Worin besteht die wahre Krise der Kirche?


Worin besteht die wahre Krise der Kirche?

Leonardo Boff

Theologe

Erd-Charta Kommission

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Die Pädophilie-Krise in der römisch-katholischen Kirche ist nichts im Vergleich zu ihrer wirklichen Krise: der strukturellen Krise, die eng verbunden ist mit ihrer sozio-historischen Institutionalität.

Ich spreche nicht von der Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen. Diese bleibt trotz der Krise lebendig, indem sie sich eher in Gemeinschaften organisiert als in pyramidaler Form, wie es die Kirche der Tradition pflegt. Die Frage ist: Welche Art von Institution stellt diese Gemeinschaft der Gläubigen dar? Wie ist sie organisiert? Tatsächlich scheint die Kirche von der heutigen Kultur losgelöst zu sein und in starkem Widerspruch zu dem zu stehen, was Jesu Traum war, und wie Jesus von den Gemeinschaften wahrgenommen wird, die es sich zur Gewohnheit gemacht haben, in Gruppen die Evangelien zu lesen und zu analysieren.

Auf den Punkt gebracht und ohne zu übertreiben, lässt sich feststellen: Die institutionelle Kirche erhält sich selbst durch zwei Machtformen aufrecht. Einerseits die säkulare, organisatorische, juristische und hierarchische, das Erbe des Römischen Reichs; andererseits die spirituelle, basierend auf der politischen Theologie im „Gottesstaat“ des Hl. Augustinus, den er mit der institutionellen Kirche gleichsetzt. In ihrer konkreten Form sind weder die Evangelien noch der christliche Glaube so relevant wie diese Machtformen, welche ihre „Heilige Macht“ (potestas sacra) rechtfertigen, selbst in ihrer absolutistischen, uneingeschränkten Form (plenitudo potestatis), im Stil des Römischen Reichs der absolutistischen Monarchie. Cäsar hatte alle Macht inne: die politische, militärische, juristische und die religiöse. Der Papst, seinerseits, verfügt über ebensolche „höchste, volle, unmittelbare und universale ordentliche Gewalt“ (Kanon 331); Attribute, die nur Gott zukommen. Aus institutioneller Sicht ist der Papst ein getaufter Cäsar.

Die Macht, d. h. die Struktur der institutionellen Kirche, erschien nach 325 n. Chr. mit dem Kaiser Konstantin. Sie wurde im Jahr 392 n. Chr. offiziell begründet , als Theodosius der Große (+ 395) das Christentum als einzige Staatsreligion einführte. Die institutionelle Kirche machte sich diese Macht mit all ihren Titeln, Ehren und Hofbräuchen zu Eigen, die heutzutage noch immer den Lebensstil der Bischöfe, Kardinäle und Päpste kennzeichnen.

Im Lauf der Zeit nahm diese Macht immer totalitärere und sogar tyrannische Züge an, besonders nach Papst Gregor VII, der 1075 sich selbst zum absoluten Kirchen– und Weltherrscher proklamierte. Noch radikaler beanspruchte Innozenz III (+ 1216) für sich, nicht nur Nachfolger Petri, sondern auch Stellvertreter Christi zu sein. Sein Nachfolger, Innozenz IV (+ 1254) ging noch den letzten Schritt, indem er ankündigte, Stellvertreter Gottes und damit der Universal-Weltherrscher zu sein, der Ländereien verteilen konnte, an wen immer er wollte – so geschehen mit den Königen Spaniens und Portugals im XVI Jh. Es fehlte nur noch, die Unfehlbarkeit des Papstes auszurufen. Dies geschah im Jahr 1870 unter Pius IX. Der Kreis war geschlossen.

Nun befindet sich diese institutionelle Form zurzeit in einem tiefen Erosionsprozess. Nach über 40 Jahren kontinuierlichen Studierens und Meditierens über die Kirche (mein Spezialgebiet) vermute ich, dass der entscheidende Moment für sie gekommen ist: Entweder sie hat den Mut, sich zu ändern, und findet ihren Platz in der Welt von heute und metabolisiert den beschleunigten Globalisierungsprozess, wo sie vieles zu sagen haben wird, oder sie verdammt sich selbst dazu, eine westliche Sekte zu sein, die immer irrelevanter und von ihren Gläubigen verlassen wird.

Das aktuelle Projekt Benedikts XVI, die Sichtbarkeit der Kirche gegenüber der säkularen Welt „zurück zu erobern“ ist zum Scheitern verurteilt, wenn es nicht den institutionellen Wandel vorsieht. Die Menschen akzeptieren heutzutage keine autoritäre und traurige Kirche mehr, als ob sie zu ihrer eigenen Beerdigung gingen. Doch sie sind offen für die Jesus-Saga, für Seinen Traum und für die Werte der Evangelien.

Dieses Crescendo im Willen zur Macht, vorgetäuscht als direkt von Christus eingesetzt, macht jegliche Reform der institutionellen Kirche unmöglich, da alles in ihr göttlich und unantastbar sei. Es verwirklicht voll und ganz die Logik der Macht, wie bei Hobbes in seinem Leviathan beschrieben: „Macht sucht immer mehr Macht, denn Macht kann nur durch das Streben nach mehr und mehr Macht gefestigt werden.“ Eine institutionelle Kirche, die solcher Art nach absoluter Macht strebt, verschließt der Liebe ihre Türen und distanziert sich selbst von den Machtlosen und den Armen. Die Institution verliert ihr menschliches Antlitz und wird unsensibel gegenüber den existentiellen Problemen wie denen von Familie und Sexualität.

Das Zweite Vatikanische Konzil (1965) versuchte, dem mit Konzepten: „Volk Gottes, Gemeinschaft und Kollegialität. zu begegnen. Doch dieser Versuch wurde durch Johannes Paul II abgebrochen wie auch von Benedikt XVI, der wieder auf römischem Zentralismus besteht und damit die Krise noch verschärft.

Was an einem Tage errichtet wurde, kann am darauf folgenden Tag zerstört werden. Im jetzigen Zeitalter hat der christliche Glaube die innere Kraft, eine institutionelle Form zu finden, die eher im Einklang mit dem Traum ihres Gründers steht und in mehr Harmonie mit unserer Zeit.

Leonardo Boff

23.07.2010

Übersetzung aus dem Englischen von

traductina@yahoo.com

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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