Die Erde schützt sich durch Wachstumsentschleunigung

Leonardo Boff
Theologe
Erdcharta Kommission

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Das Konzept einer lebendigen Erde ist weit verbreitet und fand Eingang im neusten Lehrbuch für Ökologie (siehe R. Barbault, Ecologia Geral, Vozes, Petrópolis 2011). Zuerst wurde es von dem russischen Geochemiker W. Vernadsky in den 1920er Jahren aufgeworfen, in den 1970er Jahren durch James Lovelock stark vertieft, und heutzutage ist es für uns durch J. Lutzenberger geläufig, der sie als Gaia bezeichnet. Dieser Name versucht, zu vermitteln, dass die Erde ein gigantischer, sich selbst regulierender Super-Organismus ist, der alle Wesen miteinander verbindet und sie miteinander kooperieren lässt. Nichts ist davon ausgenommen, denn alles ist eine Erscheinungsform von Gaias Leben und beinhaltet menschliche Gesellschaften, ihre Kulturprojekte und ihre Formen der Produktion und des Konsums. Doch durch die Erschaffung von bewussten und freien menschlichen Wesen hat Gaia sich selbst in Gefahr gebracht. Die Menschen sind aufgerufen, in Harmonie mit ihr zu leben, doch sie können auch die Zugehörigkeitsbande durchtrennen. Gaia ist tolerant, doch wenn das Durchtrennen das Ganze beschädigt, erteilt sie uns bittere Lektionen. Diese bekommen wir schon jetzt zu spüren.

Alle Welt jammert über das verminderte Wirtschaftswachstum, vor allem in den entwickelten Ländern. Viele Erklärungen werden gegeben, doch aus einer radikal ökologischen Perspektive ist es eine Reaktion der Erde selbst auf den exzessiven Raubbau durch das Produktions- und Konsum-System der Industrie-Nationen. Die Aggression gegenüber dem System der Erde wurde zu weit getrieben, in dem Ausmaß, wie manche Wissenschaftler bemerken, dass wir eine neue geologische Ära hervorgerufen haben: das Anthropozän, in dem der Mensch als eine destruktive geologische Kraft die sechste Massenausrottung beschleunigt, die seit Jahrtausenden im Gang ist. Gaia verteidigt sich selbst, indem sie die Bedingungen des Mythos‘ aller modernen Gesellschaften unterminiert, einschließlich der brasilianischen: die des Wachstums, des Immer- größer-und-immer-besser und des grenzenlosen Konsums.

Bereits im Jahr 1972 verwies der Club of Rome auf die Grenzen des Wachstums, das die Erde nicht länger verkraften kann. Es braucht anderthalb Jahre, um das wiederherzustellen, was wir von ihr innerhalb eines Jahres abbauen. Daher ist Wachstum lebensfeindlich und verletzt die Belastbarkeit von Mutter Erde. Doch weder verstehen wir, noch wollen wir die Zeichen, die sie uns gibt, erkennen. Wir wollen mehr und mehr Wachstum und daher rücksichtslos konsumieren. Der „World Economic Perspectives“ Report des Internationalen Währungsfonds sagt für 2012 eine weltweite Wachstumsrate in Höhe von 4,3 % voraus. Das heißt, wir werden der Erde noch mehr Reichtum entziehen und sie aus ihrem Gleichgewicht reißen, wie sich an der Erderwärmung zeigt.

Die „Systemische Evaluation des Millenniums“, die zwischen 2001 und 2005 durch die Vereinten Nationen durchgeführt wurde, um den Niedergang der wichtigsten lebenserhaltenden Faktoren zu ermitteln ergab folgende Warnung: entweder wir schlagen einen anderen Weg ein, oder wir gefährden die Zukunft unserer Zivilisation.

Die Wirtschaftsfinanzkrise von 2008, die nun 2011 wiedergekommen ist, widerlegt den Wachstumsmythos. Wir haben es mit einer generellen Blindheit zu tun, von der nicht einmal die 17 Nobelpreisträger für Wirtschaft ausgenommen sind, wie man bei deren letztem Treffen am Bodensee in Süddeutschland sehen konnte. Mit Ausnahme von Joseph Stiglitz kamen aller darin überein, dass die Struktur der gegenwärtigen Wirtschaft nicht für die aktuelle Krise verantwortlich zu machen ist (S. 12, Buenos Aires, 28.08.2011). Daher schlagen sie vor, einfach so weiterzumachen wie bisher, wenn auch mit einigen Korrekturen, ohne zu bemerken, dass sie schlechte Ratgeber geworden sind.

Es ist wichtig, das Dilemma zu entschlüsseln, dass darin besteht, hierfür eine Lösung zu finden: Es gibt Regionen auf der Erde, die Wachstum benötigen, um die Bedürfnisse der Armen zu stillen. Dies muss selbstverständlich in Rücksichtnahme auf die Natur geschehen und darf nicht dazu führen, die Konsumkultur einzuführen. Und andere hoch entwickelte Regionen müssen mit den Armen solidarisch sein, ihr eigenes Wachstum kontrollieren, nur das nehmen, was naturbelassen und erneuerbar ist, wieder instand setzen, was zerstört wurde und mehr von dem zurückgeben, was genommen wurde, sodass künftige Generationen auch in Würde als ein Teil der Lebensgemeinschaft leben können.

Die Wachstumsentschleunigung ist eine weise Reaktion von Seiten der Erde. Sie sendet uns folgende Botschaft: „Vergesst die frevlerische Vorstellung von Wachstum, denn es ist wie ein Krebsgeschwür, das alle Lebensquellen zum Versiegen bringen wird. Strebt nach der Entwicklung der immateriellen Güter im Menschen, die ohne Grenzen wachsen können, wie Liebe, Fürsorge, Solidarität, Mitleid, künstlerische und spirituelle Schaffenskraft.“

Ich denke nicht, dass ich irre, wenn ich glaube, dass es aufmerksame Ohren für diese Botschaft gibt und dass wir alle zusammen diese ersehnte Reise machen werden.

Leonardo Boff
09.09.2011

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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