Aus dem Fünften Evangelium: Eine Verkündigung von El Cristo del Corcovado (Christus auf dem Corcovado-Berg in Rio de Janeiro) (An Seinem 80. Jahrestag, dem 12. Oktober 2011)

Leonardo Boff
Theologe
Erdcharta Kommission

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In diesen Tagen, zu seinem 80jährigen Bestehen, erbebte El Cristo del Corcovado und erwachte zu neuem Leben. Was aus Zement und Fels bestand, wurde zu Fleisch und Blut. Er öffnete Seine Arme, als wolle er die Welt umarmen, öffnete Seinen Mund und sprach:

„Selig seid ihr Armen und Hungrigen, ihr Kranken und auf so vielen Wegen Gefallenen ohne einen guten Samariter, der euch zu Hilfe eilte. Der Vater, der auch die Mutter der Güte ist, trägt euch in Seinem Herzen und verspricht, dass ihr die ersten Erben des Königreichs der Gerechtigkeit und des Friedens sein werdet.

Wehe euch, ihr Mächtigen, die ihr fünfhundert Jahre lang den Arbeitern das Blut ausgesaugt und sie zu billigem Treibstoff für eure Maschinen degradiert habt, um ungerechten Reichtum zu produzieren. Nicht ich werde derjenige sein, der euch richtet, sondern eure Opfer, in denen Ich selbst mich verbarg und litt.

Selig seid ihr, all die Eingeborenen so vieler ethnischen Nationen, erste Bewohner dieser so glücklichen Länder, die ihr in der Unschuld eines Lebens in Gemeinschaft mit der Natur lebtet. Euch hat man fast ausgelöscht, doch nun seid ihr auferstanden mit euren Religionen und Kulturen und legt Zeugnis der Gegenwart des Schöpfergeistes ab, der euch nie verließ.

Wehe denjenigen, die euch versklavten, euch mit Schwert und Kreuz ermordeten, euch eure Menschlichkeit absprachen, euren Kult verteufelten, eure Länder stahlen und die Weisheit eurer Schamanen lächerlich machten.

Selig seid ihr, und ich wiederhole, selig seid ihr, meine schwarzen Brüder und Schwestern, die ihr unrechtmäßig von Afrika weggebracht wurdet, um als Eigentum auf den Märkten verkauft zu werden, wie Treibstoff in den Zuckerfabriken verbraucht wurdet, immer schikaniert und vor der Zeit gestorben seid.

Wehe denjenigen, die euch entmenschlichten. Die Gerechtigkeit ruft zum Himmel bis zum Tag des Jüngsten Gerichts. Verflucht sei die Sklavenhütte, verflucht die Fußschellen, verflucht die Peitsche, verflucht die Ketten, verflucht das Sklavenschiff. Selig die Fluchtburg von El Palenque, Vorläufer einer Welt von befreiten Menschen und einer Geschwisterlichkeit ohne Unterschiede.

Selig sind die, die auf den Feldern und in der Stadt um Land kämpfen, Land, auf dem man leben und es bearbeiten kann, um von dessen Boden das Lebensnotwendige für sich und alle anderen, für die Hungrigen und die ganze Welt zu erhalten.

Verflucht ist der Großgrundbesitzer, der diejenigen vertreibt, die auf seinem Land arbeiten, als sei es das Ihre, und der diejenigen ermordet, die das Land besetzen, um einen Ort zum Leben und zum Arbeiten zu haben und um das Brot für ihre Söhne und Töchter zu verdienen. In Wahrheit sage ich: Es wird kommen der Tag, an dem man dich enteignen wird. Das bisschen Erde, das dich bedecken wird, wird eine drückende Last auf deinem Grab sein.

Selig seid ihr Frauen des Volkes, die ihr euch gegen die tausendjährige Unterdrückung aufgelehnt habt, die ihr euch Freiräume und Mitspracherecht erkämpft habt und die ihr für eine Gesellschaft der Gleichberechtigung der Geschlechter kämpft. Eine Gesellschaft, in der Männer und Frauen gemeinsam, in ihren Unterschieden, in Wechselseitigkeit und Gleichberechtigung das dauerhafte Bündnis von Miteinander Teilen, Liebe und gemeinsamer Verantwortung gestalten.

Selig seid ihr Millionen von Kindern, denen es an allem mangelt und die man auf die Straße setzt, Opfer einer Gesellschaft der Ausgrenzung, die ihre Sanftmut unschuldigem Leben gegenüber verloren hat. Mein Vater wird, wie eine Mutter, eure Tränen abwischen und euch in Seinem Herzen aufnehmen, denn ihr seid Seine geliebten Söhne und Töchter.

Glücklich sind die Pfarrer, die demütig dem Volk dienen, inmitten des Volks, mit dem Volk und für das Volk. Wehe den Pfarrern, die sich modisch kleiden, voll Eitelkeit im Fernsehen auftreten, sich heiliger Machtsymbole bedienen, Unsren Vater preisen und Unser Brot vergessen. Wie viele gebrauchen den Hirtenstab gegen die Schafe anstatt gegen die Wölfe! Ich erkenne euch nicht und werde kein gutes Zeugnis für euch ablegen, wenn ihr meinem Vater entgegentreten werdet.

Selig sind die kirchlichen Basisgemeinden, die sozialen Bewegungen für die Erde, für ein Dach über dem Kopf, für Bildung, für Gesundheit, für Sicherheit. Glücklich sind die, die für dieselbe Sache eintreten, für die ich lebte, verfolgt und am Kreuz hingerichtet wurde, auch wenn sie es nicht ausdrücklich in Meinem Namen zu tun. Doch ich kam zurück, um das Aufbegehren gegen eine Welt fortzusetzen, die materiellen Gütern mehr Wert beimisst als dem Leben, die private Bereicherung der Teilhabe in Solidarität bevorzugt und die lieber ihre Hunde wohl ernährt als das hungrige Volk.

Selig sind die, die träumen, dass eine neue Welt möglich und notwendig ist, mit Platz für alle, einschließlich der Natur. Glücklich sind die, die Mutter Erde lieben wie ihre eigene Mutter und ihren Rhythmus respektieren, ihr Frieden schenken, sodass sie ihre Nahrung wiederherstellen und weiterhin produzieren kann, was wir zum Leben brauchen.

Selig sind die, die nicht aufgeben, sondern Widerstand leisten und darauf beharren, dass die Welt anders sein kann und sein wird, eine Welt, in der die Poesie und Arbeit Seite an Seite gehen, wo Musik sich zur Maschinerie gesellt, wo alle einander als Brüder und Schwestern erkennen und in dem einzigen Gemeinsamen Haus leben, das wir haben, diesem schönen, hellen, kleinen Planeten Erde.

In Wahrheit, in Wahrheit sage ich euch: Glücklich seid ihr, denn ihr seid Söhne und Töchter der Freude, denn ihr seid in Gottes Hand geborgen. Amen.“

Leonardo Boff
12.10.2011

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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