Wie “herzlich” ist das brasilianische Volk?

Die Bezeichnung „herzlicher Mensch“ für einen Brasilianer geht auf den Schriftsteller Ribeiro Couto zurück. Dieser Ausdruck wurde durch Sergio Buarque de Holanda mit seinem bekannten Buch „Die Wurzeln Brasiliens“ (raices de Brasil, 1936) verbreitet. Hier widmete er diesem Ausdruck das gesamte 5. Kapitel. Zur Klarstellung: Im Gegensatz zu Cassiano Ricardo, der unter „Herzlichkeit“ so etwas wie Güte und Feingefühl versteht, sagte er, dass „unsere gewöhnliche Form von sozialem Zusammenleben in ihrem Kern das genaue Gegenteil von Feingefühl“ sei (S. 107 der 21. Auflage von 1989). Sergio Buarque versteht unter Herzlichkeit im strikten etymologischen Sinn das, was von Herzen kommt. Die Brasilianer sind mehr vom Herzen als von der Vernunft gesteuert. Vom Herzen kann sowohl Liebe als auch Hass kommen. „Nun,“ sagt der Autor, „Feindschaft kann ebenso herzlich sein wie Freundschaft, denn beides entsteht im Herzen“ (S. 107).

Ich schreibe dies zum besseren Verständnis der „herzlichen“ Emotionen, die in der Präsidentschaftswahl von 2014 ausbrachen. Auf der einen Seite fanden sie ihren Ausdruck in Ausbrüchen bis hin zum Fanatismus, Enthusiasmus und Liebe zu den Kandidaten, auf der anderen Seite zeigten sie sich im Hass und in überheblichen Ausdrucksweisen auf beiden Seiten der Wählerschaft. Es bestätigte sich, was Buarque de Holanda schrieb: Mangel an Feingefühl in unserem gesellschaftlichen Zusammenleben.

Möglicherweise kamen in keiner der vorigen Präsidentschafts-Wahlkampagnen „herzliche“ Gesten besser zum Ausdruck im Sinne von der Art und Weise, wie Liebe und Hass in der Welt entgegengebracht wird. Wer in den sozialen Netzwerken mitlas, dem fiel auf, wie niedrig das Bildungs- und Erziehungsniveau sein muss, wie es an gegenseitigem Respekt und sogar an einem demokratischen Verständnis mangelt, verstanden als einer Koexistenz von Unterschieden. Dieser Mangel an Respekt wirkte sich auch in den Debatten zwischen den Kandidaten aus, die vom Fernsehen übertragen wurden. Beispielsweise bezeichnete einer der Kandidaten die Staatspräsidentin als „Dirne und Lügnerin“. Dies fällt zwar unter den Begriff „herzlich“, doch es zeigt einen großen Mangel an Respekt für die Würde des höchsten Staatsamtes.

Um unsere „Herzlichkeit“ besser zu verstehen, ist es hilfreich, zwei Punkte zu benennen, die zum Erbe der Zivilisation unseres Landes gehören: die Kolonialisierung und die Sklaverei. Die Kolonialisierung rief in uns ein Gefühl der Unterwerfung hervor. Es ließ uns die politischen Strukturen, die Sprache, Religion und Gepflogenheiten der portugiesischen Kolonialherren annehmen. So wurden La Casa Grande und La Senzala geschaffen. Wie Gilberto Freiyre aufzeigte, geht es hier nicht nur um äußerliche soziale Strukturen. Diese wurden als ein heimtückischer Dualismus verinnerlicht: auf der einen Seite ist der Herr, der besitzt und alles bestimmt; auf der anderen Seite ist der Diener, der wenig besitzt und zu gehorchen hat, oder wie es sich in der sozialen Hierarchie als großes Gefälle zwischen Arm und Reich zeigt. Diese Struktur besteht noch immer in den Köpfen der Menschen und hat sich zu einem Code entwickelt, nach dem die Realität interpretiert werden muss.

Eine weitere durchaus perverse Tradition bestand in der Sklaverei. Wir dürfen nicht vergessen, dass es zwischen 1817 und 1818 eine Zeit gab, in der mehr als die Hälfte Brasiliens (50,6 %) aus Sklaven bestand. Heutzutage haben noch fast 60 % der Bevölkerung afrikanisches Sklavenblut. „Geduld, Resignation und Gehorsam“ war, was die Priester den Sklaven im Katechismus beibrachten. Den Sklavenhaltern lehrten sie „Moderation und Gutmütigkeit“, was, ehrlich gesagt, nicht sonderlich befolgt wurde. Sklaverei wurde verinnerlicht in Form von Diskrimination und Vorurteilen gegenüber den Schwarzen, die immer zu dienen hatten. Ihnen einen Lohn zu zahlen wird noch immer von vielen als Mildtätigkeit angesehen, nicht als Pflicht, denn zuvor taten Sklaven alles kostenlos, und sie denken, das müsse auch heute noch so sein. In vielen Fällen werden Angestellte, Haushaltshilfen oder Landarbeiter auf diese Weise behandelt.

Das Resultat dieser beiden Traditionen findet sich im brasilianischen kollektiven Unbewussten wieder – weniger im Sinne von Klassenkampf (den es auch gibt), als im Sinn von Sozialstatus-Konflikt. Man sagt, dass Schwarze faul seien, obwohl wir wissen, dass es die Schwarzen waren, die fast alles in unseren Städten erbauten. Menschen aus dem Norden haben keine Schulbildung, da sie in halbtrockenen Gebieten leben und harschen Umweltbedingungen unterworfen sind, doch sie sind ein sehr kreatives, cleveres und hart arbeitendes Volk. Die großen Dichter, Poeten und Schauspieler kommen aus dem Nordosten. Im heutigen Brasilien ist dies die Region mit dem größten Wirtschaftswachstum in der Größe von 2-3 %, über dem Landesdurchschnitt, doch Vorurteile verdammen sie zur Minderwertigkeit.

All diese Widersprüche unserer „Herzlichkeit“ spiegeln sich auf Twitter, Facebook und anderen sozialen Netzwerken wider. Wir sind widersprüchliche Lebewesen.

