Die Dummheit der Anti-Globalisierung

Leonardo Boff
Öko-Theologe und -Philosoph
Erdcharta-Kommission

Eine Welle der Anti-Globalisierung breitet sich weltweit aus. Dies ist vielleicht eine der regressivsten und absurdesten Phänomene heutzutage. Eine gewisse Anti-Globalisierung gab es bereits als Ergebnis des Protektionismus‘ einiger Länder, doch dies war keine Bedrohung für den allgemeinen und irreversiblen Globalisierungsprozess. Diese Welle wurde als politische Plattform von Donald Trump übernommen, dem, laut Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman, dümmsten Präsidenten der Geschichte Nordamerikas. Dasselbe gilt für unseren kürzlich  designierten Präsidenten, den ehemaligen Kapitän Bolsonaro und seine Minister für Erziehung und das Äußere, allesamt Leugner dieses Phänomens, was nur desinformierten und mit Vorurteilen behafteten Personen nicht auffällt.

Warum ist dies eine solch unsinniger Fehler? Darum, weil er gegen die Logik eines unkontrollierbaren historischen Prozesses verstößt. Wir haben eine neue Phase in der Geschichte der Erde und der Menschheit erreicht. Wie wir wissen, begannen Menschen vor Jahrtausenden, aus Afrika kommend (wir alle haben afrikanische Wurzeln), sich über die ganze weite Welt zu verteilen, beginnend mit Eurasien bis hin zu Ozeanien. Am Ende des Jungpaläolithikums, vor ca. 40.000 Jahren, besetzten Menschen mit ca. einer Million Personen bereits den ganzen Planeten.

Im 16. Jahrhundert begann sich die Diaspora umzukehren. Im Jahr 1521 gelang Fernando de Magallanes die erste Reise rund um den Planeten, womit er bewies, dass die Erde rund ist. Jeder Ort kann von überall erreicht werden. Das europäische Kolonialisierungsprojekt verwestlichte die ganze Welt. Weitreichende Netzwerke, insbesondere für den Handel, verknüpften alles. Dieser Prozess begann im 17. Jahrhundert und setzte sich im 19. Jahrhundert fort, als der europäische Imperialismus mit Schwert und Muskete die ganze Welt seinen Interessen unterwarf. Wir im Äußersten Westen kamen bereits globalisiert zur Welt. Diese Bewegung wuchs noch im 20. Jahrhundert nach dem 2. Weltkrieg. Inzwischen ist sie durch das Internet komplett realisiert, das mit seinen sozialen Netzwerken in Lichtgeschwindigkeit alle miteinander verbindet. Auch die Wirtschaft trug dem Rechnung, vor allem durch die „große Transformation“ (K. Polanyi), den Übergang von einer Marktökonomie zu einer Marktgesellschaft. Alles, einschließlich selbst des Heiligsten der Wahrheiten und der Religionen, wurde zu einer Handelsware gemacht. Karl Marx bezeichnete dies in seinem Buch „Das Elend der Philosophie“ (1847) als „allgemeine Korruption“ und als „universelle Bestechlichkeit“.

Globalisierung, im Französischen nicht ohne Grund als „Planetisierung“ bezeichnet, ist ein unleugbarer historischer Fakt. Wir alle befinden uns am selben Ort: dem Planeten Erde. Noch stecken wir in der Tyrannosaurus-Phase der Globalisierung, die sich unter dem Zeichen der weltweit verbreiteten Ökonomie ausbildet. Sie ist so gefräßig wie der größte aller Dinosaurier, der Tyrannosaurus, da sie zutiefst unmenschlich ist im Hinblick auf die Armut, die sie schafft, und die absurde Anhäufung von Reichtum, die sie erlaubt.

Wir haben bereits die sozial-humane Phase der Globalisierung erreicht dank einiger inzwischen universeller Faktoren wie den Organisationen UNO, WHO, FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen) u. a., den Menschenrechten, dem demokratischen Geist, dem Bewusstsein eines gemeinsamen Schicksals als Menschheit auf dieser Erde und als Homo sapiens sapiens und demens, einer einzigen Spezies.

Wir ahnen bereits den Anbruch der ökozoisch-spirituellen Phase der Globalisierung. Die gesamte Ökologie und das Leben in seiner Diversität, und nicht die Ökonomie, werden im Zentrum stehen. Der Verehrung der gesamten Schöpfung und die neue Wertschätzung der Erde, die als Mutter angesehen wird und als einen lebendigen Super-Organismus, um den wir uns kümmern und den wir lieben müssen, sind zutiefst spirituelle Werte. Die Vorstellung breitet sich aus, dass wir ein Teil der lebendigen Erde sind, das mit einem hohen Niveau an Komplexität begann zu fühlen, zu denken, zu lieben und zu verehren. Die Erde und die Menschheit bilden eine Einheit, wie die Astronauten sehr richtig von ihren Raumschiffen aus bezeugt haben.

Der Augenblick ist bekommen, den der Paläontologe und Wissenschaftler Pierre Teilhard de Chardin im Jahr 1933 prophezeite: „Das Zeitalter der Nationen ist vorbei. Jetzt müssen wir, wenn wir nicht zugrunde gehen wollen, die Erde aufbauen“. Sie ist unser einziges gemeinsames Heim, das einzige, das wir haben, wie Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Über die Sorge für das gemeinsame Haus“ (2015) betonte. Wir haben kein anderes.

Wir hören merkwürdige Vorurteile von künftigen Machthabern und Ministern, Globalisierung sei eine kommunistische Verschwörung zur Beherrschung der Welt. Dies kommt von solchen, die laut Chardin, sich nicht die Zeit nehmen, das Gemeinsame Haus zu bauen, sondern die Gefangene ihrer kleinen armseligen Welt sind, ihrer kleinen engstirnigen Gehirne, denen es an Licht mangelt.

Wenn sie nicht den neuen strahlenden Stern sehen können, so liegt dies nicht am Stern, sondern an ihren blinden Augen.

 

Leonardo Boff
10.12.2018

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Schreie aus Gefangenschaft und nach Befreiung am Black Awareness Day (Tag des Schwarzen Bewusstseins)

Leonardo Boff
Öko-Theologe und Philosoph
Erdcharta-Kommission

Die Passion Christi setzt sich seit Jahrhunderten unaufhörlich in den Körpern der Gekreuzigten fort. Jesus wird bis ans Ende der Welt in Qualen liegen, solange auch nur ein einziger Seiner Brüder oder Schwestern zum Kreuzesopfer wird, wie die buddhistischen Bodhisattvas (die Erleuchteten), die an der Schwelle zum Nirwana verharren, nicht eintreten, sondern in die Welt des Leidens – Samsara – zurück kehren in Solidarität mit allen Leidenden: Menschen, Tieren und Pflanzen. Aus dieser Überzeugung legt die Katholische Kirche in der Karfreitagsliturgie Jesus diese bewegenden Worte in den Mund:

„Mein Volk, sag mir, was habe ich getan, womit habe ich dich gekränkt? Was hätte ich noch für dich tun können? Woran habe ich es dir fehlen lassen? Ich ließ dich aus Ägypten ziehen und gab dir Manna zu essen. Ich bereitete dir ein gutes Land, aber du bereitetest ein Kreuz für deinen König.“

Wenn wir Brasilianer die Abschaffung der Sklaverei (13. Mai 1888) feiern, wird uns bewusst, dass sie immer noch nicht komplett abgeschafft ist. Die Passion Christi setzt sich in der Passion der Schwarzen fort. Wir brauchen eine zweite Abschaffung: die des Elends und des Hungers. Die Schreie aus Gefangenen und nach Befreiung sind immer noch zu hören. Sie kommen aus den „Senzalas“ (Sklavenunterkünften) und nun aus den Favelas, die sich um unsere Städte herum befinden. Die schwarze Bevölkerung spricht noch immer zu uns durch Klagen und Flehen.

