Amazonas: weder wild noch Lunge oder Kornspeicher der Erde

Die Amazonas-Synode, die im Oktober dieses Jahres in Rom stattfinden wird, bedarf tieferer Kenntnisse des Ökosystems des Amazonas. Einige Mythen müssen widerlegt werden.

Der erste Mythos: die indigene Bevölkerung ist wild, völlig naturverbunden und daher in perfekter Harmonie mit der Natur. Die Indigenen folgen nicht kulturellen, sondern natürlichen Kriterien. Sie befinden sich in einer Art biologischen Siesta mit der Natur, in einer perfekten und passiven Anpassung an deren Rhythmen und Logik.

Diese Ökologisierung der Indigenen ist eine Phantasie, die aus der Ermüdungserscheinung des urbanen Lebens mit seiner exzessiven Technologie und Künstlichkeit resultiert.

Was wir sagen können, ist, dass die Amazon-Indigenen wie jeder andere Mensch sind, und als solche sind sie in ständiger Interaktion mit der Umwelt. Mehr und mehr zeigt die Forschung die Wechselwirkung zwischen Indigenen und der Natur und ihre gegenseitigen Auswirkungen aufeinander. Die Beziehungen sind nicht „natürlich“, sondern kulturell, wie unsere, in einem komplizierten Netz der Gegenseitigkeit. Vielleicht haben die Indigenen etwas Einzigartiges, das sie vom modernen Menschen unterscheidet: Sie erleben und verstehen die Natur als Teil ihrer Gesellschaft und Kultur, eine Erweiterung ihres persönlichen und sozialen Körpers. Für sie ist die Natur nicht, wie sie für den modernen Menschen ist, ein stummes und neutrales Objekt. Die Natur spricht und die Indigenen hören und verstehen ihre Stimme und ihre Botschaft. Die Natur ist Teil der Gesellschaft und die Gesellschaft ist Teil der Natur, in einem ständigen Prozess der gegenseitigen Anpassung. Aus diesem Grund sind die Indigenen viel besser integriert als wir. Wir können viel von der Beziehung lernen, die die Indigenen mit der Natur pflegen.

Der zweite Mythos: Der Amazonas ist die Lunge der Welt. Spezialisten bestätigen, dass sich der Amazonas-Urwald in einem Zustand des Höhepunkts befindet. Das heißt, der Amazonas ist in einem optimalen Zustand des Lebens, in einem dynamischen Gleichgewicht, in dem alles gut genutzt wird und somit alles im Gleichgewicht ist. Die von Pflanzen eingefangene Energie wird durch die Wechselwirkungen der Nahrungskette sinnvoll genutzt. Der Sauerstoff, den sie tagsüber durch Photosynthese freigeben, wird nachts von den Pflanzen selbst und anderen lebenden Organismen genutzt. Daher ist der Amazonas nicht die Lunge der Welt.

Allerdings funktioniert der Amazonas als großer Absorber von Kohlendioxid. Im Prozess der Photosynthese werden große Mengen Kohlenstoff absorbiert. Und Kohlendioxid ist eine Hauptursache für den Treibhauseffekt, der die Erde erwärmt (in den letzten 100 Jahren erwärmte sie sich um 25%). Wenn eines Tages der Amazonas vollständig entwaldet würde, würden fast 50 Milliarden Tonnen Kohlendioxid pro Jahr in die Atmosphäre gelangen. Das würde zu einem massiven Aussterben lebender Organismen führen.

Der dritte Mythos: der Amazonas als Brotkorb der Welt. Das dachten die ersten Entdecker, wie von Humboldt und Bonpland und die brasilianischen Planer, als das Militär an der Macht war (1964-1983). Das stimmt nicht. Die Forschung hat gezeigt, dass „der Urwald von sich selbst lebt“ und zum großen Teil „für sich selbst“ (vgl. Baum, V., Das Ökosystem der tropischen Regenwälder, Gießen 1986, 39). Der Urwald ist üppig, aber der Boden ist arm an Humus. Das klingt paradox. Harald Sioli, der große Spezialist für den Amazonas, brachte es auf den Punkt: „Der Urwald wächst tatsächlich auf dem Boden und nicht von dem Boden“ (A Amazénia, Vozes 1985, 60). Und er erklärt: Der Boden ist nur die physische Stütze für ein kompliziertes Netz von Wurzeln. Die Wurzeln der Bäume sind miteinander verflochten und unterstützen sich gegenseitig an der Basis. Es entsteht ein immenses Gleichgewicht und Rhythmus. Der ganze Urwald bewegt sich und tanzt. Deshalb fallen auch mehrere andere Bäume, wenn ein Baum fällt.

Der Urwald behält seinen überschwänglichen Charakter, weil es eine geschlossene Nahrungskette ist. Unterstützt durch das Wasser, das aus den Blättern tropft und die Baumstämme hinunterläuft, zersetzt sich im Boden eine Bioschicht aus Blättern, Früchten, kleinen Wurzeln und wildem Tierkot. Es ist nicht der Boden, der die Bäume nährt. Es sind die Bäume, die den Boden nähren. Diese beiden Wasserquellen spülen sich ab und tragen die Exkremente von Baumbewohnern und der größeren Arten, wie Vögel, Coatis, Makaken, Faultiere und andere, sowie die unzähligen Insekten, die in den Baumkronen leben. Eine enorme Menge an Pilzen und unzählige Mikroorganismen stellen diese Nährstoffe den Wurzeln zur Verfügung. Durch die Wurzeln absorbieren die Pflanzen sie und garantieren die faszinierende Überfülle des Amazonas Hileia. Doch es ist ein geschlossenes System mit einem komplexen und fragilen Gleichgewicht. Jede kleine Abweichung kann katastrophale Folgen haben. Der Humus ist in der Regel nicht mehr als 30-40 Zentimeter tief und kann durch sintflutartige Regenfälle weggespült werden. Innerhalb kurzer Zeit würde sich Sand bilden. Ohne den Urwald würde sich der Amazonas in eine riesige Savanne oder sogar in eine Wüste verwandeln. Deshalb kann der Amazonas nie der Kornspeicher der Welt sein, sondern wird auch weiterhin der Tempel der größten Artenvielfalt sein.

