Wir sind Träger des Gedächtnisses des Universums

Soweit uns bekannt, ist der Mensch das letzte bedeutende Wesen, das in den evolutionären Prozess eingetreten ist. So wie es Materie und Energie gibt, existiert auch die Information, die im Gedächtnis aller Wesen gespeichert ist wie auch in uns durch alle Phasen des Entstehungsprozesses des Kosmos hindurch.

In unserem Gedächtnis liegen die letzten Spuren des Urknalls, der unseren Kosmos hervorbrachte. Die Archive unseres Gedächtnisses beinhalten die Vibrationen der Energie der unvorstellbaren Explosionen der großen roten Sterne, von denen die Supernovae und Konglomerate von Galaxien stammen, die alle aus Milliarden von Sternen, Planeten und Asteroiden bestehen. Da ist auch die Resonanz der Hitze, die entstand, als die Galaxien sich gegenseitig verschlangen, vom ursprünglichen Feuer der Sterne und der sie umkreisenden Planeten, von der Glut der Erde, vom Kochen der Flüssigkeiten, die vor 200 Millionen von Jahren auf die Erde fielen, bis sie abkühlten (im Hadaikum), vom Überschwang der Urwälder, die uns an die Gefräßigkeit der Dinosaurier erinnern, welche vor 135 Millionen Jahren die Erde beherrschten, von der Aggressivität unserer Vorfahren in ihrem Überlebenstrieb, von deren Enthusiasmus für das erhellende und dem Kochen dienende Feuer, von der Freude, die das erste Symbol und das erste gesprochene Wort hervorbrachten, Erinnerungen an die Sanftheit der leichten Brisen, des durchscheinenden Morgenlichts, den Abgrund der schneebedeckten Berge und schließlich von den Erinnerungen der Interdependenz, die alle Wesen miteinander verbindet und die Gemeinschaft der Lebenden schafft, von den Zusammentreffen mit den anderen, der Fähigkeit zur Zärtlichkeit, Hingabe und Liebe und zuletzt von der Ekstase der Entdeckung des Mysteriums der Welt, das mit tausend unterschiedlichen Namen bezeichnet wird, und das wir Gott nennen. All dies ist in den Winkeln unserer Psyche und im genetischen Code jeder unserer Körperzellen verankert, denn wir sind so alt wie das Universum.

Wir leben im Universum oder auf der Erde nicht als herumirrende Wesen. Wir stammen vom gemeinsamen Uterus ab, von dem alle Dinge abstammen, von der Hintergrund-Energie oder dem Nährenden Abgrund aller Wesen, vom Ursprungs-Hadron, vom Top-Quark, eines der älteren kleinen Bausteine des kosmischen Gebäudes, bis hin zu den modernen Computern. Und wir sind Söhne und Töchter der Erde. Mehr noch, wir sind der Teil der Erde, der läuft und tanzt, der vor Emotionen erbebt, der denkt, mag und liebt, der in Ekstase gerät und das Mysterium verehrt. All diese Dinge waren im Universum, konzentriert in unserem Sonnensystem, und erst danach erschienen sie in ihrer konkreten Gestalt auf unserer Erde. Da alles dort virtuell existierte, kann es nun hier in unserem Leben existieren.

Das kosmogonische Prinzip, d. h. die richtungsweisenden Energien, die alle Evolutionsprozesse einem bestimmten Zweck zuführen, gehorchen der folgenden Logik, die von Edgar Morin so treffend dargelegt wird: Ordnung, Unordnung, Interaktion, neue Ordnung, neue Unordnung, neue Interaktion, und immer so fort. Mit dieser Logik werden immer neue komplexe und unterschiedliche Gebilde geschaffen; und im gleichen Maße werden Innerlichkeit und Subjektivität geschaffen bis hin zu ihrem klaren und bewussten Ausdruck, d. h. dem menschlichen Geist. Und gleichzeitig und in gleichem Maße wird die Fähigkeit zur Reziprozität von allem mit allem, zu jeder Zeit und in jeder Situation, geschaffen.
Differenzierung/Innerlichkeit/Vereinigung: die kosmische Dreifaltigkeit, die dem Organismus, d. h. dem Universum, vorsteht.

Alles geschieht durch Prozesse und durch Evolution und ist einem dynamischen Un-Gleichgewicht (Chaos) unterworfen, das stets bestrebt ist, ein neues Gleichgewicht zu erlangen durch Anpassungen und gegenseitige Abhängigkeiten.

Die menschliche Existenz steht nicht außerhalb dieser Dynamik. Sie besitzt in ihrem Inneren diese kosmischen Konstanten von Chaos und Kosmos, vom Un-Gleichgewicht auf der Suche nach einem neuen Gleichgewicht. Während unseres Lebens sind wir stets in diesem Zustand verstrickt. Je näher wir dem völligen Gleichgewicht kommen, umso näher kommen wir dem Tod. Der Tod ist die Fixierung des Gleichgewichts und des kosmogonischen Prozesses. Oder aber er ist der Übergang auf einen Level, der eine andere Art von Zugang und Wissen erfordert.

Wie manifestiert sich diese Struktur konkret in uns? Zuerst einmal im täglichen Leben. Jede und jeder von uns führt ein Leben, das mit der persönlichen Morgentoilette beginnt, wie wir leben, was wir essen, unsere Arbeit, Familie, Beziehungen, Freunde und Liebschaften. Das tägliche Leben ist prosaisch und oft auch voller Ernüchterung. Die meisten Menschen sind in ihrem Leben der täglichen Routine unterworfen mit der ihr anhaftenden Anonymität. Es ist ein Teil der universellen Ordnung, die im Leben der Menschen erscheint.

Doch wir Menschen sind auch mit Vorstellungskraft ausgestattet. Die Vorstellungskraft beseitigt die Barrieren des täglichen Lebens und sucht nach Neuem. Vorstellungskraft ist vor allem fruchtbar; sie ist das Reich der Poesie, der Wahrscheinlichkeiten, die in sich selbst unendlich sind (und Quantennatur besitzen). Vorstellungskraft produziert die existentiellen Krisen und das Chaos in der Ordnung des täglichen Lebens.

