Religionen und Terrorismus

Die Hauptkonflikte der letzten Jahre des vorigen Jahrhunderts und der ersten Jahre dieses Jahrhunderts haben religiöse Untertöne, sei es in Nord-Irland, im Kosovo, Kaschmir, Afghanistan, im Irak oder im extrem gewalttätigen neuen Islamischen Staat. Dies zeigte sich klar in Paris bei der Ermordung der Karikaturisten und anderer Personen durch islamistische Fundamentalisten. Wie kommt dabei die Religion ins Spiel?

Nicht ohne Grund schrieb Samuel P. Huntington in seinem bekannten Buch von 1997 „The Clash of Civilizations“ (Der Kampf der Kulturen): „In der modernen Welt stellt die Religion eine Zentralkraft dar, möglicherweise die Zentralkraft, die Menschen motiviert und mobilisiert … Was letztlich wichtig für die Menschen ist, sind weder politische Ideologie noch wirtschaftliche Interessen. Womit Menschen sich identifizieren, sind religiöse Bekenntnisse, die Familie und Überzeugungen. Dafür kämpfen sie und sind sogar bereit, ihr Leben zu geben“ (S. 79). Huntington übt Kritik an der nordamerikanischen Außenpolitik, weil diese den religiösen Faktor nie wichtig genug genommen hat, sondern als etwas Altes und Überholtes ansieht. Dies ist ein enormer Fehler. Religion liegt den schwersten Konflikten zugrunde, die wir heute erleben.

Ob uns das gefällt oder nicht, ein Großteil der Menschheit orientiert sich trotz des Säkularisierungsprozesses und des Verschwindens des Sakralen an einer religiösen Weltsicht: der jüdischen, der christlichen, der islamischen, der shintoistischen, der buddhistischen u. a.

Wie Christopher Dawson (1889-1970), der berühmte britische Kulturhistoriker, bekräftigte, „sind die großen Religionen die Fundamente, auf denen die Zivilisationen beruhen“ (Dynamics of World History, 1957, S. 128). Religionen sind Ehrensache einer Kultur, denn durch Religion projizieren sie ihre großen Träume, erarbeiten ihre sie ethische Maxime, verleihen der Geschichte einen Sinn und haben einen Beitrag zum letzten Sinn des Lebens und des Universums zu leisten. Nur die moderne Kultur hat keine Religion hervorgebracht. Die moderne Kultur fand einen Ersatz mit Götzenfunktionen wie Vernunft, endlosem Fortschritt, grenzenlosem Konsum, unbeschränkter Anhäufung u. a. Das Ergebnis wurde von Nietzsche angeprangert, der den Tod Gottes ausrief. Nicht dass Gott gestorben wäre, denn wäre er gestorben, so wäre Gott nicht Gott. Vielmehr ist es so, dass die Menschen Gott töteten. Nietzsche meinte, dass Gott kein Bezugspunkt mehr für grundlegende Werte, für einen vorrangigen Zusammenhalt unter den Menschen darstellt. Wir sehen die Auswirkungen heute auf globalem Niveau: eine richtungslose Menschheit, eine schreckliche Einsamkeit und ein Gefühl des Entwurzeltseins ohne zu wissen, wohin die Geschichte uns führt.

Wenn wir Frieden für diese Welt wollen, müssen wir das Gefühl für das Sakrale wieder aufleben lassen, die spirituelle Dimension des Lebens, die die Quelle der Religionen ist. Tatsächlich ist Spiritualität wichtiger als Religion, denn sie stellt eine zutiefst menschliche Dimension dar. Doch Spiritualität drückt sich durch Religionen aus, deren Zweck es ist, das Leben zu nähren, zu erhalten und mit Spiritualität zu durchdringen. Dies wird nicht immer erreicht, denn fast alle Religionen, sind sie erst einmal institutionalisiert, verwickeln sich in Machtspiele und Hierarchien und können pathologische Formen annehmen. Alles Gesunde kann auch krank werden. Doch wir messen Religionen wie Menschen, an den „gesunden“ Versionen, nicht an den „pathologischen“. So können wir sehen, dass Religionen eine unabdingbare Funktion erfüllen: Sie versuchen, dem Leben einen letzten Sinn zu verleihen, und stellen die Menschheitsgeschichte in einen hoffnungsvollen Rahmen. Heute haben Fundamentalismus und Terrorismus, beides religiöse Pathologien, an Bedeutung gewonnen. Dies liegt zum Großteil am zerstörerischen Globalisierungsprozess (genau genommen an der Verwestlichung der Welt), der die Unterschiede ignoriert, Identitäten zerstört und ihnen fremde Gewohnheiten aufzwingt.

Wenn so etwas geschieht, halten sich Völker im allgemeinen an Dinge, die ihre Identität bewahren. Durch Religionen bewahren sie ihre Erinnerungen und ihre besten Symbole. Wenn sie sich überfallen fühlen, wie es im Irak und in Afghanistan mit Tausenden von Opfern der Fall war, flüchten sie sich in ihre Religionen als einer Form von Widerstand. Dann geht es nicht mehr um etwas Religiöses, sondern die Politik bedient sich der Religion als Selbstverteidigung. Invasion schafft Wut und Rachegelüste. Fundamentalismus und Terrorismus haben ihre Wurzeln in diesem Fragekomplex. So kommt es zu Terrorattacken.

Wie kommen wir aus dieser kulturellen Sackgasse wieder heraus? Es ist unerlässlich, die Werte der Gastfreundschaft zu leben, offen für den Dialog zu sein und von denen zu lernen, die anders sind als wir, eine aktive Toleranz zu leben und sich seiner Menschlichkeit bewusst zu sein.

Religionen müssen einander anerkennen, um in den Dialog zu treten und ein Mindestmaß an Gemeinsamkeiten zu finden, das eine friedliche Koexistenz ermöglicht.

