Quo vadis Indignados und Occupier?

Leonardo Boff
Theologe
Erdcharta Kommission

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Ende Januar hatte ich die Gelegenheit, bei einer der wichtigsten Diskussionen des Sozialforums von Porto Alegre teilzunehmen und die lebendigen Beiträge der Indignados (Empörten) aus Spanien, London, Ägypten und der Vereinigten Staaten zu hören. Was mich zutiefst beeindruckte, war die Ernsthaftigkeit der Reden, die weit entfernt war von den anarchischen Tönen der 1960er Jahren mit ihren vielen „Grundsatzdiskussionen“. Das zentrale Thema war „Demokratie jetzt“. Eine andere Demokratie wurde eingefordert, die sich stark unterscheidet von der jetzigen, die wir gewohnt sind und die mehr Farce als Wirklichkeit ist. Sie wollen eine Demokratie, die von der Straße und den Plätzen kommt, dem Ort der ursprünglichen Macht. Eine Demokratie von unten, organisch mit dem Volk verbunden, transparent in ihren Entscheidungsabläufen und nie wieder untergraben durch Korruption. Zuallererst ist diese Demokratie dadurch charakterisiert, dass sie soziale Gerechtigkeit mit ökologischer Gerechtigkeit zu verbinden sucht.

Kurioserweise identifizieren sich die Empörten, die Occupy-Bewegung und die Aktivisten des Arabischen Frühlings nicht mit den klassischen Reden der Linken oder gar mit den Träumen der diversen Auflagen des Weltsozialforums. Wir befinden uns in einer anderen Ära, und eine neue Sensibilität ist entstanden. Eine andere Art des Staatsbürgertums wird ausgerufen, das Frauen einbindet, die aus ihrem früheren Schattendasein treten und nun Einfluss nehmen, Bürger, die Rechte haben und die teilnehmen in ihren horizontalen und transversalen Beziehungen, die durch die sozialen Netzwerke der mobilen Medien, Twitter und Facebook vereinfacht wurden. Wir haben es hier mit einer wahren Revolution zu tun. Früher wurden Beziehungen in vertikaler Form organisiert, von oben nach unten. Jetzt werden sie auf horizontaler Ebene geschaffen und dehnen sich zu den Seiten hin aus, in der Unmittelbarkeit von Kommunikation, und das in Lichtgeschwindigkeit. Diese Form steht für die neue Zeit, in der wir leben: die der Informationen, der Entdeckung des Wertes der Subjektivität – nicht wie in der Moderne, die in sich selbst eingschlossen ist, sondern eine Subjektivität der Beziehungen – der Entstehung eines Bewusstseins, wie man es in dem einen und einzigartigen Gemeinsamen Haus findet, das durch den exzessiven Raubbau, den unser Produktions- und Konsumsystem betreibt, vom Kollaps bedroht ist.

Diese Sensibilität toleriert nicht länger die Methoden dieses Systems, die Wirtschaftskrise zu überwinden und dessen Auswüchse, die Banken mit dem Geld der Staatsbürger zu retten, indem sie ihnen einen strengen Finanzsparkus auferlegen, das Sozialsystem demontieren, die Lohnkosten senken, Investitionen kürzen und dabei der Illusion erliegen, auf diese Weise das Vertrauen des Marktes zurückgewinnen und die Wirtschaft wieder aufleben lassen zu können. Dieser Glaube wurde zum Dogma, und an vielen Stellen hört man das dumme Schlagwort „TINA: there is no alternative („Es gibt keine Alternative.“) Die gotteslästerlichen Hohepriester der so gar nicht heiligen Dreifaltigkeit aus Internationalem Währungsfonds (IWF), der Europäischen Union und der Europäischen Zentralbank haben einen Finanzschlag gegen Griechenland und Italien beschlossen und ihnen ihre Ministranten als Geschäftsführer für die Krise aufgezwungen, ohne nach demokratischen Regeln zu verfahren. Alles wird nur unter dem wirtschaftlichen Gesichtspunkt betrachtet und entschieden, wobei das Soziale abgewertet und das unnötige Leiden vieler vermehrt wird, ebenso wie die Verzweiflung der Familien und die Entrüstung der jungen Leute, da sie keine Arbeitsplätze finden können. Dies alles kann zu einer Krise mit dramatischen Konsequenzen führen.

Paul Krugmann, Nobelpreisträger für Ökonomie, verbrachte einige Zeit in Island, um zu erforschen, auf welche Weise dieses kleine arktische Land seine zerstörerische Krise überwand. Sie gingen den korrekten Weg, den auch andere Länder hätten einschlagen sollen: Sie ließen die Banken kollabieren, inhaftierten die Banker und Spekulanten, die Unterschlagungen ausgeübt hatten, schrieben ihre Verfassung neu, garantierten soziale Sicherheit, um einen allgemeinen Kollaps zu verhindern, und es gelang ihnen, Arbeitsplätze zu schaffen. Nachrichten über den Isländischen Weg wurden durch die Welt der Massenmedien unterdrückt, aus Angst, er könnte anderen Ländern als Beispiel dienen. Und so bewegt sich der Karren weiterhin, mit falschen aber der Logik des Systems kohärenten Maßnahmen, schnell in Richtung Abgrund.

Gegen diesen vorhersehbaren Lauf widersetzen sich die Empörten. Sie wollen eine andere Welt, die dem Leben gegenüber freundlicher und der Natur gegenüber respektvoll eingestellt ist. Vielleicht wird Island ihnen als Inspiration dienen. Wohin wird ihr Weg sie führen? Wer weiß. Sicherlich nicht in Richtung des ausgedienten Modells der Vergangenheit. Sie werden sich in die Richtung bewegen, die Paulo Freire als «inédito viable» (das noch nicht dagewesene Lebensfähige) bezeichnete, das die neue Kreativität hervorbringen wird und das sich selbst nicht durch Gewalt ausdrückt, sondern in einem demokratischen-partizipatorischen Geist. Auf jeden Fall wird die Welt nie wieder so sein wie zuvor, und noch viel weniger so, wie die Kapitalisten sie gern hätten.

Leonardo Boff
18.02.2012

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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Eine Antwort zu Quo vadis Indignados und Occupier?

  1. Dr. Dieter Kostka schreibt:

    Liebe „Traductina“,
    ebenfalls vielen Dank für dieses Engagement – nie war es so wertvoll wie heute! Oder anders: „Weh Euch Gesetzeslehrern! Ihr habt den Schlüssel der Tor zur Erkenntnis weggenommen. Ihr selbst seid nicht hineingegangen, und die, die hineingehen wollten, habt Ihr daran gehindert!“ (Lk 11,52). – Wenn Sie sie nicht sowieso schon kennen, möchte ich Sie auf die alt-katholische Kirche hinweisen; dort hat die Befreiungstheologie große Sympathien: http://www.alt-katholisch.de
    Gottes Segen Ihnen und der Menschheit!

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