Ökobilanz – eine neue Wissenschaft?

Leonardo Boff
Theologe
Erd-Charta Kommission

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Die allgemeinere Forschung für gutes Leben und für die Sorge nach der globalen Situation der Erde bewirkt in uns ein vertieftes ökologisches Bewusstsein. Jetzt haben wir die Spuren von CO², von Giften und von Schwermetallen zu analysieren, die wir in industriell hergestellten Produkten des täglichen Lebens finden. Aus dieser Sorge entstand eine neue Wissenschaft, die unter dem Akronym LCA (Life Cycle Analysis, auf deutsch Ökobilanz) bekannt ist. Der Einfluss auf Biosphäre, Gesellschaft und Gesundheit wird in jedem Stadium eines Produktes kontrolliert, beginnend beim Abbau, über die Produktion, die Verteilung und den Konsum bis hin zur Entsorgung.

Nehmen wir folgendes Beispiel: Bei der Herstellung einer 1-Kilogramm schweren Kristallvase werden, so unglaublich das klingt, in den verschiedenen Stadien bis zum Endprodukt 659 unterschiedliche Inhaltsstoffe verwendet Welche davon sind schädlich? Anhand der Ökobilanz wird versucht, sie zu identifizieren. Sie findet ebenfalls Anwendung in sogenannten grünen oder ökologisch sauberen Produkten. Die meisten sind nur am Ende grün oder in ihrem Endverbrauch sauber, wie im Fall von Ethanol. Realistischerweise muss man zugeben, dass jegliche industrielle Produktion Spuren von Toxinen hinterlässt, und seien sie noch so gering. Nichts ist völlig grün oder sauber, nur relativ öko-freundlich. Dies wurde von Daniel Goleman in seinem neuen Buch „Ecological intelligence“, Kairos 2009, (Ökologische Intelligenz) untersucht.

Es wäre ideal, wenn für jedes Produkt, zusätzlich zu seinen Nährstoffen, seinem Fettgehalt und seinen Vitaminen, ebenfalls sein negativer Einfluss auf Gesundheit, Gesellschaft und Umwelt angegeben wäre. Dies wird in den Vereingten Staaten durch den „Good Guide“ getan, einer durch das Internet zugängliche Institution, die eine dreifache Bewertung erteilt: green (grün) für relativ reine Produkte, yellow (gelb) wenn sie schädliche aber nicht extrem schlechte Elemente enthalten, und red (rot) für unratsam wegen ökologisch negativen Fußabdrucks. So wurden die Rollen vertauscht: nicht mehr der Verkäufer, sondern der Kunde erstellt die Kriterien, ob ein Produkt gekauft oder konsumiert werden sollte

Die Produktionsweise ändert sich, und unser Gehirn hatte nicht genug Zeit, diesem Wandlungsprozess zu folgen. Das Gehirn ist eine Art von internem Radar, der uns über nahende Bedrohung oder Gefahr unterrichtet. Gerüche, Farben, Aromen und Geräusche warnen uns, ob Produkte beschädigt sind oder nicht und ob ein Tier uns angreift oder nicht.

Daher registriert unser Gehirn noch keine schleichenden ökologischen Veränderungen und erspürt keine in der Luft verteilten chemischen Partikel, die uns vergiften können. Durch Biotechnologie und Nanotechnologie haben wir bereits 104 000 künstliche chemische Gemische eingeführt. Mithilfe der Ökobilanz können wir beispielsweise nachweisen, in welchem Ausmaß diese synthetischen chemischen Substanzen die Anzahl der männlichen Spermatozoide derart senkt, dass Millionen von Männern unfruchtbar werden.

Wir können nicht weiterhin sagen: Ökologische Veränderungen sind nur gut, wenn sie die Kosten und Profite nicht beeinträchtigen. Diese Art zu denken ist rückwärts gerichtet und unsinnig, da es die Veränderungen im Bewusstsein nicht berücksichtigt. Das Mantra der neuen Unternehmen lautet nun: „Je nachhaltiger, desto besser; je gesünder, desto besser; je umweltfreundlicher, desto besser.“

Ökologische Intelligenz wird als eine weitere Art von Intelligenz gelten; sie einzubinden ist nötiger denn je.

Leonardo Boff

20.05.2011

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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