Humor als Ausdruck psychischer und spiritueller Gesundheit

Alle höheren Lebewesen besitzen einen ausgeprägten Sinn für das Spiel. Das sehen wir, wenn wir unsere Katzen und Hunde beobachten. Doch Humor ist nur den Menschen eigen. In theologischen Reflexionen wurde Humor niemals als ernsthaftes Thema in Erwägung gezogen, obwohl bekanntlich alle Heiligen und Mystiker, also die einzig wahrhaft ernsthaften Christen, über Humor verfügten. In der Philosophie und der Psychoanalyse hatte Humor mehr Glück.

Humor ist kein Synonym für Witze, den es gibt Witze ohne Humor und Humor ohne Witze. Ein Witz kann nicht wiederholt werden; wiederholt man ihn, verliert er seinen Anmut. Eine Erzählung, die voller Humor steckt, bewahrt sich stets ihren Anmut, und wir hören sie immer wieder gern.

Humor kann nur aus der Tiefe des menschlichen Wesens heraus verstanden werden. Sein Merkmal besteht darin, ein zeitloses Projekt zu sein, Träger unerschöpflicher Wünsche, Utopien, Träume und Fantasien. Diese existentielle Gegebenheit ist die Ursache für ein ständiges Ungleichgewicht zwischen Verlangen und Realität, zwischen dem, wovon man träumt, und dem, was sich verwirklichen lässt. Keine Institution, Religion, kein Staat und kein Gesetz kann das menschliche Wesen völlig in sich aufnehmen, selbst wenn es dort eine Art Ordnung gibt, die Menschen beinhaltet. Doch der Mensch überschreitet diese Determinanten. Daher ist es so wichtig, das Verbotene auszuprobieren, um Freiheit zu erleben und um Neues zu schaffen. Und dies geschieht in der Kunst, Literatur und auch in der Religion.

Wenn wir diesen Unterschied zwischen Gesetz und Realität bemerken – wie z. B. das Verbot der Benutzung von Kondomen in der katholischen Morallehre zu Zeiten grassierender AIDS-Erkrankungen – kommt der Sinn für Humor ins Spiel. Man kann über das Verbot lachen, denn es macht wenig Sinn und es ist, als würde man gegen den Wind pfeifen, denn entweder hört oder achtet niemand darauf, sodass es nur Humor hervorbringen kann. Solche Menschen leben auf dem Mond, nicht auf der Erde.

Der Humor verhilft zu einem Gefühl der Befreiung vom Gewicht solcher Beschränkungen und zur Freude, diese relativiert zu sehen und ohne die Wichtigkeit, die sie sich selbst zuschreiben. Für einen Augenblick fühlt der Mensch sich frei von den ihn schwächenden Über-Ichs, von der Last, die die Situation ihm abverlangt, und er spürt einen Sinn für Freiheit als ein Mittel, selbst über seine Zeit zu bestimmen, seiner Tätigkeit einen Sinn zu verleihen und etwas Neues zu schaffen. Hinter dem Humor steht die Kreativität, die dem Menschen eigen ist. Unabhängig von möglichen natürlichen und sozialen Einengungen, gibt es immer Raum, etwas Neues zu kreieren. Wenn dies nicht so wäre, gäbe es keine Genies in Wissenschaft, Kunst oder im Denken. Zuerst werden sie als „verrückt“ erachtet und als exzentrisch und abnormal. Viel später entdeckt man beim zweiten Hinschauen das Genie eines van Gogh, die fantastische Kreativität von Bach, die zu deren Lebzeiten fast unbeachtet blieben. Von Jesus wird gesagt, dass seine Freunde kamen, um ihn wegzuholen, da man von ihm sagte „Er ist verrückt“ (Mk 3,21). Dasselbe wurde von Franz von Assisi berichtet: Er ist „pazzus“, verrückt, was dieser als Ausdruck des göttlichen Willens verstand. Und er war ein Heiliger und so erfüllt von Humor und Freude, dass man ihn den „stets glücklichen Bruder“ nannte.

Einfacher ausgedrückt: Humor ist ein Zeichen für die Unmöglichkeit, das menschliche Wesen innerhalb eines etablierten Rahmens zu definieren. Innerhalb seines tieferen und wahren Selbst befindet sich ein Schöpfer und ein freies Wesen.

Aus diesem Grund ist es dem Menschen möglich, solche Systeme, die ihn innerhalb von bestehenden Kategorien einsperren wollen, zu belächeln und sie mit Humor zu betrachten. Auch der Spott, mit dem wir seriöse Gentlemen beobachten (z. B. Professoren, Richter, Schuldirektoren und selbst Monsignori), die feierlich und mit dem Anschein einer höheren, fast göttlichen Autorität versuchen, andere blind und unterwürfig zu mache, sodass sie ihren Anordnungen wie Schafe folgen, auch dies regt den Humor an.

Der Philosoph Philip Lersch (Philosophie des Humors, München 1953, S. 26) schrieb ganz richtig: „Der innerste Wesenskern des Humors liegt in der Kraft der religiösen Haltung. Denn der Humor sieht das Irdische und das Menschliche in seiner Unzulänglichkeit zu Gott.“ Von der Ernsthaftigkeit Gottes aus belächelt der Mensch den menschlichen Ernst mit dessen Anspruch, absolut seriös und wahr zu sein. Vor Gott ist er nichts. Und es gibt ebenfalls eine ganze theologische Tradition, die wir von den Vätern der Orthodoxen Kirche kennen und die von einem Deus ludens (einem spielerischen Gott) spricht, denn Gott schuf die Welt als ein Spiel zu Seiner eigenen Unterhaltung. Und Gott tat dies auf so kluge Weise, indem er Humor mit Ernst verband.

Diejenigen, die ihr Leben in Gott verankert haben, verfügen über eine Methode, Humor zu kultivieren. Sie relativieren die irdische Ernsthaftigkeit, selbst ihre eigenen Mängel, und sie sind frei von Sorgen. Der Hl. Thomas Morus, der zum Tod durch die Guillotine verurteilt wurde, bewahrte seinen Humor bis zum Schluss: Er bat die Urteilsvollstrecker, seinen Nacken zu durchtrennen, jedoch ohne seinen langen weißen Bart zu berühren. Der Hl. Laurentius lächelte humorvoll seine Vollstrecker an, die ihm auf dem Grill verbrannten, und lud sie ein, ihn zu wenden, da eine Seite bereits gar gekocht war; und der Hl. Ignatius von Antiochien, der alte Bischof der ersten Kirche, flehte die Löwen an, zu kommen um ihn zu verschlingen, sodass er schnell in die ewige Seligkeit einkehren könne.