Ich führe für das Verständnis des Aufkommens von Liebe und Hass in dieser Wahlkampagne noch ein anthropologisches Argument an. Es geht um die wesentliche Zweideutigkeit der Conditio Humana. Jede und jeder von uns besitzt eine Dimension von Licht und von Dunkelheit, sym-bolisch (vereinend) und dia-bolisch (trennend). Heutzutage heißt es, wir sind gleichzeitig dement und weise (Morin), d. h. Menschen der Vernunft und Güte, und gleichzeitig der Unvernunft und des Bösen. Die christliche Tradition sagt, wir seien sowohl Heilige als auch Sünder. Der Hl. Augustinus brachte dies gut zum Ausdruck: Jeder ist Adam, jeder ist Christus, d. h. jede Person ist voller Beschränkungen und Laster, gleichzeitig aber auch Träger von Tugenden und einer göttlichen Dimension. Diese Situation ist kein Mangel, sondern ein Charakteristikum der Conditio Humana. Wir müssen herausfinden, wie wir ein Gleichgewicht zwischen diesen Kräften finden können und im besten Fall der Dimension des Lichts den Vorrang über die der Dunkelheit geben, der Dimension Jesu über die Dimension des alten Adam.

In diesen Monaten der Wahlkampagne, in der wir uns befinden, zeigte sich das „Herzliche“ im doppelten Sinn des Wortes: erfüllt von Wut und Empörung und gleichzeitig mit positiver Begeisterung und ernsthafter und selbstkontrollierter Teilnahme. Wir dürfen weder lachen noch weinen, sondern müssen versuchen zu verstehen. Doch allein zu verstehen reicht nicht. Wir müssen dringend zivilisierte Formen der „Herzlichkeit“ finden, bei denen der Wille zur Kooperation für das Gemeinwohl vorherrscht, der legitime Raum für eine ernsthafte Opposition respektiert wird und Offenheit für die anderen politischen Optionen besteht. Brasilien muss sich vereinen, sodass es gemeinsam die schwer wiegenden inneren und äußeren Probleme (Kriege von großer Zerstörungskraft und die schwere Krise des Erd-Systems und des Lebens-Systems) in einem Projekt von allen angegangen werden, damit wahr wird, wie Ignacy Sachs Brasilien nannte: „Das Land der Guten Hoffnung“.

Leonardo Boff
19.11.2014

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Für das Verständnis des Wahlsiegs von Dilma Rousseff

In dieser Präsidentschaftswahl waren Brasilianer und Brasilianerinnen mit der biblischen Situation konfrontiert, von der der Erste Psalm spricht. Sie hatten zwischen zwei Wegen zu wählen: dem einen, der für Erfolg und mögliche Freude steht, und dem anderen, der zu Fehler und unvermeidbarem Unglück führt.

Alle Voraussetzungen waren gegeben für einen perfekten Sturm mit Verzerrungen und Verleumdungen, die durch die Massenmedien und die sozialen Netzwerke verbreitet wurden. Vor allem eine Zeitschrift übertrat deutlich die Grenzen journalistischer, sozialer und persönlicher Ethik, indem sie Unwahrheiten abdruckte, um die Kandidatin Dilma Rousseff zu diskreditieren. Hinter all dem standen die am meisten rückwärtsgewandten Eliten, denen es in erster Linie darum geht, ihre Privilegien zu verteidigen, statt sich für die persönlichen und sozialen Rechte aller einzusetzen.

Angesichts dieser Feindseligkeiten bestärkte Präsidentin Dilma, die in den Kerkern der repressiven Organe der Militärdiktatur Folter zu erleiden hatte, ihr Image, nahm an Entschlossenheit zu und nahm ihre Energien zusammen, um jedem Angriff zu begegnen. Sie zeigte sich so, wie sie ist: eine mutige und tapfere Frau. Von ihr geht Vertrauen aus, eine grundlegende Tugend für Politiker. Sie zeigt Integrität und erträgt keine Halbheiten. Dies ruft in der Wählerschaft ein Gefühl der Festigkeit hervor.

Ihr Sieg ist zum Großteil auf ihre Anhänger zurückzuführen, die auf die Straße gingen und große Demonstrationen organisierten. Das Volk zeigte, dass es in seinem politischen Bewusstsein gereift ist und wusste, biblisch gesprochen, wie es den Weg zu wählen hatte, der am richtigsten erscheint, indem es Dilma wählte. Sie errang den Sieg mit mehr als 51 % der Stimmen.

Das Volk kannte bereits die beiden Wege. Der eine, der für 8 Jahre lang ausprobiert wurde, versetzte Brasilien in die Lage, wirtschaftlich zu wachsen, doch transferierte er den Großteil der Gewinne zu den bereits Wohlhabenden, auf Kosten der niedrigen Gehälter, der Arbeitslosigkeit und der Armut für die große Mehrheit: gute Politik für die Reichen und schlechte Politik für die Armen. Brasilien wurde zu einem unbedeutenden und untergeordneten Player im großen globalen Projekt, das von den reichen und militaristischen Ländern angeführt wird. Dies war nicht das Projekt eines souveränen Staates, der sich seines menschlichen, kulturellen und ökologischen Reichtums bewusst ist und eines Volkes wert, das stolz ist auf seine bunte Vielfalt und umso reicher durch all seine Unterschiede.

Das Volk hat auch einen anderen Weg beschritten, den richtigen Weg, der zum möglichen Glück führt. Und das Volk spielte dabei eine zentrale Rolle. Mit einer Politik, die sich den Gedemütigten und Geknechteten unserer Geschichte zuwendet, gelang es einem seiner Kinder, einem Überlebenden der großen Verfolgung, Luiz Ignacio Lula da Silva, eine Bevölkerung, so groß wie die von ganz Argentinien, zu einer modernen Gesellschaft zu formen. Dilma Rousseff setzte dies fort, vertiefte und weitete diese Politik noch aus durch demokratisierende Maßnahmen wie Pronatec, Pro-Uni, die Universitäts-Quoten für Studenten, die eher von öffentlichen als von privaten Schulen kommen; Quoten für Studenten, deren Großeltern aus den Kerkern der Sklaverei kamen, und alle Sozialprogramme, wie z. B. Bolsa Familia, Licht für alle, Mein Haus, Mein Leben, Mehr Ärzte u. a.

