Worin besteht das Vermächtnis der Pädophilie-Krise in der Kirche?

Worin besteht das Vermächtnis der Pädophilie-Krise in der Kirche?

Leonardo Boff

Theologe

Erd-Charta Kommission

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Im XVI. Jh., dem Höhepunkt der Macht der Renaissance-Päpste, die in alle Arten von Skandalen verwickelt waren, erklang in der Kirche ein Schrei „nach einer Reform ihres Hauptes und ihrer Glieder“. Dieser Schrei kam von den Laien, dem niederen Klerus, von Theologen wie Luther, Zwingli und anderen. Die Antwort darauf war die Gegenreformation, die die katholische Kirche in eine Bastion gegen die Reformationsbewegung verwandelte und sie sogar noch in ihrer Machtstruktur verhärten ließ.

Jetzt hat der Skandal der pädophilen Priester in einigen katholischen Ländern wieder einen heftigen Schrei nach Strukturreformen in der Kirche ausgelöst. Dieser Schrei kommt nicht nur von unten wie bei der Reformation, sondern vor allem von oben, von Kardinälen und Bischöfen. Zunächst ging der Vatikan mit dieser Sünde und diesem Verbrechen in einer verheerenden Art und Weise um. Anfangs versuchte er, die Tatsachen als Medienklatsch abzutun, sodann sie sogar unter dem Deckmantel „pontifikales Geheimnis“ zu verbergen unter dem Vorwand, die intrinsische Heiligkeit der Kirche zu schützen. Danach wurden die Fakten bagatellisiert oder als Komplott obskurer Laienverbände gegen die Kirche erachtet und schließlich, vor der Unmöglichkeit jedweder Entschuldigung oder Ausflucht, kamen letzten Endes die beunruhigenden Wahrheiten ans Licht

Der Papst ergriff diverse Maßnahmen gegen die Pädophilen, die durchweg von vielen Kirchenmitgliedern als unzureichend erachtet wurden, da „Null Toleranz“ und kanonische und zivilrechtliche Strafen nicht ausreichen. All dies kommt a posteriori, nachdem das Verbrechen verübt wurde. Nichts wird darüber gesagt, wie die Wiederholung solcher Skandale verhindert werden kann und welche Reformen am Zölibat und in der Ausbildung von Priesteramtskandidaten durchgeführt werden müssen. Ist es denn nicht prioritär, die unschuldigen Opfer zu beschützen, von denen viele in einer spirituelle Leere dahindümpeln und mit einem Gemisch aus Schuld und Scham leben durch den Verrat, den sie durch die Kirche erlitten haben?

In der Folge beschuldigten sich die höchsten Autoritäten gegenseitig schwer. Kardinal Christoph Schönborn von Wien warf Kardinal Angelo Sodano vor, er habe die Pädophilie seines Vorgängers im Amt, Kardinal Hans-Hermann Groër, verheimlicht, als er Staatssekretär war (die höchste Stellung nach dem Papst). Deutsche Bischöfe kritisierten ihre eigene Bischofskonferenz, sie sei bezüglich der offenkundigen sexuellen Misshandlungen durch den Augsburger Bischof, Walter Mixa, nicht wachsam genug gewesen. Dieser wurde zum Rücktritt gezwungen, ebenso der Bischof von Brüssel, der einen Neffen acht Jahre lang missbrauchte.

Die Selbstkritik des Erzbischofs von Camberra, Mark Coleridge, ist insofern beeindruckend, als er einräumt, die Moral der Kirche in Bezug auf Körper und Sexualität sei rigide und jansenistisch,  erzeuge in den Seminaristen eine „institutionalisierte Unreife“ mit Tendenz zu Diskretion und Geheimniskrämerei gegenüber Verbrechen, um den guten Leumund der Kirche aufrechtzuerhalten, und sei das Ergebnis eines scheinbaren Triumphalismus. Diamuid Martin, Primas von Irland, stellte ernsthaft die Frage nach der Zukunft der Kirche in seinem Land, da es dort jahrelang so viele Pädophile in den Institutionen gab. Er räumt ein, dass Reformen dringend nötig sind, denn die Kirche könne „keine  Gefangene ihrer Vergangenheit“ sein, und er stellt fest, dass grundsätzliche Änderungen in ihrer Struktur vorgenommen werden müssen, um solche Vergehen zu vermeiden. Vielleicht kam die klarste und mutigste Aussage von Pat Power, dem Weihbischof Camberras, der „eine notwendige und total systemische Reform der kirchlichen Strukturen“ fordert. Er bekräftigt, dass „alle Weisheit nicht in der Führung einer durch und durch maskulinen Kirche liegt, und dass diese auf die Stimme der Gläubigen zu hören hat„. Mutig erkennt er an, dass „wir nicht zu der gegenwärtigen Krise gekommen wären, wenn Frauen mehr Entscheidungsgewalt hätten.

Wir könnten noch weitere Stimmen von kirchlichen Autoritäten anführen, aber am wichtigsten ist es zu zeigen, dass dieser Skandal, der das ethische und das Vertrauenskapital der Kircheninstitution beschädigt hat, paradoxerweise ein positives Vermächtnis hinterlässt: Er stellt die Frage nach den Reformen von der Basis aus, wie vom Vaticanum II verabschiedet. Jedoch wurden diese Reformen von der Kurie und von den letzten beiden Päpsten boykottiert, die sich mit ihrer konservativen Sicht jeglicher Moderne entgegenstellen. Diejenigen unter uns, die die Kirche mit ihrem Licht und ihrem Schatten lieben, sehen in der gegenwärtigen Krise eine vom Geist erzeugte Gelegenheit für die Kircheninstitution, die beste Weise herauszufinden, Jesu frohe Botschaft zu vermitteln und der Menschheit zu helfen, sich einer noch größeren Krise zu stellen, nämlich der des Lebens- und Erdsystems, die zurzeit in so hohem Maße bedroht sind.


Leonardo Boff

13.08.2010
Übersetzung aus dem Englischen von

traductina@yahoo.com

 

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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