Der Amazonas-Spezialist Shelton H. Davis stellte 1978 eine Wahrheit fest, die auch 2019 noch gilt: „Derzeit wird ein stiller Krieg gegen die Aborigines, gegen unschuldige Bauern und gegen das Ökosystem des Urwalds im Amazonasbecken geführt“ (Opfer des Wunders, Saar 1978, 202). Bis 1968 war der Urwald praktisch intakt. Seitdem schreitet die Brutalisierung und Verwüstung des Amazons voran durch die großen Wasserkraft-Projekte und die Agrarindustrie; und nun mit der antiökologischen Gesinnung der Regierung Bosonaro.

Leonardo Boff
12.07.2019

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Vor Millionen von Jahren mündete der Amazonas in den Pazifik

Entsprechend der PanAmazonas-Synode wollen wir weiter in die Geschichte des Ökosystems des Amazonas eintauchen.

Euclides da Cunha (1866-1909), ein Klassiker der brasilianischen Literatur, war auch ein leidenschaftlicher Erforscher der Amazonas-Region und schrieb im Jahr 1905: „Menschliche Intelligenz könnte die machtvolle Realität des Amazonas nicht fassen, sie muss mit ihr wachsen, sich an sie anpassen, um sie zu beherrschen.“ (Ein verlorenes Paradies „Um Paraiso perdido“, Petropolis 1976, 15). Diese Behauptung führt den üppigen Reichtum dieses riesigen Ökosystems vor Augen.

Paradoxerweise erleidet der Amazonas auch die schlimmste Gewalt. Um das brutale Gesicht des raffgierigen kapitalistischen Systems zu sehen, brauchen wir nur den Amazonas zu besichtigen. Die monströse Eigenschaft des Geistes der Moderne, die Rationalisierung des Irrationalen und die unerbittliche Logik des naturfeindlichen Systems wird dort sichtbar.

Der brasilianische Staat, staatliche Unternehmen und Multis bildeten ein gewaltiges Trio und erzeugten das, was dann als „die Amazonas-Produktionsweise“ bezeichnet wurde (siehe: Mires, F., Discurso de la naturaleza: ecología y política en América Latina, DEI, San José 1990, 119-123). Es ist dies eine Art der Produktion/Zerstörung, die erschreckend raffgierig ist, auf intensive Weise Technologie gegen Natur einsetzt, dem Regenwald den Krieg erklärt, die indigene Bevölkerung ausradiert, Arbeitskraft aufs äußerste ausbeutet bis hin zu sklavenhalterischen Formen, um im Interesse des Weltmarkts die Produktion zu steigern.

Das kontinentale Amazonas-Gebiet umfasst 6,5 Millionen Quadratkilometer und bedeckt 40 % Lateinamerikas, 50 % Perus, ein Drittel Kolumbiens und weite Teile Boliviens, Venezuelas, Guyanas, Französisch Guyanas und Surinams sowie 3,5 Million Quadratkilometer Brasiliens.

Geologisch war der Proto-Amazonas während der Paläozoischen Ära (vor 230-550 Millionen Jahren) eine gigantische Öffnung des Golfs hin zum Pazifischen Ozean. Südamerika hing noch mit Afrika zusammen. Während des Känozoikums, zum Beginn der tertiären Periode vor 70 Millionen von Jahren, entstanden die Anden, und während des Pliozäns und Pleistozäns und während Tausenden von Jahren danach blockierten die Anden das Wasser vor dem Pazifik. Die gesamte Amazonasdepression wurde in eine wässrige Landschaft verwandelt, bis sie ihren Weg in den Atlantischen Ozean fand, wie es noch heute der Fall ist. (siehe:Soli,H., Amazônia, fundamentos da ecologia da maior região de florestas tropicais, Vozes, Petrópolis 1985, 15-17).

Gemäß neueren Forschungen ist der Amazonas mit einer Länge von 7.100 km der weltweit längste Fluss. Seine Quellen finden sich zwischen den Bergen Mismi (5.669m) und Kcahuich (5.577m), südlich der Stadt Cuzco in Peru. Der Amazonas ist auch der wasserreichste Fluss mit durchschnittlich 200.000 cbm/sec. Der Amazonas allein beinhaltet 1/5 bis 1/6 des Wassers aller Flüsse der Erde zusammen, die in die Ozeane und Meere münden. Das Hauptflussbett hat eine durchschnittliche Breite von 4-5 km und eine Tiefe, die zwischen 100m in Obidos bis zu 4m an der Mündung des Xingu-Flusses variiert.

Der Amazonas bietet das weiteste genetische Erbgut. Wie Eneas Salati, einer unserer besten Forscher, sagte: „In wenigen Hektar des Amazons-Dschungels existieren mehr Spezies Pflanzen und Insekten als in der gesamten Flora und Fauna Europas“ (Salati, E., Amazônia: desenvolvimento, integração, ecologia, Brasiliense/CNPq, S.Paulo 1983). Doch wir sollten uns nicht täuschen lassen: Dieser üppige Dschungel ist extrem fragil, denn er befindet sich auf einem der ärmsten und am meisten ausgelaugten Böden der Erde, wie wir bereits im vorigen Artikel schrieben. (Die Übersetzung des vorigen Artikels folgt noch. Anm. d. Übersetzerin)

Dem Historiker Pierre Chaunu zufolge lebten im prä-kolombianischen Amazonas-Gebiet 2 Millionen Menschen, und in ganz Südamerika gab es ca. 80-100 Millionen Einwohner, davon 5 Millionen Brasilianer.

