Freundschaft und Liebe bedürfen der Pflege

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erd-Charta Kommission
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Keine zwischenmenschliche Beziehung ist so bereichernd wie die Freundschaft und die Liebe, die wir Menschen erfahren und derer wir uns erfreuen können. Selbst die glühendsten Mystiker vermögen sich mit dem Göttlichen nur über den Weg der Liebe vereinen. Nach den Worten des Hl. Johannes vom Kreuz ist dies die „Erfahrung der Geliebten (Seele), die sich in den Geliebten verwandelt“.

In der Literatur gibt es eine Fülle von Werken über diese zwei Grunderfahrungen. Hier beschränken wir uns auf ein Minimum. Die Freundschaft ist eine Beziehung, die aus einer unbekannten Affinität entsteht, einer völlig unerklärlichen Sympathie, einer liebevollen Nähe, die uns für den anderen ergreift. Zwischen Freunden und Freundinnen entsteht so etwas wie eine Schicksalsgemeinschaft. Die Freundschaft lebt von der Selbsthingabe, von Vertrauen und Loyalität. Freundschaften sind so tief verwurzelt, dass, wenn Freunde sich nach langer Zeit wieder treffen, ihre Verbindung wieder aufgenommen wird und sie sich sogar an ihr letztes gemeinsames Gespräch erinnern können, das schon lange zurück liegt.

Eine Freundschaft zu pflegen heißt achtsam mit dem Leben des Freundes und mit dessen Freud und Leid umzugehen. Ist er in seiner Verletzlichkeit getroffen und verdeckt seine Betroffenheit ihm den Blick zu seinem Leitstern, so findet er bei uns eine Schulter zum Anlehnen. In leidvollen Situationen, in Existenz-, Berufs- und Beziehungskrisen stellt sich heraus, wer unsere wahren Freunde und Freundinnen sind. Sie sind wie der starke Wehrturm der schwachen Burg unseres Pilgerlebens.

Die intensivste Beziehung erleben wir in der Liebe. Sie lässt uns die glücklichsten Momente erfahren sowie die schmerzlichsten Frustrationen. Nichts ist mysteriöser als die Liebe. Sie lebt vom Zusammentreffen zweier Personen, deren Wege sich eines Tages kreuzen, die sich im Blick und in der Gegenwart des anderen wiederfinden, da ein Gefühl der Verliebtheit und des zueinander hingezogen Seins entsteht sowie das Verlangen nach Nähe, bis hin zu dem Wunsch, das ganze Leben miteinander zu teilen, als auch das Schicksal, die schönen und weniger schönen Seiten, die das Leben uns bietet. Nichts ist vergleichbar mit dem Glück, zu lieben und geliebt zu werden. Und nichts ist zerstörerischer, den Worten des Poeten Ferreira Gullar zufolge, als demjenigen, den man liebt, seine Liebe nicht schenken zu können.

All diese Werte, die zu den kostbarsten zählen, sind auch die zerbrechlichsten, denn sie sind den Widersprüchlichkeiten der menschlichen Existenz am stärksten ausgesetzt.

Wir alle tragen in uns Licht und Schatten, bringen unterschiedliche persönliche und familiäre Geschichten mit, einschließlich der ihnen zugrunde liegenden archetypischen Wurzeln unserer Vorfahren, die gezeichnet sind von den guten und tragischen Ereignissen, welche ihre Spuren im genetischen Gedächtnis eines jeden hinterlassen haben.

Die Liebe ist eine subtile Kunst, die all diese Faktoren miteinander verbindet. Sie erfordert die Fähigkeiten des Verstehens, des Verzichts, der Geduld und des Verzeihens, und gleichzeitig schenkt sie die gemeinsame Freude an der Liebe, sexuelle Intimität, gegenseitige Hingabe. Die Erfahrung der Liebe ist die Grundlage, um die Wesensart Gottes zu erkennen. Er ist wesentliche und bedingungslose Liebe.

Doch die Liebe allein reicht nicht aus. Aus diesem Grund zählt der Hl. Paulus in seinem Hohelied der Liebe die Attribute auf, ohne die die Liebe nicht andauern und ausstrahlen kann. „Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach (…) Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf“ (1 Kor 13,4-7). Auf diese Begleiter der Liebe zu achten, liefert den nötigen Humus, damit die Liebe immer lebendig bleibt und nicht aus Gleichgültigkeit stirbt. Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit.

Je größer die Fähigkeit zur Selbstaufgabe, umso größer und stärker ist die Liebe. Diese Form steht für einen außerordentlichen Mut und gleicht einer Todeserfahrung für denjenigen, der nichts für sich zurückbehält und ganz im anderen aufgeht. Für einen Mann ist diese extreme Haltung ganz besonders schwierig, was möglicherweise im Erbe des Sexismus begründet ist sowie im Patriarchat und im Rationalismus der Jahrhunderte, die er in sich trägt und der seine Fähigkeit zu einem solch extremen Vertrauen einschränkt.

Die Frau ist radikaler: Sie ist in der Lage, sich in der Liebe rückhaltlos und ohne Einschränkung bis zum Äußersten hinzugeben. Daher ist ihre Liebe vollständig und verwirklicht, und wenn diese frustriert wird, zeigt sich das Leben von seiner tragischen Seite und macht seine tiefen Abgründe sichtbar.

Das größte Geheimnis, wie die Liebe zu pflegen ist, besteht in der Pflege der einfachen Zärtlichkeit. Die Zärtlichkeit lebt von der Freundlichkeit, den kleinen Gesten der Zuneigung, den greifbaren Sakramenten, wie z. B. eine Muschel am Strand aufzuheben und sie dem geliebten Menschen zu bringen und ihm zu sagen, dass man in diesem Moment voll Zärtlichkeit an ihn gedacht hat.

Diese Banalitäten wiegen mehr als die wertvollsten Edelsteine. So wie ein Stern nicht ohne die ihn umgebende Atmosphäre leuchten kann, so kann auch die Liebe nicht ohne die Aura der Zärtlichkeit, der Zuneigung und der Achtsamkeit leben.

Liebe und Achtsamkeit sind ein unzertrennliches Paar. Kommt es zwischen ihnen zur Trennung, stirbt die eine oder andere an Einsamkeit. Liebe und Achtsamkeit sind eine Kunst. Wir geben Acht auf das, was uns wichtig ist. Und wir lieben, worauf wir Acht geben.

Alles was lebt, muss ernährt und gehalten werden. Das Gleiche gilt für die Liebe und die Achtsamkeit. Sie nähren sich von der liebenden gegenseitigen Unterstützung. Der Schmerz und die Freude des einen sind Schmerz und Freude des anderen.

Um die zerbrechliche Eigenschaft der Liebe zu bestärken, brauchen wir jemanden, der größer, zärtlicher und liebevoller ist, auf den wir immer zählen können. Daher ist es wichtig, dass sich die Liebenden Zeit nehmen für die Öffnung hin zu und der Kommunion mit diesem Größeren, dessen Natur die Liebe ist. Diese Liebe bewegt, laut Dante Alighieris Göttlicher Komödie „den Himmel und die Sterne“, und wir fügen hinzu: sie bewegt unsere Herzen.

Leonardo Boff
03.11.2013

Siehe auch: Leonardo Boff, „Achtsamkeit: Von der Notwendigkeit, unsere Haltung zu ändern“, Claudius Verlag, München 2013

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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