Vor allem ist es wichtig, den religiösen Pluralismus als eine Tatsache und als ein Recht anzuerkennen. Pluralismus kommt von einem richtigen Verständnis von Gott. Keine Religion kann hoffen, innerhalb der Grenzen ihres Redens und ihrer Riten das Mysterium zu definieren, die Ur-Quelle aller Wesen, oder welchen Namen sie der Höchsten Wirklichkeit geben wollen. Wenn das möglich wäre, wäre Gott ein Teil der Welt, ein Idol. Gott ist immer jenseits und immer weit über uns. Folglich gibt es Raum für unterschiedliche Ausdrucks- und Zelebrationsformen Gottes, die nicht nur einer einzigen Religion eigen sind.

Die ersten elf Kapitel des Buchs Genesis enthalten eine wunderbare Lektion. Sie sprechen nicht von den Israeliten als dem auserwählten Volk. Sie nehmen Bezug auf alle Völker der Erde, die alle Völker Gottes sind. Über ihnen entsteht der Regenbogen des göttlichen Bündnisses. Diese Botschaft erinnert uns noch heute daran, dass alle Völker mit ihren Religionen und ihren Traditionen Völker Gottes sind. Sie alle leben auf der Erde, im Garten Gottes, und bilden die einzigartige menschliche Spezies, die sich aus vielen Familien mit ihren Traditionen, Kulturen und Religionen zusammensetzt.

Leonardo Boff
30.01.2015

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Intoleranz im heutigen Brasilien und in der Welt

Der jüngste Mord an den Karikaturisten von Charlie Hebdo in Frankreich und die letzten Wahlen in Brasilien zeigten einen latenten Umstand der brasilianischen Kultur und der Welt auf: Intoleranz. Ich will mich hier auf die Intoleranz in der brasilianischen Kultur beschränken, denn mein voriger Artikel handelte von dem, was sich in den Mordanschlägen bei Charlie Hebdo gezeigt hat. Die brasilianische Intoleranz ist Teil dessen, was Sérgio Buarque de Holanda als „vom Herzen kommend“ bezeichnete in dem Sinn, dass Hass und Vorurteile ebenso wie Gastfreundschaft und Sympathie vom Herzen kommen. Doch eher als „vom Herzen kommend“ würde ich es im Fall von Brasilien als „passioniert“ bezeichnen.

Was die letzte Wahlkampagne zeigte, war „vom Herzen kommend-passioniert“ in Form von Klassenhass (Verachtung der Armen) und Rassendiskriminierung (Schwarze und die aus dem Norden Stammenden). Arm zu sein oder schwarz oder aus dem Norden zu stammen wurde als ein Manko angesehen. Daher rührt das absurde Verlangen einiger, Brasilien in den „reichen“ Süden und den „armen“ Nordosten aufzuteilen. Dieser Klassenhass leitet sich vom Archetypus von La Casa Grande und von Senzala her, der in manchen sozialen Bereichen fortbesteht und treffend von einer reichen Dame aus Salavador zum Ausdruck gebracht wurde: „Die Armen geben sich nicht mehr zufrieden mit der Stillung der Grundbedürfnisse einer Familie; nun wollen sie auch noch Rechte.“ Dem liegt die Einstellung zugrunde, dass, wenn sie zuvor Sklaven waren, sie alles kostenlos tun sollten, als wäre die Sklaverei nie abgeschaffen worden gegeben und als ob es keine Rechte gäbe. Homosexuelle und andere LGBT-orientierte Personen werden sogar in öffentlichen Debatten von Kandidaten beleidigt, welche eine unerträgliche Intoleranz an den Tag legten.

Um Intoleranz besser zu verstehen, müssen wir tiefer bis in den Kern des Problems vordringen. Die heutige Realität ist durch und durch widersprüchlich und komplex, denn sie ist die Konvergenz der unterschiedlichsten Faktoren. Darin finden sich das ursprüngliche Chaos und Kosmos (Ordnung), Licht und Schatten, das Sym-bolische und das Dia-bolische. Tatsächlich sind diese keine Konstruktionsfehler, sondern die tatsächliche Bedingung der Fülle, aus der das Universum besteht. Dies zwingt zu universeller Koexistenz mit Unterschieden und Unvollkommenheiten und zu Toleranz mit denjenigen, die nicht so denken und handeln wie wir. In klaren Worten ausgedrückt: dies sind zwei gegensätzliche Pole, doch Pole einer einzigen und einzigartigen dynamischen Realität. Diese Polaritäten können nicht aufgehoben werden. Alle Versuche, sie aufzuheben, führen zu Terror durch diejenigen, die meinen, im Besitz der Wahrheit zu sein, und die versuchen, diese Wahrheit Anderen aufzuzwingen. Der Exzess von Wahrheit wird dann schlimmer als ein Irrtum es sein könnte.

Was jede und jeder (und die Gesellschaft) wissen muss, ist wie sich ein Pol vom anderen unterscheidet und wie man eine Wahl trifft. Menschen erscheinen als ethische Wesen, wenn sie Verantwortung für ihre Taten und für deren Konsequenzen übernehmen.

Man könnte meinen, dann wäre alles gut, und sich fragen, ob es nun keine Unterschiede mehr gibt. Es ist nicht so, dass alles gut wäre und dass alle Unterschiede aufgehoben wären. Unterschiede müssen gemacht werden. Unkraut ist Unkraut und kein Weizen. Weizen ist Weizen und nicht einfach Unkraut. Der Folterer kann nicht dasselbe Schicksal haben wie der Gefolterte. Die Menschen dürfen nicht der Gleichmacherei verfallen und diese beiden verwechseln. Die Menschen müssen urteilsfähig sein und Entscheidungen treffen können.

Um Koexistenz zu erreichen, ohne diese Prinzipien zu verwechseln, müssen wir die Toleranz in uns stärken. Toleranz ist die Fähigkeit, in positiver Weise diese schwierige Koexistenz aufrecht zu erhalten und die Spannung zwischen den Polen auszuhalten, im Wissen, dass sie sich gegenüber stehen, doch dass sie Teil einer einzigen dynamischen Realität sind. Selbst wenn sie sich gegenüber stehen, sind sie doch zwei Seiten desselben Ganzen, wie links und rechts.

