Strauss-Kahn: eine Metapher für die IWF-Praktiken

Leonardo Boff

Theologe

Erd-Charta Kommission

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Man könnte es tragisch finden, dass der Vorsitzende des IWF, Dominique Strauss-Kahn, seinem Laster, der Besessenheit nach perversem Sex, nachgab. Nackt rannte er einem schwarzen Zimmermädchen in der Suite 2806 des Sofitel Hotels in New York City hinterher und packte sie, um sie zum Sex zu zwingen. Die Details wurden haarklein vom Staatsanwalt von New York City beschrieben. Aus Anstandsgründen werde ich sie nicht wiederholen. Es war nicht tragisch für ihn: Es war nur eine weitere Person in dieser Welt, die er schikanierte. Anschließend zog er sich an und ging direkt zum Flughafen. Witzigerweise ließ er sein Handy in der Hotel-Suite, und daher konnte die Polizei ihn festnehmen, nachdem er bereits das Flugzeug betreten hatte.

Tragisch war nicht, was ihm passierte, sondern was dem Opfer geschah, für das sich niemand zu interessieren scheint. Ihr Name ist Nifissatou Diallo, eine afrikanische Muslimin aus Guinea, Witwe und Mutter einer 15-jährigen Tochter. Die Polizei fand sie versteckt hinter einem Geschirrschrank, wo sie weinte und sich erbrach, traumatisiert von der Gewalt, die sie durch die Hand eines Hotelgastes erlitt, dessen Namen sie nicht einmal kannte.

Die meisten der französischen Medien versuchten zynischerweise und unverhohlen machohaft, die Fakten zu verbergen und erwogen sogar, der zukünftige sozialistische Präsidentschaftskandidat der französischen Republik sei in eine Falle gelockt worden. Der ehemalige Kultur- und Bildungsminister, Jacques Lang, von dem man eine gewisse Finesse d’esprit erwartet hätte, sagte geringschätzig „Letzten Endes ist niemand daran gestorben.“ Es spielte keine Rolle, dass eine Frau psychisch durch Herrn Strauss-Kahns Brutalität umgehauen wurde. Für sie ist sie nur eine Frau, eine afrikanische Frau. Kann es sein, dass in ihrer rückschrittlichen Mentalität eine Frau nur zum „Objekt für Tisch und Bett“ taugt?

Ehrlicherweise müssen wir die Fakten durch die Augen des Opfers betrachten. Nur dann können wir die Dimension ihres Leidens begreifen und die Demütigung so vieler anderer Fauen in der Welt, die gekidnappt, vergewaltigt und als Sex-Sklavinnen verkauft wurden. Nur eine Gesellschaft, die jeglichen Sinn für Würde verloren hat, die durch die Vorherrschaft eines materialistischen Lebenskonzepts brutalisiert worden ist, das alles zum Objekt und zur Ware reduziert, konnte solch ein Vergehen möglich machen.

Heutzutage ist alles zu einer Ware geworden und zur Kapitalanlage; von der Privatisierung öffentlicher Güter der Menschheit (wie Wasser, Erde und Saatgut) bis zur Prostitution von Kindern und Frauen. Selbst menschliche Organe werden vermarktet. Wenn Marx all dies sehen würde, wäre er sicher empört, denn für ihn lebte der Kapitalismus von der Ausbeutung der Arbeitskraft, nicht aber vom Verkauf menschlichen Lebens. Nichtsdestoweniger schrieb er bereits 1847 in Das Elend der Philosophie: „Kam endlich eine Zeit, wo alles, was die Menschen bisher als unveräußerlich betrachtet hatten, Gegenstand des Austausches, des Schachers, veräußert wurde. Es ist dies die Zeit, wo selbst Dinge, die bis dahin mitgeteilt wurden, aber nie ausgetauscht, gegeben, aber nie verkauft, erworben, aber nie gekauft: Tugend, Liebe, Überzeugung, Wissen, Gewissen etc ., wo mit einem Wort alles Sache des Handels wurde. Es ist die Zeit der allgemeinen Korruption, der universellen Käuflichkeit oder, um die ökonomische Ausdrucksweise zu gebrauchen, die Zeit, in der jeder Gegenstand, ob physisch oder moralisch, als Handelswert auf den Markt gebracht wird, um auf seinen richtigsten Wert abgeschätzt zu werden.

Strauss-Kahn ist eine Metapher für das gegenwärtige neoliberale System. Es saugt den krisengeschüttelten Ländern wie Island, Irland, Griechenlang, Portugal und nun auch Spanien das Blut aus, so wie es zuvor mit Brasilien und den Ländern Lateinamerikas und Asiens geschah. Um die Banken zu retten und Rückzahlung der Schulden zu ermöglichen, richtete es verheerende Schäden für die Gesellschaft dieser Länder an, beraubte Arbeiter ihrer Arbeitsplätze, privatisierte öffentliche Güter, beschnitt Löhne, setzte das Rentenalter herauf, ordnete längere Arbeitszeiten an. Alles um des Kapitals willen. Der Vollstrecker dieser weltpolitischen Taktiken ist, unter anderem, der IWF, dessen Leitfigur Strauss-Kahn war.

Was er Nafissatou Diallo antat, ist eine Metapher für das, was er den Ländern in Finanznöten zufügte. Er verdient eine Haftstrafe, nicht nur für die sexuelle Gewalt gegen das Zimmermädchen, sondern vielmehr für den ökonomische Raubbau, den er mit dem IWF am Volk beging. Wir sind untröstlich.

Leonardo Boff

03.06.2011

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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