Die Zukunft der Erde fällt nicht vom Himmel

Leonardo Boff
Öko-Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

 

Den meisten Leserinnen und Lesern wird es schwer fallen zu akzeptieren, was ich heute schreibe. Obwohl in den besten wissenschaftlichen Köpfen verankert, die an der Universität studierten, ist die Situation des Planeten Erde und ihr eventueller Kollaps oder qualitativer Sprung in ein anderes Realitätslevel seit fast einem Jahrhundert weder ins kollektive Bewusstsein eingedrungen noch in die größeren akademischen Institute. Das alte atomische, mechanistische und deterministische Paradigma, entstanden im 16. Jh. durch Newton, Francis Bacon und Kepler, besteht beharrlich weiterhin, als hätte es Einstein, Hubble, Planck, Heisenberg, Reeves, Hawking, Prigogine, Wilson, Swimme, Lovelock, Capra und so viele andere nie gegeben, die eine neue Vision des Universums und der Erde ausarbeiteten.

Zu Beginn möchte ich Christian de Duve zitieren, den Nobelpreisträger für Biologie von 1974, der eines der besten Bücher über die Geschichte des Lebens schrieb: „Vital Dust: Life as a Cosmic Imperative (Aus Staub geboren. Leben als kosmische Zwangsläufigkeit, 1995): „Die biologische Evolution treibt mit einem beschleunigten Rhythmus auf eine ernsthafte Instabilität zu. Unsere Zeit erinnert uns an die großen Umbrüche in der Evolution, die durch massives Artensterben geprägt waren“ (S. 355). Diesmal wird die Ursache kein riesiger Meteorit sein, der fast alles Leben eliminiert wie in vergangenen Epochen, sondern die Ursache wird der Mensch selbst sein, der nicht nur selbstmörderisch und gemeingefährlich sein kann, sondern der auch eine Gefährdung für die Umwelt, das Leben und den Planeten darstellt. Der Mensch ist in der Lage, fast alles Leben auf unserem Planeten auszulöschen, sodass nur noch die unterirdischen Mikroorganismen überleben, Bakterien, Pilze und Viren, deren Anzahl in die Billiarden geht.

Angesichts dieser Bedrohung, dem Resultat der Todesmaschine, die durch die Irrationalität der Moderne geschaffen wurde, führte man den Begriff „anthropozentrisch“ ein zur Bezeichnung der  Gegenwart als eine neue geologische Ära, in welcher die große Bedrohung von Zerstörung durch den Menschen (Anthropos) selbst kommt. Der Mensch hat in den Rhythmus der Natur und der Erde interveniert und setzt dies tiefgreifend fort, was die eigentliche ökologische Basis, die uns trägt, beeinträchtigt.

Gemäß den Biologen Wilson und Ehrlich werden jährlich zwischen 70 und 100 Tausend Spezies aussterben aufgrund des feindseligen Verhältnisses, das der Mensch zur Natur aufrechterhält.  Die Konsequenz ist klar: Die extremen Ereignisse, die wir erleben, zeigen unwiderlegbar, dass die Erde aus dem Gleichgewicht gekommen ist. Nur ein Ignorant, so wie Donald Trump es ist, leugnet diese empirische Evidenz.

Der berühmte Kosmologe, Brian Swimme, der in Kalifornien ein Dutzend Wissenschaftler anleitet, die die Geschichte des Universums erforschen, tut sich hingegen schwer, einen Ausweg zu finden. Bei dieser Gelegenheit möchte ich darauf hinweisen, dass der Kosmologe Swimme und der Kultur-Anthropologe Thomas Berry eine Geschichte des Universums herausgaben, die auf den besten wissenschaftlichen Daten basiert, vom Urknall bis heute (The Universe Story, San Francisco, Harper 1992), was bis heute als das brillanteste Werk gilt. (Die Übersetzung ins Portugiesische wurde bereits angefertigt, doch die brasilianischen Verleger waren zu töricht, und bis heute wurde es dort noch nicht publiziert. Die spanische Übersetzung wurde gering geschätzt, da das Buch der konkreten Situation der USA zu viel Raum gibt). Die Autoren entwarfen das Konzept „die ökozoische Ära“ oder das „Ökozoikum“, eine vierte biologische Ära, die auf das Paläozoikum, Mesozoikum und unser Neozoikum folgt.

Das Ökozoikum beginnt mit einer Sichtweise des Universums als kosmogenetisch. Sein Markenzeichen ist nicht die Beständigkeit, sondern die Evolution, Expansion und Selbst-Erschaffung von immer komplexerem „Entstehenden“. Dadurch wird die Geburt neuer Galaxien, neuer Sterne und Lebensformen auf der Erde möglich, einschließlich unseres bewussten und spirituellen Lebens.

Die Autoren schrecken vor dem Begriff „spirituell“ nicht zurück, denn sie begreifen, dass der Geist Teil des Universums selbst ist, stets präsent und der in einer fortgeschrittenen Phase der Evolution selbst-bewusst wurde und uns selbst als Teil des Ganzen versteht.

Diese ökozoische Ära repräsentiert eine Restauration des Planeten durch ein Verhältnis, das geprägt ist von Achtsamkeit, Respekt und Hochachtung gegenüber dem wunderbaren Geschenk der lebendigen Erde. Die Ökonomie sollte nicht Akkumulation anstreben, sondern nur das, was für alle notwendig ist, sodass die Erde ihre Nährstoffe reproduzieren kann. Die Zukunft der Erde fällt nicht vom Himmel, sondern hängt ab von den Entscheidungen, die wir treffen, um im Einklang mit den Rhythmen der Natur und dem Universum zu bleiben. Ich zitiere Swimme:

Die Zukunft wird entweder durch diejenigen bestimmt, die dem Technozoikum angehören – eine Zukunft mit steigender Ausbeutung der Erde als Ressource, stets zum Vorteil der Menschen – oder durch diejenigen, die sich dem Ökozoikum verschrieben haben, einer neuen Weise, mit der Erde in einem Verhältnis zu stehen, in welchem dem Wohlbefinden der Erde und der gesamten Gemeinschaft irdischen Lebens das Hauptinteresse gilt (S. 502).

Wenn das Ökozoikum sich nicht durchsetzt, werden wir aller Wahrscheinlichkeit nach eine Katastrophe erleben, diesmal von der Erde selbst hervorgerufen, womit sie sich von einer Spezies ihrer Kreaturen befreien wird, die alles auf gewaltsame Weise besetzte, indem sie eine andere Spezies bedrohte, die durch die gemeinsame Abstammung und dasselbe genetische Erbe ihre Brüder und Schwestern sind, was aber nicht anerkannt wird und in deren Missbrauch und sogar Mord mündet.

Unser Überleben auf diesem Planeten müssen wir uns verdienen. Doch dies hängt davon ab, ob wir ein freundschaftliches Verhältnis zu Natur und Leben pflegen, und von einer tiefgreifenden Veränderung unserer Lebensweisen. Swimme fügt hinzu: „Wir werden nicht in der Lage sein zu überleben, ohne eine besondere Intuition (Innensicht), die die Frauen schon immer in allen Phasen der menschlichen Existenz hatten“ (S. 501).

Dies ist der Scheideweg unserer Zeit: uns entweder zu verändern oder auszusterben. Doch wer glaubt das schon? Wir werden weiterhin laut unsere Stimme erheben.

Leonardo Boff
12.01.2018

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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