Die Menschen dieser Epochen entwickelten einen geschickten Umgang mit dem Urwald, respektierten dessen Einzigartigkeit, doch gleichzeitig veränderten sie diesen Lebensraum, um Pflanzen wachsen zu lassen, die den Menschen nützlich sind. Wie der Anthropologe Viveiros de Castro bekräftigt: „Der Amazonas, den wir heute sehen, ist das Resultat aus Jahrhunderten sozialer Intervention, und die Gesellschaften dort sind das Resultat von Jahrhunderten Koexistenz mit dem Amazonas“ (“Sociedades indígenas y naturaleza”, en Tempo e Presença, n.261, 1992, 26). E. Miranda schreibt noch nachdrücklicher: „Nur wenig ist von der Natur des Amazonas übrig, das unberührt und unverändert durch den Menschen geblieben ist“ (Quando o Amazonas corria para o Pacífico, Vozes, Petrópolis 2007, 83).

In der brasilianischen Vorgeschichte (pre-Cabral), lebten ungefähr 1.400 Volksstämme, 60 % davon im Amazonas-Gebiet. Es wurden Sprachen gesprochen, die zu 40 Gruppen gehörten, welche sich wiederum in 94 unterschiedliche Familien untergliedern lassen; ein fantastischen Phänomen, das die Ethnologin Berta Ribeiro dazu führte zu behaupten, dass „nirgendwo sonst auf der Erde sich eine solche linguistische Vielfalt befindet, wie sie im tropischen Südamerika beobachtet werden kann“ (Amazônia urgente, op.cit. 75).

Es ist erwähnenswert, dass sich im Inneren des Amazonas-Urwalds 1.000 Jahre vor der Ankunft der Europäer ein immenser Raum (fast ein „Reich“) des Tupi-Guarani Stamms bildete. Es beinhaltete Gebiete, die sich von den Füßen der Anden ausstreckten bis hin zum Becken von Paraguay und der Parana, die bis zum Norden und Nordosten reichen, um zum Pantanal und den Gaucho Pampas herunter zu führen.

Praktisch der ganze brasilianische Urwald war- abgesehen von wenigen Ausnahmen – von den Tup-Guarani erobert (cf.Miranda, E., Quando o Amazonas corria para o Pacífico, op.cit.92-93). Ein Proto-Staat wurde gegründet, der ausgedehnten Handel mit den Anden und der Karibik trieb.

Dies widerlegt die Annahme eines einen wilden Charakters und eines zivilisatorisches Vakuums im Amazonas-Gebiet.

Leonardo Boff
20.07.2019

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Liebe in Zeiten von Wut und Hass

Wir leben in einer Zeit der Wut und des Hasses in Bolsonaros Brasilien und in der ganzen Welt. Wut und Hass sind die Früchte des Fundamentalismus und der Intoleranz, wie wir in Sri Lanka gesehen haben, wo mehrere Hundert Christen ermordet wurden, als sie den Sieg der Liebe über den Tod im Auferstehungsfest feierten.

Diese makabre Szene verlangt von uns, unseren Glauben zu erneuern, dass trotz allem Liebe stärker ist als Hass.

Das Wort Liebe wurde trivialisiert. Alles Mögliche wird als Liebe bezeichnet. Liebe in der Werbung spricht mehr den Geldbeutel der Menschen an als ihre Herzen. Wir müssen die heilige Natur der Liebe befreien. Wir haben kein besseres oder größeres Wort, um die Letzte Wirklichkeit, Gott, anders zu bezeichnen denn als Liebe.

Wir müssen anders über die Liebe sprechen, sodass ihre Natur und ihre Amplitude durchscheinen und uns wärmen kann. Dafür müssen wir verinnerlichen, was die diversen Geo-Wissenschaften (Fritjof Capra) beitragen, insbesondere die Biologie (Humberto Maturana) und die Studien über den kosmogenetischen Prozess (Brian Swimme). Immer mehr wird klar, dass Liebe ein objektives Faktum der globalen Realität ist, ein erfreulicher Aspekt von Mutter Natur selbst, deren Teil wir sind.

Unter anderen sind es zwei Aspekte, die den kosmogenetischen und den biogenetischen Prozess vorantreiben: Notwendigkeit und Spontaneität. Notwendigkeit zielt auf das Überleben jedes Wesens ab. Es ist der Grund, aus welchem innerhalb eines Netzwerks inklusiver Beziehungen ein Wesen dem anderen hilft. Die Synergie und Kooperation miteinander stellen die fundamentalsten Kräfte des Universums dar, insbesondere unter allen Lebewesen. Dies ist die objektive Dynamik des Kosmos selbst.

Zusammen mit der Kraft der Notwendigkeit existiert die Spontaneität. Lebewesen verknüpfen sich und interagieren miteinander zum puren Zweck der Erfüllung und Freude an der Koexistenz. Solche Beziehungen entstehen nicht aus einem Bedürfnis heraus. Sie treten in Erscheinung, um neue Bande zu knüpfen, abhängig von einer gewissen Affinität, die spontan entsteht und Freude verschafft. Es ist das Universum der Überraschung, des Faszinierenden, des Unberechenbaren. Es ist die Ankunft der Liebe.

Diese Liebe tritt zusammen mit dem allerersten Grundbaustein auf, den Quarks, die über das Notwendige hinaus Verbindungen schaffen, und zwar spontan und durch gegenseitige Anziehungskraft. Ganz grundlos entstand eine Welt, nicht notwendig, aber möglich, spontan und real.

Daher entstand die Kraft der Liebe, die sich durch alle Stadien der Evolution zieht und alle Wesen miteinander verbindet, ihnen eine ganz eigene Natur und Schönheit verleiht. Es gibt keinen einzigen Grund, aus dem sich einWesen mit einem anderen verbindet durch Bande der Spontaneität und der Freiheit. Sie tun es aus reinem Vergnügen und aus Freude am Zusammensein.

Es ist diese kosmische Liebe, die realisiert, was die Mystik schon immer intuitiv wusste: die Existenz reiner Freiwilligkeit. Der Mystiker Angelus Silesius sagt: „Die Rose hat keinen Grund. Sie blüht einfach nur, weil sie blüht. Der Rose ist es egal, ob sie bewundert wird oder nicht. Sie blüht einfach nur, weil sie blüht.“

Sagen wir nicht, dass der tiefe Sinn des Lebens darin besteht, einfach nur zu leben? Ebenso blüht die Liebe in uns als Frucht einer freien Beziehung zwischen freien Lebewesen miteinander.

