Wie mit dem grenzenlosen Begehren umgehen?



Leonardo Boff
Theologe
Erdcharta Kommission

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Begehren ist nicht einfach nur ein weiterer Impuls. Es ist ein Motor, der die ganze Psyche in Bewegung versetzt. Es ist die Funktion eines Prinzips, das der Philosoph Ernst Bloch als das Prinzip Hoffnung definierte. Es hat von Natur aus keine Grenzen, wie Aristoteles und Freud bereits beobachteten. Die Psyche begehrt nicht nur einfach dies oder das, sie begehrt das Ganze. Sie begehrt nicht die Fülle des Menschen, sie sehnt sich nach dem Übermenschen, wie Nietzsche erklärte, der das Menschliche unendlich übertrifft.

Durch Begehren wird unser Leben dramatisch, manchmal auch tragisch. Doch wenn es Erfüllung findet, stellt sich ein unvergleichliches Glücksgefühl ein. Wir sind immer auf der Suche nach dem Objekt, das unser unendliches Begehren erfüllt, und finden es doch nicht im Bereich unsres alltäglichen Lebens. Im Alltag finden wir nur Endliches. Wenn ein Mensch eine endliche Realität als das von ihm ersehnte unendliche Objekt identifiziert, resultiert daraus eine tiefe Desillusionierung. Kann die geliebte Person oder ein ersehnter Beruf der Traum sein? Es kommt ein Moment, und oft schon sehr bald, in dem eine fundamentale Unzufriedenheit empfunden und das Begehren nach mehr verspürt wird.

Wie entkommt man aus dieser vom unendlichen Begehren verursachten Sackgasse? Indem man von einem Objekt zum anderen springt, ohne jemals die Antwort zu finden? Wir müssen beginnen, ernsthaft das wahre Objekt unsres Begehrens zu suchen. Meine Antwort ist folgende: Es ist das Sein und nicht das Seiende, das Ganze und nicht der Teil, das Unendliche und nicht das Endliche. Nach so vielem Unterwegssein bleibt der Mensch mit dem cor inquietum (dem unruhigen Herzen) zurück, der Erfahrung des Hl. Augustinus: Spät erst habe ich Dich geliebt, Schönheit Du, immer alt und immer neu, spät erst habe ich Dich geliebt. Unruhig ist mein Herz, bis es Ruhe findet in dir. Nur das unendliche Sein kann das unendliche Begehren des Menschen erfüllen und ihm Ruhe verleihen.

Begehren bringt machtvolle vulkanische Energie mit sich. Wie kann man mit ihr umgehen? Vor allem geht es darum, den Zustand des Begehrens zu akzeptieren ohne zu moralisieren. Leidenschaften treiben den Menschen in alle Richtungen. Manche Leidenschaften treiben zur Großzügigkeit, andere zum Egozentrismus. Solche Energien einzuordnen ohne sie zu unterdrücken, erfordert Kümmern und mehr als ein bisschen Verzicht.

Die Psyche ist aufgerufen, eine persönliche Synthese zu erstellen, d. h. das Gleichgewicht aller inneren Energien zu finden. Weder soll sie der Besessenheit durch ein bestimmtes Begehren, z. B. der Sexualität, zum Opfer fallen, noch es unterdrücken, so als wäre es möglich, deren Elan zu entkräften. Worauf es ankommt ist, sie als Ausdruck von Zuneigung, Liebe und Ästhetik zu integrieren und sorgfältig auf sie Acht zu geben, denn wir haben es mit einer vitalen Energie zu tun, die sich nicht vollständig durch den Verstand kontrollieren lässt, sondern durch symbolische Mittel der Sublimierung und Umleitung zu anderen humanistischen Zwecken. Jede Person muss lernen zu verzichten im Sinn einer asketischen Handlung, die von Abhängigkeiten befreit und eine innere Freiheit, eines der wertvollsten Geschenke, schafft.

Eine andere Weise, mit dem grenzenlosen Begehren umzugehen, besteht darin, Vorkehrungen zu treffen, die uns helfen, die Fallen der sehr menschlichen Verletzbarkeit zu umgehen. Wir sind weder allmächtig, noch unfehlbare Götter. Wir können uns selbst schwach und manchmal auch feige vorkommen. Doch wir müssen Vorkehrungen gegen Situationen treffen, die uns dazu bringen könnten, zu fallen und die Mitte zu verlieren.

C. G. Jung gibt uns möglicherweise einen inspirierenden Schlüssel an die Hand mit seinem Vorschlag, einen Individuationsprozess entlang des Lebenswegs zu bilden. Dieser Prozess hat eine holistische Dimension: Akzeptiere frei von Angst und in Demut alle Triebimpulse, Bilder, Archetypen, Lichter und Schatten. Höre auf das Brüllen der Bestie, die ihnen innewohnt, aber auch auf den bezaubernden Gesang der Drossel. Wie kann man eine innere Einheit herstellen, die zum Gleichgewicht unsrer Begierden, der Erfahrung der Freiheit und der Lebensfreude führt?

Jung schlägt vor, dass jeder danach streben sollte, ein starkes Zentrum zu schaffen, ein vereinigendes Selbst, das wie die Sonne im Sonnensystem fungiert. Die Sonne zieht alle sie umkreisenden Planeten an. Etwas Ähnliches muss mit der Psyche geschehen: Man muss ein persönliches, alles integrierendes Zentrum nähren, und zwar durch Nachdenken und Verinnerlichen, und nicht zuletzt durch das Nähren des Heiligen und Spirituellen. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Religion als Institution eine fundamentale Funktion im Individuationsprozess übernimmt. Religion hat die Funktion des Vereinigens und Wieder-Vereinigens der Person mit diesem Zentrum, mit allen Dingen, mit dem Universum, mit der Ur-Quelle aller Wesen, indem sie ihnen einen Sinn der Zugehörigkeit verleiht.

Die fehlende Integration der Energie des Begehrens zeigt sich im Auseinanderbrechen sozialer Beziehungen, in mörderischen Gewalttätigkeiten an den Schulen oder in der Ermordung Schwarzer, Armer und Homosexueller.

Folglich bedeutet, mit den Kräften des Begehrens umgehen zu lernen, sich für soziale Gesundheit einzusetzen. Eine humanistische, ethische und staatsbürgerliche Erziehung darf nicht vernachlässigen, den richtigen Umgang mit dem Begehren zu unterrichten. Das größte Hindernis liegt gerade in der Logik des vorherrschenden Systems, in dem alles um das Begehren zu besitzen kreist, und nicht um bürgerliche Werte wie Freundlichkeit, gute Umgangsweisen und Respekt vor anderen. Stattdessen jubeln die Massenmedien individuelles Begehren und Gewalt als Mittel zur Konfliktlösung hoch.

Globalisierung als menschliches Phänomen wird uns zwingen, persönliche Begehren im Interesse der allgemeinen Begehren zu mäßigen und so menschliches Zusammenleben ausgewogener und freundlicher zu gestalten.

Oh, wie wir uns nach besseren Zeiten sehnen!

Leonardo Boff
07.10.2011

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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