Das aktuell bestehende Risiko ist die Intoleranz. Intoleranz verkleinert die Realität, denn sie akzeptiert nur einen Pol und verleugnet den anderen. Intoleranz zwingt jede und jeden dazu, den einen Pol anzunehmen und den anderen auszulöschen, so wie der Islamische Staat und al-Quaida es auf kriminelle Weise tun. Fundamentalismus und Dogmatismus halten ihre Wahrheiten für absolut. Daher verurteilen sie sich selbst zu Intoleranz und weder anerkennen noch respektieren sie die Wahrheit Anderer. Ihre erste Handlung besteht darin, die Meinungsfreiheit und Pluralismus zu unterdrücken und ihre einzigartige Denkweise Anderen aufzuzwingen. Anschläge wie der in Paris haben ihre Wurzel in dieser Intoleranz.

Passive Toleranz muss allerdings vermieden werden, d. h. die Haltung, dass man die Existenz des anderen akzeptiert, nicht weil man das so möchte, sondern weil es nicht anders geht.

Stattdessen muss zu aktiver Toleranz ermutigt werden, die aus Koexistenz besteht mit einer Haltung aus positivem Zusammensein mit dem Anderen, und zwar aus Respekt und im Bewusstsein, dass das Anderssein einen Wert besitzt, der uns selbst bereichern kann.

Toleranz ist vor allem eine ethische Erfahrung. Toleranz repräsentiert das Recht aller so zu sein, wie sie sind, und weiterhin so zu bleiben. Dieses Recht wurde universell in der goldenen Regel formuliert: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“ Oder positiv ausgedrückt: „Was ihr wollt, das andere euch tun, das tut auch ihnen.“ Dies ist ein einleuchtendes Prinzip.

Im Grunde lässt sich die Wahrheit, die in der Toleranz liegt, folgendermaßen zusammenfassen: Jede Person hat ein Recht auf Leben und auf Koexistenz auf dem Planeten Erde. Alle haben ein Recht, hier zu sein mit ihren je eigenen Unterschieden. Dieses Recht geht jeder Ausdrucksweise von Leben als eine Weltsicht, Glaube oder Ideologie voraus. Dies ist die große Schwierigkeit der europäischen Gesellschaften: der Mangel an Akzeptanz des Anderen, sei er ein Araber, Moslem oder Türke, und in der brasilianischen Gesellschaft ist es der Mangel an Akzeptanz des Nachkommens von Afrikanern, der aus dem Norden Stammenden, der Indigenen. Gesellschaften müssen so organisiert sein, dass sich per Recht jede und jeder einbezogen fühlen kann. Auf diese Weise entsteht Frieden, der, gemäß der Erd-Charta „die Gesamtheit dessen ist, das geschaffen wird durch rechte Beziehungen zu sich selbst, zu anderen Personen, anderen Kulturen, anderen Lebewesen, der Erde und dem größeren Ganzen, zu dem alles gehört“ (Nr. 16f).

Die Natur lehrt uns die wichtigste Lektion: Ganz gleich, wie verschieden die Lebewesen auch sind; sie alle koexistieren und kreieren die Komplexität der Wirklichkeit und die herrliche Vielfalt des Lebens.

Leonardo Boff
23.01.2015

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Zum besseren Verständnis der Terrorattacke auf Charlie Hebdo in Paris

Es ist eine Sache, und es ist berechtigt, sich über die Terrorattacke zu empören, die die besten französischen Karikaturisten tötete. Dies war ein abscheulicher und krimineller Akt, den niemand unterstützen kann.

Eine andere Sache ist es, auf analytische Weise verstehen zu wollen, warum solche terroristischen Akte ausgeübt werden. Solche Taten fallen nicht vom Himmel. Der Himmel über ihnen ist dunkel, voll tragischer Geschichten, großer Massaker, Demütigungen und Diskriminierungen, und nicht nur durch echte Kriege wie im Irak und in Afghanistan, die Tausenden Menschen das Leben kostete oder sie ins Exil zwang.

Die Vereinigten Staaten und mehrere europäische Staaten waren in diese Kriegen involviert. Millionen von Moslems leben in Frankreich, die meisten davon in Randgebieten von Großstädten in prekärer Lage. Viele von ihnen werden, obwohl sie in Frankreich geboren sind, so sehr diskriminiert, dass es sich um eine richtige Islamophobie zu handeln scheint. Nach dem Anschlag auf das Büro von Charlie Hebdo wurde eine Moschee beschossen, ein muslimisches Restaurant wurde in Brand gesetzt und auch ein muslimisches Gebetshaus wurde beschossen.

Worum es gehen muss, ist, den Geist der Rache zu überwinden und auf eine Strategie zu verzichten, die auf Gewalt mit immer mehr Gegengewalt antwortet. Dies erzeugt eine Spirale niemals endender Gewalt, die unzählige, zumeist unschuldige Opfer kostet. Und Friede lässt sich so nie erreichen. Wer Frieden will, muss die Mittel zum Frieden vorbereiten, der das Produkt von Dialog und respektvollem Zusammenleben aller ist.

Der Terroranschlag vom 11. September 2001 gegen die Vereinigten Staaten war paradigmatisch. Die Reaktion von Präsident Bush darauf war die Ankündigung eines „endlosen Kriegs“ gegen Terror und das Durchsetzen des „Patriot Act“, der die fundamentalen Bürgerrechte verletzt.

Was die Vereinigten Staaten und ihre westlichen Verbündeten im Irak und in Afghanistan unternahmen, war ein moderner Krieg, der zahllosen Zivilisten das Leben kostete. Hätte es in diesen Ländern nur große Dattelpalmen und Feigenanbau gegeben, wäre so etwas nicht geschehen. Doch in diesen Ländern gibt es große Ölvorkommen, das Blut des weltweiten Produktionssystems. Eine solche Gewalt führte bei vielen Moslems, die in diesen Ländern, aber auch anderswo in der Welt leben, zu Wut, Hass und Rachegelüsten.

