Beiträge von Catholic Church Reform International

Im Folgenden veröffentliche ich die von mir ins Deutsche übersetzten Beiträge von CCR Int’l zur Vorbereitung der Familiensynode im Oktober 2014. Wer Anmerkungen oder weitere Vorschläge dazu hat, kann diese gern einsenden an:

info.de@CatholicChurchReformIntl.org

Unsere Impulse für die Familiensynode

Während des Zweiten Vatikanischen Konzils wurde uns bewusst, dass die Lehren der Katholischen Kirche entwicklungsfähig sind, dass sie dies während der vergangenen 2000 Jahre stets waren und dass unsere Kirche keinen Alleinanspruch auf religiöse Wahrheiten besitzt. Wir bestätigten die Existenzberechtigung anderer Religionen und die Gewissensfreiheit aller Menschen. Wir wurden uns des Unterschieds zwischen Glaube und Theologie bewusst: Wir haben einen Glauben, doch dieser Glaube kann auf vielfältige Weise interpretiert werden, d. h. es gibt viele Theologien, die uns helfen zu verstehen, wer und was wir als Christen sind. Uns, den Mitgliedern der Catholic Church Reform International (Internationale Katholische Kirchenreform-Bewegung, CCR Int’l), ist es wichtig, dass wir uns, selbst wenn wir eine von manchen „offiziellen“ kirchlichen Positionen abweichende Meinung haben, immer noch als gute Katholiken fühlen können und dass wir darüber hinaus kreativ sein können und neue Wege finden, um Jesu Botschaft umzusetzen und damit eine bessere Welt gestalten zu können.

Die gesamte kirchliche Soziallehre ist bestrebt, das, was Jesus durch Worte und Taten lehrte, zu erläutern und zu vertiefen. Dabei wird selbstverständlich berücksichtigt, dass wir heutzutage mit Situationen konfrontiert sind, die Jesus sich niemals hätte vorstellen können. Und während wir uns der Erkenntnisse der modernen Wissenschaften, einschließlich der Sozial- und Humanwissenschaften und insbesondere der Theologie sowie anderer betroffener Fachgebiete, bedienen, um unseren Weg durch das Dickicht mancher komplexer Sachverhalte zu finden, stellen wir uns immer wieder die Frage: „Wie würde Jesus reagieren?“ In Bezug auf die kirchliche Soziallehre, soweit sie das Familienleben betrifft, berührt vieles davon die Sexualität – und Sexualität wird nicht wirklich von der kirchlichen Hierarchie verstanden. Das Ausmaß dieses Unverständnisses wird an der Tatsache deutlich, dass fast durchgängig auf die Fälle von Sexualmissbrauch weltweit nicht angemessen reagiert wurde. Insbesondere unterstreicht es den Mangel an Sinn dafür, wie sehr die menschliche Psyche durch Missbrauch und dessen Langzeitwirkung Schaden erleidet. Sexualität durchdringt alles, betrifft nicht nur den physischen Bereich, sondern greift viel tiefer. Dem muss die kirchliche Lehre Rechnung tragen.

Die institutionelle Kirche tut sich seit jeher sehr schwer mit allem, was mit Sexualität zu tun hat. Kleriker vermitteln oft den Eindruck, dass man sich vor Frauen in Acht nehmen muss, da sie eine Versuchung für ihren zölibatären Lebensstil darstellen, und dieser wird oftmals höherwertig dargestellt als die Ehe. Diese Haltung hat zu einem „Klerikalismus“ geführt und zu der Vorstellung, dass Kleriker über Sexualität „erhaben“ seien sowie einen besonderen Status und damit einhergehende Privilegien verdienten. In den meisten Fällen kennen sie Familienleben nur aus der Erfahrung ihrer Herkunftsfamilie, nicht aber von einer selbst gegründeten Familie. Aus diesem Grund fehlt es ihnen an der Erfahrung, wie es ist, sich um den Unterhalt für eine Familie abzumühen, Kinder vom Babyalter an bis durch die Pubertät hindurch zu versorgen, mit Krankheiten und Rückschlägen umzugehen und eine Ehebeziehung lebenslang aufrecht zu erhalten.

Die Mitglieder des Sekretariats der Familiensynode erstellten einen Fragebogen über die pastorale Praxis und die öffentliche Meinung, der den Schwerpunkt auf klerikale Gesichtspunkte legt: Das Verständnis der Ehe aus dem Naturrecht heraus, Seelsorge, Umgang mit Kindern aus nicht-traditionellen Gemeinschaftsformen etc. – wobei diese alle von vornherein auf bestimmten Annahmen basieren. Wenn die Familiensynode im Oktober tagt, werden die meisten der Teilnehmer Bischöfe sein. Es würde die Verbreitung des Evangeliums behindern, wenn die Familiensynode Beschlüsse über Themen fällen würde, die für die Familien weltweit von Bedeutung sind, ohne ein offenes Ohr für die Belange zu haben, die das Kirchenvolk an sie herantragen möchte. Dies ist eine wunderbare Gelegenheit, die Papst Franziskus der Kirchenhierarchie bietet: den Umgang mit ihrer Lehre neu zu überdenken, indem sie sich mit den Erfahrungen katholischer Familien auseinandersetzt und ihnen aufmerksam zuhört.

Die gelebte Erfahrung von Ehe und von verbindlich gelebten Partnerschaften im Allgemeinen hat sich in den letzten Jahrzehnten erheblich verändert. Die an der Synode teilnehmenden Bischöfe müssen einen Weg finden, Einsicht in die Erfahrungen von Menschen in unterschiedlichen Partnerschaften zu gewinnen, und zwar nicht nur in der Ehe, damit sie verstehen, dass es Situationen gibt, in denen die Einzelnen versuchen, guten Gewissens ein ganzheitliches Leben zu führen, alle Verpflichtungen und Kompromisse abzuwägen und oftmals gar nicht die Option haben, auf diese nicht eingehen zu können. Es ist wichtig, dass unsere Kirche dies voll und ganz versteht und unterstützt. Jesus wies niemals jemanden zurück, der guten Glaubens auf ihn zukam, sondern er zeigte ein Einfühlungsvermögen, das alle in Erstaunen versetzte. Aus diesem Grund nannten sie ihn „Rabbi“, Lehrer. Wenn die Kirche Herz und Verstand der heutigen Menschen ansprechen will, so muss sie diesen mit einem ebensolchen Einfühlungsvermögen begegnen.

Catholic Church Reform International ist ein Netzwerk engagierter Katholiken, die sehnlichst eine Reform von kirchlichen Strukturen und eine überarbeitung der kirchlichen Lehre anstreben, damit die Bedeutung der Botschaft Jesu Christi unserer modernen Welt zugänglich gemacht wird. Ungefähr hundert katholische Vereinigungen aus 65 Ländern sind Teil des CCR Int’l Netzwerks, und in den kommenden Monaten vor der Synode werden sich regionale Gruppierungen in vielen dieser Länder treffen, um über diese Eingabe zu diskutieren. Wir vertrauen darauf, dass die Teilnehmer der Familiensynode diesen Beitrag und seine Empfehlungen im Bewusstsein entgegennehmen werden, dass wir sie im Wunsch überreichen, dem zu folgen, wozu uns Papst Franziskus aufruft.

Was sind erfüllende Beziehungen und wie tragen sie zu einer gerechten und gesunden Gesellschaft bei?

Die gelebte Realität der Ehe

Die Realität nicht nur heutiger Ehen, sondern aller Arten von dauerhaften Beziehungen zwischen Individuen, ist viel breiter gefächert als in den vergangenen Jahrhunderten, während derer das Konzept von „Familie“ entstand. Klans und Großfamilien, welche die Menschen in vergangenen Zeiten zusammenhielten und sie in hohem Ausmaß emotional und materiell unterstützten, geben heute in vielen Fällen keinen Halt mehr. Wir haben es mit einem langjährigen Vater-Mutter-Kind-Modell zu tun, das den verschiedenen Möglichkeiten der Lebensgestaltung Platz macht, die Menschen schufen, um ihren komplexen Bedürfnissen nachzukommen. Ebenso gibt es kinderlose Familien, Familien mit nur einem Elternteil, Familien, bei denen Eltern mit Kindern unter einem Dach leben, die von unterschiedlichen Vätern abstammen, und Pflegefamilien, in denen sich großherzige Mütter und Väter um verlassene Kinder kümmern. Angesichts dieser Vielfalt unterscheidet sich die gelebte Erfahrung von „Ehe“ in den meisten Teilen der heutigen Gesellschaft ziemlich von dem Bild, das vielen kirchlichen Dokumenten vergangener Jahrhunderte zugrunde zu liegen scheint, nämlich dem eines Mannes und einer Frau, die durch eine kirchliche Zeremonie miteinander vereint wurden. Die Institution Ehe hat sich im Lauf der Jahrhunderte beträchtlich gewandelt, und es ist wichtig, sich damit auseinander zu setzen, wie sie sich entwickelte. Nach vielen Diskussionen zwischen dem 10. und 13. Jahrhundert wurde die Ehe allmählich als Sakrament anerkannt, zuerst im Jahr 1184 auf der Synode von Verona und schließlich, mit einigen ausführlichen Regelungen, in Trient. Die Gültigkeit einer geschlossenen Ehe hing von da an vom freien Einverständnis beider Parteien ab, das öffentlich und in Anwesenheit eines Priesters und zwei weiterer Zeugen ausgedrückt werden musste. Die Eheleute waren einander zur Treue verpflichtet. Eine gültige Ehe galt als unauflöslich, sobald sie einmal vollzogen war.

Im dunklen Zeitalter und im Mittelalter gab es viele Ausnahmeregelungen. Ethnische Richtlinien über den Grad der Blutsverwandtschaft und Affinität waren anerkannt, unterstützt, verworfen oder abgeändert worden, was sich häufig auf die Gültigkeit der Ehen auswirkte. Kirchengerichte wurden gebildet, die sich mit den Streitigkeiten und Erbschaftsangelegenheiten befassten. Dieser schlichte Umgang mit Ehe konzentrierte sich völlig auf die Paarbeziehung und deren Familien und kam mit wenig oder keiner Beteiligung von Priestern, Zeremonien oder Inanspruchnahme kirchlicher Räume aus.

