Walter Lück : Leben wagen – Herausforderungen annehmen

Im Folgenden einige Textauszüge aus dem Buch „Leben wagen – Herausforderungen annehmen“, das der Autor, Walter Lück, im Geiste Leonardo Boffs geschrieben hat:

Die fünf monotheistischen Religionen beanspruchen, jede für sich, gegenüber den anderen, im Besitz der alleinigen Wahrheit zu sein.
Aus ihrer Geschichte wissen wir, wie sie sich bekämpft haben,
Stichwörter: Kreuzzüge, Hexenverbrennung, bekannte Fehlverhalten von Kirchenmännern bis zu den Päpsten hin.
Warum sollte also eine einzige Religion alleinige Wahrheit haben und die Menschen diesen Tatbestand akzeptieren?

Aus dem Glaubensverdruss heraus wenden sich viele Gläubige esoterischen Richtungen und östlichen Richtungen zu. Diese sind dann, weil weitgehend nicht bekannt, historisch nicht so belastet. Die vom Menschen geforderte Glaubenstiefe ist auch nicht so zwingend. Wer sein Kind in eine anthroposophische Schule (Waldorfschule) schickt, muss sich im Extremfall nicht um die Philosophie von Steiner kümmern. Wer ein christliches Krankenhaus den öffentlichen vorzieht, ebenso bei der Schulwahl für freie Schulen, muss sich mit den jeweiligen geistigen Grundlagen nicht auseinandersetzen. Wer am Wegesrand, aus den verschiedensten Vorgaben und Motiven heraus, Regenwürmer und Kleinlebewesen aufsammelt und zu einer besser geschützten anderen Straßenseite trägt, muss im Leben doch nicht umfassend oder gar zwingend dem ökologischen Denken verpflichtet sein. Wenn eine Lehrerin demonstrativ in den Pausen auf dem Schulhof weggeworfene Essensreste sammelt, kann dies auch eine Demonstration sein, um öffentlich einen guten Charakter vorgeben zu können, was ja ganz hilfreich sein kann für vordergründige Zwecke der Außendarstellung.
Esoterik und östliche Religionen auf einer ganz pragmatischen Ebene sind förderlich für das gedeihliche Zusammenleben. Über die zugrunde liegende Geisteshaltung, die ganz konkret praktiziert und innerlich gelebt wird, sagen sie nichts zwingend aus.

Mithin stelle ich fest:
Der alleinige Anspruch der Religionen auf alleinigen Wahrheitsbesitz kann es in der heutigen Zeit nicht mehr sein. Das Leben, ganz pragmatisch ausgerichtet auf eine vertiefte Lebensgestaltung in Richtung auf: mehr Achtsamkeit, Achtung vor dem Leben, kann doch unseren verloren gegangenen Glauben nicht ersetzen.

