Wenn die Große Drangsal einsetzt, wird die Erde endlich zur wohlverdienten Ruhe kommen

Die Überlegungen von Waldemar Boff*, der mit Kleinbauern in der Nähe des Flusses Surui in Baixade Fluminense (Brasilien) ökologische Landwirtschaft betreibt, erscheinen mir sehr passend.

Er schreibt:

“Niemand kennt mit Gewissheit den Tag noch die Stunde. Das liegt daran, dass wir uns, fast ohne es zu bemerken, schon mitten darin befinden. Doch es nähert sich mit wachsender Intensität und Klarheit. Wenn die große Katastrophe geschieht, wird sie uns wie ein unerwartetes Ereignis erscheinen.

Obwohl es sichere Daten gibt, die hinweisen auf die unvermeidlichen globalen Veränderungen infolge des Klimawandels mit Konsequenzen, die die Wissenschaftler noch zu erfassen versuchen und die sich sicherlich noch verschlimmern werden, lassen sich die Industrienationen und ihre Regierungen durch ihre wirtschaftlichen Interessen und ihre mangelnde Weitsicht davon abhalten, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um die Auswirkungen zu lindern und ihren Lebensstil an den fieberhaften Zustand der Erde anzupassen.

Wir können uns ein plausibles Szenario vorstellen, in dem Orkane ganze Regionen auslöschen werden. Gigantische Wellen werden Städte und Zivilisationen überschwemmen und sie an den Füßen von Bergen ihrem Tod überlassen. Ausgedehnte Dürreperioden werden dazu führen, dass alle Reichtümer der Welt gegen ein Glas schmutziges Wasser getauscht werden. Extreme Hitze und Kälte werden uns sehnsüchtig an die Erzählungen unserer Großmütter über nachmittägliche Brisen und abendliche Herdfeuer im Winter denken lassen, die stets vorhersehbar waren, sowie über Früchte, die in der Sommersonne heranreifen konnten. Die Menschen werden dann nur noch essen, um überleben zu können, und ihre Speisen werden von zweifelhaftem Geschmack sein.

Doch das wird noch nicht das Schlimmste sein. Die spindeldürre Mutter wird nicht in der Lage sein, ihre Tochter zu begraben, und der Enkel wird seinen Großvater für eine Brotkrume umbringen. Hunde und Katzen, des Menschen Freunde, werden überall als letzte Möglichkeit, den Hunger zu stillen, begehrt sein. Die Lebenden werden die Toten beneiden, und niemand mehr wird über den Tod von Kindern klagen. Hunger wird sich so weit ausgebreitet haben, dass, wie im besetzten Jerusalem, die Hungernden auf das nächste Hungertodopfer warten, um dessen schlaffes Fleisch zu essen.

„Euer Land wird zur Wüste und eure Städte werden zu Ruinen. … Dann hat das Land Ruhe und erhält Ersatz für seine Sabbate. Während der ganzen Zeit der Verwüstung hat es Sabbatruhe, die es an euren Sabbaten nicht hatte, als ihr noch darin wohntet.“ (Lev. 26,33-35)

Doch wird dies das Ende der ganzen Biosphäre sein? Nein. Für die Gerechten und Besonnenen wird Gott diese Tage abkürzen und nicht alles Leben auf Erden zerstören und damit sein Versprechen halten, das er unserem Vater Noah einst gab. Doch es ist notwendig, dass der Mensch durch diese Drangsal geht, um von seinem Egoismus zu erwachen und um zu erkennen, dass er Teil der Lebensgemeinschaft ist und deren hauptverantwortlicher Hüter.

Was können wir tun, um uns auf solche Zeiten vorzubereiten? Zuerst einmal müssen wir erkennen, dass wir bereits in diesen Zeiten leben. Wir wissen schon nicht mehr, wann Frühling und Herbst beginnen. Noch weniger können wir uns darauf verlassen, dass es warme und kalte Monate gibt. Wir wissen nicht mehr, wann es Regen oder Sonne gibt. Ebenso ist es wichtig, still zu werden, wachsam und aufmerksam und nach den Zeichen Ausschau zu halten, die die Beschleunigung des Wandlungsprozesses angeben. Und vor allem müssen wir umkehren, unsere Lebensgewohnheiten ändern, uns einer persönlichen Veränderung unterziehen, und zwar zutiefst und endgültig. Nur so werden wir die moralischen Bedingungen erfüllen, dies auch von anderen verlangen zu können. Doch wie schon zu Zeiten der Propheten werden nur wenige darauf hören, einige werden sich darüber lustig machen, und die meisten werden gleichgültig bleiben und sich alle Arten von Freiheiten wie zu Noahs Zeiten herausnehmen.

Wir sollten auch zu unseren Wurzeln zurückkehren, um einen Neubeginn zu machen, wie es die reuevolle Menschheit so oft getan hat, und erkennen, dass wir nur Geschöpfe sind, nicht die Schöpfer, dass wir untereinander Kameraden sind, nicht die Herren der Natur; dass wir uns notwendigerweise den großen Gesetzen des Lebens unterwerfen und aufmerksam auf die Stimme unseres Gewissens hören müssen, um glücklich zu sein. Wenn wir diese wesentlichen Gesetze befolgen, werden wir die Früchte der Erde ernten sowie die Freude unserer Seele. Befolgen wir sie jedoch nicht, so werden wir eine Zivilisation erben wie diese, in der wir gerade leben, voll Gier, Krieg und Trauer.

Für die kommenden, von Knappheit geprägten Zeiten müssen wir die althergebrachten Künste und Techniken wiedererlangen: pflanzen, aufbewahren, essen; für die Tiere sorgen und ihnen mit Respekt begegnen; Geräte und Eisenwaren mithilfe von lokaler Kunst und örtlichem Handwerk herstellen; Heilkräuter und nahrhafte Körner sammeln und pflanzen; Material zum Weben aufbewahren; Wasserquellen schützen, die richtigen Orte finden, um Brunnen zu graben, und lernen, wie man Regenwasser aufbewahrt. Wir müssen zu einer Ökonomie der Knappheit, der gemeinsamen Genügsamkeit und der blanken Schönheit kommen. Aus diesem zurückerlangten und bereicherten Wissen wird eine Zivilisation der Zufriedenheit erwachsen, eine Bio-Zivilisation der Erde guter Hoffnung.

