Das Verschwinden der Vaterfigur und die Gewalt in der Gesellschaft

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erd-Charta Kommission

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Es ist bekannt, dass sich die Vaterrolle in der heutigen Gesellschaft in einer Krise befindet. In seiner Funktion als Vater ist er der Erste, der seinen Söhnen und Töchtern Grenzen setzt. Gewalt, d. h. mangelndes Bewusstsein für Grenzen, breitet sich unter den Jugendlichen in Schule und Gesellschaft aus und ist das Resultat aus dem Rückzug der Väter.

Das Abschwächen der Vaterfigur hat die Familien aus dem Gleichgewicht gebracht. Die Scheidungsrate ist in einem solchen Maß angewachsen, dass eine regelrechte Gesellschaft geschiedener Familien entstand. Die Rolle des Vaters ist nicht nur verschwunden, wir konstatieren auch den sozialen Tod des Vaters.

Die Abwesenheit des Vaters kann auf keinen Fall akzeptiert werden. Sie betrifft die Kinder, beeinflusst deren Lebensweg und schwächt deren Willen, Projekte in Angriff zu nehmen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Wir müssen dringend die Vaterfigur auf einer anderen Basis neu erfinden. Zu diesem Zweck ist es von grundlegender Wichtigkeit, zuerst zwischen den Vatermodellen und dem anthropologischen Vaterprinzip zu unterscheiden. Diese Unterscheidung, die selbst in wissenschaftlichen Diskussionen oft außer Acht gelassen wird, hilft uns, Missverständnisse zu vermeiden und den unveräußerlichen und dauerhaften Wert der Vaterfigur zu retten erhalten.

Die psychoanalytische Tradition zeigte auf, dass der Vater für das erste und notwendige Aufbrechen der intimen Mutter-Sohn/Tochter Bindung verantwortlich ist und für die Hinführung des Kindes in die weitere Welt, d. h. in die transpersonalen Beziehungen mit Geschwistern, Großeltern, Verwandten und anderen Mitgliedern der Gesellschaft.
In der transpersonalen und sozialen Welt sind Ordnung, Disziplin, Rechte und Pflichten sowie Autorität vorherrschend, und Grenzen zwischen verschiedenen Gruppen müssen respektiert werden. Hier arbeiten Menschen, geraten in Konflikte und verwirklichen Lebenspläne. Aus diesem Grund müssen die Kinder Selbstsicherheit beweisen, Mut zeigen und die Bereitschaft, Opfer zu bringen, um entweder Schwierigkeiten zu überwinden oder bestimmte Ziele zu erreichen.

Der Vater ist der Archetyp und die symbolische Inkarnation dieser Haltungen. Er stellt die Brücke zur sozialen und transpersonalen Welt dar. Das Kind muss von jemandem geleitet werden, wenn es in diese neue Welt eintritt. Ein Kind, dem dieser Bezugspunkt fehlt, wird unsicher, verloren und antriebslos.

Genau zu diesem Zeitpunkt wird ein Prozess von fundamentaler Wichtigkeit für die kindliche Psyche in Gang gesetzt, der lebenslange Konsequenzen hat: die Anerkennung von Autorität und die Akzeptanz von Grenzen, die mithilfe der Vaterfigur erworben wird.
Das Kind hat die Erfahrung einer Mutter und eines Mutterschoßes gemacht, der die Befriedigung aller Bedürfnisse, die Wärme einer Intimität voller Geborgenheit, eine Art Paradies, darstellte. Nun muss das Kind etwas Neues lernen: dass diese neue Welt nicht einfach nur eine Ausweitung der Welt der Mutter ist; dass es in dieser neuen Welt Konflikte und Grenzen gibt. Es ist der Vater, der das Kind dazu führt, diese Dimension zu erkennen. Mit seinem Leben und seiner Erfahrung erscheint er als die Autoritätsperson, die in der Lage ist, Grenzen zu setzen und das Kind zu einem Verantwortungsbewusstsein hinzuführen.

