Duell zwischen Leben und Tod

Duell zwischen Leben und Tod

Leonardo Boff

Theologe

Erd-Charta Kommission 

                                                                                                                     

Eines der schönsten Kirchenlieder der christlichen Osterliturgie aus dem 12 Jahrhundert besagt, dass „Leben und Tod ein Duell eingingen; der Herr des Lebens wurde getötet, aber nun regiert Er lebend.“ Dies ist die christliche Bedeutung von Ostern: die Umkehrung der Kampfbedingungen. Was Niederlage zu sein schien, war tatsächlich eine Strategie, den Sieger, d. h. den Tod, zu bezwingen. Aus diesem Grund wuchs kein Gras über Jesu Grab Durch die Auferstehung ist die Überlegenheit des Lebens garantiert.

Die Botschaft kommt aus dem religiösen Kontext und ist tief ins menschliche Wesen eingeschrieben, doch ihre Bedeutung ist nicht darauf beschränkt Sie erlangt universelle Bedeutung, vor allem heutzutage, da ein Duell zwischen Leben und Tod physisch und tatsächlich stattfindet Dieses Duell wird an allen Fronten ausgefochten, und sein Schlachtfeld ist der ganze Planet, einschließlich der ganzen Lebensgemeinschaft und der ganzen Menschheit.

Dies geschieht, weil wir mit der Erkenntnis in Verzug sind, dass der Lebensstil, den wir in den letzten Jahrhunderten wählten, einen totalen Krieg gegen die Erde bedeutet. Im Verlangen nach Reichtum und wachsendem rücksichtslosem Konsum (63 % des nordamerikanischen BIP besteht aus Konsum, da eine wirkliche Konsumkultur entstanden ist) werden alle Ressourcen und alle möglichen Leistungen unsrer Mutter Erde geplündert.

Das kollektive Bewusstsein hat unlängst festgestellt, dass ein wahres Duell, das durch unsren Lebens- Produktions- und Konsumstil und unsre Müllwirtschaft entfesselt wurde, zwischen dem natürlichen Lebensmechanismus und dem künstlichen Todesmechanismus stattfindet. Wir Menschen sind die ersten Opfer dieses totalen Krieges. Vielen mangelt es am Lebensnotwendigem, sie sind ghettoisiert und ihre Arbeitskraft wird über das Maß ausgebeutet. Das Leid, die Frustration und die Demütigung, die sich dahinter verbergen, sind unbeschreiblich. Wir leben in einer neuen barbarischen Zeit, so prangern es mehrere Weltdenker an, wie z. B Tsvetan Todorov kürzlich in seinem Buch „Die Angst vor den Barbaren“ (El miedo a los bárbaros, 2008). Die Realitäten, auf die es wirklich ankommt, weil sie uns human oder grausam machen, finden keinen Eingang in die Profitberechnungen der Wirtschaft, und, mit Ausnahme von Bhutan, das den Einheimischen Glücklichkeitsindex seines Volkes gründete, sind sie im Bruttosozialprodukt keines Landes aufgeführt. Weitere Opfer sind alle Ökosysteme, die Biodiversität und der Planet Erde insgesamt.

Der Träger des Wirtschaftsnobelpreises, Paul Krugmann, hat vor kurzem dargelegt, dass 400 nordamerikanische Familien allein über ein Einkommen in Höhe von mehr als 46 % der nordamerikanischen Arbeiterschaft verfügen. Dieser Reichtum fällt nicht vom Himmel. Er wird durch Akkumulationsstrategien erlangt, die aus Fallenstellen, finanzieller Super-Spekulation und dem Diebstahl der Früchte der Arbeitsleistung von Millionen von Menschen bestehen.

Im aktuellen System, und dies muss einmal gesagt werden, wird unbeschränkte Akkumulation von Reichtum als Intelligenz angesehen, gilt der Raub öffentlicher und natürlicher Ressourcen als Geschicklichkeit, Betrug als Qualifikation, ist Korruption gleich Scharfsinn und ungezügelte Ausbeutung ist Management-Weisheit. Es ist der Triumph des Todes. Wäre es möglich, dass der Tod dieses Duell gewinnt?

Was wir mit Sicherheit sagen können, ist, dass wir unmöglich diesen Krieg gegen die Erde gewinnen können. Sie war ohne uns da und kann ohne uns weiter existieren. Aber wir brauchen sie. Das System, in dem wir zurzeit leben, ist eine horrende Irrationalität, genau das Richtige für wahrhaft irrsinnige Wesen.

Analytiker von globalen ökologischen Anzeichen der Erde warnen uns, dass wir, durch das Aufeinandertreffen so vieler aktueller Krisen, in nicht allzu ferner Zukunft eine ökologisch-humane Krise von extremer Schwere erleben könnten.

In diesem düsteren Kontext ist es passend, auf die Osterbotschaft zu hören und sie zu verwirklichen. Wir werden sicher nicht um einen schmerzhaften Karfreitag herumkommen, aber danach wird es Auferstehung geben. Erde und Menschheit werden noch leben.

Leonardo Boff

29.04.2011

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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