Und da kommt mein Ansatz ins Spiel: Gott, das Transzendente, das Eigentliche, das Leben kann nicht außerhalb von uns gesucht werden, sondern ist in unserem Tiefsten und Innersten, das, in dem und aus dem wir leben. Alle Menschen sind ‚göttlich‘ von ihren Gegebenheiten und zu verwirklichenden Möglichkeiten her, alles ist gut, wie es ist: Das muss man einfach mehrfach im Leben erfahren haben, wenn man sich immer wieder ernsthaft mit dem Leben in seinen konkreten Gegebenheiten auseinandersetzt; also nicht als vorgefertigter übernommener Spruch, sondern aus den persönlichen Erfahrungen heraus. Und nebenbei oder gerade deswegen sollten wir allen Menschen helfen, die schönen Erfahrungen des Lebens machen zu können. Wer sich nicht um sein Werden kümmert, für den „fallen“ Begebenheiten immer wieder „vom Himmel“, die wir dann abweisen müssen, nicht an uns herankommen lassen; die Auseinandersetzung als Steilvorlagen des Lebens abweisen und verdrängen statt sie aufzunehmen als Chance für sich und den Begegnenden. Leben aber ist ein Wachsen (auch!) an Widerständen, indem wir uns pragmatisch u n d darüber hinaus nach Erledigung der pragmatischen Sicht und Ebene in der transzendenten Ebene auseinandersetzen. Transzendente Auseinandersetzung, transzendent ausgerichtetes Werden ist für mich Verwahrheiten und Verreinheiten, in der jeweils erreichbaren, aufreißbaren und anreißbaren Ebene, wo ich inneres Wachsen beglückend erfahre. Und von diesem Ansatz her kann ich dann die Aussagen der Religionen wohlwollend mich bereichernd aufnehmen, soweit sie meinen Weg in das Innere fördern. Selbst der Gedanke der Wiedergeburt ist doch kein Problem. Von den Gedanken der Evolution her, bis dieser Tatbestand von der Kirche anerkannt wurde, werden musste, war es ein langer schmerzlicher Weg mit der Kirche. Mein damaliger katholischer Schulleiter sagte, als wir ihn mit der von ihm abgelehnten Evolutionstheorie konfrontierten : Wenn ihr von den Affen abstammt, dann ist es so. Ich jedenfalls stamme von Gott ab. Es ist inzwischen doch unbestritten, dass die Aussagen gegen die Evolutionstheorien auch nicht mehr von Christen ernsthaft vorgetragen werden. Wir tragen das Erbe der Menschheit in uns. Und wir arbeiten an der Zukunft und Zukunftsfähigkeit der Menschheit mit, indem wir positiv willentlich so leben, dass die Schöpfung bewahrt werden kann.- Es geht ja immer um vorgegebene Glaubenstatbestände, die wir von dem vordergründigen Verstehen wegholen hin zu einem geistigen Erfassen in letzter uns jeweils innerlich zugänglicher Tiefe. Das Beispiel zeigt aber auch, wie zäh Religion an über durch Wissenschaft überholten Tatbeständen haften kann, die anschließend so einfach über Bord gehen, weil dies, was Jahrhunderte geglaubt werden musste, einfach nicht mehr haltbar ist.

Meine Tiefe erarbeite ich ein Leben lang, von einer Auseinandersetzung/Erfahrung zur nächsten. Glück und Lebensaufgabe und Lebenssinn bestehen darin, Leben anzunehmen, ohne es mit verordneten Scheuklappen abzustoßen. Was heute Glaubenstatbestand ist, wofür historisch gestorben werden musste und immer noch wird, was danach in späteren Jahrhunderten dann nur noch ein müdes Lächeln hervorrufen kann, wenn dies als Vorwand dient, um die Transzendenz zu dem Eigentlichen im Menschen abzuweisen, zu bekämpfen oder lächerlich zu machen. Ich finde es wunderbar, wie unsere Bestseller der Kirchenkritik (besonders Sloterdijk, Flasch) den Nerv der Zeit treffen, wenn sie Glaubenstatbestände als von der Wissenschaft überholt darstellen, Widersprüche in Kirchenaussagen sehen, Verbrechen der Kirchen ungeschminkt darstellen. Dies ist ein Reinigungsprozess, aber innerlich bringt uns dies allein zunächst nicht weiter.

Mein Ansatz ist : Verwahrheiten und Verreinheiten als Lebensaufgabe.

Ich muss mich nicht mit angeblichen, missbrauchten Vorgaben eines äußeren Gottes und seinen selbst ernannten Bevollmächtigten auf Erden auseinandersetzen. Das kann ich nebenbei, und gut ist es, bringt mich aber innerlich nicht weiter.
Ich gehe vielmehr in die Tiefe. Ich nehme mir viel Zeit und Lebenskraft, um mich mit den Widerfahrnissen und ihren Wirkungen auf mich auseinanderzusetzen. Ich frage mich immer: Welches Weltbild hat der andere, der mit mir in geistigen Austausch kommt? Kann mich dies bereichern, dass ich mehr, vertiefter, glücklicher Mensch werde, oder ist es jeweils ohne Substanz für mich? Und da geht es nicht um gelehrte Gespräche. Dieser Tage hatte ich ein langes Gespräch mit einem „grünen Engel“ im Krankenhaus. Es ist eine Dame, die vor dem Operationssaal des Krankenhauses Kranke anspricht, wenn und wo gewünscht, sie tröstet und kleine Hilfestellungen gibt. Wie entwickelt sich die Seele einer solchen Frau, die tagtäglich mit den Operierten in Hoffnung oder auch Niedergeschlagenheit in den Grenzsituationen ihres Lebens umgeht? Da wird mehr Lebenssicht sichtbar als in hunderten Gesprächen mit den Leeren, den Aufgeblasenen, den vermeintlich Zeitnutzenden für Wegwerftätigkeiten, die Zeitstaubsauger sein können.
Immer wieder greife ich in meinem Buch Begebenheiten auf, die es wert sind, bedacht zu werden. Da geht es nicht um Fehlverhalten oder Begebenheiten, die auch in einer pragmatischen Ebene ohne jede Bedeutung sind.

