Covid-19: Es nützt nichts, nur die Zähne des Wolfes zu schleifen

Was Covid-19 betrifft, so konzentriert sich alles auf das Virus und auf alles, was dazu gehört, ebenso auf die unerbittliche Suche nach einem Impfstoff. All dies ist sinnvoll und muss getan werden, aber nicht mit einer verengten Sicht wie der vorherrschenden. Das Virus wird an sich betrachtet, isoliert, unter Ausschluss jeglichen Kontextes. Das geschieht weder in der Wissenschaft noch im neuen Paradigma, dessen axilläre Behauptung darin besteht, zu bestätigen, dass alles mit allem zusammenhängt und nichts außerhalb von Beziehung existiert, am wenigsten das Coronavirus. Es gibt nur sehr wenige Analytiker und Epidemiologen, die auf die Natur verweisen. Nichtsdestotrotz lauten die Worte der Quantenphysik und eines der angesehensten Ökologen der Welt, Fritjof Capra;

„Die Pandemie ist eine biologische Reaktion des Planeten; das Coronavirus muss als biologische Reaktion von Gaia, unserem lebenden Planeten, auf die soziale und ökologische Notlage gesehen werden, die die Menschheit für sich selbst geschaffen hat. Die Pandemie ist aus einer ökologischen Instabilität hervorgegangen und hat tragische Folgen aufgrund sozialer und wirtschaftlicher Ungleichgewichte; die soziale Gerechtigkeit wird zu einer Frage von Leben und Tod während einer Pandemie wie der von Covid-19; sie kann nur durch kollektive und kooperative Maßnahmen überwunden werden“ (FSP 18.12.2020).

Lassen Sie es uns mit unseren eigenen Worten klar sagen: Covid-19 ist eine Konsequenz einer Art von Gesellschaft, die wir in den letzten Jahrhunderten geschaffen haben und die eine weltweite Hegemonie erlangt hat unter dem Namen des Systems der kapitalistischen Produktion mit ihrer politischen Version, dem Neoliberalismus und der Kultur des Kapitals. Die Besessenheit dieses Systems (in China spricht man fälschlicherweise von einer chinesischen Art von Sozialismus, der aber in Wirklichkeit aus einem gewalttätigen und diktatorischen Staatskapitalismus besteht) zeigt sich darin, Profit über alles, über das Leben, über die Natur, über jede andere Überlegung zu stellen. Sein Ideal ist ein unbegrenztes Wachstum materieller Güter auch unter der Annahme, dass es unbegrenzte Waren und Dienstleistungen auf der Erde gäbe. Der Papst bezeichnet diese Voraussetzung in seiner Enzyklika „über unser gemeinsames Zuhause“ als „Lüge“ (N.106). Ein endlicher Planet hält kein Projekt unendlichen Wachstums aus.

Um dieses falsche und trügerische Ziel zu erreichen, schreitet dieses System voran gegen die Natur, entwaldet, verschmutzt die Böden und die Luft, zerstört ganze Ökosysteme, um das Agrobusiness zu erweitern, natürliche Ressourcen zu gewinnen, mehr tierische Proteine zu erwerben, mehr Getreide wie Sojabohnen und Mais und damit den persönlichen und unternehmerischen Gewinn zu steigern.

Diese systematische Repression hat eine Vergeltungsmaßnahme von Seiten der Erde (Gaia) hervorgerufen: die globale Erwärmung, extreme Ereignisse und vor allem ein diversifiziertes Spektrum an tödlichen Viren. Diese Viren ruhten friedlich in der Natur, in Tieren oder in Bäumen. Ein Krieg gegen die Natur hat ihre Lebensräume zerstört. Um zu überleben, sind diese Viren auf andere Tiere oder direkt auf den Menschen übergegangen.

Sie knien vor dem System der unendlichen Akkumulation und vor allem vor der Todesmaschinerie, welche die chemische, biologische und nukleare Rüstung erzeugt hat, die im Angriff gegen das Virus nutzlos ist. Dies besitzt die minimale Größe von 125 Nanomillimetern, ist fast unsichtbar.

