Der Jüngste Tag für unsere Zivilisation?

Leonardo Boff
Theologe
Erdcharta Kommission

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Das Jahresende gibt uns die Gelegenheit, Bilanz über die Lage der Menschheit auf unserem Planeten zu ziehen. Worauf können wir hoffen, und welchen Weg wird die Geschichte der Menschheit einschlagen? Dies sind sorgenvolle Fragen, denn die globale Landschaft sieht düster aus. Eine ausgedehnte Strukturkrise hat sich im Herzen des Wirtschaftssozialsystems von Europa und den Vereinigten Staaten eingenistet und wirkt sich auf den Rest der Welt aus. Die Bibel hält dazu in der prophetischen Tradition ein immer wiederkehrendes Thema bereit: Der Tag des Jüngsten Gerichts ist nahe. Dies ist der Tag der Offenbarung: die Wahrheit kommt ans Licht, und unsere Fehler und Sünden entpuppen sich als die Feinde des Lebens. Große Historiker wie Toynbee und von Ranke sprechen auch vom Endgericht ganzer Kulturkreise. Ich glaube, es steht uns tatsächlich ein Weltgericht bevor: über unseren Lebensstil auf dieser Erde und über unser Verhältnis zu ihr.

Wenn wir den Hintergrund dieser Situation beleuchten und nicht nur die Wirtschaftsanalysen betrachten, die sich vor allem mit Regierungen, Geschäften, Weltforen und Medien beschäftigen, wird uns der Widerspruch bewusst, der zwischen der Logik unseres modernen Lebensstils, geprägt durch Wirtschaftspolitik, Individualismus und Konsumdenken, besteht und der Logik der Prozesse in der Natur unseres lebendigen Planeten Erde. Sie sind miteinander unvereinbar. Die Erstgenannte basiert auf Konkurrenzdenken, die Letztere auf Zusammenarbeit. Die Erste schließt aus, die Zweite bindet ein. Die Erste legt größten Wert auf das Individuum, die Zweite auf das Gemeinwohl. Die Erste stellt die Ware in den Mittelpunkt, die Zweite das Leben aller in all seiner Vielfalt. Wenn wir nichts unternehmen, kann uns diese Unvereinbarkeit in eine sehr ernste Sackgasse führen.

Diese Unvereinbarkeit wird durch die Prämissen, die unserem Sozialprozess zugrunde liegen, noch verschärft: dass die Bodenschätze unerschöpflich seien und dass Materielles und der Reichtum des Einzelnen uns das Glück verschaffen, nach dem wir uns so sehnen. Diese Vorstellungen sind illusorisch: Bodenschätze sind endlich und eine endliche Erde kann kein unbegrenztes Wachstum hervorbringen. Reichtum und Individualismus bescheren uns kein Glücksgefühl, sondern tiefe Einsamkeit, Depression, Gewalt und Selbstmord.

Zwei Problemstellungen stehen in gegenseitiger Wechselwirkung und könnten in der Zukunft zu Umwälzungen führen: die Erderwärmung und die Überbevölkerung. Der Begriff Erderwärmung umschließt die Auswirkungen, die unsere Zivilisation auf die Natur hat und die die Nachhaltigkeit des Lebens und der Erde bedrohen. Dies resultiert in den jährlichen Emissionen von Milliarden von Tonnen CO2 und Methan, welches 23 mal so zerstörerisch ist als CO2. Das beschleunigte Auftauen des Bodens der Sibirischen Tundra (des Ewigen Eises) wird in den kommenden Jahrzehnten zu einer abrupten Erwärmung von 4-5° C führen, die große Lebensbereiche auf der Erde zerstören könnte. Das Bevölkerungswachstum bewirkt, dass immer mehr Naturgüter ausgebeutet werden, mehr Energie verbraucht wird und mehr Treibhausgase in die Atmosphäre gelangen.

Regierungen und Entscheidungsträger ignorieren weithin die Strategien zur Kontrolle dieser bedrohlichen Situation. Der tief in uns verwurzelte Individualismus hat jeglichen Konsens in den UN-Versammlungen verhindert. Jeder Staat sieht nur seine eigenen Interessen und ist blind für die gemeinsamen Interessen und für den Planeten als Ganzes. So geraten wir in rücksichtsloser Weise immer näher an den Abgrund.

Der Ursprung all dieser oben genannten Verzerrungen ist unser Anthropozentrismus, die Überzeugung, wir Menschen seien der Mittelpunkt der Welt und alles sei nur für uns allein geschaffen worden, wobei wir aus dem Blick verlieren, dass wir auf unsere Umwelt angewiesen sind. Dies ist die Quelle unseres Zerstörungswahns, der uns dazu bringt, die Natur zu verwüsten, nur um unser Verlangen nach immer mehr zu befriedigen.

Ein gewisses Maß an Demut und Weitblick ist dringend erforderlich. Das Universum ist 13,7 Milliarden Jahre alt, die Erde 4,45 Milliarden Jahre, das Leben 3,8 Milliarden Jahre, menschliches Leben 5-7 Millionen Jahre und der Homo sapiens ca. 130-140.000 Jahre. Folglich entstanden wir, die Frucht aller vorherigen Entwicklung, erst vor „wenigen Minuten“. Und wir sind dabei, uns von „sapiens“ zu „demens“ hin zu entwickeln und bedrohen unsere Gefährten in der einen großen Lebensgemeinschaft.

Den Gipfel des Evolutionsprozesses haben wir nicht dafür erreicht, um zu zerstören, sondern um zu bewahren und um für dieses heilige Erbe zu sorgen. Erst dann wird das Jüngste Gericht unsere wahre Identität und unsere Mission hier auf Erden offenbaren.

Leonardo Boff
31.12.2011

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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