Und dabei stelle ich fest: Menschen werden in Grenzsituationen am meisten aufgerissen, auch wenn sie diese dann ein Leben lang verdrängen und Fehlverhalten aggressiv verteidigen, wo sie sich stellen müssen.
Grenzsituationen ergeben sich auch, wo die Menschen überfordert sind. Ich erinnere mich, wie ich als Abiturprotokollant alle Protokollblätter falsch eingetragen hatte. Ich war, wie vom Blitz getroffen, erst mal verzweifelt. Wie konnte mir, der ich alles so gewissenhaft mache, diese Bloßstellung im Team der Prüfenden passieren? Und mein damaliger Schulleiter brachte für mich mit wenigen Anweisungen und konkreten Hilfestellungen alles liebevoll in Ordnung. Da kann man dann sein wahres Gesicht zeigen, übrigens gilt dies für beide Betroffene.

Wir leben in zwei Ebenen: in der pragmatischen Ebene u n d in der Ebene der Liebe. Zur Pragmatik gehören Gesetz, Vorschriften, nüchternes Kalkül. Und in die transzendente Ebene der Liebe gehört, dass ich keine Fehler in den Vordergrund stelle, keine suche um meiner Vorteile willen, um andere auszubremsen, sondern weil alles aus dem Innersten kommt.

Und noch einige Arbeitstexte vom selben Autor:

VERGANGENHEIT UND GEGENWART

Ich lebe nicht in der Gegenwart,
wenn herab gefallene Gitter alten Geschehens sich nicht öffnen lassen.
Kreisen und Sinnen, wie das Gitter hätte verhindert werden können
blockieren das Leben
und führen nicht heraus.
Ich will mich aufmachen,
als begleitender Lebensprozess
stetig und immer wieder
Neues zu suchen,
werde Monumente der Vergangenheit lassen,
die mich aussperren,
und Offenlegung und Reinigung
empfindlich gewordener Stellen
blockieren.
Gegenwart wächst mir zu,
indem ich Neues gewinne
und offene Tore durchschreite.
Mein Weg ist immer schon da,
ich kann ihn gehen
oder an fremden Orten
und in fremd gewordenen Zeiträumen
verharren
und das Geschenk meines Lebens
blockieren.

TOD

Haben wollen
Haben müssen
das ist Tod
Tod ist Endgültigkeit.
Angst vor dem Tod der Endgültigkeit
ist Angst vor dem Leben.
Angst, dich zu verlieren
soll mich nicht hindern mich zu zeigen und zu leben,
wie wir tief in uns und im anderen sind.
Ich will dir trauen und du lässt mich sein,
In uns geschenkter Zeit zum Innehalten
zeige ich mich dir.
Zurückhalten würde Energie verschwenden
Wenn ich in mir kreisen müsste, käme ich nicht zu dir
Du bist in mir: ich spüre deine Schritte
ich höre immer genauer zu
was in mir geschieht durch dich
Wer den Tod akzeptiert,
gewinnt das Leben
Ich liebe das Leben
wir sind das Leben

IM SEIN

Im Sein aufgehen
sich in das Sein fallen lassen
wissen um das Ende des Seins
Vertrauen auf das, was geschieht
Innewerden
Innehalten
um unsichtbar allgegenwärtig
ungestört zu sein
Zeit haben
zum Treiben lassen
zum Sehen, was geschieht
Sein lassen können, was ist
Ruhe kommen lassen,
Staunen, das trägt,
auch was dunkel ist

Advertisements

Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Walter Lück : Leben wagen – Herausforderungen annehmen

  1. SalvaVenia schreibt:

    Wenn ich eine Sache kurz berichtigen darf. Islam erhebt keinen alleinseligmachenden Anspruch. Ganz im Gegenteil. Er fordert die Anerkennung einer jeglichen Wahrheit, unabhängig wo diese auftreten mag.

  2. Walter Lück schreibt:

    Herzlichen Dank für die Ergänzung bzw. Berichtigung. Mögen alle Religionen soweit kommen, dass es ihnen nur um Anerkennung von Wahrheit geht . Ich wünsche allen einen frohen Sonntag Walter Lück

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s