Von diesem Hintergrund ausgehend kann man verstehen, dass der abscheuliche Anschlag in Paris das Ergebnis dieser vorigen Gewalt war und kein spontaner Akt, was diesen jedoch nicht rechtfertigt.

Die Auswirkung dieses Anschlags ist die Verbreitung von Angst. Das ist genau das, was Terrorismus bezweckt: dass sich die Menschen nur noch mit Terrorismus befassen und sie zu Gefangenen ihrer Angst werden. Das Hauptinteresse des Terrorismus besteht nicht darin, das Territorium des anderen zu erobern, wie es die westlichen Verbündeten in Afghanistan und dem Irak taten, sondern deren Gedanken zu besetzen.

Bedauerlicherweise verwirklichte sich die Prophezeiung des intelligenten Autors der Anschläge vom 11. September, Osama Bin Ladens, die er am 8. Oktober 2001 machte: „Die Vereinigten Staaten werden sich niemals wieder in Sicherheit wiegen können, niemals wieder Frieden haben.“ Sich in den Köpfen der Menschen zu verankern, sie emotionell zu destabilisieren, sie gegenüber jeder fremden Geste oder Person misstrauisch machen, ist das wesentliche Ziel des Terrorismus.

Um sein Ziel, die Gedanken der Menschen zu beherrschen, zu erreichen, folgt der Terrorismus folgender Strategie:

1. Die Aktionen müssen spektakulär sein, sonst führen sie nicht zu weit verbreitetem Aufruhr.

2. Die Aktionen müssen, auch wenn sie verabscheuenswürdig sind, Bewunderung für ihren Ideenreichtum hervorrufen.

3. Die Aktionen müssen erkennen lassen, dass sie minutiös geplant waren.

4. Die Aktionen müssen unerwartet sein, um den Eindruck der Unkontrollierbarkeit zu erwecken.

5. Die Autoren der Aktionen müssen anonym bleiben (maskiert), denn das macht sie suspekter und flößt mehr Angst ein.

6. Die Aktionen müssen dauerhafte Angst einflößen.

7. Die Aktionen müssen die Wahrnehmung der Realität verzerren: Alles, was anders ist, kann Terror hervorbringen. Es genügt schon, irgendein armes Kind in ein Einkaufszentrum gehen zu sehen, und schon entsteht der Eindruck eines potentiellen Aggressors.

Folgendermaßen lässt sich das Konzept des Terrorismus zusammenfassen: Es handelt sich um eine beliebige spektakuläre Gewalthandlung, die zum Zweck hat, die Gedanken der Menschen mit Angst und Bedrohung zu besetzen. Die Gewalt an sich ist nicht maßgeblich; wichtig ist ihre spektakuläre Eigenschaft, ihre Fähigkeit, sich in den Köpfen aller zu verankern. Eine der bedauerlichsten Auswirkungen des Terrorismus war, dass es den terroristischen Staat, zu dem die Vereinigten Staaten sich entwickelt haben, vorantrieb. Noam Chomsky zitiert einen Funktionsträger des nordamerikanischen Sicherheitsapparats, der bekannte: „Die Vereinigten Staaten sind ein terroristischer Staat, und darauf sind wir stolz.

Hoffentlich setzt sich dieser Geist nicht in der Welt durch, vor allem im Westen. Tut er es doch, sind wir auf dem besten Weg zum Schlimmsten, das uns bevorstehen kann. Nur friedliche Mittel haben die geheime Kraft, Krieg und Gewalt zu überwinden. Dies ist die Lektion, die die Geschichte uns lehrt, und der Rat von weisen Menschen wie Mahatma Gandhi, Martin Luther King Jr., Franz von Assisi und Franziskus von Rom.

Leonardo Boff
16.01.2015

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Papst Franziskus gegen seine Verleumder den Rücken stärken

An mehreren Orten weltweit, insbesondere jedoch in Italien, entwickelt sich unter den Kardinälen und Mitgliedern der Römischen Kurie sowie in konservativen Gruppen ein starker Widerstand gegen Papst Franziskus, um diesen zu diskreditieren. Sie bringen ihr Unbehagen zum Ausdruck und verbergen sich dabei hinter Vittorio Messori, einem bekannten laizistischen, konvertierten Schriftsteller.

Daher machte es mich traurig, als ich den Artikel von Vittorio Messori im Mailänder Corriere della Sera las, der den Titel trug: „Franziskus‘ Optionen: Zweifel am Kurs des Papstes“ (24.12.2014). Er wartete auf die Vesper des Heiligen Abend, um den Papst tief zu treffen. Messori kritisiert vor allem seine „Unvorhersehbarkeit, die nicht aufhört, die Ruhe der moderaten Katholiken zu stören.“ Hingegen bewundert Messori den linearen Kurs des „geliebten Joseph Ratzinger“ und zwischen fromme Phrasen injiziert er eine große Dosis Gift. Und dies tut er, wie er selbst zugibt, im Namen derer, die nicht den Mut aufbringen, dies öffentlich zu tun.

Ich würde gern den Zweifeln des Herrn Messori etwas entgegensetzen. Er bemerkt die neuen Zeichen der Zeit nicht, die der römische Franziskus gesetzt hat. Darüber hinaus unterlaufen ihm drei Fehler: zwei Fehler theologischer Natur und ein dritter bezüglich der Interpretation der Relevanz der Kirche in der Dritten Welt.

Messori empört sich über die „Unvorhersehbarkeit“ dieses Hirten, denn dieser „hört nicht auf, die Ruhe der moderaten Katholiken zu stören.“ Man muss die Qualität des Glaubens dieses „moderaten Katholiken“ hinterfragen, dem es schwer fällt, einen Hirten zu akzeptieren, der den Geruch der Schafe an sich trägt und der „die Freude des Evangeliums“ verkündet. In der Regel sind dies kulturelle Katholiken, die an die pharonische Figur eines Papstes gewohnt sind, der mit allen Machtsymbolen des heidnischen römischen Kaisers ausgestattet ist.