Die fundamentale Aufgabe, die sich unserem Land stellt, ist folgende: Allen, hauptsächlich jedoch den Armen, den Zugang zu den lebensnotwendigen Gütern zu verschaffen, die schreckliche Ungleichheit zu überwinden und mittels Bildung den Kindern die Gelegenheit zu vermitteln, heranzuwachsen, sich zu entwickeln und zu aktiven und humanen Bürgern zu werden.

Dieses Projekt erweckte Brasiliens Sinn für Souveränität und projizierte es mit einer unabhängigen Position auf die globale Szene, wo es nach einer neuen Weltordnung verlangt, in der die Menschheit sich selbst als Menschen erfährt, die das Gemeinsame Haus bewohnen.

Die Herausforderung für Präsidentin Dilma besteht nicht nur darin, zu konsolidieren, was bereits funktioniert und etwaige Mängel zu beheben, sondern eine neue Legislaturperiode einzuleiten, die einen qualitativen Fortschritt in allen Sphären des sozialen Lebens umfasst. Nur wenig wird zu erreichen sein, kommt es nicht zu einer politischen Reform, die ein für alle Mal der Korruption die Basis entzieht und zu einem Fortschritt in der repräsentativen Demokratie führt, die partizipatorische Demokratie mit Räten, öffentliche Anhörungen, Konsultationen der sozialen Bewegungen und anderer Institutionen der Zivilgesellschaft einschließt. Auch eine Steuerreform wird dringend benötigt, um zu Gerechtigkeit zu führen und dazu beizutragen, die abgrundtiefe soziale Ungleichheit zu verringern. Bildung und ein Gesundheitswesen wird in Zentrum des Interesses dieser neuen Legislaturperiode stehen. Ein unwissendes und kränkliches Volk wird nie in der Lage sein, auf ein besseres Leben zuzugehen. Präsidentin Dilma wird sich den sozialen Imperativen bezüglich sanitärer Grundversorgung, urbaner Mobilität mit minimal würdigen Transportbedingungen (85 % der Bevölkerung lebt in Städten), Sicherheit und der Bekämpfung der Kriminalität zuwenden müssen.

In den Debatten schlug sie eine breite Palette von Veränderungen vor. Angesichts der Ernsthaftigkeit und des Sinns für Effizienz, den sie stets zeigte, können wir sicher sein, dass diese Veränderungen stattfinden werden.

Es gibt Fragen, die in den Debatten kaum angesprochen wurden, wie die Wichtigkeit einer modernen Agrarreform, die die Landbevölkerung stabilisiert mit all den Vorteilen, die die Wissenschaft bietet. Es ist auch wichtig, das Land der indigenen Bevölkerung zu demarkieren und zu standardisieren, denn viele von ihnen sehen sich durch den Übergriff durch das Agro-Business bedroht.

Die letzte und vielleicht größte Herausforderung kommt aus dem Bereich der Ökologie. Die Zukunft des Lebens und unserer Zivilisation ist ernsthaft bedroht durch die menschengemachte Todesmaschine, die alles Leben mehrfach von der Erde löschen könnte, und durch die verheerenden Konsequenzen der Erderwärmung. Kommt es zu einem steilen Temperaturanstieg, so warnt uns die gesamte wissenschaftliche Community, könnte das Leben, so wie wir es kennen, nicht fortbestehen, und ein Großteil der Menschheit würde tödlich davon betroffen werden. Durch seinen ökologischen Reichtum spielt Brasilien eine fundamentale Rolle im Gleichgewicht unseres geplagten Planeten. Eine neue Dilma-Regierung kann diese Frage nach Leben oder Tod für unsere menschliche Spezies nicht ignorieren.

Möge der Geist der Weisheit und der Achtsamkeit Präsidentin Dilma in den schwierigen Entscheidungen, die sie treffen muss, leiten.

Leonardo Boff
31.10.2014

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Durch die Wahl für Dilma die demokratische Revolution konsolidieren

Etwas Grundlegendes in der brasilianischen Geschichte steht in der zweiten Runde der aktuellen Präsidentschaftswahl auf dem Spiel: unsere erste demokratische und friedliche Revolution des Volkes, die mit der Präsidentschaftsübernahme von Luiz Inacio Lula da Silva (Lula) durch Wahlen umgesetzt wurde. Dies war nicht nur ein Machtwechsel, sondern ein Wechsel der Gesellschaftsklasse. Ein Repräsentant der Verarmten und der beständig an den Rand Gedrängten schaffte es ins höchste Amt der Nation. Das war die Frucht der Arbeiterpartei PT (nach ihrem portugiesischen Namen), ihrer Verbündeten und der ausgezeichneten Kombination von sozialen Bewegungen und Gewerkschaften, und dies wurde von Dilma Rousseff fortgeführt.

Wie der berühmte Historiker José Honorio Rodrigues in seinem „Versöhnung und Reform in Brasilien“ (Conciliación y Reforma en Brasil, 1965) zum Ausdruck bringt: „Die Interessen des Volks waren von der Staatsgewalt vernachlässigt worden. Daher kam es zu Kämpfen, Rebellionen, der blutigen Geschichte, Kompromiss und Versöhnung. Wir hatten niemals eine Revolution im Sinne von Veränderung der Wirtschaftsstruktur, des Landbesitzes und der sozialen Beziehungen. Der große Erfolg Brasiliens ist sein Volk, und die große Enttäuschung sind seine Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft.“

José Honorio fährt fort: „Die Siege des Volkes sind objektiv und unbestreitbar; … Brasilien schuldet dem Volk politische Einheit, territoriale Integration, Vermischung zwischen und Toleranz gegenüber den unterschiedlichen Volksgruppen, religiöse Homogenität, psychosoziale Integration, eine lebendige nationale Sensibilität, die von allen ausländischen Beiträgen „abrasileramiento“ verlangt“ (S. 121-122).

Diese Revolution wurde durch Lula und Dilma eingeleitet und ist noch nicht beendet, doch sie muss konsolidiert und vertieft werden. Wir wollen hoffen, dass diese Wahlen nicht vergeudet werden durch einen etwaigen Sieg eines Repräsentanten der alten Oligarchie, die sich mehr für Wirtschaftswachstum, den Markt und die Ausrichtung auf die globalisierte Makro-Ökonomie interessiert als für das Geschick der Millionen Menschen, die durch die republikanische Politik aus der Armut gehoben und zu sozialen Subjekten transformiert wurden, welche an der Gesellschaft teilhaben.