“Meine weißen Brüder und Schwestern, mein Volk: Was habe ich dir angetan? Sagt, womit habe ich euch gekränkt?“

Ich inspirierte dich mit Musik voller „banzo“ (Traurigkeit) und ansteckender Rhythmen. Ich lehrte dich, auf „bumbo“, „cuica“ und „atabaque“ (brasilianische Trommeln) zu spielen. Ich war es, der dir den „Rock“ und die „Ginga des Samba“ gab. Und du nahmst, was mein war, machtest dir einen Namen, einen großen Namen, häuftest Geld an mit deinen Kompositionen und schenktest mir nichts im Gegenzug.

Ich kam herab von den Bergen und zeigte dir eine Welt voller Träume, eine Welt grenzenloser Geschwisterlichkeit. Ich schuf für dich Tausende von farbenfrohen Fantasien, und ich bereitete dir das größte Fest der Welt: Ich tanzte den Karneval für dich. Und du warst so sehr glücklich, dass du mir stehende Ovationen dafür gabst. Doch bald, sehr bald, vergaßt du mich, schicktest mich zurück in die Berge, in die Favelas, in die nackte und raue Wirklichkeit der Arbeitslosigkeit, des Hungers und der Unterdrückung…

“Meine weißen Brüder und Schwestern, mein Volk: Was habe ich dir angetan? Sagt, womit habe ich euch gekränkt?“

 

Als Erbe gab ich dir Bohnen und Reis, deine tägliche Nahrung. Aus den Resten bereitete ich dir „Feijoada“, „Vatapá“, „Efó“ und „Acarajé“: die typische Küche Bahias und Brasiliens. Und du ließest mich Hunger leiden und meine Kinder an Mangelernährung sterben oder an irreversiblen Gehirnschäden leiden, die sie dauerhaft unterentwickelt bleiben ließen.

Ich wurde gewaltsam aus meinem afrikanischen Heimatland herausgerissen.  Ich kannte das Sklaven-Gespensterschiff. Ich wurde zu einem Objekt gemacht, einem „Ding“, einem Sklaven. Ich war die schwarze Mutter für deine Kinder. Ich bestellte die Felder, erntete den Tabak und pflanzte das Zuckerrohr. Ich erledigte all diese Arbeiten. Ich war es, der die schönen Kirchen baute, die alle bewundern, und die Paläste, in denen die Sklavenbesitzer leben. Und du bezeichnest mich als träge und verhaftest mich wie einen Landstreicher. Du diskriminierst mich wegen meiner Hautfarbe und behandelst mich, als wäre ich noch immer ein Sklave.

“Meine weißen Brüder und Schwestern, mein Volk: Was habe ich dir angetan? Sagt, womit habe ich euch gekränkt?“

Ich konnte standhalten. Es gelang mir fortzulaufen und “Quilombos” zu gründen: geschwisterliche Gesellschaften ohne Sklaven, arm, aber frei: Schwarze, Mestizen und Weiße. Trotz der Peitschen-hiebe auf meinen Rücken schenkte ich der brasilianischen Seele Herzlichkeit und Süße. Und du schicktest mich zum „Capitão-Do-Mato“, jagtest mich wie ein Tier. Du zerstörtest meine „Quilombos“, und bis heute sorgst du dafür, dass die Abschaffung des versklavenden Elends keine ewig währende und effektive Wahrheit ist.

Ich zeigte dir, was es heißt, der lebendige Tempel Gottes zu sein, und darum auch, wie man Gott in einem Körper spürt, der angefüllt ist mit „Axé“ (brasilianische Musikrichtung), und Gott im Rhythmus, Tanz und Essen zu zelebrieren. Doch du unterdrücktest meine Religionen, nanntest sie „afro-brasilianische Riten“ oder betrachtetest sie als simple Folklore. Du drangst in meine „terreiros“ (Kultstätten) ein, bewarfst sie mit Dreck und zerstörtest unsere heiligen Figuren. Nicht selten machtest du aus der Macumba einen Kriminalfall. Die Mehrheit der umgebrachten Jugendlichen in den Randbezirken zwischen 18 und 24 Jahren sind Schwarze, und weil sie schwarz sind, werden sie verdächtigt, der Drogenmafia zu dienen. Die meisten von ihnen sind jedoch einfache Arbeiter.

“Meine weißen Brüder und Schwestern, mein Volk: Was habe ich dir angetan? Sagt, womit habe ich euch gekränkt?“

Wenn ich durch so viel Arbeit und Hingabe mein Leben verbessere, einen schwerverdienten Lohn erhalte, mein kleines Haus kaufe, meine Kinder erziehe, meine Samba singe, meinen Lieblingsverein anfeuere und mir am Wochenende ein kaltes Bier mit meinen Freunden leisten kann, sagst du, ich sei ein Schwarzer mit der Seele eines Weißen. Dadurch herabwürdigst du den Wert unserer Seelen als würdige und hart arbeitende Schwarze. Und bei der Jobvergabe gehe ich fast immer leer aus zugunsten eines Weißen, ungeachtet derselben Fähigkeiten.

Und als die Politik sich weiterentwickelte, um für die historische Perversität zu entschädigen und mir das zu ermöglichen, was du mir immer verweigertest: zu studieren und mich an den Universitäten und Technischen Hochschulen weiterzubilden, sodass ich meine Lebensumstände verbessern kann und die meiner Familie, dann ruft die Mehrheit deines Volkes: Das verstößt gegen die Verfassung, das ist Diskriminierung, ist soziale Ungerechtigkeit.

“Meine weißen Brüder und Schwestern, mein Volk: Was habe ich dir angetan? Sagt, womit habe ich euch gekränkt?“

Meine schwarzen Brüder und Schwestern, an diesem 20. November, dem Tag von Zumbí und des Schwarzen Bewusstseins, möchte ich dir meine Ehrerbietung erweisen. Dir und allen, denen es gelang, während dieser langen Zeit zu überleben, denn die Fröhlichkeit, die Musik, der Tanz und das Heilige sind alles in euch trotz dieses Kreuzwegs der Leiden, die euch ungerechterweise aufgebürdet werden.