Doch als Menschen mit einem Bewusstsein können wir die Liebe, die zur Natur der Dinge gehört, zu einem persönlichen und zivilisatorischen Projekt machen: bewusst Liebe leben, die Bedingungen für das Entstehen von Liebe zwischen trägen und lebenden Wesen schaffen. Wir können uns in einen fernen Stern verlieben und eine Geschichte der Zuneigung zu ihm aufbauen.

Liebe ist dringend nötig in der heutigen Zeit, wo die Stärke des Negativen, der Anti-Liebe vorzuherrschen scheint. Mehr als zu fragen, wer Terrorakte ausübt, muss man sich fragen, warum sie ausgeübt wurden. Sicherlich entstand Terror, weil die Liebe als eine Beziehung fehlte, die die menschen in der glückseligen Erfahrung verbindet, sich zu öffnen und sich gegenseitig erfreut zu umarmen.

Um es offen und klar zu sagen: Das vorherrschende Weltsystem liebt die Menschen nicht. Es liebt materielle Güter, die Arbeitskraft des Arbeiters, seine Muskeln, sein Wissen, seine künstlerische Produktion und seine Konsumfähigkeit. Aber es liebt die Menschen nicht frei als Menschen.

Liebe zu predigen und aufzurufen: „Lasst uns einander lieben, wie wir uns selbst lieben“ heißt, revolutionär zu sein. Das geht völlig gegen die vorherrschende Kultur.

Lasst uns Liebe so verstehen, wie der große Florentiner Dante Alighieri sie bezeugte: „Die Liebe, die den Himmel und alle Sterne bewegt“, und wie fügen hinzu: die Liebe, die unser Leben bewegt, die Liebe, die der sakrosankte Name der Ursprünglichen Quelle aller Wesen ist, Gott.

Leonardo Boff
26.04.2019

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Auferstehung des Gefolterten und Gekreuzigten

Leonardo Boff
Ökologe – Theologe – Philosoph
Erdcharta-Kommission

 

Dieses Jahr feiern wir Ostern im Kontext eines Staates, in dem fast jeder durch eine extrem rechtsgerichtete Regierung mit radikal neoliberalen sozialpolitischer Politik erstickt wird. Dies ist eine erbarmungslose und herzlose Regierung, die den Fortschritt und die Rechte von Millionen von Arbeitern und Menschen anderer sozialen Kategorien zerstört. Die Regierung verkauft die Naturgüter, die zur Souveränität des Landes gehören. Sie akzeptiert die Wiederkolonisierung Brasiliens und versucht, unseren Reichtum auf kleine, mächtige Gruppen im In- und Ausland zu übertragen. Sie hat weder Solidarität noch Empathie für die Ärmsten oder diejenigen, deren Leben von Gewalt und sogar vom Tod bedroht ist, weil sie in den Favelas leben, Schwarze, Indigene, Quilombolas sind oder eine andere sexuelle Orientierung haben.

Auf Reisen durch dieses Land und durch andere Teile der Welt hörte ich oft Wehgeschrei aus Schmerz und Empörung. Das war für mich als hörte ich die heiligen Worte: „Ich habe die Unterdrückung meines Volkes gesehen, ich habe den Schrei gehört, der von ihren Unterdrückern verursacht wurde, und ich kenne ihre Angst. … Ich werde sie befreien und aus diesem Land hinausführen und in ein schönes, weites Land führen…“(Ex 3,7-8)

Gott legt seine Transzendenz ab („Gott über allem“), kommt herab und schließt sich den Unterdrückten an, um ihnen zu helfen, den Schritt (Schritt=paso=pessach=pascua=Ostern) zu machen aus der Unterdrückung hin zur Befreiung.

Es ist erwähnenswert, dass einem Staatsoberhaupt etwas Bedrohliches und Perverses anhaftet, der Folterknechte lobt, blutige Diktatoren preist und es für einen bloßen Unfall hält, wenn ein Schwarzer, ein Familienvater, mit 80 Kugeln gespickt ist, die vom Militär abgefeuert wurden. Darüber hinaus schlägt er eine Begnadigung für diejenigen vor, die den Holocaust verübten und 6 Millionen Juden töteten. Wie kann man von Auferstehung im Zusammenhang mit jemandem sprechen, der einen mehrjährigen „Karfreitag“ der Gewalt predigt? Die Namen Gottes und Jesu sind immer auf seinen Lippen, aber er vergisst, dass wir die Erben eines politischen Gefangenen sind, der verleumdet, verfolgt, gefoltert und gekreuzigt wurde: Jesus von Nazareth. Was er tut und sagt, ist Spott, verschlimmert durch die Unterstützung von Pastoren aus den neupfingstlichen Kirchen, deren Botschaft wenig oder gar nichts mit dem Evangelium Jesu zu tun hat.

Trotz dieser Infamie wollen wir Ostern feiern, das Fest des Lebens und der Blüte, wie das des halbtrockenen Nordens: Nach einigem Regen ist alles wieder auferstanden und wird wieder grün.

Das jüdische Volk, das in Ägypten versklavt war, ertrug die Überquerung großer Entfernungen, einen Exodus von der Knechtschaft in die Freiheit, als es „zu einem schönen, weiten Land ging, in dem Milch und Honig fließen“ (Symbole der Gerechtigkeit und des Friedens: Ex 3,8). Das jüdische „Pessach“ (Ostern) feiert die Befreiung eines ganzen Volkes, nicht nur das von Einzelpersonen.

Das christliche Ostern ergänzt und erweitert das jüdische Pessach. Ostern feiert die Befreiung der ganzen Menschheit durch die Hingabe Jesu, der die ungerechte Verurteilung des Kreuzestodes akzeptierte. Dieses Urteil war ihm auferlegt, nicht vom Vater der Güte, sondern als Folge seiner befreienden Praxis unter den Unterprivilegierten seiner Zeit, und weil er eine andere Vision des Gott-Vaters darbot: eines guten und barmherzigen, nicht eines strafenden Gottes mit strengen Normen und Gesetzen. Dies war für die Orthodoxie dieser Epoche inakzeptabel. Jesus von Nazareth starb in Solidarität mit allen Menschen und ebnete den Weg zum Gott der Liebe und Barmherzigkeit.

