Was uns die Richtung weist: Nachhaltigkeit und Achtsamkeit

Leonardo Boff

Theologe

Erd-Charta Kommission

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Ich habe mich viele Jahre lang mit der Zivilisationskrise beschäftigt, die die Menschheit gefährlich zu verschlingen droht. Ich war nicht mit der strukturellen Analyse ihrer Ursachen zufrieden, aber in vielen Schriften habe ich versucht, mögliche positive Lösungen zu entwickeln bezüglich der Werte und Prinzipien, die der Welt künftig wirklich Nachhaltigkeit verleihen. Das war eine große Hilfe bei der Teilnahme an der Entwicklung der Earthcharta (Erd-Charta), die meiner Meinung nach eine der inspirierendsten Dokumente für die aktuelle Krise darstellt. Sie besagt: „Unsre Schicksalsgemeinschaft ruft uns auf, einen Neuanfang anzustreben: einen Neuanfang, der eine Neuorientierung von Kopf und Herz erfordert, einen neuen Sinn für globale Interdependenz und universale Verantwortung.“

Ich erachte zwei Werte für diesen Neuanfang als fundamental: Nachhaltigkeit und Achtsamkeit. Nachhaltigkeit, die ich in im meinem vorigen Artikel diskutiert habe, meint den vernünftigen Umgang mit den knappen Rohstoffen der Erde, ohne das natürliche Kapital zu schädigen, es in einem Zustand zu halten, dass es sich selbst regeneriert, sodass auch künftige Generationen ihre Bedürfnisse stillen können, denn auch sie haben das Recht auf einen bewohnbaren Planeten.

Es handelt sich um eine Aktivität, die eine Ökonomie voraussetzt, welche die Grenzen jedes Ökosystems und die der Erde respektiert; eine Gesellschaft, die Gleichheit, soziale Gerechtigkeit und eine Umwelt, die ausreichend geschützt wird, um menschliche Bedürfnisse zu stillen, anstrebt.

Wie wir sehen, wirkt sich Nachhaltigkeit auf die Gesellschaft aus, auf Politik, Kultur, Kunst, Natur, auf den Planeten und auf das Leben einer jeden Person. Es ist fundamental, um die physikalisch-chemischen und ökologischen Bedingungen zu garantieren, die die Produktion und Reproduktion von Leben und Zivilisation aufrecht erhalten. Immer deutlicher stellen wir fest, dass unser nun weltweit verbreiteter Lebensstil ungenügend nachhaltig ist. Er ist extrem lebensfeindlich und schließt einen Großteil der Menschheit aus. Eine perverse weltweite soziale Ungerechtigkeit mit ihren schrecklichen Folgeerscheinungen, eine Tatsache, die im allgemeinen vergessen wird, wenn das Thema der Erderwärmung angesprochen wird.

Die andere Kategorie, die ebenso wichtig ist wie Nachhaltigkeit, ist Achtsamkeit, worüber ich mehrere Studien geschrieben habe. Achtsamkeit meint eine Beziehung zur Wirklichkeit, die liebend, respektvoll und nicht-aggressiv ist und dadurch nicht-destruktiv. Sie setzt voraus, dass menschliche Wesen ein Teil der Natur sind und Glieder der biotischen und kosmischen Gemeinde, die die Verantwortung haben, diese zu schützen, zu regenerieren und sich um sie zu kümmern. Mehr noch als eine Technik, ist Achtsamkeit eine Kunst, ein neues Paradigma des Verhältnisses zur Natur, zur Erde und zu den menschlichen Wesen.

Während Nachhaltigkeit die eher objektive, ökologische, ökonomische und soziale Seite des Umgangs mit den Gütern der Erde repräsentiert, steht Achtsamkeit mehr für die subjektive Seite: unsre Haltung, die ethischen und spirituellen Werte, die diesen Prozess begleiten, ohne die Nachhaltigkeit selbst nicht aufkommen bzw. nicht mittel- oder langfristig garantiert werden kann.

