Wie mit unseren inneren Engeln und Dämonen umgehen

Leonardo Boff
Theologe
Erdcharta Kommission

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Das menschliche Wesen ist eine komplexe Einheit: Es ist gleichzeitig menschlicher Körper, menschliche Psyche und menschlicher Geist. Wir wollen für einen Augenblick bei der menschlichen Psyche verweilen, d. h. seiner inneren Welt aus Emotionen und Leidenschaften, Licht und Schatten, Träumen und Utopien. So wie es ein äußerliches Universum aus Ordnung-Unordnung-Neuordnung, aus schrecklichen Verwüstungen und aus erfolgversprechenden Erscheinungen gibt, so gibt es auch eine innere Welt, die von Engeln und Dämonen belebt wird. Sie zeigen Veranlagungen auf, die uns in den Wahnsinn und in den Tod treiben können, und lassen die Tatkraft der Großzügigkeit und Liebe erkennen, die uns Selbstverwirklichung und Glück bringen kann.

C. G. Jung, der mit den verschlungenen Wegen der menschlichen Psyche gut vertraut war, beobachtete: Die Reise zu unserem eigenen Innern kann, aufgrund dieser Widersprüche, länger und gefährlicher sein als eine Reise zum Mond und zu den Sternen.

Unter den Philosophen, die über die Natur des Menschen nachdenken, ist eine Frage noch nie zufriedenstellend beantwortet worden: Was ist die grundlegende Struktur unseres Innern, unseres psychischen Seins? Darüber gibt es so viele philosophische Schulen.

Zusammenfassend unterstützen wir die These, dass die Vernunft nicht die erste Wirklichkeit darstellt. Davor gibt es schon ein ganzes Universum von Leidenschaften und Gefühlen, die den Menschen umtreiben. Über der Vernunft steht die Intelligenz, durch die wir das Ganze erahnen, unsere Offenheit für das Unendliche und die Ekstase der Kontemplation über das Sein. Begründungen beginnen mit der Vernunft. Die Vernunft selbst ist grundlos. Vernunft ist einfach da und lässt sich nicht entziffern.

Doch die Vernunft führt uns zu den primitiveren Dimensionen unsres menschlichen Daseins, die die Vernunft nähren und durch all ihre Ausdrucksformen fließen. Die reine Vernunft im Sinne Kants ist eine Illusion. Die Vernunft ist immer erfüllt von Gefühlen und Leidenschaften, eine Tatsache, die die moderne Erkenntnistheorie anerkennt. Heutige Kosmologie beinhaltet in ihrem Konzept des Universums nicht nur Energien, Galaxien und Sterne, sondern auch die Gegenwart des Geistes und der Subjektivität.

Wissen bedeutet immer, in interessierte und emotionale Verbindung mit dem Objekt des Wissens zu treten. In Übereinstimmung mit vielen anderen Geisteswissenschaftlern habe ich immer daran festgehalten, dass die Grundform des menschlichen Seins nicht auf dem kartesischen cogito (auf dem Ich denke, also bin ich) beruht, sondern auf dem platonisch-augustinischem Sinn (auf dem Ich fühle, also bin ich), dem tiefgreifenden Fühlen. Dies bringt uns in lebendigen Kontakt zu den Dingen und macht uns bewusst, dass wir Teil eines größeren Ganzen sind, das uns stets betrifft und stets von uns betroffen ist. Mehr als Ideen und Visionen einer Welt sind es die Leidenschaften, die großen Gefühle, die wegweisenden Erfahrungen, Liebe und ebenfalls all ihre Gegenteile, die Zurückweisungen und tief empfundener Hass, die uns voran bringen und voran treiben.

Die feinfühlige Vernunft hat ihre Wurzeln in dem Moment, wo das Leben vor ca. 3,8 Milliarden Jahren entstand, als die erste Bakterie aufbrach und in einen chemischen Dialog mit der Umwelt trat, um überleben zu können. Dieser Prozess wurde vertieft, als vor über 125 Millionen Jahren das organisierte Gehirn der Säugetiere entstand, ein Gehirn, das Fürsorge, Zärtlichkeit, Zuneigung und Liebe für das Neugeborene in sich trug. Die emotionale Vernunft erreichte einen Level von Selbstbewusstsein und Intelligenz im menschlichen Wesen, denn auch wir sind Säugetiere.

Westliche Denkweise ist logozentrisch und anthropozentrisch und Emotionen sind ihr suspekt. Sie befürchtet, diese könnten die Objektivität der Vernunft beeinträchtigen. In manchen Kulturzweigen wurde eine Art von Lobotomie geschaffen, d. h. eine große Gefühllosigkeit gegenüber menschlichem Leid und dem Leid, das die Natur und der Planet Erde ertragen mussten.

Es wird uns jetzt die Dringlichkeit bewusst, endgültig die Vernunft der Gefühle und des Herzens mit der Vernunft des Intellekts zusammenzubringen, die unersetzlich ist. Wenn es uns nicht gelingt, zu unseren Gefühlen zurückzufinden, in Zuneigung und Liebe für die Erde als unsere Mutter und für uns als ihr Organ des Bewusstseins und der Intelligenz, wird es uns schwer fallen, uns aufzumachen, um Leben zu retten, Wunden zu heilen und Katastrophen zu verhindern.

Eine der unbestreitbaren Errungenschaften der psychoanalytischen Tradition, die mit Sigmund Freud, ihrem Begründer, ihren Anfang nahm, ist die wissenschaftliche Festschreibung der Leidenschaft als Basis am Grundlevel menschlicher Existenz. Der Psychoanalytiker geht bei seiner Arbeit nicht von dem aus, was der Patient denkt, sondern von dessen emotionalen Reaktionen, von dessen Engeln und Dämonen, indem er danach strebt, ein gewisses Gleichgewicht und eine anhaltende innere Gelassenheit herzustellen.

Es stellt sich die Frage, wie man auf kreative Weise unsere vulkanischen Leidenschaften kontrollieren kann. Freud konzentriert sich auf die Integration der Libido, Jung auf die Suche nach der Individuation, Adler auf die Kontrolle der Willenskraft, Carl Rogers auf die Persönlichkeitsentwicklung, Abraham Maslow auf das Bemühen der Selbstverwirklichung verborgener Potenziale. Andere Namen ließen sich noch nennen wie Lacan, Reich, Pawlow, Skinner, die transpersonale Psychologie und kognitiver Behaviourismus etc.

Was wir festhalten können ist, dass, unabhängig von den verschiedenen psychoanalytischen und philosophischen Schulen, die menschliche Psyche sich selbst gezwungen sieht, ihr inneres, stets sich in Bewegung befindliches Universum mit den dia-bolischen und sym-bolischen Tendenzen, den destruktiven und konstruktiven, zu verbinden. Im Prozess von Erfolgen und Misserfolgen entdecken wir unseren Weg.

Niemand kann unseren Platz einnehmen. Wir sind dazu verurteilt, unsere eigenen Lehrer und Schüler zu sein.

Leonardo Boff
28.10.2011

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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