Mit viel „Axé“ und Liebe, LEONARDO BOFF, weiß und schwarz, aus freier Wahl.

Leonardo Boff
24.11.2108

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Mit Papst Franziskus endet die Kirche des Westens und beginnt die universelle Kirche

Leonardo Boff
Ökologe-Theologe-Philosoph
Erdcharta-Kommission

Das Pontifikat von Franziskus, dem Bischof von Rom und Papst der universellen Kirche, besteht nun seit fünf Jahren. Viele detaillierte und brillante Schilderungen wurden bereits über diesen neuen Frühling gemacht, der in der Kirche anbrach. Für meinen Teil möchte ich nur einige Punkte hervorheben, die für uns von Bedeutung sind.

Im ersten Punkt geht es darum, wie die Rolle des Papstes in der Gestalt, wie Franziskus selbst sie ausfüllt, revolutioniert wurde. Er ist nicht länger der herrschende Papst mit allen Machtsymbolen, die er von den römischen Kaisern geerbt hatte. Franziskus selbst tritt als eine einfache Person auf, als jemand, der zum Volk gehört. Seine ersten Grußworte, die er ans Volk richtete, waren „buona sera“: „Guten Abend“. Dann stellte er sich als der Bischof von Rom vor, der gerufen ist, liebevoll die Kirche weltweit zu leiten. Bevor er den offiziellen Päpstlichen Segen erteilte, bat er das Volk um dessen Segen. Er wählte, nicht in einem Palast zu leben – das könnte Franz von Assisi zum Weinen gebracht haben -, sondern in einem Gästehaus. Und dort nimmt er zusammen mit allen Gästen seine Mahlzeiten ein.

Der zweite wichtige Punkt ist die freudvolle Verkündigung des Evangeliums, eher als ein Überfließen des guten Lebens denn als eine Doktrin des Katechismus. Es geht nicht darum, Christus in die säkularisierte Welt zu bringen, sondern darum, die Präsenz Christi in der Welt zu entdecken im Dürsten nach Spiritualität, das überall sichtbar ist.

Der dritte Punkt behandelt drei Pfeiler im Zentrum seiner Aktivität: die Begegnung mit dem lebendigen Christus, die leidenschaftliche Liebe zu den Armen und die Achtsamkeit für Mutter Erde. Im Mittelpunkt steht Christus, nicht der Papst. Die lebendige Begegnung mit Christus hat Vorrang über der Doktrin.

Anstatt Recht und Gesetz verkündigt er unermüdlich Barmherzigkeit und die Revolution der Zärtlichkeit, wie er den Bischöfen auf seiner Reise durch Brasilien sagte.
In seiner ersten offiziellen Verkündigung drückte er die Liebe zu den Armen aus: “Wie wünschte ich, die Kirche sei eine Kirche der Armen”. Er traf die Flüchtlinge, die auf der Insel Lampedusa im Süden Italiens strandeten. Dort gebrauchte er strenge Worte für eine gewisse Art der modernen Zivilisation, die ihren Sinn für Solidarität verloren hat und nicht mehr in der Lage ist, über das Leid der Anderen zu weinen.

Mit seiner Enzyklika „Laudato Si: über die Sorge für das gemeinsame Haus“ (2015), die er an die ganze Menschheit richtete, schlug er ökologischen Alarm. Diese Enzyklika zeigt ein deutliches Bewusstsein für die Risiken, denen das Leben und die Erdsysteme ausgesetzt sind. Dazu weitet er den ökologischen Diskurs über den Umweltschutz hinaus aus. Er betont, dass wir eine globale ökologische Revolution (Nr. 5) ausrufen müssen. Ökologie ist ganzheitlich und nicht nur grün, denn sie umfasst die Gesellschaft, Politik, Kultur, Bildung, alltägliches Leben und Spiritualität. Sie vereint den Schrei der Armen mit dem Schrei der Erde (Nr. 49). Sie lädt uns ein, den Schmerz der Natur als unseren eigenen zu spüren, denn wir sind alle in einem Beziehungsnetzwerk miteinander verknüpft und verbunden. Papst Franziskus ruft uns auf „eine Leidenschaft für die Achtsamkeit für die Welt zu nähren … eine Mystik, die uns antreibt, innere Anschübe, die uns bewegen, motivieren, ermutigen und den persönlichen wie den gemeinsamen Aktionen Sinn verleihen“ (Nr. 216).

Beim vierten wichtigen Punkt geht es darum, die Kirche nicht als eine Festung zu zeichnen, die von Feinden umgeben ist, sondern als ein Feldlazarett, das allen zu Diensten ist ohne nach Klasse, Hautfarbe oder religiöser Überzeugung zu fragen. Eine Kirche, die sich stets auf die Anderen zu bewegt, insbesondere auf die Menschen an den zahlreichen existenziellen Peripherien der Welt. Die Kirche muss als ein Ansporn sein, um zur Hoffnung zu ermutigen und einen Christus aufzuzeigen, der gekommen ist, um uns zu lehren, als Brüder und Schwestern in Liebe, Gleichberechtigung, Gerechtigkeit und Offenheit zum Vater zu leben, der die Eigenschaften einer Mutter der Barmherzigkeit und Güte besitzt.

Abschließend zeigt der Papst mit klarem Bewusstsein, dass das Evangelium im Gegensatz steht zu den Mächten dieser Welt, die bis zur Absurdität Reichtum anhäufen, während sie einen Großteil der Menschheit im Elend zurücklassen. Wir leben in einem System, das Geld in den Mittelpunkt gerückt hat, das die Armen tötet und sich den Gütern der Natur als Raubtier zeigt. Für sie hat Franziskus die harschesten Worte. Er steht im Dialog mit allen religiösen und spirituellen Traditionen. Bei der Zeremonie der Fußwaschung am Gründonnerstag war auch ein kleines muslimisches Mädchen.

Papst Franziskus möchte, dass die Kirchen sich in ihrer Unterschiedlichkeit im Dienst an der Welt vereinen, vor allem im Dienst an den Hilflosesten. Dies ist die wahre Ökumene in Mission.

Mit diesem Papst, der “vom Ende der Welt kommt”, findet die Kirche des Westens ein Ende, und eine universelle Kirche beginnt, die zum planetarischen Zeitalter der Menschheit passt, gerufen, sich in den unterschiedlichen Kulturen zu inkarnieren und dort ein neues Gesicht zu finden, beginnend beim unerschöpflichen Reichtum des Evangeliums.

Leonardo Boff
23.03.2018

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Dom Pedro Casaldaliga wird 90 Jahre alt: Armut und Befreiung

Leonardo Boff*
Ökologe, Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

Der Pfarrer, Prophet und Poet Dom Pedro Casaldaliga feiert am 16. Februar 2018 seinen 90. Geburtstag. Wir möchten ihn gern mit einigen Gedanken ehren, die meiner Meinung nach den roten Faden aufzeigen, der sich durch sein Leben als Christ und Bischof zieht: das Verhältnis, das er zu Armut und Befreiung entwickelte. Unter Gefährdung seines eigenen Lebens erlebte und beobachtete er sowohl Armut als auch Befreiung der am meisten Unterdrückten, der Indigenen und der Landleute, die im Bereich von São Felix del Araguaia of Mato Grosso, Brasilien, ihres Landes beraubt wurden.

