Lehren, das Leben und die Erde zu zelebrieren

Leonardo Boff
Theologe
Erdcharta Kommission

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Angesichts der aktuellen Krise, in der wir zurzeit stecken, muss jegliche Erziehung die Fürsorge für alles Existierende und Lebende beinhalten. Ohne Fürsorge können wir nicht die Nachhaltigkeit garantieren, die dem Planeten ermöglicht, seine Vitalität zu erhalten, seine Ökosysteme, sein Gleichgewicht und die Zukunft unserer Zivilisation. Man lehrt uns, kritisch und kreativ zu denken, einen Beruf und einen guten Lebensstandard zu haben, aber wir vergessen, zu Verantwortlichkeit zu erziehen und zur Fürsorge für die gemeinsame Zukunft von Erde und Menschheit. Erziehung, die keine Fürsorge beinhaltet, führt zu Entfremdung und Verantwortungs-losigkeit. Die seriöseren Analysten des ökologischen Zustands der Erde warnen uns, dass wir schlimmere Katastrophen als die von 2011 in Brasilien und Japan erleben werden, wenn wir keine Fürsorge walten lassen. Um ihrer Selbsterhaltung willen könnte die Erde gezwungen sein, durch Verringerung der Artenvielfalt und Elimination von Millionen von Menschen ihre Biosphäre zu reduzieren.

Unter den vielen guten Aspekten des Konzepts Fürsorge möchte ich zwei herausheben, die von besonderem Interesse für das neue Erziehungsmodell sind: Einbeziehung des Globus‘ in unser alltägliches Denken und Bezauberung durch das Mysterium der Existenz. Wenn wir den Planeten Erde vom Weltall aus betrachten, überkommt uns ein Gefühl der Ehrfurcht beim Anblick dieses unseres gemeinsamen Zuhauses. Wir sind unzertrennbar von der Erde, mit ihr bilden wir ein Ganzes. Wir spüren, dass wir sie lieben und auf sie acht geben müssen, sodass sie uns alles geben kann, das wir zum Fortleben brauchen.

Die zweite Eigenschaft der Fürsorge als ethische Haltung und Form von Liebe ist die Verzückung, die wir für die spektakulärste und schönste Erscheinung, die es je gegeben hat, empfinden, nämlich das Wunder der Existenz jeder einzelnen menschlichen Person. Den Systemen, Institutionen, Wissenschaften, technischen Errungen-schaften und Schulen mangelt es an dem, was jedem Menschen eigen ist: dem Bewusstsein, der Fähigkeit zur Liebe, Fürsorge, Kreativität, Solidarität, Mitleid und dem Gefühl, zu einem größeren Ganzen zu gehören, das uns erhält und belebt: die Wirklichkeiten, die unsre Tiefe konstituieren.

Wir sind sicher nicht der Mittelpunkt des Universums. Aber wir sind mit Bewusstsein und Intelligenz begabte Wesen, wodurch das Universum über sich selbst denkt, bewusst ist und sich selbst in seiner wunderbaren Komplexität und Schönheit sieht. Wir sind der Teil des Universums und der Erde, der gekommen ist, um zu fühlen, zu denken, zu lieben und zu verehren. Dies ist unsere Würde, und das muss in jeder Person des neuen Erdzeitalters verinnerlicht werden und sie durchdringen.

Wir sollten stolz auf die Fähigkeit sein, diese Mission für die Erde und das ganze Universum erfüllen zu können. Wir erfüllen sie nur, wenn wir Sorge tragen für uns selbst, für andere und für jedes Wesen, das die Erde bewohnt.

Möglicherweise haben nur wenige diese noblen Gefühle besser zum Ausdruck gebracht als der ausgezeichnete Musiker und Poet Pablo Casals (1876-1973). In einer Rede vor den Vereinten Nationen wendete er sich an die Generalversammlung, wobei er die Kinder als die Zukunft der neuen Menschheit vor Augen hatte. Seine Botschaft ist auch für uns Erwachsene von Bedeutung. Casals sagte:

„Das Kind muss wissen, dass es selbst ein Wunder ist, dass es seit Anbeginn der Welt noch nie ein anderes Kind gegeben hat, das genauso war wie es, und dass es auch in der ganzen Zukunft kein solches Kind geben wird. Jedes Kind ist einzigartig, vom Beginn der Zeiten bis zu ihrem Ende.Auf diese Weise übernimmt das Kind eine Verantwortung, da es bekennt: Es ist wahr, dass ich ein Wunder bin. Ich bin ein Wunder, so wie der Baum ein Wunder ist. Und könnte ein Wunder Böses tun? Nein, denn ich bin ein Wunder. Ich darf sagen Gott oder Natur oder Gott-Natur. Das ist nicht so wichtig. Was zählt ist, dass ich ein Wunder bin, von Gott gemacht und von der Natur. Könnte ich jemanden töten? Nein, das kann ich nicht. Und könnte ein anderer Mensch, der ebenfalls ein Wunder ist, mich töten? Ich glaube, dass das, was ich Kindern sagte, zu einer neuen Denkweise über die Welt und das Leben verhelfen könnte. Die Welt von heute ist schlecht, ja, es ist eine schlechte Welt. Die Welt ist schlecht, weil wir nicht mit den Kindern sprechen, wie ich gerade zu ihnen spreche, wie es nötig ist, mit ihnen zu sprechen. Dann würde die Welt keinen Grund mehr haben, eine schlechte Welt zu sein.“

Hier zeigt sich ein großer Realismus: jede Wirklichkeit, besonders jede menschliche Wirklichkeit, ist einzigartig und wertvoll, doch gleichzeitig leben wir in einer konfliktgeladenen Welt, die widersprüchlich und zuweilen schrecklich ist. Trotz allem müssen wir auf die Kraft der Saat vertrauen. Die Saat ist mit Leben angefüllt. Jedes Kind, das geboren wird, ist eine Saat für eine mögliche bessere Welt. Deshalb lohnt es sich zu hoffen. Ein Patient in einer psychiatrischen Klinik, den ich besuchte, brannte Folgendes auf eine Tafel ein, die er mir später überreichte: „Jedes Kind, das geboren wird, ist ein Zeichen, dass Gott immer noch an die Menschheit glaubt.“ Dem ist nichts mehr hinzuzufügen, denn in diesen Worten liegt der Sinn unserer Hoffnung angesichts des Bösen und der Tragödien dieser Welt.

Leonardo Boff
01.09.2011

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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