Deshalb ist es wichtig, dass Dilma gewinnt, um diese begonnene Revolution mit einem neuen Zyklus von Veränderungen zu erhalten, zu konsolidieren und zu bereichern.

Zu Beginn der Kolonialisierung schrieb der offizielle Chronist Pero Vaz de Caminha, dass hier „alles, was gepflanzt wird, Frucht bringt“. Die fünf Jahrhunderte der Geschichte, immer noch im Lichte des europäischen Paradigmas, bezeugen die Richtigkeit dieser Behauptung. Hier kann alles Frucht bringen und hergestellt werden, um die Teller zu füllen und den Hunger der ganzen Welt zu stillen. Was würde von einem demokratischen, sozialen, populären, ökologischen, ökumenischen und spirituellen Neues-Brasilien-Projekt ausgeschlossen werden?

Das brasilianische Volk hat sich daran gewöhnt, dem Leben die Stirn zu bieten und alles nur durch Kampf zu erreichen, d. h. mit Schwierigkeiten und durch große Anstrengung. Warum also sollte das brasilianische Volk nicht diese große und endgültige Herausforderung, die auf seinem Weg liegt, annehmen? Wie könnte es nicht mit Mut und Stärke voranschreiten, mit einem solidarischen Bewusstsein und Organisation, um die bereits seit 12 Jahren im Amt befindliche Staatsmacht zu erhalten, sie mit dem wahren Sinn zu inspirieren, wie die notwendigen Veränderungen durchgeführt werden könnten, vor allem für diejenigen, die allzu leicht vergessen werden, und auch für alle anderen, indem man ihnen Nachhaltigkeit verleiht und ihnen eine gute Zukunft für ihr Land garantiert?

Dieser Weg wurde bereits beschritten, wenn auch vieles noch zu Ende geführt werden muss. Zweimal gelang es Neuankömmlingen, die Macht zu erhalten. Die dominierenden Eliten verfügen über immer weniger Mittel, um die Macht zurückzugewinnen mit ihrem neoliberalen Projekt, das die führenden Staaten ruiniert und Hundert Millionen Menschen in Europa und in den USA Arbeitslosigkeit beschert hat.

Wir finden uns wieder in den Worten des Liedes „Die Saga des Amazonas“ des Sängers Vital Faira: „Nur der ist ein Sänger, der in sich den Geruch und die Farbe seines Landes trägt / die Blutflecken seiner Toten / und die Gewissheit des Kampfes der Lebenden“. Dieser Kampf, so hoffen wir, wird siegreich sein. Das Land wird im Glanz seines bunten Volkes erblühen wie unsere Landschaften, an denen sich unsere Augen erfreuen. Die Worte eines Gewerkschaftsführers aus den düsteren Tagen der Unterwerfung sind aktuell: „Sie können eine, zwei oder alle Blumen schneiden, doch sie können nicht die Ankunft des Frühlings verhindern“.

Der Frühling ist bereits weit vorangeschritten. Und mit der Frühlingssonne wollen wir den Sieg der Mehrheit des brasilianischen Volkes feiern, indem wir Dilma Rousseff wiederwählen.

Sollte es jetzt noch nicht möglich sein, so wird die Herausforderung für die Zukunft bleiben. Was kommen muss, ist kraftvoll, und der Tag, dieser gesegnete Tag, wird kommen, an dem es triumphieren wird.

Leonardo Boff
24.10.2014

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Die Bedeutung von Bio-Ökonomie oder Öko-Entwicklung

Die aktuellen Präsidentschaftswahlen haben die Frage nach der Entwicklung, einem klassischen Thema der globalisierten Makro-Ökonomie, in den Vordergrund gestellt. Entweder aus Unwissenheit oder weil die Kandidaten sich dessen bewusst waren, dass sie dann alles ändern müssten, war keine Rede von so wichtigen Themen wie die Bedrohungen des Lebens und unserer Zivilisation, die durch nukleare, chemische und biologische Prozesse zerstört werden könnten, oder durch die ständig wachsende, irgendwann abrupt ansteigende Erderwärmung, die, wie viele Wissenschaftler annehmen, einen großen Teil des Lebens, wie wir es kennen, zerstören und die Menschheit selbst gefährden würde. Wie es in der Erd-Charta heißt: „Unser gemeinsames Geschick ruft uns zu einem Neubeginn auf“. Niemand wagte dies zu thematisieren, nicht einmal Marina Silva, die – was ihr großes Verdienst ist – das Paradigma der Nachhaltigkeit zur Sprache brachte.

Was wir mit Gewissheit behaupten können, ist, dass wir nicht so weitermachen können wie bisher. Der Preis des Überlebens wird ein radikaler Wechsel unserer Lebensweise auf der Erde sein. Der Entwurf der Öko-Entwicklung oder einer Bio-Ökonomie, wie Ladislau Dowbor und Ignacy Sachs u. a. Vorschlagen, ermutigt uns, diese Richtung einzuschlagen.

Einer der ersten, die diese intrinsische Beziehung zwischen Ökonomie und Biologie erkannten, war der rumänische Ökonom und Mathematiker Nicholas Georgescu Roegen (1906-1994). Im Gegensatz zur vorherrschenden Denkweise machte dieser Autor bereits in den 1960er Jahren auf die Nichtnachhaltigkeit von Wachstum aufmerksam, da die Güter der Erde nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen. Er begann, von „wirtschaftlicher Reduktion, für Umweltverträglichkeit und soziale Gerechtigkeit“ zu sprechen. (www.degrowth.net). Diese Reduktion, besser als „Wachstum“ bezeichnet, bedeutet quantitatives Wachstum zugunsten von qualitativem Wachstum zu reduzieren, sodass die Güter, welcher die künftigen Generationen bedürfen, bewahrt bleiben. Tatsächlich ist die Bio-Ökonomie ein Teilsystem des Systems der Natur, das stets begrenzt ist und daher der konstanten Sorge durch den Menschen bedarf. Ökonomen müssen den Leveln von Bewahrung und Regeneration der Natur gehorchen und Folge leisten (siehe Roegens Thesen im IHU Interview von Andrei Cechin vom 28.10.2011).

