Die neue Kosmologie und Befreiung

Leonardo Boff
Theologe
Erdcharta Kommission

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Vor einiger Zeit führte das US-amerikanische Naturhistorische Museum eine Umfrage unter Biologen durch, in welcher sie befragt wurden, ob sie glaubten, dass wir uns inmitten eines Massensterbens befänden. 70 % bejahten diese Frage. Der renommierte Kosmologe Brian Swimme, der zusammen mit Thomas Berry eine der brilliantesten Erzählungen der Geschichte des Universums, „The Universe Story“ (1992), schrieb, wurde befragt, was wir tun könnten, und er antwortete: „Für einige Zeit hat das Universum seinen Teil geleistet, um das Desaster zu stoppen, aber auch wir müssen unseren Beitrag leisten. Und das werden wir, und zwar durch das Erwachen eines neuen kosmologischen Bewusstseins, d. h. wenn wir unser Verhalten der Logik des Universums anpassen. Aber wir tun noch nicht genug.“

Was bedeutet diese Antwort? Sie verweist in Richtung eines neuen Bewusstseins, das die kollektive Verantwortung für den Schutz unseres gemeinsamen Hauses übernimmt und für unsere Zivilisation Sorge trägt. Unser Verhalten der Logik des Universums anzupassen bedeutet, auf den Aufruf, der von dem sogenannten „kosmogenischen Prinzip“ ergeht, zu antworten. Es ist das Prinzip, das die Ausdehnung und Selbsterschaffung des Universums mit all seinen starren und lebendigen Wesen strukturiert und sich durch drei Charakteristika äußert: Differenzierung/Komplexität, Subjektivität/Verinnerlichung und Interdependenz/Gemeinschaft.

Einfacher ausgedrückt: Je weiter sich das Universum ausdehnt, umso komplexer wird es; wenn es komplexer wird, erlangt es mehr Verinnerlichung und Subjektivität (jedes Wesen hat seine eigene Art, mit anderen in Verbindung zu treten und seine eigene Geschichte zu schreiben). Und je mehr Verinnerlichung und Subjektivität das Universum erlangt, desto mehr treten alle Wesen miteinander in Gemeinschaft und verstärken ihre Interdependenz vor dem Hintergrund ihrer Zugehörigkeit zu einem größeren Ganzen. Berry und Swimme kommentieren: „Hätte es keine Komplexität (Differenzierung) gegeben, wäre das Universum als eine homogene Masse zugrunde gegangen; hätte es keine Subjektivität gegeben, wäre das Universum zu einer inaktiven und toten Ausdehnung geworden; hätte es keine Gemeinschaft gegeben, wäre das Universum in eine Anzahl isolierter Ereignisse zerlegt worden.

Wir Befreiungstheologen haben in mehr als 40 Jahren der Reflexion versucht, die ökonomische, soziale, anthropologische und spirituelle Dimension der Befreiung als eine Antwort auf spezifische Formen der Unterdrückung zu erforschen. Im Zusammenhang der verbreiteten Wirtschaftskrise versuchen wir, diese kosmologische Vision einzubeziehen. Dies zwang uns dazu, aus dem konventionellen Paradigma auszubrechen, in dem wir unser Denken organisierten, das immer noch in Verbindung zu einer mechanistischen und statischen Weltanschauung steht. Die neue Weltanschauung sieht das Universum anders, als einen unermesslichen Prozess der Evolution/Ausdehnung/Schöpfung, der alles, was darin geschieht, einbezieht, ebenso das Bewusstsein und die Gesellschaft.

Innerhalb der Terminologie des kosmologischen Prinzips bedeutet persönliche Befreiung, sich von den Zwängen zu lösen, um die Erfahrung des Einsseins mit allen Wesen und mit dem Universum zu machen, ein Phänomen, das die Buddhisten als „Erleuchtung“ (satori) bezeichnen, sowie die Erfahrung des Nicht-Dualismus, das der Hl. Franziskus im Sinn einer offenen Geschwisterlichkeit mit allen Wesen erlebte. Unter sozialen Gesichtspunkten meint Befreiung im Licht des kosmogenischen Prinzips die Schöpfung einer Gesellschaft ohne Unterdrückung, wo Unterschiede wertgeschätzt und verbreitet sind (Unterschiede der Geschlechter, Kulturen und spirituellen Wege). Dies bedeutet, die Alternativlosigkeit der offiziellen Denkweise in Politik, Wirtschaft und Theologie hinter sich zu lassen. Denn in ihr besteht die hauptsächliche Methode der Unterdrückung und Gleichmacherei.

Befreiung verlangt auch eine Vertiefung der Verinnerlichung. Verinnerlichung begnügt sich nicht mehr mit purem Konsum materieller Güter; sie verlangt nach Werten, die mit Kreativität, Künsten, Meditation und Gemeinschaft mit Mutter Erde und dem Universum zu tun haben. Befreiung resultiert aus den Kräften der „Beziehungsmatrix“, vor allem mit solchen, die unter Ungerechtigkeit leiden und mit den Ausgeschlossenen. Durch diese Matrix können wir uns als Mitglieder der Lebensgemeinschaft fühlen, als Söhne und Töchter von Mutter Erde, die durch uns fühlt, liebt, Sorge trägt und die sich um die gemeinsame Zukunft sorgt.

Schließlich verlangt Befreiung unter der kosmologischen Perspektive ein neues Bewusstsein der universellen Interdependenz und Verantwortung. Wir sind aufgerufen, unsere Spezies neu zu erfinden, so wie wir es in der Vergangenheit getan haben in den verschiedenen Krisen, durch die die Menschheit gegangen ist. Die Zeit drängt, denn wir haben nicht mehr viel Zeit und wir müssen den Herausforderungen der aktuellen Krise der Erde gewachsen sein.

Leonardo Boff
06.04.2012

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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