Nun kommt ein „franziskanischer“ Papst daher, der die Armen in den Mittelpunkt stellt, der nicht „Prada trägt“, der mutig das System kritisiert, das Elend in vielenTeilen der Welt produziert, der die Kirche den Menschen zugänglich macht, ohne über sie zu urteilen, und der sie in dem Geist willkommen heißt, den er als eine „Revolution der Zärtlichkeit“ bezeichnete, als er zu den lateinamerikanischen Bischöfen sprach.

Messoris Denkweise weist große Lücken auf. Seine beiden theologischen Fehler bestehen in der fast völligen Abwesenheit des Heiligen Geistes und im Christomonismus (d. h. dass nur Christus zählt). Es gibt keinen Platz für den Hl. Geist. Alles in der Kirche wird allein durch Christus beschlossen. Dies stimmt allerdings nicht mit der Lehre Jesu überein. Ich sage dies deshalb, weil das, was Messori an den Aktionen des Papstes stört, dessen „Unvorhersehbarkeit“ ist. Nun aber ist gerade dies eine Eigenschaft des Heiligen Geistes, wie der Evangelist Johannes sagt: „Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht“ (Joh 3,8). Das Charakteristikum des Geistes ist sein unvorhersehbares Erscheinen.

Messori ist Geisel eines linearen Kurses seines „geliebten Joseph Ratzingers“ und anderer Vorgänger-Päpste. Leider machte dieser lineare Kurs die Kirche zu einer Festung, die nicht in der Lage ist, die Komplexität der modernen Welt zu verstehen, und die inmitten anderer Kirchen und spiritueller Wege isoliert da steht, ohne Dialoge zu führen und von anderen zu lernen, die ebenfalls durch den Geist erleuchtet sind. Es ist schon Blasphemie dem Hl. Geist gegenüber, zu denken, dass die Gedanken der anderen alle irrig sind. Aus diesem Grund ist eine offene Kirche, wie Papst Franziskus sie wünscht, der Schlüssel zur Erkenntnis des Geistes, wo immer er durch alle Zeiten hinweg erscheint. Nicht grundlos nennen einige Theologen ihn die „Fantasie Gottes“ wegen seiner Kreativität und Neuheit für die Geschichte und die Kirche.

Ohne den Hl. Geist würde die Kirche zu einer schweren Institution, der es an Kreativität mangelt. Am Ende hätte sie wenig in der Welt zu sagen, außer Doktrin für Doktrin von sich zu geben, und könnte nicht zu einer lebendigen Begegnung mit Christus führen oder Hoffnung und Lebensfreude erwecken.

Es ist ein Geschenk des Hl. Geistes, dass dieser Papst von außerhalb dieser alten und müden europäischen Christenheit kam. Papst Franziskus ist kein subtiler Theologe, sondern ein Hirte, der den Auftrag Jesu an Petrus versteht: „Stärke deine Brüder und Schwestern im Glauben“ (Lk 22,32). Franziskus bringt die Erfahrung der Kirchen in der Dritten Welt, insbesondere der in Lateinamerika, mit.

Es gibt noch eine andere Lücke in Messoris Denken: Er unterschätzt die Tatsache, dass die heutige Christenheit eine Religion der Dritten Welt ist, wie es der deutsche Theologe J. B. Metz so oft wiederholt hat. Katholiken stellen weniger als 25 % der europäischen Bevölkerung, während sie in der Dritten Welt fast 73 % darstellen und in Lateinamerika fast 49 %.

Warum sollten wir nicht das Neue annehmen, das von diesen Kirchen kommt, die nicht länger ein Spiegelbild der alten europäischen Kirchen sind, sondern Quellen-Kirchen mit ihren eigenen Märtyrern, Bekennern und Theologen?

Wir können uns vorstellen, dass in nicht zu ferner Zukunft der Sitz des Primas nicht mehr in Rom bei der Kurie sein wird mit allen ihren Widersprüchlichkeiten, die Papst Franziskus vor kurzem mit mutigen Worten entlarvte, wie man es nur aus dem Munde Martin Luthers kannte und aus meinem Buch „Kirche: Charisma und Macht“ (1984), das sich aus heutiger Sicht eher harmlos als kritisch liest. Es wäre sinnvoll, wenn der Hauptsitz sich dort befände, wo die Mehrheit der Katholiken lebt, also in Lateinamerika, Asien und Afrika. Dies wäre ein unmissverständliches Zeichen für die wahre Katholizität der Kirche in dieser neuen globalisierten Phase der Menschheit.

Ich hatte ernsthaft gehofft, bei Vittorio Messori auf eine größere Intelligenz des Glaubens und auf mehr Offenheit zu stoßen mit seinen Referenzen als Katholik, der dieser einen Art von Kirche gegenüber treu und ein bekannter Schriftsteller ist. Papst Franziskus hat vielen Katholiken und anderen Christen Hoffnung und frischen Wind gebracht, die sehr stolz auf ihn sind.

Wir wollen dieses Geschenk des Geistes nicht mit eher negativem als positivem Analysieren vergeuden, das die „Freude am Evangelium“ für alle nicht stärkt.

Leonardo Boff
02.01.2015

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Das Ende einer Epoche, eine neue Zivilisation oder das Ende der Welt?

Einige hoch angesehene Persönlichkeiten warnen davor, dass wir uns bereits in einem Dritten Weltkrieg befinden. Derjenige unter ihnen, der die höchste Autorität innehat, ist Papst Franziskus. Am 13. September sagte er während des Besuchs eines Friedhofs für italienische Soldaten, die in Radipulia in der Nähe von Slowenien ums Leben kamen: „Der Dritte Weltkrieg könnte bereits begonnen haben. In Teilen wird er bereits ausgefochten in Form von Verbrechen, Massakern und Zerstörung.“ Am 12. Dezember 2014 warnte der 93-jährige Altbundeskanzler Helmut Schmidt vor einem möglichen Dritten Weltkrieg (Boletim Carta Maior vom 22.12.2014). Genauso kann man hier und da auch andere maßgebliche Stimmen hören.