Bevor Kleriker und römische Juristen im frühen Mittelalter begannen, starken Einfluss auf die Ehe zu nehmen, befand sich in vielen europäischen Kulturen ein Zwei-Stufen-Prozess, in dem auf die Verlobung, zuweilen erst viel später, die Eheschließung folgte. Das Paar verkündete öffentlich und vor Zeugen seinen Wunsch und seine Absicht zur Heirat. Diese öffentliche Verlobung erlaubte dem Paar, den Geschlechtsverkehr zu vollziehen, was in manchen Kulturen als Fruchtbarkeitstest diente, bevor das Paar sich auf eine bindende Eheschließung einließ. Anstatt diejenigen als in Sünde lebend zu verurteilen, die eine liebende, exklusive und respektvolle sexuelle Beziehung vor der Eheschließung eingehen, sollte die lehrende Kirche lieber die Regelungen, die sie in früheren Zeiten akzeptierte, neu überdenken. Sie könnte das Zusammenleben als erste Stufe der Ehe anerkennen. Von den alten Verlobungstraditionen könnte sich die institutionelle Kirche inspirieren lassen, um den Beginn dieses ersten Schritts in einer öffentlich anerkannten Weise zu markieren. (In einem Engagement von ähnlicher Ernsthaftigkeit legen diejenigen, die in einen Orden eintreten möchten, oftmals formal erste Gelübde ab und haben dann einen längeren Zeitraum, um sich Klarheit über ihre Wahl verschaffen zu können, bevor sie sich entschließen, die ewigen Gelübde abzulegen. Wir sehen hierin eine treffende Analogie.) Es gibt einen beträchtlichen Unterschied zwischen Promiskuität und dem Engagement, das für eine ganzheitliche Beziehung mit Heiratsabsicht erforderlich ist. In Anbetracht unserer längeren Lebenserwartung ist es nicht unvernünftig, dass sich Paare Sicherheit verschaffen möchten über die Zusage, die zu machen sie im Begriff sind, und ein Zusammenleben ermöglicht ihnen oftmals, diese Gewissheit zu erreichen. Dieses Engagement geht mit einer Verantwortung einher, die bestärkt würde, wenn die Kirche das Konzept eines modernen Verlobungs-Prozesses anerkennen würde, indem sie den Paaren bei ihrer Vorbereitung auf die Ehe beratend zur Seite stünde. Dies könnte eine viel breitere pastorale Akzeptanz finden als ein generelles Verbot jeglichen vorehelichen Geschlechtsverkehrs.

Der Stress, der auf allen Paar-Beziehungen lastet, ist in den Industrieländern viel größer, was teilweise bedingt ist durch den rückläufigen Einfluss und die geringer erfahrene Unterstützung durch Klans und enger miteinander verbundenen Großfamilien. In den weniger entwickelten Teilen der Welt, in denen solche Strukturen noch existieren, ist die Unterstützung sogar noch weiter zurückgegangen bedingt durch wachsende Armut und politische Unruhen. In seinem apostolischen Schreiben sagt Papst Franziskus: „Die soziale Ungleichheit zeichnet sich immer schärfer ab. Menschen müssen ums Überleben kämpfen – oft um das Überleben mit einem Minimum an Würde.“ Die Aufrechterhaltung ihrer Würde, die Sorge für den Lebensunterhalt der ihnen Anvertrauten und die Stabilität, die ihnen ermöglicht, mit anderen in Beziehung zu treten, verlangt unzähligen Menschen oft ab, eine Wahl zu treffen, bei der es keine ideale Lösung gibt. Doch hält sie dies nicht davon ab, auch unter solchen Bedingungen liebevolle und erfüllende Beziehungen einzugehen. Wie viele Kommentatoren des II. Vatikanums betonten, haben wir den Konzilsvätern eine neue Sicht auf die Kirche im Lauf der Geschichte zu verdanken. Sie sahen die Kirche als stets wachsend, stets sich wandelnd und damit trugen sie dazu bei, das Bild von der Kirche auf bemerkenswert neue Weise zu humanisieren. Diese Maßnahme war kein Zugeständnis an die menschliche Schwäche. Sie basierte auf der Theologie der Inkarnation. Gott wählte, in die Welt des Menschen einzutreten, womit er zeigte, dass es mehr als nur akzeptabel ist, menschlich zu sein. Viele Katholiken würden es begrüßen, wenn die Kirche mit ihrer Haltung zur Wiederheirat den Menschen ihren Segen erteilen würde, zumal sich die kirchliche Lehre und Praxis bezüglich Ehe im Lauf der Jahrhunderte gewandelt hat. Sich über diesen Verlauf der Geschichte bewusst zu sein könnte der Kirche helfen, die Dinge barmherziger zu betrachten.

Scheitern von Beziehungen

Beziehungen können scheitern. Und eine im Sinne Christi verzeihende Kirche gewinnt nichts, wenn sie Paare an den Rand drängt, die ihr Ziel verfehlen, oder schlimmer noch, sie und deren Kinder zwingen, unter einer Hass erfüllten, nur noch so genannten „Ehe“ zu leiden. Wir müssen uns die Frage stellen: „Was würde Jesus wollen?“ Wir sind Menschen, und trotz aller Bemühungen kann es zu Umständen kommen, unter denen nicht nur Einzelpersonen, sondern der ganzen Familie beträchtlicher Schaden zugefügt wird, wenn die Beziehung zum Durchhalten gezwungen ist. Es gibt viele Fälle, in denen beispielsweise häusliche Gewalt, oftmals genährt durch die irrige Vorstellung, die Frau wäre gewisserweise der Besitz oder das Eigentum des Mannes, die Verbindung unerträglich macht. Christen war immer bewusst, was Jesus über Scheidung gesagt haben soll, doch wir wussten nie so recht, wie diese Worte zu verstehen sind. Laut Raymond F. Collins, einem angesehenen katholischen Exegeten, gibt es acht Versionen über Jesu Lehre bezüglich Scheidung, und es ist nicht einfach, zu erkennen, welche davon seine Lehre in ihrem ursprünglichen Sinn widergibt. Zeitgenössische Exegeten halten das Scheidungsverbot Jesu für kulturell bedingt. Indem er die Scheidung verurteilte, versuchte er, der missbräuchlichen Scheidungspraxis jüdischer Männer seiner Zeit entgegenzuwirken, da deren Frauen im Fall einer Scheidung für eine weitere Ehe untauglich wurden, denn, wie berichtet wird, würde kein ehrenhafter Jude eine geschiedene Frau heiraten.

Die Orthodoxen Kirchen, in denen verheiratete Männer Priester (nicht jedoch Bischöfe) werden können, haben eine lange Tradition, derzufolge eine gültig geschlossene Ehe nur durch den physischen Tod aufgelöst wird. Dennoch erkennen diese Kirchen die Scheidung im Fall von unerträglicher ehelicher Disharmonie an, die ihnen zufolge eine Art von Tod darstellt. Die Orthodoxe Kirche sieht Scheidung und Wiederheirat als Ausnahme und nicht als den Regelfall an, doch wenn sie diese anerkennt, dann deshalb, weil sie versucht, „unserem Herrn in der Barmherzigkeit und dem Einfühlungsvermögen, das Er so überschwänglich in Seinem Leben praktizierte,“ nachzueifern. In der abendländischen Kirche sollten wir eine vergleichbar barmherzige und mitfühlende Sichtweise in Erwägung ziehen.

Im Dunklen Zeitalter und im frühen Mittelalter zeigte die institutionelle Kirche nur für die Eheschließungen der königlichen und adligen Familien Interesse. Für die Bauernschaft unterstand die Ehe der Jurisdiktion der örtlichen Gemeinde, und in der Regel mischte die Kirche sich nicht ein. Von Zeit zu Zeit zeigte sie etwas Interesse für die Eheschließung der Dorfbewohner, indem sie ihnen ermöglichte, Verlobungen am Kirchentor anzuerkennen. Es scheint einen großen Spielraum für die Wiedereinführung einer formellen Verlobung, wie zuvor erwähnt, zu geben, die den Paaren bei der Verfestigung ihrer Beziehung helfen könnte, bevor sie sich das endgültige Jawort geben.

Was hält die abendländische Kirche davon ab, dem mitfühlenden Beispiel unserer orthodoxen Brüder und Schwestern zu folgen? Etwa pure Gesetzesgerechtigkeit? Die Kirche schuf anhaltende Schwierigkeiten für sich und das Volk Gottes, indem sie ihren Kirchenrechtlern zu viel Macht einräumte, mit der sie aus einer Liebesgemeinschaft einen durch römisches Recht inspirierten Vertrag machten.

Andere Rechtssysteme sind weit weniger starr und berücksichtigen gewisse Bedingungen, Annahmen, besondere Umstände, einvernehmliche Vertragsauflösungen und das Gemeinwohl. Vor allem aber erkennen sie eine Wertehierarchie an. Das Vertragsrecht im Venedig des 16. Jahrhunderts war sehr strikt. Doch selbst hier, wo das Gericht eifrig bestrebt war, dass Verträge eingehalten und durchgesetzt wurden (um Unternehmer zu ermuntern, sich in Venedig niederzulassen), konnte ein gültiger Vertrag im Lichte einer Wertehierarchie aufgehoben werden. Dies zeigt eine Haltung, die das Leben eines moralisch unschuldigen Menschen höher achtet als den Interessenschutz eines Darlehensgebers, der einem Vertrag eine Vertragsstrafenklausel angefügt hatte, welche ihm bei Nichterfüllung das Recht gab, den Schuldner zu töten (wie beispielsweise in Shakespeares „Kaufmann von Venedig“). Eine gegensätzliche Position vertritt ein tridentinischer Kirchenrechtler, der keine Wertehierarchie anerkennt und darauf besteht, dass eine gültige Ehe nur durch den Tod aufgelöst werden kann, gleichgültig, wie viel Leid dadurch den Ehepartnern und deren Kindern zugefügt wird.

Annullierungen

Nach langwierigen Debatten entschied Papst Alexander III. schließlich, dass eine Ehe gültig und ein Sakrament sei, sobald das Ehepaar seine Zustimmung dazu erteilt habe. Doch er ordnete ebenfalls an, dass sie aufgelöst werden könne, wenn sie nicht vollzogen worden war. Anderenfalls bestand die einzige Möglichkeit der Auflösung einer augenscheinlichen Ehe darin, ihre ursprüngliche Gültigkeit in Frage zu stellen.