Nach dieser tränenreichen und hoffnungsvollen Zeit werden wir die dummen Religionskriege, diese unerträglichen Streitereien um Götter, überwunden haben. Jenseits von Propheten und Traditionen, über Moralvorstellungen und Liturgien hinaus werden wir vielleicht wieder darauf zurückkommen, unter den vielfältigen Namen und Formen den einen, einzigen Schöpfer aller Dinge und Vater/Mutter allen Lebens in dem großen Geist verehren, der uns alle vereint und inspiriert, uns liebend in einer einzigen universellen Geschwisterlichkeit miteinander verbindet. Und wir werden schließlich in der Lage sein, alle Völker der Welt zu vereinen und ein wahres Parlament aller Religionen zu organisieren.“

*Waldemar Boff, in den USA diplomierter Philosoph und Soziologe, arbeitet mit dem SEOP (Servicio de Educación y Organización Popular = Bildungs- und Organisationsservice für das Volk) in La Baixada Fluminense zusammen.

Leonardo Boff
15.04.2014

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Unser Platz in der Gesamtheit des Lebens

Die Ethik der vorherrschenden Gesellschaft ist eine utilitaristische und anthropozentrische. Das heißt, diese Ethik verfällt der Illusion, dass die Lebewesen der Natur nur in dem Maße ein Lebensrecht besitzen, in dem sie den Menschen nützlich sind und der Mensch nach Gutdünken mit ihnen verfahren kann. Die Menschen erachten sich selbst als die Krone der Schöpfung.

Die jüdisch-christliche Tradition bestärkte diese Vorstellung durch den Aufruf: „Unterwerft euch die Erde und herrscht über alles, was auf ihr lebt“ (Gen 1,28).

Nun wissen wir, dass wir Menschen zu den letzten Lebewesen zählen, die auf die Bühne der Schöpfung traten. Als diese zu 99,98 % abgeschlossen war, tauchten wir auf. Das Universum, die Erde und die Ökosysteme bedurften unserer nicht, um sich selbst zu organisieren und ihre majestätische Komplexität und Schönheit zu arrangieren.

Jedes Wesen besitzt einen intrinsischen Wert, unabhängig von dem Nutzen, den wir aus ihm ziehen. Jedes Wesen ist eine Manifestation dieser allem zugrunde liegenden Energie, wie die Kosmologen es nennen, bzw. dieses alle Wesen hervorbringenden Abgrunds. Jedes Wesen, selbst das am wenigsten angepasste, kann etwas zum Vorschein bringen, wozu nur es selbst in der Lage ist, und anschließend verschwindet es möglicherweise für immer aufgrund natürlicher Selektion. Doch für uns ist es wichtig, auf die Botschaft zu hören, die dieses Wesen uns vermittelt, und sie zu zelebrieren.

Am schwerwiegendsten jedoch ist die Vorstellung, die sich die Moderne und viele Mitglieder der zeitgenössischen Wissenschaftsgemeinde vom Planeten Erde und der Natur machen. Sie erachten sie als simple „res extensa“, als etwas Messbares, Manipulierbares und, gemäß Francis Bacons rüder Ausdrucksweise, als etwas, das man „so lange foltert, wie der Inquisitor es mit seinen Opfern zu tun pflegt, bis er alle Geheimnisse aus ihnen herausgequält hat“. Die vorherrschende wissenschaftliche Methode hält noch immer an dieser aggressiven und perversen Logik fest.

René Descartes legt in seiner Abhandlung über die Methode einen ziemlichen Reduktionismus über das Verständnis an den Tag: „Ich verstehe unter ‘Natur’ weder eine Gottheit noch irgendeine andere Art von imaginärer Energie; stattdessen benutze ich dieses Wort, um Materie zu beschreiben.“ Für Descartes ist unser Planet etwas Regloses, Zweckloses, als wären die Menschen nicht Teil dieser Natur.

Fakt ist, dass wir in den Evolutionsprozess einstiegen, als er bereits ein sehr hohes Maß an Komplexität erreicht hatte. Dann erstand menschliches Leben, bewusst und frei, als ein Unterkapitel des Lebens. Durch uns erst wurde sich das Universum seiner selbst bewusst. Und dies geschah in dem winzigen Teil des Universums, das die Erde darstellt. Aus diesem Grund sind wir der Teil der Erde, der fühlt, liebt, denkt, achtsam und voll Bewunderung ist. Wie der argentinische Liedermacher Atahualpa Yupanqui sagt: „Wir sind die Erde, die läuft.

Unser besonderer Auftrag, unser Platz in der Gesamtheit des Lebens, besteht darin, dass wir diejenigen sind, die die Größe des Universums zu schätzen wissen, die den Botschaften, die jedes Lebewesen zum Ausdruck bringt, lauschen und die die Diversität der Wesen und des Lebens zelebrieren.

Und da wir mit Vernunft und Intelligenz ausgestattet sind, haben wir den moralischen Auftrag, für die Schöpfung zu sorgen und sie zu beschützen, um ihren Fortbestand in Vitalität und Integrität zu gewährleisten, und zwar unter den Bedingungen, die es ihr ermöglichen, sich weiterhin zu entwickeln, wie sie es seit 4,4 Milliarden Jahren tut. Dank sei Gott, dem biblischen Autor, dass er den oben zitierten Text korrigierte und im 2. Kapitel von Genesis sagt: „Gott, der Herr, nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten von Eden (die ursprüngliche Erde), damit er ihn bebaue und hüte.“ (Gen 2,15).

Bedauerlicherweise erfüllen wir unseren Auftrag schlecht, denn, wie der Biologe E. Wilson sagt: „Die Menschheit ist die erste Spezies in der Geschichte des Lebens, die sich als eine geophysikalische Kraft herausgestellt hat; der Mensch, dieses zweibeinige Wesen, ein solcher Hohlkopf, hat bereits die Atmosphäre und das Klima der Erde verändert und sie weit von ihren üblichen Normen entfernt; er hat Tausende von giftigen Chemikalien in der ganzen Welt verbreitet, und nun sind wir dabei, das Trinkwasser zu erschöpfen.“ (Creation: An Appeal to Save Life on Earth, 2007). Besorgt angesichts dieser Situation und der Bedrohung durch eine nukleare Apokalypse fragte sich Norberto Bobbio, der große italienische Rechts- und Demokratie-Philosoph: „Verdient es die Menschheit, gerettet zu werden?“ (Il Foglion. 409, 2014, 3).