Armut hat schon immer humane Aktionen und alle Arten von Interpretationen hervorgerufen. Die Armen fordern uns so sehr heraus, dass unsere Haltung ihnen gegenüber Einfluss auf unsere ultimative Begegnung mit Gott hat. Dies bestätigt sowohl das Totenbuch aus Ägypten als auch die jüdisch-christliche Tradition, die im Text des Matthäus-Evangeliums 25,31ff kulminiert.

Vielleicht besteht das größte Verdienst von Bischof Dom Pedro Casaldaliga darin, dass er die Herausforderungen der Armen der ganzen Welt, vor allem aber derer von Lateinamerika, die mit uns verbunden sind, absolut ernst nahm, sowie auch deren Befreiung.

Gewiss lebte er nach dem folgenden Prozess: Vor jeglicher Überlegung oder Hilfestrategie ist die allererste Reaktion zutiefst menschlich: sich selbst betroffen fühlen und voll Mitgefühl sein. Wie könnten wir nicht auf ihr Flehen hören oder missverstehen, was ihre flehenden Hände versuchen, uns mitzuteilen? Wenn Armut zu Elend wird, erweckt sie in allen sensiblen Personen, wie auch in Dom Pedro, Gefühle der Empörung und heiligen Zorns, wie man es klar in den prophetischen Texten lesen kann, vor allem in denen gegen das kapitalistische und imperialistische System, das immer weiter Armut und Elend hervorruft.

Liebe und Empörung sind die Grundlage der Aktionen, denen es darum geht, Armut zu lindern oder zu beseitigen. Nur diejenigen, die zutiefst lieben und diese unmenschliche Situation nicht akzeptieren, sind wirklich auf der Seite der Armen. Und Dom Pedro bezeugte diese bedingungslose Liebe.

Doch wir sind auch Realisten, denn bereits im Buch Deuteronomium wird gewarnt: “Die Armen werden niemals ganz aus deinem Land verschwinden. Darum mache ich dir zur Pflicht: Du sollst deinen notleidenden und armen Brüdern und Schwestern, die in deinem Land leben, deine Hand öffnen.“ Die Urkirche Jerusalems wird gelobt, dass es in ihr niemanden gab, dem es an etwas gemangelt hätte, denn sie teilten alles, was sie besaßen.
Die Empörung und das Mitgefühl waren es, was Dom Pedro dazu brachten, Spanien zu verlassen und nach Afrika zu gehen und schließlich nicht nur in Brasilien zu landen, sondern dort im Landesinnern, wo die Landleute und die Indigenen die Gier des nationalen und des internationalen Kapitalismus ertragen müssen.

1. Lesart über den Skandal der Armut

Um die Anti-Wirklichkeit, welche die Armut darstellt, adäquat zu verstehen, sind folgende Klarstellungen hilfreich, die dazu dienen sollen, unser Zusammensein mit den Armen effizient zu gestalten. In den aktuellen Debatten sind drei unterschiedliche Auffassungen über Armut zu beobachten.

Als erstes die traditionelle Sichtweise, die unter einem Armen jemanden versteht, der nicht über die notwendigen Mittel zum Leben verfügt, um Miete zu bezahlen, ein Zuhause zu haben, mit einem Wort: dem es an materiellen Gütern mangelt. Die Armen überleben Arbeitslosigkeit oder unterbezahlte Arbeit und Niedriglöhne. Das System erachtet sie als ökonomische Nullen, verbranntes Öl, Überreste. Da besteht die Strategie in der Mobilisierung derer, die besitzen, um denen zu helfen, die nicht besitzen.

Jahrhundertelang wurde eine breite Unterstützung in Namen dieser Vision organisiert. Eine Wohlfahrtspolitik, doch keine partizipatorische, wurde ins Leben gerufen. Dabei handelt es sich um eine Haltung und Strategie, die die Armen in einer Abhängigkeit hält. Die Armen haben ihr transformatives Potenzial noch nicht entdeckt.

Im zweiten Fall, der progressiven Sichtweise, ist das Potenzial der Armen erkannt und durchschaut, dass dieses Potenzial nicht genutzt wird. Durch Bildung und Ausbildung können die Armen sich qualifizieren und weiter entwickeln. Auf diese Weise werden die Armen in den Produktionsprozess einbezogen. Sie verstärken das System, werden Konsumenten, wenn auch auf einem niedrigen Niveau, und tragen dazu bei, die ungerechten sozialen Verhältnisse aufrechtzuhalten, die weiterhin Armut hervorbringen. Dem Staat kommt die Hauptrolle zu in der Schaffung von Arbeitsplätzen für die sozial Schwachen. Die moderne, liberale und progressive Gesellschaftsschicht hat diese Perspektive eingenommen.

Die traditionelle Sichtweise sieht zwar die Armen, erfasst aber nicht ihren kollektiven Charakter. Die progressive Lesart entdeckt zwar den kollektiven Charakter, hat aber nicht erkannt, dass dieser Charakter konfliktbeladen ist. Analytisch betrachtet resultiert die Armut aus Ausbeutungsmechanismen, die die Menschen verarmen und auf diese Weise einen ernsten sozialen Konflikt erzeugen. Diese Mechanismen aufzudecken war und ist immer noch das historische Verdienst von Karl Marx. Ein Gesellschaftstypus, der stets Arme und Ausgeschlossene produziert und reproduziert, ehe er sie in den laufenden Produktionsprozess integriert, muss immer kritisiert werden.

Die dritte Position ist die der Befreiung, die zutiefst davon überzeugt ist, dass die Armen das Potenzial haben, nicht nur die Arbeitskraft und das System zu verstärken, sondern wesentlich seine Mechanismen und seine Logik zu verändern. Die Armen, die ein Bewusstsein dafür haben, sich organisieren und mit anderen Verbündeten zusammentun, können einen neuen Typus von Gesellschaft bilden. Die Armen können nicht nur planen, sondern auch die Bildung einer Demokratie umsetzen, die offen ist für die Partizipation aller auf ökonomischem und sozial-ökologischem Gebiet. Die Universalität und Fülle dieser grenzenlosen Demokratie nennt sich Sozialismus. Dies ist weder eine Perspektive der Wohlfahrt noch ist sie progressiv. Es ist wahrhafte Befreiung, denn sie macht die Unterdrückten zu den Hauptakteuren ihrer eigenen Befreiung und zu den Schöpfern einer alternativen Vision von Gesellschaft.