Bis zum siebten Verwandtengrad nach der Blutsverwandtschaft oder Schwägerschaft war es für einen guten oder glaubwürdigen Genealogen keine Schwierigkeit, die Ungültigkeit einer königlichen oder adligen Ehe nachzuweisen. Die Kirchenrechtler verfügten ganz einfach, dass das, was jeder andere für eine Ehe gehalten hätte, niemals existiert habe. Die Praxis, eine Dispens zu beantragen, diese zu erhalten und uneheliche Kinder im Nachhinein legitimieren zu lassen, trug auch zur Mäßigung dynastischer Rivalitäten bei. Doch auf die Dauer hatte dieses lavierende Kirchenrecht verheerende Auswirkungen wie den Hundertjährigen Krieg zwischen England und Frankreich, die englischen Bürgerkriege des 15. Jahrhunderts und die englische Reformation von Heinrich VIII., wodurch die Religion in den größten Teilen der englischsprachigen Welt durch die Reformationskirchen geprägt wurde.

Heutzutage wird der Prozess, der für eine Annullierung eingeleitet werden muss, von vielen Katholiken, die diesen durchlaufen haben, als langwierig, allzu zudringlich und ziemlich erniedrigend empfunden. Das Ziel liegt darin, nachzuweisen, dass es sich von Anfang an um keine gültige Verbindung gehandelt habe, da bei mindestens einem der beiden Ehepartner ein Mangel an der Ehefähigkeit vorgelegen habe, ohne die keine gültige Ehe geschlossen werden kann. Dies ist insbesondere erschütternd für diejenigen, die in ihrem Innern davon überzeugt sind, eine gültige Ehe geführt zu haben, und sich nun dazu gezwungen fühlen, das vorgesehene Verfahren einzuhalten und sich selbst zu kompromittieren, um nicht mit der von ihnen geliebten Religion zu brechen. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn sowohl ihre Kinder als auch ihnen nahestehende Menschen die Existenz dieser Ehe ebenfalls bezeugen können. Die Absonderlichkeit der Situation tritt vor allem dann zutage, wenn es sich um eine konfessionsverschiedene Ehe handelt, wo vom nicht-katholischen Partner verlangt wird, zu bestreiten, dass die Ehe jemals existiert habe. Eine solche Erfahrung hat keinerlei positive Auswirkung auf die Psyche der betroffenen Personen, insbesondere, wenn diese die Trennung nicht wollten, und dieses Trauma kann eine mögliche weitere Familienbeziehung beeinträchtigen, in welcher die ehemaligen Partner versuchen, ein neues Leben aufzubauen. Annullierungen können zu inkonsistenten Folgen für Menschen kommen, die versuchen, eine zweite Ehebeziehung einzugehen.

Ferner „kann es durchaus unmoralisch sein“, sagt Franziskanerpater Barry Brunsman, Autor von New Hope for Divorced Catholics (Neue Hoffnung für geschiedene Katholiken), in jedem Fall auf einem Annullierungsprozess zu beharren. Annullierungen nutzen nur einem geringen Prozentsatz von Katholiken weltweit. In vielen Diözesen gibt es keine Ehe-Gerichte, und die wenigen, die über eines verfügen, können nur einen Bruchteil der potenziellen Fälle in ihrem Bistum bearbeiten. Viele Paare, die meinen, einer Annullierung zu bedürfen, verfügen nicht über die (schrift-)sprachlichen Fähigkeiten, um die Formulare auszufüllen, die Dokumente herbeizuschaffen oder den Überblick über einen Prozess zu behalten, der sich über mehrere Monate oder gar Jahre hinziehen kann. Daher ist es nicht verwunderlich, dass nur einer von zehn Katholiken, der sich zivil scheiden lässt, einen kirchlichen Annullierungsprozess anstrebt. Pater Barry fragt sich, wie die Kirche einen Prozess gesetzlich vorschreiben kann, der doch für viele eine Überforderung darstellt.

Wir verlangen keine Veränderung des kirchlichen Standpunkts zur Ehe. „Selbst viele Katholiken, die sich der Mühe einer Scheidung unterzogen haben, wünschen nicht, dass die Kirche ihre Lehre über Dauerhaftigkeit und Treue in der Ehe ändert. Sie suchen vielmehr nach Verständnis und Unterstützung für sich und andere, wenn die gelebte Realität hinter die Schönheit und Wahrheit der Lehre zurückfällt.“ (Kenneth R Himes and James A Coriden, Notes on Moral Theology 1995, Pastoral Care of the Divorced and Remarried; Seelsorge für die Geschiedenen und Wiederverheirateten).

Es bestehen keine Anhaltspunkte dafür, dass die Zulassung Wiederverheirateter zur Eucharistie eine immense Empörung hervorrufen würde. Allerdings besteht eine mindestens ebenso große Wahrscheinlichkeit, dass eine „durchgängige Verweigerung der Sakramente für geschiedene Wiederverheiratete zum Skandal führen würde, indem sie das Zeugnis der Kirche für das Mitgefühl und die Vergebungsbereitschaft Christi schwächt“.

Wir halten es für denkbar, dass einem Paar, das, nach bestem Gewissen handelnd heimlich die Eucharistie empfängt, psychisches Leiden zugefügt wird. Die Eucharistie ist Teil einer Feier der Gemeinde. Das Paar bedarf der Akzeptanz und der Anerkennung durch die Gemeinde, die schließlich das Volk Gottes darstellt. Wenn das Paar diese Anerkennung nicht erfährt – den Erweis eines wachsenden Vertrauens in Gottes allumfassende Liebe, ein Vertrauen, das auf die Macht Gottes baut, die jeden neu erschaffen kann – dann muss es um den Fortbestand seiner Treue zu den Sakramenten und zu seiner Glaubensgemeinschaft kämpfen.

Interessant ist, dass der verstorbene Msgr. Stephen Kelleher, der einst dem Ehegericht der Erzdiözese New York vorstand, dieselbe Meinung vertrat, als er über das interne Forum schrieb. (Er nannte es die Welcome-Home-Lösung.)

„Ich bin davon überzeugt, dass im Fall einer Ehe, die unwiderruflich gescheitert ist, da unerträglich geworden, und die faktisch tot ist, jeder der beiden Ehepartner, unabhängig von seiner Religionszugehörigkeit, das klare Recht hat, sich scheiden zu lassen, ein zweites Mal zu heiraten und in der religiösen Gemeinde seiner Wahl akzeptiert zu werden. Für den Katholiken bedeutet dies hauptsächlich, dass er unbeschränkt zur Feier der Eucharistie eingeladen ist und die Heilige Kommunion auf derselben Basis empfangen kann wie jeder andere Katholik. … Die Welcome-Home-Lösung ist die einzige humane und christliche Umgangsweise für unsere Zeit in der Geschichte.“ („Divorce and Remarriage for Catholics,“ p. 190; „Scheidung und Wiederheirat für Katholiken“)

Darüber hinaus zeigte Papst Franziskus eine überaus mitfühlende Haltung, als er in „Freude des Evangeliums“ in Absatz 47 schrieb:

„Die Eucharistie ist, obwohl sie die Fülle des sakramentalen Lebens darstellt, nicht eine Belohnung für die Vollkommenen, sondern ein großzügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen. Diese Überzeugungen haben auch pastorale Konsequenzen, und wir sind berufen, sie mit Besonnenheit und Wagemut in Betracht zu ziehen. Häufig verhalten wir uns wie Kontrolleure der Gnade und nicht wie ihre Förderer. Doch die Kirche ist keine Zollstation, sie ist das Vaterhaus, wo Platz ist für jeden mit seinem mühevollen Leben.“

Wie die Kirche erfüllende Beziehungen unterstützen und bestärken könnte Wir empfehlen der Familiensynode eine Herangehensweise, die Folgendes umfasst:

  • Eine offen ausgesprochene Anerkennung durch die Kirche, dass sie alle Bemühungen der Gläubigen um eine ehrliche, liebende und erfüllende Beziehung unterstützt und ihren Segen dazu gibt. Im Fall der Eheschließung beträfe das diejenigen, die in Form des vorehelichen Zusammenlebens eine ernsthafte Verpflichtung miteinander eingehen sowie diejenigen, die nach einer gescheiterten Ehe eine neue Beziehung beginnen.
  • Die Kirche könnte eine beratende Funktion übernehmen, in der sie auf Verhaltensweisen und Einstellungen hinweist, die zu stabilen Beziehungen führen können, und nicht so sehr in ihrer traditionellen Rolle Verordnungen erlässt. Sie sollte anerkennen, welch beträchtlicher Einfluss der Sexualität im Entscheidungsprozess zukommt, in dem sich Paare befinden, die sich ernsthaft damit beschäftigen, eine Verpflichtung für eine lebenslange Partnerschaft einzugehen, und sie sollte diese Paare in der Integrität ihrer Handlungen unterstützen.
  • Die Kirche sollte anerkennen, dass Beziehungen scheitern können, und nicht diejenigen von der Teilnahme an den Sakramenten ausschließen, die trotz bestem Willen nicht in der Lage waren, ihre erste Ehe aufrechtzuerhalten. Es gibt viele Situationen, in denen es den Einzelnen nicht gelingt, die Ehe zu retten, was auch immer sie dafür unternehmen, vor allem in solchen Fällen, wenn sie einfach von ihrem Partner verlassen wurden.
  • Wir würden es begrüßen, wenn unsere Kirche mehr Verständnis und Mitgefühl in Bezug auf alle Arten von verbindlichen Partnerbeziehungen zeigen würde – unabhängig davon, ob es sich um zweite Ehen, religionsverschiedene Ehen oder um gleichgeschlechtliche Partnerschaften handelt.
  • Die Kirche sollte stets in ihrer Lehre deutlich machen, dass die Sakramente nicht nur denjenigen zugänglich sind, die einen offenbar vollkommenen Lebenswandel aufweisen, sondern offen sind für diejenigen, denen dies nicht gelingt, obwohl sie unaufhörlich danach streben. Indem sie den Zugang zu den Sakramenten einschränkt, läuft die Kirche mitunter Gefahr, darüber das Beispiel Jesu zu vergessen, der niemals jemanden zurückwies, der mit aufrichtigem Herzen zu ihm kam, und der oftmals sogar gerade auf diejenigen zuging, die in „öffentlicher Sünde“ lebten, um die Macht seiner Liebe zu zeigen.

