Die Illusion einer Grünen Ökonomie

Leonardo Boff
Theologe
Erdcharta Kommission

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Alles was wir unternehmen, um unsren lebendigen Planeten Erde gegen die Kräfte, die sie aus dem Gleichgewicht bringen und dadurch die Erderwärmung verursachen, ist nützlich und muss unterstützt werden. In Wirklichkeit verbergen sich hinter dem Ausdruck „Erderwärmung“ Phänomene wie anhaltende Dürre, die die Getreideernte dezimiert, die großen Überschwemmungen und Orkane, Wasserknappheit, Erderosion, Hunger und Verarmung von 15 der 24 in der Evaluation des Ökosystems Erde (UNO) aufgeführten Dienste, die für die Nachhaltigkeit des Planeten erbracht werden müssen (Wasser, Energie, Erde, Saatgut, Fasern etc.). Die zentrale Frage ist nicht einmal die nach der Rettung der Erde. Die Erde passt auf sich selbst auf und nötigenfalls wird sie das auch tun, indem sie sich unserer entledigt. Doch wie retten wir uns selbst und unsre Zivilisation? Das ist die wirkliche Frage, auf die die Mehrheit mit einem Achselzucken antwortet, vor allem diejenigen, die sich mit der Makroökonomie beschäftigen.

Geringerer CO2-Ausstoß, die organischen Produkte, Sonnen- und Windenergie, geringeres Intervenieren in den Rhythmus der Natur, Versuche, benutzte Ressourcen wieder zu ersetzen, Recyceln, alles was unter die Rubrik „grüne Ökonomie“ fällt, wird angestrebt und erweitert. Und diese Produktionsweise sollte vorherrschen. Dennoch dürfen wir uns nicht täuschen lassen und unsren kritischen Verstand nicht verlieren. Über Grüne Ökologie wird diskutiert, um Themen wie Nachhaltigkeit zu vermeiden, denn diese ist das Gegenteil der jetzigen Produktions- und Konsumweise. Doch im Grunde ist es eine Frage von Maßnahmen innerhalb desselben Paradigmas der Beherrschung der Natur. Es gibt kein Grün und Nicht-Grün. Alle Produkte beinhalten in den verschiedenen Phasen ihrer Herstellung Elemente, die giftig und schädlich für die Erde und die Gesellschaft sind. Mithilfe der Lebenszyklus-Analyse können wir heute die komplexen Wechselwirkungen zwischen den unterschiedlichen Phasen eines Produkts zeigen und beobachten: der Förderung, dem Transport, der Produktion, der Benutzung, der Entsorgung und den Umwelteinflüssen. Es ist klar, dass das so genannte „grün“ nicht so grün ist, wie es sich anhört. Das Grün repräsentiert nur eine Phase des gesamten Prozesses. Produktion ist niemals umweltfreundlich.

Nehmen wir zum Beispiel Ethanol, das den Ruf hat, saubere Energie und eine Alternative zu fossilen Brennstoffen und zu schmutziger Energie durch Öl zu sein. Ethanol ist nur am Zapfhahn der Tankstelle sauber. Alle Prozesse seiner Produktion sind stark Umwelt verschmutzend: die Pestizide, die in der Landwirtschaft eingesetzt werden, die Waldbrände, der Transport in großen Lastwagen, die Abgase ausstoßen, die Emissionen der Fabriken, die Abwässer und der Schlamm. Die Pestizide töten Bakterien ab und vertreiben die Regenwürmer, die von fundamentaler Wichtigkeit für die Regeneration des Bodens sind; sie kehren erst nach fünf Jahren zurück.

Um die Herstellung der lebensnotwendigen Güter in einer Weise zu sichern, die die Natur weder stresst noch ihr schadet, ist mehr nötig als die Suche nach Grün. Die Krise ist konzeptuell, nicht ökonomisch. Unser Verhältnis zur Erde muss sich ändern. Wir sind ein Teil von Gaia, und durch einen umsichtigen Umgang mit ihr können wir ihr helfen, bewusster zu werden, und ihr mehr Möglichkeiten eröffnen, ihre Lebendigkeit zu erhalten.

Ich sehe keinen anderen Weg uns zu retten als den, der von der Erdcharta definiert wurde: „Unser gemeinsames Schicksal ruft uns dazu auf, einen neuen Anfang zu wagen. Das erfordert einen Wandel in unserem Bewusstsein und in unseren Herzen. Es geht darum, weltweite gegenseitige Abhängigkeit und universale Verantwortung neu zu begreifen.

Wandel in unserem Bewusstsein bedeutet ein neues Konzept von der Erde als Gaia. Sie gehört nicht uns, sondern zur Gruppe der Ökosysteme, die dem Leben als Ganzes dienen, ihre biophysikalische Basis und das Klima regulieren. Sie schuf die ganze Lebensgemeinschaft, nicht nur uns. Wir sind ihr bewusster und verantwortlicher Teil. Die Schwerstarbeit wird von unsren unsichtbaren Partnern geleistet, ein wahres Proletariat der Natur, die Mikroorganismen, die Bakterien und die Pilze, von denen Milliarden in jedem Esslöffel voll Erde vorkommen. In der Tat sind sie es, die das Leben seit 3,8 Milliarden Jahre aufrecht erhalten. Unser Verhältnis zur Erde sollte unsrem Verhältnis zur unsren Müttern gleichen: voll Respekt und Dankbarkeit. Wir sollten ihr dankbar zurückgeben, was sie uns gibt, und ihr die Vitalität erhalten.

Wandel in unseren Herzen bedeutet, dass wir neben dem instrumentellen Verstand, den wir für die Produktionsorganisation brauchen, den gefühlvollen Verstand und den des Herzens benötigen, der sich in der Liebe zur Erde ausdrückt, im Respekt vor allen Geschöpfen, denn sie sind unsere Begleiter in der Gemeinschaft des Lebens, und im Gefühl der Wechselseitigkeit, der gegenseitigen Abhängigkeit und der Achtsamkeit, denn dies ist unsre Mission.

Ohne diese Umkehr werden wir die Kurzsichtigkeit einer Grünen Ökonomie nicht überwinden. Nur ein neues Bewusstsein und ein neues Herz können eine andere Zukunft hervorbringen.

Leonardo Boff
21.10.2011

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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Eine Antwort zu Die Illusion einer Grünen Ökonomie

  1. Finn schreibt:

    Lesenswerter Post! Ich werde da noch mal genauer recherchieren!

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