Künftige Übersetzungen der Artikel Leonardo Boffs

Nach wie vor übersetze ich Leonardo Boffs Artikel ins Deutsche, veröffentliche sie jedoch aus Zeitgründen nicht mehr auf meiner WordPress-Seite. Leonardo Boff hat auf seiner Webseite eine deutsche Rubrik eingerichtet, auf der er meine Übersetzungen veröffentlicht. Sie können über diesen Link gefunden werden:

https://leonardoboff.org/category/deutsch/

Ich wünsche allen Interessierten eine anregende Lektüre.

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Faschismus versus Demokratie in Brasilien und weltweit

Es ist unbestreitbar, dass weltweit und auch in Brasilien autoritäre politische Verhaltensweisen der klassischen Rechten und der extremen Rechten mit deutlichen Anzeichen von Faschismus zunehmen. Die Ikone dieses autoritären und faschistoiden Aufstiegs ist zweifellos der US-Präsident Donald Trump mit seinem MAGA-Patriotismus (Make Amerika Great Again). Er verfolgt gewalttätige Methoden, wie man an seiner Unterstützung für Netanjahus Völkermordkrieg gegen die Palästinenser im Gazastreifen, den Bombardierungen des Iran und dem Angriff auf Venezuela mit der Entführung von Präsident Maduro und seiner Frau sehen kann, wodurch das Land unter US-Verwaltung gestellt wurde, als wäre es ein Protektorat.

Der Faschismus entstand und entsteht in einem bestimmten Kontext von Anomie, sozialer Unordnung und allgemeiner Krise, wie wir es in Brasilien unter der Regierung von Jair Bolsonaro und ein wenig überall auf der Welt gesehen haben. Es ist eine Tatsache, dass die Hegemonie der Vereinigten Staaten zerfällt (unipolare Welt) und andere starke Machtzentren entstehen (multipolare Welt). Die Welt mit Regeln verschwindet, die etablierten Gewissheiten schwinden. Niemand kann mit einer solchen Situation in Frieden leben.

Sozialwissenschaftler und Historiker wie Eric Vögelin (Order and History, 1956; L. Götz, Entstehung der Ordnung 1954; Peter Berger, Rumor of Angels: Modern Society and the Rediscovery of the Supernatural, 1973) haben gezeigt, dass Menschen eine natürliche Neigung zur Ordnung haben. Wo sie sich niederlassen, schaffen sie sofort eine Ordnung und ihren Lebensraum. Ein klares Beispiel dafür ist die Landlosenbewegung (MST): Wo sie Land besetzen, schaffen sie zunächst eine gewisse Ordnung, schützen die Wasserquellen, erhalten den Wald, bauen ein Gemeindezentrum und verteilen Grundstücke für Wohnraum und Produktion.

Wenn Ordnung verschwindet, wird häufig Gewalt eingesetzt, um sie wiederherzustellen. Thomas Hobbes‘ „Leviathan“ von 1651 (Vozes-Ausgabe, 2020) legte den theoretischen Rahmen für dieses durch Gewalt erzeugte Ordnungsbedürfnis dar. Alle Imperien, vom Römischen über das Russische bis hin zum gegenwärtigen amerikanischen, insbesondere unter Trump, verbergen ihre Sonderstellung nicht und nähern sich dem von Hobbes beschriebenen Staatsmodell an, wobei sie stets Sicherheitsgründe anführen.

Die Nische des Faschismus findet ihren Ursprung also in dieser Unordnung. So führte das Ende des Ersten Weltkriegs zu sozialem Chaos, insbesondere in Deutschland und Italien. Der Ausweg war die Einführung eines autoritären Herrschaftssystems, das die politische Vertretung durch eine einzige, hierarchisch organisierte Massenpartei übernahm und alle Bereiche – Politik, Wirtschaft und Kultur – in eine einzige Richtung lenkte. Dies war nur durch einen Führer (Führer in Deutschland und Duce in Italien) möglich, der einen autoritären und terroristischen korporatistischen Staat organisierte.

