Das Regiment führen Blinde und Verantwortungslose

Leonardo Boff
Theologe
Erdcharta Kommission

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Wenn wir die vielen Analysen der uns zerstörenden Krisen aufmerksam betrachten, sehen wir, dass es da etwas Entscheidendes gibt, worüber wir ernsthaft nachdenken müssen: Gesellschaften, die Globalisierung, der Produktionsprozess, das Wirtschafts- und Finanzsystem. Der vorherrschende Traum und das ausdrückliche Objekt der Begierde der großen Mehrheit ist zu konsumieren, und zwar grenzenlos zu konsumieren. Eine Kultur des Konsumdenkens wurde geschaffen und wird durch die Medien propagiert. Wir müssen die neusten Modelle von Handys, Sportschuhen und Computern haben. 66 % des nordamerikanischen Bruttosozialprodukts stammt nicht aus der Produktion, sondern aus allgemeinem Konsumverhalten. Die britische Obrigkeit war erstaunt zu erfahren, dass unter denen, die am Aufruhr in vielen Städten teilnahmen, nicht nur die üblichen, miteinander in Konflikt liegenden, Ausländer waren, sondern viele College-Studenten, Arbeitslose, Lehrer und sogar Soldaten. Sie waren empört, denn sie hatten keinen Zugang zum Konsum. Sie stellten nicht das Konsumverhalten infrage, sondern die Mittel, die sie von diesem Paradigma ausschließen.

In Großbritannien nach Margaret Thatcher und in den Vereinigten Staaten nach Ronald Reagan und in der Welt im allgemeinen wächst die große soziale Ungleichheit. In Großbritannien stieg das Einkommen der Reichsten in den letzten Jahren um 273 mal mehr als das der Armen laut Carta Maior* vom 12.08.2011. Daher ist die Enttäuschung der Frustrierten nicht überraschend, die mit einer „sozialen Software“ konfrontiert sind, die ihnen den Zugang zum Konsum verweigert und sie zwingt, Einschnitte im Sozialbudget hinzunehmen, von denen 70 % sie erdrückend hart treffen: 70 % der Jugend-Freizeitanlagen wurden einfach geschlossen.

Alarmierend ist, dass weder Premierminister David Cameron noch die Mitglieder des Unterhauses sich die Zeit nahmen, über die Gründe für die Plünderungen in so vielen Städten nachzudenken. Sie reagierten mit dem denkbar schlechtesten Mittel: verstärkte institutionalisierte Gewalt. Der Konservative Cameron sagte, und betonte jedes Wort: „Wir werden die Verdächtigen inhaftieren und ihre Gesichter in den Massenmedien veröffentlichen, und wir könnten uns noch weniger um die fiktiven Sorgen über die Menschenrechte kümmern.“ Dies ist die Lösung des erbarmungslosen neoliberalen Kapitalismus: Wenn eine unberechtigte und ungerechte Order es verlangt, wird die Demokratie annulliert und Menschenrechte werden ignoriert. Und dies geschieht in dem Land, in dem die erste Erklärung der bürgerlichen Rechte geboren wurde.

Wenn wir genau hinsehen, können wir feststellen, dass wir in einem Teufelskreis gefangen sind, der uns zerstören kann: Wir müssen produzieren, um einen solchen Konsum zu ermöglichen. Ohne Konsum gehen Unternehmen zugrunde. Zum Produzieren werden natürliche Ressourcen gebraucht. Diese Ressourcen werden immer knapper, und wir haben bereits 30 % mehr abgebaut, als die Erde reproduzieren kann. Hören wir auf abzubauen, zu produzieren, zu verkaufen und zu konsumieren, so gibt es kein Wirtschaftswachstum. Ohne jährliches Wachstum fallen Länder in die Rezession und es entsteht eine hohe Arbeitslosigkeitsrate. Durch Arbeitslosigkeit bricht explosives soziales Chaos aus, das alle Arten von Konflikten auslöst. Wie können wir aus dieser Falle, die wir uns selbst gestellt haben, entkommen?

Das Gegenteil von Konsumdenken ist nicht Nicht-Konsum, sondern eine neue „soziale Software“, wie es der politische Experte Luiz Gonzaga de Souza Lima ausdrückte. Das heißt, wir brauchen dringend eine Einigung zwischen frugalem und solidarischem Konsum, der allen zugänglich ist, und die Limits der Erde müssen respektiert werden. Wie geht das? Es gibt mehrere Vorschläge: die „Nachhaltigkeit“ der Erd-Charta, das „Gut Leben“ der Anden-Kulturen, das auf dem Gleichgewicht zwischen Mensch und Erde beruht, die solidarische Wirtschaft, die Bio-Sozio-Ökonomie, der „natürliche Kapitalismus“ (unglücklich gewählter Name), der versucht, die biologischen Zyklen in das sozio-ökonomische Leben zu integrieren, etc.

Doch wenn die Oberhäupter der reichten Staaten zusammentreffen, reden sie nicht über diese Dinge. Sie versuchen, ein System zu retten, das an allen Stellen undicht ist. Sie wissen, das die Natur nicht länger den hohen Preis zahlen kann, den das Konsum-Modell ihr abverlangt. Es bedroht bereits das Fortbestehen des Lebens und der künftigen Generationen. Wir werden von blinden, verantwortungslosen Politikern regiert, die unfähig sind, die Konsequenzen des ökonomisch-politisch-kulturellen System, das sie verteidigen, zu verstehen.

Ein globaler Kurswechsel ist zwingend erforderlich, wenn wir unser Leben und das aller Lebewesen gewährleisten wollen. Die wissenschaftlich-technische Zivilisation hat uns ein übertriebenes Konsumniveau ermöglicht, das die Zivilisation selbst ruinieren kann, indem es Leben zerstört und der Erde Schaden zufügt. Ganz sicher nicht für solch ein Ende haben wir diesen Punkt im Evolutionsprozess erreicht. Wir müssen den Mut haben und einen radikalen Wechsel wagen, wenn wir noch ein bisschen Liebe für uns selbst übrig haben.

Leonardo Boff
19.08.2011

*Diese Charta ist eine multimedial-elektronische Publikation, die während der ersten Ausgabe des Weltsozialforums im Januar 2001 in Porto Alegre geboren wurde. ( Anm. der Übersetzerin)

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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