Um sich eine solche Gelassenheit zu bewahren, in einem Zustand des Humors zu leben und ihn aus dem Blickwinkel der menschlichen Unzulänglichkeit zu betrachten, ist eine Gnade, die wir alle anstreben müssen und um die wir Gott bitten.

Leonardo Boff
28.07.2014

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Ritus und Spiel: in Vergessenheit geratene Dinge

Während der Wochen der Fußball-WM erlebten wir Momente voller Riten, Zelebrationen und Symbole. Die Eröffnungsfeier war eine Abfolge von Riten und Symbole, die mit Fußball in Verbindung standen, vor allem bei der Vorstellung der Teams und beim Singen der Natio-nalhymnen. Eine von Zelebrationen geprägte Atmosphäre erfüllte die Innenstädte, schmückte die Straßen und Fenster der Häuser.

Es geht uns hier um das Thema Riten und Zelebrationen, deren humane und soziale Bedeutung nicht immer bedacht wird und die oftmals in Vergessenheit gerät. Erst einmal gibt es ohne Riten keine Zelebration, denn eine Zelebration bewegt sich in der symbolischen Welt der Riten und Symbole. In einer Zelebration essen und trinken wir nicht deswegen, um unseren Hunger oder Durst zu stillen. Dafür essen wir zu Hause oder im Restaurant. Vielmehr symbolisiert dieses Mahl die Freundschaft und die Freude über das Zusammensein und darüber, gemeinsam an einem Ereignis, wie z. B. einem Fußballspiel, teilzunehmen. Wenn in einer Zelebration gesungen wird, geht es nicht um die Darbietung von musikalischer Kunst, sondern um eine rituelle Ausdrucksweise von Begeisterung und existentieller Erleichterung. Und wie wir feiern und trinken, wenn unser Lieblings-Team ein Spiel oder eine Meisterschaft gewinnt!

„Was ist ein Ritus?“, fragte der Kleine Prinz den Fuchs, den er im berühmten gleichnamigen Buch von Antoine de Saint-Exupéry gefangen hatte. Und der Fuchs gab zur Antwort: „Es ist etwas in Vergessenheit Geratenes. Es ist das, was einen Tag vom andern unterscheidet, eine Stunde von den andern Stunden. Es gibt zum Beispiel einen Brauch bei meinen Jägern. Sie tanzen am Donnerstag mit den Mädchen des Dorfes. Daher ist der Donnerstag der wunderbare Tag. Ich gehe bis zum Weinberg spazieren. Wenn die Jäger irgendwann einmal zum Tanze gingen, wären die Tage alle gleich und ich hätte niemals Ferien” (S. 27).

Ein Ritus ist das, was eine Zelebration von anderen Tagen unterscheiden lässt. Doch er gewinnt nur an Ausdruckskraft, wenn es Vorbereitung und innere Teilnahme gibt, wie dies vor einem Fußballspiel zwischen zwei berühmten Teams der Fall ist. Aus diesem Grund rät der Fuchs dem Kleinen Prinzen: „Es wäre besser gewesen, du wärst zur selben Stunde wiedergekommen. Wenn du zum Beispiel um vier Uhr nachmittags kommst, kann ich um drei Uhr anfangen, glücklich zu sein … Wenn du aber irgendwann kommst, kann ich nie wissen, wann mein Herz da sein soll … Es muss feste Bräuche geben.” (S. 71)

Nur mit dem Ritus kann es eine Zelebration geben, denn dann verliert alles seine natürliche Konsistenz und nimmt zutiefst menschliche symbolische Werte an. Dinge verlieren ihre Aktualität (sind nutzlos), um ihre wahre Bedeutung zurückzugewinnen. Der Klang der Schritte würde den Fuchs niemals erschrecken, er wäre wie Musik, die ihm die Nähe des Kleinen Prinzen ankündigt. Die Weizenfelder erinnern ihn nicht an Brot (Aktualität), sondern an die blonden Haare des Kleinen Prinzen (Bedeutung).

Abgesehen von der zuvor genannten Bedeutung ist die Präsenz eines Ritus‘ im Allgemeinen vor allem in religiösen Zelebrationen stark spürbar, wie z. B. an Hochzeiten oder Priesterweihen. Der Ritus bringt die Bedeutung der Dinge besser zum Ausdruck als die Sprache es vermag, die „voller Missverständnisse“ ist, wie der Fuchs sagt. Deshalb ist ein Ritus dann besonders ausdrucksvoll, wenn er aus der Tiefe unseres Seins kommt, aus unseren tiefsten Archetypen, wo sich unsere persönliche Identität befindet.

Jeder Mensch, selbst die säkularste und rationalste Person, ist im Sinne ritueller und symbolischer Ausdrucksweise mythisch. Menschen, die ihr innerstes Selbst, ihre Freude, ihre Traurigkeit, ihre Leidenschaft oder ihre Liebe zum Ausdruck bringen möchten, bedienen sich nicht kalter Konzepte, sondern Metaphern oder Lebensgeschichten, die wahre Mythen sind. Durch sie kommt das Mysterium der persönlichen Lebensreise jeder Person zum Vorschein, ohne dass ihm Gewalt angetan würde. Riten und Zelebrationen verlangen immer nach Ernsthaftigkeit und nach Konzentration.

Alles, was wir zum Thema Riten besprachen, hat viel mit dem Spiel zu tun. Ich denke dabei nicht an das Spiel, das zu einem Beruf und zu großem internationalen Business geworden ist wie Fußball u. a. Das ist eher Sport als ein Akt des Spiels. Spiel, wie man es im Volk vorfindet, auf improvisierten Plätzen oder am Strand, hat keinen praktischen Nutzen, ist aber Träger von tiefer Bedeutung als Ausdruck von Lebensfreude und der Freude, gemeinsam eine schöne Zeit zu verbringen.

Es gibt eine alte Tradition der zwei Schwesterkirchen, der lateinischen und der griechischen, die von Deus ludens, Homo ludens und sogar von Ecclesia ludens spricht (vom spielerischen Gott, dem spielerischen Menschen und der spielerischen Kirche). Sie sahen die Schöpfung als ein großes Spiel einer spielerischen Gottheit: Gott warf von einer Seite die Sterne, von der anderen Seite die Sonne, darunter die Planeten und, voller Zärtlichkeit, die Erde in der genau passenden Distanz zur der Sonne, sodass es auf ihr Leben geben kann. Die Schöpfung ist eine Art alles umfassende Fröhlichkeit Gottes, ein Theatrum Gloriae Dei (ein Theater der Ehre Gottes).