Die für mich am überzeugendste Analyse, die ich für prophetisch halte, da bereits stattfindet, was in ihr vorhergesagt wurde, stammt von Jacques Attali in seinem bekannten Buch „Die Welt von morgen. Eine kleine Geschichte der Zukunft“ (Parthas, 2008). Er war ein Berater François Mitterands und steht nun der Kommission zur „Freisetzung des Wirtschaftswachstums“ vor. Er arbeitet mit einem hochqualifizierten, interdisziplinären Team zusammen. Attali sah drei Szenarien voraus:

1. Das Super-Empire, bestehend aus den USA und ihren Verbündeten. Seine Stärke liegt in seiner Kapazität, die ganze Menschheit zu vernichten. Doch es befindet sich im Niedergang aufgrund der systemischen Krise des kapitalistischen Systems. Es folgt der Ideologie des Pentagon von der „Dominanz des ganzen Spektrums“ in allen Bereichen, im Militär, der Ideologie, der Politik, Wirtschaft und Kultur. Doch es wurde auf dem wirtschaftlichen Feld von China überholt und hat Schwierigkeiten, anderen seine imperialistische Logik aufzuzwingen.

2. Der Super-Konflikt. Mit dem langsamen Niedergang des Empires taucht eine Balkanisierung der Welt auf, wie es zurzeit an den regionalen Konflikten in Nordafrika, dem Mittleren Osten, in Afrika und der Ukraine zu beobachten ist. Diese Konflikte können sich mit dem Gebrauch von Massenvernichtungswaffen verstärken (siehe Syrien und Irak), dann mit kleinen Nuklearwaffen (es gibt Tausende davon in Aktentaschen-Größe), die zwar wenig zerstören, aber ganze Regionen für viele Jahre durch hohe radioaktive Strahlung unbewohnbar machen. Mit der weit verbreiteten Nutzung nuklearer, chemischer und biologischer Waffen könnte eine Zeit kommen, in der die Menschheit sich dessen bewusst wird, dass sie sich selbst zerstören könnte. Und dann träte das dritte und letzte Szenario in Kraft:

3. Die Super-Demokratie. Um nicht sich selbst und einen Großteil der Biosphäre zu zerstören, würde die Menschheit einen Welt-Sozial-Vertrag abschließen, der verschiedene Instanzen globaler Regierungen umfasst. Mit knappen natürlichen Ressourcen haben wir das Überleben der menschlichen Spezies und der ganzen Lebensgemeinschaft zu gewährleisten, die ebenfalls von Mutter Erde (Gaia) geschaffen und aufrechterhalten wird.

Sollte es nicht zu dieser Phase kommen, könnten wir das Ende der menschlichen Spezies und eines großen Teils der Biosphäre erleben. Der Fehler läge in unserem rationalistischen Zivilisations-Paradigma. Der Ökonom und Humanist Luiz Gonzaga Belluzzo fasste dies kürzlich gut zusammen: „Der westliche Traum von der Schaffung eines menschlichen Lebensraums basierend ausschließlich auf Vernunft, Ablehnung von Tradition und Verwerfung von jeglicher Transzendenz, befindet sich in einer Sackgasse. Die westliche Vernunft kann nicht gleichzeitig die Werte der universalen Menschenrechte, die Ambitionen technischen Fortschritts und das Versprechen von Wohlstand für alle umsetzen. (Carta Capital, 21.12.2014). Durch seine Irrationalität schafft diese Art von Vernunft die Mittel, um ihre eigene Zerstörung zu bewirken.

Wahrscheinlich bedürfte es dann Tausende oder Millionen von Jahren für den Evolutionsprozess, um wieder ein Wesen hervorzubringen, das ausreichend komplex wäre und in der Lage, den Geist zu erhalten, der sich zuerst im Universum befand und danach erst in uns.

Doch es könnte ebenso gut zu einer neuen Epoche kommen, die den sensiblen Verstand (Liebe und Achtsamkeit) mit der instrumentell-analytischen Vernunft (Technowissenschaft) vereint. Schließlich käme dann heraus, was Teilhard de Chardin im Jahr 1933 in China als Noosphäre bezeichnete: Geist und Herz vereint in Solidarität, Liebe und Achtsamkeit für das Gemeinsame Haus, die Erde. Attali schrieb: „Ich möchte endlich glauben, dass der Schrecken über die zuvor erwähnte Zukunft uns dazu führen wird, dies unmöglich zu machen Dann würde das Versprechen einer Erde, die allen durch das Leben Reisenden gegenüber gastfreundlich eingestellt ist, erfüllt“ (a.a.O. S. 210).

Und am Ende überlässt er uns Brasilianern diese Herausforderung: „Wenn es ein Land gibt, das so aussieht wie ein Land, in das die ganze Welt sich verwandeln könnte, im Guten wie im Schlechten, dann ist dieses Land Brasilien“ (S. 231).

Leonardo Boff
01.01.2015

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Weihnachten: der Feiertag von Gottes Menschlichkeit und Tischgemeinschaft

Weihnachten steckt voller Bedeutungen. Eine seiner Botschaften wurde durch die Konsumkultur, die den gutmütigen, alten Weihnachtsmann dem Jesuskind vorzieht, übernommen, denn der Weihnachtsmann ist interessanter für das Geschäft. Das Jesuskind seinerseits spricht vom inneren Kind, das wir stets in uns tragen, das der Fürsorge bedarf und das, einmal erwachsen, selbst den Impuls in sich trägt, für andere zu sorgen. Dies ist der Teil des Paradieses, der nicht ganz verlorengegangen ist und der aus Unschuld besteht, aus Spontanität, dem Zauberhaften und dem gemeinsamen Spiel und dem Miteinander mit dem Anderen, ohne jede Art von Diskriminierung.