Jede und jeder besitzt die Weisheit, das alltägliche Leben mithilfe der Vorstellungskraft zu verbessern. Sich selbst nur dem Imaginären hinzugeben würde bedeuten, sich auf eine Reise zu begeben, durch die Wolken zu fliegen, die Erde zu vergessen – und möglicherweise in einer psychiatrischen Klinik zu landen. Man könnte ebenso die verführerische Kraft des Imaginären leugnen, sich nur dem alltäglichen Leben widmen und sich selbst lebendig darin begraben und somit träge, nicht sonderlich interessiert und frustriert wirken. Dies unterbricht die Logik der universalen Bewegung.

Wenn jedoch jemand seinen Alltag annimmt und ihn mit Kreativität würzt, dann strahlt eine seltene Energie aus, die von allen, die mit dieser Person in Kontakt stehen, wahrgenommen wird.

Leonardo Boff
10.09.2014

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Sozialismus ist nicht nur eine Option

Im Gedenken an Eduardo Campos

Unsere Generation hat zwei scheinbar unzerstörbare Mauern fallen sehen: die Berliner Mauer im Jahr 1989 und Wall Street im Jahr 2008. Die damalige Art von Sozialismus, geprägt von Verstaatlichung, Autoritarismus und Verletzung von Menschenrechten, brach mit der Berliner Mauer zusammen. Mit dem Kollaps von Wall Street wurde der Neoliberalismus als politische Ideologie entlegitimiert ebenso wie der Kapitalismus als eine Produktionsweise mit seiner Arroganz, seiner uneingeschränkten Anhäufung von Gütern („greed is good“, „Habgier ist gut“) unter Inkaufnahme von Umweltzerstörung und Ausbeutung von Menschen.

Was uns zuvor präsentiert wurde als zwei unterschiedliche Zukunftsvisionen und als zwei verschiedene Weisen, unseren Planeten zu bewohnen, ist heute nicht in der Lage, uns Hoffnung zu vermitteln, um eine globale Koexistenz zu reorganisieren, in der alles seinen Platz hat und wo die natürlichen Grundlagen gesichert werden, die das Leben erhalten, dessen Niedergang sich nun in fortgeschrittenem Stadium befindet.

In diesem Zusammenhang tauchen Ideen wieder auf, die zuvor auf Ablehnung gestoßen waren, jetzt aber eine Chance bekommen könnten, in die Praxis umgesetzt zu werden (Boaventura de Souza Santos), wie die der kommunalen Demokratie und des „guten Lebens“ der Andenvölker oder die des ursprünglichen Sozialismus, der als fortgeschrittene Form der Demokratie entwickelt wurde.

Kapitalismus in seiner aktuellen Form (Marktgesellschaft) lehne ich ab, da er derart schädlich ist, dass, sollte seine zerstörerische Logik fortgesetzt werden, er das menschliche Leben auf der Erde zerstören könnte. Er funktioniert nur für eine kleine Minderheit: 737 finanzwirtschaftliche Gruppen beherrschen 80 % der transnationalen Konzerne, und von diesen wiederum beherrschen 147 Gruppen 40 % der Weltwirtschaft (gemäß den Daten der berühmten schweizerischen Eidgenössischen Technischen Hochschule), und die 85 reichsten Menschen besitzen das Äquivalent von dem, was 3.057 Millionen Arme verdienen (Intermon Oxfam Report 2014). Eine solche Perversität kann der Menschheit nichts bieten außer wachsender Verarmung, chronischem Hunger, grausamem Leiden, vorzeitigem Tod und, am Ende, dem Armageddon der menschlichen Spezies.

Der Sozialismus, der in Brasilien von verschiedenen politischen Parteien übernommen wurde, insbesondere von der Brasilianischen Sozialistischen Partei – Partido Socialista Brasileiro (PSB) des in guter Erinnerung gebliebenen Eduardo Campos, bietet manche gute Gelegenheiten. Er entstand, wie wir wissen, inmitten von christlichen Aktivisten, Kritikern der Exzesse des wilden Kapitalismus, wie Saint-Simon, Proudon und Fourier, die sich von den Werten der Evangelien inspirieren ließen und von dem, was als „das heilige Experiment“ bezeichnet wurde, die 150 Jahre der Christlichen-Kommunistischen Republik der Guaranies (1610-1768). Die Wirtschaft war kollektivistisch, diente in erstere Linie den gegenwärtigen und künftigen Bedürfnissen, der Rest war für den Handel bestimmt.

Der schweizerische Jesuit Clovis Lugon (1907-1991) beschrieb voller Leidenschaft das Experiment in seinem berühmten Buch „La République communiste chrétienne des Guaranis: les jésuites en pouvoir“, Editions ouvrières 1970 („Die kommunistische christliche Republik der Guaranis: die Jesuiten an der Macht“). Ein Verteidiger der Republik, der Brasilianer Luiz Francisco Fernandes de Souza (*1962) schrieb ein tausend Seiten langes Buch: „Sozialismus: eine christliche Utopie“. In seinem persönlichen Leben setzt er die Ideale um, für die er eintritt: er legte ein Armutsgelübde ab, kleidet sich schlicht und fährt in einem VW Käfer zur Arbeit.

Die Begründer des Sozialismus (Marx versuchte, ihnen einen wissenschaftlichen Charakter zu verleihen im Gegensatz zu denen, die er als Utopisten bezeichnete) verstanden den Sozialismus nie einfach nur als das Gegenteil des Kapitalismus, sondern als die Verwirklichung der Ideale, die von der bürgerlichen Revolution ausgerufen worden waren: Freiheit, Würde der Bürger, Recht auf freie Entfaltung und Teilnahme am Aufbau des kollektiven und demokratischen Lebens. Für Antonio Gramsci und Rosa Luxemburg war der Sozialismus die völlige Realisierung der Demokratie.

