Wir brauchen Mut

Leonardo Boff
Theologe
Erdcharta Kommission

_________________________________________________

Eine der wichtigsten brasilianischen religiösen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, Kardinal Paulo Evaristo Arns, feierte an diesem 14. September seinen 90. Geburtstag. Er war mein Lehrer in Agudos, Sao Paulo, nachdem ich von der Sorbonne zurückkam und noch kurze Hosen trug, und anschließend in Petropolis. Rio de Janeiro, als ich schon ein Ordensbruder war, Professor für Liturgie und Theologie der Frühen Kirchenväter. Er verlangte, dass wir sie in ihrer Originalsprache, Griechisch und Latein, lesen, was in mir eine tiefe Zuneigung zu den Klassikern des christlichen Denkens weckte. Später wurde er zum Weihbischof von Sao Paulo ernannt. Um ihn zu schützen, denn er trat für die Menschenrechte ein und verurteilte – wobei er sein eigenes Leben riskierte – die Folter der politischen Gefangenen in den Kerkern der Unterdrückungsherrschaft, ernannte Papst Paul VI ihn zum Kardinal.

Prophetisch, aber so freundlich wie ein Hl. Franziskus, bewahrte er stets die Dimension der Hoffnung,selbst während der langen Nacht der Diktatur. Jeder, der ihn sah, auch ich, konnte unweigerlich diese klaren und starken Worte hören: „Nur Mut, immer voran, von Hoffnung zu Hoffnung“

Tapferkeit, oder Mut, ist eine Tugend, die zurzeit dringend nötig ist. Ich suche gern nach der tiefsten Bedeutung menschlicher Werte in der Weisheit der indigenen Völker. Aus diesem Grund fragte ich auf der Erdcharta-Versammlung am 29. Juni 2010 in Den Haag, an der ich neben Mercedes Sosa, die damals noch lebte, aktiv beteiligt war, Pauline Tangiora, eine alte Maori-Frau aus Neuseeland, was für sie die wichtigste Tugend sei. Zu meiner Überraschung sagte sie: „Mut“. Ich fragte sie nochmals: „Warum ausgerechnet Mut?“ Sie antwortete:

„Wir brauchen Mut, um für das Recht aufzustehen, wo Unrecht regiert. Ohne Mut können wir die Spitze keines Berges erreichen; ohne Mut kann man nicht in die Tiefe der eigenen Seele dringen. Um dem Leiden zu begegnen, brauchst du Mut; nur mit Mut kannst du eine Hand reichen und eine gesenkte Hand wieder aufrichten. Wir brauchen Mut, um unsre Söhne und Töchter für diese Welt aufziehen. Um Mut zu finden, müssen wir uns mit dem Schöpfer vereinen. Es ist der Schöpfer, der uns den Mut entlockt, für Gerechtigkeit zu kämpfen.“

Dies ist der Mut, den Kardinal Arns in allen weckte, die sich denen stark entgegen stellten, die im Namen der Sicherheit des Nationalstaats (in Wirklichkeit im Namen der Sicherheit des Kapitals) uns der Demokratie beraubten und die gefangen hielten, folterten und ermordeten.

Ich würde hinzufügen: Wir brauchen heute Mut, um die Trugbilder des neoliberalen Systems zu verurteilen, dessen Thesen gründlich durch die Fakten entlarvt wurden; Mut um erkennen, dass wir nicht auf dem Weg zur Erderwärmung sind, sondern dass wir schon mitten darin sind; Mut, um die Kausalverbindungen zwischen den unleugbaren extremen Ereignissen aufzuzeigen, die die Konsequenzen dieser globalen Erwärmung sind; Mut zu zeigen, dass Gaia ihr verlorenes Gleichgewicht wieder herzustellen sucht, was zur Elimination Tausender von Spezies führen kann und, wenn wir nicht aufpassen, auch zu unserer Elimination; Mut, die Unverantwortlichkeit derer anzuprangern, die Entscheidungen treffen, die immer noch das vergebliche und gefährliche Ziel von Wachstum und noch mehr Wachstum verfolgen, indem sie der Erde Güter und Dienste entziehen, die wiederherzustellen sie nicht in der Lage ist, und sie so Tag für Tag zu schwächen; Mut zu erkennen, dass die Verweigerung, das Paradigma des Verhältnisses zwischen der Erde und der Produktionsmittel zu verändern, uns unweigerlich in eine Sackgasse führen wird und gleichzeitig unsere Zivilisation bedroht; Mut, die Option für die Armen und gegen Armut zu ergreifen zugunsten von Leben und Gerechtigkeit, wie es die Befreiungskirche und Don Paulo Evaristo Arns tun.
Wir brauchen Mut, um zu sagen, dass es mit der westlichen Zivilisation tödlich bergab geht, die unfähig ist, eine Alternative zum Globalisierungsprozess anzubieten; Mut zu erkennen, dass die Strategien des Vatikans, die verlorengegangene Glaubwürdigkeit der Kirche zurückzugewinnen, illusorisch sind, und die Irrtümer der Medienkirchen, die die Botschaft Jesu zu einem billigen Beruhigungsmittel verkürzen, um die Realität der Armen aus ihrem Bewusstsein zu verbannen, in einem schändlichen Prozess der Infantilisierung der Gläubigen; Mut zu erklären, dass eine Menschheit, die gekommen ist, um Gott im Universum zu erkennen, der Träger von Gewissen und Verantwortung, noch die Vitalität von Mutter Erde retten und unsren Versuch von Zivilisation sichern kann; Mut zu behaupten, dass, alles in allem, Leben eine größere Zukunft hat als der Tod und dass ein kleiner Lichtstrahl kraftvoller ist als alle Finsternis einer dunklen Nacht.

Um all dies zu erklären und anzuprangern, wie Kardinal Arns und die indigene Maori-Frau Pauline Tangiori es taten, brauchen wir Mut… viel Mut.

Leonardo Boff
23.09.2011

Advertisements

Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s