Die Befreiungstheologie übernahm dieses Verständnis von Armut. Dieser Theologie geht es um die Option für die Armen gegen Armut und zugunsten des Lebens und der Freiheit. Aus Solidarität mit den Armen selbst arm zu werden ist ein Engagement gegen die materielle, wirtschaftliche, politische, kulturelle und religiöse Armut. Das Gegenteil von Armut ist nicht Reichtum, sondern Gerechtigkeit und Gleichberechtigung.

Diese zuletzt genannte Perspektive war und ist immer noch zu beobachten und umgesetzt durch Dom Pedro Casaldaliga in all seinen pastoralen Tätigkeiten. Er setzt sogar sein Leben aufs Spiel, um die durch die Großgrundbesitzer von ihrem Land Vertriebenen zu unterstützen. Zusammen mit den Kleinen Schwestern Jesu aus dem Orden von Charles de Foucauld half Dom Pedro bei der Rettung der Tapire, die von der Auslöschung bedroht waren. Es gibt keine soziale und volksnahe Bewegung, die nicht durch diesen Seelsorger unterstützt worden wäre, der sich durch eine außerordentliche Menschlichkeit und Spiritualität auszeichnet.

2. Die andere Armut: die essentielle Armut und die Armut des Evangeliums

Es gibt noch zwei weitere Dimensionen von Armut, die im Leben von Dom Pedro eine Rolle spielen: die essentielle Armut und die des Evangeliums.

Die essentielle Armut resultiert aus unserer Beschaffenheit als Geschöpfe, eine Armut, die konsequenterweise eine ontologische Grundlage hat, d. h. sie ist unabhängig von unserem Willen. Diese Armut entsteht aus der Tatsache, dass wir unsere Existenz nicht uns selbst zu verdanken haben. Wir existieren in Abhängigkeit von Nahrung, Wasser und den ökologischen Bedingungen des Planeten Erde. In diesem radikalen Sinn sind wir arm. Weder gehört die Erde uns noch haben wir sie geschaffen. Wir sind ihre Gäste, Durchreisende auf einem weiten Weg. Noch mehr: menschlich sind wir abhängig von Personen, die uns willkommen heißen und die mit uns leben, mit den Höhen und Tiefen die unserer menschlichen Kondition eigen sind. Wir sind alle gegenseitig voneinander abhängig. Niemand lebt in und von sich selbst. Wir alle sind involviert in einem Netzwerk von Beziehungen, die unser materielles, psychologisches und spirituelles Leben sichern. Daher sind wir arm und voneinander abhängig.

Diese Conditio humanae zu akzeptieren macht uns demütig und menschlich. Arroganz und übertriebene Selbstbehauptung haben hier keinen Platz, denn diese Eigenschaften können sich nicht selbst aufrechterhalten. Diese Situation lädt uns ein, großzügig zu sein. Wenn wir unser Dasein von anderen empfangen, müssen wir es auch anderen zur Verfügung stellen. Diese essenzielle Abhängigkeit lässt uns dankbar sein gegenüber Gott, dem Universum, der Erde und gegenüber allen, die uns so annehmen, wie wir sind. Dies ist essentielle Armut. Dieser Art von Armut machte Dom Pedro zu einem mystischen Bischof, der allen für alles dankbar ist.

Es gibt auch die Armut des Evangeliums, die von Jesus als eine der Seligpreisungen genannt wurde. In der Version des Matthäus-Evangeliums heißt es: „Selig, die arm sind von Gott, denn ihnen gehört das Himmelreich“ (5,3). Diese Art von Armut steht nicht in direkter Verbindung zu Besitz oder Nicht-Besitz, sondern zu einer Seinsweise, einer Haltung, die wir als spirituelle Kindlichkeit bezeichnen könnten. Armut ist hier Synonym für Demut, Loslösung, inneres Leersein, Verzicht auf jeglichen Willen zur Macht und Selbstbehauptung. Sie impliziert die Fähigkeit, sich selbst zu leeren, um Gott aufzunehmen, Anerkennung der Beschaffenheit des Geschöpfs, vor dem Reichtum der Liebe Gottes, die uns ohne Gegenleistung zuteil wird. Das Gegenteil von Armut ist hier Stolz, Großtuerei und das Verschließen seiner selbst vor den anderen und vor Gott.
Diese Armut bezeichnete die spirituelle Erfahrung des historischen Jesus: Er war nicht nur materiell arm und nahm sich der Sache der Armen an, sondern er machte sich selbst auch arm im Geiste, denn „er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz“ (Phil 2,7-9). Diese Armut ist der Weg der Evangelien, weshalb sie auch als evangelische Armut bezeichnet wird, wir der Hl. Paulus vorschlägt: „Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht“ (Phil 2,5).

Der Prophet Zefanja erlebte diese Armut im Geiste als er schrieb: „An jenem Tag brauchst du dich nicht mehr zu schämen wegen all deiner schändlichen Taten, die du gegen mich verübt hast. Ja, dann entferne ich aus deiner Mitte die überheblichen Prahler, und du wirst nicht mehr hochmütig sein auf meinem heiligen Berg. Und ich lasse in deiner Mitte übrig ein demütiges und armes Volk, das seine Zuflucht sucht beim Namen des Herrn“ (Zef 3,11-12).

Diese evangelische Armut und spirituelle Kindlichkeit stehen für die sichtbarsten und überzeugendsten Eigenschaften der Persönlichkeit von Dom Pedro Casaldaliga in seiner armen, doch stets sauberen Kleidung, in seiner humorvollen Sprache, selbst wenn er die Absurditäten der finanzwirtschaftlichen Globalisierung und der neoliberalen Arroganz heftig kritisiert, oder wenn er prophetisch die mittelmäßige Vision der zentralen Führung der Kirche angesichts der Herausforderungen der Elenden dieser Erde anprangert oder wenn es um Themen geht, die die ganze Menschheit betreffen. Diese Haltung der Armut zeigt sich beispielhaft in den Begegnungen mit Christen der Basisgemeinschaften, die in der Regel arm sind, wenn er unter ihnen sitzt und mit tiefer Aufmerksamkeit dem zuhört, was sie sagen, oder wenn er zu den Füßen der Referenten sitzt, seien es Theologen, Soziologen oder Träger anderen qualifizierten Wissens, ihnen zuhört, sich ihre Ideen notiert und demütig Fragen stellt. Diese Offenheit enthüllt ein inneres Leersein, das es ihm ermöglicht, kontinuierlich zu lernen und seine weisen Gedanken über die Wege der Kirche, Lateinamerikas und der Welt darzulegen.

Wenn die gegenwärtigen turbulenten Zeiten vorbei sein werden, wenn Misstrauen und Bosheit vom Strudel der Zeit verschluckt sein werden, wenn wir zurück auf die Vergangenheit blicken und die letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts und des Beginns des 21. Jahrhunderts bedenken werden, werden wir einen Stern am Himmel unseres Glaubens erkennen, einen Stern, der scheint, nachdem er Wolken durchquert, Dunkelheit ertragen und Stürme überwunden hat: Es wird die einfache, arme, demütige, spirituelle und heilige Gestalt eines Bischofs sein, der, auch wenn er aus einem anderen Land stammte, einer der Unsrigen wurde, und der trotz seiner Distanz uns nahe kam und Bruder aller wurde, ein universeller Bruder: Dom Pedro Casaldaliga, der heute seinen 90. Geburtstag feiert.