Marx‘ grundlegende Fragen (abgesehen von der fragwürdigen theoretisch-ideologischen Konstruktion, die er darum baute) lautete: Warum kann die bürgerliche Gesellschaft die Ideale, die sie für jeden proklamiert, nicht verwirklichen? Sie schafft das Gegenteil dessen, was sie anstrebt. Politische Wirtschaft sollte die Bedürfnisse der Menschen befriedigen (Nahrung, Kleidung, Leben, Bildung, Kommunikation etc.), doch tatsächlich dient sie den Bedürfnissen des Marktes, die zum Großteil künstlich hervorgerufen sind und deren Ziel in der Erhöhung der Profite besteht.

Für Marx war das Scheitern des Versuchs, die Ideale der bürgerlichen Revolution zu erreichen, nicht auf den bösen Willen von Individuen oder sozialen Gruppen zurückzuführen. Es war die unausweichliche Konsequenz der kapitalistischen Produktionsweise, die auf privater Aneignung der Produktionsmittel (Kapital, Boden, Technologie etc.) und auf Unterordnung der Arbeit unter die Interessen des Kapitals beruht. Diese Logik spaltet die Gesellschaft in Klassen mit entgegengesetzten Interessen auf, was sich in allen Bereichen niederschlägt: Politik, Recht, Bildung etc.

Im kapitalistischen System neigen die Menschen dazu, ob sie es mögen oder nicht, unmenschlich und strukturell egoistisch zu werden, denn sie fühlen sich genötigt, zuerst ihren eigenen Interessen zu dienen und erst danach dem Gemeinwohl.

Welche Lösung schlugen Marx und seine Anhänger vor? Lasst uns die Produktionsmittel ändern. Statt Privatbesitz lasst uns Gesellschaftseigentum einführen. Doch seid vorsichtig, so warnte Marx, die Produktionsmittel zu ändern ist immer noch nicht die Lösung. Dies garantiert noch keine neue Gesellschaft, sondern bietet nur die Möglichkeit der Entwicklung von Menschen, die nicht länger Mittel und Objekte bleiben wollen, sondern Ziele und solidarische Subjekte in der Schaffung einer Welt mit einem wahrhaft menschlichen Antlitz. Selbst unter diesen Bedingungen müssen die Menschen im Einklang mit den neuen Beziehungen leben wollen. Andernfalls wird es keine neue Gesellschaft geben. Marx sagt noch mehr: „Geschichte tut gar nichts; der konkrete und lebendige Mensch ist es, der alles tut …; Geschichte ist nichts anderes als die Aktivität der Menschen auf der Suche nach ihren eigenen Zielen.“

Meine Einschätzung ist folgende: Wir gehen auf eine sozio-ökologische Krise von einem derartigen Ausmaß zu, dass wir entweder den Sozialismus in einer humanistischen Weise annehmen müssen, oder wir werden gar nicht überleben können.

Leonardo Boff
08.09.2014

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Herausforderungen der Großen Transformation (III)

Um eine andere Art der Großen Transformation in Bewegung zu setzen, eine, die uns eine Gesellschaft mit einem Markt zurückbringt und die destruktive Marktgesellschaft eliminiert, müssen wir einige Entscheidungen treffen, die nicht aufgeschoben werden können. Die meisten davon sind bereits auf den Weg gebracht, müssen aber bestärkt werden. Folgendes müssen wir in Bewegung bringen:

- weg vom Weltherrschafts-Paradigma, das seit vielen Jahrhunderten besteht, hin zum Paradigma der Erden-Gemeinschaft;

- weg von einer industrialisierten Gesellschaft, die die Bodenschätze ausbeutet und soziale Beziehungen zerstört, hin zu einer Gesellschaft, die alles Leben nachhaltig fördert;

- weg von der Betrachtungsweise der Erde als Produktionsmittel hin zu einem Verständnis, das sie als ein lebendiges Wesen ansieht, das Gaia, Pachamama oder Mutter Erde genannt wird;

- weg von einem Technologie-Zeitalter, das bereits einen Großteil der Biosphäre zerstörte, hin zum Ökologie-Zeitalter, in dem alles Wissen und alle Aktivitäten umweltfreundlich sind und miteinander kooperieren, um das Leben auf unserem Planeten zu schützen;

- weg von der Logik des Konkurrenzdenkens, das vom Gewinner-Verlierer-Paradigma bestimmt wird und die Menschen entzweit, hin zu einer Logik der Kooperation, die vereint und Solidarität mit allen verstärkt;

- weg vom materiellen Kapital, das immer begrenzt und nicht erneuerbar ist, hin zum unbegrenzt vorhandenen humanen Kapital, das sich in Liebe, Solidarität, Respekt, Mitgefühl und Geschwisterlichkeit unter allen Geschöpfen in der Lebensgemeinschaft ausdrückt;

- weg von einer anthropozentrischen Gesellschaft, die sich von der Natur abgegrenzt hat, hin zu einer biozentrischen Gesellschaft, die sich selbst als Teil der Natur sieht und danach strebt, ihr Verhalten der Logik des kosmischen Prozesses anzupassen, der durch Synergie, völliger Interdependenz und durch Kooperation charakterisiert ist.

Während die Große Transformation der Marktgesellschaft eine Gefahr darstellt, verspricht die Große Transformation des Bewusstseins viel. Sie ist der Triumph der Gesamtheit der Sichtweisen, Werte und Prinzipien, die mehr Menschen umfasst und einen besseren Plan für eine Zukunft mit Hoffnung für alle bereithält. Dies ist gewiss die Große Transformation von Herz und Verstand, auf die sich die Erd-Charta bezieht. Hoffen wir, dass sie vorangebracht wird und immer mehr Aufmerksamkeit gewinnt sowie alternative Praktiken, bis sie die Vorherrschaft über unsere Geschichte gewinnt.