Wenn wir nicht als Feinde des Lebens durch die Erde selbst von ihr vertrieben werden wollen, müssen wir unsere Einstellung der Natur gegenüber verändern. Doch vor allem müssen wir die Erde, wie es die UNO im April 2009 tat, als Mutter Erde annehmen und entsprechend für sie sorgen, die Geschichte jedes Wesens, ob lebendig oder starr, anerkennen und respektieren. Sie existierten Millionen von Jahren vor uns und ohne uns. Daher müssen sie ebenso respektiert werden, wie wir die alten Menschen respektieren, denen wir mit Respekt und Liebe entgegen treten. Mehr noch als wir haben sie ein Recht auf die Gegenwart und die Zukunft, gemeinsam mit uns. Ansonsten werden uns weder die Technologie noch die Versprechen von grenzenlosem Fortschritt retten können.

Leonardo Boff
11.04.2014

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Brasilien am Scheideweg: Verlängerung der Abhängigkeit oder Fertigstellung seiner Neu-Erfindung?

Celso Furtado, einer unserer renommiertesten Experten der Wirtschaftspolitik und aufmerksamer Beobachter des Veränderungsprozesses der Weltwirtschaft kontrastiert zu der Brasiliens, schrieb in seinem Buch „Brasilien: unterbrochene Baustelle“ (Brasil: a construção interrompida. SP, Paz e Terra, 1992): „In einem halben Jahrtausend der Geschichte, beginnend mit der Konstellation von Untaten, einer zerschlagenen indigenen Bevölkerung, Sklaven, die von einem zum anderen Kontinent verschoben wurden, europäischen und asiatischen Abenteurern auf der Suche nach einem besseren Leben, wurden wir zu einem Volk mit außerordentlich vielseitiger Kultur, einem Land ohnegleichen in Bezug auf seine territoriale Weite und seine sprachliche und religiöse Einheitlichkeit. Doch es fehlt uns an Erfahrung an schicksalsweisenden Tests wie andere Völker sie erfuhren, deren Überleben bedroht war. Wir kennen auch nicht wirklich unsere Möglichkeiten und vor allem nicht unsere Schwächen. Doch wir sind uns bewusst, dass die Zeit in der Geschichte sich beschleunigt und dass die Zeit gegen uns läuft. Es ist wichtig zu wissen, ob wir eine Zukunft haben als Nation, die an der Konstruktion des menschlichen Fortschritts teilnimmt, oder ob diejenigen Kräfte die Oberhand behalten, die drohen, unseren historischen Prozess in der Bildung eines Nationalstaats zu unterbrechen“ (Paz e Terra, Rio 1993, 35).

Wir müssen zugeben, dass die heutige brasilianische Gesellschaft bedeutende Fortschritte unter den Regierungszeiten der Arbeiterpartei PT erlebt hat. Der erreichte Grad an sozialer Inklusion und die Sozialpolitik, von der Millionen von Brasilianern profitieren, die immer an den Rand gedrängt waren, hat eine historische Dimension erreicht, deren Bedeutung wir noch nicht voll ermessen haben, insbesondere im Vergleich zu vorigen historischen Phasen, als die traditionellen Eliten die Hegemonie aufrecht erhielten, denn sie nutzten stets die Staatsgewalt zu ihrem eigenen Nutzen.

Doch diese Vorteile sind unverhältnismäßig in Bezug auf die Größe unseres Landes und unseres Volkes. Die Demonstrationen im Juni 2013 zeigten, dass ein großer Teil des Volkes, vor allem die Jugend, nicht zufrieden ist. Die Demonstranten wollen mehr. Sie wollen eine andere Art von Demokratie, eine partizipatorische Demokratie. Sie wollen eine Republik ohne Schiebung, sondern mit Bürgernähe. Zu Recht verlangen sie Transportmöglichkeiten, die sie nicht so viel Lebenszeit kosten; grundlegende Hygieneverhältnisse; ein Bildungssystem, das ihnen hilft, die Welt besser zu verstehen und die Art der Arbeitsplätze, die sie wählen könnten, zu verbessern. Sie verlangen sanitäre Einrichtung mit einem Minimum an Annehmbarkeit und Qualität. In jeder und jedem wächst die Überzeugung, dass ein unfähiges und unwissendes Volk niemals einen qualitativen Sprung nach vorn machen wird in Richtung einer weniger ungerechten Gesellschaft und damit, wie Paulo Freire es zu nennen pflegte, einer weniger bösen Gesellschaft. Die PT muss auf der Höhe dieser neuen Herausforderungen bleiben, und entweder überarbeitet sie ihre Agenda oder sie muss den Machtverlust hinnehmen.

Wir nähern uns dem, was Celso Furtado als „entscheidende Herausforderungen“ bezeichnete. Möglicherweise sind wir zum ersten Mal in der Geschichte an einem kritischen Moment der „Herausforderungen“ angekommen. So wie ich es sehe, wird die nächste Wahl eine ganz besondere sein. Angesichts der Beschleunigung der Zeitgeschichte, stimuliert durch die systemische Weltkrise, werden wir gezwungen sein, uns zu entscheiden: Entweder ziehen wir einen Vorteil aus den Möglichkeiten, die uns diese tiefe Krise in den führenden Wirtschaftsnationen bietet, bekräftigen unsere Autonomie und sichern unsere Zukunft, in der wir autonom sind, aber in Beziehung mit der ganzen Welt stehen; oder wir verpassen die Gelegenheit und sind für immer einem Schicksal unterworfen, das diejenigen bestimmen, die uns zu bloßen Lieferanten von Naturgütern verdammen, an denen es ihnen mangelt, und auf diese Weise werden sie uns aufs Neue kolonialisieren.

Wir können diese merkwürdige internationale Arbeitsteilung nicht akzeptieren. Wir müssen uns nochmals mit dem Traum einiger unserer besten Analysten beschäftigen, wie z. B. Darcy Ribeiro und Luiz Gonzaga de Souza Lima, die u. a. eine Neu-Erfindung oder Neu-Gründung Brasiliens nach unseren Vorstellungen vorschlagen, die einer unserer Gemeinschaft begründenden Erfahrung entspringt, welche von Celso Furtado so gelobt wird.

