Der Vertrauensverlust in die gegenwärtige Ordnung

Leonardo Boff
Theologe
Erdcharta Kommission

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Nach Ansicht des Großteils der Menschheit befindet sich die gegenwärtige Ordnung in Unordnung. Sie wurde durch die Macht derjenigen Länder geschaffen und aufrecht erhalten, denen sie zugute kommt und die durch sie profitieren und dadurch an Macht und Profit gewinnen. Diese Unordnung rührt von der Tatsache her, dass die ökonomische Globalisierung keine politische Globalisierung mit sich brachte. Joseph Stiglitz und Paul Krugman, beide Nobelpreisträger für Wirtschaft, kritisieren Präsident Obama dafür, dass er sich den Dieben der Wall Street gebeugt hat anstatt sie zu stoppen. Nachdem sie die Krise verursachten, profitierten sie immer noch von Staatsgeldern und Zuschüssen in Milliardenhöhe – um dann seelenruhig zur Finanzspekulation zurückzukehren.

Diese bedeutenden Wirtschaftswissenschaftler sind sehr gut im Analysieren, aber wenn es darum geht, Lösungsvorschläge zur aktuellen Krise zu unterbreiten, verstummen sie. Vielleicht, wie vermutet wird, weil sie davon überzeugt sind, dass die Lösung für die Ökonomie nicht in den Wirtschaftswissenschaften zu finden ist, sondern darin, dass man die sozialen Beziehungen wieder durch die Marktwirtschaft zerstört, vor allem durch Spekulation. Die Marktwirtschaft hat kein Mitleid und es mangelt ihr an jeglicher Zukunftsperspektive für die Welt, die Gesellschaft und die Politik. Ihr Zweck ist die Maximalanhäufung von Gewinnen, und auf diesem Prozess muss sie Staaten unterwerfen, die Gesetzgebung brechen, das Arbeitsrecht unterminieren und Staatsökonomien gestalten, indem sie von der Krise betroffene Länder dazu zwingt, alles zu privatisieren, was sich verkaufen lässt, und das Volk in Armut und Verzweiflung stürzt.

Für die Spekulanten, ebenso in Brasilien, wird Geld genutzt, um noch mehr Geld zu produzieren anstatt mehr Güter für diejenigen herzustellen, die sie brauchen. Hier in Brasilien muss die Regierung mehr als 100 Milliarden Dollar pro Jahr für frühere Kredite bezahlen, während sie nur ungefähr 60 Milliarden für Sozialprojekte ausgibt. Diese Disparität ist die Ursache für die ethisch perverse Situation, dass eine Gesellschaft gezwungen ist, die Ökonomie als Hauptstrukturachse aufrecht zu halten und alles zu einer Ware zu machen, sogar die allgemeinen lebensnotwendigen Güter wie Wasser, Saat, Luft und Erde.

Viele unterstützen die These unterstützen, dass wir uns in einem dramatischen Moment der Dekomposition der sozialen Bindungen befinden. Alain Touraine spricht sogar von der post-sozialen statt von der post-industriellen Phase.

Diese soziale Dekomposition ist polarisiert bzw. teilt sich auf in radikal entgegen gesetzte Logiken: die Logik des produktiven Kapitals mit ca. 60 Billiarden Dollar jährlich, und die Logik des spekulativen Kapitals mit ca. 600 Billiarden Dollar, und dem Motto „Gier ist gut.“ Die Logik derjenigen, die sich bemühen, den größtmöglichen Gewinn zu machen und derjenigen, die für das Recht des Lebens, der Menschheit und der Erde kämpfen. Die Logik des Individualismus, der das „gemeinsame Haus“ zerstört, indem er die Zahl derer vergrößert, die nicht mehr koexistieren wollen, und die Logik sozialer Solidarität, die beim Schwächsten ansetzt. Die Logik der Eliten, die intra-systemischen Tausch praktizieren und sich die Gewinne aneignen, und die Logik der Beschäftigten, die von Arbeitslosigkeit bedroht sind und die nicht die Kapazität besitzen, zu intervenieren. Die Logik der Beschleunigung von materiellen Wachstums (Brasilien) und die Logik der Grenzen jedes Ökosystems und der Erde selbst.

Es besteht allgemein Zweifel daran, dass irgendetwas Gutes vom herrschenden System für die Menschheit herauskommen kann. Wir kommen vom Regen in die Traufe bezüglich Leben und Natur. Die Zukunft hängt davon ab, wie stark die Völker ihren eigenen Kapazitäten vertrauen und den authentischen Möglichkeiten der Realität. Und dieses Vertrauen schrumpft täglich.

Wir stehen vor einem Dilemma: entweder wir lassen alles weitergehen wie bisher und gehen in einer endgültigen Krise unter, oder wir engagieren uns für ein neues gesellschaftliches soziales Leben, in dem eine andere Art von Zivilisation praktiziert wird. Die neuen sozialen Bindungen werden nicht von der modernen Technologie oder Politik kommen, die mit der Natur und dem synergischen Verhältnis mit der Erde nichts zu tun haben. Sie entstehen aus einem Minimalkonsens unter Menschen, der rund um die Anerkennung für und den Respekt vor dem Recht des Lebens, vor jedem sozialen Wesen, der Menschheit und vor der Erde, der Gaia, unserer gemeinsamen Mutter, aufgebaut werden muss. Technologie, Politik, Institutionen und die Werte der Vergangenheit müssen im Dienst dieses neuen gesellschaftlichen Lebens stehen.

Ich habe über diese Themen seit mindestens 20 Jahren nachgedacht und geschrieben. Doch wer hört zu? Es ist eine verlorene Stimme in der Wüste. Ein trostloser Marx würde sagen: „Ich schrie und rettete meine Seele“ (clamavi et salvavi animam meam).

 

Leonardo Boff
08.07.2011

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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