Ein ähnliches Modell namens Öko-Entwicklung und Bio-Ökonomie wird u. a. vom zuvor erwähnten Professor für Ökonomie an der Päpstlich Katholischen Universität von São Paulo, Ladislau Dowbor, vorgeschlagen, dessen Denkweise auf einer Linie liegt mit der des anderen Ökonomen, Ignacy Sachs, einem Polen, der aus Liebe die französische und brasilianische Nationalität annahm. Sachs kam 1941 nach Brasilien, arbeitete hier für einige Jahre und unterhält nun ein Zentrum für brasilianische Studien an der Universität von Paris. Er ist ein Ökonom, der 1980 die ökologische Frage aufwarf, und möglicherweise ist er der erste, der seine Überlegungen in den Kontext der Epoche des Anthropozän stellte, d. h. in den Kontext des starken Drucks, den die Aktivitäten der Menschen auf die Ökosysteme und auf den Planeten Erde als Ganzem so stark ausüben, dass die Erde aus ihrem systemischen Gleichgewicht kommt, was sich in extremen Naturereignissen manifestiert. Mit dem Anthropozän würde also eine neue geologische Ära beginnen, mit dem Menschen als globalem Risikofaktor, wie ein gefährlich niedriger und zerstörerischer Meteorit. Sachs berücksichtigt dieses neue Datenmaterial im ökologisch-sozialen Diskurs.

Die Analyse von Dowbor und Sachs verbindet Ökonomie, Ökologie, Gerechtigkeit und soziale Inklusion. Somit entsteht ein Konzept für mögliche Nachhaltigkeit, allerdings innerhalb der Grenzen, die uns die vorherrschende industrielle, konsumgeprägte, individualistische, räuberische und die Umwelt verschmutzende Produktionsweise aufzwingt.

Beide sind überzeugt davon, dass keine akzeptable Nachhaltigkeit erreicht werden kann, solange die soziale Ungleichheit nicht deutlich verringert wird, das Bürgertum nicht als gleichberechtigter Partner in demokratischen Prozessen aufgenommen wird, kulturelle Differenzen nicht respektiert werden, ethische Werte für den Respekt gegenüber allem Leben nicht eingeführt werden und nicht ein ständiges Augenmerk auf die Umwelt gelegt wird. Wenn diese Erfordernisse erst einmal gegeben sind, sind auch die Bedingungen für eine nachhaltige Öko-Entwicklung erfüllt.

Nachhaltigkeit setzt eine gewisse soziale Gleichheit voraus, d. h. „ein Ausgleich zwischen reichen und armen Ländern“ und eine mehr oder weniger gleichmäßige Verteilung der Kosten und Nutzen von Entwicklung. Somit haben z. B. die ärmsten Länder ein höheres Recht auf die Verstärkung ihres ökologischen Fußabdrucks (ihren Bedarf an Land, Wasser, Nahrungsmittel und Energie zu stillen), um ihre Bedürfnisse erfüllen zu können, während die reicheren Länder ihren ökologischen Fußabdruck verringern oder zumindest unter Kontrolle bringen müssen. Es geht nicht darum, die missverstandene These des negativen Wachstums zu übernehmen, sondern darum, einen anderen Weg für Entwicklung aufzuzeigen, Produktion zu dekarbonisieren, die Umweltauswirkungen zu reduzieren und unantastbare Werte wie Großzügigkeit, Kooperation, Solidarität und Mitgefühl zur Anwendung zu verhelfen. Dowbor und Sachs wiederholen nachdrücklich, dass Solidarität einen essentiellen Aspekt der Conditio Humana darstellt, und dass der grausame Individualismus, den wir heutzutage erleben, eine Ausdrucksweise des grenzenlosen Konkurrenzdenkens und der akkumulativen Gier ist, welche zu einem Krebsgeschwür führen werden, das die Bande der Koexistenz zerstört und die Gesellschaft auf fatale Weise unnachhaltig gestaltet.

Ihnen verdanken wir den herrlichen Begriff „Biozivilisation“, eine Zivilisation, die das Leben, die Erde, die Ökosysteme und jeden Menschen in die Mitte rückt. Daraus entstand die schöne Ausdrucksweise: „Die Erde der Guten Hoffnung“ (siehe Öko-Entwicklung: wachsen ohne zu zerstören, [Ecodesarrollo: crecer sin destruir. 1986] und das Interview in Carta Maior vom 29.08.2011).

Dieser Entwurf scheint einer der vernünftigsten und verantwortungsvollsten Wege zu sein, wie wir den Gefahren begegnen können, die den Planeten und die Zukunft der Menschheit bedrohen. Doobors und Sachs’ Entwurf (http://dowbor.org) verdient Beachtung, denn er zeigt große Funktionalität und Tragfähigkeit.

Leonardo Boff
19.10.2014

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Die Wahlen im Licht der gegen das Volk gerichteten Geschichte

Die aktuellen Wahlen lassen sich aus keinem besseren Blickwinkel beobachten als aus dem der brasilianischen Spannungsgeschichte zwischen den Eliten und dem Volk. Dazu möchte ich den folgenden Beitrag hinzuziehen, der von einem ernstzunehmenden Historiker stammt, Pater José Oscar Beozzo. Er hat in Rom, Löwen und an der USP von São Paulo studiert und ist einer der brillantesten Denker unseres Klerus.

Beozzo schreibt: “Die grundlegende Frage in unserer Gesellschaft ist das Recht auf Leben der an den Rand Gedrängten, das stets durch die entsetzliche Ungleichheit im Zugang zum Lebensnotwendigen bedroht ist und durch die kargen Möglichkeiten, die der großen Mehrheit der Unterschicht zugänglich sind.

Wie Caio Prado Junior uns lehrt, ruht unsere ungleiche Gesellschaft auf vier Pfeilern, die nur schwer zu bewegen sind: a) der Landbesitz konzentriert sich auf Wenige, sodass es kein “freies” oder “verfügbares“ Land für diejenigen gibt, die es bearbeiten, oder für diejenigen, die seine ursprünglichen Besitzer waren, die indigenen Völker; b) die vorherrschende Monokultur; c) die Fokussierung der Produktion auf den Export (Zucker, Tabak, Baumwolle, Kaffee, Kakao und jetzt auch Soja); d) das Wesen der Sklavenarbeit.