In einem schönen Gedicht des großen Theologen der Griechisch Orthodoxen Kirche, dem Hl. Gregor von Nazianz (330-390) heißt es: „Der erhabene Logos spielt, indem er den ganzen Kosmos aus purem Vergnügen und auf jede erdenkliche Weise mit den unterschiedlichsten Bildern ziert.“ In der Tat ist das Spiel das Werk der kreativen Fantasie, wie man es bei Kindern sieht: Es drückt zwanglose Freiheit aus, indem es eine Welt ohne praktischen Nutzen schafft, frei von Profit und persönlichen Vorteilen. Einer der besten Theologen des 20. Jahrhunderts, der Bruder eines weiteren berühmten Theologen, der mein Professor in Deutschland war, Karl Rahner, empfahl dringend: „Da Gott vere ludens (wahrhaft spielerisch) ist, müssen alle vere ludens sein“.

Aus diesen Überlegungen geht hervor, dass unser Leben auf der Erde unbeschwert und angstfrei sein könnte, insbesondere wenn es durch die heitere Gegenwart Gottes in Seiner Schöpfung verwandelt wird. Also brauchen wir uns nicht zu fürchten. Es ist die Angst, die uns der Freiheit beraubt. Das Gegenteil von Glaube ist nicht so sehr Atheismus als vielmehr Angst, vor allem die Angst vor Einsamkeit. Glauben zu haben, mehr noch als einer Sammlung von Glaubenswahrheiten anzuhängen, heißt glücklich zu sein, sich in der Hand Gottes geborgen zu fühlen und in der Lage zu sein, vor dem Göttlichen wie ein Kind zu leben, das in völliger Hingabe spielt.

Leonardo Boff
23.07.201

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Der Katakombenpakt, wie er von Papst Franziskus gelebt wird

Am 16. November 1965, kurz vor Abschluss des II. Vatikanischen Konzils, zelebrierten einige Bischöfe, auf Anregung von Dom Helder Camara, in den Domitilla-Katakomben eine Messe und schlossen den sogenannten Katakombenpakt einer dienenden und armen Kirche. Sie wählten für sich die Ideale der Armut und Einfachheit und wollten ihre Paläste verlassen, um in einfachen Häusern oder Wohnungen zu leben. Mit Papst Franziskus kommt diesem Pakt heute eine reale Bedeutung zu. Es lohnt sich, an den Wortlaut dieser freiwilligen Verpflichtungen (hier in Übersetzung von Norbert Arntz), die diese Bischöfe auf sich nahmen, zu erinnern.

Als Bischöfe,

• die sich zum Zweiten Vatikanischen Konzil versammelt haben;
• die sich dessen bewusst geworden sind, wie viel ihnen noch fehlt, um ein dem Evangelium entsprechendes Leben in Armut zu führen;
• die sich gegenseitig darin bestärkt haben, gemeinsam zu handeln, um Eigenbrötelei und Selbstgerechtigkeit zu vermeiden;
• die sich eins wissen mit all ihren Brüdern im Bischofsamt;
• die vor allem aber darauf vertrauen, durch die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sowie durch das Gebet der Gläubigen und Priester unserer Diözesen bestärkt zu werden;
• die in Denken und Beten vor die Heilige Dreifaltigkeit, vor die Kirche Christi, vor die Priester und Gläubigen unserer Diözesen hintreten;
nehmen wir in Demut und der eigenen Schwachheit bewusst, aber auch mit aller Entschiedenheit und all der Kraft, die Gottes Gnade uns zukommen lassen will, die folgenden Verpflichtungen auf uns:

1. Wir werden uns bemühen, so zu leben, wie die Menschen um uns her üblicherweise leben, im Hinblick auf Wohnung, Essen, Verkehrsmittel und allem, was sich daraus ergibt (vgl. Mt 5,3; 6,33-34; 8,20).
2. Wir verzichten ein für allemal darauf, als Reiche zu erscheinen wie auch wirklich reich zu sein, insbesondere in unserer Amtskleidung (teure Stoffe, auffallende Farben) und in unseren Amtsinsignien, die nicht aus kostbarem Metall – weder Gold noch Silber – gemacht sein dürfen, sondern wahrhaft und wirklich dem Evangelium entsprechen müssen (Vgl. Mk 6,9; Mt 10,9; Apg 3,6).
3. Wir werden weder Immobilien oder Mobiliar besitzen noch mit eigenem Namen über Bankkonten verfügen; und alles, was an Besitz notwendig sein sollte, auf den Namen der Diözese bzw. der sozialen oder caritativen Werke überschreiben (vgl. Mt 6,19-21; Lk 12,33-34).
4. Wir werden, wann immer dies möglich ist, die Finanz- und Vermögensverwaltung unserer Diözesen in die Hände einer Kommission von Laien legen, die sich ihrer apostolischen Sendung bewusst und fachkundig sind, damit wir Apostel und Hirten statt Verwalter sein können (vgl. Mt 10,8; Apg. 6,1-7).
5. Wir lehnen es ab, mündlich oder schriftlich mit Titeln oder Bezeichnungen angesprochen zu werden, in denen gesellschaftliche Bedeutung oder Macht zum Ausdruck gebracht werden (Eminenz, Exzellenz, Monsignore…). Stattdessen wollen wir als “Padre” angesprochen werden, eine Bezeichnung, die dem Evangelium entspricht.
6. Wir werden in unserem Verhalten und in unseren gesellschaftlichen Beziehungen jeden Eindruck vermeiden, der den Anschein erwecken könnte, wir würden Reiche und Mächtige privilegiert, vorrangig oder bevorzugt behandeln (z.B. bei Gottesdiensten und bei gesellschaftlichen Zusammenkünften, als Gäste oder Gastgeber) (Lk 13, 12-14; 1 Kor 9,14-19).
7. Ebenso werden wir es vermeiden, irgendjemandes Eitelkeit zu schmeicheln oder ihr gar Vorschub zu leisten, wenn es darum geht, für Spenden zu danken, um Spenden zu bitten oder aus irgendeinem anderen Grund. Wir werden unsere Gläubigen darum bitten, ihre Spendengaben als üblichen Bestandteil in Gottesdienst, Apostolat und sozialer Tätigkeit anzusehen (Vgl. Mt 6, 2-4; Lk 15,9-13; 2 Kor 12,4).
8. Für den apostolisch-pastoralen Dienst an den wirtschaftlich Bedrängten, Benachteiligten oder Unterentwickelten werden wir alles zur Verfügung stellen, was notwendig ist an Zeit, Gedanken und Überlegungen, Mitempfinden oder materiellen Mitteln, ohne dadurch anderen Menschen und Gruppen in der Diözese zu schaden.
Alle Laien, Ordensleute, Diakone und Priester, die der Herr dazu ruft, ihr Leben und ihre Arbeit mit den Armgehaltenen und Arbeitern zu teilen und so das Evangelium zu verkünden, werden wir unterstützen. (vgl. Lk 4,18f.; Mk 6,4; Mt 11,45; Apg 18,3-4; 20,33-35; 1 Kor 4,12; 9,1-27)
9. Im Bewusstsein der Verpflichtung zu Gerechtigkeit und Liebe sowie ihres Zusammenhangs werden wir daran gehen, die Werke der “Wohltätigkeit” in soziale Werke umzuwandeln, die sich auf Gerechtigkeit und Liebe gründen und alle Frauen und Männer gleichermaßen im Blick haben. Damit wollen wir den zuständigen staatlichen Stellen einen bescheidenen Dienst erweisen (Vgl. Mt 25, 31-46; Lk 13,12-14 und 33f.)
10. Wir werden alles dafür tun, dass die Verantwortlichen unserer Regierung und unserer öffentlichen Dienste solche Gesetze, Strukturen und gesellschaftlichen Institutionen schaffen und wirksam werden lassen, die für Gerechtigkeit, Gleichheit und gesamtmenschliche harmonische Entwicklung jedes Menschen und aller Menschen notwendig sind. Dadurch soll eine neue Gesellschaftsordnung entstehen, die der Würde der Menschen- und Gotteskinder entspricht (Vgl. Apg 2,44f; 4,32-35; 5,4; 2 Kor 8 und 9; 1 Tim 5,16).
11. Weil die Kollegialität der Bischöfe dann dem Evangelium am besten entspricht, wenn sie sich gemeinschaftlich im Dienst an der Mehrheit der Menschen – zwei Drittel der Menschheit – verwirklicht, die körperlich, kulturell und moralisch im Elend leben, verpflichten wir uns:
• Gemeinsam mit den Episkopaten der armen Nationen dringliche Projekte zu verwirklichen, entsprechend unseren Möglichkeiten.
• Auch auf der Ebene der internationalen Organisationen das Evangelium zu bezeugen, wie es Papst Paul VI. vor den Vereinten Nationen tat, und gemeinsam dafür einzutreten, dass wirtschaftliche und kulturelle Strukturen geschaffen werden, die der verarmten Mehrheit der Menschen einen Ausweg aus dem Elend ermöglichen, statt in einer immer reicher werdenden Welt ganze Nationen verarmen zu lassen.
12. In pastoraler Liebe verpflichten wir uns, das Leben mit unseren Geschwistern in Christus zu teilen, mit allen Priestern, Ordensleuten und Laien, damit unser Amt ein wirklicher Dienst werde. In diesem Sinne werden wir
•gemeinsam mit ihnen “unser Leben ständig kritisch prüfen;
• sie als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verstehen, so dass wir vom Heiligen Geist inspirierte Animateure werden, statt Chefs nach Art dieser Welt zu sein.
• uns darum mühen, menschlich präsent, offen und zugänglich zu werden.
• uns allen Menschen gegenüber offen erweisen, gleich welcher Religion sie sein mögen (vgl. Mk 8,34f.; Apg 6,1-7; 1 Tim 3,8-10).
13. Nach der Rückkehr in unsere Diözesen, werden wir unseren Diözesanen diese Verpflichtungen bekanntmachen und sie darum bitten, uns durch ihr Verständnis, ihre Mitarbeit und ihr Gebet behilflich zu sein.
Gott helfe uns, unseren Vorsätzen treu zu bleiben.

Sind dies nicht die Ideale, die Papst Franziskus uns vorlebt?

Leonardo Boff
16.07.2014

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Fußball als universale säkulare Religion

Die zurzeit in Brasilien stattfindende Fußball-Weltmeisterschaft sowie andere große Fußball-Ereignisse nehmen allmählich religiöse Züge an. Im Leben von Millionen von Menschen hat Fußball, die vermutlich weltweit am meisten verbreitete Sportart, den Platz eingenommen, der früher der Religion zukam. Manche Religionswissenschaftler wie Emil Durkheim und Lucien Goldmann, um nur zwei der maßgeblichsten zu nennen, sagen, es handele sich bei Religion nicht um ein System von Vorstellungen, sondern vor allem um „ein System von Kräften, das Menschen dazu mobilisiert, sich zur höchsten Begeisterung aufzuschwingen“ (Durkheim). Glaube wird immer mit Religion assoziiert. Weiterhin heißt es in dem berühmten Buch desselben klassischen Soziologen „Die elementaren Formen religiösen Lebens“: Glaube ist vor allem Wärme, Leben, Enthusiasmus, Begeisterung des spirituellen Lebens, Erhebung des Individuums über sich selbst hinaus“ (S. 607). Und Lucien Goldmann, Religionssoziologe und Pascalscher Marxist, schlussfolgert: „Glauben heißt beteuern, dass Leben und Geschichte einen Sinn ergeben; Absurdität existiert zwar, doch sie dominiert nicht.“

Daher verkörpert Fußball für viele Menschen religiöse Charakterzüge: Glaube, Enthusiasmus, Wärme, Begeisterung, ein Kräftefeld und ein andauerndes Vertrauen darin, dass das eigene Team gewinnen wird.

Die Eröffnungszeremonie der Spiele erinnert uns an eine große religiöse Zelebration voller Verehrung, Respekt, Stille, gefolgt von lautem Applaus und begeisterten Rufen; ausgefeilte Rituale mit Musik und szenischen Darstellungen der verschiedenen im Land verbreiteten Kulturen; Präsentation der Symbole des Fußballs (die Standarten und Flaggen), insbesondere der Pokal, der als wahrhaft sakraler Kelch fungiert, ein von allen angestrebter Heiliger Gral. Und dann gibt es noch, mit allem Respekt, den Ball, der als eine Art Hostie fungiert, die unter allen geteilt wird.