Als symbolische Legitimation wurden nationale Mythen, Helden der Vergangenheit und alte Traditionen verehrt, meist im Rahmen großer politischer Liturgien, mit denen die Idee einer nationalen Erneuerung eingeprägt wurde. Diese Vision war so verlockend, dass sie für kurze Zeit den größten Philosophen des 20. Jahrhunderts, Martin Heidegger, in ihren Bann zog und ihn zum Rektor der Universität Freiburg i. B. machte. Vor allem in Deutschland waren Hitlers Anhänger von der Überzeugung durchdrungen, dass die weiße deutsche Rasse den anderen „überlegen” sei und das Recht habe, die minderwertigen zu unterwerfen und sogar zu vernichten.     

In den USA findet die Ideologie der weißen Vorherrschaft derzeit in dieser Sichtweise ihre praktische Grundlage. In Brasilien war die Strategie der Bolsonaro-Regierung pervers: die Zerstörung einer ganzen Vergangenheit – sei es in Bezug auf Kultur, Sozial- und Umweltgesetze oder Bräuche – und die Einführung eines Regimes mit deutlichen Merkmalen voraufklärerischen Denkens, inspiriert von den dunklen Seiten der Vergangenheit.

Der Begriff Faschismus wurde erstmals 1915 von Benito Mussolini verwendet, als er die Gruppe „Fasci d’Azione Revolucionaria“ gründete. Faschismus leitet sich vom Wort „Fasci“ ab, einem Bündel eng zusammengebundener Ruten mit einer daran befestigten Axt. Eine einzelne Rute lässt sich zerbrechen, ein Bündel hingegen ist nahezu unmöglich. 1922/23 gründete Mussolini die Nationalfaschistische Partei, die bis zu ihrem Zusammenbruch 1945 Bestand hatte. In Deutschland wurde der Nationalsozialismus ab 1933 unter Adolf Hitler etabliert, der nach seiner Machtergreifung als Reichskanzler den Nationalsozialismus, die NSDAP, gründete, die dem Land harte Disziplin, Überwachung und Terror einflößte.

Der Faschismus präsentierte sich als antikommunistisch, antikapitalistisch, als eine Körperschaft, die über Klassen hinausgeht und eine geschlossene soziale Gesamtheit schafft. Überwachung, direkte Gewalt, Terror und die Auslöschung von Oppositionellen sind Merkmale des historischen Faschismus von Mussolini und Hitler  und bei uns von Pinochet in Chile, Videla in Argentinien und der Regierung von Figueiredo und Médici in Brasilien.
 

Der Faschismus ist nie gänzlich verschwunden, denn es gibt immer Gruppen, die, angetrieben vom fundamentalen Archetyp der Ordnung, diese – notfalls auch mit Gewalt – durchsetzen wollen. Im Namen dieser Ordnung hat Bolsonaros Regierung die dunkle Seite der brasilianischen Seele zum Vorschein gebracht, indem sie symbolische (Fake News) und reale Gewalt anwandte und Folter und Folterer, Homophobie und andere gesellschaftliche Auswüchse verteidigte.

Der Faschismus war schon immer verbrecherisch. Er schuf die Schoah (die Vernichtung von Millionen Juden und anderen). Er nutzte Gewalt als Mittel zur gesellschaftlichen Kontrolle, weshalb er sich nie dauerhaft etablieren konnte und wird. Er ist die größte Perversion des Sozialverhaltens, das zum Wesen des sozialen Menschen gehört. In Brasilien nahm er eine tragische Form an: Die Regierung von Jair Bolsonaro lehnte den Covid-19-Impfstoff ab, förderte Menschenansammlungen, verhöhnte das Tragen von Masken und zeigte keinerlei Empathie für die Angehörigen, da sie mehr als 300.000 der 716.626 Opfer sterben ließ.

Um seine Macht zu sichern, schmiedete Bolsonaro mit hochrangigen Militäroffizieren und anderen eine kriminelle Organisation und versuchte einen Staatsstreich mit der Ermordung höchster Würdenträger, um seine verzerrte Weltanschauung durchzusetzen. Doch sie wurden vom Obersten Bundesgericht angeklagt, verurteilt, und so wurden wir von einer Zeit der Dunkelheit und abscheulichen Verbrechen befreit.

