Weihnachten von einst: alt und immer neu

Leonardo Boff
Theologe
Erdcharta Kommission

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Ich habe meine Kindheit in den 1940er Jahren verbracht, als noch kein Weihnachtsmann mit dem Schlitten kam. In unserer italienisch-deutsch-polnischen Siedlung, die aus Siedlern der Concordia-Region (Santa Catarina) bestand und die als der Standort Sadia y de la Seara für ihre exzellenten Fleischprodukte bekannt ist, kannte man nur das Christkind. Das waren Zeiten einfachen, tiefen Glaubens, der alle Lebensbereiche durchzog. Für uns Kinder war Weihnachten der Höhepunkt des Jahres, auf den wir uns eifrig vorbereiteten und den wir sehnsüchtig erwarteten. Schließlich würde das Christkind mit seinem kleinen Esel, (musseta auf Venezianisch) kommen und uns Geschenke bringen.

In dieser Gegend gab es Kiefernwälder, soweit das Auge reichte, und es war ein Leichtes, eine schöne Kiefer zu finden. Wir schmückten ihn mit einfachen Mitteln, die auch in bei uns hergestellt wurden. Wir benutzten buntes Papier und Zellophan und Bilder, dir wir selbst in der Schule gemalt hatten. Mutter backte Lebkuchen in verschiedenen Formen, die Menschen und kleine Tiere darstellten und die wir an die Äste der Kiefer hängten. Auf der Baumspitze setzten wir immer einen großen, in gelbes Papier gewickelten Stern. Darunter, rund um den Baum, stellten wir die Weihnachtsszene aus Papierfiguren nach, die wir aus einer Zeitschrift ausgeschnitten hatten, die mein Vater, der Lehrer war, abonniert hatte. Da gab es den guten Josef, Maria, etwas im Hintergrund die Weisen aus dem Morgenland, die Hirten, das kleine Schaf, den Ochsen und den Esel, ein paar Hunde und die singenden Engel, die wir an die niedrigsten Äste der Kiefer hängten. Und in der Mitte natürlich Jesuskind. Als wir ihn so halbnackt sahen, stellten wir uns vor, wie er vor Kälte bibberte, und wir waren von Mitleid erfüllt.

Wir lebten in der herrlichen Epoche der Mythen. Mythen drücken Wahrheiten besser aus als einfache und rein historische Beschreibungen. Wie kann man von Gott sprechen, der Mensch wird, vom Mysterium des menschlichen Wesens, von Rettung, von Gut und Böse, wenn nicht durch Erzählen von Geschichten und Mythen, die die tiefe Bedeutung des Ereignisses enthüllen? Die Geschichten über die Geburt Jesu, die sich in den Evangelien finden, beinhalten historische Elemente, doch um ihre religiöse Bedeutung zu unterstreichen, sind sie in mythischer und symbolischer Sprache erzählt. Für uns Kinder war alles davon wahr, und wir nahmen es mit Begeisterung auf.

Bevor es so etwas wie ein 13. Monatsgehalt gab, bekamen die Lehrer einen Extra-Weihnachtsbonus. Mein Vater kaufte davon Geschenke für seine elf Kinder. Dies waren Geschenke, die von weit her kamen und die alle lehrreich waren: eine Packung Karten mit den Namen bedeutender Musiker, berühmter Maler, deren Namen für uns schwer auszusprechen waren. Wir lachten über ihre Bärte, ihre Nasen und über alle möglichen Details. Dieses Geschenk machte besonders viel Freude: eine Schachtel mit Material, aus dem man ein Haus oder eine Burg bauen konnte. Wir älteren Kinder, die anfingen, uns für Modernes zu interessieren, bekamen einen Jeep oder ein Auto, das man mit einer Schnur bewegen konnte, oder ein Rad, das Funken sprühte, wenn man es bewegte, und ähnliche Dinge.

Damit es nicht zu Streitereien kam, wurde jedes Geschenk mit dem Namen eines Sohnes oder einer Tochter versehen. Und danach begannen die Verhandlungen und Tauschaktionen. Der unbestreitbare Beweis dafür, dass das Christkind zu unserem Haus gekommen war, war das Verschwinden des Bündels frischen Grases. Wir rannten hinaus, um uns zu vergewissern. Und tatsächlich: der Musseta hatte alles gegessen.

Heute leben wir in einer Zeit der Vernunft, in der die Mythen ausgeräumt werden. Doch das betrifft nur die Erwachsenen. Kinder, die anstelle des Christkindes den Weihnachtsmann haben, leben in der verzauberten Welt der Träume. Der gute, alte Mann bringt Geschenke und gute Ratschläge. Da ich einen weißen Bart habe, nennen mich alle Jungen und Mädchen „Weihnachtsmann“. Dann sage ich ihnen, dass ich nicht der Weihnachtsmann bin, sondern sein Bruder, der gekommen ist, um zu sehen, ob die Kinder brav sind, und dann alles dem Weihnachtsmann zu erzählen, sodass er ihnen schöne Geschenke bringt. Dennoch zweifeln viele, kommen näher, berühren meinen Bart und sagen: „Nein, du bist der wahre Weihnachtsmann!“ Ich bin ein Mensch wie alle anderen, doch der Mythos macht aus mir einen wahren Weihnachtsmann. Wenn wir Erwachsenen, die Kinder des kritischen Denkens und der Entmythologisierung, schon nicht länger verzaubert sein können, so lasst uns doch unsere Söhne und Töchter verzaubert sein und sich am Reich der Fantasie erfreuen. Ihr Leben wird mit Sinn und Freude erfüllt sein. Was wollen wir noch mehr von Weihnachten als dieses wertvolle Geschenk, das Jesus auch in diese Welt bringen wollte?

Leonardo Boff
23.12.2011

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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