Papst Franziskus ruft zum Wiederaufbau der Kirche auf

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erd-Charta Kommission

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Vor kurzem sagte ich in den sozialen Netzwerken voraus, dass der zukünftige Papst „Franziskus“ heißen würde. Und ich habe mich nicht geirrt. Warum Franziskus? Weil der Heilige Franziskus sich auf den Weg der Bekehrung begab, als er vom Kreuz der Kapelle San Damiano angesprochen wurde: „Geh, Franziskus, und baue mein Haus wieder auf. Du siehst ja, es zerfällt.“ (Hl. Bonaventura, Legenda Maior, II,1). Franziskus nahm diesen Auftrag wortwörtlich und baute die kleine Kirche von Portiunkula wieder auf, die immer noch in Assisi steht und sich im Innern einer riesigen Kathedrale befindet. Später wurde ihm klar, dass dieser Auftrag spirituell zu verstehen war: „die Kirche, die Christus mit seinem Blut erlöst hat“ wieder aufzubauen (a.a.O.). Von dort aus entstand seine Bewegung der Erneuerung der Kirche, welcher der mächtigste Papst der Geschichte, Innozenz III., vorstand. Er begann, mit Aussätzigen zusammen zu leben und Arm in Arm mit einem von ihnen das Evangelium zu verkündigen, indem er sich der Sprache des Volkes bediente und nicht auf Latein sprach. Es ist gut zu wissen, dass Franziskus kein Priester war, sondern ein einfacher Laie. Erst gegen Ende seines Lebens, als der Papst den Laien das Predigen verbot, akzeptierte er, Diakon zu werden, doch nur unter der Voraussetzung, keine Vergütung für seine Dienste zu erhalten.

Wieso aber hat der Kardinal Jorge Mario Bergoglio den Namen Franziskus gewählt? Meiner Meinung nach, weil ihm bewusst war, dass die Kirche kurz vor dem Kollaps stand infolge des Autoritätsverlusts durch die diversen Skandale, und da sie das Wertvollste, das sie besessen hatte, einbüßen musste: die Moral und die Glaubwürdigkeit.

Franziskus ist nicht nur ein Name; es ist das Projekt einer Kirche, die arm und einfach ist, die sich am Evangelium orientiert und ihrer Macht beraubt ist. Es ist eine Kirche, die sich mit den Geringsten unter uns auf den Weg begibt, die die ersten Ordensgemeinschaften für Männer und Frauen gründete, die unter den Bäumen das Brevier mit den Spatzen beteten. Es ist eine ökologische Kirche, die alle Lebewesen als „Brüderchen und Schwesterchen“ bezeichnet. Franziskus war der Kirche und dem Papst gegenüber gehorsam und ging doch gleichzeitig seinen eigenen Weg, das Evangelium der Armut unter dem Arm. Der Theologe Joseph Ratzinger schrieb einmal: „Franziskus‘ Ablehnung einer solcherart herrschaftlichen Kirche hätte radikaler nicht sein können. Wir würden so etwas als prophetischen Protest bezeichnen.“ (in Zeit Jesu, Herder 1970, 269). Er spricht nicht über das Neue, er lebt es einfach.

Ich glaube, Papst Franziskus hat eine Kirche außerhalb der Paläste im Sinn, die frei von Machtsymbolen ist. Das hat er bei seinem öffentlichen Auftritt gezeigt. Üblicherweise trugen die Päpste, und besonders Ratzinger, die Mozzetta, ein goldbestickter Schulterkragen, der den Kaisern vorbehalten war. Papst Franziskus trat nur einfach weiß gekleidet auf.

Es lohnt sich, drei Punkte von großer symbolischer Bedeutung aus seiner Antrittsrede hervorzuheben:

Erstens sagte er, er wolle „in der Nächstenliebe präsidieren“, was in der Zeit der Reformation angestrebt wurde, wie auch von den besten Theologen der Ökumene. Der Papst sollte nicht wie ein absolutistischer Monarch präsidieren, ausgestattet mit heiliger Vollmacht, wie es das kanonische Recht vorsieht. Gemäß Jesu Botschaft soll er in Liebe präsidieren, um die Brüder und Schwestern im Glauben zu bestärken.

Zweitens hat er das Volk Gottes in den Mittelpunkt gestellt, wie es das Zweite Vatikanische Konzil vorsieht, was aber die beiden vorangegangenen Päpste zugunsten der Hierarchie außer Acht gelassen hatten. Papst Franziskus bat das Volk Gottes demütig darum, für ihn zu beten und Gott um den Segen für ihn zu bitten. Dann erst segnete er das Volk Gottes. Das bedeutet: Er ist da, um zu dienen und nicht, um bedient zu werden. Er bittet um Hilfe bei der Suche nach einem gemeinsamen Weg und ruft nach Geschwisterlichkeit für alle Menschen, die sich nicht mehr als Brüder und Schwestern erkennen, sondern sich als Gefangene in den Stricken der Ökonomie erleben.

Schließlich vermied er jegliches Spektakuläre, das der Figur des Papstes zu eigen ist. Er erhob nicht die Arme, um das Volk zu grüßen, sondern blieb still, standhaft und ernst, fast würde ich sagen erschrocken. Man sah ihn als eine weiße Gestalt, die sanft die Menschenmenge anschaute. Doch er strahlte Frieden und Vertrauen aus. Er zeigte Humor, als er ohne jegliche offizielle Rhetorik sprach, so wie ein Hirte zu seinen Gläubigen.

Es muss erwähnt werden, dass dies ein Papst ist, der aus dem tiefen Süden kommt, wo die ärmsten Menschen leben und sich 60 % der Katholiken befinden. Mit seiner pastoralen Erfahrung und seiner Sichtweise „von unten“ kann er die Kurie umgestalten, die Verwaltung dezentralisieren und der Kirche ein neues, glaubwürdiges Gesicht verleihen.

Leonardo Boff
15.03.2013

vom selben Autor: Zärtlichkeit und Kraft. Franz von Assisi, mit den Augen der Armen gesehen, Patmos Verlag, 1983

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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3 Antworten zu Papst Franziskus ruft zum Wiederaufbau der Kirche auf

  1. Heiner Vogt schreibt:

    Ich werde von gleicher franziskanischer Hoffnung erfüllt wie Leonardo Boff

    • Ich auch! Fast habe ich das Gefühl, ich träume, da muss es doch noch einen Haken geben. Es kann doch nicht sein, dass es einen so guten Papst geben soll!

      • Sarah Madleine schreibt:

        Guter Papst? Menschheit wach auf! Der Papst ist ein Jesuit! Jesus braucht keinen Stellvertreter auf dieser Welt.
        Diese Welt regiert der Satan (Luzifer). Jesus hat Luzifer am Kreuz besiegt. Jesus ist der Sieger.
        Gut das Jesus kommen wird. Hoffendlich bald.

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