Leben als kosmischer Imperativ

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

Jahrhundertelang versuchten Wissenschaftler mithilfe von physikalischen Gesetzen, ausgedrückt in mathematischen Formeln, das Universum zu erklären. Dabei sah man das Universum als eine riesige Maschine an, die stets in einer gleichbleibenden Form funktionierte. In diesem Paradigma hatten Leben und Bewusstsein keinen Platz. Diese wurden dem Bereich der Religionen zugeordnet.

Doch alles änderte sich seit den 1920er Jahren, als der Astrophysiker Edwin Hubble aufzeigte, dass der natürliche Status des Universums nicht Stabilität ist, sondern Veränderung. Das Universum begann sich mit der Explosion eines Punktes auszudehnen: extrem klein, doch unheimlich heiß und voller Potential: der Urknall. Dann bildeten sich die Quarks und die Leptonen, die elementarsten Partikel, die, einmal miteinander verbunden, Protonen und Neutronen erzeugten, die Grundlage der Atome. Und von dort aus nahm alles seinen Anfang.

Ausdehnung, Selbst-Organisation, Komplexität und die Entstehung einer immer ausgeklügelteren Ordnung sind die Charakteristika des Universums. Und das Leben?

Wir wissen nicht, wie es entstand. Wir können nur sagen, dass es der Erde und dem Universum Milliarden von Jahren bedurfte, um die Bedingungen für die Geburt von etwas so Wunderbarem wie das Leben herzustellen. Leben ist fragil, denn es kann schnell erkranken und sterben. Doch Leben ist auch stark, denn bisher konnte nichts, nicht einmal Vulkane, Erdbeben, Meteoriten oder massive Auslöschungen der vergangenen Zeitalter, das Leben komplett auslöschen.

Damit Leben entstehen konnte, brauchte das Universum die drei folgenden Eigenschaften: aus dem Chaos entstehende Ordnung; aus simplen Wesen entstehende Komplexität; Information geschaffen aus den Verbindungen aller mit allen anderen. Doch ein Faktor fehlte noch: Die Schaffung der Bausteine, mit denen das Haus des Lebens erbaut wird. Diese Bausteine wurden inmitten des Herzens der großen roten Sterne geschmiedet, die vor mehreren Milliarden Jahren verglühten. Dies sind chemische Säuren und andere Elemente, die all die Kombinationen und Transformationen ermöglichen. D. h. es gibt kein Leben ohne Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Eisen, Phosphor und die 92 Elemente des Mendeleyevschen Periodensystems.

Werden diese verschiedenen Elemente vereint, formen sie das, was wir als Molekül bezeichnen, das kleinste Teil lebendiger Materie. Die Verbindung mit anderen Molekülen führte zu den Organismen und Organen, welche die Lebewesen schufen, vom Bakterium zum Menschen.

Ilya Prigogine, der 1977 den Nobelpreis für Chemie erhielt, verdanken wir den Beweis dafür, dass das Leben aus den intrinsischen, sich selbst organisierenden Dynamismen des Universums selbst resultiert. Er zeigte ebenfalls, dass es eine Art Fabrik gibt, die kontinuierlich Leben hervorbringt. Der zentrale Motor dieser Lebensfabrik ist die Kombination aus 20 Aminosäuren und 4 stickstoffhaltigen Basen.

Aminosäuren sind eine Säuregruppe, welche die Entstehung von Leben ermöglicht, wenn sie miteinander verbunden sind. Sie bestehen aus vier stickstoffhaltigen Basen, die wie vier Zementarten funktionieren, die die Bausteine zusammenhalten, um die unterschiedlichsten Arten von Häusern zu bilden. Dies ist die Biodiversität.

Folglich schafft derselbe grundlegende genetische Code die heilige Einheit des Lebens, von den Mikroorganismen zu den Menschen. Im Grunde genommen sind wir alle Cousins, Brüder und Schwestern, wie Papst Franziskus in seiner Enzyklika zur integralen Ökologie (Nr. 92) bekräftigt, denn wir sind aus denselben 20 Aminosäuren und 4 stickstoffhaltigen Basen (Adenin, Thymin, Guanin und Cytosin) gemacht.

Was fehlte, war die Wiege, um das Leben willkommen zu heißen: die Atmosphäre und Biosphäre mit all den essentiellen Elementen des Lebens: Kohlenstoff, Sauerstoff, Methan, Schwefelsäure, Stickstoff u. a.

Unter diesen Vorbedingungen passierte vor ca. 3,8 Milliarden Jahren etwas Schicksalhaftes. Möglicherweise aus dem Meer oder einem primitiven Sumpf, wo all die Elemente wie eine Art Suppe blubberten, entstand durch den Aufschlag eines großen Blitzlichts von oben das Leben.

Geheimnisvollerweise gab es 3.8 Milliarden Jahre lang Leben auf dem winzigen Planeten Erde, in einem Sonnensystem fünfter Ordnung, in einem Winkel unserer Galaxie, 29 000 Lichtjahre vom Mittelpunkt dieser Galaxie entfernt. Hier geschah das einzigartigste Ereignis der Evolution: die Entstehung von Leben.

Leben ist die Ur-Mutter aller Lebewesen, die wahre Eva. Alle anderen Lebensformen stammen von ihr, einschließlich wir Menschen, ein Unter-Kapitel im Kapitel des Lebens: unser bewusstes Leben.

Abschließend wage ich mich, dem Biologen und Nobelpreisträger Christian de Duve und dem Kosmologen Brian Swimme anzuschließen, die behaupten, ohne das Leben wäre das Universum unvollständig. Immer wenn ein gewisses Level an Komplexität erreicht ist, wird stets Leben als ein kosmischer Imperativ entstehen, in jedem Teil des Universums.

Wir müssen die verbreitete Meinung überwinden, das Universum bloß als eine physikalische und tote Sache zu betrachten, die, um das Bild etwas auszuschmücken, einige Lebenskörnchen enthält. Dies ist ein armseliges und falsches Verständnis. Das Universum scheint mit Leben angefüllt zu sein und dafür existiert es als die Wiege, die das Leben – und vor allem unser Leben – willkommen heißt.

Leonardo Boff
30.10.2016

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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