Leonardo Boff
16.02.2018

*Leonardo Boff, geb. 1938, ist ein Theologe, Philosoph und Autor, der mit Michail Gorbatschow, Maurice Strong u. a. das Dokument der UNO schrieb und publizierte: die Erd-Charta. Er ist bewegt, fasziniert und inspiriert durch Dom Pedro Casaldaliga.

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Die Zukunft der Erde fällt nicht vom Himmel

Leonardo Boff
Öko-Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

 

Den meisten Leserinnen und Lesern wird es schwer fallen zu akzeptieren, was ich heute schreibe. Obwohl in den besten wissenschaftlichen Köpfen verankert, die an der Universität studierten, ist die Situation des Planeten Erde und ihr eventueller Kollaps oder qualitativer Sprung in ein anderes Realitätslevel seit fast einem Jahrhundert weder ins kollektive Bewusstsein eingedrungen noch in die größeren akademischen Institute. Das alte atomische, mechanistische und deterministische Paradigma, entstanden im 16. Jh. durch Newton, Francis Bacon und Kepler, besteht beharrlich weiterhin, als hätte es Einstein, Hubble, Planck, Heisenberg, Reeves, Hawking, Prigogine, Wilson, Swimme, Lovelock, Capra und so viele andere nie gegeben, die eine neue Vision des Universums und der Erde ausarbeiteten.

Zu Beginn möchte ich Christian de Duve zitieren, den Nobelpreisträger für Biologie von 1974, der eines der besten Bücher über die Geschichte des Lebens schrieb: „Vital Dust: Life as a Cosmic Imperative (Aus Staub geboren. Leben als kosmische Zwangsläufigkeit, 1995): „Die biologische Evolution treibt mit einem beschleunigten Rhythmus auf eine ernsthafte Instabilität zu. Unsere Zeit erinnert uns an die großen Umbrüche in der Evolution, die durch massives Artensterben geprägt waren“ (S. 355). Diesmal wird die Ursache kein riesiger Meteorit sein, der fast alles Leben eliminiert wie in vergangenen Epochen, sondern die Ursache wird der Mensch selbst sein, der nicht nur selbstmörderisch und gemeingefährlich sein kann, sondern der auch eine Gefährdung für die Umwelt, das Leben und den Planeten darstellt. Der Mensch ist in der Lage, fast alles Leben auf unserem Planeten auszulöschen, sodass nur noch die unterirdischen Mikroorganismen überleben, Bakterien, Pilze und Viren, deren Anzahl in die Billiarden geht.

Angesichts dieser Bedrohung, dem Resultat der Todesmaschine, die durch die Irrationalität der Moderne geschaffen wurde, führte man den Begriff „anthropozentrisch“ ein zur Bezeichnung der  Gegenwart als eine neue geologische Ära, in welcher die große Bedrohung von Zerstörung durch den Menschen (Anthropos) selbst kommt. Der Mensch hat in den Rhythmus der Natur und der Erde interveniert und setzt dies tiefgreifend fort, was die eigentliche ökologische Basis, die uns trägt, beeinträchtigt.

Gemäß den Biologen Wilson und Ehrlich werden jährlich zwischen 70 und 100 Tausend Spezies aussterben aufgrund des feindseligen Verhältnisses, das der Mensch zur Natur aufrechterhält.  Die Konsequenz ist klar: Die extremen Ereignisse, die wir erleben, zeigen unwiderlegbar, dass die Erde aus dem Gleichgewicht gekommen ist. Nur ein Ignorant, so wie Donald Trump es ist, leugnet diese empirische Evidenz.

Der berühmte Kosmologe, Brian Swimme, der in Kalifornien ein Dutzend Wissenschaftler anleitet, die die Geschichte des Universums erforschen, tut sich hingegen schwer, einen Ausweg zu finden. Bei dieser Gelegenheit möchte ich darauf hinweisen, dass der Kosmologe Swimme und der Kultur-Anthropologe Thomas Berry eine Geschichte des Universums herausgaben, die auf den besten wissenschaftlichen Daten basiert, vom Urknall bis heute (The Universe Story, San Francisco, Harper 1992), was bis heute als das brillanteste Werk gilt. (Die Übersetzung ins Portugiesische wurde bereits angefertigt, doch die brasilianischen Verleger waren zu töricht, und bis heute wurde es dort noch nicht publiziert. Die spanische Übersetzung wurde gering geschätzt, da das Buch der konkreten Situation der USA zu viel Raum gibt). Die Autoren entwarfen das Konzept „die ökozoische Ära“ oder das „Ökozoikum“, eine vierte biologische Ära, die auf das Paläozoikum, Mesozoikum und unser Neozoikum folgt.

Das Ökozoikum beginnt mit einer Sichtweise des Universums als kosmogenetisch. Sein Markenzeichen ist nicht die Beständigkeit, sondern die Evolution, Expansion und Selbst-Erschaffung von immer komplexerem „Entstehenden“. Dadurch wird die Geburt neuer Galaxien, neuer Sterne und Lebensformen auf der Erde möglich, einschließlich unseres bewussten und spirituellen Lebens.

Die Autoren schrecken vor dem Begriff „spirituell“ nicht zurück, denn sie begreifen, dass der Geist Teil des Universums selbst ist, stets präsent und der in einer fortgeschrittenen Phase der Evolution selbst-bewusst wurde und uns selbst als Teil des Ganzen versteht.

Diese ökozoische Ära repräsentiert eine Restauration des Planeten durch ein Verhältnis, das geprägt ist von Achtsamkeit, Respekt und Hochachtung gegenüber dem wunderbaren Geschenk der lebendigen Erde. Die Ökonomie sollte nicht Akkumulation anstreben, sondern nur das, was für alle notwendig ist, sodass die Erde ihre Nährstoffe reproduzieren kann. Die Zukunft der Erde fällt nicht vom Himmel, sondern hängt ab von den Entscheidungen, die wir treffen, um im Einklang mit den Rhythmen der Natur und dem Universum zu bleiben. Ich zitiere Swimme:

Die Zukunft wird entweder durch diejenigen bestimmt, die dem Technozoikum angehören – eine Zukunft mit steigender Ausbeutung der Erde als Ressource, stets zum Vorteil der Menschen – oder durch diejenigen, die sich dem Ökozoikum verschrieben haben, einer neuen Weise, mit der Erde in einem Verhältnis zu stehen, in welchem dem Wohlbefinden der Erde und der gesamten Gemeinschaft irdischen Lebens das Hauptinteresse gilt (S. 502).

