Was bedeutet Achtsamkeit?

Leonardo Boff
Theologe
Erd-Charta Kommission

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Die Diskussionen über nachhaltige Entwicklung, eines der zentralen Themen von Rio +20, haben inzwischen die Kategorie „Nachhaltigkeit“ überholt. Nachhaltigkeit kann nicht auf das gängige Modell von Entwicklung verkürzt werden, deren Logik der Nachhaltigkeit zuwiderläuft. Entwicklung verläuft linear in einem grenzenlosen Wachstum, wodurch die Erde ausgebeutet wird und große Ungleichheiten geschaffen werden, während Nachhaltigkeit kreisförmig verläuft und alle Wesen miteinander in Beziehungen stellt, die von Interdependenz und Integration geprägt sind, sodass alle miteinander existieren und sich gemeinsam weiterentwickeln können und sollen. Ein Status ist dann als nachhaltig zu bezeichnen, wenn er sich selbst aufrechterhalten, sich reproduzieren, sich den Herausforderungen der Umwelt gemäß bewahren und immer positiv bleiben kann. Das ergibt sich aus der Gesamtheit der Wechselbeziehungen, die mit allen anderen Wesen in ihrem entsprechenden Umfeld gepflegt werden. Nachhaltigkeit begründet ein Paradigma, das in allen Bereichen der Wirklichkeit umgesetzt werden muss.

Damit Nachhaltigkeit tatsächlich verwirklicht werden kann, vor allem, wenn der Faktor Mensch ins Spiel kommt, der in der Lage ist, in die Naturprozesse einzugreifen, reicht das mechanische Funktionieren der Prozesse der Interdependenz und der Integration nicht aus. Ein weiterer, mit Nachhaltigkeit kompatibler Aspekt muss hinzukommen: Achtsamkeit. Achtsamkeit begründet ebenfalls ein weiteres Paradigma.

Zuallererst ist Achtsamkeit eine kosmologische Konstante. Wären die Ursprungsenergien und die Grundelemente nicht durch eine solidarische Form der Achtsamkeit gelenkt worden, sodass alles seine eigenen Proportionen aufrechterhielt, wäre das Universum nicht entstanden, und wir wären nicht hier und würden über Achtsamkeit reden. Wir selbst sind Söhne und Töchter der Achtsamkeit. Wenn unsere Mütter uns nicht in grenzenloser Achtsamkeit empfangen hätten, wären wir nicht in der Lage gewesen, unsere Wiege zu verlassen und uns auf Nahrungssuche zu begeben. Achtsamkeit ist eine Voraussetzung dafür, dass ein Wesen zum Dasein gelangt. Sie gibt im voraus eine Orientierung an, um zu gewährleisten, dass unsere Taten eher konstruktiv als destruktiv sind.

Achtsamkeit spielt in allem, was wir tun, eine Rolle. Wir kümmern uns um das, was wir lieben. Wie lieben das, worum wir uns kümmern. In Anbetracht des Wissens, das wir heute über die Gefahr haben, die über die Erde und das Leben schwebt, ist uns klar, dass, sollten wir uns nicht um diese kümmern, unsere Spezies vom Auslöschen bedroht ist, während die ausgelaugte Erde noch Jahrhundertelang weiter im Kosmos bestehen wird, bis vielleicht ein anderes, mit hoher Komplexität und Achtsamkeit ausgestattetes Wesen erscheint, das in der Lage ist, den Geist des Gewissens auszuhalten.

Nachfolgend werden wir die verschiedenen Bedeutungen der Achtsamkeit zusammenfassen, die sich von vielen Quellen ableiten, die hier nicht aufgezählt werden, und die von der lang zurückliegenden Antike stammen, von den Griechen und Römern, über St. Augustinus und in Martin Heidegger kulminieren, der in der Achtsamkeit die Quintessenz des menschlichen Wesens sah, und zwar in der Welt zusammen mit den anderen und orientiert auf die Zukunft hin. Wir erkennen vier große Bedeutungen, die miteinander zusammenhängen.

