neuen Hoffnungshorizont für die Menschheit strebt.

Leonardo Boff

30.07.2010

übersetzt aus dem Englischen von

traductina@yahoo.com

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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