Wenn das Ökozoikum sich nicht durchsetzt, werden wir aller Wahrscheinlichkeit nach eine Katastrophe erleben, diesmal von der Erde selbst hervorgerufen, womit sie sich von einer Spezies ihrer Kreaturen befreien wird, die alles auf gewaltsame Weise besetzte, indem sie eine andere Spezies bedrohte, die durch die gemeinsame Abstammung und dasselbe genetische Erbe ihre Brüder und Schwestern sind, was aber nicht anerkannt wird und in deren Missbrauch und sogar Mord mündet.

Unser Überleben auf diesem Planeten müssen wir uns verdienen. Doch dies hängt davon ab, ob wir ein freundschaftliches Verhältnis zu Natur und Leben pflegen, und von einer tiefgreifenden Veränderung unserer Lebensweisen. Swimme fügt hinzu: „Wir werden nicht in der Lage sein zu überleben, ohne eine besondere Intuition (Innensicht), die die Frauen schon immer in allen Phasen der menschlichen Existenz hatten“ (S. 501).

Dies ist der Scheideweg unserer Zeit: uns entweder zu verändern oder auszusterben. Doch wer glaubt das schon? Wir werden weiterhin laut unsere Stimme erheben.

Leonardo Boff
12.01.2018

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Im roten Bereich: Der Mensch – ein Teufel für Mutter Erde

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

Der 2. August 2017 bezeichnete ein Datum, das sowohl für die Menschheit als auch für jede einzelne Person Besorgnis erregend ist. Es war der „Welterschöpfungstag“, der Tag, an dem die menschliche Nachfrage an Ressourcen das Angebot und die Kapazität der Erde zur Reproduktion dieser Ressourcen in diesem Jahr übersteigt. Wir waren im grünen Bereich und sind nun in den roten Bereich gelangt, d. h. wir schreiben nun rote Zahlen. Was auch immer wir von nun an verbrauchen, wird der Erde gewaltsam entrissen, nicht nur um unerlässliche menschliche Bedürfnisse zu stillen, sondern, was noch schlimmer ist, um das zügellose Maß an Konsum der reichen Ländern aufrecht zu erhalten.

Diesen Fakt bezeichnet man oft als den „ökologischen Fußabdruck“. Dieser Fußabdruck misst die Größe an fruchtbarem Land und Wasser, das gebraucht wird, um die notwendigen Lebensmittel wie Wasser, Getreide, Fleisch, Fisch, Holz, erneuerbare Energien u. a. herzustellen. Zurzeit nutzen wir 12 Milliarden Hektar an fruchtbarem Land (Urwald, Weideland und Ackerland), doch eigentlich bräuchten wir 20 Milliarden. Wie lässt sich  dieses 8 Milliarden Defizit überbrücken? Indem wir immer mehr von der Erde nehmen… doch wie lange ist das noch möglich? Wir plündern Mutter Erde nach und nach aus. Wir wissen nicht, wann der Punkt gekommen sein wird, an dem sie kollabiert, doch wenn das opulente Maß an Konsum und Müllerzeugung sich fortsetzt, wird dieser Tag kommen, und zwar mit entsetzlichen Konsequenzen für alle.

Wenn wir von Hektar Land sprechen, meinen wir nicht nur den Ackerboden, sondern alles, das uns zur Produktion dient wie z. B. Holz für Möbel, Baumwolle für die Kleidung, Farbstoffe, natürliche Quellen für Medizin, Mineralien u. a.

Jeder Mensch braucht im Durchschnitt 1,7 Hektar Land, um zu überleben. Fast die Hälfte der Menschheit (43 %) befindet sich unter diesem Level, wie die von Hunger gezeichneten Länder: Eritrea mit einem ökologischen Fußabdruck von 0,4 Hektar, Bangladesch mit 0,7 Hektar, Brasilien mit überdurchschnittlichen 2,9 Hektar. 54 % der Weltbevölkerung leben über ihre Bedürfnisse, so wie die USA mit 8,2 Hektar, Kanada mit 8,2, Luxemburg mit 15,8, Italien mit 4,6 und Indien mit 1,2 Hektar.

Dieses ökologische Defizit ist ein Darlehen, das wir zu unserem gegenwärtigen Nutzen und Spaß den künftigen Generationen wegnehmen. Doch wenn diese Generationen da sein werden, wie sollen wie ihren Bedarf an Nahrung, Wasser, Fasern, Getreide, Fleisch und Holz stillen? Sie werden einen verarmten Planeten erben.

Wir befürchten, dass unsere Nachkommen beim Blick auf die Vergangenheit uns schließlich verfluchen werden: “Ihr habt nicht an eure Kinder, Enkel und Urenkel gedacht; ihr wusstet nicht, wie man einen bewahrt und einen moderaten und bescheidenen Konsum entwickelt, sodass einige der Güter der Erde für uns übrig blieben, und nicht nur für uns, sondern auch für alle Lebewesen, die brauchen, was wir uns aneignen“. Dies führt uns zu den Worten von Duwamish-Suquamish Großvater Si’ahl, aka, von Seattle: „Wenn alle Tiere verschwunden sind, wird der Mensch aus spiritueller Einsamkeit sterben, denn alles, was den Tieren passiert, wird auch dem Menschen geschehen, denn alles ist miteinander verbunden“.

Eine perverse, grausame und erbarmungslose soziale Ungerechtigkeit herrscht vor: 15 % derjenigen, die in den opulenten Regionen der Nordhälfte des Planeten leben, eignen sich 75 % dessen natürlichen Güter an und nutzen 40 % seines fruchtbaren Landes. Millionen von Menschen müssen wie verhungernde Hunde auf die Krümel hoffen, die von den übervollen Tischen der Reichen fallen.

Tatsächlich resultiert das Defizit der Erde aus einer Ökonomie, die „die Freundlichkeit der Natur“ verschwendet, wie die Völker in den Anden sagen, durch Entwaldung, Verschmutzung von Wasser und Erde, Verarmung des Ökosystems und Erosion der Biodiversität. Diese Effekte werden als „extern“ bezeichnet, was weder den Profit beeinträchtigt noch in die Buchführung des Managements Eingang findet. Doch sie haben einen Einfluss auf gegenwärtiges und künftiges Leben.

Der Wirtschaftswissenschaftler Ladislau Dowbor von der Päpstlichen Katholischen Universität von Sao Paulo fasst das Problem in seinem Buch „Ökonomische Demokratie“ (Democracia economica, Vozes, 2008) klar zusammen: „Es erscheint schon absurd genug, doch das Wesen der Wirtschaftstheorie, mit der wir arbeiten, berücksichtigt nicht die Plünderung des Planeten. In der Praxis, innenpolitisch betrachtet, ist es so, als überlebten wir, indem wir die Möbel, die Vermögen des Hauses, verkauften … und glaubten, dass wir mit diesem Einkommen normal weiterleben können und dass wir unseren Haushalt ordentlich geführt hätten. Wir zerstören die Erde, das Wasser, das Leben in den Meeren, den Pflanzenwuchs, die Ölreserven, die Ozonschicht, das ganze Klima, doch alles, woran wir denken, ist das Wirtschaftswachstum“ (S. 123).

