Ein Lob der Kneipe

Leonardo Boff
Theologe
Erdcharta Kommission

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Meinem Freund Jaguar, dem Karikaturisten, gewidmet, der eine Vorliebe für Kneipen hat

Da ich eine Art „Zigeunerleben eines Intellektuellen“ führe und an ständig wechselnden Orten und Umgebungen über eine Vielzahl von Themen Reden halte, von Spiritualität über sozio-ökologische Verantwortung bis hin zum möglichen Aussterben unserer Spezies, kommt es oft vor, dass mich die Veranstalter aus Rücksichtnahme in ein gutes Restaurant in der Stadt einladen. Selbstverständlich halte ich die gute franziskanische Tradition aufrecht und würdige die Speisen mit lobenden Kommentaren. Doch es bleibt immer ein bitterer Geschmack zurück, der mich daran hindert, das Essen als eine Feier zu empfinden, denn ich muss daran denken, dass sich die meisten meiner Freunde nicht an solchen Mahlzeiten erfreuen können, insbesondere nicht die Millionen und Abermillionen Hungernder in der Welt. Es kommt mir vor, als nähme ich ihnen das Essen aus dem Mund. Wie kann man die Großzügigkeit von Freunden und von Mutter Erde feiern, wenn, wie Gandhi sagt, „Hunger eine Beleidigung und die mörderischste Art von Gewalt ist, die es gibt“?

In diesem Zusammenhang spendet mir die Kneipe Trost. Ich gehe gern in Kneipen, denn dort kann ich essen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Kneipen gibt es auf der ganzen Welt, auch in den armen Gemeinden, in denen ich viele Jahre gearbeitet habe. Dort herrscht wahre Demokratie: die Kneipe (wohin Leute mit geringer Kaufkraft gehen) heißt jeden willkommen. Ein Hochschullehrer kann dort sein Bier neben einem Bauarbeiter trinken, ein Schauspieler mit einem Gauner an einem Tisch sitzen, und selbst der Trunkenbold nimmt hier ein Schlückchen zu sich. Man braucht nur zu kommen, sich zu setzen und laut zu rufen: „Bring mir ein kühles Bier.“

In Brasilien ist die Kneipe, die tasca, mehr, als das Auge wahrnimmt, mit ihren bunten Fliesen, dem Schutzheiligen (oft der Hl. Antonius mit dem Jesuskind auf dem Arm) an der Wand, mit dem Symbol der Lieblingsfußballmannschaft und bunten Werbeplakaten für Getränke. Die Kneipe ist eine Lebensphilosophie, ein Ort, an dem Freunde und Nachbarn sich treffen, wo Gespräche bis spät in die Nacht dauern, ein Ort, wo man über das letzte Fußballspiel diskutiert, die Lieblingsfernsehserie kommentiert, Politiker kritisiert und wohl verdiente Beleidigungen gegen die Korrupten unter ihnen loslässt. Bei solchem Gemeinschaftsgeist ist schon bald jeder mit jedem befreundet. Hier ist niemand arm oder reich. Da sind einfach Leute, die wie Menschen in Umgangssprache miteinander reden. Da ist so viel an Humor, Witzen und Prahlerei. Oftmals, so im Bundesstaat Minas, wird spontan gesungen und jemand begleitet auf der Gitarre.

Der allgemeine Zustand der Bar oder der Tische kümmert keinen. Wichtig ist, dass das Glas sehr sauber und fettfrei ist, ansonsten schadet es dem zarten Bierschaum, der drei Finger tief sein muss. Niemand regt sich über den Zustand des Bodens oder der Toiletten auf.

Die Namen sind unterschiedlich, je nach der Region des Landes. Es gibt die Kneipe der Alten Dame, Saschas Kneipe, Don Gomes‘ Tasca, Die Kneipe der Giba, Die Tasca der Joia, Der blaue Truthahn, Die Bruderschaft der parfümierten Ziege, Das volle Haus und viele andere. Belo Horizonte ist die brasilianische Stadt mit den meisten Kneipen, und jedes Jahr gibt es einen Wettbewerb für die Kneipe mit dem besten Essen. Die Speisen sind auch sehr unterschiedlich und werden im allgemeinen nach Rezepten des Hauses oder der Region zubereitet:

In der Sonne getrocknetes Fleisch aus dem Nordosten, Schwein und el tutú (Bohnenpaste mit Tapiokamehl und frittierten Bananen) aus Minas. Die Namen sind witzig: mexidoido chapado (gemischtes Grillfleisch), porconóbis de sabugosa (vom Schwein und mit Blättern einer Pflanze namens ora pro nobis), Adams Rippe (Schweinerippchen mit Tapioka), torrezno de barriga etc. Auf Belo Horizontes Hauptmarkt gibt es eine Speise, die einen Wettbewerb gewann und die ich sehr mag: Leberfilet geschmort mit Zwiebeln und jilo (jilo: eine sehr bekannte saure Frucht). Wenn es nach mir ginge, stünde dieses Mahl auf der Speisekarte jenes Gastmahls, das der himmlische Vater den Seligen im Himmelreich anbieten wird.

Wenn man es recht bedenkt, erfüllen die Kneipen, oder tascas, eine gesellschaftliche Funktion: all ihren Kunden, vor allem den Stammkunden, geben sie das Gefühl der Zugehörigkeit zur Stadt oder zur Nachbarschaft. Da es keinen anderen Ort für Unterhaltung und Freizeit gibt, ermöglicht die Kneipe den Leuten, sich zu treffen, ihren sozialen Status zu vergessen und in einer Gleichheit zu leben, die ihnen in ihrem Alltag in der Regel verwehrt ist.

Für mich ist die tasca eine Metapher für die Gemeinschaft, von der Jesus träumte, ein Ort, wo jeder in Geschwisterlichkeit zu Tisch sitzen kann und aus dem gemeinsamen Mahl eine Kommunion entsteht. Und in meinem Fall ist die tasca ein Ort, an dem ich essen kann, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.

Leonardo Boff
08.11.2011

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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3 Antworten zu Ein Lob der Kneipe

  1. Egon Dammann schreibt:

    O JA!! Mahl halten gelingt nur mit Freunden. Auch Jesus war ein Freund von Mahlgemeinschaften. Anstatt das die Kirchen einladen,lassen sie in der LIturgie beim Abendmahl beten „Ich bin nicht würdig…“ Wieviel Menschen leiden darunter. Im tiefstem Empfinden fühlen sie das Wort des Hauptmanns nicht garantiert „nur wenn DU ein Wort sprichst …“. Zu einer Einladung gehört nur ein Danke sagen. Ich habe alle Bischöfe in Deutschland angeschrieben und erfahre keine Zustimmung. Wie soll ich neue Freunde für Christus finden, wenn ich ihnen sagen muß, ihr könnt nur kommen,wennihr vorbehaltlich eure eigentliche Ünwürde erklärt ????
    Der Past lenkt uns in eine Glaubwürdigkeitskrise.
    Danke Leonardo für Deinen Einsatz.

  2. Pingback: Klaus Hart Brasilientexte » Brasiliens Zeitungen, brasilianischer Fotojournalismus – eine Fundgrube für Medieninteressierte, Kommunikations-und Kulturenforscher, sensible Brasilienreisende, politisierte Alternativtouristen, DAAD-Austauschstud

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