Für Christen ist dies die Feier der „Nähe und Menschlichkeit“ unseres Gottes, wie es im Titusbrief (3,4) heißt. Gott wurde so ergriffen von den Menschen, dass Er einer von uns werden wollte. Fernando Pessoa drückt dies so wunderschön in seinem Gedicht über Weihnachten aus: „Er ist das ewige Kind; der Gott, der uns fehlte; das göttliche Wesen, das lächelt und spielt; das so menschliche Kind, das göttlich ist.

Nun haben wir ein Gottes-Kind, nicht einen Gott, der wie ein strenger Richter über unsere Taten und über die Geschichte der Menschheit urteilt. Welche innere Freude breitet sich in uns aus, wenn wir bedenken, dass ein Gottes-Kind über uns urteilen wird. Eher als uns zu verurteilen, möchte das Gottes-Kind für immer mit uns leben und sich zusammen mit uns vergnügen.

Seine Geburt rief eine kosmische Erschütterung hervor. Ein Text aus der christlichen Liturgie drückt dies symbolisch aus: „Dann verstummten die plappernden Blätter als stürben sie; der flüsternde Wind stand still in der Luft; der krähende Hahn verstummte inmitten seines Schreis; das sanfte Wasser des Baches stand still; die weidenden Schafe standen bewegungslos; der Hirte mit dem erhobenen Stab war wie versteinert; dann, in genau diesem Augenblick, wurde alles ruhig, alles verstummte, alles erstarrte: Jesus, der Retter der Völker und des Universums, war geboren.“

Weihnachten ist eine Feier des Lichts, der weltweiten Geschwisterlichkeit, der Familie, die sich um einen Tisch versammelt. Es ist mehr als nur ein Festmahl, es ist ein Fest des Lebens, das wir miteinander teilen, ein Fest der Großzügigkeit der Früchte unserer Mutter Erde und der kulinarischen Kunst menschlicher Arbeit.

Für einen Augenblick vergessen wir die alltägliche Mühe, die Last unserer mühseligen Existenz, die Spannungen zwischen Familienmitgliedern und Freunden, und wir werden vergnügt zu Brüdern und Schwestern, die sich in der Tischgemeinschaft zusammenfinden, d. h. zusammen an einem Tisch essen wie früher, als die ganze Familie, Eltern, Söhne und Töchter, gemeinsam am Tisch saßen, um zu reden, zu essen und zu trinken.

Tischgemeinschaft ist so zentral, dass sie auf das erste Erscheinen der Menschen als solche hinweist. Vor sieben Millionen Jahren begann die allmähliche und fortschreitende Loslösung von einem gemeinsamen Vorfahren zwischen höher entwickelten Menschenaffen und Menschen. Die Einzigartigkeit des Menschen, im Gegensatz zu den Tieren, besteht im Sammeln von Lebensmitteln, deren Verteilung unter allen, beginnend bei den Jüngsten und Ältesten und erst danach unter allen anderen.

Tischgemeinschaft setzt Kooperation und Solidarität miteinander voraus. Es war die Tischgemeinschaft, die den Entwicklungssprung von der Bestie zum Menschen voran brachte. Was damals stimmte, ist auch heute noch wahr. Aus diesem Grund ist es so schmerzhaft, sich bewusst zu machen, dass Millionen und Abermillionen von Menschen nichts zum Teilen haben und unter Hunger leiden müssen.

Am 11. September 2001 geschah die Gräueltat der Flugzeuge, die in die Zwillingstürme in New York krachten. Fast 3.000 Menschen mussten dadurch sterben.

An genau demselben Tag starben 16.400 Kinder unter 5 Jahren. Sie starben an Hungersnot und Mangelernährung. Am darauf folgenden Tag und das ganze Jahr hindurch wurden 12 Millionen Kinder Opfer von Hungersnot. Und niemand war damals darüber entsetzt oder ist es heute angesichts dieser menschlichen Katastrophe.

An diesem Weihnachten der Freude und Geschwisterlichkeit können wir nicht diejenigen vergessen, die Jesus seine „kleinen Brüder und Schwestern“ (Mt 25,40) nannte; diejenigen, die weder Geschenke erhalten noch etwas zu essen haben werden. Doch trotz dieser traurigen Tatsache feiern wir und singen, wir singen und sind froh, denn wir werden niemals allein sein. Der Name des Kindes ist Jesus, der Emmanuel, was bedeutet: „Gott mit uns“. Zu dieser Gelegenheit passt dieser kleine Vers sehr gut, denn er lässt uns über unser Verständnis von Gott, wie er sich uns zur Weihnacht zeigt, nachdenken:

Jeder kleine Junge möchte ein Mann sein.
Jeder Mann möchte ein König sein.
Jeder König möchte „Gott“ sein.
Nur Gott möchte ein Kind sein.

Ein Frohes Weihnachtsfest im Jahre des Herrn 2014.

Leonardo Boff
24.12.2014

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Politik und Dialog im Kontext der Wiederwahl Dilma Roussefs

Die Wiederwahl Dilma Roussefs verlangt nach einem Überdenken der diversen Formen von Parteipolitik. Sich in der Politik zu engagieren heißt, nach Macht zu streben oder sie auszuüben. Dies beleuchtet, was Max Weber in seinem berühmten Vortrag „Politik als Beruf“ sagte: „Wer sich in der Politik engagiert, strebt nach Macht; Macht als ein Mittel, anderen Zwecken zu dienen oder Macht im Eigeninteresse, um sich des Ansehens zu erfreuen, das sie mit sich bringt.“

Die letztgenannte Art von politischer Macht wurde die meiste Zeit über während unserer Geschichte durch die Herrschaftseliten ausgeübt, zu deren Eigennutz und unter Vernachlässigung der Tatsache, dass alle Macht dem Volk gegeben ist. Es geht hier um den bekannten Patrimonialismus, der von Raiumundo Faoro in seinem Klassiker „Os donos do poder“ (Die Machthaber) deutlich angeprangert wurde.

Ich sehe fünf verschiedene Formen von Machtausübung.