Das christliche Ostern feiert die Auferstehung des Gefolterten und Gekreuzigten. Jesus verwirklichte den Übergang und den Exodus vom Tod zum Leben. Er kehrte nicht in das Leben zurück, das er zuvor hatte und das so begrenzt und sterblich war wir unseres. In Jesus entstand eine andere Lebensweise, die nicht mehr dem Tod unterworfen ist, die die Verwirklichung aller dort (und in uns) vorhandenen Potenziale darstellt. Das, was allmählich durch die Prozesse der Kosmogenese und Anthropogenese im Entstehen war, erreichte durch seine Auferstehung eine solche Fülle, dass es schließlich geboren war. Wie der französische Theologe Pierre Teilhard de Chardin sagte, implodierte und explodierte der vollständig verwirklichte Jesus in Gott. Paulus, der sowohl perplex als auch bezaubert war, nannte ihn „novissimus Adam“ (1Kor 15,45), den neuen Adam, die neue Menschheit. Wenn der Messias auferstanden ist, dann nimmt seine Gemeinde, nämlich wir alle, selbst der Kosmos, zu dem wir gehören, an diesem gesegneten Ereignis teil. Jesus ist der „erste unter vielen Brüdern und Schwestern“ (Röm 8,29). Wir werden ihm folgen.

Trotz des Karfreitags des Hasses und der Erhebung der Gewalt sät die Auferstehung in uns die Hoffnung, dass wir den Schritt (Ostern) von dieser düsteren Situation hin zur Gesundung unseres Landes machen werden, wo es niemanden mehr geben wird, der es wagt, die Kultur der Gewalt oder die Folter zu loben; niemanden, der dem Holocaust, dem Töten von Million, gegenüber gleichgültig bleibt.

Hallelujah! Frohe Ostern allen!

Leonardo Boff
05.05.2019

 

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Hass zu verbreiten und dabei „Gott über alles“ zu verkünden ist Blasphemie

Leonardo Boff
Ökologe – Theologe – Philosoph
Erdcharta-Kommission

Ich wünschte, ich bräuchte diesen Artikel nicht zu schreiben. Doch die akute gegenwärtige politische Krise und der Missbrauch, der in Gottes Namen begangen wird, fordern die öffentliche Funktion der Theologie heraus. Wie in jedem anderen Bereich hat auch die Theologie eine soziale Verantwortung. Es gibt Zeiten, zu denen der Theologe von seinem Katheder herabsteigen und ein paar Worte in die politische Arena richten muss. D. h. Missbräuche anzuprangern und gute Taten publik zu machen, selbst wenn diese Rolle des Theologen von manchen Gruppierungen missverstanden oder als Parteilichkeit angesehen werden kann, obwohl dies nicht der Fall ist.

Ich sehe mich demütig in der Tradition solch prophetischer Bischöfe wie Dom Helder Camara oder der Kardinäle Dom Paulo Evaristo Arns (denken wir an das Buch „Brasilien nie wieder“, das zum Sturz der Diktatur beigetragen hat) und Dom Aloysio Lorscheider, Bischof Dom Waldir Calheiros und andere, die in den düsteren Zeiten der Militätdiktatur von 1964 den Mut hatten, ihre Stimme zu erheben für die Verteidigung der Menschrechte und gegen das Verschwindenlassen und gegen Folter durch Staatsbedienstete.

Wir leben derzeit in einem Land, das zerrissen ist durch tief sitzenden Hass, durch gegenseitige Anschuldigungen  mit einer Wortwahl untersten Niveaus und vielen Fake News, die selbst von den höchsten Autoritäten des Landes, dem derzeitigen Präsidenten, verbreitet werden. Auf diese Weise zeigen sich sowohl die fehlende Gelassenheit in seinem hohen Amt und die desaströsen Konsequenzen seiner Interventionen als auch die Absurditäten, die er im In- und Ausland von sich gibt.

Sein Wahlkampfslogan lautete und ist immer noch „Gott über allem und Brasilien vor allem“. Wir müssen diese Verwendung des Namens Gottes anprangern. Das zweite göttliche Gebot ist da eindeutig: „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen. Nur ist die Verwendung des Namens Gottes hier nicht nur Missbrauch, sondern wahre Gotteslästerung. Warum? Darum, weil es nicht möglich ist, Gott in Beziehung mit Hass zu bringen, mit dem Anpreisen von Folter und Folterknechten und mit Bedrohungen seiner Gegner, so wie Bolsonaro und seine Angehörigen es tun. In den heiligen jüdisch-christlichen Schriften offenbart Gott seine göttliche Art als „Liebe“ und „Barmherzigkeit“. „Bolsonarismus“ betreibt eine Politik der Konfrontation mit den Gegnern, ohne Dialog mit dem Kongress, versteht Politik als Konflikt nach faschistischer Art. Dies hat nichts mit der Liebe und der Barmherzigkeit Gottes zu tun. Folglich propagiert und legitimiert er von oben eine wahre Kultur der Gewalt, die es jedem Bürger erlaubt, bis zu vier Waffen zu besitzen. Eine Waffe ist kein Kinderspielzeug, sondern ein Mittel zum Töten oder zur Verteidigung, indem man seinen Nächsten verstümmelt oder tötet.

Bolsonaro erachtet sich selbst als religiös, doch hier handelt es sich um eine gehässige Religiosität. Sie scheint jeglicher Heiligkeit beraubt und offenbart einen verstörenden Mangel an Spiritualität oder Sinn für Engagement, weder für das menschliche Leben noch für die anderen Geschöpfe, insbesondere nicht für diejenigen, die weniger besitzen. Völlig zu recht sagt Papst Franziskus oft, dass er einen Atheisten guten Willens und mit einer ethischen Einstellung lieber mag als einen heuchlerischen Christen, der weder Liebe noch Mitgefühl für seinen Nächsten hat und keine humanistischen Werte pflegt.

