Brasilien: Überlegungen und Visionen

Leonardo Boff
Theologe
Erdcharta Kommission

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1. Das brasilianische Volk ist gewohnt, sich der ganzen Härte des Lebens zu stellen und nur durch Kampf etwas zu erreichen, d. h. Schwierigkeiten zu überwinden und hart zu arbeiten. Warum kann es sich dann nicht auch der letzten Herausforderung stellen und die notwendigen Veränderungen durchführen, um gleichberechtigtere Beziehungen herzustellen und der Korruption ein Ende zu bereiten?

2. Das brasilianische Volk liegt noch in den Geburtswehen. Was wir erbten, war das „Unternehmen Brasilien“ mit einer Elite aus Sklavenhaltern und massenweise Enteigneter. Doch aus diesen Massen gingen gewissenhafte und organisierte Anführer und soziale Bewegungen hervor. Was ist ihr Traum? Brasilien neu zu erfinden. Dieser Prozess ging von ganz unten aus, und er ist unaufhaltsam.

3. Trotz Armut und Ausgrenzung waren die Armen klug genug, um Überlebensstrategien zu entwickeln. Um die Probleme der Gegenwart zu überwinden, müssen der Staat und die Politiker anerkennen und auf das hören, was das Volk bereits weiß und was es erfunden hat. Erst dann wird die Entzweiung der Eliten und des Volks überwunden werden, und wir werden eine komplexe, aber geeinte Nation bilden.

4. Die Brasilianer sind zur Hoffnung verpflichtet. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Darum vertrauen die Brasilianer darauf, dass Gott auf krummen Linien gerade schreiben kann. Das Geheimnis für den Optimismus der Brasilianer ist die Hoffnung. Sie hilft ihnen, tragische Ereignisse zu relativieren, zum Karneval zu tanzen, sich für den eigenen Fußballverein zu begeistern und an der Utopie festzuhalten: Das Leben ist schön, und das Morgen wird besser.

5. Angst gehört zum Leben, denn „Leben ist lebensgefährlich“ und bringt immer Risiken mit sich. Diese zwingen uns zu Veränderungen und lassen die Hoffnung erstarken. Was das Volk, nicht die Eliten, mehr ersehnt, ist Veränderung, sodass Freude und Liebe leichter zu erfahren sind.

6. Mut ist das Gegenteil von Angst. Er ist die Zuversicht, dass die Dinge anders sein können und dass wir, wenn wir uns organisieren, vorankommen können. Brasilien hat bewiesen, dass es nicht nur gut im Karneval und Fußball ist, Brasilien ist auch gut in Landwirtschaft, Architektur, Musik und in seiner unerschöpflichen Lebensfreude.

7. Die Brasilianer sind der Religion und der Mystik verbunden. Vielmehr als über Gott nachzudenken, spüren sie Gott in ihrem täglichen Leben, was sich an Ausdrücken ablesen lässt wie: „Gott sei Dank“, „Möge Gott es dir vergelten“, „Sei mit Gott“. Für die Brasilianer ist Gott nicht das Problem, sondern die Lösung der Probleme. Die Brasilianer fühlen sich durch die Heiligen geschützt, durch die guten Geister und durch Orishas, was ihrem Leben inmitten des Leidens eine wichtige Stütze verleiht.

8. Zu den Charakteristiken der brasilianischen Kultur zählen Freude und Sinn für Humor, was die sozialen Widersprüchlichkeiten leichter ertragen lässt. Diese Freude entspringt der Überzeugung, dass das Leben mehr wert ist als alles andere. Aus diesem Grund wird das Leben mit Festen gefeiert und werden Misserfolge mit Humor ertragen. Daraus resultieren die Leichtigkeit und der Enthusiasmus, was man so an uns bewundert.

9. Was in Brasilien noch zu vereinen bleibt, sind das akademische Wissen und das Volkswissen. Volkswissen entspringt aus der Erfahrung langen Leidens, aus tausend Wegen, mit wenigen Mitteln zu überleben. Akademisches Wissen entstammt dem Studium, dem Trinken an vielen Quellen. Werden diese beiden Formen des Wissens vereint, so werden wir unbesiegbar sein.

10. Mitgefühl gehört zum Wesenskern allen Lebens. Ohne Mitgefühl wird das Leben krank und stirbt. Durch Mitgefühl ist das Leben beschützt und wird resistent. Die jetzige Herausforderung besteht darin, Politik als Mitgefühl für Brasilien zu verstehen, für sein Volk, seine Umwelt, Bildung, Gesundheit, Gerechtigkeit. Dieses Mitgefühl ist der Beweis, dass wir unser Land lieben.

11. Eines der Kennzeichen des brasilianischen Volkes ist seine Fähigkeit, sich mit der ganzen Welt zu verbinden, sich zu ergänzen, zusammenzubringen, zu verschmelzen und zusammenzufassen. Deshalb sind Brasilianer weder intolerant noch dogmatisch. Sie mögen Ausländer und heißen sie willkommen. Dies sind fundamentale Werte für eine Globalisierung mit menschlichem Antlitz. Wir zeigen, dass dies möglich ist, und wir setzen es um.

12. Brasilien ist die weltweit größte romanische Nation. Wir erfüllen auch die Voraussetzungen, um ebenfalls die größte Zivilisation der Tropen darzustellen, und zwar eine nicht-imperialistische sondern eine mit allen Nationen solidarische Zivilisation, denn Brasilien vereinigt in sich selbst Repräsentanten von 60 Völkern, die einst hierher gekommen sind. Unsere Herausforderung besteht nun darin zu zeigen, dass Brasilien tatsächlich ein Teil des Paradieses sein kann, das nicht verloren gegangen ist.

Leonardo Boff
14.11.2011

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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