Trauer und Verlust erfahren

Leonardo Boff
Theologe
Erdcharta Kommission
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Verlust und Trauer gehören unabdingbar zum Menschsein. Wir alle unterliegen dem unumgänglichen Gesetz der Entropie: Alles nutzt sich allmählich ab; der Körper wird schwächer; die Jahre hinterlassen ihre Spuren, Krankheiten nehmen uns unkontrollierbar unser Lebenskapital. So ist das Gesetz des Lebens, das den Tod beinhaltet.

Doch es gibt auch Trennungen, die den natürlichen Fluss unterbrechen. Es sind dies die Verluste, die durch traumatische Ereignisse hervorgerufen werden, wie Verrat durch einen Freund, Verlust des Arbeitsplatzes, Verlust einer geliebten Person durch Scheidung oder durch plötzlichen Tod. Die Tragödie ist auch ein Teil des Lebens.

Es stellt eine große persönliche Herausforderung dar, diese Verluste zu erleiden und dennoch seine Belastbarkeit zu erhalten, d. h. aus der Krise zu lernen. Besonders schmerzhaft ist die Erfahrung der Trauer, denn sie bringt die ganze Kraft des Negativen zu Tage. Trauer besitzt eine intrinsische Eigenschaft: Sie verlangt, ertragen, durchlebt und positiv überwunden zu werden.

Es gibt viele spezielle Studien über die Trauer. Der Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross zufolge besteht die Erfahrung und Überwindung der Trauer aus mehreren Schritten.

Der erste Schritt ist Leugnung: Wird eine Person mit dem lähmenden Ereignis konfrontiert, ruft sie natürlicherweise aus: „Das kann nicht sein“, „Das ist eine Lüge“. Untröstliche Schreie brechen hervor, die mit Worten nicht auszudrücken sind.

Der zweite Schritt ist die Wut, die ausruft: „Warum ich? Es ist ungerecht, was geschehen ist.“ Dies ist der Moment, in dem die Person die unüberwindbaren Grenzen des Lebens erfährt und sie nicht akzeptieren will. Es ist nicht ungewöhnlich, sich selbst für den Verlust zu beschuldigen oder dafür, etwas nicht getan zu haben oder etwas unerledigt gelassen zu haben, das hätte erledigt werden sollen.

Der dritte Schritt ist durch Depression charakterisiert und stellt ein existenzielles Vakuum dar. Wir verkriechen uns in unser Schneckenhaus und bedauern uns selbst. Wir weigern uns, erneuert aus dieser Erfahrung hervorzugehen. Hier gewinnen alle herzlichen Umarmungen und Tröstungsworte, so konventionell sie auch klingen mögen, eine unerwartete Bedeutung. Es ist die Sehnsucht der Seele nach Sinn und danach zu wissen, dass die Leitsterne sich nur verdunkelt haben, nicht aber verschwunden sind.

Der vierte Schritt ist die Selbstbestärkung durch eine Art Verhandlungen mit dem Verlustschmerz: „Ich kann mich nicht ergeben oder mich völlig zurückziehen; ich muss all diesen Schmerz aushalten, um mich um meine Familie zu kümmern, oder bis ich meinen Abschlussdiplom habe.“ Inmitten der finstersten Nacht erscheint ein Lichtstrahl.

Der fünfte Schritt erscheint als ergebene, ruhige und gelassene Akzeptanz der unabänderlichen Tatsache. Es gelingt uns, die Narbe, die die Wunde hinterlassen hat, in unsre existenzielle Reise einzubeziehen. Letztendlich gelingt es uns, die Narbe, die die Wunde in uns hinterlassen hat, in unsre Lebensreise einzubeziehen. Niemand tritt aus einer Periode des Trauerns aus, wie er hineingegangen war. Er ist gezwungen zu reifen und zu erfahren, dass der Verlust kein Totalverlust ist, sondern dass er immer einen existenziellen Gewinn mit sich bringt.

