Ich kannte einen Menschen…

Ich kannte einen Menschen…

Leonardo Boff

Theologe

Erd-Charta Kommission

Schlank, von eleganter Gestalt, stets an seiner Strohzigarette rauchend, ein Pionier war er. Als die italienischen Siedler in Sierra Gaucha kein Land mehr zum Bewirtschaften hatten, emigrierten sie gruppenweise ins Innere von Santa Catarina, dem Land der Concordia, das als die Heimat von Sadia und Perdigao, den bekanntesten Fleischbetrieben, berühmt war. Es gab dort nichts außer einigen Mestizen, Überlebenden des Contestado Kriegs, Gruppen von Kaigan-Ureinwohnern und einem herrlichen Kiefernhain, der sich ausdehnte, soweit das Auge reichte.

Die italienischen Siedler kamen in Karawanen. Sie brachten ihre Lehrer mit, ihre Vorbeter und einen enormen Willen zu arbeiten und ihr Leben aus dem Nichts aufzubauen. Er hatte mehrere Jahre bei den Jesuiten von São Leopoldo studiert und sich eine breit angelegte humanistische Bildung angeeignet. Er konnte Latein und Griechisch, und er konnte in Fremdsprachen lesen. Er kam, um das Leben des Volkes zu erhellen. Er war ein Lehrer, eine Referenzperson von hohem Ansehen. Morgens und nachmittags unterrichtete er Klassen. Abends gab er den Siedlern Portugiesisch-Unterricht, die nur Italienisch und Deutsch zu Hause sprachen. Er eröffnete auch eine kleine Schule für die Fortgeschrittenen, um sie als Buchhalter auszubilden, damit sie die Buchführung für die Läden und die Verkäufer der Umgebung machen konnten.

Da die Erwachsenen besondere Lernschwierigkeiten hatten, benutzte er eine kreative Methode. Er wurde Vertreter eines Unternehmens zur Verbreitung von Radios und sorgte dafür, dass jede Familie ein Radio zu Hause hatte. Auf diese Weise sollten sie „Brasilianisch“ lernen, indem sie Programme auf Portugiesisch hörten. Er errichtete für sie Windmühlen und kleine Generatoren an Wasserfällen, wo sie ihre Batterien aufladen konnten. Als Lehrer war er ein vorzeitiger Paulo Freire. Er gründete eine Bibliothek von 2000 Büchern. Jede Familie sollte ein Buch mit nach Hause nehmen, es lesen, und sonntags, nach dem Rosenkranzgebet auf Latein, wurde ein Lesezirkel organisiert, sodass jeder auf Portugiesisch sagen konnte, was er gelesen und verstanden hatte. Wir Kinder lachten über ihr schwaches Portugiesisch. Er unterrichtete nicht nur die Grundlagen, sondern auch, was jeder Siedler können musste: wie man Land vermisst, das Dach vom Munitionsdepot deckt, Zinsen berechnet, sich um die Wälder kümmert, die Flüsse reinigt und wie man mit abfallendem Gelände klar kommt. Er führte uns in die Grundlagen der Philologie ein, indem er uns lateinische und griechische Wörter beibrachte. Als wir als kleine Kinder bei Eiseskälte am Ofen saßen, hatten wir das ganze griechische Alphabet zu rezitieren: alpha, beta, gamma, delta…und später im College waren wir mit Stolz erfüllt, als wir unsren Klassenkameraden und Lehrern die Etymologie von Wörtern erklären konnten. Er motivierte seine elf Kinder, viel zu lesen. Ich konnte auswendig Sätze von Hegel und Darwin zitieren, ohne sie zu verstehen, nur um andere zu beeindrucken.

Er war Lehrer im wahrsten Sinn des Wortes, denn er beschränkte sich nicht auf die vier Wände des Klassenraums. Er macht mit seinen Studenten Spaziergänge, um die Natur zu beobachten, ihnen Pflanzennamen und die Wichtigkeit von Gewässern und Obstbäumen zu erklären. An diesen Schauplätzen im Hinterland, fernab von allem, betätigte er sich als Apotheker. Er rettete viele Menschenleben mit Penicillin, als er, oftmals spät in der Nacht, gerufen wurde. Aus Fachbüchern lernte er, die Symptome verschiedener Krankheiten zu erkennen und sie zu behandeln.

In diesem entlegenen Teil unsres Landes lebte einer, den politische und metaphysische Probleme betroffen machten. Er begründete sogar kleine Zusammenkünfte von Freunden, die sich trafen, um über „ernste Dinge“ miteinander zu diskutierten, aber hauptsächlich, um ihm zuzuhören. Er las die Klassiker der Philosophie, wie Spinoza, Hegel, Darwin und Ortega y Gasset. Er verbrachte nachts lange Stunden ans Radio gefesselt, um ausländische Programme zu hören, um über den 2. Weltkrieg informiert zu sein.

Er stand der Kirche der Priester kritisch gegenüber, denn diese respektierten nicht ihre Nachbarn, verdammten alle deutschen Protestanten zum Höllenfeuer, weil sie nicht katholisch waren. Er stritt sich energisch mit denjenigen, die die „Negriti“ und die „Spuzzetti“ (die Stinkenden) diskriminierten. Wir als seine Kinder hatten neben ihnen in der Schule zu sitzen, um zu lernen, diejenigen, die anders sind, zu respektieren und mit ihnen auszukommen.

Seine Frömmigkeit war verinnerlicht. Er vermittelte uns einen spirituellen und ethischen Lebenssinn: immer ehrlich zu sein, nie zu lügen und bedingungslos der göttlichen Vorsehung zu vertrauen. Damit seine elf Kinder studieren und zur Universität gehen konnten, verkaufte er alles Land, das er besaß oder geerbt hatte, Stück für Stück. Am Ende musste er sein Haus verkaufen. Seine Freude war grenzenlos, wenn wir in den Ferien kamen, denn dann konnte er sich stundenlang mit uns unterhalten. Und er übertraf uns alle. Er starb jung, mit 54, erschöpft von so viel Arbeit und Dienst am Nächsten. Er wusste, dass er sterben würde. Er träumte davon, mit Plato zu reden, mit dem Heiligen Augustinus zu diskutieren und sich unter den Weisen zu befinden. Genau an dem Tag, als ich zum Studieren nach Europa aufbrach, hörte sein Herz auf zu schlagen. Ich erfuhr es, als ich in München war. Meine Brüder und Schwestern ließen sein Lebensmotto in seinen Grabstein gravieren: „Von seinen Lippen hörten wir, von seinem Leben lernten wir: Nur ein Leben für den Dienst am Nächsten ist lebenswert.“

Am 25. Mai 2011 wäre er hundert Jahre alt geworden. Dieser weise Schullehrer des Landesinneren war Mansueto Boff, mein geliebter, von mir vermisster Vater.

Leonardo Boff

27.05.2011

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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