Erstens, die Politik der Fäuste. Dies ist die Macht, die von oben ausgeübt wird, und zwar auf autoritäre Weise. Es gibt nur ein einziges politisches Projekt, nämlich das der Machthaber, eines Diktators oder einer herrschenden Klasse. Sie setzen einfach ihre Pläne durch und zerschlagen die Alternativen. So verlief es zumeist in der brasilianischen Geschichte, vor allem während der Militärdiktatur.

Zweitens, die Politik des Schulterklopfens. Dies ist eine verdeckte Art von autoritärer Macht. Sie unterscheidet sich jedoch von der vorigen, denn sie ist offen für alle, die außerhalb der Macht stehen, strebt aber danach, diese in den dominanten Plan einzuspannen. Dann erhalten sie einige Vorteile, solange sie keine Alternative darstellen. Dies ist die bekannte paternalistische und assistierende Politik, die den Widerstand der Arbeiterklasse unterminiert und so viele Künstler und Intellektuelle korrumpierte. Sie funktionierte bei uns vor allem seit der Zeit von Vargas.

Drittens, die Politik der ausgestreckten Hände. Hier verteilt sich die Macht auf mehrere Machthaber, die sich innerhalb der Hegemonie der Stärksten verbünden. Das Bündnis zwischen der siegreichen Partei und anderen verbündeten Parteien gewährleistet die Möglichkeit zum Regieren. Das ist die
Präsidentialisierung der parlamentarischen Koalition. Dieser Typus ruft Vetternwirtschaft hervor, Streitigkeiten über einflussreiche Staatsposten und sogar Korruption. So geschah es in den letzten Jahren.

Viertens, die Politik der ineinander greifenden Hände. Sie beginnt bei der grundlegenden Tatsache, dass Macht auf alle Bewegungen und Institutionen der Zivilgesellschaft verteilt ist und nicht nur auf die politische Gesellschaft und den Staate. Dieser Typus von sozialer und politischer Macht kann sich zu etwas entwickeln, das vorteilhaft für alle ist. Genau darum geht es in der aktuellen Debatte, die die Partizipation der sozialen Bewegungen und Räte vorsieht, um gemeinsam mit dem Parlament und der Exekutiven die öffentliche Politik zu planen. Eine partizipative Demokratie ist angestrebt, um die repräsentative Demokratie zu bereichern. Sich dieser Form zu widersetzen heißt, sich der demokratisierenden Demokratie zu widersetzen und die gegenwärtige beizubehalten, die von geringer demokratischer Intensität ist.

Insbesondere haben wir es dann mit der Politik der ineinander greifenden Hände zu tun, wenn das Staatsoberhaupt einen breiten Dialog mit allen über ein Projekt vorschlägt, das von einem gemeinsamen Mindestinteresse ist. Der Vorschlag besteht darin, dass über alle Unterschiede und konkurrierenden Interessen hinaus in der Gesellschaft eine Vorstellung darüber besteht, welche Art von Land wir wollen, die Mindestsolidarität, das Streben nach dem Gemeinwohl, die Beachtung der beschlossenen Regeln und der Respekt für die Werte der Geselligkeit, ohne die wir zu wilden Tieren würden. Die ausgestreckten Hände können auf kollektive Weise ineinander greifen. Doch um dies zu erreichen, braucht es einen Dialog, in dem auf alle gehört wird und in dem man nach Beschlüssen sucht, die zu Win-Win- und nicht zu Win-Lose-Lösungen führen. Dies ist die Ethik in der Politik und gute, wirklich demokratische, Politik.

Schließlich gibt es noch die Politik als Verlockung, im wahrsten Sinne des Wortes, die dem Vorschlag der Präsidentin Dilma zugrunde liegt. Sie schlägt einen offenen Dialog mit allen politischen Akteuren vor sowie mit dem Volk. Sie muss unbedingt die 48 % anlocken, die nicht für sie gestimmt haben, sodass auch diese ein Brasilien-Projekt unterstützen, dass allen zugutekommt, angefangen bei der Inklusion der am meisten Ausgestoßenen der Gesellschaft, der Schaffung einer ökologischen und sozial nachhaltigen Entwicklung, die Arbeitsplätze schafft und für bessere Löhne sorgt, einer Umverteilung des Einkommens, einem vernünftigen öffentlichen Transportsystem und größerer Sicherheit für die Bevölkerung. Hinzu kommen noch die Sorge für die Natur und das Voranbringen eines Hoffnungshorizontes, sodass das Volk die Politik wieder anziehend finden kann.

Wir wären unsere eigenen Feinde, wenn wir uns diesen Zielen entgegen stellten. Die Kunst dieses Dialogs besteht darin, Politik wieder verlockend zu machen und die Menschen für diesen segensreichen Traum zu begeistern.

Um dies zu erreichen, müssen wir nach vorn schauen. Die Wahlsieger müssen großmütig sein, und die Verlierer müssen Demut und den guten Willen zur Kooperation zeigen und ihren Blick in Richtung des Gemeinwohls ausrichten.

Ist dies idealistisch? Ja, doch in einem tieferen Sinn. Eine Gesellschaft kann nicht nur durch Strukturen, Bürokratie und ideologische Machtkämpfe bestehen. Sie muss die Kooperation aller mit allen schaffen und den Traum aufrechterhalten, dass eine permanente Verbesserung möglich ist, eine Verbesserung, die weitest möglich so viel Menschen wie möglich inkludiert und ihnen nutzt, um unsere schreckliche soziale Ungleichheit zu überwinden.

Die kirchlichen Basisgemeinden haben Recht, wenn sie singen: „Wenn einer alleine träumt, ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, so ist das der Beginn einer neuen Wirklichkeit. Träumt unseren Traum.

Dies ist der überparteiliche Aufruf, den Präsidentin Dilma an das Parlament ergehen lässt, an die Volksbewegungen und an die ganze Nation. Nur auf diese Weise können wir die Rede von Bereichen und die Vorurteile gegenüber gewissen Regionen überwinden und die Wunden heilen, die in der Hitze der Wahlkampagne geschlagen wurden mit all ihren Exzessen durch beide Seiten.

Leonardo Boff
14.11.2014

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