Nachhaltigkeit: Adjektiv oder Substantiv?

Leonardo Boff

Theologe

Erd-Charta Kommission


Heutzutage ist es modern, von Nachhaltigkeit zu sprechen. Es erscheint angemessen für ein Unternehmen, zu versichern, dass es auf umweltfreundliche Weise produziert. Hinter diesem Wort stecken diverse Wahrheiten, aber auch viele Lügen. Nachhaltigkeit wird im allgemeinen als Adjektiv gebraucht, nicht als Substantiv.

Ich möchte es folgendermaßen erklären: Als Adjektiv kann es allem hinzugefügt werden, ohne etwas an seiner Eigenschaft zu verändern. Ich kann beispielsweise die chemische Umweltverschmutzung einer Fabrik verringern, indem ich bessere Filter in die Schornsteine einbaue, die die Gase ausstoßen, doch das ändert nichts an der Einstellung des Unternehmens der Natur gegenüber, wenn es Rohstoffe abbaut; die Umweltzerstörung wird fortgesetzt. Das Unternehmen ist nicht an der Umwelt interessiert, sondern an der Notwendigkeit, Profite und Konkurrenzfähigkeit zu garantieren. Folglich ist Nachhaltigkeit hier nur ein Zeichen der Anpassung, nicht der Veränderung; es ist ein Adjektiv, kein Substantiv.

Nachhaltigkeit als Substantiv verlangt eine Veränderung im Verhältnis zur Natur, zum Leben und zur Erde. Diese Veränderung beginnt mit einer anderen Sichtweise der Realität. Die Erde ist ein Lebewesen, und wir sind ihr Bewusstseins- und Intelligenzorgan. Wir sind nicht außerhalb oder oberhalb von ihr, wie jemand, der sie dominiert, sondern innerhalb, wie jemand, der sich kümmert, ihre Güter zwar nutzt, aber ihre Grenzen respektiert. Menschliche Wesen sind ein Teil der Natur. Wenn ich die Luft verschmutze, werde ich krank und trage zum Treibhauseffekt bei, der die globale Erwärmung verursacht. Wenn ich den Urwald durch die Flüsse schütze, schütze ich die Gewässer, vergrößere ich ihr Volumen, verbessere ich meine Lebensqualität und die der Vögel und der Insekten, die die Obstbäume und die Blumen im Garten bestäuben.

Nachhaltigkeit als Substantiv geschieht, wenn wir die Verantwortung für den Schutz der Vitalität und der Unversehrtheit des Ökosystems übernehmen. Durch den maßlosen Raubbau ihrer Güter und Dienste stoßen wir an die Grenzen des Möglichen der Erde. Sie kann nicht einmal mehr 30 % von all dem ersetzen, dessen man sie beraubt und bestiehlt. Die Erde wird ärmer und ärmer in Bezug auf Urwälder, Gewässer, fruchtbare Böden,saubere Luft und Biodiversität. Und was noch schlimmer ist: Die Erde wird ärmer in Bezug auf die Menschen hinsichtlich Solidarität, Mitleid, Respekt, Fürsorge und Liebe für den, der anders ist. Wann wird all dies enden?

Nachhaltigkeit als Substantiv wird an dem Tag erreicht sein, an dem sich unsre Lebensweise auf der Erde, unserer Großen Mutter, wandelt, wenn wir unsre Art zu produzieren, zu teilen, zu konsumieren und mit Müll zu handeln verändern. Unser Lebensstil stirbt, da ihm die Fähigkeit fehlt, die Probleme zu lösen, die er kreiert hat. Noch schlimmer: Er tötet uns und bedroht alle Lebenssysteme.

Was wir erfinden müssen, ist eine neue Seinsweise in der Welt mit den anderen, mit der Natur, mit der Erde und mit der letzten Wirklichkeit. Wir müssen lernen, mit weniger mehr zu sein und unsre Bedürfnisse so zu befriedigen, dass es auf solidarische Weise mit den Millionen von Hungernden geschieht und im Einklang mit der Zukunft unsrer Kinder und Enkel. Entweder wir ändern uns, oder wir werden mit vorhersehbaren ökologischen und menschlichen Tragödien konfrontiert.

Die Zusammenkünfte derjenigen, die die Finanzen und Schicksale der Völker kontrollieren, dienen niemals dazu, die Zukunft menschlichen Lebens und den Schutz der Erde zu diskutieren. Sie treffen sich, um über Geld zu verhandeln, um das finanzielle und spekulative System zu sichern und um Zinssätze und Bankenprofite zu garantieren. Wenn sie über die globale Erwärmung und über den Klimawechsel reden, geschieht dies fast immer unter der Fragestellung: Wie viel würden wir durch diese Phänomene verlieren? Oder aber: Wie viel können wir verdienen, indem wir Emissionsrechte kaufen oder verkaufen (sie zu kaufen ermöglicht anderen Ländern, weiter die Umwelt zu verpesten)? Sie reden über Nachhaltigkeit weder als Adjektiv noch als Substantiv. Es ist reine Rhetorik. Sie vergessen, dass die Erde ohne uns leben kann, wie sie es tausende von Jahren tat. Aber wir können nicht ohne die Erde leben.

Lassen wir uns nicht in die Irre führen: Der Großteil der Unternehmen übernimmt die sozio-ökologische Verantwortung nur in dem Maß, dass es nicht ihre Gewinne schmälert oder ihre Konkurrenzfähigkeit bedroht. Es geht keinesfalls um einen Kurswechsel oder um ein neues Verhältnis zur Natur, kein bisschen um ethische und spirituelle Werte. Wie der uruguayer Ökologe, Eduardo Gudynas sehr treffend sagte: „Die Aufgabe besteht nicht darin, über eine alternative Entwicklung nachzudenken, sondern über Alternativen zur Entwicklung.“

Wir haben einen Punkt erreicht, an dem wir keine Alternative zur Paradigmenrevolution haben; ansonsten werden wir zu Opfern der Logik des wilden Kapitalismus, der unsre Zivilisation in eine phänomenale Sackgasse führen kann.

Leonardo Boff
10.06.2011

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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