President Obama: Denken Sie an Leonard Peltier

Ricardo Alarcón de Quesada

Cubadebate 30.03.2016

“Für diejenigen unter uns, die hier eingesperrt sind, gibt es nichts Wichtigeres als nicht vergessen zu werden.“
Leonard Peltie
Leavenworth Prison, 9/1998

Während Barack Obama stolz und ohne sich zu schämen die Tugenden der nordamerikanischen „Demokratie“ preist und die Menschenrechte predigt, ermattet ein unschuldiger Mann in seiner Zelle, völlig isoliert, nur auf den Tod wartend oder auf etwas, das nur in der Macht des Präsidenten der Vereinigten Staaten steht, was dieser aber bisher nicht unternommen hat.

Leonard Peltier, ein Sioux Chippewa Anishinabe Lakota und ein Anführer des  American Indian Movement (AIM), Schriftsteller und Dichter, hat kürzlich vierzig Jahre Haft im Gefängnis vollendet. Weltweit ist er einer der politischen Gefangenen, die am längsten inhaftiert worden sind. Als er im Februar 1976 eingesperrt wurde, war er ein junger Mann, der für die Rechte der indigenen Völker des Kontinents kämpfte. Er hatte bereits Unterdrückung und Gefängnis von einem sehr frühen Alter an kennengelernt. Jetzt, fast blind und sehr krank, erleidet er grausame und völlig unberechtigte Gefangenschaft.

Ohne Beweise in einem Prozess, der durch die Manipulation und Illegalität charakterisiert ist, wurde er zu zwei aufeinander folgenden lebenslänglichen Freiheitsstrafen (SIC) verurteilt, die er in Hochsicherheitstrakt-Gefängnissen abgesessen hat, besonders harten Bedingungen unterworfen, gekennzeichnet von einer Unmenschlichkeit, die weder seine zerbrechliche Gesundheit noch sein fortgeschrittenes Alter berücksichtigt.

In den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts ließ das repressive und rassistische Regime Nordamerikas diejenigen seine Gewalt spüren, die sich dem Vietnam-Krieg widersetzten; ebenso die Schwarzen, die Puerto-Ricaner und die indigenen Nationen, die ihrer Länder beraubt und in die so genannten “Reservate” eingepfercht worden waren. 1973 fand das Wounded Knee (verwundetes Knie) Massaker statt, haargenau am selben Platz, an dem sich 1890 die größte Konfrontation zwischen den Indigenen und den weißen Invasoren ereignet hatte. An beiden Ereignissen wurde eine große Anzahl von “Indianern”, einschließlich Kinder, Frauen und alter Menschen, getötet, und keiner wurde je für diese Verbrechen vor Gericht gestellt. Die Grausamkeit des Wounded Knee II und der wachsenden Präsenz von Agenten des FBI und paramilitärischer Gruppen hat eine Stimmung des Terrors in einem Bereich geschaffen, in dem kürzliche Entdeckungen von Uranablagerungen und anderer Mineralien die angelsächsische Habgier weckten.

 Solidarität breitete sich in anderen Bereichen aus. Marlon Brando, dem 1973 der Oskar für seine beeindruckende Leistung im „Paten“ verliehen werden sollte, verwandelte diese Zeremonie in eine einzigartige Anklage: Anstatt sich aufwarten zu lassen, lud er eine Apachen-Schauspielerin, Sacheen Littlefeather, ein und protestierte gegen die Behandlung der indigenen Völker und das Wounded Knee Massaker: “Es erschien mir absurd, der Zeremonie des Oskars beizuwohnen. Es schien grotesk, eine Industrie zu zelebrieren, die die indigenen Völker dieses Landes seit sechs langen Jahrzehnten systematisch verleumdet und in ein falsches Licht setzt“, verkündete Brando öffentlich im Schlusswort.

 Unter der Belagerung in Ogalala, im Pine Ridge-Reservat von South Dakotas, baten die Älteren die AIM um Schutz. AIM schickte mehrere Aktivisten, darunter Peltier. Im Juni 1975 geschah dort etwas Merkwürdiges, wobei zwei Agenten des FBI, und mehrere unbewaffnete Bürger, Indigene, deren Zahl und Namen unbekannt bleiben, ihr Leben verloren.

