Respekt ist bitter nötig

Leonardo Boff
Theologe
Erdcharta Kommission
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Die moderne Kultur basiert seit ihrem Beginn im 16. Jh. auf einem erheblichen Mangel an Respekt. Als erstes ist ein Mangel an Respekt vor der Natur zu benennen, die behandelt wird wie ein Folterer sein Opfer behandelt, um es all seiner Geheimnisse zu berauben (Bacon), des Weiteren ein Mangel an Respekt vor den ursprünglichen Völkern Lateinamerikas. In seinem Buch von 1552, Kurz gefasster Bericht von der Verwüstung der westindischen Länder (Brevísima Relación de la Destrucción de las Indias), berichtet Bartolomé de las Casas als Augenzeuge, dass die Spanier „in nur 48 Jahren eine größere Fläche besetzten als die Länge und Breite von ganz Europa und Teilen Asiens. Sie raubten und rissen in Grausamkeit, Ungerechtigkeit und Tyrannei alles an sich, wobei zwanzig Millionen Seelen ermordet und vernichtet wurden in diesem Land, das wir von einem Volk bewohnt sahen, und von welch einem humanen Volk.“ (Décima Réplica) Kurz darauf wurden Millionen versklavter Afrikaner in den amerikanischen Kontinent gebracht und als „Artikel“ auf dem Markt verkauft und wie Kohle in Produktionsprozessen verheizt.

Die Litanei der Momente des Mangels an Respekt in unsrer Kultur würde lang werden und in den Vernichtungscamps der Nazis kulminieren, wo Millionen von Juden, „Zigeunern“ und anderen als minderwertig eingestuften  Menschen ausgelöscht wurden.

Wir wissen, dass eine Gesellschaft nur dann wächst und ein Minimum an menschlichen Beziehungen erreicht, wenn man in ihr Respekt füreinander aufbringt. Respekt, wie Winnicott aufzeigt, wird entsteht im Schoß der Familie, besonders in der Figur des Vaters, der verantwortlich dafür ist, dass sich jemandes „Ich“-Welt zur Welt der „anderen“ wandelt, was das erste zu respektierende Limit darstellt. Eines der Kriterien von Kultur ist das Ausmaß an Respekt und Selbstkontrolle, das ihre Mitglieder sich selbst auferlegen und beachten. Dann entsteht das rechte Maß, ein Synonym für Gerechtigkeit. Werden solche Limits nicht beachtet, ist ein Mangel an Respekt und Machtausübung über andere zu erkennen. Respekt setzt die Anerkennung des anderen als anders voraus und seines ihm eigenen Wertes, sei es eine Person oder ein anderes Wesen.

Unter den vielen aktuellen Krisen ist der allgemeine Mangel an Respekt sicher einer der gravierendsten. Mangel an Respekt dominiert jeden Aspekt des individuellen, familiären, sozialen und internationalen Lebens. Aus diesem Grund warnt uns der französisch-bulgarische Denker, Tzvetan Todorov, in seinem jüngsten Buch „Die Angst vor den Barbaren“ (Hamburger Edition, Hamburg 2010), dass wir nicht die Mittel haben werden, unsren fragilen Planeten und das bereits bedrohte Leben auf der Erde zu bewahren, wenn wir nicht die Angst und  Ressentiments überwinden, nicht die kollektive Verantwortung übernehmen und nicht den Respekt vor dem Universum aufbringen.

Das Thema Respekt führt uns zu dem Nobelpreisträger des Jahres 1952, Albert Schweitzer (1875-1965). Er war gebürtiger Elsässer und einer der hervorragendsten Theologen seiner Zeit. Sein Buch „Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“ ist ein Klassiker, denn es zeigt, dass eine wissenschaftliche Biographie Jesu nicht geschrieben werden kann. Die Evangelien enthalten Geschichte, sie sind aber keine Geschichtsbücher. Sie sind Theologien, die historische Fakten und Erzählungen nutzen, um zu zeigen, welche Bedeutung Jesus für das Heil der Welt hat. Daher wissen wir wenig über den realen Jesus von Nazareth. Schweitzer verstand, dass die Bergpredigt historisch ist und dass es wichtig ist, sie zu leben. Er verließ seinen Lehrstuhl für Theologie, gab keine Bach-Konzerte mehr (er war einer seiner besten Interpreten) und immatrikulierte sich an der Medizinischen Hochschule. Als Absolvent ging er nach Lambarene, Gabun, in Afrika, um ein Krankenhaus zu errichten und Lepra-Kranken zu dienen. Dort verbrachte er, unter großen Einschränkungen, den Rest seines Lebens.

Er bekannte ausdrücklich: „Was wir brauchen ist nicht, Missionare auszusenden, die die Afrikaner bekehren wollen, sondern Personen, die bereit sind, für die Armen das zu tun, was zu tun ist, wenn die Bergpredigt und die Worte Jesu irgendeinen Sinn machen. Wirklich wichtig ist es, ein einfaches menschliches Wesen zu werden, das im Geiste Jesus etwas tut, wie gering auch immer es sein mag.“

Während seiner Tätigkeit als Arzt fand Schweitzer die Zeit zu schreiben. Sein wichtigstes Buch ist „Die Ehrfurcht vor dem Leben“, das er als die Gelenkachse für jegliche Ethik vorschlägt. „Als gut gilt“, wie er sagt, „Leben erhalten, Leben fördern, entwickelbares Leben auf seinen höchsten Wert bringen. Als böse: Leben vernichten, Leben schädigen, entwickelbares Leben niederhalten.“ Und er sagt abschließend: „Wenn Menschen lernen, selbst die kleinste Kreatur zu respektieren, sei es ein Tier oder eine Pflanze, wird niemand mehr benötigen, dass man ihn lehrt seine Mitmenschen zu lieben; die große Tragödie des Lebens ist, wenn jemand stirbt während er noch immer am Leben ist.“

Es ist höchste Zeit, dass wir in diesen dunklen Tagen, die die Menschheit durchmacht, diese Botschaft hören und danach leben.

Leonardo Boff
26.08.2011

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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