Der große globale und brasilianische Gegensatz

Leonardo Boff
Theologe
Erdcharta Kommission

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Die Überzeugung, dass wir uns den naturgegebenen Grenzen der Erde gefährlich nähern, gewinnt mehr und mehr an Raum, selbst unter den etablierten Ökonomen und den Vertretern des Neokeynesianismus. Selbst mithilfe der neuen Technologien wird es schwierig sein, am Projekt des grenzenlosen Wachstums festzuhalten. Das kann die Erde nicht länger bewältigen, und wir müssen eine andere Richtung einschlagen.

Ökonomen wie unser Ladislao Dowbor, Ignace Sachs, Joan Alier, Herman Daly, Tim Jack, Peter Victor und, bereits lange vor ihnen, Georgescu-Roegen, beziehen das ökologische Moment in den Produktionsprozess mit ein. Insbesondere der Brite Tim Jack wurde berühmt für sein Buch „Prosperity without Growth“ (Wohlstand ohne Wachstum, 2009) und auch der Kanadier Peter Victor für sein „Managing without Growth, 2008“ (Managen ohne Wachstum). Beide haben gezeigt, dass das Schuldenwachstum zur Finanzierung privaten und öffentlichen Konsums (wie es in den reichen Ländern geschieht) unter Inanspruchnahme von mehr Energie und größerer Nutzung natürlicher Güter und Dienstleistungen einfach nicht nachhaltig ist.

Da sie nicht ausdrücklich die naturgegebenen Grenzen der Erde in ihrer Analyse berücksichtigten, erliegen die Nobelpreisträger Paul Krugman und Joseph Stiglitz dem Irrtum, als Lösung für die gegenwärtige Krise größere öffentliche Aufwendungen vorzuschlagen, in der Annahme, dass dies Wirtschaftswachstum und Konsumsteigerung hervorbringen wird, womit die astronomisch hohen privaten und öffentlichen Schulden später beglichen würden. Wir sagten bereits mehrmals, dass ein endlicher Planet kein Projekt dieser Art aushalten kann, das von Gütern und Dienstleistungen in grenzenlosem Ausmaß ausgeht. Dies ist eine feststehende Tatsache.

Was Jack und Victor vorschlagen, ist „Wohlstand ohne Wachstum“. In den entwickelten Ländern ist das Wachstumsniveau hoch genug, um die Entwicklung des menschlichen Potentials innerhalb der Möglichkeiten des Planeten zuzulassen. Also, Schluss mit Wachstum! Angestrebt werden kann „Wohlstand“ im Sinne einer besseren Lebensqualität, Bildung, Gesundheit, ökologischer Kultur, Spiritualität etc. Dieser Lösungsansatz ist vernünftig, aber er kann eine hohe Arbeitslosenquote verursachen. Mit dem Vorschlag eines allgemeinen Grundeinkommens und einer Arbeitszeitverkürzung kann man diesem Problem aber nicht gut beikommen. Es wird keine Lösung geben ohne eine vorherige Übereinkunft darüber, wie wir mit der Erde in eine sie unterstützende Beziehung treten können, und ohne eine Definition eines Konsummodells, nach dem alle das erhalten können, was sie zu einer sinnvollen Lebensführung benötigen.

Dieses Verhältnis ist für die armen und noch unterentwickelten Länder umgekehrt: „Wachstum mit Wohlstand“ ist nötig. Wachstum ist nötig, um zu einem Mindestmaß die Bedürfnisse derer zu stillen, die in Armut, Elend und sozialer Ausgrenzung leben. Es ist eine Frage der Gerechtigkeit, in ausreichendem Maß die notwendigen Güter und Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen. Doch gleichzeitig muss ein Wohlstand angestrebt werden, der mit Wachstumsqualität einhergeht. Es besteht eine reale Gefahr, dass diese Länder der Logik eines Systems zum Opfer fallen, das immer größeren Konsum hervorruft, vor allem den Konsum unnötiger Produkte. Dabei würde man versuchen, die Grenzen der Erde auszudehnen, was aber gerade vermieden werden muss. Wir haben es mit einem Teufelskreis zu tun und wissen nicht, wie wir ihn in eine Erfolgsspirale verwandeln sollen, ohne die Nachhaltigkeit der lebendigen Erde zu gefährden.

Dies ist der Gegensatz, mit dem Brasilien konfrontiert ist: Wachstum wird dringend gebraucht, um fortzuführen, was die Petista-Regierung tat, d. h. um die Grundlagen zu gewährleisten, sodass Millionen zu essen haben und mithilfe einer Sozialpolitik in die Gesellschaft integriert werden. Für die Klassen, die dies schon erreicht haben, wird weniger Wachstum und mehr Wohlstand benötigt: um die Qualität eines guten Lebens zu verbessern, für Bildung, für weniger ungleiche soziale Beziehungen und mehr Solidarität, beginnend beim Geringsten unter uns. Doch wer kann sie überzeugen, wenn sie gewaltsam durch die Propaganda manipuliert werden, die sie zum Konsum antreibt?

Bisher haben die Regierungen eben nur Verteilungspolitik betrieben, indem sie die öffentlichen Mittel ungleichmäßig zuteilen. Zuerst wurden 140 Milliarden Reais für das Finanzsystem zur Verfügung gestellt, um die öffentlichen Schulden zu begleichen und zur Finanzierung der grandiosen Projekte, und nur ca. 60 Milliarden für die gewaltige Mehrheit, der es erst jetzt allmählich besser geht. Jeder gewinnt dabei, aber in ungleichem Maß. Gleiche ungleich zu behandeln, ist eine große Ungerechtigkeit. Niemals hat es eine Politik der Umverteilung gegeben, die von den Reichen nimmt (mit legalen Mitteln) und es denen gibt, die es nötiger haben. Dann gäbe es Gerechtigkeit.

Am schlimmsten ist, dass wir mit unserer Wachstumsbesessenheit die Lebensfähigkeit der Erde untergraben. Wir brauchen Wachstum, doch mit einem neuen ökologischen Bewusstsein, dass uns aus der Sklaverei der Produktivität und des Konsums befreien kann. Dies ist unsere große Herausforderung angesichts des großen brasilianischen Gegensatzes.


Leonardo Boff
24.02.2012

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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