Es gibt ein Dokument, das ich zuvor wegen seines inspirierenden Wertes und seiner Hoffnung spendenden Kraft zitierte: die Erd-Charta. Sie ist das Ergebnis einer breiten Beratung unter den unterschiedlichsten Sektoren der Gesellschaften unserer Erde, von den autochthonen Völkern und religiösen und spirituellen Traditionen bis hin zu berühmten Forschungszentren. Sie wurde insbesondere animiert durch Michail Gorbatschow, Steven Rockefeller, Ruud Lubbers (dem früheren Premierminister der Niederlande), Maurice Strong (UNO Untersekretär) und Miriam Vilela (eine Brasilianerin, die die Arbeit von Anfang an koordinierte und El Centro in Rosta Rica unterhält). Ich selbst war Teil dieser Gruppe und trug zum Verfassen des Abschlussdokuments bei, das ich so viel wie möglich zu verbreiten suche.

Nach 8 Jahren intensiver Arbeit und häufigen Zusammenkünften auf jedem Kontinent entstand ein kleines, aber kompaktes Dokument, das den besten Teil der neuen Vision aus Erd- und Lebenswissenschaften enthält, insbesondere der zeitgenössischen Kosmologie. Es werden darin Prinzipien dargelegt und Werte aus der Perspektive einer holistischen Sicht von Ökologie herausgearbeitet, die wirksam Licht auf einen viel versprechenden Weg für die Menschheit der Gegenwart und der Zukunft wirft. 2001 wurde der Text offiziell anerkannt und 2003 durch die UNESCO angenommen als eines der inspirierendsten pädagogischen Materialien in den frühen Jahres dieses neuen Jahrtausends.

Das binationale Itaipu-Wasserkraftwerk, das größte seiner Art weltweit, nahm die Vorschläge der Erd-Charta ernst, und seinen beiden Direktoren, Jorge Samek und Nelton Friedrich, gelang es, 29 am See gelegene Stadtverwaltungen am Projekt zu beteiligen, wo ungefähr eine Million Menschen leben, und die damit eine Große Transformation in die Praxis umsetzen. Prinzipien der Nachhaltigkeit werden dort wirksam angewandt, und Achtsamkeit und gemeinsame Verantwortung werden in jeder Stadtverwaltung und jedem Bereich praktiziert, wodurch sich zeigt, dass selbst innerhalb der alten Ordnung etwas Neues entstehen kann. Diese Menschen erfahren bereits das, was sie auch für andere wünschen.

Wenn wir den Traum der Erde konkretisieren, wird sie nicht zu dem verdammt sein, was sie heute ist: ein Tal der Tränen und ein Kreuzweg des Leidens für die Mehrheit der Menschen und aller Lebewesen. Die Erde kann zu einem Berg der Segnungen und der Hoffnung für unsere leidvolle Existenz werden und zu einem kleinen Auftakt der Transfiguration von Tabor.

Damit dies geschehen kann, reicht es nicht aus zu träumen. Wir müssen handeln.

Leonardo Boff
25.08.2014

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Herausforderungen der Großen Transformation (II)

Im vorigen Artikel analysierten wir die Herausforderungen, welche die Transformation der Marktwirtschaft zu einer Marktgesellschaft mit sich bringt, einschließlich ihrer doppelten Ungerechtigkeit: der sozialen und der ökologischen. Jetzt geht es uns um die Auswirkungen im ökologischen Bereich in Hinsicht auf die erweiterte ökologische, soziale, geistige und physikalische Bedeutung.

Eine einzigartige Tatsache lässt sich beobachten: Im dem Maß, in dem der Schaden für die Natur wächst und immer mehr Gesellschaften und deren Lebensqualität beeinträchtigt, wächst gleichzeitig ein Bewusstsein, dass 90 % dieser Schäden auf die unverantwortliche und irrationale Aktivität der Menschen zurückzuführen sind, insbesondere der ökonomischen, politischen und kulturellen Elite sowie der Medien, die sich selbst zu großen multilateralen Konzernen organisiert haben und nun das Geschick der Welt lenken. Es ist höchste Zeit, dass wir etwas unternehmen, um sie auf ihrem Weg zum Abgrund zu stoppen. Wie die Erd-Charta bereits warnt: „Entweder bilden wir eine globale Partnerschaft, um für die Erde und füreinander zu sorgen, oder wir riskieren, uns selbst und die Vielfalt des Lebens zugrunde zu richten.“ (Präambel)

Die ökologische Frage wurde, vor allem nach dem Bericht des Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“ von 1972, zu einem zentralen Thema der Politik und der weltweiten wissenschaftlichen Community sowie in den Gruppen, die sich mehr Gedanken und Sorgen über unsere gemeinsame Zukunft machen.

Das Hauptinteresse der Frage verschob sich von nachhaltigem Wachstum/Entwicklung (was unmöglich ist in der freien Marktwirtschaft) zur Nachhaltigkeit allen Lebens. Zuerst müssen wir die Nachhaltigkeit des Planeten Erde gewährleisten, die seiner Ökosysteme und aller natürlichen Bedingungen, die den Fortbestand des Lebens sichern. Nur wenn diese Bedingungen erfüllt sind, ist es möglich, über nachhaltige Gesellschaften und über nachhaltige Entwicklung zu reden oder über irgendwelche anderen Aktivitäten, die unter diese Kategorie fallen.

Der Blick der Astronauten verstärkte dieses neue Bewusstsein. Von ihren Raumschiffen oder vom Mond aus wurde ihnen bewusst, dass die Erde und die Menschheit eine einzige Wesenseinheit bilden. Sie sind weder voneinander getrennte noch parallele Realitäten. Die Menschheit ist ein Ausdruck der Erde, ihres bewussten, intelligenten Aspekts, der verantwortlich ist für die Bewahrung der Bedingungen, welche beständig Leben produzieren und reproduzieren. Im Namen dieses Bewusstseins und der Dringlichkeit entstanden das Prinzip Verantwortung (Hans Jonas) und das Prinzip Achtsamkeit (Boff u. a.), das Prinzip Nachhaltigkeit (Brundtland Report), das Prinzip der Interdependenz-Kooperation Heisenberg/Wilson/Swimme), das Prinzip Prävention/Vorsicht (UNO-Charta von Rio de Janeiro, 1992), das Prinzip Mitgefühl (Schopenhauer/Dalai Lama) und das Prinzip Erde (Lovelock und Evo Morales).