Das ganze Werk in Kürze: Das Virus kommt aus der Natur (es lässt sich darüber streiten, ob es von der Fledermaus, vom Pangolin-Säugetier oder von der Bambusratte kommt; das spielt keine Rolle, sie alle sind Kreaturen der Natur). Das ist der wahre Kontext der Covid-19: das System der weltweiten oder chinesischen kapitalistischen Produktion, von dem nur wenige sprechen, geschweige denn die sozialen und fernsehübertragenen Netzwerke, die 24 Stunden am Tag die humanitäre Tragödie von Zehntausenden von Menschenleben begleiten.

Wenn wir einen Impfstoff erlangen, der die bösartigen Wirkungen auslöscht und Covid-19 eliminiert, sind wir dann sicher, das größere Virus auch zu eliminieren? Das ist die zentrale Frage, um nicht einfach zu dem zurückzukehren, was vorher war und was schrecklich für die große Mehrheit der Menschen und für das Gleichgewicht der Erde war.

Wir befinden uns an einem Punkt, an dem wir die neun planetarischen Grenzen überschreiten, jenseits derer das Leben auf dem Planeten nicht weitergeht. Vier von ihnen wurden ausgeschlossen: die Ausbeutung der Böden, die klimatischen Veränderungen, die Zerstörung der biologischen Vielfalt und die Auseinandersetzung mit Stickstoff. Weitere Grenzen zu überschreiten (Verschmutzung der Ozeane, Veränderung des Wassergebrauchs, Ausdünnung der Ozonschicht, globale Erwärmung und chemische Verschmutzung) wird das Lebenssystem und damit unsere Zivilisation zusammenbrechen lassen.

Hinzu kommt ein Datum, das sehr ernst genommen werden sollte: Der Erdüberlastungstag (Earth Shoot Day) ereignete sich am 22. August 2020. Das heißt: Die Vorratskammer der Erde, in der alle erneuerbaren Elemente für die Reproduktion des Lebens gelagert werden, wurde aufgebraucht. Wir werden weniger fruchtbare Böden, geringere Ernten, weniger verträgliches Klima, weniger Wasser, weniger Nährstoffe, weniger reine Luft, mehr Böden mit Düngemitteln usw. haben. Aufgrund der ungebremsten kapitalistischen Konsumkultur haben wir bereits einen ganzen Planeten verbraucht und etwas mehr als die Hälfte des anderen existiert nicht (1,6). Die Erde hat eine Art spezielles Konto eröffnet und alle Zeichen deuten darauf hin, dass wir uns in den Roten Zahlen befinden. Weil wir den (für viele üppigen) Konsum nicht verringern wollen, sondern noch weiter steigern (Konsumismus) möchten, entreißen wir der Erde das, was sie nicht hat. Folglich bereichern sich mehr Menschen, indem sie Engpässe in Kauf nehmen, ein großer Teil der Bevölkerung hungert und hat keinen Zugang zum Lebensnotwendigsten. Das ist der Erde nicht gleichgültig; sie spürt den Schlag und verteidigt sich, indem sie uns Taifune, Stürme, Tsunamis und ihre Waffen schickt: das Spektrum der tödlichen Viren.

Covid-19 ist eine Antwort einer lebendigen Erde und ein Zeichen, das sie uns gibt; Diesmal greift sie also den gesamten Planeten an und nicht nur einzelne Teile wie bisher mit Ebola, SARS u. a. Wir müssen Covid-19 als eines der letzten Zeichen lesen, das Mutter Erde uns sendet. Sie ruft uns zu:

„Entweder ihr entscheidet euch, damit aufzuhören, mich gewaltsam auszubeuten, oder ich kann euch weitere Viren schicken, bis hin zu dem, den eure Biologen am meisten fürchten, den ‚Großen‘, den schrecklichen, den kein Impfstoff oder andere Maßnahme besiegen kann. Die menschliche Spezies würde dezimiert werden. Eine solche Geste schmerzt mich sehr, eine gerechte Strafe für den jahrhundertelang ununterbrochen geführten Krieg gegen das Leben der Natur, die nie geliebt und um die sich niemand gekümmert hat, deine Mutter, die dir immer alles gegeben hat, was du zum Leben brauchst; es hilft euch nicht, die Zähne des Wolfes zu schleifen, die für das verheerende System stehen, das ihr geschaffen habt; er wird damit seine Heftigkeit verlieren, die seine Natur ist, und er wird sein Werk des Todes fortsetzen, das, was ihr selbst Anthropozän und Nekrozän nennt; ihr müsst, wie der von mir gesandte Prophet, Papst Franziskus, sagte, „eine radikale ökologische Bekehrung“ vollziehen: von mir nur das nehmen, was ihr braucht und nichts mehr, so handeln, dass alle ein ausreichendes und anständiges Leben mit einem Minimum an Würde führen können, und ihr müsst mir Zeit geben, mich zu regenerieren und Kraft zu gewinnen, um als Mutter weiterzumachen, um euch und eure Nachkommen ausreichend ernähren zu können. Daher müsst ihr euren Verbrach einschränken, das wiederverwenden, was ihr bereits benutzt habt, und das recyceln, was euch nicht mehr dient, weil es für etwas anderes nützlich sein kann, und vor allem den ganzen Planeten aufforsten, weil die Bäume, meine geliebten Töchter, den Kohlenstoff, den du in die Atmosphäre gesteckt hast, binden und weil sie für euch durch die Photosynthese den Sauerstoff zum Atmen produzieren. Sie halten immer Wasser im Boden, einen lebenswichtigen, gemeinsamen und unersetzlichen Reichtum, der unverkäuflich ist. Stellt untereinander Beziehungen der Zusammenarbeit her und nicht des Wettbewerbs, der Empathie und nicht der der Gefühllosigkeit. Beseitigt die tiefen sozialen Ungleichheiten, die ihr im Eifer geschaffen habt, für wenige Menschen möglichst viel anzuhäufen, während eure Brüder und Schwestern hungert und es ihnen an allem mangelt, sodass sie vorzeitig sterben. Ihr und ich werden den natürlichen Vertrag erneuern müssen, den ihr gebrochen habt, den Vertrag der gegenseitigen Beziehung der Fürsorge und der Zusammenarbeit, und so können wir zusammen eine glückliche Flugbahn bilden, unter dem wohlwollenden Licht des großen Sohnes, der Sonne. Nutzt den gesunden Menschenverstand und Weisheit, denn sonst werdet ihr die Zahl derer anschwellen lassen, die sich in der Prozession zum Grab befinden, das ihr für euch selbst gegraben habt. Vergesst nicht, dass es nicht nur das natürliche und materielle Kapital gibt, das ihr fast bis zum Zusammenbruch ausgebeutet habt. Es gibt auch das menschlich-geistige Kapital, bestehend aus bedingungsloser Liebe, aus Solidarität, Mitgefühl und Offenheit füreinander, ohne Diskriminierung, und die Offenheit für alles, auch für das Unendliche, das tausend Namen trägt, Gott, der alles aus Liebe erschaffen hat, der nichts Geschaffenes hasst und leidenschaftlich in das Leben verliebt ist. Öffnet euch Ihm, indem ihr menschlicher, sensibler seid, die Natur und mich selbst beschützt und einen größeren Sinn für euer Leben findet. Auf diese Weise werden wir ein gemeinsames gesegnetes Schicksal und eine Welt haben, die für eine bessere Zukunft offen ist.“

Entweder hören wir auf diese Warnungen von Mutter Erde und der Natur, zu der wir gehören, und schaffen die Grundlagen einer Zivilisation, die nicht auf Profit, sondern auf Leben – eine Biozivilisation – und eine ÖKOnomie ausgerichtet ist, die mit der ÖKOlogie übereinstimmt, oder wir bereiten uns auf das Schlimmste vor.

Es heißt, der Mensch lerne nichts aus der Geschichte, sondern alles aus dem Leiden. Alle leiden unter der sozialen Isolation und unter der Trennung von Gruppen. Möge dieses Leiden nicht umsonst sein. Möge es nicht das Leiden eines Todgeweihten sein, sondern die Geburtswehen einer Erde, die geliebt und gepflegt wird als eine gute und großzügige Mutter, die eigentlich das einzigartige Gemeinsame Zuhause ist, das wir haben, in dem sich alle anpassen können und müssen, einschließlich der Natur.

Leonardo Boff
Ökologe, Theologe und Philosoph
03.09.2020

Autor von “Covid-19: the Counterattack of Mother Earth to Humanity”, wird in Kürze im Verlag Vozes einscheinen.

Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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