Selbst unter Beibehaltung der Auffassung, dass die Ehe eine dauerhafte Bindung sein sollte, könnte die Kirche anerkennen, dass manche eheliche Beziehungen sterben. Und wenn dies geschieht, sollten Paare ermutigt werden, am eucharistischen Mahl teilzunehmen – und nicht unter der Bedingung, wie Bruder und Schwester zusammen zu leben. Für die Konzilsväter von Vaticanum II gehörte die körperliche Liebe ins Zentrum der Ehe, als sie schrieben: „Eine solche Liebe, die Menschliches und Göttliches in sich eint, führt die Gatten zur freien gegenseitigen Übereignung ihrer selbst … und durchdringt ihr ganzes Leben. Ja gerade durch ihre Selbstlosigkeit in Leben und Tun verwirklicht sie sich und wächst.“

Im November 2013 verschickte das Sekretariat der Familiensynode Fragebögen an die Bischöfe in aller Welt, um zu erfahren, wie das Kirchenvolk über die Lehre der Kirche zum Thema Familie denkt. Ein Fragenkomplex betraf unsere „Offenheit für das Leben“. Manche Fragen waren von vatikanischer Denkweise geprägt und gingen von Zielsetzungen aus, die eindeutig nicht mehr mit der Denk- und Handlungsweise von christlichen Paaren seit den letzten 40 Jahren in Einklang stehen. In Frage 7 (f) heißt es: Wie kann man eine mehr für die Nachkommenschaft offene Mentalität fördern? Wie kann man einen Anstieg der Geburtenrate fördern?“ (In Italien, das Europas niedrigste Geburtenrate aufweist, lässt sich diese Frage noch nachvollziehen. In manchen afrikanischen Ländern, wo ca. 75 Millionen Frauen jedes Jahr schwanger werden und Millionen Kinder an Unterernährung sterben, ist diese Frage ungeeignet.)

Ganz sicher sollte „Offenheit für das Leben“ mehr als nur „keine Geburtenkontrolle“ bedeuten. Unser Gegenmittel für das, was zeitgenössische katholische Familien schmerzt, sollte über eine Reihe von Moralverboten hinausgehen und sich mehr auf die Qualitäten der Liebe, des Lebens uns der Freude konzentrieren, die uns als Nachfolger Jesu auszeichnen, der sagte, er sei gekommen, damit wir das Leben haben und es in Fülle haben.

Dieses erweiterte Verständnis von Leben hat in der Kirche eine lange Tradition, beginnend mit dem Zitat des Hl. Irenäus: „Die Herrlichkeit Gottes ist der lebende Mensch“ und endend mit der Verlautbarung aus Gaudium et Spes des Zweiten Vatikanischen Konzils über die praktischen Auswirkungen der Botschaft Jesu:

In Verfolgung ihrer eigenen Heilsabsicht vermittelt die Kirche nicht nur den Menschen das göttliche Leben, sondern lässt dessen Widerschein mehr oder weniger auf die ganze Welt fallen. So glaubt die Kirche durch ihre einzelnen Glieder und als ganze viel zu einer humaneren Gestaltung der Menschenfamilie und ihrer Geschichte, basierend auf Wahrheit und Gerechtigkeit, beitragen zu können.

Mit Gaudium et Spes gaben uns die Konzilsväter ein neues Verständnis für unsere Berufung auf diesem Planeten. Dank ihrer Charta können wir uns besser in unserer Haut fühlen und sind in der Lage, die Bedeutung des „Rechts auf Leben“ auszudehnen, indem wir es nicht nur auf das ungeborene Leben anwenden, sondern auf diejenigen unter uns, die in eine neue ära der menschlichen Geschichte eintraten, mit einer stärker sensibilisierten Besorgnis für die Umwelt und mit neuen Vorstellungen bezüglich der Rolle der Frau in der Kirche. Ferner verbrachte der Bostoner Kardinal Sean O’Malley ab dem 1. April 2014 drei Tage an der Grenze zwischen Arizona und Mexiko, um auf eine neue Priorität für die US-amerikanische Kirche hinzuweisen, nämlich auf eine Veränderung der ungerechten Einwanderungsgesetze zu drängen. Laut LO’Malley bedeutet, die Rechte von Immigranten zu vertreten, sich auch für das Leben einzusetzen.

Das Zweite Vatikanische Konzil aufzugreifen hilft uns auch, den Begriff der „Lebensbejahung“ zu erweitern. Wir haben möglicherweise vergessen, dass das Konzil uns dazu aufforderte, uns um die Auswirkungen von Armut, Bildungsmangel und Krankheit in der Welt zu kümmern – und dass es uns als Nachfolger Christi dazu aufrief, etwas dagegen zu unternehmen. Wir sollten unsere Flüsse, Seen und Meere säubern und Heilmittel finden gegen die Bodenerosion und das bedrohliche Aussterben so vieler Pflanzenarten und tausender anderer Geschöpfe Gottes. Unsere tropischen Regenwälder sind dabei zu verschwinden. Bis 2025 werden fast 3 Milliarden Menschen in 48 Ländern während des ganzen Jahres von kritischer Wasserknappheit betroffen sein. Durch verseuchtes Wasser übertragene Krankheiten werden ca. 250 Millionen Menschen pro Jahr ereilen. Hilfe beizusteuern, um frisches, sauberes Wasser für diese Millionen Menschen zu beschaffen, sollte Teil unserer „Offenheit für das Leben“ sein. In der Predigt seines Amtseinführungsgottesdienstes rief Papst Franziskus jeden dazu auf: „Lasst uns „Hüter“ der Schöpfung, des in die Natur hineingelegten Planes Gottes sein, Hüter des anderen und der Umwelt.“ In seiner ersten Enzyklika, heißt es, wird Papst Franziskus das Volk Gottes darum bitten, den Bemühungen der irdischen Raubvögel Einhalt zu gebieten, die unseren wunderbaren Planeten mehr und mehr zu einer Hölle verwandeln.

Indem sie den Begriff des Lebens weiter fassten, gaben die Konzilsväter der kirchlichen Moraltheologie einen neuen Rahmen und richteten diese mehr am Evangelium aus als an abstrakten philosophischen Vorstellungen. In ihrer Neudefinition von Ehe orientierten sich die Konzilsväter mehr an der gelebten Erfahrung verheirateter Paare als am kanonischen Recht. Nach einer erbitterten Debatte trennten sich die Konzilsväter schließlich von der alten Aufspaltung in „Haupt- und Nebenziele der Ehe“, die Pius XI. im Jahr 1930 formuliert hatte. Stattdessen rücken sie in Gaudium et Spes die eheliche Liebe in den Mittelpunkt der Ehe:

„Eine solche Liebe, die Menschliches und Göttliches in sich eint, führt die Gatten zur freien gegenseitigen übereignung ihrer selbst, die sich in zarter Zuneigung und in der Tat bewährt, und durchdringt ihr ganzes Leben; ja gerade durch ihre Selbstlosigkeit in Leben und Tun verwirklicht sie sich und wächst. Sie ist viel mehr als bloß eine erotische Anziehung, die, egoistisch gewollt, nur zu schnell wieder erbärmlich vergeht.“

Und darauf folgt die erstaunliche Feststellung: „Diese Liebe wird durch den eigentlichen Vollzug der Ehe in besonderer Weise ausgedrückt und verwirklicht.“ Das heißt, der sogenannte „Vollzug der Ehe“ leistet dies mehr als alle anderen Handlungen, und in der Weise, die der Liebe am charakteristischsten ist, findet er Ausdruck und Erfüllung. Ferner mahnten die Konzilsväter die Paare, ihre Liebe und äußerste Intimität nicht aufzugeben, wenn sie „sich in einer Lage befinden, in der die Zahl der Kinder – mindestens zeitweise – nicht vermehrt werden kann.“

Damit kam das Konzil in Gaudium et Spes der gelebten Ehe-Erfahrung einander liebender Paaren näher, als es der Kirche je zuvor gelang. Tatsächlich erteilten sie dem sogenannten „Liebesakt“ einen neuen Segen.

Nach einer solch feierlichen Erklärung wie der vom Konzil selbst war die Welt verblüfft, nur drei Jahre später Papst Pauls VI. Humanae Vitae zu lesen, in der es heißt, dass „jeder eheliche Akt von sich aus auf die Erzeugung menschlichen Lebens hingeordnet bleiben muss“. Paul VI. hatte sich an wissenschaftlich sehr fragwürdigen Theorien orientiert. Theoretisch ist ein Mann an 365 Tagen im Jahr fruchtbar. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fanden Wissenschaftler heraus, dass seine Frau an ungefähr fünf Tagen pro Monat fruchtbar ist. Daher bedarf Papst Pauls Anweisung, dass „jeder eheliche Akt von sich aus auf die Erzeugung neuen menschlichen Lebens hingeordnet bleiben“ müsse, einer neuen Auslegung. Wenn sich verheiratete Paare einander hingeben, ist dies nicht nur ein Liebesakt. Es ist eine eheliche Vereinigung – die Gründung einer Familie, deren Hingabe an Christus sie zu der freudigen Aufgabe führt, eine bessere Welt zu gestalten.

Papst Franziskus unterstrich diese Aufgabe in seinem ersten Apostolischen Schreiben, Evangelii Gaudium:

Wir lieben diesen herrlichen Planeten, auf den Gott uns gesetzt hat, und wir lieben die Menschheit, die ihn bewohnt, mit all ihren Dramen und ihren Mühen, mit ihrem Streben und ihren Hoffnungen, mit ihren Werten und ihren Schwächen. Die Erde ist unser gemeinsames Haus, und wir sind alle Brüder und Schwestern … Alle Christen, auch die Hirten, sind berufen, sich um den Aufbau einer besseren Welt zu kümmern.“

In diesem Schreiben benutzte Papst Franziskus das Wort Freude 115 mal und betonte dadurch, wie sehr unsere Familien mit der Liebe verbunden sind, die in ihnen genährt wird, und die uns dazu führt, „das Leben zu haben und es in Fülle zu haben“.

Die Gefühle, die hier durch Papst Franziskus zum Ausdruck gebracht werden, werden junge Leute eher dazu animieren, auf die Stimme der Kirche zu hören, wenn sie über Themen spricht, die von einer solchen Bedeutung für ihr Leben sind. Seit der Veröffentlichung von Humanae Vitae im Jahr 1968 und während der darauf folgenden Jahre, als deren Lehre noch nicht „angekommen war“, ignorierten junge katholische Paare diese Art der Kirchenlehre, die sie als „uninformiert“ empfanden. Viele von ihnen meinten, psychisch, emotionell und spirituell besser zurechtzukommen, wenn sie ganz einfach eine Eheschließung nach katholischem Ritus vermieden. Statistiken des Internationales Jahrbuchs der Kirche zufolge, waren im Jahr 2011 katholische Paare nur halb so häufig bereit, sich kirchlich trauen zu lassen als 1991, also 20 Jahre zuvor. Darüber hinaus geht eine große Zahl von Katholiken nicht einmal zum Sonntagsgottesdienst. In den USA und im Vereinigten Königreich ist die Rate der Gottesdienstbesucher auf 20 Prozent gefallen, in Irland auf 18 Prozent und in Australien auf 15 Prozent.