Die Überlegungen zur Ökologie stellten sich als sehr komplex heraus. Sie können nicht nur auf die Bewahrung der Umwelt reduziert werden. Das ganze Welt-System ist in Gefahr. Daher entstand eine Umwelt-Ökologie, deren Hauptziel in der Lebensqualität besteht; eine soziale Ökologie, die nach einer nachhaltigen Lebensform forscht (Produktion, Verteilung, Konsum und Abfallbehandlung); eine mentale Ökologie, die Vorurteile und Weltsichten verurteilt, welche dem Leben feindlich gesonnen sind, und die ein neues Design für die Zivilisation erarbeitet, das auf den Prinzipien und Werten beruht, wie das Gemeinsame Haus auf eine neue Weise bewohnt werden kann; und schließlich eine integrale Ökologie, die sich dessen bewusst ist, dass die Erde Teil eines sich entwickelnden Universums ist und dass wir in Harmonie mit dem Ganzen leben müssen, vereint, komplex und Sinn erfüllt.

So wurde ein theoretischer Rahmen geschaffen, um die Gedanken und die Lebenspraxis in lebensbejahender Weise auszurichten. Es wurde klar, dass die Ökologie weniger eine Technik für den Umgang mit raren Gütern ist, sondern eher eine Kunst, eine neue Art der Beziehung mit der Natur und der Erde, und die Entdeckung, dass die Aufgabe des Menschen im kosmologischen Prozess und in der Gesamtheit aller Wesen darin besteht, für diese zu sorgen und sie zu bewahren.

Überall in der Welt entstanden Bewegungen, Institutionen, Organismen, Nichtregierungs-organisationen, Forschungszentren, die alle ein Hauptaugenmerk besitzen: einigen geht es um die Wälder, anderen um die Ozeane, um die Erhaltung der Biodiversität, gefährdete Spezies, die höchst unterschiedlichen Ökosysteme, das Wasser, die Erde oder die Samen und organischen Landbau. Unter all diesen Bewegungen verdient Greenpeace besondere Beachtung für seine Beharrlichkeit und für seinen Mut zur Konfrontation, unter Inkaufnahme aller Risiken, mit denen, die das Leben und das Gleichgewicht von Mutter Erde bedrohen.

Die Vereinten Nationen selbst haben eine Reihe an Institutionen gegründet, deren Ziele die Beobachtung der Erde einschließen. Vor allem sind dies das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP), die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO), die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Biodiversitäts-Konvention (CBD) und insbesondere der Weltklimarat (IPPC) u. a.

Diese Große Transformation des Bewusstseins hat sich auf eine anstrengende Reise begeben, eine Reise, die notwendig ist, um ein neues Paradigma zu schaffen, welches in der Lage ist, die eventuelle ökologisch-soziale Tragödie in eine vorübergehende Krise zu verwandeln, welche uns einen qualitativen Sprung machen lässt in Richtung eines höheren Levels zu einer freundlichen, harmonischen und kooperativen Beziehung zwischen Erde und Menschheit. Wenn wir diese Aufgabe nicht annehmen, ist unsere gemeinsame Zukunft bedroht.

Leonardo Boff
20.08.2014

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Herausforderungen der Großen Transformation (I)

Die Große Transformation besteht aus dem Übergang von einer Marktwirtschaft zu einer Marktgesellschaft. Oder, anders ausgedrückt, von einer Gesellschaft mit Markt zu einer Gesellschaft, die ausschließlich aus Markt besteht. Märkte gab es schon immer in der Geschichte der Menschheit, doch es gab noch nie eine Marktgesellschaft, die die Ökonomie zur einzigen Achse macht, um die sich das ganze soziale Leben dreht und die sich die Politik unterordnet und die Ethik aufhebt. Alles ist käuflich, selbst das Sakrale.

Es geht nicht einfach um irgendeine Art von Markt. Es handelt sich um einen Markt, der von der Konkurrenz bestimmt ist, nicht von der Kooperation. Was zählt sind der individuelle Profit oder der der Konzerne, nicht das Gemeinwohl der Gesellschaft als ganzer. Profite werden im allgemeinen zu Lasten der Natur und zum Preis ihrer Zerstörung als auch durch das perverse Fördern sozialer Ungleichheiten gemacht. In diesem Sinne ist die wissenschaftliche Arbeit von Thomas Pikettys mit dem Titel „Kapital im XXI. Jahrhundert“ unwiderlegbar.

Der Markt muss frei sein, folglich weist er Kontrollen zurück und sieht den Staat als größtes Hindernis, dessen Aufgabe, wie wir wissen, darin besteht, die Gesellschaft und den Bereich der Wirtschaft mit Hilfe von Gesetzen und Normen zu ordnen und die Suche nach dem Gemeinwohl zu koordinieren. Die Große Transformation postuliert einen minimalistischen Staat, der praktisch auf Fragen zur Infrastruktur und der so gering wie möglich gehaltenen Finanzverwaltung sowie auf Fragen zur Sicherheit beschränkt wird. Alles andere muss vom Markt erbeten werden, der sich dafür bezahlen lässt.

Der Drang danach, alles zur Ware zu machen, hat alle Bereiche der Gesellschaft durchdrungen: Gesundheit, Bildung und Sport, die Welt der Kunst und der Unterhaltung und sogar wichtige religiöse Bereiche und die Kirchen. Religionen und Kirchen übernehmen die Logik des Marktes, die Kreation einer enormen Masse an Konsumenten und symbolischen Gütern. Diese Kirchen sind arm im Geiste, doch reich im Sinne von Gelderwerb. Es ist nicht selten, dass ein Tempel und eine Einkaufspassage nebeneinander im selben Einkaufszentrum bestehen. Es geht immer um dasselbe: Einkünfte zu erlangen, sei es durch materielle oder durch „spirituelle“ Güter.