Trauern ist eine schmerzvolle Reise, und muss daher durchlebt werden. Um die Notwendigkeit des Trauererlebnisses zu erklären, möchte ich ein autobiografisches Beispiel anführen. Im Jahr 1981 verlor ich eine Schwester, zu der ich eine besondere Beziehung hatte. Sie war die jüngste Schwester unter 11 Geschwistern. Eines Morgens gegen 10 Uhr, als Professorin vor ihren Studenten, tat sie einen immensen Schrei und fiel tot um. Im Alter von 33 Jahren war ihre Aorta unerklärlicherweise gerissen.

Die ganze Familie, die aus verschiedenen Teilen des Landes zusammenkam, war durch diesen fatalen Schock völlig verwirrt. Wir weinten unzählige Tränen. Wir verbrachten zwei Tage damit, Fotos zu betrachten und uns betrübt an die Ereignisse im Leben unserer geliebten Schwester zu erinnern. Die anderen Familienmitglieder konnten durch diese Trauer und diesen Verlust hindurch gehen. Ich musste kurz darauf nach Chile aufbrechen, wo ich Vorträge vor allen Ordensbrüdern des Südkegels zu halten hatte. Ich ging mit gebrochenem Herzen. Jeder Vortrag war eine Übung in Selbst-Überwindung. Von Chile aus reiste ich weiter nach Italien, wo ich Reden über die Erneuerung des religiösen Lebens für alle Brüder aus der Kongregation abliefern musste.

Der Verlust meiner geliebten Schwester quälte mich wie eine unerträgliche Absurdität. Ich begann, ohne jeden medizinisch erklärbaren Grund, zwei oder drei Mal pro Tag ohnmächtig zu werden. Man musste mich zu einem Arzt bringen. Ich sprach mit ihm über das Drama, das geschehen war. Er verstand alles und sagte zu mir: „Du hast deine Schwester noch nicht begraben und hast auch nicht durch den notwendigen Trauerprozess durchlaufen. Solange du dich nicht in deine Trauerzeit begibst und sie nicht begräbst, wird es dir nicht besser gehen. Etwas in dir selbst ist mit ihr gestorben, und das muss auferweckt werden.“ Ich sagte alle anderen Programme ab. In Stille und im Gebet ging ich durch die Trauer. Als ich wieder zu Hause war und wir in einem Restaurant uns unserer geliebten Schwester erinnerten, schrieben mein Bruder Clodovis, der Theologe, und ich etwas auf eine Papierserviette, das wir später auf eine Gedenkkarte setzen ließen:

„Es gab dreiunddreißig Jahre, wie die Jahre Jesu / Jahre vieler Arbeit und des Leidens / aber auch sehr ertragreiche / Claudia trug die Last des Leidens anderer / in ihrem eigenen Herzen als eine Befreiung / Sie war so klar wie die Bergquelle / liebenswürdig und zärtlich wie die Blume auf dem Feld / Sie wob, Stück für Stück und in Stille / einen wertvollen Brokat / Sie hinterließ zwei Kleine, stark und hübsch / Und einen auf sie stolzen Ehemann / Du Glückliche, Claudia, denn bei seiner Rückkehr fand dich der Herr / stehend und arbeitend / die Lampe erleuchtet / Und du fielst in seinen Schoß / in die unendliche Umarmung des Friedens.“

Unter ihren Papieren fanden wir diesen Satz: „Es gibt immer einen Sinn für Gott in allen menschlichen Ereignissen: es ist wichtig, ihn zu entdecken.“ Bis heute hören wir nicht auf, nach diesem Sinn zu suchen, den wir nur glaubend erahnen können.

Leonardo Boff
30.09.2011

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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Eine Antwort zu Trauer und Verlust erfahren

  1. Hennes schreibt:

    Vorbildlich, dass hier regelmaessig gepostet wird.

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