 Indigene wurden in ihrem Unterschlupf umzingelt, aus dem keiner einen Angriff gestartet hatte. Diejenigen, die vor dem Ereignis hereingegangen sind, waren Hunderte von FBI-Agenten, sehr gut bewaffnet, so wie das Paramilitär, das ihnen zu Diensten stand. Hätte ein Indigener einen Schuss abgegeben, wofür es keine Beweise gibt,  wäre dies wahrscheinlich ein verzweifelter Akt von Selbstverteidigung gewesen.

Die Behörden klagten nur Indigene an. Peltier suchte Unterschlupf in Kanada, wo er am 6. Februar 1976 festgenommen wurde. Inzwischen waren seine Kameraden aus Mangel an Beweisen freigelassen worden.

 Die Klage gegen Peltier war von Anfang an vom FBI lanciert worden. Enthüllungen nach der Verhandlung, die nach zähen Bemühungen seiner Verteidiger durch den Freedom of Information Act erreicht wurden, bewiesen den betrügerischen Charakter des ganzen Prozesses: Falsche Zeugenaussagen, erhalten durch die Bestechung und Drohungen, das Erbringen eines „Beweises“ in Form einer Waffe, die weder am Ort des Verbrechens war noch jemals von Peltier verwendet worden war, eine Waffe, die gar keine Beziehung zum Ereignis hatte. Bei der Anhörung am Revisionsgericht im Jahr 1978 musste einer der Ankläger gegen Peltier zugeben: “Wir wissen nicht wirklich, wer den Schuss gegen die Agenten vom FBI abgegeben hat.“ Das Gericht blieb jedoch von der Richtigkeit des Urteils überzeugt.

Der Prozess gegen Peltier war eine Farce monumentalen Ausmaßes. Diese Tatsache wurde von einem anderen großen nordamerikanischen Schauspieler, Robert Redford, in seinem “Dokumentarfilm „Ereignis von Ogalala: die Leonard Peltier Story“ überzeugend aufgedeckt. Dieser, im Jahr 1992 gedrehte Film, wurde einer solch scharfen Zensur unterworfen, die ihn derart zurechtstutzte, dass ihn kaum mehr jemand sehen konnte. Die Gründe sind offensichtlich. Gemäß der Washington Post vom 22. Mai 1992 heißt es: “Es ist sehr schwierig, „Ereignis von Oglala““ zu sehen, ohne daraus zu schlussfolgern, dass Leonard Peltier unschuldig ist … Sein Prozess war nichts anderes als eine von der US-Regierung zusammengebraute Farce. Dieser direkte und erhellende Dokumentarfilm zeigt, wie weitreichend die Skrupellosigkeit der Ankläger und der Staatsanwälte war, um diesen Mann zu verurteilen”.

 Unter denjenigen, die um seine Befreiung bitten und baten, sind Nelson Mandela, das Europäische Parlament und zahlreiche weltweit bekannte Persönlichkeiten. Diese Bitte besteht nun schon seit über vier Jahrzehnte unerhört. Vor einiger Zeit warnte Ramsey Clark, der ehemalige Generalstaatsanwalt der Vereinigten Staaten: “Bis dies geschieht, ist jeder neue Tag ein neues Verbrechen, jeder Sonnenaufgang ist ein neues Verbrechen, jeder Sonnenuntergang ist ein neues Verbrechen gegen die Würde der indigenen Menschen und gegen die Ehre der Vereinigten Staaten von Amerika. Denn solange Leonard Peltier im Gefängnis sitzt, sind auch wir alle im Gefängnis”.

 Als Leonard Peltier willkürlich eingesperrt wurde, war Barak Obama ein Teenager und für diese Ungerechtigkeit nicht verantwortlich. Aber nun ist er schon seit acht Jahren verantwortlich, weil er als Präsident der Vereinigten Staaten nichts unternommen hat, um Peltier zu befreien. Obama kennt das “Sí se puede”, aber er zieht es vor, Komplize dieses Verbrechens zu sein.

——

 Um Kommentare zu schicken, bitte folgende email-Adresse verwenden: nils.castro@gmail.com