Unsere Empfehlungen

  • Die Familiensynode sollte Wege finden und anbieten, die in unseren Ehen erlebte Freude hervorzuheben. Dabei geht es nicht darum, etwas Neues zu finden, das verurteilenswert wäre, sondern darum, zu Werten und Verhaltensweisen anzuregen, die wirklich alle Arten von Offenheit für das Leben fördern.
  • Nachdem Frauen Jahrhunderte lang in zweitrangige und unterwürfige Rollen gedrängt wurden, in denen sie kaum Einfluss auf Entscheidungsprozesse hatten, sollte die Synode Mittel und Wege empfehlen, wie die Kirche die Frau in einen dem Mann gleichrangigen Status erheben kann.
  • Die Synode sollte freimütig zugeben, dass Humanae Vitae ein Irrtum war, ehrlich einräumen, dass diese Lehre niemals aufgenommen wurde und daher keine wirkliche Lehre ist. Damit würde die Synode anerkennen, dass, insbesondere in Familienangelegenheiten, der sensus fidelium gegenüber der eher schlecht als recht informierten Lehrmeinung der Kirche vorrangig sein kann und sollte. Die institutionelle Kirche räumte Kirchenmännern Regelungsbefugnisse ein, die selbst keine persönliche Erfahrung von Eheleben haben. Dies ist nicht einmal nur ein Fall des „Blinden, welcher Blinde führt“, vielmehr haben die Blinden die Sehenden in die Irre geleitet. Hierzu sollten die Abschlussberichte und Verhandlungen der 1963 durch den Hl. Papst Johannes XXIII. gebildeten Päpstlichen Kommission veröffentlicht werden.
  • Die Synode sollte darauf bestehen, dass Eltern, und nur die Eltern, für die Entscheidungen bezüglich verantwortungsvoller Elternschaft moralisch verantwortlich sind, d. h. über die Anzahl der Kinder und den zeitlichen Abstand deren Geburten befinden. Die Gründe für ihre Entscheidungen sind dabei wichtiger als die Mittel, derer sie sich bedienen. Genau genommen sollten sie, nachdem sie befunden haben, dass ihre Motive nicht egoistisch sind, sich des effizientesten Mittels (abgesehen von Abtreibung) bedienen, das ihrem „informierten Gewissen“ entspricht (was nicht heißt, dass, „was immer der Pfarrer sagt“, richtig ist).

Beim amerikanischen Theologen Richard McBrien, Professor an der University of Notre Dame und Autor von Catholicism, einem richtungsweisenden zweibändigen Werk, das vieles vom neuen Verständnis von Kirche beinhaltet, wie es im Vaticanum II ausgearbeitet wurde, heißt es:

„Wir Christen suchen nach Wahrheit und nach den echten Lösungen der Probleme in Zusammenarbeit mit anderen und treu unserem Gewissen.“ Er zitiert den Hl. Thomas von Aquin: „Jeder, von dem die kirchliche Autorität in Unkenntnis der wahren Fakten verlangt, gegen sein klares Gewissen zu handeln, sollte eher in Exkommunikation sterben, als seinem Gewissen Gewalt anzutun.“

Neuorientierung unseres Denkens

Unsere Bedenken über die kirchliche Haltung bezüglich Sexualität spiegeln sich gut in dem Text wider, den Richard Schiffman, ein Dichter aus New York City, im Januar 2013 schrieb und in dem er auf die außerordentlich starke Fokussierung der kirchlichen Lehrmeinung im Bereich der gesellschaftlichen Fragen hinwies:

Während der vergangenen 2000 Jahre haben die Christenheit und die Männer, die ihr vorstehen, an Sexualität gedacht. Nimmt man die Diskussionen in den etablierten Kirchen als Indikator, so ist dies auch heute noch der Fall. Fast alle brisante Themen, die die Hirten der Kirche empfindlich von ihrer Herde trennen, drehen sich um Sexualität: Homosexualität, Abtreibung, Empfängnisverhütung, Eheverständnis, Scheidung. Doch ist Sexualität (im moralischen Sinne) eine so große Sache, wie die Kirchenhierarchie es vorgeben will?

Die Antworten auf den an weite Kreise verteilen Fragebogen aus dem Vatikan zeigen, dass zwischen der offiziellen kirchlichen Lehre über das Familienleben und deren Akzeptanz bei den Gläubigen eine tiefe Kluft besteht. Die offizielle Kirchenlehre scheint in einem alten Kompendium von Verboten steckengeblieben zu sein, während die Werte und der gelebte Alltag der Kirchenmitglieder sich drastisch verändert haben. Wir würden eine Seelsorge begrüßen, die einfühlsame Beratung anbietet, um die Schmerzen zu lindern und die Spaltungen zu überwinden, welche durch überholtes Denken verursacht wurden. Es stimmt zwar, dass es in den inspirierenden Worten der Enzykliken heißt, Liebe sei der wesentliche Ausdruck des eigentlichen Wesens der Katholischen Kirche, doch für zu viele Katholiken klaffen hier Theorie und Praxis weit auseinander.

Wir sind sehr enttäuscht darüber, dass im Vorbereitungsdokument, das an alle Bischöfe versandt wurde, keine Rede ist von der Notwendigkeit der Gleichstellung der Frau. In vielen Ländern der Welt ist dies immer noch ein Problemfeld und in unserer Kirche einer der auffälligsten Missstände. Und dies, obwohl Papst Franziskus eine Kirche einfordert, die „den Frauen die berechtigte Aufmerksamkeit und Wertschätzung entgegenbringt, sowohl in der Gesellschaft als auch in ihren eigenen Einrichtungen.“

Papst Franziskus versucht, uns zu den Wurzeln Jesu zurückzuführen, indem er sich scheut, sogenannte „bindende päpstliche Verlautbarungen“ über eine Vielzahl an Moralthemen zu erstellen. Er möchte, dass wir uns darauf konzentrieren, Jesus nachzufolgen und seine Botschaft zu leben: Gott und unseren Nächsten zu lieben, lernen, uns selbst zu vergeben, und auch dann hoffnungsvoll auf unserem Weg weiterzugehen, wenn wir hinter unserem Ziel zurückzubleiben drohen. Margaret Farley von den Barmherzigen Schwestern weist darauf hin, wie sehr wir unser Ziel aus den Augen verloren haben:

In der abendländischen Kultur, zumindest seit ihrer Christianisierung, kam es zu einer anhaltenden Tendenz, ein zu hohes Augenmerk auf die Sexualmoral zu legen. Seit Generationen droht die Sexualität zum wichtigsten Punkt in der Morallehre zu werden. Alles, was mit Sexualität zu tun hat, wird in „moralisch“ oder „unmoralisch“ eingeordnet, und „Moral“ ist fast zur „Sexualmoral“ verkürzt worden. Dies alles geht zu Lasten der Sorge um wirtschaftliche Gerechtigkeit, Unterdrückung ganzer Völker, politische Unehrlichkeit und sogar Diebstahl und Mord.

Für die offizielle Lehre unserer Kirche ist Sexualität ein bloßes Mittel zur Fortpflanzung unserer Spezies mit einem Zusatzaspekt, aber in sonstiger Hinsicht ein schuldhaftes Vergnügen, das der Sünde entspringt. Fragen wir danach, wie sich Jesus über Sexualität äußerte, so finden wir darüber nur sehr wenig in den Evangelien. Als er intervenierte, um die Steinigung der des Ehebruchs bezichtigten Frau zu verhindern, verurteilte er nur diejenigen, die so harsche Maßnahmen ergreifen wollten: „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ Würde Jesus heute leben (Bedenken wir: Er lebt in uns!), würde er sicher anerkennen, dass Sexualität – wie so viele andere menschliche Lebensbereiche – eine entscheidende moralische Dimension besitzt. Dies umso mehr, als Sexualität die einzigartige Fähigkeit besitzt, sowohl zu verletzen als auch zu heilen und an die größte Macht rührt, derer wir Menschen fähig sind: die Macht, Liebe zu schenken und zu empfangen.

Wir hatten gehofft, das Zweite Vatikanische Konzil hätte das Liebesgebot Jesu Christi wieder ins Zentrum gerückt. Und doch bestehen heute, über fünfzig Jahre nach dem Konzil, einflussreiche Konservative in unserer Kirchenführung auf der Beibehaltung verhärteter Ansichten, die von engagierten Katholiken weitgehend nicht als Norm anerkannt werden. Wenn die Lehre der Kirche in der heutigen Welt für sie keinen Sinn ergibt, so umgehen sie die offiziellen Anweisungen – nicht um areligiös zu sein, sondern um das Herz unserer Religion zu bewahren. Wie Kardinal Avery Dulles glauben wir, dass die statischen Weltbilder und das oberflächliche Verständnis von Geschlecht und Sexualität der institutionellen Kirchenleitung die Entwicklung der offiziellen Kirchenlehre für die Gegenwart und Zukunft bremste, indem sie Änderungen ablehnte – vor allem solche, wie im Vaticanum II vorgeschlagen. Veraltete Vorstellungen über die Frau, die eher kulturell als religiös bedingt sind, haben zu weit verbreiteten Austrittswellen geführt, unserem Verhältnis zu anderen christlichen Kirchen geschadet und die kirchliche Morallehre auch bezüglich vieler anderer Inhalte in Zweifel gezogen.