Es gebührt dem Vater, dem Kind die Wichtigkeit dieser Grenzen und den Wert der Autorität beizubringen, ohne die sein Eintritt in die Gesellschaft traumatisch verlaufen würde. In dieser Periode bewegt sich das Kind von der Mutter weg, möchte ihr möglicherweise nicht einmal mehr gehorchen, und nähert sich dem Vater: Es sehnt sich danach, von ihm geliebt zu werden und verlangt nach seiner Führung. Es ist die Aufgabe des Vaters, das Spannungsverhältnis des Kindes zu seiner Mutter zu überwinden und die Harmonie zu ihr wiederherzustellen.

Diese wahrhafte Pädagogik umzusetzen ist unbequem. Misslingt einem Vater diese Aufgabe, so kann er seinem Kind damit schweren und möglicherweise dauerhaften Schaden zufügen.

Was geschieht, wenn der Vater in der Familie abwesend ist oder die Mutter allein erziehend ist? Die Kinder dieser Familien scheinen verstümmelt, unsicher und unfähig, einen Lebensplan zu definieren. Sie tun sich schwer damit, Autoritäten und Grenzen zu akzeptieren. Das anthropologische Vaterprinzip, eine dauerhafte Struktur, ist grundlegend für den Individuationsprozess jedes Menschen. Es ist nicht vorgesehen, dass diese Personalisierungsfunktion verschwindet. Sie wird weiterhin von den Kindern während deren ganzen Lebenszyklus internalisiert werden als eine Matrix in der Herausbildung einer gesunden Persönlichkeit. Sie verlangen geradezu danach.

Die sozial-historischen Modelle, die das anthropologische Vaterprinzip verkörpern, sind unterschiedlich. Diese Modelle verändern sich ständig, variieren mit der Zeit und in den verschiedenen Kulturen. Sie sind vergänglich.

Da gibt es z. B. die Form des patriarchalischen Vaters im ländlichen Bereich mit ausgeprägten Macho-Zügen. Der Vater in der städtischen und bürgerlichen Kultur, der sich eher wie ein Freund als ein Vater gibt und keine Grenzen setzt, unterscheidet sich von ihm.
Der Prozess verläuft nicht linear. Er ist spannungsgeladen und tatsächlich schwierig, jedoch unerlässlich. Eltern müssen sich in ihren je eigenen Aufgaben miteinander abstimmen, um sich korrekt zu verhalten. Es muss ihnen bewusst sein, dass es Fort- und Rückschritte geben kann. Das ist Teil der conditio humanae und völlig normal.

Es ist auch wichtig anzuerkennen, dass es auch überall konkrete Vaterfiguren gibt, die erfolgreich dieses Krisen bestehen, in Würde leben, arbeiten, ihre Pflichten erfüllen und Verantwortung und Entschlossenheit zeigen. Auf diese Weise erfüllen sie die archetypische und symbolische Funktion für ihre Söhne und Töchter. Es ist eine unerlässliche Funktion, wenn die Kinder reifer werden und ins Leben eintreten können sollen, ohne traumatisiert zu werden, bis sie selbst einst Väter und Mütter werden. Darin besteht Reife.

Leonardo Boff
30.09.2013

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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5 Antworten zu Das Verschwinden der Vaterfigur und die Gewalt in der Gesellschaft

  1. Viktoria schreibt:

    “… Das Kind hat die Erfahrung einer Mutter und eines Mutterschoßes gemacht, der die Befriedigung aller Bedürfnisse, die Wärme einer Intimität voller Geborgenheit, eine Art Paradies, darstellte. Nun muss das Kind etwas Neues lernen: dass diese neue Welt nicht einfach nur eine Ausweitung der Welt der Mutter ist; …”