Im Fußball wie in der Religion, wenn wir den Katholizismus als Bezugspunkt wählen, gibt es elf Apostel (Judas zählt nicht), welche die elf Fußballspieler sind, die gesandt wurden, ein Land zu repräsentieren; die als Heilige Verehrten wie Pelé, Garrincha, Beckenbauer u. a.; es gibt auch einen Papst, den Präsidenten der FIFA, der mit nahezu unfehlbarer Gewalt ausgestattet ist. Er tritt auf umgeben von Kardinälen, die die technische Kommission bilden, die für das Ereignis verantwortlich ist. Darauf folgen die Erzbischöfe und Bischöfe, die nationalen Koordinatoren des Pokals. Dann gibt es eine Priesterkaste: die Trainer, Träger spezieller sakramentaler Macht, die Spieler ernennen, bestätigen und vom Platz holen können. Anschließend kommen die Diakone, die die Richterschaft stellen, die theologischen Lehrmeister des rechten Glaubens, d. h. der Spielregeln, die die konkrete Aufgabe haben, das Spiel zu leiten. Schließlich kommen die Ministranten, die Linienrichter, die den Diakonen assistieren.

Der Verlauf eines Spiels ruft gewissen Phänomene hervor, die auch in der Religion auftreten: kurze Gebete (Refrains) werden gesungen, Menschen vergießen emotionsgeladene Tränen, beten, Gelübde werden abgelegt (Felipe Scolari, der brasilianische Trainer, legte ein Gelübde ab, ca. 20 km zum Heiligtum Unserer Lieben Frau von Caravaggio in Farroupilha zu pilgern, sollte Brasilien die diesjährige Weltmeisterschaft gewinnen), Amulette und andere Symbole der diversen Ausprägungen der brasilianischen Religiosität sind in Gebrauch. Machtvolle Heilige, Orixás (Personifizierung oder Vergötterung der Natur im Rahmen afro-brasilianischer religiöser Handlungen; Anm. d. Ü.) und die Energie aus dem Axé (Musikrichtung afro-amerikanischen Ursprungs, ursprünglich aus Salvador da Bahia und heute in ganz Brasilien verbreitet; Anm. d. Ü.) werden angerufen und erfleht.

Es gibt sogar eine Heilige Inquisition, das Betreuerteam, dessen Aufgabe darin besteht, den rechten Glauben zu bewahren, Konflikte bei der Interpretation zu lösen und u. U. Spieler und sogar ganze Teams zu bestrafen oder gerichtlich gegen sie vorzugehen.

Wie in Religionen und Kirchen gibt es Orden und religiöse Kongregationen, es gibt sogar „organisierte Fans“. Sie haben ihre Riten, ihre Lobgesänge und ihren Ethos.

Ganze Familien kommen, um in der Nähe des Clubhauses ihrer Mannschaft zu leben, das als wahrhafte Kirche fungiert, in der sich die Gläubigen versammeln und wo sie ihre Träume miteinander teilen. Sie tätowieren ihre Körper mit den Symbolen ihrer Mannschaft, und wenn ein Kind zur Welt kommt, wird es mit den Symbolen der Mannschaft geschmückt, d. h. es empfängt eine Taufe, von der es niemals abfallen soll.

Ich halte es für sinnvoll, Glauben so zu verstehen, wie in der Wette, die der große christliche Philosoph und Mathematiker Blaise Pascal einst abschloss: Wenn du sagst, Gott existiert, so hast du nur zu gewinnen; sollte es Gott doch nicht geben, so hast du zumindest nichts verloren. Also ist es besser zu wetten, dass Gott existiert. Der Fußball-Fan lebt von Wetten (die sich vor allem in Sport-Lotterien oder im Fußballtoto zeigen), dass das Glück seiner Lieblingsmannschaft hold ist oder dass in der letzten Spielminute noch etwas geschieht, das alles verändert und dass schließlich seine Mannschaft gewinnt, ganz gleich, wie stark der Gegner auch ist. So wie in der Religion manche Menschen verehrt werden, geschieht das Gleiche mit den Fußball-Stars.

In der Religion treffen wir auch auf die Krankheit des Fanatismus, der Intoleranz und der Gewalt gegen andere religiöse Ausprägungen; ebenso ist es beim Fußball: Fangruppen eines Teams attackieren die Gruppe des gegnerischen Teams. Busse werden mit Steinen beworfen und es kann, wie wir wissen, zu kriminellen Handlungen kommen, bei denen organisierte Fans und Fanatiker die Anhänger des anderen Teams verwunden und sogar umbringen.

Für viele ist Fußball zu einer Weltanschauung geworden, eine Weise, die Welt zu verstehen und dem Leben einen Sinn zu verleihen. Solche Menschen leiden daran, wenn ihr Team verliert, und schweben in Euphorie, wenn es gewinnt.

Ich persönlich schätze den Fußball aus der Distanz, und zwar aus einem einfachen Grund: Mit vier Prothesen in den Knien und Oberschenkeln könnte ich niemals so rennen, springen und mich strecken. Die Fußballspieler vollbringen, wozu ich niemals in der Lage wäre, ohne dabei hinzufallen und mir etwas zu brechen. Unter den Fußballspielern gibt es wunderbare Künstler an Kreativität und Begabung. Nicht ohne Grund mochte der größte Philosoph des 20. Jahrhunderts, Martin Heidegger, kein einziges wichtiges Spiel verpassen, denn im Fußball sah er die Konkretisierung seiner Philosophie: den Wettkampf zwischen Sein und Wesen, die miteinander konfrontiert werden, sich gegenseitig leugnen, sich zusammenfügen und sich im unvorhersehbaren Spiel des Lebens engagieren, das wir alle spielen.

Leonardo Boff
07.07.2014

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Rose Marie Muraro: die Geschichte einer unmöglichen Frau

Am 21. Juni endete in Rio de Janeiro die irdische Pilgerreise einer der bedeutendsten Brasilianerinnen des 20. Jahrhunderts: Rose Marie Muraro (1930-2014). Sie kam fast blind zur Welt, doch sie verwandelte dieses Manko zur großen Herausforderung ihres Lebens. Schon bald wurde ihr intuitiv bewusst, dass nur das Unmögliche die Türen zu Neuem öffnet; dass nur das Unmögliche Neues schaffen kann. Dies schrieb sie in ihrem Buch Memoiren einer unmöglichen Frau (Memorias de una mujer imposible, 1999, S. 35). Mit stark eingeschränktem Sehvermögen studierte sie Physik und Ökonomie. Doch schon bald darauf entdeckte sie ihre intellektuelle Berufung als Studentin der Conditio Humana, insbesondere der Conditio der Frauen. In den späten 1960er Jahren warf sie die polemische Geschlechterfrage auf. Sie beschränkte sich nicht auf die ungleiche Machtbeziehung zwischen Mann und Frau, sondern sie prangerte die unterdrückerischen Beziehung in Kultur, Wissenschaften, philosophischen Strömungen, Institutionen, Staat und Wirtschaftssystem an. Schließlich erkannte sie, dass die Wurzel dieses Systems, das sowohl Frauen wie Männer entmenschlicht, im Patriarchat liegt.