Naturrecht

Einige beklagen, dass Katholiken sich nicht mehr an das natürliche Sittengesetz halten. Wenn dem so ist, dann gibt es dafür einen Grund. Viele dürftig ausgebildete Kleriker verstehen dies nicht und können es auch nicht erklären. Wir sind dazu berufen, Gutes zu tun und Böses zu unterlassen. Darüber hinaus müssen wir unseren Verstand benutzen, um zu erkennen, was nun gut oder böse ist, entsprechend der sich ständig verändernden Kriterien in der Gesellschaft und der Eingebungen unseres Gewissens. Da wir Katholiken sind, müssen unsere Entscheidungen übereinstimmen mit den ethischen Prinzipien, die sich durch biblische und spirituelle Einsichten nähren, um ein Gemeinwohl zu schaffen. Unsere Morallehre muss für unseren Verstand nachvollziehbar sein und daher zeitgenössischen Entwicklungen in Wissenschaft, Psychologie, Biologie und Humanwissenschaften Rechnung tragen. Einst hielten Päpste sich Sklaven; bis zur Zeit Pius‘ IX. ließen Papstregenten noch Schwerverbrecher enthaupten, und sie verurteilten Geldverleiher, die Zinsen verlangten. Die offizielle Lehre der Kirche sollte Menschen ermutigen, auf ihr ausgeprägtes Gewissen zu hören, sie sollte sich für neue wissenschaftliche Erkenntnisse öffnen und ihre eigenen Argumentationslinien überprüfen. In jüngster Zeit erlegte die offizielle Kirche leider vielen ihrer Theologen das Bußschweigen auf, die sich durch das Zweite Vatikanische Konzil herausgefordert fühlten, neue Wege zu finden, die Lehre zu entfalten.

Der Mythos von der Komplementarität in Partnerschaften

Wir müssen hier einen fest verankerten Mythos über Frauen und Sexualität aufgreifen, der vieles der offiziellen Kirchenlehre untermauert. Solch eine Lehre hat in der Vergangenheit oftmals die Kirche aufgespalten in männlich und weiblich. Dies ist ja auch nachvollziehbar, soweit es sich um biologische Aspekte handelt, doch weitgehend ein Mythos, wenn von Kultur die Rede ist. Gewissen kulturellen Mythen zufolge haben Frauen und Männer grundlegende, gottgegebene Züge: Frauen sind passiv, Männer aktiv. Frauen sind empfänglich, Männer neigen mehr zur Aktivität. Frauen richten ihren Bick nach innen, Männer gehen auf die Außenwelt zu. Frauen konzentrieren sich auf Beziehungen, Männer auf sich selbst. Frauen sind intuitiv und emotional, Männer sind rational und denken ökonomisch. Die Wissenschaft wie auch unsere eigene Erfahrung lehren uns, dass es sich hier um eine grobe Vereinfachung handelt, derer Männer sich bedienen, um über Frauen zu herrschen. Während der letzten 50 Jahre oder länger haben sich Frauen auf der höchsten Führungsebene von Regierungen, Business, Wirtschaft und Hochschule ausgezeichnet. Indem wir manche Rollen Frauen vorschreiben (und ihnen andere Rollen vorenthalten), entrauben wir uns unserer Freiheit, unseren eigenen Weg zu wählen, um Gott und unseren Nächsten zu lieben.

Ein Modell von Geschlecht und Sexualität, das von gegenseitigem Respekt erfüllt ist

Um ihre Keuschheitsgelübde und Zölibatsversprechen zu wahren, hielten Geistliche sich von Frauen mit einer riskanten Formel fern: Sexualität, Lust, Frauen = Sünde. Dieses Vorurteil spiegelte sich in den Predigten dieser Geistlichen wider, und so verfielen viele Gläubige dieser Irrlehre. Wir nennen es Irrlehre, denn diese Gleichung widerspricht einer der ältesten, ungeschriebenen Traditionen der ersten Nachfolger Christi: die Sakramentalität aller Dinge und die Qualität der Sexualität als ein Ausdruck der Liebe. Eine offizielle Lehre der Kirche, die ständig das Negative im Blick hat, trägt wenig zur Entwicklung einer ausgeglichenen Sichtweise unserer selbst als liebende menschliche Wesen bei. In unseren katholischen Familien und Schulen lernen wir, dass wir geliebt werden, um Glauben, Hoffnung und Liebe in der Welt zu verbreiten. Die menschliche Entwicklung von Mann und Frau und ihre Selbsthingabe definiert letztlich unsere Identität. Entscheidend für unsere Integrität ist, dass wir gewissenhaft mit anderen in Beziehung treten. Manchmal fällt es uns schwer, die Entscheidungen unserer Kinder nachzuvollziehen. Rätselhaft? Vielleicht. Doch was zählt ist, dass wir unseren Kindern beibringen, wie sie leben und lieben können, und es ihrem eigenen Glauben, ihrer Hoffnung und Liebe überlassen, sie anzuleiten, wenn sie sich in neue Kulturen und neue Weisen des Gemeinschaftslebens begeben. Uns scheint, dass wir uns nicht auf eine verzerrte offizielle Lehre der Kirche, wie sie sich heute präsentiert, verlassen können, um unserer Rolle als Lehrer gerecht zu werden.

Hin zu einer Neuen Theologie der Frau

Im zweiten Absatz der Lineamenta (Richtlinien) für die im Oktober stattfindende Synode brachten deren Verantwortliche ihre unverhohlene Abneigung starken Frauen gegenüber zum Ausdruck: eine wahre Litanei von Anschuldigungen, die skizzieren, was bei heutigen Familien falsch läuft, einschließlich der „Formen des Feminismus, die der Kirche feindlich gegenüber stehen.“ Natürlich sind Frauen unglücklich darüber, dass die Kirchenhierarchie sie als niedere Wesen erachtet. Mancherorts verrichten sie über 80 % der Arbeit in der Kirche und zeigen ein stärkeres Engagement, dieser zu dienen und sie zu bewahren. Sie sind sehr an Werten interessiert und daran, diese ihren Kindern und der Gesellschaft zu vermitteln.

Papst Franziskus spricht über die Notwendigkeit einer neuen Theologie der Frau. In der Tat sind Theologen seit den letzten fünfzig Jahren dabei, eine neue Theologie auszuarbeiten, die beide Geschlechter einbezieht. Papst Franziskus befindet sich auf einer Linie mit so vielen Päpsten, die während der letzten Jahrzehnte von der Notwendigkeit sprachen, die Rolle der Frau in Kirche und Gesellschaft zu aktualisieren. Die Überarbeitung des kanonischen Rechts von 1983 räumte sogar die Gleichstellung der Frau ein, wo es heißt:

Unter allen Gläubigen besteht, und zwar aufgrund ihrer Wiedergeburt in Christus, eine wahre Gleichheit in ihrer Würde und Tätigkeit, kraft der alle je nach ihrer eigenen Stellung und Aufgabe am Aufbau des Leibes Christi mitwirken. (Kanon 208)

Was auch immer die Päpste darüber gesagt haben, so sind Frauen in der Praxis immer noch Bürger zweiter Klasse. Das kanonische Recht verweigert Frauen nach wie vor Weiheämter. Diakoninnen? Fehlanzeige. Priesterinnen? Schon gar nicht. Katholische Theologinnen? Auch sie haben unter regelmäßigen Vorwürfen der „Häresie“ ihrer männlichen, zölibatären Kollegen zu leiden. Tatsächlich haben katholische Theologinnen während der letzten fünfzig Jahre eine für alle Geschlechter bestimmte Theologie entwickelt und erfreuen sich vieler Anhänger. Ihre Arbeit jedoch findet bei der offiziellen Lehre der Kirche keine Beachtung oder Anerkennung. Kann es einen nachvollziehbaren Grund dafür geben, dass Frauen an der Wahl eines neuen Papstes nicht teilnehmen dürfen, der nicht nur ein Papst für Männer sein muss, sondern für Frauen und Männer, die eins sind in Jesus Christus?

Wir können keine weiteren fünfzig Jahre darauf warten, dass die Kirche den Frauen die Redeerlaubnis erteilt, das Recht, angehört zu werden, und dass die Kirche sich einer Sprache bedient, die beide Geschlechter anspricht. Was hält die Kirche davon ab? Dieser relativ kleine Schritt würde nicht nur dazu beitragen, uns selbst und andere christliche Kirchen einander näherzubringen, sondern sie könnte auch ein Zeichen für andere Kulturen setzen, in denen Frauen immer noch an den Rand gedrängt werden.

Die Lehre der Kirche über gleichgeschlechtliche Beziehungen

Die offizielle Lehre der Kirche trifft ein harsches Urteil, wenn sie sagt, dass Homosexuelle „in sich nicht in Ordnung“ seien (CDF 1986). Auch wenn es keine einheitliche Theorie darüber gibt, sind sich die Wissenschaftler im Allgemeinen darüber einig, dass es die Kombination aus genetischen, hormonellen und sozialen Faktoren ist, die die sexuelle Orientierung einer Person bestimmt. Johannes Paul II. sagte einmal: „Jede Person besitzt eine grundlegende Identität als Geschöpf Gottes und ist durch Gnade Sein Kind und Erbe des ewigen Lebens.“ (Familiaris Consortio: 34). Auf die Frage über eine Homosexuellen-Seilschaft im Vatikan zeigte Papst Franziskus ein ähnliches Einfühlungsvermögen. Seine Reaktion: „Wenn jemand homosexuell ist und Gott sucht und guten Willens ist, wer bin ich, über ihn zu richten?“

Vorurteile gegenüber lesbischen, schwulen und bisexuellen Personen haben ein zähes Leben, obwohl sich diese Theorien bei wissenschaftlichen Studien als falsch erwiesen. (Dies wurde vom American Psychological Council of Representatives am 28. und 30. Juli 2004 verabschiedet und durch das Council am 11. und 15. August 2010 bekräftigt.) Stereotypien bezüglich der Beziehungen von lesbischen oder schwulen Personen: 1. Sie seien dysfunktional und auf Unzufriedenheit gegründet: Es zeigte sich, dass sich gleichgeschlechtliche Paare mit heterosexuelle Paaren in Bezug auf Erfüllung und gegenseitiger Verbindlichkeit messen lassen können. 2. Studien belegen, dass viele lesbische und schwule Personen dauerhafte Beziehungen gründen, wobei 18-28 % der schwulen Paare und zwischen 8 und 21 % der lesbischen Paare seit mehr als 10 Jahren zusammenleben. 3. Ein Wandel der Werte zeichnet sich ab: Die Forschung fand heraus, dass die Faktoren, welche einen Einfluss auf Beziehungen haben, wie Zufriedenheit, Verbindlichkeit und Stabilität, sich bemerkenswert ähneln zwischen gleichgeschlechtlich zusammenlebenden Paaren und heterosexuellen Ehepaaren. Voreingenommenheit bezüglich Sexualität schadet auch Menschen, die ohne ein sexuelles Geschlechtsmerkmal geboren werden und deren Geschlecht sich biologisch nicht bestimmen lässt.