Die Unabhängigkeit von Portugal hat an keinem dieser Pfeiler gerüttelt. Diejenigen, die damals von einem anderen Brasilien träumten, schlugen einen Wechsel vor von Großgrundbesitz zu kleinerem Landbesitz für diejenigen, die es bearbeiteten; von Monokultur zu Polykultur, von der Produktion für den internationalen Markt hin zur Produktion für den lokalen Bedarf und zur Bedarfsdeckung für den heimischen Markt; von Sklavenarbeit zu freier Familienarbeit. Dies hätte in den kleinen Regionen am Rande der tropischen Monokulturen umgesetzt werden können, in den Gebirgszügen der Gaucha und Catarinense, mit deutschen, italienischen und polnischen Siedlern und in einer demokratischeren Form von Eigentum.

Die großen Sklavenbesitzer waren strikt gegen all diese Maßnahmen, und mit Feuer und Schwert schlugen sie den Aufstand des Volkes nieder, das versuchte, die Wirtschaft, die Politik und vor allem die Arbeitsverhältnisse zu demokratisieren. Es genügt, an einige dieser Revolten zu erinnern: der Aufstand der Malês-Sklaven in Bahía, der Balayade in Maranhão, der Cabanagem im Amazonasgebiet, die Playera-Revolte in Pernambuco und der Farroupilha im Süden.

Die Revolution von 1930 mit ihren nationalistischen Tendenzen bewegte, wenn auch nur teilweise, die Achse des Landes von den ausländischen Märkten hin zum Binnenmarkt; vom Modell der Agrarexporte hin zur Importsubstitution; von der Dominanz der Kaffee exportierenden Eliten des Minas/São Paulo Vertrags hin zu neuen Leitern im Produktionsbereich für den Binnenmarkt wie beispielsweise von Reis und Dörrfleisch von Rio Grande del Sur; vom eingeschränkten Wahlrecht zum „universellen“ Wahlrecht (ausgenommen waren Analphabeten, die immer noch die große Mehrheit der Erwachsenen zu dieser Zeit bildeten), vom ausschließlich männlichen Wahlrecht hin zur Ausdehnung des Wahlrechts auch für Frauen; von Arbeitsverhältnissen, die nur durch die Herrschaftsmacht diktiert wurden, hin zu Regulierungen zumindest im industriellen Sektor mit der Einführung eines Arbeitsministers und von Arbeitsgesetzen, die sich auf die Arbeiterklasse bezogen. Die unvermeidliche Dominanz der Grundbesitzer innerhalb ihres Besitzes konnte nicht durch Arbeitsgesetze berührt werden, die erst nach 1964 mit dem Landarbeitsstatut aufkamen.

Getulio errichtete eine Beschwichtigungspolitik innerhalb der Gesellschaftsklassen und eine Politik der „Kooperation“ zwischen Kapital und Arbeit, den Arbeitern und den Industriebossen, die sich an der Industrialisierung und der Verteidigung nationaler Interessen orientierte.

In der aktuellen Wahlkampagne kreierten gewisse Medien den Slogan “PT raus”. Sie streben danach, die Diktatur der PT zu beenden und die „Diktatur des Finanzmarkts“ wiederherzustellen. Woran stören sie sich wirklich? An der Korruption und dem „mensalón” ?

So, wie ich das sehe, stören sie sich an den demokratisierenden Maßnahmen, ungeachtet all ihrer Einschränkungen, wie Pro-Uni, die Quoten in den Universitäten für diejenigen Studenten, die aus den öffentlichen Schulen und nicht aus besonderen Colleges stammen; die Quoten für diejenigen, deren Großeltern aus dem Warenhaus der Sklaverei abstammen; die immer noch unzureichende Agrarreform; die Begrenzung und offizielle Sanktionierung zusammenhängender Gebiete von Yanomami, dem sich ein halbes Dutzend Reisproduzenten entgegenstellen, die durch das Agro-Business und einem einmütigen Chor von Grundbesitzern unterstützt werden; und all die Sozialprogramme wie Bolsa Familiar, Licht für alle, Mein Haus, Mein Leben, Mehr Ärzte u. a.

Diese Kritiker hatten keine Probleme damit, dass der Staat die Studiengebühr junger Studenten aus reichen Familien übernahm, deren Kinder eine gute Bildung in Privatschulen erhielten, wodurch es für sie leichter war, Zugang zur freien Bildung an den öffentlichen Universitäten zu erhalten, was die Chancenungleichheit nur noch vertiefte. Für Kurse in Medizin zahlt der Staat 6 000 bis 7 000 Reais pro Monat. Diese Familien protestierten nie gegen die „Zuwendungen“ für die Reichen, die sie eher als ihr „Recht“ ansahen, das ihnen zustehe, statt als ein pures und skandalöses Privileg. Dies sind dieselben Ärzte, die sich weigern, im Landesinneren zu praktizieren oder in den Favelas, in denen es keinen einzigen Arzt gibt.

Diejenigen, die ihre Stimme erheben und sagen, alles im Land gehe bergab trotz der Verbesserungen beim Mindesteinkommen, der Schaffung von Millionen von Arbeitsplätzen, der Ausdehnung der Sozialpolitik für die Ärmsten, der Schaffung des Programms Mehr Ärzte, lehnen die Politik der PT ab, die bestrebt ist, die Rechte ihrer Bürger zu sichern, die Demokratisierung der Gesellschaft voranzubringen, gegen Privilegien anzukämpfen und vor allem den Profiten und der Diktatur des Finanzkapitals und des „Markts“ Grenzen (unzureichende, wie ich finde) zu setzen.

Aus diesem Grund stimme ich für ein anderes Staatsmodell, das den Bedürfnissen nachkommt, die der großen Mehrheit immer versagt geblieben sind. Aus diesem Grund wählte ich Dilma im ersten Wahlgang, und so werde ich es auch im zweiten tun und die anderen Optionen respektieren.

Dieser Interpretation schließe ich mich an, ebenso der Wahl für Dilma Rousseff.