Sie durchlief in ihrem eigenen Leben einen eindrucksvollen Befreiungsprozess, von dem sie in ihrem Buch „Als ich sechs Monate lang ein Mann war“ (Os seis meses em que fui home, 6. Auflage 1990) berichtete. Doch war das vielleicht bedeutendste Werk der Rose Marie Muraro „Die Sexualität der brasilianischen Frau: Körper und Gesellschaftsschicht in Brasilien“ (Sexualidade da Mulher Brasileira: corpo e classe social no Brasil“, 1996). Es geht darin um eine Feldforschung, die in mehreren brasilianischen Bundesstaaten durchgeführt wurde und in der analysiert wurde, wie Sexualität gelebt wird vor dem Hintergrund der Klassenzugehörigkeit der Frauen. Dies war von den Gründungsvätern der Psychoanalyse außer Acht gelassen worden. In diesem Bereich war Rose innovativ, denn sie schuf ein theoretisches Gerüst, das zu einem besseren Verständnis der Körpererfahrung und Sexualität entsprechend der sozialen Schicht verhilft. Welche Art von Individuationsprozess kann eine verhungernde Frau durchlaufen, die ihrem Kind Blut von ihrem eigenen Körper gibt, damit es nicht stirbt?

Ich arbeitete 17 Jahre lang mit Rose als Herausgeber des Verlags Vozes: Sie war für den wissenschaftlichen Bereich verantwortlich und ich für den religiösen Bereich. Selbst unter der strengen Kontrolle durch das unterdrückerische Militär brachte Rose den Mut auf, sich damals auf dem Index befindliche Autoren zu verlegen, wie Darcy Ribeiro, Fernando Henrique Cardoso, Paulo Freire, die CEBRAP Notizen u. a. Nach Jahren gemeinsamer Diskussionen und Forschungen trugen wir unsere Gespräche in einem Buch zusammen, das ich als bedeutend erachte: „Frauen und Männer: Ein neues Bewusstsein, den Unterschieden zu begegnen“ (Feminino & Masculino: uma nova consciência para o encontro das diferenças“ 2010). Ich erwähne hier nur einen ihrer Sätze: „Einen Mann auszubilden heißt, ein Individuum auszubilden, doch eine Frau auszubilden heißt, eine Gesellschaft auszubilden.

Ohne jemals die Frage nach dem Weiblichen (in Mann und Frau) außer Acht zu lassen, wendete sie ihre Aufmerksamkeit den Herausforderungen von Wissenschaft und moderner Technologie zu. Bereits 1969 veröffentlichte sie „Automatisierung und die Zukunft des Menschen“ (Autonomação e o futuro do home), wo sie die Verschlechterung für die Arbeitswelt voraussah.

Die Wirtschaftsfinanzkrise von 2008 führte sie dazu, die Frage nach Kapital und Geld zu stellen. In ihrem Buch „Neuerfindung von Kapital/Geld“ (Reinventando o capital/dinheiro, Idéias e Letras 2012) betont sie, im Gegensatz zur dominierenden kapitalistischen Wirtschaft, die Relevanz der sozialen und komplementären Währungen und der solidarischen Netzwerke, die durch gegenseitigen Tausch den weniger Vermögenden ermöglichen, für ihren Lebensunterhalt aufzukommen.

Ein weiteres bedeutendes Werk voller Wissen, Daten und kulturellen Überlegungen trägt den Titel „Technologische Fortschritte und die Zukunft der Menschheit: Wollen wir sein wie Gott?“ (Os avanços tecnológicos e o futuro da humanidade: querendo ser Deus? Vozes 2009). In diesem Werk wagt sie die Konfrontation mit den führenden Wissenschaften: Nano-Technologie, Robotik, Gentechnik und synthetische Biologie. Sie erkennt die Vorteile dieser Wissenschaften, denn sie ist nicht rückwärts gerichtet, doch dadurch, dass sie in einer Gesellschaft lebte, die alles, einschließlich des Lebens, zu einer Handelsware macht, erkannte sie ein großes Risiko, dass Wissenschaftler göttliche Macht ausüben wollten und ihr Wissen nutzen wollten, um die menschliche Spezies umzugestalten. Daher der Titel „Wollen wir sein wie Gott?“ Dies ist die traurige Illusion der Wissenschaftler. Was uns retten wird, ist nicht die neue technologische Revolution, sondern, wie Rose sagt, eine „Revolution der Nachhaltigkeit ist die einzige, die die menschliche Spezies vor ihrer Zerstörung retten kann … denn wenn wir weitermachen wie bisher, werden wir uns nicht in einem Gewinner-Verlierer-Spiel befinden, sondern in einem schrecklichen Verlierer-Verlierer-Spiel, das zur Zerstörung unserer Spezies führen wird, in der wir alle Verlierer sein werden.“ (Neuerfindung von Kapital/Geld, S. 238).

Rose verfügte über einen sehr scharfen Sinn für die Welt: Sie litt an den globalen Dramen und feierte die wenigen Fortschritte. In späteren Zeiten sah sie dunkle Wolken über unserem ganzen Planeten, die unsere Zukunft bedrohen würden. Sie war sehr beschäftigt mit der Suche nach rettenden Alternativen, als sie starb. Als eine tiefgläubige und spirituelle Frau träumte sie von der Kapazität des Menschen, die auf uns zukommende Tragödie in eine reinigende Krise zu verwandeln, die den Weg erhellt, auf dem sich die Gesellschaft mit der Natur und mit Mutter Erde wieder versöhnt. Sie beendet ihr Buch Technologische Fortschritte mit folgender Aussage voller Weisheit: „Wenn wir aufhören, Götter zu sein, können wir voll und ganz Mensch sein; selbst wenn wir noch nicht so genau wissen, was das bedeutet; wir haben es immer nur ahnen können“ (S. 354).

Die brasilianische Präsidentin ernannte Rose Marie Muraro am 30. Dezember 2005 offiziell zur Patronin des brasilianischen Feminismus. Mit der Gründung der kulturellen Rose Marie Muraro Stiftung im Jahr 2009 hinterlässt sie ein reiches humanistisches Erbe für die kommenden Generationen. Rose Marie Muraro zeigte mit ihrer persönlichen Geschichte, dass das Unmögliche keine Einschränkung sein muss, sondern eine Herausforderung. Ihr Name ist eingetragen in der Linie der großen archetypischen Frauen, die der Menschheit halfen, die Flamme der Achtsamkeit für alles Existierende und Lebendige am Brennen zu halten. Dieses Bestreben hat sie unsterblich gemacht.

