Wie zeigt sich Gott im Evolutionsprozess?

Leonardo Boff
Theologe
Erdcharta Kommission

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Die neue Kosmologie, die sich von den Wissenschaften des Universums, der Erde und des Lebens herleitet, hat ihren Platz im weiten Feld der Evolution. Diese Evolution verläuft nicht linear. Sie kennt Stillstände, Rückschritte, Voranschreiten, Massenvernichtungen und Wiederentstehung. Wenn wir aber zurückschauen, erkennen wir eine Richtung in diesem Prozess: vorwärts und aufwärts.

Wir sind uns dessen bewusst, dass sich einige berühmte Wissenschaftler weigern, von einer „Ausrichtung“ im Universum zu sprechen. Es ergäbe einfach keinen Sinn. Andere, so wie der berühmte britische Physiker Freeman Dyson – um nur einen namentlich zu erwähnen – sagt: „Je mehr ich das Universum erforsche und die Details seiner Architektur studiere, um so mehr leuchtet mir ein, dass das Universum gewissermaßen wissen musste, dass wir auf den Plan treten würden.

Rückblickend auf den Evolutionsprozess, der seit 13,7 Milliarden Jahren andauert, können wir nicht leugnen, dass es einen aufwärts strebenden Weg gab: Aus Energie wurde Materie, Materie füllte sich mit Informationen auf, das destruktive Chaos wurde schöpferisch, Einfaches wurde komplex, aus einem komplexen Wesen entsprang das Leben, und aus dem Leben entsprang das Bewusstsein. Es gibt eine Zielsetzung, die sich nicht leugnen lässt. In der Tat ist es so, dass wir heute nicht hier wären und über diese Dinge reden könnten, wenn auch nur geringste Details sich anders entwickelt hätten als sie es taten.

Zu Recht schrieb der berühmte Mathematiker und Physiker, Stephen Hawking, in seinem 2005 veröffentlichten Buch Die kürzeste Geschichte der Zeit: „Das ganze Universums scheint ganz fein darauf abgestimmt worden zu sein, die Entwicklung von Leben möglich zu machen. Wenn zum Beispiel die elektrische Ladung des Elektrons ein klein wenig anders gewesen wäre, wäre das Gleichgewicht in den Sternen zwischen den elektromagnetischen Kräften und der Gravitation verschoben worden, und sie wären entweder nicht in der Lage gewesen, Wasserstoff in Helium zu verwandeln, oder sie wären explodiert.“ So oder so hätte es kein Leben geben können.

Wie taucht Gott im kosmogonischen Prozess auf? Die Vorstellung von Gott keimt auf, wenn wir folgende Frage stellen: Was war vor dem Urknall? Wer gab den ursprünglichen Impuls? Das Nichts? Doch von Nichts kommt nichts. Da nun aber etwas entstanden ist, ist das ein Zeichen dafür, dass Etwas oder Jemand es ins Leben rief und es am Leben hält.

Was wir berechtigterweise sagen können ist: Vor dem Urknall existierte das Unerkennbare, und das Mysterium existierte bereits. Über das Mysterium und das Unerkennbare können wir definitionsgemäß nichts aussagen. Es liegt in ihrer Natur, dass sie vor dem Wort waren, vor Energie, Materie, Raum und Zeit.

Nun also sind das Mysterium und das Unerkennbare genau die Namen, welche die Religionen, das Christentum eingeschlossen, normalerweise dem geben, das wir Gott nennen. Gott gegenüber taugt Schweigen besser als Worte. Dessen ungeachtet kann Gott in ehrfürchtiger Vernunft wahrgenommen und vom Herzen als eine Gegenwart erspürt werden, die das Universum ausfüllt und in uns Gefühle von Größe, Majestät, Respekt und Verehrung hervorruft.

Wir sind Wesen zwischen Himmel und Erde, und wenn wir die sternenklare Nacht betrachten, sind wir sprachlos und von Bewunderung ergriffen. Ganz natürlich kommen uns die Fragen: Wer hat all das gemacht? Wer versteckt sich hinter der Milchstraße? Dazu sagt der Oberrabbiner von New York City, Abraham Heschel: „In unseren klimatisierten Büros oder zwischen den vier weißen Wänden der Hörsäle können wir alles Mögliche sagen oder bezweifeln. Doch angesichts der Komplexität der Natur und eingetaucht in ihre Schönheit können wir nicht still bleiben. Es ist unmöglich, die Morgenröte geringzuschätzen, vor einer blühenden Blume gleichgültig zu bleiben oder nicht fasziniert zu sein angesichts eines Neugeborenen.“ Fast spontan sagen wir: Es war Gott, der alles in Gang setzte. Gott ist die Urquelle und der Abgrund, der alles nährt.

Es gibt noch eine andere wichtige Frage: Was will Gott mit der Schöpfung zum Ausdruck bringen? Die Antwort hierauf beschäftigt nicht nur das religiöse Bewusstsein, sondern die Wissenschaft selbst. Wir wollen dies anhand eines Zitats von Stephen Hawking aus seinem berühmten Buch Eine kurze Geschichte der Zeit, 1992, illustrieren: „Wenn es uns gegeben wäre, die Antwort zu finden, warum wir und das Universum existieren, so hätten wir den definitiven Triumph menschlicher Vernunft; denn dann hätten wir Kenntnis vom Geist Gottes.“ Wissenschaftler suchen noch immer nach dem versteckten Plan Gottes.

Aus einer religiösen Perspektive können wir es auf folgende Formel bringen: Der Sinn des Universums und unserer eigenen bewussten Existenz scheint in der Tatsache zu liegen, dass wir der Spiegel sind, in dem Gott das Göttliche sieht. Gott schafft das Universum als ein Überfluss der göttlichen Fülle des Seins, des Gutseins und der Intelligenz. Die Schöpfung existiert, damit andere am göttlichen Überfluss teilhaben können. Das menschliche, mit Bewusstsein ausgestattete Wesen ist geschaffen, um in der Lage zu sein, die Botschaften zu hören, die das Universum uns mitteilen will, sodass der Mensch die Geschichten der Geschöpfe, der Himmel, der Meere, der Tiere und des menschlichen Prozesses selbst vernimmt, die alles mit der Urquelle verbindet, aus der alles entspringt.

Das Universum befindet sich noch immer in den Geburtswehen. Sein Ziel ist die Vollendung des Geborenwerdens und das Sichtbarmachen der versteckten Potenziale. So gesehen bedeutet Expansion auch Enthüllung. Wenn sich alles verwirklicht haben wird, wird der Plan des Schöpfers vollständig offenbart worden sein.

Leonardo Boff
13.04.2012

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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