Hass zu verbreiten und dabei „Gott über alles“ zu verkünden ist Blasphemie

Leonardo Boff
Ökologe – Theologe – Philosoph
Erdcharta-Kommission

Ich wünschte, ich bräuchte diesen Artikel nicht zu schreiben. Doch die akute gegenwärtige politische Krise und der Missbrauch, der in Gottes Namen begangen wird, fordern die öffentliche Funktion der Theologie heraus. Wie in jedem anderen Bereich hat auch die Theologie eine soziale Verantwortung. Es gibt Zeiten, zu denen der Theologe von seinem Katheder herabsteigen und ein paar Worte in die politische Arena richten muss. D. h. Missbräuche anzuprangern und gute Taten publik zu machen, selbst wenn diese Rolle des Theologen von manchen Gruppierungen missverstanden oder als Parteilichkeit angesehen werden kann, obwohl dies nicht der Fall ist.

Ich sehe mich demütig in der Tradition solch prophetischer Bischöfe wie Dom Helder Camara oder der Kardinäle Dom Paulo Evaristo Arns (denken wir an das Buch „Brasilien nie wieder“, das zum Sturz der Diktatur beigetragen hat) und Dom Aloysio Lorscheider, Bischof Dom Waldir Calheiros und andere, die in den düsteren Zeiten der Militätdiktatur von 1964 den Mut hatten, ihre Stimme zu erheben für die Verteidigung der Menschrechte und gegen das Verschwindenlassen und gegen Folter durch Staatsbedienstete.

Wir leben derzeit in einem Land, das zerrissen ist durch tief sitzenden Hass, durch gegenseitige Anschuldigungen  mit einer Wortwahl untersten Niveaus und vielen Fake News, die selbst von den höchsten Autoritäten des Landes, dem derzeitigen Präsidenten, verbreitet werden. Auf diese Weise zeigen sich sowohl die fehlende Gelassenheit in seinem hohen Amt und die desaströsen Konsequenzen seiner Interventionen als auch die Absurditäten, die er im In- und Ausland von sich gibt.

Sein Wahlkampfslogan lautete und ist immer noch „Gott über allem und Brasilien vor allem“. Wir müssen diese Verwendung des Namens Gottes anprangern. Das zweite göttliche Gebot ist da eindeutig: „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen. Nur ist die Verwendung des Namens Gottes hier nicht nur Missbrauch, sondern wahre Gotteslästerung. Warum? Darum, weil es nicht möglich ist, Gott in Beziehung mit Hass zu bringen, mit dem Anpreisen von Folter und Folterknechten und mit Bedrohungen seiner Gegner, so wie Bolsonaro und seine Angehörigen es tun. In den heiligen jüdisch-christlichen Schriften offenbart Gott seine göttliche Art als „Liebe“ und „Barmherzigkeit“. „Bolsonarismus“ betreibt eine Politik der Konfrontation mit den Gegnern, ohne Dialog mit dem Kongress, versteht Politik als Konflikt nach faschistischer Art. Dies hat nichts mit der Liebe und der Barmherzigkeit Gottes zu tun. Folglich propagiert und legitimiert er von oben eine wahre Kultur der Gewalt, die es jedem Bürger erlaubt, bis zu vier Waffen zu besitzen. Eine Waffe ist kein Kinderspielzeug, sondern ein Mittel zum Töten oder zur Verteidigung, indem man seinen Nächsten verstümmelt oder tötet.

Bolsonaro erachtet sich selbst als religiös, doch hier handelt es sich um eine gehässige Religiosität. Sie scheint jeglicher Heiligkeit beraubt und offenbart einen verstörenden Mangel an Spiritualität oder Sinn für Engagement, weder für das menschliche Leben noch für die anderen Geschöpfe, insbesondere nicht für diejenigen, die weniger besitzen. Völlig zu recht sagt Papst Franziskus oft, dass er einen Atheisten guten Willens und mit einer ethischen Einstellung lieber mag als einen heuchlerischen Christen, der weder Liebe noch Mitgefühl für seinen Nächsten hat und keine humanistischen Werte pflegt.

Ich zitiere aus einem Text von einem der größten Theologen des vergangenen Jahrhunderts, der am Ende seines Lebens zum Kardinal ernannt wurde, dem französischen Jesuiten Henri de Lubac:

Wenn es mir an Liebe oder Gerechtigkeit mangelt, entferne ich mich unweigerlich von Dir, mein Gott, und mein Gottesdienst ist nichts anderes als Götzenanbetung. Um an Dich zu glauben, muss ich an Liebe und Gerechtigkeit glauben. Es ist tausendmal wertvoller, an Liebe und Gerechtigkeit zu glauben, als Deinen Namen auszusprechen. Es ist mir unmöglich, Dich zu finden, wenn ich von Liebe und von Gerechtigkeit getrennt bin. Diejenigen, die sich an Liebe und Gerechtigkeit orientieren, sind auf dem Weg, der zu Dir führt.“ (Sur les chemins de Dieu, Aubier 1956, S. 125).

Bolsonaro, sein Clan und seine Anhänger (wenn auch nicht alle von ihnen) orientieren sich weder an der Liebe noch schätzen sie die Gerechtigkeit. Aus diesem Grund sind sie von dem „göttlichen Milieu“ getrennt (Teilhard de Chardin), und ihr Weg führt sie nicht zu Gott. Es gibt Neupfingstliche Pastoren, die Bolsonaro als von Gott gesandt ansehen, doch das ändert nichts an der Haltung des Präsidenten, der im Gegensatz dazu den heiligen Namen Gottes umso mehr beleidigt, insbesondere wenn sie auf Youtube einen pornografischen Beitrag gegen den Karneval posten.

Was für ein Gott beraubt die Armen ihrer Rechte und erteilt den Reichen Privilegien? Was für ein Gott demütigt die alten Menschen, degradiert Frauen und verachtet die Bauern, indem er ihnen die Hoffnung auf eine Rentenversorgung nimmt?

Das Projekt der Sozialversicherung schafft zutiefste soziale Ungleichheiten, und doch haben sie die Stirn zu sagen, dass sie damit Gleichheit schaffen. Ungleichheit ist ein neutrales analytisches Konzept. Aus ethischer Perspektive bedeutet sie soziale Ungerechtigkeit. Theologisch betrachtet bedeutet Ungleichheit Sünde, die Gottes Plan der großen geschwisterlichen Gemeinschaft aller zuwiderläuft.

Der französische Ökonom Thomas Piketty, der berühmt ist für sein Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ (FCE 2014), schrieb auch ein ganzes Buch über die Ökonomie der Ungleichheiten (2015). Gemäß Piketty offenbart sich unsere soziale Ungerechtigkeit in der simplen Tatsache, dass 1 % der Menschen als Multimillionäre einen Großteil des Einkommens der Menschen weltweit unter ihrer Kontrolle haben und dass, laut Marcio Pochmann, ein Spezialist auf diesem Gebiet, in Brasilien die sechs reichsten Milliardäre so viel besitzen wie die 100 Millionen ärmsten Brasilianer (JB 25.09.2017).

Unsere Hoffnung ist, dass Brasilien größer ist als die herrschende Irrationalität und dass wir aus der aktuellen Krise in einem besseren Zustand hervorgehen.

Leonardo Boff
31.03.2019

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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