Dies ist die dringende Herausforderung an alle sozialen Organisationen: Werden sie zur Neu-Erfindung Brasiliens als souveräne Nation beitragen, die im Rahmen des neuen globalen Bewusstseins und des gemeinsamen Geschicks der Erde und der Menschheit konstruiert wird? Könnten sie zu Geburtshelfern eines neuen Bürgertums – eines Mit-Bürgertums und Erdenbürgertums – werden, das die Bürger und Bürgerinnen mit dem Staat in Beziehung setzt, die Bürger und Bürgerinnen untereinander, die Nationen mit der Welt und das brasilianische Bürgertum mit dem globalen Bürgertum, und so dazu beitragen, die Zukunft der Menschen zu formen? Oder werden sie zu Komplizen derjenigen Kräfte, die sich nicht für die Konstruktion des Brasilien-Projekts interessieren, da sie Brasilien im Globalisierungsprojekt in einer untergeordneten und abhängigen Form einbeziehen wollen und den Vorteilen den reichen Klassen überlassen, die immer von dieser Art von Bündnis profitieren?

Die nächsten Wahlen werden Licht auf diese Alternativen werden. Wir müssen entscheiden, wo wir stehen werden. Die Zeit drängt, denn, wie Celso Furtado uns mit starken Bedenken warnte: „Alles deutet auf die Überlebensunfähigkeit des Landes als Nation hin“ (a.a.O. S. 35). Wir wollen uns dieser ernsten Warnung nicht fatalistisch beugen. Wir dürfen die Niederlage nicht hinnehmen, ohne uns in allen Schlachten engagiert zu haben, wie Don Quixote uns in seiner hoffnungsvollen Poesie lehren würde.

Noch haben wir Zeit, die Veränderungen vorzunehmen, die das Land auf den rechten Weg bringen, insbesondere jetzt, da Brasilien durch die ökologische Krise ein entscheidendes Gewicht im Gleichgewicht für den Planeten Erde erreicht hat. Es ist notwendig, dass wir an unsere Möglichkeiten glauben, selbst in unserer globalen Mission, würde ich sagen.

Leonardo Boff
04.04.2014

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Die Brasilianer: ein mystisches und religiöses Volk

Das brasilianische Volk ist ein spirituelles und mystisches Volk, ob dies den weltlichen Intellektuellen, die in kaum oder gar keiner organischen Beziehung zu den sozialen Bewegungen und den Volksbewegungen stehen, gefällt oder nicht.

Das Volk durchlief nicht die Schule der modernen, kritischen Lehrmeister, die vergeblich versuchten, die Religion zu diskreditieren. Für das Volk stellt Gott nicht das Problem dar, sondern die Lösung seiner Probleme und den ultimativen Sinn des Lebens und Sterbens. Es fühlt, dass Gott mit ihm auf dem Weg ist, und zelebriert dies in seinen alltäglichen Ausdrucksweisen wie „Mein Gott!“, „Gott sei Dank“, „Vergelt’s Gott“, „Möge Gott mit dir sein“, „So Gott will“ und „Gott segne dich“. Im allgemeinen beenden die Leute ein Telefongespräch mit den Worten „Geh mit Gott“. Gäbe es keinen Gott im Leben des Volkes, hätte es nicht mit so viel Kraft, Humor und Kampflust in den Jahrhunderten der sozialen Ächtung widerstanden.

Das Christentum trug bei zur Herausbildung der Identität der Brasilianer. In den Zeiten des Kolonialismus und des König- und Kaiserreichs betrat es den Pfad der Mission (institutionelle Kirche) und der Heiligenverehrung (Volkschristentum). Zurzeit befindet es sich auf dem Weg der Befreiung (Bibelkreise, Basisgemeinden und Sozialpastoral) und der charismatischen Bewegung (Gebets- und Heilungskreise, große Show-Zelebrationen der Medien-Priester). Im wesentlichen wurden die herrschenden Klassen im Sinn des kolonialistischen und imperialen Christentums erzogen, ohne deren Domination in Frage zu stellen, und die unteren Schichten des Volkes wurden so domestiziert, dass sie sich mit dem ihnen zugewiesenen Platz am Rande der Gesellschaft zufrieden geben. Aus diesem Grund blieb die Funktion des Christentums äußerst zwiespältig, jedoch immer funktionell für den Status quo der Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Nur selten war es prophetisch. Im Fall der Sklaverei hat es diese abscheuliche Ordnung klar legitimiert.

Erst seit den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, begannen wichtige Teile der Institution (Bischöfe, Priester, Ordensleute, Laien) sich vom Zentrum weg und hin zur Peripherie zu bewegen, wo die armen Schichten des Volks leben. Nun kamen Diskussionen auf über einen integralen humanen Fortschritt und über die historische Befreiung, in deren Mittelpunkt die Unterdrückten stehen, die ihren Zustand des Unterdrücktwerdens nicht mehr akzeptieren. Dadurch, dass sie sowohl arm als auch religiös waren, zogen sie aus der Religion Inspirationen für ihren Widerstand und für die Befreiung hin zu einer gerechteren Gesellschaft mit mehr Partizipation des Volkes. Und ein neues prophetisches und befreiendes Christentum kam auf, das sich für die notwendigen Veränderungen einsetzt.

Das größte kulturelle Werk jedoch, das es je in Brasilien gab, zeigt sich im Volkschristentum. Vom politischen und religiösen System an den Rand gedrängt, verkörpert die arme, indigene und schwarze Bevölkerung ihre spirituelle Erfahrung im Kulturcodex des Volkes, der sich mehr an die Logik des Unbewussten und Emotionalen hält als an die der Ratio und der Lehre. Auf diese Weise entstand eine reiche Symbolik für die wichtigsten Gedenktage der Heiligen, eine farbenfrohe Kunst und eine Musik, die voller Gefühl ist und voll nobler Tristesse. Dieses Volkschristentum ist kein Verfall des offiziellen Christentums, sondern eine andere Form, die volksnah ist und synkretistisch, um die wesentliche Botschaft des Christentums zum Ausdruck zu bringen.