Dies ist die gängige Logik der gegenwärtigen neoliberalen, irrationalen und selbstmörderischen Marktwirtschaft. In radikalen Worten ausgedrückt würde ich sagen: die Menschheit offenbart sich selbst als der Teufel der Erde und nicht als ihr Schutzengel.

                                                                                                                                                                                                                                                                    Leonardo Boff
15.08.2017

 

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Die Kraft der Niedrigen und Geringen: die Theologie der Befreiung

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta-Kommission

 

Wie immer fand drei Tage vor dem Weltsozialforum das Forum der Befreiungstheologie statt. Aus allen Kontinenten nahmen mehr als zweitausend Personen, die für diese Art der Theologie arbeiten, an dem Forum teil: aus Südkorea, aus mehreren afrikanischen Ländern, den USA, Europa und aus ganz Lateinamerika. Die Befreiungstheologie erfordert, stets einen Fuß in der Welt der Armut und des Elends zu haben und einen anderen Fuß in der theologischen und pastoralen Reflexion. Ohne diese enge Verbindung verdient eine Befreiungstheologie diesen Namen nicht.

Gelegentlich  führen wir Auswertungen durch. Die erste Frage lautet: Wie existiert das Reich Gottes hier in unserer widersprüchlichen Realität? Wo sind die Zeichen des Gottesreiches in unserem Kontinent, in China und im gekreuzigten Afrika, vor allem in den kleinsten unserer Länder? Nach dem Gottesreich zu fragen heißt nicht, nach der Kirche zu fragen, sondern danach, wie der Traum Jesu vorankommt. Sein Traum besteht aus bedingungsloser Liebe, Solidarität, Mitgefühl, sozialer Gerechtigkeit, Offenheit für das Heilige und dass die Unterdrückten in den Mittelpunkt rücken. Diese und andere Werte bilden den Inhalt dessen, was wir Reich Gottes nennen, die zentrale Botschaft Jesu. Der Name klingt zwar religiös, doch sein Inhalt ist humanistisch und universell. Jesus von Nazareth kam uns zu lehren, wie wir diese Werte leben können, nicht wie wir die Doktrin darüber  verbreiten.

Wenn jemand fragt, welche Fortschritte die Befreiungstheologie macht, findet sich die Antwort ebenfalls in einer anderen Frage: Wie werden die Armen, Unterdrückten, Frauen, Arbeitslosen, Ureinwohner, die Nachkommen der Afro-Bevölkerung und andere Ausgeschlossene behandelt? Wo finden sie Platz in der befreienden Praxis der Christen? Es ist unerlässlich zu betonen, dass nicht die Befreiungstheologie im Mittelpunkt steht, sondern die konkrete Befreiung der Unterdrückten, d. h. das gegenwärtige Gottesreich und nicht bloß das Nachdenken darüber.

Vom 12.-14. Oktober versammelten sich ca. 50 Theologen und Theologinnen aus ganz Lateinamerika in Puebla (Mexiko). Diese Versammlung wurde durch Amerindia organisiert, einem Netzwerk von Organisationen und Personen, die sich für den Prozess der Transformation und der Befreiung unserer Völker einsetzen. Diese Versammlung, die in einem christlichen und kritischen Ton abgehalten wurde, analysierte den  historischen Moment, in dem wir uns zurzeit befinden, aus einer ganzheitlichen Perspektive und mit Betonung auf den prophetischen/mystischen und methodologischen Inhalten der Befreiungstheologie, ausgehend von dieser Realität.

Einige der “Gründungsväter” dieser Art von Theologie (aus den frühen 1970er Jahren) waren anwesend, alle im Alter zwischen 75 und 80 Jahren. Ihnen schloss sich die neue Generation von jungen Theologen (incl. einiger Indigenen) und Theologinnen (Schwarze und Indigene) an. In  einem tiefen Gefühl der Gleichheit und Geschwisterlichkeit wollten wir neue Perspektiven, Herangehensweisen und Methoden des Voranbringens dieser Art von Theologie herausarbeiten sowie die Würde, die wir denjenigen zurechnen, die „nicht zählen“ und denen in unserer neoliberalen und kapitalistischen Gesellschaft kein Platz zugestanden wird.

Anstelle von großen Versammlungen – es gab nur zwei Einführungen zur Eröffnung – zogen wir es vor, an runden Tischen und in Kleingruppen zu arbeiten und uns auszutauschen. Auf diese Weise konnten alle teilnehmen und sich gegenseitig konstruktiv bereichern. Da waren Theologen und Theologinnen, die inmitten der Ureinwohner arbeiten, andere in den armen Randgebieten der Städte, andere Theologen und Theologinnen, die sich mit Genderfragen in einer ganzen Region beschäftigen (wie die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen in Machtverhältnissen überwunden werden kann), andere waren Universitätsprofessoren und Forscher, die mit sozialen Bewegungen in organischer Verbindung stehen. Alle brachten kraftvolle und sogar aus gefährlichen Situationen stammende Erfahrungen mit, insbesondere in Mittelamerika mit seinen Drogenkartells, den Verschwundenen, den „Maras“ (organisierten Verbrechergruppen gewaltbereiter Jugendlicher) und der Gewalt der Polizei. Die ganze Arbeit wurde durch das Internet weitergeleitet, und dort gibt es Abertausende von Anhängern im ganzen Kontinent.

Die Dichte der Reflexion in diesen drei Tagen intensiver Arbeit kann hier nicht zusammengefasst werden, doch es war klar, dass es unterschiedliche Formen im Verständnis der Realität (Erkenntnistheorie) gibt, sei es auf Seiten der Ureinwohner, der Afro-Nachkommen oder der Ausgegrenzten oder integrierten Männer und Frauen. Allen war klar, dass das Problem der Armen nicht gelöst werden kann ohne die Armen selbst. Die Armen müssen sowohl das Thema als auch die Handelnden ihrer eigenen Befreiung sein. Wir sind bereit, ihre Verbündeten zu sein und sie zu unterstützen.

Die Befreiungstheologie der „Alten“ und der Neuen ist wie eine Saat, die für „die Kraft der Niedrigen und Geringen“ steht, das Motto der Versammlung. Diese Saat ist nicht gestorben. Sie wird so lange leben, wie es auch nur einen einzigen unterdrückten Menschen geben wird, der nach Befreiung ruft.

Wir erinnerten uns an das Gedicht von Pablo Neruda: „Woher wissen die Wurzeln, dass sie sich ausstrecken müssen, um das Licht zu sehen und dann den Wind zu grüßen mit so vielen Blüten und Farben?“ Mit Dostojewski und Papst Franziskus glauben wir auch, dass das, was die Welt retten wird, im Grunde die Schönheit ist, die Frucht der Liebe zum Leben und zu all denjenigen,  die ungerechterweise weniger vom Leben haben.

Leonardo Boff
24.10.2017

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