Der ungarisch-nordamerikanische Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi (1886-1964) studierte diesen zerstörerischen Prozess im Detail. Polanyi prägte den Begriff Die Große Transformation, der Titel eines seiner Bücher, das er 1944 vor Ende des 2. Weltkriegs schrieb. Zu seiner Zeit fand das Buch keine große Beachtung. Heute, da seine Thesen sich mehr denn je bestätigt sehen, wurde das Buch zur Pflichtlektüre für alle, die verstehen wollen, was im Bereich der Ökonomie geschieht, was in allen Bereichen menschlicher Aktivität Widerhall findet, einschließlich der religiösen Aktivität. Man geht davon aus, dass Papst Franziskus sich von Polanyi inspirieren ließ, als er das aktuelle Vermarkten von allem, selbst von Menschen und ihrer Organe, verurteilte.

Diese Art und Weise, die Gesellschaft rund um die ökonomischen Interessen zu organisieren, hat die Menschheit von oben bis unten gespalten: eine enorme Schere hat sich geöffnet zwischen den wenigen Reichen und den vielen Armen. Eine grausame soziale Ungerechtigkeit wurde hergestellt mit einer Vielzahl an ausgegrenzten Menschen, die als unökonomisch erachtet werden, verbranntem Öl, Menschen, für die der Markt sich nicht mehr interessiert, da sie sehr wenig produzieren und fast nichts konsumieren.

Gleichzeitig hat die Große Transformation der Marktgesellschaft eine gefährliche soziale Ungerechtigkeit hervorgebracht. In ihrem Anhäufungs-Eifer wurden die Naturgüter und -ressourcen auf äußerst räuberische Weise ausgebeutet, wobei ganze Ökosysteme verwüstet wurden, die Erde kontaminiert wurde sowie Wasser, Luft und Lebensmittel ohne sich über ethische, soziale oder hygienische Belange Gedanken zu machen.

Ein solches Projekt, das auf unbegrenztes Anhäufen abzielt, kann von einem begrenzten, kleinen, alten und kranken Planeten nicht getragen werden. Auch ein systemisches Problem ist erstanden, das Ökonomen, die diese Art des Wirtschaftens befürworten, selten bedenken: Die physikalisch-chemisch-ökologischen Grenzen des Planeten Erde sind bereits erreicht worden. Diese Tatsache erschwert das beständige Wachstum des Systems, wenn es dieses nicht sogar unmöglich macht, denn es erfordert eine Erde voller Ressourcen (Güter und Dienstleistungen oder „großzügige Geschenke“ in der Sprache der indigenen Völker).

Wenn wir diesen Weg weiter verfolgen, können wir erleben, wie es bereits geschieht, dass die Erde darauf mit Gewalt reagiert. Als eine sich selbst regulierende, lebende Entität, reagiert die Erde auf Aktionen, die ihre Fähigkeit schwächen, ihr Gleichgewicht zu erhalten, mit extremen Ereignissen, Erdbeben, Tsunamis, Orkanen und einem völligen Fehlen von Klima-Regulierung.

Diese Transformation erweist sich durch ihre eigene interne Logik als zerstörerisch für das Leben, das Ökosystem und die Umwelt. Es zerstört systematisch die Basis, die das Leben erhält. Das Leben ist in Gefahr, und so könnte, sei es durch die bestehende Aufrüstung an Massenvernichtungsmitteln oder durch das ökologische Chaos, die menschliche Spezies von der Erde verschwinden. Das könnte die Konsequenz unserer Verantwortungslosigkeit sein und von unserem völligen Mangel an Achtsamkeit für alles, was lebt und existiert.

Leonardo Boff
17.08.2014

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Fußballspieler bedürfen sowohl der Mystik als auch der Psychologie

Eine konstruktive Idee des Brasilianischen Fußballbundes CBF und der technischen Gruppe des brasilianischen Fußballteams bestand darin, Regina Brandão, eine auf diesem Feld spezialisierte Psychologin, einzuladen, um die Fußballer zu ihren Spielen zu begleiten. Psychologische Unterstützung gibt es bereits seit einigen Jahren für das deutsche Fußballteam. Der Zweck ist einleuchtend: eine Atmosphäre innerer Gelassenheit zu erzeugen, Siege in kontrollierter Weise zu feiern und die Bedingungen für ein gesundes Durchhaltevermögen im Fall einer Niederlage zu schaffen, d. h. zu wissen, was es zu verändern gilt, was aus den Fehlern gelernt werden muss und wie sich die Leistung verbessern lässt.

Meiner Meinung nach ist dies jedoch nicht ausreichend. Psychologie kann durch Mystik bereichert werden. Das soll nicht heißen, dass ich nun die Religion in den Fußball bringen möchte. Zuallererst müssen wir die Mystik entmystifizieren. Mystik besitzt viele Bedeutungen, von denen die beiden wichtigsten die soziologische und die spirituelle sind, nicht jedoch die konfessionelle.

Ich möchte dies an zwei Beispielen erklären, die das besser beleuchten können als Worte: Am 17. und 18. Mai 1993 organisierten Frei Betto und ich eine offene Reflexion über Mystik und Spiritualität. Dies fand unter der Woche morgens und nachmittags statt. Es kamen mehr als 500 Arbeiter, die meisten aus der Metallurgie. Sie wollten wissen, was zum Teufel es mit Mystik und Spiritualität auf sich hat. Wir hatten zwei Eröffnungsvorlesungen, und der Rest bestand aus interessanten Diskussionen. Alles wurde aufgezeichnet und im Buch „Mystik der Straße“ (Patmos 1995) veröffentlicht, das bereits von vielen Verlagen publiziert wurde.

