Alles begann in Griechenland. Wird auch alles dort enden?

Leonardo Boff
Theologe
Erdcharta Kommission

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Die Ursprünge unserer westlichen, nun globalisierten, Zivilisation finden sich im Alten Griechenland im 6. Jh. vor unserer Zeitrechnung. Die Welt der Mythen und der Religion, die bis dahin strukturgebend für die Gesellschaft war, kollabierte. Um Ordnung in diese kritische Lage, die 50 Jahre lang andauerte, zu bringen, wurde eine der herausragendsten intellektuellen Errungenschaften kreiert. Die Ära der kritischen Vernunft wurde eingeleitet und fand ihren Ausdruck in Philosophie, Demokratie, Theater, Dichtkunst und Ästhetik. Paradigmatische Figuren waren Sokrates, Platon, Aristoteles und die Sophisten, die die Architektur des Wissens hervorbrachten, welche unserem Zivilisationsparadigma zugrunde liegt. Da waren Perikles als Herrscher an der Spitze der Demokratie, Phidias für die elegante Ästhetik, die großen Tragödienschreiber wie Sophokles, Euripides und Aischylos, die Olympischen Spiele und andere kulturelle Veranstaltungen, die zu zahlreich sind, um hier aufgeführt zu werden.

Das neue Paradigma ist gekennzeichnet durch die Vorherrschaft einer Vernunft, die jegliches Bewusstsein sowohl für das Ganze vermissen lässt, als auch für die Bedeutung der Einheit der Realität, das die sogenannten vorsokratischen Denker, die Begründer des ursprünglichen Denkens, charakterisierte. In diesem Moment entstanden die berühmten Dualismen: Welt/Gott, Mensch/Natur, Vernunft/Gefühl, Theorie/Praxis. Die Vernunft kreierte die Metaphysik, die, laut Heidegger, alles objektiviert und sich als Machtinstanz über das Objekt setzt. Der Mensch fühlte sich nicht mehr als Teil der Natur, sondern als ein der Natur entgegengesetztes Wesen, und unterwarf die Natur seinem Willen.

Dieses Paradigma fand tausend Jahre später, im 16. Jh., mit Descartes, Newton, Bacon und anderen Begründern des modernen Paradigmas, seinen vollendeten Ausdruck. Durch sie wurde die dualistische und mechanistische Weltanschauung bestätigt: die Natur auf der einen Seite, der Mensch auf der anderen, vorrangig und oberhalb der Natur als ihr „Herr und Besitzer“ (Descartes), die Krone der Schöpfung in Bezug auf alles Existierende. Die Idealvorstellung eines grenzenlosen Fortschritts war entwickelt, die eine beherrschbare Natur zugrunde legt, vorausgesetzt, der Fortschritt könne sich auch in Zukunft unaufhörlich weiterentwickeln. In den vergangenen Jahrzehnten hat die Habsucht alles zur Ware reduziert, über die man verhandeln und die man konsumieren kann. Wir haben vergessen, dass die Güter und Dienstleistungen der Natur für alle da sind und nicht von einigen wenigen angeeignet werden können.

Nach vier Jahrhunderten der Anwendung dieser Metaphysik, d. h. dieser Seins- und Denkweise, stellen wir fest, dass die Natur für dieses Wachstums-/Entwickluingsmodell einen hohen Preis zahlen musste. Wir haben nun das Limit ihrer Möglichkeiten erreicht. Die wissenschafts-technologische Zivilisation ist an einem Punkt angekommen, wo sie sich selbst zerstören kann und dabei zutiefst die Natur verwüsten, einen Großteil des Lebenssystems eliminieren und, schließlich, die menschliche Spezies vom Erdball radieren würde. Es könnte auf einen öko-sozialen Armageddon hinauslaufen.

Es begann alles vor ein paar tausend Jahren in Griechenland. Und nun sieht es so aus, als würde alles in Griechenland zu Ende gehen, eines der ersten Opfer des ökonomischen Horrors, dessen Banker, um ihre Profite zu sichern, die ganze Gesellschaft zur Verzweiflung gebracht haben. Es hat Irland erreicht, Portugal und Italien. Es könnte sich auf Spanien und Frankreich ausdehnen und vielleicht auf die ganze Weltordnung.

Wir sind Zeugen des Todeskampfes eines tausendjährigen Paradigmas, das seinen historischen Werdegang zu beenden scheint. Eine Verzögerung um ein paar Jahrzehnte ist noch möglich in einem Zustand der Erstarrung und im Widerstand gegen den Tod, doch das Ende ist absehbar. Das Paradigma kann sich nicht mit eigenen Mitteln reproduzieren. Wir müssen einen anderen Weg für unser Verhältnis zur Natur finden, eine andere Art der Produktion und des Konsums. Ein Bewusstsein für die Abhängigkeit mit der Lebensgemeinschaft muss entstehen und für die kollektive Verantwortlichkeit für unsere gemeinsame Zukunft. Wenn dieser Wandel nicht beginnt, werden wir uns selbst zum Untergang verurteilen. Entweder wir verwandeln uns selbst, oder es wird uns nicht mehr geben.

Ich mache mir die Worte des Volkswirtschaftlers Celso Furtado zu eigen: „Die Menschen meiner Generation haben gezeigt, dass der Scharfsinn des Menschen in der Lage ist, die Menschheit in den Selbstmord zu führen. Ich hoffe, die neue Generation zeigt, dass es der Menschheit auch möglich ist, einen Weg zu einer Welt zu ebnen, in der Mitleid, Glück, Schönheit und Solidarität vorherrschen.“ Dies setzt einen Paradigmenwechsel voraus.

Leonardo Boff
20.01.2012

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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