Die Dummheit der Anti-Globalisierung

Leonardo Boff
Öko-Theologe und -Philosoph
Erdcharta-Kommission

Eine Welle der Anti-Globalisierung breitet sich weltweit aus. Dies ist vielleicht eine der regressivsten und absurdesten Phänomene heutzutage. Eine gewisse Anti-Globalisierung gab es bereits als Ergebnis des Protektionismus‘ einiger Länder, doch dies war keine Bedrohung für den allgemeinen und irreversiblen Globalisierungsprozess. Diese Welle wurde als politische Plattform von Donald Trump übernommen, dem, laut Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman, dümmsten Präsidenten der Geschichte Nordamerikas. Dasselbe gilt für unseren kürzlich  designierten Präsidenten, den ehemaligen Kapitän Bolsonaro und seine Minister für Erziehung und das Äußere, allesamt Leugner dieses Phänomens, was nur desinformierten und mit Vorurteilen behafteten Personen nicht auffällt.

Warum ist dies eine solch unsinniger Fehler? Darum, weil er gegen die Logik eines unkontrollierbaren historischen Prozesses verstößt. Wir haben eine neue Phase in der Geschichte der Erde und der Menschheit erreicht. Wie wir wissen, begannen Menschen vor Jahrtausenden, aus Afrika kommend (wir alle haben afrikanische Wurzeln), sich über die ganze weite Welt zu verteilen, beginnend mit Eurasien bis hin zu Ozeanien. Am Ende des Jungpaläolithikums, vor ca. 40.000 Jahren, besetzten Menschen mit ca. einer Million Personen bereits den ganzen Planeten.

Im 16. Jahrhundert begann sich die Diaspora umzukehren. Im Jahr 1521 gelang Fernando de Magallanes die erste Reise rund um den Planeten, womit er bewies, dass die Erde rund ist. Jeder Ort kann von überall erreicht werden. Das europäische Kolonialisierungsprojekt verwestlichte die ganze Welt. Weitreichende Netzwerke, insbesondere für den Handel, verknüpften alles. Dieser Prozess begann im 17. Jahrhundert und setzte sich im 19. Jahrhundert fort, als der europäische Imperialismus mit Schwert und Muskete die ganze Welt seinen Interessen unterwarf. Wir im Äußersten Westen kamen bereits globalisiert zur Welt. Diese Bewegung wuchs noch im 20. Jahrhundert nach dem 2. Weltkrieg. Inzwischen ist sie durch das Internet komplett realisiert, das mit seinen sozialen Netzwerken in Lichtgeschwindigkeit alle miteinander verbindet. Auch die Wirtschaft trug dem Rechnung, vor allem durch die „große Transformation“ (K. Polanyi), den Übergang von einer Marktökonomie zu einer Marktgesellschaft. Alles, einschließlich selbst des Heiligsten der Wahrheiten und der Religionen, wurde zu einer Handelsware gemacht. Karl Marx bezeichnete dies in seinem Buch „Das Elend der Philosophie“ (1847) als „allgemeine Korruption“ und als „universelle Bestechlichkeit“.

Globalisierung, im Französischen nicht ohne Grund als „Planetisierung“ bezeichnet, ist ein unleugbarer historischer Fakt. Wir alle befinden uns am selben Ort: dem Planeten Erde. Noch stecken wir in der Tyrannosaurus-Phase der Globalisierung, die sich unter dem Zeichen der weltweit verbreiteten Ökonomie ausbildet. Sie ist so gefräßig wie der größte aller Dinosaurier, der Tyrannosaurus, da sie zutiefst unmenschlich ist im Hinblick auf die Armut, die sie schafft, und die absurde Anhäufung von Reichtum, die sie erlaubt.

Wir haben bereits die sozial-humane Phase der Globalisierung erreicht dank einiger inzwischen universeller Faktoren wie den Organisationen UNO, WHO, FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen) u. a., den Menschenrechten, dem demokratischen Geist, dem Bewusstsein eines gemeinsamen Schicksals als Menschheit auf dieser Erde und als Homo sapiens sapiens und demens, einer einzigen Spezies.

Wir ahnen bereits den Anbruch der ökozoisch-spirituellen Phase der Globalisierung. Die gesamte Ökologie und das Leben in seiner Diversität, und nicht die Ökonomie, werden im Zentrum stehen. Der Verehrung der gesamten Schöpfung und die neue Wertschätzung der Erde, die als Mutter angesehen wird und als einen lebendigen Super-Organismus, um den wir uns kümmern und den wir lieben müssen, sind zutiefst spirituelle Werte. Die Vorstellung breitet sich aus, dass wir ein Teil der lebendigen Erde sind, das mit einem hohen Niveau an Komplexität begann zu fühlen, zu denken, zu lieben und zu verehren. Die Erde und die Menschheit bilden eine Einheit, wie die Astronauten sehr richtig von ihren Raumschiffen aus bezeugt haben.

Der Augenblick ist bekommen, den der Paläontologe und Wissenschaftler Pierre Teilhard de Chardin im Jahr 1933 prophezeite: „Das Zeitalter der Nationen ist vorbei. Jetzt müssen wir, wenn wir nicht zugrunde gehen wollen, die Erde aufbauen“. Sie ist unser einziges gemeinsames Heim, das einzige, das wir haben, wie Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Über die Sorge für das gemeinsame Haus“ (2015) betonte. Wir haben kein anderes.

Wir hören merkwürdige Vorurteile von künftigen Machthabern und Ministern, Globalisierung sei eine kommunistische Verschwörung zur Beherrschung der Welt. Dies kommt von solchen, die laut Chardin, sich nicht die Zeit nehmen, das Gemeinsame Haus zu bauen, sondern die Gefangene ihrer kleinen armseligen Welt sind, ihrer kleinen engstirnigen Gehirne, denen es an Licht mangelt.

Wenn sie nicht den neuen strahlenden Stern sehen können, so liegt dies nicht am Stern, sondern an ihren blinden Augen.

 

Leonardo Boff
10.12.2018

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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