Erstens: Achtsamkeit ist eine Beziehung, die sich in einer zärtlichen, sanften, freundschaftlichen, harmonischen und beschützenden Haltung gegenüber der persönlichen, sozialen und ökologischen Wirklichkeit ausdrückt.
Bildlich ausgedrückt können wir sagen, dass Achtsamkeit die geöffnete Hand ist, die sich zur essentiellen Liebkosung verlängert, zur ausgestreckten Hand; Achtsamkeit sind die Finger, die sich mit anderen Fingern zu einem Bündnis der Kooperation und vereinter Kräfte ineinander verschlingen. Sie ist das Gegenteil der geschlossenen Hand und der harten Faust, die den anderen unterordnet und dominiert.

Zweitens: Achtsamkeit beinhaltet alle Arten von Betroffenheit, Sorge, Unruhe, Unbehagen und sogar Angst um Personen und Wirklichkeiten, mit denen wir emotional verbunden sind und die uns aus diesem Grund wertvoll sind. Diese Art von Achtsamkeit begleitet uns in allen Momenten und in jeder Phase unseres Lebens. Es ist ein Verwobensein mit den Situationen und Personen, die uns wichtig sind. Sie bringen uns Achtsamkeit entgegen und lassen uns essentielle Achtsamkeit leben.

Drittens: Achtsamkeit ist die Erfahrung der Beziehung zwischen dem Bedürfnis, dass sich jemand um uns kümmert, und der Veranlagung, sich zu kümmern, wodurch ein Ensemble aus Hilfe und Schutz entsteht (holding), das diese unauflösliche Beziehung auf einem persönlichen und sozialen Level und mit allen Lebewesen ermöglicht. Achtsamkeit in Zärtlichkeit, Achtsamkeit in Sorge und Achtsamkeit in Hilfe/Schutz sind existentiell, d. h. sind objektive Daten in der Struktur unseres Daseins in Zeit, Raum und Geschichte, wie Winnicott aufzeigte. Sie gehen jeder anderen Tat voraus und liegen allem, was wir unternehmen, zugrunde. Dies ist der Grund, warum sie ein Teil der menschlichen Natur sind.

Viertens: Achtsamkeit in Vorsicht und Achtsamkeit in Prävention beziehen sich auf solche Haltungen und Verhaltensweisen, die vermieden werden müssen: wegen ihrer vorhersehbaren schädlichen Konsequenzen (Prävention) und der unvorhersehbaren Folgen, die manchmal aus der Ungenauigkeit wissenschaftlicher Daten und der Unvorhersehbarkeit ihrer schädlichen Auswirkungen auf das Lebenssystem und das System der Erde (Vorsicht) resultieren. Achtsamkeit in Prävention und Achtsamkeit in Vorsicht entstehen durch unseren Auftrag, für alle Wesen Sorge zu tragen. Wir sind ethische Wesen und verantwortlich für solche Konsequenzen, d. h. wir sind uns der nützlichen bzw. schädlichen Konsequenzen unserer Handlungen, Haltungen und unseres Verhaltens bewusst.

Daraus folgt, dass Achtsamkeit mit den vitalen Fragen verbunden ist, die zur Vernichtung unserer Zukunft bzw. zur Erhaltung unseres Lebens auf diesem kleinen und schönen Planeten führen kann. Nur wenn wir radikal Achtsamkeit leben, können wir die notwendige Nachhaltigkeit unseres Gemeinsamen Hauses und unseres Lebens gewährleisten.

Leonardo Boff
25.05.2012

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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Eine Antwort zu Was bedeutet Achtsamkeit?

  1. gilsei schreibt:

    olá, traductina 🙂 foi um prazer encontrar os textos de l. boff em alemao! assim, podemos compartilhar com os amigos daqui da alemanha as ideias deste admirável pensador. aproveito para compartilhar um link, uma entrevista que acabei de ler e que tomo a liberdade de sugerir que, se possível, seja também traduzida… http://revistaepoca.globo.com/Sociedade/eliane-brum/noticia/2012/06/dom-erwin-krautler-nao-ha-palavras-para-o-que-senti-diante-do-caixao-da-dorothy-final.html

    saudacoes,

    gilca

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