Ich zitiere aus einem Text von einem der größten Theologen des vergangenen Jahrhunderts, der am Ende seines Lebens zum Kardinal ernannt wurde, dem französischen Jesuiten Henri de Lubac:

Wenn es mir an Liebe oder Gerechtigkeit mangelt, entferne ich mich unweigerlich von Dir, mein Gott, und mein Gottesdienst ist nichts anderes als Götzenanbetung. Um an Dich zu glauben, muss ich an Liebe und Gerechtigkeit glauben. Es ist tausendmal wertvoller, an Liebe und Gerechtigkeit zu glauben, als Deinen Namen auszusprechen. Es ist mir unmöglich, Dich zu finden, wenn ich von Liebe und von Gerechtigkeit getrennt bin. Diejenigen, die sich an Liebe und Gerechtigkeit orientieren, sind auf dem Weg, der zu Dir führt.“ (Sur les chemins de Dieu, Aubier 1956, S. 125).

Bolsonaro, sein Clan und seine Anhänger (wenn auch nicht alle von ihnen) orientieren sich weder an der Liebe noch schätzen sie die Gerechtigkeit. Aus diesem Grund sind sie von dem „göttlichen Milieu“ getrennt (Teilhard de Chardin), und ihr Weg führt sie nicht zu Gott. Es gibt Neupfingstliche Pastoren, die Bolsonaro als von Gott gesandt ansehen, doch das ändert nichts an der Haltung des Präsidenten, der im Gegensatz dazu den heiligen Namen Gottes umso mehr beleidigt, insbesondere wenn sie auf Youtube einen pornografischen Beitrag gegen den Karneval posten.

Was für ein Gott beraubt die Armen ihrer Rechte und erteilt den Reichen Privilegien? Was für ein Gott demütigt die alten Menschen, degradiert Frauen und verachtet die Bauern, indem er ihnen die Hoffnung auf eine Rentenversorgung nimmt?

Das Projekt der Sozialversicherung schafft zutiefste soziale Ungleichheiten, und doch haben sie die Stirn zu sagen, dass sie damit Gleichheit schaffen. Ungleichheit ist ein neutrales analytisches Konzept. Aus ethischer Perspektive bedeutet sie soziale Ungerechtigkeit. Theologisch betrachtet bedeutet Ungleichheit Sünde, die Gottes Plan der großen geschwisterlichen Gemeinschaft aller zuwiderläuft.

Der französische Ökonom Thomas Piketty, der berühmt ist für sein Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ (FCE 2014), schrieb auch ein ganzes Buch über die Ökonomie der Ungleichheiten (2015). Gemäß Piketty offenbart sich unsere soziale Ungerechtigkeit in der simplen Tatsache, dass 1 % der Menschen als Multimillionäre einen Großteil des Einkommens der Menschen weltweit unter ihrer Kontrolle haben und dass, laut Marcio Pochmann, ein Spezialist auf diesem Gebiet, in Brasilien die sechs reichsten Milliardäre so viel besitzen wie die 100 Millionen ärmsten Brasilianer (JB 25.09.2017).

Unsere Hoffnung ist, dass Brasilien größer ist als die herrschende Irrationalität und dass wir aus der aktuellen Krise in einem besseren Zustand hervorgehen.

Leonardo Boff
31.03.2019

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Warum weigert sich die offizielle Katholische Kirche, über Sexualität und den Pflichtzölibat zu diskutieren?

Leonardo Boff
Ökologe-Theologe-Philosoph
Erdcharta Kommission

Es lässt sich nicht bestreiten, dass Papst Franziskus Mut zeigt, indem er offen das Problem der Pädophilie innerhalb der Katholischen Kirche angeht. Er ruft dazu auf, Pädophile (Priester, Mönche, Bischöfe und Kardinäle) den Zivilbehörden anzuzeigen, damit diese verurteilt und bestraft werden können. Bei der Zusammenkunft in Rom zum Schutz der Minderjährigen im Februar 2019 formulierte der Papst 8 Richtlinien, darunter „Null Pädophilie“ und „Schutz der Missbrauchsopfer“.

Papst Franziskus identifiziert die Wurzel des Problems als „die Geißel des Klerikalismus, der ein „fruchtbarer Boden für all diese Abscheulichkeiten“ darstellt. Klerikalismus meint hier die Konzentration der ganzen sakralen Gewalt im Klerus, unter Ausschluss anderer Stände, die über jeglichem Verdacht oder Kritik erhoben sind. Tatsächlich nutzen einige Kleriker diese Macht, die eigentlich Vertrauen und Ehrfurcht hervorrufen sollte, um Minderjährige sexuell zu missbrauchen.

Meiner Meinung nach jedoch sind weder der aktuelle Papst noch seine Vorgänger, aus Gründen, die ich darzulegen versuchen werde, mit den Themen Sexualität und Pflichtzölibat adäquat umgegangen.

Bezüglich Sexualität müssen wir anerkennen, dass die Kirche, diese pyramidal hierarchische Institution, schon historisch eine misstrauische und extrem negative Haltung in Bezug auf Sexualität innehatte. Die Kirche unterliegt hier einem irrigen Verständnis, das auf die Traditionen von Platon und Augustinus zurückgeht. Der Hl. Augustinus sah im sexuellen Akt den Ursprung der Erbsünde. Durch ihn trägt jeder Mensch, unabhängig von persönlicher Schuld, von Geburt an, in Solidarität mit den Ureltern, den Makel der Schuld.

Durch weniger auf Fortpflanzung abzielenden Sex gibt es weniger „massa damnata“. Die Frau, die die Nachkommen trägt, ist verantwortlich dafür, dass die Erbsünde in die Welt kommt. Aus diesem Grund wird der Frau das vollständige Menschsein aberkannt. Sie wird als „mas“ bezeichnet (was auf Lateinisch „unkompletter Mann“ bedeutet). Hierauf beruht das theoretische Fundament des Antifeminismus und des Machismo der Römisch-Katholischen Kirche.