Leonardo Boff
17.10.2014

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Eine Krankheit namens Fundamentalismus

Alles Gesunde kann auch krank werden. Religion ist, im Gegensatz zu dem, was Kritiker wie Freud, Marx, Dawkins u. a. behaupten, Teil einer gesunden Wirklichkeit: die Suche des Menschen nach der Letzten Wirklichkeit, die der Geschichte und dem Universum einen letzten Sinn verleiht. Diese Suche ist legitim und findet sich in den ältesten Ausdrucksweisen des Homo sapiens/demens, sie hat allerdings auch ungesunde Auswüchse. Einer davon, der zurzeit am meisten verbreitete, ist der religiöse Fundamentalismus, der sich auch dort findet, wo die Politik von einer einzigen Denkweise beherrscht wird.

Fundamentalismus ist keine eigene Doktrin, sondern eine Haltung und eine Art, eine Doktrin zu leben. Die fundamentalistische Haltung zeigt sich, wenn die Wahrheiten ihrer Kirche oder ihrer Gruppe als die einzig rechtmäßigen verstanden werden und alle anderen ausgeschlossen werden, weil irrig und daher ohne Existenzberechtigung. Diejenigen, die ihre eigene Sichtweise als die einzig gültige erachten, sind zur Intoleranz verdammt. Diese verschlossene Haltung führt zu Verachtung, Diskriminierung und zu religiöser oder politischer Gewalt.

Die Nische des Fundamentalismus findet sich historisch im nordamerikanischen Protestantismus des späten 19. Jahrhunderts, als die Moderne nicht nur in der Technologie Einzug hielt, sondern auch in demokratischen Formen politischer Koexistenz und in der Liberalisierung der Sitten. In diesem Kontext entstand eine starke Reaktion innerhalb der protestantischen Tradition, die den Idealen der „Gründungsväter“ treu war, welche sich alle von der Strenge der protestantischen Ethik herleiten. Der Begriff Fundamentalismus steht in Verbindung zu einer Buchsammlung, die von der Princeton University for Presbyterians unter dem Titel: „Fundamentals: A Testimony of Truth, 1909-1915 (Grundlagen: Ein Zeugnis der Wahrheit) herausgegeben wurde.

Diese Sammlung bot ein Gegenmittel zur Modernisierung: ein rigoroses, dogmatisches Christentum, begründet auf einem wörtlichen Verständnis der Bibel, die als unfehlbar und als eindeutig in jedem einzelnen Wort gesehen wurde, hat man sie doch als Wort Gottes erachtet. Dies stand im Gegensatz zu jeglicher exegetisch-kritischen Bibelauslegung und Umsetzung ihrer Botschaft in den jeweils gegenwärtigen Kontext.

Seit dieser Zeit war diese fundamentalistische Tendenz in der nordamerikanischen Gesellschaft und Politik präsent. Sie fand ihren religiösen Ausdruck in den sogenannten „electronic Churches“, den elektronischen Kirchen, die sich moderner Telekommunikationsmittel bedienen, um das ganze Land von der Ost- zur Westküste abzudecken, und von der es ähnliche Kirchen in Brasilien und anderswo in Lateinamerika gibt. Sie bekämpfen liberale Christen, die eine wissenschaftliche Auslegung der Bibel praktizieren, die heutigen feministischen und homosexuellen Bewegungen akzeptieren und sich für die Entkriminalisierung von Abtreibungen einsetzen. All dies wird von den Fundamentalisten als Satanswerk abgetan.

Die politische Seite griff diesen religiösen Aspekt auf und verband ihn mit der politischen Ideologie des „Manifest Destiny“ (der offensichtlichen Bestimmung), die kreiert wurde, nachdem die Vereinigten Staaten das Gebiet Mexikos konfiszierten. Dieser Ideologie zufolge liegt das göttliche Geschick der Nordamerikaner darin, allen Völkern Klarheit zu bringen, die Werte von Privatbesitz, den freien Markt, Demokratie und Rechte, wie John Adams, der zweite Präsident der Vereinigten Staaten, erklärte. Gemäß der populären und politischen Version sind Nordamerikaner „das neue auserwählte Volk“, das alle in das „Land des Immanuel führen wird, des Sitzes dieses neuen und einzigartigen Königreichs, das den Heiligen des Höchsten geschenkt werden wird“ (K. Armstrong, Im Namen Gottes, Pattloch 2014).

Diese politisch-religiöse Vermischung hat zur Arroganz und einseitigen Vision internationaler Beziehungen geführt, die sich in der nordamerikanischen Außenpolitik findet und die unter Barack Obama immer noch vorherrscht.

Einen ähnlichen Typus von Fundamentalismus finden wir in außerordentlich konservativen katholischen Gruppierungen, die immer noch darauf bestehen, dass “es kein Heil außerhalb der Kirche” gäbe. Sie sind bemüht, so viele Menschen wie möglich zu bekehren, um sie vor der Hölle zu bewahren. Manche evangelikale Gruppen, vor allem in Bereichen der charismatischen Kirchen mit ihren Fernsehsendern, beteiligen sich an einer fundamentalistischen Verunglimpfung, insbesondere der afro-brasilianischen Religionen, deren Zelebrationen sie als Satanswerk erachten. Dies schlägt sich nieder in häufigen Exorzismen und sogar in Eingriffen in die Terreiros, um diese von Exu (eine Gottheit der Yoruba) „zu reinigen“.

Fundamentalismus zeigt sich sowohl in katholischen als auch in einigen evangelikalen Gruppierungen am deutlichsten in Moralfragen: sie sind unnachgiebig in Themen wie Abtreibung, gleichgeschlechtliche Beziehungen und im Kampf der Frauen um die Freiheit, Entscheidungen treffen zu dürfen. Sie fördern wahrhafte ideologische Kriege in den sozialen Netzwerken und den Massenkommunikationsmitteln gegen diejenigen, die über solche Fragen diskutieren, obwohl diese Fragen in allen offenen Gesellschaften auf der Tagesordnung stehen.

Bedauerlicherweise haben wir eine Präsidentschaftskandidatin in Brasilien, Marina Silva, die einem Typus des Fundamentalismus angehört, nämlich dem Biblizismus. Sie hält an der wortwörtlichen Lesart der Bibel fest, als ließen sich die Lösungen zu allen Problemen darin finden. Wie Papst Franziskus es so treffend ausdrückte, ist die Bibel weniger ein Warenlager für Wahrheiten als eine inspirierende Quelle für nützliche menschliche Initiativen. Wir müssen die Bibel in unseren Köpfen halten, wo sie uns die Wirklichkeit erhellt, nicht vor den Augen, um die Wirklichkeit zu verdunkeln.