Die afro-brasilianischen Religionen, der Synkretismus, der sich aus christlichen, afro-brasilianischen und indigenen Elementen zusammensetzt, repräsentiert ein weiteres Werk, das der Volkskultur entstammt. Mit der Ausnahme eines evangelikalen Fundamentalismus ist das Volk im allgemeinen weder dogmatisch noch besessen von seinen Glaubensinhalten. Es ist tolerant, denn es glaubt, dass Gott sich auf allen Wegen findet und dass alle Wege zu Ihm führen. Darum ist es multikonfessionell und schämt sich nicht, von unterschiedlichen religiösen Strömungen abzustammen. Die Synthese findet im Herzen statt, in seiner tiefen Spiritualität. Von dort aus wird das reiche religiöse Gewebe komponiert. Der Anthropologe Roberto da Matta sagt: „Auf dem Weg zu Gott kann ich viele Dinge miteinander verknüpfen. Ich kann katholisch sein und der Umbanda-Religion angehören, sowohl Ogum als auch den Hl. Georg verehren. Die religiöse Sprache unseres Landes ist daher eine Sprache der Beziehungen und der Vereinigung. Eine Sprache, die die Mitte sucht, den Mittelweg, die Möglichkeit, die ganze Welt zu retten, und überall etwas Gutes und Würdevolles zu finden.“ (O que faz de brasil Brasil, Rocco, Rio de Janeiro 1984,117).

Von besonderer Wichtigkeit ist der zivilisatorische Beitrag, den die afrikanischen Religionen leisten (Nagô, Camdonblé, Macumba, Umbanda u. a.), die, ausgehend von ihren eigenen afrikanischen Matrizen, einen reichen Synkretismus erarbeiteten. Jeder Mensch kann eine mögliche Verkörperung des Göttlichen im Dienste der anderen sein. Gesellschaftlich abgelehnt, politisch verachtet, religiös verfolgt gaben Die afro-brasilianischen Religionen gaben der gesellschaftlich abgelehnten, politisch verachteten und religiös verfolgten schwarzen Bevölkerung ihre Selbstachtung zurück, indem sie behaupteten, von den afrikanischen Orixás auf die Erde geschickt worden zu sein, um den Bedürftigen zu helfen und um die Luft Brasiliens mit Axé (der kosmischen und heiligen Energie) zu tränken. Obwohl sie einst Sklaven waren, vollbrachten sie eine transzendente Mission von großer historischer Tragweite.

Es waren die Schwarzen und Indigenen, die der brasilianischen Seele einen mystischen Stempel aufdrückten. Jeder weiß sich von den starken Heiligen begleitet, von den Orixás, vom Preto Velho (Umbanda) und von der vorsehenden Hand Gottes, die nicht zulässt, dass alles verloren geht und zum Scheitern verurteilt ist. Für alles gibt es eine Lösung und einen gutes Ende. Deshalb gibt es eine solche Leichtigkeit, Humor und Freude am Feiern in allen Volksveranstaltungen.

Die religiöse Zukunft Brasiliens wird sicherlich nicht aus seiner katholischen Vergangenheit bestehen. Möglicherweise wird es die synkretistische, neuartige Kreation einer neuen ökumenischen Spiritualität sein, die mit den Unterschieden (wachsende evangelische Tradition, Pfingstbewegung, Kardezismus, orientalische Religionen) leben kann, sich aber in der Einheit derselben Wahrnehmung des Göttlichen und des Heiligen befindet, wovon der Kosmos, die Menschheitsgeschichte und das Leben jedes und jeder Einzelnen durchzogen sind.

Leonardo Boff
26.03.2014

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Die Geburt des brasilianischen Volkes, die Universität und die Weisheit des Volkes

Die Geburt des brasilianischen Volkes ist noch nicht abgeschlossen. Bestehend aus Menschen mit einer Herkunft aus 60 unterschiedlichen Ländern, vermischen sich hier Repräsentanten aller Völker in einem offenen Prozess und tragen zum Werden eines neuen Volkes bei, das eines Tages geboren werden wird.

Aus der Kolonialzeit erbten wir einen überaus selektiven Staat, eine Elite, die andere ausschließt, und eine immense Anzahl an enteigneten Menschen und Nachkommen von Sklaven. Der Politik-Analyst Luiz Gonzaga de Souza Lima sagt in seiner Interpretation über den Ursprung Brasiliens, dass wir in ein transnationales Unternehmen hineingeboren sind, das heute dazu verdammt ist, Naturprodukte für den Weltmarkt zur Verfügung zu stellen. (siehe A refundação do Brasil, 2011).

Doch trotz dieser sozio-historischen Einschränkung bildeten sich inmitten dieser enormen Menschenmenge Anführer und Bewegungen heraus, die alle Arten von Gemeinschaften, Vereinigungen und Aktions- und Reflexionsgruppen schufen, beginnend bei den Kokosnuss-Knackern des Maranhão bis hin zu den Völkern des Acre-Dschungels, von den Landlosen des Südens und Nordostens zu den Basisgemeinden und den Gewerkschaften der großen ABC-Region (Industrieregion im Umland von São Paulo; Anm. der Übersetzerin).

Die in diesen Bewegungen ausgeübte Demokratie brachte aktive Bürger und Bürgerinnen hervor; und aus deren Beziehungen untereinander, unter Aufrechterhaltung der je eigenen Autonomie, entsteht eine kreative Energie des brasilianischen Volkes, das sich allmählich seiner Geschichte bewusst wird und eine andere und bessere Zukunft für alle entwirft.

Kein Projekt solchen Ausmaßes kann ohne Mitstreiter verwirklicht werden, ohne organische Verbindungen mit jenen, die über ein Spezialwissen über die sozialen Bewegungen der politisch Engagierten (los comprometidos) verfügen. Und hier ist die Universität dazu aufgerufen, ihren Horizont zu erweitern. Es ist wichtig, dass Schüler und Lehrer die lebendige Schule des Volkes besuchen, wie es Paulo Freire praktizierte, und dass die Universität sich für das Volk öffnet, sodass es den Professoren in den für das Volk relevanten Fächern zuhören kann, so wie bei mir, als ich an der Staatlichen Universität von Rio de Janeiro Vorlesungen hielt.

Diese Vision setzt voraus, dass es zu einem Bündnis zwischen der akademischen Intelligenzia und dem notleidenden Volk kommt. Alle Universitäten, insbesondere nach der Reform ihres Statuts durch Humboldt im Jahr 1809 in Berlin, die es den modernen Wissenschaften ermöglichte, neben den Reflexionen des Humanismus, der von der bisherigen Universität geschaffen worden war, eine akademische Daseinsberechtigung zu erhalten, wurden zum klassischen Ort des Hinterfragens von Kultur, Leben, Menschen und dessen Geschick und von Gott. Die zwei Kulturen – die humanistische und die wissenschaftliche – kommunizieren mehr und mehr miteinander im Sinne eines Nachdenkens über das Ganze, über das Geschick des wissenschaftstechnischen Projekts selbst im Hinblick auf die Erfindungen, die Menschen in der Natur machen, und die Verantwortung der Menschheit für die gemeinsame Zukunft der Nation und der Erde. Diese Herausforderung setzt eine neue Denkweise voraus, die nicht einer simplen, linearen Logik folgt, sondern der komplexen Logik und der des Dialogs.