So erklärt sich, warum dem Zölibat ein so hoher Wert zugeschrieben wird, denn ohne eine sexuelle Beziehung zu einer Frau werden keine Kinder geboren. Und damit wird die Erbsünde nicht weitergegeben. In den Analysen und Verurteilungen, welche die Pädophilie umgeben, muss das Grundproblem erst noch diskutiert werden: die Sexualität. Ein Mensch ist nicht durch sein Geschlecht definiert. In Körper und Seele wird der Mensch sexualisiert. Sexualität ist so essentiell, dass der Fortbestand des Lebens sie durchläuft. Doch dies ist eine mysteriöse und äußerst komplexe Realität.

Der französische Denker Paul Ricoeur, welcher philosophische Überlegungen zu Freuds psychoanalytischer Theorie anstellte, schrieb: „Tief im Innern bleibt die Sexualität womöglich undurchdringbar für Reflexion und unzugänglich für menschliche Domination; vielleicht bedeutet diese Kapazität, dass Sexualität nicht zu einer Ethik oder Technik reduziert werden kann“. Sexualität lebt zwischen dem Gesetz des Tages, an dem die etablierten Verhaltensmuster vorherrschen, und dem Gesetz der Nacht, in der die freien Impulse sich Raum schaffen. Nur eine Ethik des Respekts dem anderen Geschlecht gegenüber und permanenter Selbstkontrolle über diese vulkanische Energie können die Sexualität umwandeln in einen Ausdruck von Affektion und Liebe anstatt in Obsession.
Wie wir wissen, werden die Priesterseminaristen nur unzureichend vorbereitet, mit ihrer Sexualität umzugehen. Normale Kontakte zu Frauen werden so eingeschränkt, dass deren Identität einem gewissen Schwund unterliegen. Warum schuf Gott die Menschen als Mann und Frau? (Gn 1,27). Dies geschah nicht primär für die Fortpflanzung, sondern darum, dass Mann und Frau nicht allein zu sein brauchen und damit sie einander Gefährten würden (Gn 2,18).

Die Wissenschaft der Psyche zeigt, dass ein Mann erst unter den Augen einer Frau reift, und eine Frau unter den Augen eines Mannes. Mann und Frau sind jeweils komplett, aber auch reziprok, und sie bereichern sich gegenseitig durch ihre Unterschiedlichkeit.
Die Genetik zeigt, dass sich der Unterschied der Chromosomen zwischen Mann und Frau auf nur ein Chromosom begrenzt. Die Frau besitzt zwei X-Chromosomen, und der Mann hat nur ein X- und ein Y-Chromosom. Daraus lässt sich folgern, dass das grundlegende Geschlecht das weibliche (XX) ist und das männliche (XY) eine Differenzierung des weiblichen ist. Folglich gibt es kein absolutes Geschlecht, nur ein dominantes. „Ein zweites Geschlecht“ gibt es in jedem Menschen, ob Mann oder Frau. Menschliche und sexuelle Reife liegt in der Integration der „Anima“ und des „Animus“, also in der weiblichen und männlichen Dimension, die in jeder Person präsent sind.

Der Zölibat wird aus diesem Prozess nicht ausgeschlossen. Er kann eine legitime Option sein, doch in der Katholischen Kirche wird er denjenigen aufgezwungen, die Priester oder Ordensmann/-frau werden möchten. Andererseits kann der Zölibat nicht aus der Unfähigkeit zur Liebe entspringen, sondern aus einer Überfülle von Gottesliebe, die sich auf die anderen überträgt, insbesondere auf diejenigen, denen es am meisten an Zuneigung mangelt.

Warum also schafft die Römisch-Katholische Kirche den Pflichtzölibat nicht ab? Das tut sie deshalb nicht, weil es ihrer Struktur widersprechen würde. Die Katholische Kirche ist, soziologisch gesprochen, eine total autoritäre, patriarchale, machistische und hierarchische Institution. Eine Kirche, die um die sakrale Gewalt herum strukturiert ist, trifft auf das, was C. G. Jung anprangert als „Wo Macht vorherrscht, da ist weder Liebe noch Zärtlichkeit“. Genau dies geschieht zum Teil mit Machismo und der Unbeugsamkeit in der Kirche. Um diesen Abweg zu korrigieren, predigt Papst Franziskus unermüdlich „die zärtliche und liebevolle Begegnung“. Der Zölibat existiert in Abhängigkeit von der isolierten und einzelgängerischen klerikalen Kirche.

Solange dieser Typus von Kirche vorherrscht, brauchen wir nicht zu erwarten, dass der Pflichtzölibat abgeschafft wird. Diese Regelung ist nützlich für diesen Typus Kirche, jedoch nicht für die Gläubigen.

Und wo ist der Traum des Jesus von Nazareth von einer geschwisterlichen und egalitären Gemeinschaft? Wenn Sein Traum sich erfüllen soll, muss sich in der Römisch-Katholischen Kirche alles ändern.

Leonardo Boff
14.03.2019

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Karneval: die Feier der Lebensfreude

Leonardo Boff
Ökologe-Theologe-Philosoph
Erdcharta Kommission

Brasilien erlebt zurzeit eine der traurigsten, wenn nicht die makaberste Phase seiner Geschichte. Die Korruption der Oligarchen ist offensichtlich. Eine Korruption, die in Brasiliens Geschichte stets präsent war als ein patriarchalischer (kolonialistischer, elitärer, gegen das Volk gerichteter und sklavenhalterischer) Staat, der Jahrhunderte lang durch Domination und Manipulation der öffentlichen Meinung dem Volk Besitz und Wissen vorenthielt. Korruption war nicht nur fast ausschließlich der Arbeiterpartei (PT) vorbehalten, wie es in den letzten Jahren immer wieder behauptet wird. Im Gegenteil: Es gab sie schon immer. Und während es stimmt, dass einige führende Köpfe der PT korrupt waren, so wurden sie zum Sündenbock gemacht, um die massive Korruption der Privilegierten zu maskieren.