Nachhaltigkeit und Achtsamkeit müssen gemeinsam umgesetzt werden, um diese Krise davor zu bewahren, sich in eine Tragödie zu verwandeln, und um den Praktiken Effizienz zu verleihen, die bestrebt sind, ein neues Paradigma der Koexistenz von menschlichem Wesen-Leben-Erde zu kreieren. Die aktuelle Krise mit ihren schweren globalen Bedrohungen, die über uns allen lastet, wirft eine philosophische Fragestellung auf, die keinen Aufschub gestattet: Welche Art von Wesen sind wir? Sind wir imstande, die Natur zu zerstören und unser eigenes Überlegen als Art zu gefährden, oder besser, sind wir in der Lage, Verantwortung und Fürsorge für unsre gemeinsame Zukunft zu übernehmen? Was ist letztendlich unser Platz auf der Erde und was ist unsre Mission? Könnte es sein, dass wir für dieses heilige Erbe, das uns von Gott und dem Universum verliehen wurde, diesen lebendigen, sich selbst regulierenden Planeten, aus dessen Schoß wir alle stammen, sorgen und es bewahren müssen?

Und hier greifen wir nochmals zurück auf Achtsamkeit als eine mögliche operative und essentielle Definition für menschliches Dasein. Achtsamkeit beinhaltet einen gewissen Weg des In-der-Welt-Seins-mit-den-anderen und eine bestimmten Praxis, die die Umwelt schützt. Nicht ohne Grund definiert eine philosophische Tradition, die uns aus der Antike zukommt und in Heidegger und Winnicott kulminiert, die Natur des menschlichen Wesens als ein fürsorgliches Wesen. Ohne grundlegende Achtsamkeit gäbe es weder menschliche Wesen noch die Welt, die sie umgibt. Beide gemeinsam, Nachhaltigkeit und Achtsamkeit, weisen uns die Richtung.

Leonardo Boff
17.06.2011

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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Eine Antwort zu Was uns die Richtung weist: Nachhaltigkeit und Achtsamkeit

  1. Stefan Wehmeier schreibt:

    „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei.“

    Jesus von Nazareth

    Der Glaube ist die Hoffnung, ihn eines Tages durch Wissen ersetzen zu können. Entartet er zum Selbstzweck (Fundamentalismus), wird nicht mehr nach der Wahrheit gesucht und die Fundamentalisten wollen sie gar nicht mehr hören:

    „Der Herr sagte: Ihr habt alle Dinge verstanden, die ich euch gesagt habe, und ihr habt sie im Glauben angenommen. Wenn ihr sie erkannt habt, dann sind sie die Eurigen. Wenn nicht, dann sind sie nicht die Eurigen.“

    (nicht in der Bibel zu finden)

    Wie wir alle wissen, sind selbstverständlicher, allgemeiner Wohlstand und der Weltfrieden (noch) nicht die Unsrigen, obwohl die Überwindung von Massenarmut und Krieg in dem ersten Zitat bereits erklärt wird. Die wahre Bedeutung wird offensichtlich, wenn wir es mit dem folgenden Zitat aus dem bedeutendsten makroökonomischen Grundlagenwerk der Moderne, „Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“, vergleichen:

    „Man sagt es harmlos, wie man Selbstverständlichkeiten auszusprechen pflegt, dass der Besitz der Produktionsmittel dem Kapitalisten bei den Lohnverhandlungen den Arbeitern gegenüber unter allen Umständen ein Übergewicht verschaffen muss, dessen Ausdruck eben der Mehrwert oder Kapitalzins ist und immer sein wird. Man kann es sich einfach nicht vorstellen, dass das heute auf Seiten des Besitzes liegende Übergewicht einfach dadurch auf die Besitzlosen (Arbeiter) übergehen kann, dass man den Besitzenden neben jedes Haus, jede Fabrik noch ein Haus, noch eine Fabrik baut.“

    Silvio Gesell

    Die Aussagen von wahren Genies bleiben für gewöhnliche Menschen (Fundamentalisten) unverständlich, und selbst den Gelehrten und ernsthaften Studenten können sie nur mit Mühe sinnhaftig werden.

    Herzlich Willkommen im 21. Jahrhundert:

    „Der Weisheit letzter Schluss“
    http://www.deweles.de/willkommen.html

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