Die Universitäten sind gefordert, eine organische Verwurzelung zu entwickeln: in den Peripherien, an der Basis des Volks und in den Bereichen, die direkt mit der Produktion verbunden sind. Hier kann es zu einem fruchtbaren Wissensaustausch kommen zwischen der Weisheit des Volkes, die sich durch Erfahrung gebildet hat, und dem akademischen Wissen, das auf dem kritischen Geist beruht. Aus diesem Bündnis wird gewiss eine Bandbreite an neuen theoretischen Fächern hervorgehen, die aus dem Zusammentreffen der Gegen-Wirklichkeit des Volks und der Wertschätzung des enormen Reichtums des Volkes in seiner Fähigkeit, selbst die Lösungen zu seinen Problemen zu finden, entstehen. Hier wird ein Wissensaustausch mit gegenseitiger Ergänzung in Gang gesetzt im Stil, wie ihn der Chemie-Nobelpreisträger Ilya Prigogine (1977) vorschlägt (siehe: Dialog mit der Natur. Serie Piper, München 1993).

Dieses Bündnis beschleunigt die Herausbildung eines Volkes; es ermöglicht eine neue Art des Bürgertums, das auf dem Mit-Bürgertum der Repräsentanten der zivilen und akademischen Gesellschaft sowie auf der Basis des Volkes gegründet ist, die für sich selbst die Initiative ergreifen und den Staat einer demokratischen Kontrolle unterziehen, indem sie von ihm grundlegende Dienstleistungen, insbesondere für die großen Bevölkerungsschichten am Rande der Gesellschaft, fordern.

In diesen Initiativen für das Volk mit seinen unterschiedlichen Aspekten (Behausung, Gesundheit, Bildung, Menschenrechten, Öffentliche Verkehrsmittel etc.) verspüren die sozialen Bewegungen ein Bedürfnis nach professionellem Wissen. Genau hier kann und muss die Universität ihr Wissen mitteilen, zu originellen Lösungsvorschlägen anleiten und Perspektiven eröffnen, die mitunter ungewöhnlich sein können für jemanden, der dazu verdammt ist, um sein Überleben zu kämpfen.

Aus diesem fruchtbaren Hin-und-Her zwischen Universitäts-Denken und Volks-Wissen kann ein Bio-Regionalismus entstehen, der ausreichend auf das Ökosystem und auf die Lokalkultur zugeschnitten ist. Ausgehend von dieser Praxis wird die staatliche Universität ihren öffentlichen Charakter zurückgewinnen und wirklich der Gesellschaft dienlich sein. Ebenso wird die private Universität ihre soziale Funktion ausüben, denn sie befindet sich zum Großteil in Geiselhaft der Privatinteressen der wohlhabenden Schichten und ist Brutstätte für deren sozialen Reproduktion.

Dieser dynamische und widersprüchliche Prozess wird nur dann fruchtbar sein, wenn er von einem großen Traum durchdrungen ist: ein neues, selbständiges, freies Volk zu sein, das auf sein Land stolz ist. Der Anthropologe Roberto de Matta unterstreicht, dass das brasilianische Volk über einen wirklich beneidenswerten Reichtum verfügt: „Unsere ganze Kapazität zu synthetisieren, zu verknüpfen, zu versöhnen und dabei Bereiche und Werte zu schaffen, die mit Freude, Zukunft und Hoffnung zu tun haben“ (Porque o Brasil é Brasil, 1986, 121).

Trotz all dieses historischen Leidens, obwohl das brasilianische Volk so oft als Nichtsnutz und als weniger als Nichts erachtet wurde, hat es doch niemals sein Selbstwertgefühl noch seine verzauberte Vision der Welt verloren. Brasilien ist das Zuhause eines Volkes mit großen Träumen, unbesiegbarer Hoffnung und großzügigen Utopien, ein Volk, das sich so voll göttlicher Energie fühlt, dass es vermutet, Gott müsse ein Brasilianer sein.

Möglicherweise ist diese verzauberte Vision der Welt einer der wichtigsten Beiträge, die wir Brasilianer für die neu entstehende Weltkultur leisten können, die so wenig zauberhaft ist und so wenig Sinn hat für Spiel, Humor und die Ko-Existenz von Gegensätzen.

Leonardo Boff
21.03.2014

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Feng Shui: die chinesische Weisheit der Achtsamkeit

Ein Vorteil der Globalisierung, der einmal nicht wirtschaftlich-finanzieller, sondern kultureller Natur ist, besteht darin, dass sie uns den Zugang zu Werten ermöglicht, die in unserer abendländischen Kultur nicht so weit entwickelt sind. An dieser Stelle soll es uns um das chinesische Feng Shui gehen. Seine wörtliche Bedeutung setzt sich zusammen aus Wind (Feng) und Wasser (Shui). Der Wind ist Träger des Qi (ausgesprochen chi), der universellen Energie, die vom Wasser zurückgehalten wird. Auf der Ebene der Person spricht man vom „Meister der Empfehlungen“: Der Weise, der ausgehend von der Beobachtung der dem Qi und der Natur nahe stehenden Harmonie auf den Weg des Windes und des Wasserflusses hinweist und ebenso aufzeigt, wie man sinnvoll sein Zuhause einrichtet.