Ein neues Mantra („Jagt die Intriganten“) wurde durch den „Mythischen“ (Jair Bolsonaro) verbreitet, welcher der Korruption ein Ende hätte machen sollen. Fünfzig Tage im Amt reichten aus, um die Korruption seiner eigenen Clique und selbst seiner eigenen Familie aufzudecken. Viele glaubten naiv der Verbreitung der „Fake News“ und mit einem an die Nazis erinnernden Slogan „Brasilien über alles“ (in Anlehnung an „Deutschland über alles“) und „Gott über allen“. Doch welcher Gott? Der Gott der Neupfingstler, die sich für materiellen Wohlstand einsetzen, doch taub sind für die schändliche soziale Ungerechtigkeit, die ihren Pastoren Unmengen an Geld zuteilwerden lässt, diesen wahren Wölfen, die ihre eigenen Schafe scheren. Es ist nicht der Gott des Jesus von Nazareth, dem mittellosen Mann und Freund der Armen, von dem Fernando Pessoa sagte, der „nichts über Rechnungswesen verstand und dass nichts darüber bekannt war, dass er ein Bücherregal besessen hätte“. Er war ein mittelloser Mann, der über das Land zog und, wie die Evangelien es ausdrücken, „dem ganzen Volk eine große Freude verkündete“.
Vor diesem düsteren Hintergrund wird Karneval gefeiert. Anders könnte es gar nicht sein, denn Karneval ist eines der wichtigsten Ereignisse im Leben von Millionen von Brasilianern. Die Feste helfen ihnen, ihre Enttäuschungen zu vergessen, und geben viel unterdrücktem Ärger Raum (wie der von den Tausenden, die in São Paulo solche Obszönitäten riefen wie „B… geh und f… dich“). Das Fest unterbricht den furchtbaren Alltag und das langweiligen Zeittotschlagen. Es ist, als würden für einen Moment lang alle an der Ewigkeit teilhaben, denn während der Feiern scheint die Vorläufigkeit des Lebens aus den Angeln gehoben zu sein. Exzess ist dem Fest so inhärent wie es der Bruch der Konventionen und der sozialen Förmlichkeiten ist. Logischerweise kann alles Gesunde krank werden, wie der orgiastische Charakter einiger Aspekte des Karnevals zeigt. Doch dies ist nicht typisch für den Karneval.

Das Fest ist ein Phänomen des Reichtums. Reichtum meint hier nicht Geldbesitz. Der Reichtum des Fests ist der der Vernunft des Herzens, der Freude, der Verwirklichung des Traums grenzenloser Geschwisterlichkeit, Menschen aus den Slums mit Menschen aus der gut organisierten Stadt. Alle sind verkleidet: Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Männer und Frauen und die Alten, tanzen, singen, essen und trinken zusammen. Das Fest ist eine Manifestation der Tatsache, dass wir froh und glücklich sein können, selbst wenn wir uns in einer kollektiven Notlage befinden.

Wenn ich darüber nachdenke, fällt mir ein, dass Karneval ein Ausdruck einer Liebe ist, die mehr ist als Empathie. Wer nichts oder niemanden liebt, kann nicht froh sein, selbst wenn er sich qualvoll danach sehnt. Der Hl. Johannes Chrysostomos, ein Theologe der Orthodoxen Kirche des 5. Jahrhunderts christlicher Zeitrechnung (den Kardinal Paulo Evaristo Arns mit großer Begeisterung las) drückte es treffend aus: „Ubi caritas gaudet, ibi est festivitas“ („Wo die Liebe froh ist, da ist die Feier“).

Und nun einige Überlegungen: Das Thema des Fests erscheint wie ein Phänomen, das große Denker herausforderte wie R. Caillois, J. Pieper, H. Cox, J. Moltmann und selbst F. Nietzsche. Es kommt vor, dass das Fest Kindliches und Mythisches in uns weckt, selbst im reifen Alter, wo der kalten, instrumentell-analytischen Vernunft, die unsere Gesellschaft beherrscht, der Vorrang gegeben wird.

Das Fest versöhnt alle und verbreitet Sehnsucht nach dem Paradies der Freude, das nie völlig verloren gegangen ist. Nicht ohne Grund sagte Platon: „Die Götter schufen die Feste, damit wir ein bisschen aufatmen können“. Das Fest ist nicht nur ein von Menschen geschaffener Tag, sondern auch „ein Tag, den der Herr gemacht“, wie Psalm 117,24 sagt. Tatsächlich bedürfen wir der Feste zum Auftanken, da das Leben ein schwerer Weg ist, und wenn wir uns so erholt haben, können wir mit Freude im Herzen unseren Weg weiter gehen.

Woher kommt die Freude des Fests? Nietzsche formulierte es am treffendsten: „Um sich an einer Sache zu freuen, muss man alle Sachen willkommen heißen“. Folglich müssen wir, um richtig feiern zu können, in allen Dingen das Positive sehen. „Wenn wir zu einem einzelnen Moment ja sagen können, dann haben wir nicht nur zu uns selbst ja gesagt, sondern zur gesamten Existenz“ (aus: Der Wille zur Macht, Buch IV: Zucht und Züchtigung, Nr. 102).

Dieses Ja liegt unseren täglichen Entscheidungen zugrunde, auf der Arbeit, in unserer Sorge für unsere Familien und unsere Arbeitsplätze, die durch die neuen regressiven Gesetze der aktuellen Regierung bedroht sind, und der Zeit, die wir mit Freunden und Kollegen verbringen. Das Fest ist eine kraftvolle Zeit, in der der geheime Sinn des Lebens erfahren wird, selbst wenn dies unbewusst geschieht. Aus dem Fest gehen wir gestärkt hervor und sind stärker, um den Anforderungen des Lebens zu begegnen, das weitgehend von Mühe und großen Schwierigkeiten erfüllt ist.

Wir haben gute Gründe, den Karneval 2019 zu feiern. Lasst uns für einen Moment die Unerfreulichkeit einer Regierung vergessen, der es immer noch an Richtungsweisendem mangelt und deren Minister uns das Leben schwer machen, und die Politiker, die sich mehr um die Gruppierungen kümmern, von denen sie finanzielle Unterstützung erhalten, statt um die wahren Interessen des Volkes. Trotz all dieser Traurigkeit muss die Freude vorherrschen.

Leonardo Boff
02.03.2019

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