Wir glauben, dass die Liebe, die ein Mensch für einen anderen Menschen empfindet, ein Geschenk Gottes ist und es verdient, anerkannt zu werden als ein Aufruf zu einer Liebesbeziehung, gleich welcher sexuellen Orientierung. Die Bischöfe sollten sich auf der Synode darauf konzentrieren, inklusive spirituelle Anleitung anzubieten statt Urteile zu fällen – im Bewusstsein, dass wir weder in die Herzen der Menschen schauen können noch das Dilemma kennen, in dem sich die jeweilige Person befindet.

Empfehlungen bezüglich Fragen zu Geschlecht und Sexualität

Wir empfehlen der Familiensynode, eine Haltung einzunehmen, die Folgendes berücksichtigt:

  • Die Sexualität ist eine starke Kraft, über die der Mensch verfügt und die ihn, wenn sie akzeptiert wird, in die Lage versetzt, erfüllende Beziehungen mit anderen zu führen.
  • Heterosexuellen und homosexuellen Personen sollte mit demselben Respekt begegnet werden.
  • Das Geschlecht einer Person definiert weder ihre Rolle noch die Aufgaben, zu deren Bewältigung sie in der Lage ist, sei es in der Kirche oder in der Gesellschaft.
  • Frauen sollten die gleichen Rechte haben wie Männer und Zugang zu leitenden Funktionen und solchen mit Entscheidungskompetenz in unserer Kirche haben.
  • Unsere Kirche sollte sich in ihren Schreiben und in der Liturgie einer Sprache bedienen, die alle Geschlechter anspricht und die konform ist mit dem Sprachgebrauch der säkularen Gesellschaft.
  • Unsere Kirche sollte nach neuen Wegen suchen, unsere Tradition zum Ausdruck zu bringen, die mit dem Evangelium übereinstimmt und die ihr dazu verhilft, dieses auch in Zukunft zu vermitteln. Mit dem Begriff “Naturrecht” können die meisten Menschen heute nichts mehr anfangen.

Abschließend möchten wir sagen, dass wir es begrüßen würden, wenn die Bischöfe die Komplexität der Fragestellungen zu Geschlecht und Sexualität anerkennen. Wir hoffen, sie werden bei der Entwicklung der Doktrin auf diesem entscheidenden Gebiet der offiziellen Lehre der Kirche sich inspirieren lassen von dem Fachwissen aller in unserer heutigen Gesellschaft bestehenden Quellen.

Auf den Sensus fidelium hören

Mit der Einberufung der Synode, so Papst Franziskus, möchte er „die Überlegungen des Volkes Gottes in seiner Gesamtheit fortführen, um in Gemeinschaft mit der gesamten kirchlichen Gemeinde die Entscheidungen über gemeinsame seelsorgliche Orientierungen über die wichtigsten Aspekte unseres Lebens voranzutreiben.“ Indem er dies sagte, rief er alle Gläubigen dazu auf, ihr Verständnis, ihre Interpretation und Umsetzung des täglich in ihren Familien gelebten Glaubens beizusteuern, denn es ist ihr „Glaubenssinn“, der der ganzen Kirche helfen kann, das Evangelium in neue Kulturen und Zusammenhänge zu vermitteln.

Der Sensus fidelium ermöglichte in der Vergangenheit, und dies ist auch heute noch der Fall, eine effektive Inkulturation und Kontextualisierung des Evangeliums. Streng genommen geht es dabei gar nicht um den „Glauben“, sondern um „den Weg, wie wir den Glauben verstehen, interpretieren und leben“. Wenn wir versuchen, unseren Glauben sinnvoll in unserem täglichen Leben umzusetzen, tun wir dies gewöhnlich nicht, indem wir den einen oder anderen Glaubenssatz aus dem Credo oder dem Katechismus heranziehen, sondern vielmehr dadurch, dass wir uns von Jesu Worten herausfordern lassen, wenn wir beispielsweise versuchen, als seine Nachfolger in unserer Lokalgemeinde den Hungrigen zu essen geben, die Nackten bekleiden, ein Dach für die Obdachlosen finden und den Fremden willkommen heißen (Mt 25).

Übergang von einer lehrenden Kirche zu einer lernenden Kirche

Vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil sagte man den katholischen Laien, sie wären Teil der „lernenden Kirche“ und die Bischöfe wären „die lehrende Kirche“. Während des Konzils wurde den Bischöfen jedoch bewusst, dass auch sie etwas zu lernen hatten. Als Papst Johannes XXIII. sagte, die Kirche müsse „die Zeichen der Zeit lesen“ und sich für das Aggiornamento engagieren, meinte er, dass wir alle – Bischöfe, Geistliche, Ordensleute und Laien – ein Teil der lernenden Kirche werden und gemeinsam herausfinden müssten, wie wir das Evangelium aktualisieren könnten, damit es auch für unsere heutige Zeit bedeutungsvoll sein kann.

Ein Beispiel dafür ist die Ablehnung der uralten destruktiven katholischen Tradition des Antisemitismus. Nach sorgfältiger Überlegung befand das Konzil, dass Juden unsere Brüder und Schwestern sind und als solche gewürdigt werden sollten. Dieses tiefere Verständnis sowie Interpretation und Umsetzung des Glaubens wurden erreicht, indem auf die Stimmen der Juden gehört und dem Beispiel katholischer Bibelforscher und Theologen gefolgt wurde. Hier wurde nicht nur eine falsche katholische Haltung abgelehnt, die jeglicher biblischen Grundlage entbehrt, sondern es wurde eine neue, richtige Haltung eingenommen.

Aus einem Lernprozess kann sich Liebe entwickeln, auch die Liebe zum Lernen. Innerhalb von Familien, zwischen Eltern (den ersten Lehrern) und ihren Kindern, zwischen Großeltern und Enkeln und unter Geschwistern gibt es einen beständigen Rhythmus von Lernen und Lieben und Lieben und Lernen, wodurch die Kommunikation verstärkt und intensiviert, Vertrauen aufgebaut und Nähe und gegenseitiger Respekt gefördert werden. Innerhalb der Glaubensfamilie, zwischen Geistlichen und Laien, muss derselbe Rhythmus vorherrschen.

Unterschiedliche Interpretationen der Heiligen Schrift und der Kirchenlehre zulassen

Natürlich wird es vorkommen, dass es unterschiedliche Interpretationen der Schrift und der Tradition unter den Gläubigen geben wird, dass Bischöfe, Theologen und der sensus fidelium nicht in vollkommenem Einklang miteinander stehen. Es scheint, dass sich die Kirche zurzeit in einer solchen Situation befindet. Bisher veröffentlichte Antworten auf die jüngste Umfrage der Synode deuten darauf hin, dass weltweit viele Katholiken, einschließlich Theologen, mit der offiziellen Lehre über Empfängnisverhütung nicht übereinstimmen. Wenn doch eine große Anzahl von katholischen Gläubigen diese Lehre über ein solch wichtiges Thema nicht akzeptiert, kann sie dann überhaupt als Lehre bezeichnet werden? Auch in anderen Fragen zum Thema Ehe, wie z. B. dem Verbot für wiederverheiratete Geschiedene, an der Eucharistie teilzunehmen, können viele Katholiken, vor allem Gebildete, der offiziellen Lehre nicht zustimmen. Welcher Spielraum besteht hier für ein Umdenken dieser Positionen, und wie könnte dies zustande kommen?

Wenn die offizielle Lehrmeinung einfach als „Anweisung von oben“ erscheint, wird die Gemeinschaft der Gläubigen ausnahmslos gespalten wirken – in eine kleine Gruppe Lehrender und eine größere Gruppe Lernender, oder in eine wissende Mehrheit und eine unwissende Minderheit. In einer solchen Gemeinde wird Glaube nicht mehr sein als eine gehorsame Zustimmung der Mehrheit zu den Anweisungen einer Minderheit von oben. Sollte die lehrende Gruppe darüber hinaus zu Machtinstrumenten greifen (Indoktrination, Nötigung, Kontrolle und Bestrafung), läuft sie Gefahr, dass in der Gruppe der Lernenden die Bereitschaft zum Zuhören sinkt, und damit zum Befolgen der Lehre.

Alle Gläubigen sind zur aktiven Teilnahme aufgerufen

Jegliche Autorität muss in einer dienenden Haltung ausgeübt werden, in der die Würde des Menschen und seine Gewissensfreiheit respektiert werden. Das Zweite Vatikanische Konzil suchte nicht nur nach einer neuen Weise, das Volk Gottes zu steuern, sondern auch nach einer neuen Art der Verkündigung der Frohen Botschaft. Das Konzil erkannte an, dass durch die Taufe alle Gläubigen aufgerufen sind zur aktiven Teilnahme an Lehre und Leitung, an Mission und Dienst. Durch seine Wortwahl, wie Dialog, Zusammenarbeit, gemeinsame Verantwortung, Partnerschaft, Subsidiarität und Kollegialität, brachte das Konzil dies sehr deutlich zum Ausdruck.

Der Dialog und die neue kommunikative Weise in der Ausübung von Autorität stellen einen grundlegenden Stilwechsel dar, der nun diese Synode dazu veranlasste, alle Gläubigen an der lokalen Basis einzuladen, ihre Sichtweise und Erfahrungen zum Ausdruck zu bringen.

Während manche Bischöfe behaupten, die Herausforderungen, mit denen heutige Familien konfrontiert sind, zu verstehen, da auch sie in einer Familie mit Eltern, Geschwistern und Großeltern aufwuchsen, gründet sich ihre Erfahrung doch ausschließlich auf ihre Herkunftsfamilie, nicht aber auf eine selbst gegründete Familie. Wenn sie wirklich die Familien von heute verstehen möchten, bevor sie in der Synode zusammentreffen, haben sie keine Wahl, als die Familien selbst zu befragen. Denn niemand anders als diejenigen, die täglich in Familien leben, besitzt diese besondere intuitive und prophetische Fähigkeit, die Zeichen der Zeit und Gottes Willen für die Familien in der heutigen Welt zu lesen. Indem sie das Evangelium in ihrem Alltag in ihrem eigenen säkularen Kontext und ihren Kulturen umsetzen, leisten Familien einen besonderen Beitrag zum sensus fidelium und sind von fundamentaler Wichtigkeit dafür, wie die Kirche in ihrer Gesamtheit den Glauben versteht, interpretiert und lebt. Tatsächlich haben alle Familienmitglieder, wie alle Laien, „das Recht und manchmal sogar die Pflicht, entsprechend ihrem Wissen, ihrer Zuständigkeit und ihrer hervorragenden Stellung, ihre Meinung, in dem, was das Wohl der Kirche angeht, den geistlichen Hirten mitzuteilen und sie … den übrigen Gläubigen kundzutun.“ (Kanon 212.3)

Bischöfe haben die ständige Pflicht, den Familien zuzuhören. Das kanonische Gesetz geht sogar noch weiter, indem es die Bischöfe ermutigt – nicht jedoch zwingt – den Gläubigen ihrer Diözesen offizielle Foren zur Verfügung zu stellen, in denen sie ihre Meinungen kundtun können und wo man ihnen aufmerksam zuhört. In Evangelii gaudium sagt Papst Franziskus den Bischöfen:

In seiner Aufgabe, ein dynamisches, offenes und missionarisches Miteinander zu fördern, wird er [der Bischof] die Reifung der Mitspracheregelungen [wie Diözesansynode, Diözesanrat, Diözesanverwaltungsrat und Pfarrgemeinderäte] sowie anderer Formen des pastoralen Dialogs anregen und suchen, in dem Wunsch, alle anzuhören und nicht nur einige, die ihm Komplimente machen (Nr. 31).

