Nachhaltigkeit: Versuch einer Definition 



Leonardo Boff
Theologe
Erdcharta Kommission

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Zwischen den unterschiedlichen Vorstellungen von Nachhaltigkeit lässt sich ein Konflikt beobachten. Klassisch ist die Definition des Brundtland-Berichts der UNO von 1987: „Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“ Dieses Konzept ist zwar korrekt, doch in zweifacher Weise beschränkt: es ist anthropozentrisch (es zieht nur den Menschen in Betracht), und es besagt nichts über die Lebensgemeinschaft (die anderen Lebewesen, die auch einer Biosphäre und der Nachhaltigkeit bedürfen). Ich will versuchen, eine Formulierung zu finden, die dies so weit wie möglich mit einbezieht:

Nachhaltigkeit beinhaltet jegliche Handlung, die der Aufrechterhaltung der auf Energie und Information beruhenden Bedingungen und der physikalisch-chemischen Bedingungen dient, die alle Lebewesen Zukunftsfähigkeit verleihen, insbesondere der lebendigen Erde, der Lebensgemeinschaft und dem Menschenleben, deren Kontinuität anstrebend, und die auch bestrebt ist, die Bedürfnisse der gegenwärtigen und künftigen Generationen solcherart zu befriedigen, dass das Naturkapital erhalten bleibt und ebenfalls die Fähigkeit der Natur zur Regeneration, Reproduktion und zur Evolutionsökologie bereichert wird.

Ich möchte kurz die Begriffe dieser holistischen Vorstellung erklären:

Für die Zukunftsfähigkeit aller Bedingungen, die für die Erschaffung aller Wesen notwendig sind: Diese starten ins Leben durch eine Kombination von Energien, von physikalisch-chemischen und informativen Elementen, die, miteinander verknüpft, allem seinen Ursprung verleihen.

Für die Zukunftsfähigkeit aller Wesen: Dies geht nur durch absolutes Überwinden des Anthropozentrismus‘. Alle Wesen entstammen dem Evolutionsprozess und erfreuen sich eines intrinsischen Wertes, der unabhängig ist vom Nutzen für den Menschen.

Für die Zukunftsfähigkeit insbesondere der lebendigen Erde: die Erde ist viel mehr als eine intelligenzlose „Sache“ (res extensa) oder ein pures Produktionsmittel. Sie beinhaltet nicht das Leben; sie ist lebendig, sie reguliert sich selbst, regeneriert sich selbst und entwickelt sich. Wenn wir nicht die Zukunftsfähigkeit der lebendigen Erde, genannt Gaia, garantieren, entziehen wir die Basis aller anderen Formen von Nachhaltigkeit.

Für die Zukunftsfähigkeit ebenfalls der Lebensgemeinschaft: Die Umwelt existiert nicht als etwas Sekundäres und Nebensächliches. Wir existieren nicht nur: Wie ko-existieren und sind alle voneinander abhängig. Alle Lebewesen sind Träger desselben grundlegenden genetischen Alphabets. Wir bilden das Lebensnetz, einschließlich der Mikroorganismen. Dieses Netz stellt die Biomasse und die Biodiversität her, die notwendig für unser Überleben auf diesem Planeten sind.

Für die Zukunftsfähigkeit menschlichen Lebens: Wir sind ein einzigartiges Bindeglied des Lebensnetzes, das komplexeste Wesen in unserem Sonnensystem und ein herausragender Punkt im Evolutionsprozess, wie wir ihn kennen, denn wir sind Träger von Bewusstsein, Sensibilität und Intelligenz. Wir spüren, dass wir gerufen sind, für Mutter Erde zu sorgen und sie zu bewahren, den Fortbestand der Zivilisation zu garantieren und unsere destruktiven Fähigkeiten im Griff zu halten.

Für die Zukunftsfähigkeit des Fortgangs des Evolutionsprozesses: Alle Wesen werden bewahrt und gestützt durch die Grundenergie bzw. durch die Quelle, die alle Wesen erschafft. Das Universum besitzt einen Selbstzweck einfach dadurch, dass es existiert, sich weiterhin ausdehnt und sich selbst erschafft.

Für die Zukunftsfähigkeit der Sorge für die Bedürfnisse der Menschheit: durch einen vernünftigen und sorgsamen Gebrauch der Güter und Dienstleistungen, die der Kosmos und die Erde uns bieten und ohne die wir aufhören würden zu existieren. Für die Zukunftsfähigkeit unserer und der nachfolgenden Generationen: Die Erde ist ausreichend für jede Generation, solange eine Beziehung der Synergie und der Kooperation mit der Erde besteht und Güter und Dienstleistungen gerecht verteilt werden. Der Gebrauch dieser Güter muss durch Generationensolidarität gelenkt werden. Künftige Generationen haben das Recht, eine wohl erhaltene Erde und Natur zu erben.

Nachhaltigkeit wird gemessen an der Fähigkeit, Naturkapital zu bewahren, sodass es sich selbst erneuern kann und, womöglich durch menschliche Genialität, für künftige Generationen bereichert werden kann. Dieses erweiterte und all diese Gesichtspunkte einschließende Konzept von Nachhaltigkeit muss als Kriterium für die Bemessung dienen, ob es uns gelungen ist oder nicht, auf dem Weg der Nachhaltigkeit Fortschritte zu machen. Es sollte ebenfalls als Inspiration oder zur Ideen-Findung dienen, Nachhaltigkeit zur Realität in den unterschiedlichen Bereichen menschlicher Aktivität werden zu lassen. Ohne all das ist Nachhaltigkeit pure Rhetorik ohne Konsequenzen.

Leonardo Boff
27.01.2012

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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