Ein weiteres Beispiel: Jedes große Treffen der Landlosen-Bewegung, an denen mehrere hundert Menschen teilnehmen, beginnt mit „Mystik“. Was geschieht da? Die Probleme, mit denen die Teilnehmer konfrontiert sind, werden als Theaterstück aufgeführt, bedeutungsvolle Symbole werden gestaltet, Lieder gesungen, man hört Berichte über Kampf und Leben. Es wird nicht immer über Gott gesprochen. Es geht um den Sinn des Lebens, eine Bestärkung des Willens, die Projekte weiterzuführen, standzuhalten, anzuprangern und Neues zu schaffen. Am Ende ist allgemeiner Enthusiasmus zu spüren, Erhellung des Geistes und Harmonie unter allen. Durch diese „Zelebrationen“ wird die tiefste Dimension des menschlichen Seins berührt, wo unsere zartesten Träume, unsere Utopien und unsere Bestimmung für ein besseres Leben ihren Sitz haben. Das ist die soziologische Bedeutung der Mystik, die sich in der berühmten Rede von Max Weber findet, welche er 1919 vor den Studenten in München über „Politik als Beruf“ hielt. Für Weber impliziert eine Politik, die diesen Namen verdient (nicht von, sondern für Politik zu leben) Mystik, ansonsten bleibt sie im Schlamm privater und unternehmerischer Interessen stecken. Mystik ist für Max Weber die Summe tiefer Überzeugungen, grandioser Visionen und starker Leidenschaften, die Menschen und Bewegungen mobilisieren und Praktiken inspirieren, welche in der Lage sind, Schwierigkeiten standzuhalten und angesichts von Scheitern die Hoffnung nicht zu verlieren.

Diese Art von Mystik kann und sollte von Fußballspielern gelebt werden, insbesondere von denen der WM-Teams, sodass sie erkennen, dass es nicht nur um Psychologie und deren Motivationen geht. Es geht um Werte, gute Träume, Enthusiasmus. Die Frage ist, wie man dorthin kommt.

Hier kommt die zweite Bedeutung der Mystik, die spirituelle Bedeutung, ins Spiel. Doch eine Klärung ist vonnöten: Wir haben eine äußerliche Seite, unseren Körper, mithilfe dessen wir in Kontakt zu anderen, zur Natur und zum Universum treten. Fußball trainiert jede mögliche Fähigkeit des Körpers, um einen Athleten, einen Top-Spieler zu kreieren. Doch dies reicht nicht aus. Wir haben auch unser inneres Selbst, d. h. die Psyche, die von Leidenschaften, Liebe, Hass, tief sitzenden Archetypen, der Dimension von Licht und Schatten, bewohnt ist. Unser aller Aufgabe besteht darin, die Dämonen zu bezwingen und die guten Engel auf solche Weise zu aktivieren, dass wir mit uns selbst in Frieden leben können und nicht ein Opfer unserer Triebe sind.

Doch wir haben auch unsere tiefe, d. h. unsere spirituelle Seite. In unserer inneren Tiefe finden wir die unausweichliche Frage, die uns während unseres ganzen Lebens begleitet: Wer bin ich? Was tue ich in dieser Welt? Was kann ich nach diesem Leben erhoffen? Was bedeutet es, in der Weltmeisterschaft mitzuspielen? Alle Dinge hängen gegenseitig voneinander ab und helfen einander zu existieren. Es muss etwas geben, das alles miteinander verbindet und rückverbindet. Wir besitzen auch ein tiefes Selbst mit den Vorschlägen und Projekten, die uns mobilisieren.

Hier entsteht Enthusiasmus. Im Griechischen bedeutet Enthusiasmus: „einen Gott in sich haben“: die Energie, die größer ist als wir, die uns hält und uns durch das Leben führt. Ohne Enthusiasmus gelangen wir in die Welt des Todes. Die moderne Hirnforschung identifizierte, was die Wissenschaftler als Gottespunkt bezeichnen, den Punkt der spirituellen Intelligenz im Gehirn. Immer wenn wir den fundamentalen Fragen des Lebens nachgehen oder eine globalere Vision suchen, wenn die machtvolle und liebende Energie, die alles hält und erhält, gefragt ist, ist in dieser neuronalen Zone eine größere Beschleunigung zu verzeichnen. Wir sind mit einem inneren Organ ausgestattet, durch das wir wahrnehmen, was wir als Tao, Shiva, Olorum, Allah, Jehovah, Gott bezeichnen. Wichtig ist nicht der Name, sondern die Erfahrung einer Ganzheit in uns selbst. Wenn wir den „Gottespunkt“ aktivieren, werden wir einfühlsamer für andere, sorgsamer, freundlicher, verständnisvoller und mutiger.

Ich denke, für einen Fußballspieler wäre es gut, sich in eine Ecke zurückzuziehen, sich auf dieses tiefe Selbst zu konzentrieren und darauf zu hören, wo die guten Ideen geboren werden, die guten Gefühle und wo der Enthusiasmus bestärkt wird. Es gibt Leute wie Frei Betto, Marcelo Barros und andere, die diese Aufgabe wunderbar erfüllen könnten. Sie würden die Fußballspieler mit dem „Gottespunkt“ in Einklang bringen und die Magie der „Tois“ beiseite lassen.

Leonardo Boff
05.08.2014

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Humor als Ausdruck psychischer und spiritueller Gesundheit

Alle höheren Lebewesen besitzen einen ausgeprägten Sinn für das Spiel. Das sehen wir, wenn wir unsere Katzen und Hunde beobachten. Doch Humor ist nur den Menschen eigen. In theologischen Reflexionen wurde Humor niemals als ernsthaftes Thema in Erwägung gezogen, obwohl bekanntlich alle Heiligen und Mystiker, also die einzig wahrhaft ernsthaften Christen, über Humor verfügten. In der Philosophie und der Psychoanalyse hatte Humor mehr Glück.

Humor ist kein Synonym für Witze, den es gibt Witze ohne Humor und Humor ohne Witze. Ein Witz kann nicht wiederholt werden; wiederholt man ihn, verliert er seinen Anmut. Eine Erzählung, die voller Humor steckt, bewahrt sich stets ihren Anmut, und wir hören sie immer wieder gern.