Beatriz Bartoly, der ich beratend zur Seite stand, schreibt in ihrer brillanten Doktorarbeit in Philosophie an der Staatlichen Universität von Rio de Janeiro (UERJ): „Feng Shui verhilft uns zu einer Form liebenden Eifers“ – wir würden sagen zu Achtsamkeit und Zärtlichkeit – „in Bezug auf die Banalität unserer Existenz, was im Westen lange Zeit missachtet und unterbewertet wurde: sich um Pflanzen zu kümmern, um Tiere, für sein Heim zu sorgen, für dessen Sauberkeit, die Pflege der Schlafzimmer, die Vorbereitung der Mahlzeiten, das tägliche Leben mit mit der prosaischen und gleichzeitig majestätischen Schönheit der Natur zu zieren. Das hauptsächliche Augenmerk dieser Lebensphilosophie liegt jedoch, über die Fürsorge für Gebäude und menschliche Werke hinaus, auf der Haltung und den Aktivitäten, denn mehr als um Resultate geht es dem Feng Shui um den Vorgang. Es wird eher Wert auf die Aktion gelegt als auf das Resultat, mehr auf das Verhalten als auf das Endergebnis.“

Folglich dreht sich die Philosophie des Feng Shui mehr um das Subjekt als um das Objekt, mehr um den Menschen als um seine Umwelt und sein Haus selbst. Der Mensch muss in diesen Prozess eingebunden sein, um die Wahrnehmung seiner Umwelt zu entwickeln, die Energieflüsse aufzunehmen sowie die Rhythmen der Natur. Er muss sich in einer harmonischen Haltung zu den anderen, zum Kosmos und dem Rhythmus der Natur befinden. Wem es gelingt, diese innere Umwelt zu schaffen, wird auch in der Lage sein, seine äußere Umwelt erfolgreich zu gestalten.

Eher noch als eine Kunst oder Wissenschaft ist Feng Shui im Grunde eine Weisheit, eine ökologisch-kosmische Ethik darüber, wie das Qi in unserer ganzen Umgebung richtig verteilt werden muss.

Mit seinen vielfältigen Facetten stellt das Feng Shui eine abschließende Synthese darüber dar, wie der Garten, das Haus oder die Wohnung harmonisch gestaltet werden können, unter gleichzeitigem Einbeziehen der anwesenden Elemente. Wir können sogar sagen, dass die Chinesen, ebenso wie die antiken Griechen, unermüdlich auf der Suche nach dem dynamischen Gleichgewicht aller Dinge sind.

Das höchste Ideal der chinesischen Tradition, das sich am besten im Buddhismus und Taoismus ausdrückt, wie er von Laozi (6.-5. Jh. v. Chr.) und von Zhuangzi (5.-4. Jh. v. Chr.) repräsentiert wird, besteht darin, durch einen Prozess der Integration der Unterschiede zur Einheit zu verhelfen, insbesondere der bekannten Polaritäten des Yin/Yang, männlich/weiblich, Raum/Zeit, himmlisch/irdisch etc. Das Tao steht für diese Integration, diese unaussprechliche Wirklichkeit, mit der es den Versuch unternimmt, die Person zur Einheit zu führen.

Tao steht für Weg und Methode, aber auch für die mysteriöse und geheimnisvolle Energie, die alle Wege bereitet und auf alle Mittel hinweist. Es lässt sich nicht mit Worten ausdrücken. Ihm gegenüber gibt es nur respektvolles Schweigen. Es unterliegt der Polarität von Yin und Yang und manifestiert sich selbst durch diese. Das Ideal des Menschen liegt darin, eine solch tiefe Vereinigung mit dem Tao zu erreichen, aus der das Satori, die Erleuchtung, resultiert. Für Taoisten liegt, im Gegensatz zu den Christen, das höchste Gut nicht jenseits des Todes, sondern hier, in Zeit und Geschichte, in der Erfahrung eines Nicht-Dualismus und der Integration in das Tao. Wenn jemand stirbt, so taucht er in das Tao ein und wird mit diesem vereint.

Um diese Vereinigung zu erreichen, ist die Harmonie mit der vitalen Energie, welche durch Himmel und Erde strömt und als Qi bezeichnet wird, unerlässlich. Qi lässt sich nicht übersetzen, entspricht aber dem Ruach der Juden, dem Pneuma der Griechen, dem Spiritus der Römer, der Achse der Yoruba/Nago, dem Quantenvakuum der Kosmologen: alles Ausdrücke für die höchste und kosmische Energie, die allen Lebewesen unterliegt und die deren Leben erhält.

Durch die Kraft des Qi werden alle Dingen verwandelt (siehe I Ching, das Buch der Wandlungen) und werden in einem andauernden Prozess aufrecht erhalten. Das Qi fließt im Menschen durch die Meridiane der Akupunktur. Es fließt in der Erde durch die sich unter der Erdoberfläche befindlichen irdischen Adern, hervorgerufen durch die elektromagnetischen Felder, die entlang den Meridianen der Akupunktur verlaufen und mit der Oberfläche der Erde verwoben sind. Die Ausbreitung des Qi steht für das Leben; sein Rückzug bedeutet Tod. Erlangt das Qi Gewicht, erscheint es als Materie, wird es feinsinnig, erscheint es als Geist. Die Natur ist eine weise Kombination der unterschiedlichen Zustände des Qi, vom leichtesten bis hin zum schwersten.

Taucht das Qi an einem bestimmten Ort auf, entsteht eine harmonische Landschaft mit sanften Brisen und kristallklarem Wasser, gewundenen Bergen und grünen Tälern. Dies ist eine Einladung an den Menschen, sich dort niederzulassen, sich ein Heim zu schaffen oder eine Wohnung zu suchen, wo er sich „zu Hause“ fühlen kann.
Die chinesische Weltsicht bevorzugt den Raum, im Gegensatz zum Westen, der die Zeit privilegiert. Raum bedeutet für den Taoismus Raum für Begegnung, für Geschwisterlichkeit, für Interaktionen aller mit allen, denn alle sind Träger der Energie Qi, die den Raum umfasst. Seinen höchsten Ausdruck findet der Raum zu Hause, im Garten, in einer gepflegten Wohnung.

Wer glücklich sein möchte, muss die Topophilie pflegen, die Liebe zu dem Ort, an dem man lebt und wo man seinen Garten hat oder wo sich seine Wohnung befindet. Feng Shui ist die Kunst und die Technik, sein Haus gut zu bauen, seinen Garten gut zu arrangieren, seine Wohnung mit einem Sinn für Harmonie und Schönheit zu dekorieren. Angesichts der schwindenden Achtsamkeit und der aktuellen ökologischen Krise hilft uns die tausendjährige Weisheit des Feng Shui, die Verbindung von Mitgefühl und Liebe mit der Natur wiederherzustellen. Diese Haltung richtet die menschliche Bleibe wieder auf (die die Griechen als Ethos bezeichnen) und die auf Achtsamkeit und deren vielfältigen Facetten basiert wie Zärtlichkeit, Barmherzigkeit und Herzlichkeit.