Wie in Erwartung manch halbherziger Reaktion fügt er hinzu:

Die Seelsorge unter missionarischem Gesichtspunkt verlangt, das bequeme pastorale Kriterium des „Es wurde immer so gemacht“ aufzugeben. Ich lade alle ein, wagemutig und kreativ zu sein in dieser Aufgabe, die Ziele, die Strukturen, den Stil und die Evangelisierungsmethoden der eigenen Gemeinden zu überdenken. Eine Bestimmung der Ziele ohne eine angemessene gemeinschaftliche Suche nach den Mitteln, um sie zu erreichen, ist dazu verurteilt, sich als bloße Fantasie zu erweisen. … Wichtig ist, Alleingänge zu vermeiden, sich immer auf die Brüder und Schwestern … zu verlassen.“ (Nr. 33)

Bedauerlicherweise wurden zu wenige dieser Mitspracheregelungen in den lokalen Diözesen eingerichtet, und manchmal wurden sie von der offiziellen Kirche kaltgestellt. Ebenso haben zu wenige nationale Bischofskonferenzen das vom kanonischen Gesetz vorgesehene National- oder Plenarkonzil einberufen, zuweilen einfach, weil es ihnen „nicht opportun“ erschien. Trotz des vom Zweiten Vatikanischen Konzil geäußerten Wunschs nach aufblühenden Synoden fanden nur wenige statt.

Synoden der frühen Kirche offener als heutige Synoden

In den ersten Jahrhunderten der Kirche waren in den Synoden – von syn (=zusammen) und hodos (= Weg) – oftmals alle Gläubige versammelt, einschließlich der Apostel, der Ältesten/Bischöfe, Priester, Laien (Männer wie Frauen), um ihr Verständnis des Wortes Gottes zu diskutieren und zu erörtern: Wie ist es zu leben und wie auf die Belange der jeweiligen Zeit anzuwenden? Während der meisten Zeit, die dem Vaticanum II voranging, änderten sich die Synoden jedoch und wurden zur ausschließlich männlichen, klerikalen Angelegenheit, bei der nur noch Bischöfe, Geistliche und männliche Theologen zusammenkamen. Laien nahmen nicht mehr daran teil, und ganz gewiss keine Frauen. Es gab nicht einmal Diözesanräte oder Pfarrgemeinderäte. Doch das Vaticanum II änderte dies und legte Wert darauf, dass die National- und Diözesansynoden bis zur Hälfte aus Laien (Männern wie Frauen) bestehen sollten, um ihr Verständnis und ihre Lebenserfahrung in der säkularen Welt einzubringen.

Als Gott sich und Seinen Erlösungsplan durch Jesus im Heiligen Geist offenbarte, wurde die Fülle der Offenbarung allen Gläubigen zuteil. Durch die Anleitung des Einen Geistes sind alle Gläubigen in der Lage, diese zu verstehen, zu interpretieren und in ihrem Leben umzusetzen. Die Ansprüche Einiger (Gnostiker) in der frühen Kirche, sie hätten einen besonderen Zugang zu einer gewissen geheimen apostolischen Tradition, die über das, was der ganzen Glaubensgemeinschaft offenbart war, hinausging, wurden rundheraus abgewiesen. Kein einzelner Christ und keine bestimmte Gruppe hatte jemals oder wird jemals mehr oder weniger Zugang zum offenbarten Wort Gottes haben als jeder andere getaufte Gläubige. Weder Päpste noch Bischöfe verfügen durch ihr Amt oder ihre Weihe über ein übernatürlich inspiriertes oder zusätzliches Wissen über die Offenbarung Gottes. Da sich schon manche kirchliche Einrichtungen und einige Päpste bekanntlich im Irrtum befanden – beispielsweise als die Römische Inquisition und mehrere Päpste die heliozentrische Theorie von Galileo und Kopernikus verdammten – ist es nicht erstaunlich, dass sich manche Gläubige fragten, ob nicht Papst Paul VI., als er die Empfehlungen seiner eigenen Expertenkommission zum Thema Empfängnisverhütung ablehnte, sich anmaßte, über einen ganz persönlichen, besonderen Zugang zur Wahrheit bezüglich des menschlichen Verhaltens zu verfügen, der anderen nicht zugänglich ist.

Streben nach Wissen und Weisheit außerhalb der Hierarchie

Als eine Gemeinschaft, die stets bestrebt ist, das Wort Gottes besser zu verstehen, zu interpretieren und umzusetzen, sind alle Gläubigen – ob Geweihte oder Laien – verpflichtet, die komplizierten Angelegenheiten, mit denen sie sich konfrontiert sehen, abzuwägen, zu reflektieren und gemeinsam zu beten. Wenn es um gewisse Moralfragen geht, müssen Bischöfe sich vermutlich eingestehen, dass es Variablen gibt, mit denen sich nur adäquat umgehen lässt, wenn man sich zuvor neue Erkenntnisse aus den säkularen Wissenschaften angeeignet hat, die hilfreich und richtungsweisend für ein besseres Verständnis dieser Themen sein können.

Wenn diese Außerordentliche Synode erfolgreich sein und glaubwürdige Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit liefern soll, müssen die teilnehmenden Bischöfe über ihren Tellerrand blicken. Dies schließt auch ein, sich mit den Beschlüssen anderer christlicher Konfessionen zu befassen, die nach aufrichtiger und ehrlicher Betrachtung des Evangeliums Erfahrungen gemacht haben, welche für die Katholische Kirche bei ihrer Suche nach neuen Wegen der Weiterentwicklung von Lehre und Praxis hilfreich sein können. Jegliche Reform, die die Ökumene nicht berücksichtigt, wird in ihrem Herzen keine wirkliche Reform sein.

Leider wurde innerhalb der Katholischen Kirche die Uniformität überbetont und eine Aversion gegenüber der Vielfalt gehegt. Dadurch wurde die Kreativität erstickt und neue Wege, Kirche zu sein und Glauben zu leben, erschwert. Daraus folgte, dass sich viele Katholiken von ihrer Glaubensgemeinschaft abwandten und ihr Glück woanders suchten. Durch die mangelnde Bereitschaft zu vieler Bischöfe zum Zuhören, durch den Ausschluss der Nicht-Geweihten, insbesondere der Frauen, von Entscheidungsprozessen und durch den Übereifer, prophetische und von der offiziellen Lehrmeinung abweichende Stimmen mit einem „Bußschweigen“ zu belegen, musste die Katholische Kirche viele Talente einbüßen.

Abschließend sei bemerkt, dass es nicht ausreicht, dass diese Synode den Gläubigen die einmalige Gelegenheit bietet, ihre wohl überlegten Meinungen über Ehe und über die Probleme heutiger Familien beizusteuern. Dies kann nur der Anfang sein, die Vorstufe eines Austauschs zwischen Bischöfen und den Gläubigen über eine Vielfalt von aktuellen Themen, die dringende Aufmerksamkeit erfordern. Dies muss der Beginn eines dauerhaft geführten Dialogs sein, in dem alle, herausgefordert durch die Aktualität und die Frohe Botschaft, miteinander reden, einander zuhören und miteinander lernen.

Wie die Kirche sich öffnen könnte, um sowohl eine lehrende als auch eine zuhörende Kirche zu sein

Wir empfehlen der Familiensynode, Folgendes in Betracht zu ziehen:

  • Bischöfe sollten innerhalb ihrer Diözese durch die Einrichtung ständiger regulärer Strukturen Gelegenheiten für einen Dialog mit einer breiten Vielfalt an Familien schaffen. Dadurch könnte die Soziallehre, die diese Familien direkt betrifft, weiterentwickelt und aktualisiert werden.
  • Zu Belangen, bei denen erhebliche Unterschiede in der Art und Weise zu verzeichnen sind, wie die offizielle kirchliche Lehre bei den Menschen ankommt, sollten die Bischöfe ihre Ratschläge und Anweisungen auf das beschränken, was auf der Botschaft des Evangeliums gründet.
  • Mögen die Bischöfe in Fällen, in denen die offizielle Lehre der Kirche bei der Mehrheit der Gläubigen ganz offensichtlich nicht „angekommen“ ist, in Erwägung ziehen, Verbote zu verwandeln in einfühlsame Beratung, die auf dem Vorrang des Gewissens basiert.
  • Im Umgang mit allen kirchlichen Belangen sollten Bischöfe ihren Diözesen reguläre Foren zur Verfügung stellen – Diözesansynoden, Diözesanräte, Diözesanverwaltungsräte und Pfarrgemeinderäte -, die so strukturiert sind, dass die Repräsentanten aller Gläubigen wirklich Gehör finden können.
  • Künftige Synoden sollten dahingehend verändert werden, dass die Gläubigen rechtmäßig vertreten sind, wodurch sich die Offenheit und Inklusivität der Synoden in der frühen Kirche widerspiegelt.
  • Es sollte offiziell anerkannt werden, dass die Wahrheit in unserer Kirche im sensus fidelium ihren Ausdruck findet – dass Geistliche und Gläubige gemeinsam lernen und lehren.

Dies ist der Vorschlag unserer Arbeitsgruppe. Was ist Ihre Meinung? Was fehlt? Was ist zuviel? Was sehen Sie anders? Sendung Sie uns Ihr Feedback auf: info.de@CatholicChurchReformIntl.org

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