Leonardo Boff
02.07.2014

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Wer Brasilien im In- und Ausland beschämt

Es ist ein Bestandteil der heutigen Fußballkultur, dass manche Fußballspieler und Schiedsrichter ausgebuht werden sowie etwaige anwesende Regierungsmitglieder. Doch was hier an Beleidigungen, Flüchen und Obszönitäten auch von Kindern gehört werden konnte, hat es im brasilianischen Fußball bisher noch nicht gegeben. Sie richteten sich an die höchste Autorität des Landes, Präsidentin Dilma Roussef, die sich im hinteren Bereich der offiziellen Tribüne befand.

Diese beschämenden Beleidigungen konnten nur von der Klasse der Leute stammen, die im Land immer noch anzutreffen ist, nämlich den „Weißesten der A-Klasse, die sich durch einen Mangel an Erziehung und eine sexistische Haltung auszeichnen“, wie die Soziologin Ana Thurler vom Zentrum für feministische Forschung kommentiert.

Wer sich etwas mit der Geschichte Brasiliens auskennt oder Gilberto Freyre, José Honorio Rodrigues und Sérgio Buarque de Hollanda gelesen hat, kann diese Gruppen sofort identifizieren. Es handelt sich um Teile unserer Elite, die weltweit konservativste, die weit hinter dem globalen Zivilisationprozess zurückbleibt, wie Darcy Ribeiro sie gewöhnlich bezeichnete; Eliten die vor 500 Jahren an den Hebeln des Staates saßen und gierig von diesem profitierten, während sie den Bürgern und Bürgerinnen deren Rechte verwehrten, um sich ihre Privilegien zu sichern. Diesen Eliten ist es immer noch nicht gelungen, das Große Haus aus dem Kopf zu bekommen, das sich ihnen eingeprägt hat, noch haben sie den Pranger vergessen, an dem die schwarzen Sklaven geschlagen wurden. Nicht nur ihre Münder sind schmutzig, nein, sie sind schmutzig, weil ihre Gedanken schmutzig sind. Sie sind antiquiert und befinden sich immer noch in den Paradigmen der Vergangenheit, als sie ein Leben in Luxus und Geltungskonsum führten wie zur Zeit der Renaissancefürsten.

In der harschen Sprache des Capistrano de Abreu, unserem bekanntesten Historiker, der selbst Mulatte ist, hat die Mehrheit der Elite schon immer das brasilianische Volk „immer wieder kastriert und ausbluten lassen“. Und das tun sie noch heute. Ohne einen Sinn für Grenzen und voller Arroganz meinen sie, jegliche Beleidigung herausschreien und sich respektlos den Autoritäten gegenüber verhalten zu können.

Das Geschehene zeigte den Brasilianern und der Welt, welche Art von Elite es noch immer in Brasilien gibt. Sie beschämten uns im In- und Ausland. Das Volk ist nicht unwissend, ungebildet oder schamlos, wie es oft von ihnen behauptet wird. Wenn hier jemand schamlos, ungehobelt, ungebildet und unwissend ist, dann sind es diejenigen, die so etwas vom das Volk behaupten. Dies sind zumeist die selbständigen Reichen, die von Finanzspekulation leben und Abermillionen Dollar im Ausland, in ausländischen Banken oder Steueroasen haben.

Präsidentin Dilma brachte dies schön zum Ausdruck: „Das Volk handelt nicht so; das Volk ist zivilisiert und äußerst großzügig und gebildet.“ Das Volk mag schon einmal jemanden ausbuhen, und viele tun das. Doch das Volk beleidigt nicht eine Frau mit chauvinistischen und dreisten Ausdrücken, insbesondere nicht die Frau, die das höchste Amt des Landes innehat. Voll Ernsthaftigkeit und einem spürbaren Sinn für Würde antwortete Dilma diesen ungehobelten Gruppen: „Ich habe schier unerträgliche physische Gewalt ertragen, und nichts konnte mich von meinem Weg abbringen.“ Sie nahm damit Bezug auf die Folter, die sie durch die Diener des Staatsterrors ertragen musste, der seit 1968 in Brasilien herrschte. In der Rede, die sie später im Fernsehen hielt, stellte sie unter Beweis, dass nichts sie von ihrem Kurs abbringen oder sie schrecken kann, denn sie lebt für andere Werte und strebt danach, der Größe unseres Landes gewachsen zu sein.

Diese beschämende Tat wurde von der Mehrheit der Analysten und von denen, die öffentlich auftreten, zurückgewiesen. Allerdings war die Reaktion ihrer beider Stellvertreter im Amt erbärmlich. Sie benutzten fast dieselben Ausdrucksweisen und waren auf einer Linie mit den groben elitären Gruppen. „Sie erntet, was sie säte“, sagte einer. Ein anderer meinte, sie verdiene die Beleidigungen, die man ihr an den Kopf wirft. Nur Kleingeister und solche, denen der Sinn für Würde abgeht, können so reagieren. Und das sind diejenigen, die das Schicksal des Landes in die Hände nehmen wollen. Mit einer solchen Einstellung! Wir sind den mittelmäßigen Regierungsstil leid, der nur weiterhin wie Hühner am Boden scharrt und nicht in der Lage ist, wie ein Adler die Flügel auszubreiten und sich in die Höhe zu schwingen, wie wir es gemäß der Größe unseres Landes verdienen.

Ein Freund aus München, der gut Portugiesisch versteht, war von den Beleidigungen erschüttert und sagte: “Nicht einmal zu Nazizeiten wurden Autoritäten auf diese Weise beleidigt.” Vielleicht kennt er nicht die Geschichte, die wir durchleben mussten, die Art von elitistischen Gruppen, die weiterhin dominieren, und die anmaßende Weise, wie sie sich Gehör verschaffen. Sie sind die Hauptverantwortlichen dafür, dass wir sozial, kulturell und ethisch unterentwickelt sind. Sie beschämen uns in einer Weise, die wir wirklich nicht verdienen.

Leonardo Boff
24.06.2014

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Erneuerung unseres natürlichen Vertrages mit der Erde

Bis zum heutigen Tag bestand der Traum des Weißen Mannes aus dem Abendland darin, die Erde zu beherrschen und sich alle anderen Lebewesen zu unterwerfen, um daraus grenzenlosen Profit zu ziehen. Dieser Traum hat sich durch die Globalisierung weltweit ausgebreitet und ist nun, vierhundert Jahre später, zu einem Alptraum geworden. Die Apokalypse kann heute mehr denn je durch uns ausgelöst werden, wie der bedeutende Historiker Arnold Toynbee vor seinem Tode schrieb.

