Eine neue Gesellschaft oder ein sozialer und ökologischer Tsunami?

Leonardo Boff
Theologe
Erdcharta Kommission

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In meinem letzten Artikel stellte ich die These auf, die wenige mit mir teilen, dass die aktuelle Krise des Kapitalismus nicht nur eine zyklische, sondern eine systemische und endgültige sei. Mit anderen Worten: Die Bedingungen für das Fortbestehen des Kapitalismus wurden zerstört, weil er die Grenzen der Güter und Dienstleistungen, die er erbringen kann, überschritt, indem er die Natur verwüstete und die sozialen Beziehungen auflöste. Das geschah unter der Kontrolle einer Marktwirtschaft, in der das Finanzkapital dominiert. Die vorherrschende Meinung besagt, dass wir die Krise beheben können, indem wir durch Vornahme kleinerer Korrekturen zum Status quo ante zurückkehren und uns somit Wachstum garantieren, Beschäftigung wiedererlangen und Profite sichern. Folglich würde alles wie gewohnt weiter gehen (business as usual).

Die Kapitalspritzen in Milliardenhöhe der Industrienationen rettete die Banken und verhinderte den Kollaps des Systems, aber es veränderte nicht das Wirtschaftssystem. Schlimmer noch: die staatlichen Interventionen erleichterten den Triumph der spekulativen Wirtschaft über die Realwirtschaft. Die erstere wird als Hauptfaktor erachtet, der die Krise auslöste, denn sie wurde von richtigen Dieben betrieben, die ihre persönliche Bereicherung über das Geschick der Völker stellten, wie man nun in Griechenland sehen kann. Die Logik der maximalen Bereicherung korrumpiert Individuen, zerstört soziale Beziehungen und bestraft die Armen, die man beschuldigt, sie würden Kapitalspritzen behindern. Die Bombe bleibt bestehen, der Zünder intakt. Das Problem ist, dass jeder den Zünder ziehen könnte. Viele Analysten fragen sich ängstlich: Wird die Weltordnung eine weitere Krise wie die, die wir gerade hatten, überleben?

Der französische Soziologe Alain Touraine behauptet in seinem kürzlich erschienenen Buch „Nach der Krise“ („Après la crise“, September 2009 im Seuil Verlag), dass die Krise entweder die Bildung einer neuen Gesellschaft beschleunigt oder sich zu einem Tsunami entwickelt, der alles zerstört, was ihm in den Weg kommt, und unsre blanke Existenz auf dem Planeten Erde in Lebensgefahr bringt (S. 49.115). Dies ist ein weiterer Grund zur Aufrechterhaltung der These, dass wir es mit der Endphase dieses Typs von Kapital zu tun haben. Es ist von äußerster Wichtigkeit, Werte und Prinzipien zu entwickeln, mit deren Hilfe eine neue Art und Weise entwickelt wird, die Erde zu bewohnen, die Produktion zu organisieren und Güter zu verteilen, nicht nur für uns (Anthropozentrismus muss überwunden werden), sondern für die ganze Lebensgemeinschaft. Dies war das Ziel beim Erarbeiten der Erdcharta, die von Michail Gorbatschow angemahnt wurde. Als ehemaliger Präsident der Sowjetunion kennt er sehr gut die tödlichen Instrumente, die bereit stehen, alles bis zum letzten menschlichen Leben zu zerstören, wie er auf mehreren Versammlungen kund tat.

Von der UNESCO im Jahr 2003 anerkannt, beinhaltet die Erdcharta tatsächlich „Prinzipien und Werte für eine nachhaltige Lebensweise als ein gemeinsames Kriterium für Individuen, Organisationen, Unternehmen und Regierungen“. Sie sollte vordringlich studiert werden, und wir sollten uns von ihr inspirieren lassen, vor allem jetzt, da wir uns auf Rio+20 vorbereiten.

Niemand kann vorhersagen, was nach der Krise kommen wird. Es gibt nur Andeutungen. Wir sind noch in der Phase, in der wir die zugrunde liegenden Ursachen diagnostizieren. Leider sind es meistens nur Ökonomen, die die Krise analysieren und nicht Soziologen, Anthropologen, Philosophen oder Kulturwissenschaftler. Dabei wird Folgendes klar: Es gab eine dreifache Trennung, und zwar wurde das Finanzkapital von der Realwirtschaft getrennt; die Wirtschaft selbst wurde von der Gesellschaft getrennt, und die Gesellschaft als Ganzes von der Natur. Und diese Trennung hat einen solchen Wirbelsturm hervorgerufen, dass wir nicht mehr erkennen können, welchem Weg wir folgen sollen.

Die „Empörten“, die die Plätze einiger europäischen Länder und der arabischen Welt füllen werden, halten das System in Schach. Für den Großteil der Menschheit ist es ein schlechtes System. Bis jetzt waren sie stille Opfer, jetzt aber rufen sie laut aus. Sie verlangen nicht nur nach Jobs, sondern sie klagen vor allem fundamentale Menschenrechte ein. Sie wollen Subjekte sein, d. h. Akteure in einer anderen Gesellschaftsart, wo die Wirtschaft der Politik dient und die Politik sich für das gute Leben einsetzt, für den Menschen selbst und für die Natur. Es reicht nicht aus, nur zu wünschen. Was wir brauchen, ist eine globale Anstrengung, eine Gründung von Organen, die einen anderen Weg des Zusammenlebens ermöglichen, und politische Repräsentanten, denen es um das Allgemeinwohl und nicht um die Marktinteressen geht. Wir müssen das soziale Leben wieder aufbauen.

Ich sehe viele Anzeichen für das Entstehen einer öko- und biozentrischen Weltgesellschaft. In ihrem Zentrum wird das Lebenssystem, das Erdsystem und die Menschheit stehen. Darauf muss alles basieren, sonst wird ein potentieller sozio-ökologischer Tsunami kaum zu verhindern sein.

Leonardo Boff
01.07.2011

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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