Trump verletzt das wichtigste Prinzip der Welt-Gesellschaft

Die Vereinigten Staaten zeichneten sich selbst stets als äußerst gastfreundliches Land aus, da sich praktisch die gesamte nordamerikanische Bevölkerung, abgesehen von den nativen Nationen, aus Einwanderern zusammensetzt. Dasselbe gilt für Brasilien, dessen Bevölkerung aus mindestens 60 verschiedenen Nationalitäten besteht.

Der demokratische Geist und Respekt für religiöse Unterschiede sind in der Verfassung der Vereinigten Staaten verankert. Nun kommt ein Präsident Donald Trump, der mit einer langjährigen nordamerikanischen Tradition bricht: dem Respekt für religiöse Unterschiede, indem er die muslimische, vor allem die aus Syrien stammende, Bevölkerung, ablehnt, sowie die traditionelle Gastfreundlichkeit für die unterschiedlichsten Arten von Völkern, die in die USA kamen oder kommen.

In seinem letzten Buch „Zum ewigen Frieden: Ein philosophischer Entwurf“ schlug der Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) eine Weltrepublik vor, die grundlegend auf zwei Prinzipien basiert: der Gastfreundschaft und dem Respekt der Menschenrechte.

Für Kant ist die Gastfreundschaft (er benutzte den lateinischen Begriff „Hospitalität“) die erste Tugend dieser Weltrepublik, denn „alle Menschen leben auf der Erde, und ausnahmslos alle haben das Recht, auf ihr zu leben und ihre Plätze und Völker zu besuchen; die Erde gehört allen gemeinsam“. Gastfreundschaft ist ein Recht und eine Pflicht aller.

Das zweite Prinzip besteht aus den Menschenrechten, die Kant als „den Augapfel Gottes“ bezeichnet oder als „das Heiligste, das Gott der Erde verlieh“. Diese zu respektieren ermöglicht die Entstehung einer Gemeinschaft des Friedens und der Sicherheit, die der „infamen Kriegeslust“ ein definitives Ende setzt.

In Europa wird die Gastfreundschaft Tausenden von Flüchtlingen verwehrt, die vor Kriegen flüchten, welche von den Völkern des Westens gesponsert werden. Dieselbe Gastfreundschaft wird bewusst und ausdrücklich von Donald Trump Tausenden und sogar Millionen von „illegalen“ Arbeiten verwehrt.

In diesem Kontext sei an einen der schönsten Mythen der griechischen Kultur erinnert, in der ein älteres Paar – Philemon und Baucis – zwei Gottheiten, nämlich Jupiter, dem obersten Gott Griechenlands, und seinem Gefährten, dem Gott Hermes, Gastfreundschaft gewährt.

In dem Mythos verkleiden sich Jupiter und Hermes als armselige Wanderer, um zu testen, wie viel Gastfreundschaft es noch auf Erden gibt. Wohin immer sie kamen, wurden sie abgewiesen.

Eines Spätnachmittags jedoch, als sie schon sehr hungrig und müde waren, wurden sie herzlich von diesem älteren Paar willkommen geheißen, das ihnen die Füße wusch und ihnen Speise und ein Bett anbot, damit sie sich ausruhen könnten. Von dieser Gastfreundschaft waren die Götter sehr berührt.

Als Jupiter und Hermes sich niederlegen wollten um auszuruhen und ihre Lumpen ablegten, beschlossen sie, ihre wahre Identität preiszugeben. Im Handumdrehen verwandelten sie die bescheidene Hütte in einen prachtvollen Tempel. Voll Ehrfurcht warf sich das ältere Paar vor ihnen zu Boden.

Die Gottheiten gewährten den beiden einen Wunsch, den sie sofort erfüllen würden.

Als hätten sie sich bereits abgesprochen, wünschten sich Philemon und Baucis beide, dass sie gern fortan in diesem Tempel dienen und Pilger empfangen würden und am Ende eines so langen Lebens voller Liebe zusammen sterben wollten. Und sie wurden erhört: Eines Tages, als sie im Hof saßen und auf Pilger warteten, sah Philemon plötzlich, dass Baucis‘ Körper sich mit blühendem Laub bedeckte und dass auch sein eigener Körper sich mit grünen Blättern umhüllte.

Sie hatten kaum Zeit, sich voneinander zu verabschieden, da wurde Philemon bereits in eine riesige Eiche verwandelt und Baucis in eine dicht belaubte Linde. Ihre Baumkronen verästelten sich in der Höhe miteinander. Und sich so umarmend sind sie für immer vereint geblieben. Die Alten jener Region, die sich im Norden der heutigen Türkei befindet, geben diese Lektion immer wieder weiter: Wer Fremde beherbergt, beherbergt Gott.

Gastfreundschaft ist das Maß, wie viel Menschlichkeit, Mitgefühl und Solidarität eine Gesellschaft besitzt. Hinter jedem nach Europa kommenden Flüchtling und jedem Einwanderer in die USA befindet sich ein Ozean des Leidens und der Qual sowie Hoffnung auf künftige bessere Zeiten. Abweisung ist ganz besonders demütigend, denn sie verleiht den Einwanderern und Flüchtlingen den Eindruck, sie seien wertlos und nicht einmal als Menschen geachtet.

Die Flüchtlinge kommen nach Europa, denn mehr als zwei Jahrhunderte lang waren die Europäer in ihren Ländern. Sie rissen die Macht an sich, erlegten andere Bräuche auf und beutete ihren Reichtum aus. Jetzt, da die Flüchtlinge in so großer Not sind, werden sie einfach abgewiesen.

Es lohnt sich, den Wert und die Dringlichkeit der Gastfreundschaft, die in jeder menschlichen Kultur etwas Heiliges darstellt, zu retten. Wir müssen uns selbst als gastfreundliche Wesen neuerfinden, um den Millionen von Flüchtlingen und Einwanderern in der ganzen Welt gewachsen zu sein.

Leonardo Boff
05.03.2017

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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