Aus diesem Grund müssen wir unsere Menschlichkeit und Zivilisation durch eine anders gelagerte Beziehung mit der Erde neu erfinden, sodass die Erde nachhaltig werden kann, d. h. damit die Bedingungen für die Aufrechterhaltung und Reproduktion erfüllt werden, um das Leben unseres Planeten zu erhalten. Dies wird nur möglich sein, wenn wir den natürlichen Vertrag mit der Erde wieder ernst nehmen und wenn wir bedenken, dass alle Lebewesen, die Träger desselben genetischen Codes sind wie wir, die große Lebensgemeinschaft auf der Erde bilden. Jedes Wesen besitzt einen intrinsischen Wert und ist daher mit Rechten ausgestattet.

Alle Verträge gehen von Gegenseitigkeit aus, von wechselseitigem Austausch und der Anerkennung der Rechte beider Parteien. Von der Erde erhalten wir alles: Leben und alles, was wir zum Leben brauchen. Im Gegenzug haben wir im Namen des natürlichen Vertrages die Pflicht zur Dankbarkeit, zur Gegenseitigkeit und Achtsamkeit, sodass die Erde ihre Lebenskraft erhalten und das tun kann, was sie schon immer für uns alle tat. Doch wir brachen diesen Vertrag vor langer Zeit.

Um diesen natürlichen Vertrag zu erneuern, müssen wir wie der Verlorene Sohn aus dem Gleichnis Jesu handeln. Wir müssen wieder zur Erde zurückkehren, zu unserem Gemeinsamen Haus, und um Vergebung bitten. Vergebung setzt einen Wandel in unserem Verhalten voraus, in Bezug auf den Respekt und die Achtsamkeit, die die Erde verdient. Die Erde ist unsere Mutter, die Pacha-Mama des Anden-Volks und die Gaia der modernen Menschen. Wenn wir diese Verbindung nicht wiederherstellen, wird es für uns schwierig werden zu überleben. Möglicherweise wird die Erde uns nicht mehr auf sich dulden wollen. Deshalb ist Nachhaltigkeit hier und jetzt so essentiell. Entweder kann diese sich durchsetzen, oder wir werden zu Zeugen einer Tragödie für das Lebenssystem und die menschliche Spezies.

Schon immer haben wir den natürlichen Vertrag gebrochen, und dennoch sendet uns Mutter Erde immer noch positive Zeichen. Trotz der Erderwärmung und des Schwindens der Artenvielfalt scheint noch immer die Sonne, singt die sabia, die brasilianische Drossel, jeden Morgen, lächeln die Blumen alle Passanten an, gleiten die Kolibris über die Knospen der Lilien, werden immer noch Kinder geboren und bestätigen uns, dass Gott noch immer an die Menschheit glaubt und dass sie eine Zukunft hat.

Die Erneuerung des natürlichen Vertrags impliziert, dass die Vision und die Werte aufrecht erhalten werden, die in der Rede des Indianerhäuptlings Seattle, dem Stammesoberhaupt der Duwamish, zum Ausdruck gebracht wurden, welche er im Jahr 1856 in Gegenwart von Isaac Stevens hielt, dem Gouverneur des Washingtoner Territoriums:

„Einer Sache sind wir gewiss: die Erde gehört nicht dem Menschen. Der Mensch gehört zur Erde. Alle Dinge sind miteinander verbunden. Was der Erde schadet, schadet auch den Söhnen und Töchtern von Mutter Erde. Der Mensch schuf nicht den Stoff des Lebens; er ist nur ein Faden darin. Alles, was der Mensch diesem Stoff antut, tut er sich selbst an. … Wir könnten die Absichten des Weißen Mannes verstehen, würden wir seine Träume kennen, wüssten wir von seinen Hoffnungen, die er seinen Söhnen und Töchtern in den langen Winternächten weitergibt, und welche Visionen für der Zukunft er ihnen vorstellt, sodass sie Träume für morgen daraus weben können.“

Am 22. April 2009 akzeptierte die Versammlung der Vereinten Nationen nach langen und komplizierten Verhandlungen einstimmig die Vorstellung, dass die Erde eine Mutter ist. Diese Aussage ist bedeutungsschwer. Die Erde kann als Grund und Boden abgetragen, benutzt, ge- und verkauft werden. Die Erde als Mutter kann weder ver- noch gekauft werden, sondern nur geliebt, respektiert und geachtet, so wie wie es mit Müttern zu tun pflegen. Ein solches Verhalten wird den natürlichen Vertrag bekräftigen, der für die Nachhaltigkeit unseres Planeten sorgen wird, denn es stellt die gegenseitige Beziehung wieder her.

Der Präsident Boliviens, Evo Morales Ayma, der aus einer indigenen Aymara-Familie stammt, betont immer wieder, dass das 21. Jahrhundert das Jahrhundert der Rechte von Mutter Erde, der Natur und aller Lebewesen sein wird. In seinem Beitrag zur Sitzung der UN Versammlung am 22. April 2009, bei der auch ich mit einer Rede über die theoretische Begründung, warum die Erde eine Mutter ist, teilnahm, zählte er prägnant einige der Rechte von Mutter Erde auf:

- das Recht auf Erneuerung der Lebensfähigkeit von Mutter Erde,
– das Lebensrecht aller Lebewesen, insbesondere derer, die vom Aussterben bedroht sind,
– das Recht auf ein Leben in Reinheit, denn Mutter Erde hat das Recht auf ein Leben ohne Kontaminierung und Verschmutzung,
– das Recht aller Bürgerinnen und Bürger auf ein gutes Leben,
– das Recht, mit allen Dingen in Einklang und Gleichgewicht zu leben,
– das Recht auf die Verbindung mit dem Ganzen, dessen Teil wir sind.

Diese Vision ermöglicht uns, den natürlichen Vertrag mit der Erde zu erneuern, der, in Verbindung mit dem sozialen Vertrag unter ihren Bürgerinnen und Bürgern, schließlich die Nachhaltigkeit des Planeten verstärken wird.

Für die indigenen Völker ist eine solche Haltung selbstverständlich. Wir haben in dem Maß, in dem wir die Verbindung zur Natur verloren haben, ebenso das Bewusstsein für die Beziehung von Wissen und Dankbarkeit der Erde gegenüber verloren. Daher ist es so wichtig, dass wir uns intensiver mit diesen Völkern befassen und von ihnen lernen, der Erde den Respekt und die Verehrung zukommen zu lassen, die sie verdient.

Leonardo Boff
16.06.2014

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