Der brasilianische Staat ist laizistisch und pluralistisch. Er heißt alle Religionen willkommen, ohne einer davon anzugehören. Gemäß der Brasilianischen Verfassung darf keine Religion ihre Sichtweise der ganzen Nation aufdrücken. Eine Staatsgewalt mag religiöse Überzeugungen haben, doch regieren muss sie durch Gesetze, nicht durch diese Überzeugungen. Es gibt vier Evangelien, nicht nur eines. Sie koexistieren durch die Verschiedenheit der Interpretationen, die sie der Botschaft des Jesus von Nazareth verleihen. Dies ist ein Beispiel für den Reichtum an Vielfalt. Gott ist die ewige Koexistenz von Drei Göttlichen Wesen, die durch die Liebe einen einzigen Gott bilden. Vielfalt ist fruchtbar.

Leonardo Boff
10.10.2014

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Über Abtreibung – für die Liebe zum Leben

Man kann sich kaum vorstellen, dass manche Menschen Abtreibung um ihrer selbst willen verteidigen. Abtreibung beinhaltet die Auslöschung von Leben oder das Eingreifen in einen vitalen Prozess, der in menschliches Leben kulminiert. Ich persönlich bin gegen Abtreibung, denn ich liebe das Leben in all seinen Phasen und all seinen Formen.

Das verstellt mir jedoch nicht den Blick auf eine makabre Realität, die wir nicht ignorieren dürfen und die sowohl den gesunden Menschenverstand als auch die staatlichen Stellen herausfordert. Jedes Jahr werden in Brasilien fast 800 000 illegale Abtreibungen durchgeführt. Alle zwei Tage stirbt eine Frau an den Folgen einer unsauber ausgeführten, illegalen Abtreibung.

Dieser Tatsache müssen wir begegnen, und zwar nicht mit Polizei, sondern mit einer verantwortungsvollen staatlichen Gesundheitspolitik und einem realistischen Sinn für Vernunft. Eine Haltung, die nur das Leben im Embryo kompromisslos verteidigt, nicht aber dieselbe Haltung in Bezug auf die Tausende von Kindern einnimmt, die verlassen im Elend leben und ohne Essen oder Liebe durch die Straßen unserer Städte ziehen, erachte ich als heuchlerisch. Leben muss man in all seinen Formen und Altersstufen lieben und nicht nur in seinem ersten Erwachen im Mutterleib. Es obliegt dem Staat und der ganzen Gesellschaft, für die Bedingungen zu sorgen, sodass Frauen im Allgemeinen keiner Abtreibung bedürfen.

Auf den Stufen der Kathedrale von Fortaleza stand ich selbst einer ausgehungerten Mutter bei, die bettelte und ihr Kind mit dem Blut ihrer Brust nährte. Sie war wie eine Ikone des Pelikans. Ich war perplex und voller Mitgefühl und nahm sie mit zum Haus des Kardinals Dom Aloisio Lorscheider, wo wir ihr halfen, so gut wir konnten. Aus solchen Gründen geschehen Abtreibungen, die stets schmerzhaft sind und die Seele der Mutter zutiefst belasten. Ich möchte erzählen, was Leon Bonaventure, der berühmte Psychoanalytiker aus der Schule C. G. Jungs, schrieb und was in seiner Einleitung zu einem Buch einer anderen Jungschen Psychoanalytikerin, der Italienerin Eva Pattis Zoja, mit dem Titel „Abtreibung, Verlorenes und Erneuerung: Paradoxon auf der Suche nach der Identität“ (Aborto, perdita e rinnovamento. Un paradosso nella ricerci di identità, Moretti & Vitali, 2013) aufgeführt war.

Leon Bonaventure berichtet mit der Feinsinnigkeit eines hervorragenden Psychoanalytikers, für den Spiritualität eine Quelle der Integration und eine Heilkunst für die Wunden der Seele darstellt:

“Ein Priester nahm einer Frau die Beichte ab, die zuvor abgetrieben hatte. Nachdem er ihrem Bekenntnis zugehört hatte, fragte der Priester: „Welchen Namen gabst du deinem Kind?“ Die Frau war überrascht und schwieg für eine Weile, denn sie hatte ihrem Kind keinen Namen gegeben.

“So”, sagte der Priester, “werden wir deinem Kind einen Namen geben, und wenn du einverstanden bist, werden wir es taufen.” Die Frau nickte bejahend, und so führten sie die symbolische Handlung aus.

Anschließend stellte der Priester einige Überlegungen über das Mysterium des Lebens an: “Leben existiert – sagte er -, das ans Tageslicht kommt, um auf Erden gelebt zu werden, sagen wir für 10, 50 oder 100 Jahre. Andere Leben werden nie das Sonnenlicht zu sehen bekommen. Im katholischen liturgischen Kalender wird am 28. Dezember der Tag der Unschuldigen Kinder begangen, der Neugeborenen, die grundlos sterben mussten, als das Göttliche Kind in Bethlehem zur Welt kam. Möge dieser Tag auch der Gedenktag deines Kindes sein.“

Und weiterhin sagte er: “In der christlichen Geburtstradition ist die Geburt eines Kindes immer ein Geschenk Gottes, ein Segen. In früheren Zeiten war es üblich, zum Tempel zu gehen und das Kind Gott darzubringen. Es ist nie zu spät, dein Kind Gott darzubringen.“

Der Priester schloss mit den Worten: “Als Mensch kann ich dich nicht verurteilen. Wenn du dich gegen das Leben versündigt hast, kann nur der Gott des Lebens dich mit dem Leben versöhnen. Gehe in Frieden. Und lebe.“ (S. 9).

Papst Franziskus empfiehlt stets Barmherzigkeit, Verständnis und Zärtlichkeit im Verhältnis zwischen Priestern und Gläubigen. Dieser Priester lebte vorausschauend diese zutiefst menschlichen Werte, die auch der historische Jesus von Nazareth bezeugte. Mögen diese Werte auch andere Priester zu einer solchen Menschlichkeit inspirieren.

Leonardo Boff
05.10.2014

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