Klara von Assisi: der Mut einer leidenschaftlichen Frau

Leonardo Boff
Theologe
Erdcharta-Kommission

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Vor etwa 800 Jahren, in der Nacht des 19. März 1221, einen Tag nach Palmsonntag, floh Klara von Assisi, schön herausgeputzt, von ihrem Zuhause, um sich der Gruppe um Franz von Assisi in der kleinen Kapelle Portiunkula, die noch heute steht, anzuschließen. Die Klarissen in aller Welt und die ganze franziskanische Familie feiern diesen Tag als Gründungstag des Ordens der Hl. Klara, der sich weltweit ausgebreitet hat.

Klara und Franziskus – wir dürfen sie nie voneinander trennen, denn nach der schönen damaligen Legende versprachen sie einander aus purer Liebe, dass sie niemals wieder voneinander getrennt würden – gehören zu den strahlendsten Figuren des Christentums. Es ist gut, gerade im Monat März, dem den Frauen gewidmeten Monat, daran zu erinnern. Dank Klara gibt es Millionen von Klaras und Maria-Klaras weltweit. Sie, die von der adligen Familie Favarone aus Assisi abstammt und er, der Sohn eines reichen und einflussreichen Tuchhändlers, dem Bernadone.

Mit 16 Jahren wollte sie den bereits berühmten Franziskus treffen, der damals ca. 30 Jahre alt war. Ihr enger Vertrauter, Bona, erklärte unter Eid im Heiligsprechungsprotokoll, dass Klara zwischen 1210 und 1212 „oft heimlich zu Franziskus ging, um mit ihm zu reden, heimlich, um nicht von ihren Verwandten gesehen zu werden und um Verleumdungen zu vermeiden“. Aus den in diesen zwei Jahren stattfindenden Treffen entstand eine große Faszination füreinander. Wie einer ihrer besten Kenner, der Schweizer Anton Rotzetter, in seinem Buch Klara von Assisi: die erste franziskanische Frau (Herder Freiburg, 1993) schreibt, „ist Eros in seinem reinsten und tiefsten Sinne in ihnen entstanden, denn ohne Eros existiert nichts Wertvolles, weder Wissenschaft, noch Kunst oder Religion. Eros ist die Faszination, die Menschen zueinander führt und sie aus dem Gefängnis ihrer selbst befreit.“ (S. 63) Dieser Eros brachte sie dazu, einander zu lieben und sich umeinander zu kümmern, doch in einer spirituellen Transformation, die sie davor bewahrte, sich in sich selbst zu verschließen. Franziskus nannte sie liebevoll „mein Pflänzchen“.

Gemeinsam pflegten Klara und Franziskus ihr ganzes Leben hindurch drei Leidenschaften: die Leidenschaft für den armen Jesus, die Leidenschaft für die Armen und die Leidenschaft füreinander. In dieser Reihenfolge. Sie planten Klaras Flucht, um sich der Gruppe anzuschließen, die das Evangelium in reiner und einfacher Weise leben wollte.

Diese Szene steht den bestbekannten Liebesszenen der großen Romane an Kreativität, Kühnheit und Schönheit in nichts nach. Wie konnte solch eine reiche und hübsche junge Frau von zu Hause weglaufen, um sich einer Gruppe, die den heutigen „Hippies“ ähnelt, anzuschließen? Denn so ließe sich die Anfangsbewegung des Franziskus beschreiben. Es war eine Gruppe reicher junger Leute, die zuvor Partys und Serenaden liebten und nun beschlossen, die Option radikaler Besitzlosigkeit zu wählen und dem Beispiel des armen Jesus zu folgen. Sie wollten keine Almosen für die Armen geben, sondern mit den Armen und als Arme leben. Und dies taten sie in einem Geist großer Heiterkeit, selbst ohne die opulente Papstkirche zu kritisieren.

In dieser Nacht des 19. März rannte Klara heimlich von zu Hause weg und kam nach „La Portiunkula„. In flackerndem Licht wurde sie von Franziskus und seinen Gefährten empfangen. Und als Zeichen ihrer Zugehörigkeit zur Gruppe schnitt Franziskus ihr blondes Haar. Dann zog Klara die Kleidung der Armen an, aus ungefärbtem Stoff, mehr Sack als Kleid. Nach dieser großen Freude und vielen Gebeten wurde sie zum Kloster der Benediktinerinnen, 4 km von Assisi entfernt, begleitet. Sechzehn Tage später lief auch Ines, ihre jüngste Schwester, von zu Hause davon und schloss sich Klara an. Die Familie Favarone versuchte sogar, ihre Töchter mit Gewalt zurückzuholen, doch Klara hielt sich am Altartuch fest, zeigte ihren kahl geschorenen Schädel und hielt sie davon ab, sie mitzunehmen. Sie zeigte dieselbe Unerschrockenheit, als Papst Innozenz III ihr Gelübde absoluter Armut nicht annehmen wollte. Sie kämpfte so hart dafür, dass der Papst schließlich nachgab. So ist der Orden der Klarissen entstanden.

Ihr nach 800 Jahren noch intakt gebliebener Körper beweist ein weiteres Mal, dass Liebe stärker ist als der Tod.

Leonardo Boff
30.03.2012

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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