    Aus meiner jahrelangen Erfahrung mit dem Auflösen von Familien- und gesellschaftlichen Verstrickungen, finde ich diesen Artikel wichtig und weitestgehend richtig. Die neuere Entwicklung, die den windelwechselnden Vater (eigentlich eine Selbstverständlichkeit) mit großem Hallo begrüßt, übersieht genau die oben beschriebene Dynamik. Der Vater wird zu einem späteren Zeitpunkt elementar wichtig und ich bin gespannt, wie die gesellschaftlichen Bedingungen damit umgehen, da “moderne Väter” ja dafür gelobt wird, die Fortsetzung des Mutterschoßes zu sein. Um in diesem Bild zu bleiben. Vielleicht stellt man dann fest, dass den Kindern UND dem gesellschaftlichen Klima die Mütter abhanden gekommen sind …”

    Danke für diesen Artikel und die Übersetzung.

  2. Viktoria Hammon schreibt:

    Hat dies auf Angst besiegen – Ziele erreichen rebloggt und kommentierte:
    “… Das Kind hat die Erfahrung einer Mutter und eines Mutterschoßes gemacht, der die Befriedigung aller Bedürfnisse, die Wärme einer Intimität voller Geborgenheit, eine Art Paradies, darstellte. Nun muss das Kind etwas Neues lernen: dass diese neue Welt nicht einfach nur eine Ausweitung der Welt der Mutter ist; …”

    Diesen Artikel finde ich wichtig und weitestgehend richtig. Meine jahrelange Erfahrungen mit ursächlichem Auflösen von Familienverstrickungen bestätigen das, was Leonardo Boff schreibt. Die neuere Entwicklung, die den windelwechselnden Vater (eigentlich eine Selbstverständlichkeit) mit großem Hallo begrüßt, übersieht genau die oben beschriebene Dynamik. Der Vater wird zu einem späteren Zeitpunkt elementar wichtig und ich bin gespannt, wie die gesellschaftlichen Bedingungen damit umgehen, da “moderne Väter” ja dafür gelobt werden, die Fortsetzung des Mutterschoßes zu sein. Um in diesem Bild zu bleiben. Vielleicht stellt man dann fest, dass den Kindern UND dem gesellschaftlichen Klima die Mütter abhanden gekommen sind …”

    Danke für diesen Artikel und die Übersetzung.

  3. ausgesucht schreibt:

    Interessant, sehr interessant! Und doch stoße ich mich an dem Satz: „Wir müssen dringend die Vaterfigur auf einer anderen Basis neu erfinden“, denn mir scheint das Scheitern der alten Basis nicht soweit verstanden bzw. erklärt, daß das Neu-erfinden die alten, archaischen Mängel umgehen oder überwinden könnte…

    • Viktoria schreibt:

      Zu meinen gedanklichen Stolperfallen gehören die Ausführungen über „Autoritätspersonen“ und „Grenzen setzen“. Das verträgt sich nicht mit der archetypischen Verantwortung des Vaters. So sehe ich im Verhalten von Jugendlichen auch weniger die Nichtakzeptanz von Grenzen, als ein mangelndes Bewusstsein für ihren Platz. So kann ich auch in der genannten „Hinführung zur Welt“ durch den Vater, eher eine Erweiterung des bisherigen Mutter/Kindspektrums sehen, als Grenzen.

      Dennoch, der Artikel enthält positive Akzente und regt zu neuen Gedanken an – denn wer kann zu diesem Thema keine Erfahrungen beitragen? 😉

  4. An manchen Stellen war ich auch zuerst verwundert, aber im Lauf des Textes wurde mir klarer, wohin Boff mit seinen Gedanken führen will. Sicher ist es interessant, darüber nachzudenken, welchen Einfluss eine fehlende Vaterfigur haben kann. Andererseits war es in früheren Generationen wohl auch oft so, dass der Vater nicht so sehr in der Familie anwesend war, sondern eher eine Rolle als „Ernährer der Familie“ hatte und die Erziehung der Kinder ganz deren Mutter überließ.

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