Leonardo Boff
17.03.2014

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Die essentielle Liebkosung bringt uns die verlorene Menschlichkeit zurück

Die Liebkosung ist eine der höchsten Ausdrucksformen der Zärtlichkeit, mit welcher wir uns im vorigen Artikel befassten. Wieso nennen wir sie die essentielle Liebkosung? Darum, weil wir sie unterscheiden wollen von der Zärtlichkeit als einem rein psychologischen Akt vor dem Hintergrund eines vorübergehenden Verlangens ohne Konsequenzen. Die Liebkosung als Akt spricht die Person nicht ganzheitlich an. Eine Liebkosung ist dann als essentiell zu bezeichnen, wenn sie sich verwandelt zu einer Haltung, eine Seinsweise, die den Menschen als ein Ganzes definiert, in seiner Psyche, seinem Denken, Wollen, seinem Inneren und seinen Beziehungen.

Das Organ der Liebkosung ist im wesentlichen die Hand: die Hand, die berührt, die nährt, die eine Beziehung herstellt, die Wärme schenkt, die Ruhe bringt. Doch die Hand ist mehr als nur eine Hand. Es ist die ganze Persönlichkeit, die sich durch die Hand und mit der Hand mitteilt und eine liebevolle Seinsweise zum Ausdruck bringt. Die Liebkosung berührt den Menschen in seinem tiefen Innern, wo sich sein persönliches Zentrum befindet. Damit die Liebkosung wirklich essentieller Natur ist, müssen wir unser profundes Selbst pflegen, welches in den intimsten und wahrhaftesten Bereich unseres Innern vorstößt, und nicht nur das oberflächliche Ego unseres Bewusstsein, das sich immer nur Sorgen macht.

Die Liebkosung, die wirklich unserem Mittelpunkt entstammt, schafft Ruhe, Ganzheitlichkeit und Vertrauen. Daher ihre Bedeutung. Wenn eine Mutter ihr Kind liebkost, teilt sie ihm die prägendste richtungweisende Erfahrung mit: das Urvertrauen in die Güte des Lebens; das Vertrauen, dass alles zutiefst und trotz so vieler Komplikationen einen Sinn hat; das Vertrauen, dass der Friede kein Traum ist, dass er die wahrste Wirklichkeit ist; das Vertrauen in die Geborgenheit des großen Mutterschoßes.

Ebenso wie die Zärtlichkeit verlangt die Liebkosung völligen Altruismus, den Respekt vor dem anderen und den Verzicht auf jegliche andere Absicht, die nicht dem Wohlergehen und der Liebe für den anderen gilt. Dies ist nicht bloß ein Aneinanderreiben von Haut, sondern ein Mitteilen von Zuneigung und Liebe durch die Hand und die Haut, die Haut, in der sich unser Selbst verwirklicht.

Es gibt keine Zuneigung ohne Liebkosung, Zärtlichkeit und Achtsamkeit. So wie der Stern eine Aura braucht, um zu scheinen, so bedarf die Zuneigung der Zärtlichkeit, um zu überleben. In der Liebkosung der Haut, der Haare, der Hände, des Gesichts, der Schulten, des Intimbereichs konkretisieren sich Zuneigung und Liebe. Die Qualität der Liebkosung offenbart, ob die Zuneigung nur geheuchelt wird, falsch oder zweifelhaft ist. Die essentielle Liebkosung ist so zart wie das sanfte Öffnen einer Tür. Es findet sich niemals Zärtlichkeit in der Gewalt des Zuschlagens von Türen und Fenstern, d. h. beim Eindringen in die Intimität einer Person.

Der kolumbianische Psychiater Luis Carlos Restrepo schreibt in seinem schönen Buch über Das Recht auf Zärtlichkeit (Verlag Arango, 2004): „Die Hand, ein menschliches Organ par excellence, dient sowohl zum Geben als auch zum Nehmen. Die gebende und die nehmende Hand sind zwei extreme Facetten der zwischenmenschlichen Begegnungen.“

In einer breiteren kulturellen Reflexion verkörpert die Hand die Seinsweise der vergangenen vier Jahrhunderte der sogenannten Moderne. Der Dreh- und Angelpunkt der Moderne besteht im Willen, sich alles zu nehmen, um es zu besitzen und zu beherrschen. Der ganze lateinamerikanische Kontinent wurde so weggerafft und durch die militärische und religiöse Invasion durch die Iberer dezimiert. Und genau dies ist auch in Afrika, in China und an allem geschehen, was der Mensch in seiner Raffgier an sich reißen kann, selbst dem Mond.

Die modernen Menschen rafften die Natur an sich, indem sie sie beherrschten, ihre Güter ausbeuteten, ohne sich Gedanken über ihre Grenzen zu machen oder diese zu respektieren und ohne ihr die Zeit zu lassen, die sie braucht, um sich wiederherzustellen. Heutzutage ernten wir die vergifteten Früchte dieser Praxis, der es an jeglicher Art von Achtsamkeit und Liebkosung für das lebendige und verletzliche Lebewesen mangelt.

Etwas an sich zu raffen ist Ausdruck von Macht, Manipulation, Ausrichtung des anderen oder von Dingen hin zu meiner Lebensweise. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass die Globalisierung nicht den Respekt für die reiche Vielfalt der Kulturen mit sich bringt. Vielmehr führt sie zu einer Verwestlichung der Welt. Und wortwörtlich zu einer Hamburgerisierung des nordamerikanischen Lebensstils, der sich allen Teilen der Welt aufzwingt.

Die liebkosende Hand repräsentiert die notwendige Alternative: eine von Achtsamkeit geprägte Lebensweise, denn „Liebkosung ist eine mit Geduld gewappnete Hand, die berührt ohne zu verletzen und die loslässt, um dem Wesen, mit dem wir in Beziehung treten, die Bewegungsfreiheit zu lassen.“ (Restrepo)

In diesen Tagen muss es uns dringend darum gehen, im Menschen die Dimension der essentiellen Liebkosung freizusetzen. Sie befindet sich in uns allen, wenn auch durch eine große Staubschicht an Materialismus, übermäßigem Konsum und Nichtigkeiten verdeckt. Die essentielle Liebkosung bringt uns unsere verlorene Menschlichkeit zurück. Im besten Sinne stärkt sie auch das universellste ethische Gebot: jedes menschliche Wesen menschlich zu behandeln, d. h. ihm mit Verständnis, Offenheit, Aufmerksamkeit und mit essentieller Liebkosung zu begegnen.

Leonardo Boff
03.03.2014

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