Humor kann nur aus der Tiefe des menschlichen Wesens heraus verstanden werden. Sein Merkmal besteht darin, ein zeitloses Projekt zu sein, Träger unerschöpflicher Wünsche, Utopien, Träume und Fantasien. Diese existentielle Gegebenheit ist die Ursache für ein ständiges Ungleichgewicht zwischen Verlangen und Realität, zwischen dem, wovon man träumt, und dem, was sich verwirklichen lässt. Keine Institution, Religion, kein Staat und kein Gesetz kann das menschliche Wesen völlig in sich aufnehmen, selbst wenn es dort eine Art Ordnung gibt, die Menschen beinhaltet. Doch der Mensch überschreitet diese Determinanten. Daher ist es so wichtig, das Verbotene auszuprobieren, um Freiheit zu erleben und um Neues zu schaffen. Und dies geschieht in der Kunst, Literatur und auch in der Religion.

Wenn wir diesen Unterschied zwischen Gesetz und Realität bemerken – wie z. B. das Verbot der Benutzung von Kondomen in der katholischen Morallehre zu Zeiten grassierender AIDS-Erkrankungen – kommt der Sinn für Humor ins Spiel. Man kann über das Verbot lachen, denn es macht wenig Sinn und es ist, als würde man gegen den Wind pfeifen, denn entweder hört oder achtet niemand darauf, sodass es nur Humor hervorbringen kann. Solche Menschen leben auf dem Mond, nicht auf der Erde.

Der Humor verhilft zu einem Gefühl der Befreiung vom Gewicht solcher Beschränkungen und zur Freude, diese relativiert zu sehen und ohne die Wichtigkeit, die sie sich selbst zuschreiben. Für einen Augenblick fühlt der Mensch sich frei von den ihn schwächenden Über-Ichs, von der Last, die die Situation ihm abverlangt, und er spürt einen Sinn für Freiheit als ein Mittel, selbst über seine Zeit zu bestimmen, seiner Tätigkeit einen Sinn zu verleihen und etwas Neues zu schaffen. Hinter dem Humor steht die Kreativität, die dem Menschen eigen ist. Unabhängig von möglichen natürlichen und sozialen Einengungen, gibt es immer Raum, etwas Neues zu kreieren. Wenn dies nicht so wäre, gäbe es keine Genies in Wissenschaft, Kunst oder im Denken. Zuerst werden sie als „verrückt“ erachtet und als exzentrisch und abnormal. Viel später entdeckt man beim zweiten Hinschauen das Genie eines van Gogh, die fantastische Kreativität von Bach, die zu deren Lebzeiten fast unbeachtet blieben. Von Jesus wird gesagt, dass seine Freunde kamen, um ihn wegzuholen, da man von ihm sagte „Er ist verrückt“ (Mk 3,21). Dasselbe wurde von Franz von Assisi berichtet: Er ist „pazzus“, verrückt, was dieser als Ausdruck des göttlichen Willens verstand. Und er war ein Heiliger und so erfüllt von Humor und Freude, dass man ihn den „stets glücklichen Bruder“ nannte.

Einfacher ausgedrückt: Humor ist ein Zeichen für die Unmöglichkeit, das menschliche Wesen innerhalb eines etablierten Rahmens zu definieren. Innerhalb seines tieferen und wahren Selbst befindet sich ein Schöpfer und ein freies Wesen.

Aus diesem Grund ist es dem Menschen möglich, solche Systeme, die ihn innerhalb von bestehenden Kategorien einsperren wollen, zu belächeln und sie mit Humor zu betrachten. Auch der Spott, mit dem wir seriöse Gentlemen beobachten (z. B. Professoren, Richter, Schuldirektoren und selbst Monsignori), die feierlich und mit dem Anschein einer höheren, fast göttlichen Autorität versuchen, andere blind und unterwürfig zu mache, sodass sie ihren Anordnungen wie Schafe folgen, auch dies regt den Humor an.

Der Philosoph Philip Lersch (Philosophie des Humors, München 1953, S. 26) schrieb ganz richtig: „Der innerste Wesenskern des Humors liegt in der Kraft der religiösen Haltung. Denn der Humor sieht das Irdische und das Menschliche in seiner Unzulänglichkeit zu Gott.“ Von der Ernsthaftigkeit Gottes aus belächelt der Mensch den menschlichen Ernst mit dessen Anspruch, absolut seriös und wahr zu sein. Vor Gott ist er nichts. Und es gibt ebenfalls eine ganze theologische Tradition, die wir von den Vätern der Orthodoxen Kirche kennen und die von einem Deus ludens (einem spielerischen Gott) spricht, denn Gott schuf die Welt als ein Spiel zu Seiner eigenen Unterhaltung. Und Gott tat dies auf so kluge Weise, indem er Humor mit Ernst verband.

Diejenigen, die ihr Leben in Gott verankert haben, verfügen über eine Methode, Humor zu kultivieren. Sie relativieren die irdische Ernsthaftigkeit, selbst ihre eigenen Mängel, und sie sind frei von Sorgen. Der Hl. Thomas Morus, der zum Tod durch die Guillotine verurteilt wurde, bewahrte seinen Humor bis zum Schluss: Er bat die Urteilsvollstrecker, seinen Nacken zu durchtrennen, jedoch ohne seinen langen weißen Bart zu berühren. Der Hl. Laurentius lächelte humorvoll seine Vollstrecker an, die ihm auf dem Grill verbrannten, und lud sie ein, ihn zu wenden, da eine Seite bereits gar gekocht war; und der Hl. Ignatius von Antiochien, der alte Bischof der ersten Kirche, flehte die Löwen an, zu kommen um ihn zu verschlingen, sodass er schnell in die ewige Seligkeit einkehren könne.

Um sich eine solche Gelassenheit zu bewahren, in einem Zustand des Humors zu leben und ihn aus dem Blickwinkel der menschlichen Unzulänglichkeit zu betrachten, ist eine Gnade, die wir alle anstreben müssen und um die wir Gott bitten.

Leonardo Boff
28.07.2014

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