Bei den Parlamentswahlen 2026 wird der fortbestehende Faschismus wahrscheinlich wiederkehren. Diesem Faschismus muss man mit mehr Demokratie und durch die Proteste der Bevölkerung auf der Straße entgegentreten. Wir müssen den Argumenten der Faschisten mit Vernunft und dem Mut begegnen, die Risiken, denen wir alle ausgesetzt sind, zu bekräftigen. Wir müssen entschieden gegen diejenigen kämpfen, die die Freiheit missbrauchen, um die Freiheit abzuschaffen. Wir müssen uns zusammenschließen, um Leben und Demokratie zu schützen.

Leonardo Boff: Artikel veröffentlicht in der Zeitschrift LIBERTA des Instituts Conhecimento Liberta – São Paulo.

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Hat die Menschheit noch eine Zukunft?

Es ist üblich, am Ende eines jeden Jahres Bilanz zu ziehen – eine Art oberflächliche Betrachtung, die nur das Wesentliche erfasst. Es gäbe zu viele Dinge, an die man sich erinnern müsste. Wir stellen lediglich fest, dass sich unsere Art, die Erde zu bewohnen, langsam, aber unaufhaltsam verschlechtert. Die globale Erwärmung nimmt jährlich zu und zeigt bereits weltweit ihre katastrophalen Auswirkungen in Form von schweren Überschwemmungen, Taifunen und verheerenden Waldbränden. In Rio Grande do Sul erlebten wir eine verheerende Flut, die Teile ganzer Städte zerstörte und zudem die Landwirtschaft schwer schädigte.

Es heißt, wir seien in ein neues geologisches Zeitalter eingetreten, das Anthropozän. Das bedeutet, der Meteor, der die Natur zerstört, sei niemand anderes als die Menschheit selbst. Andere gehen noch weiter und sprechen vom Nekrozän, dem Zeitalter des massenhaften Artensterbens, in dem laut dem bekannten Biologen Edward Wilson 70.000 bis 100.000 Arten aussterben. In letzter Zeit hat die Zahl der Brände weltweit so stark zugenommen, dass bereits vom Pyrozän (griechisch: pyros = Feuer) die Rede ist, der fortgeschrittensten und gefährlichsten Phase des Anthropozäns. Hinzu kommt die perverse soziale Ungleichheit: Das reichste Prozent der Bevölkerung besitzt mehr Vermögen als mehr als die Hälfte der Menschheit (4,7 Milliarden Menschen) – eine Schande und eine Verhöhnung der Menschlichkeit.

Angesichts dieses Ausmaßes an allgemeiner Degradierung, das vor dem Auftreten des Menschen im Evolutionsprozess noch nie zuvor gesehen wurde, fragen sich viele, darunter auch große Namen der Wissenschaft, ob wir nicht kurz vor dem möglichen Ende der menschlichen Spezies stehen. Und das zu Recht, denn es handelt sich nicht um Hirngespinste, sondern um beunruhigende Anzeichen. Der Nobelpreisträger für Biologie von 1974, Christian de Duve, behauptet in seinem ausführlichen Buch „Poeira Vital, a vida como imperativo cósmico” (Campus 1997), dass heutzutage „die biologische Evolution in rasantem Tempo auf eine gravierende Instabilität zusteuert; In gewisser Weise erinnert unsere Zeit an einen dieser bedeutenden Brüche in der Evolution, die durch Massensterben gekennzeichnet sind.” Der Wissenschaftler Norman Myers hat berechnet, dass allein in Brasilien in den letzten 35 Jahren täglich vier Arten ausgestorben sind. Théodore Monod, ein bedeutender Naturforscher, hinterließ als Vermächtnis einen Text mit dem Titel „Et si l’aventure humaine devait échouer” (2000)? Er behauptet: „Wir sind zu sinnlosem und wahnsinnigem Verhalten fähig; von nun an kann man alles befürchten, wirklich alles, sogar die Auslöschung der Menschheit”.

Seitdem der Mensch vor über zwei Millionen Jahren als Homo habilis auftrat, hat er sein Verhältnis zur Natur gestört. Bis vor 40.000 Jahren waren die ökologischen Schäden geringfügig. Doch ab diesem Zeitpunkt begann ein systematischer Angriff auf die Biosphäre. Innerhalb weniger Jahrhunderte rotteten Jäger Mammuts, Riesenfaultiere und andere prähistorische Säugetiere aus. Im Industriezeitalter (ab 1850) wurden Instrumente entwickelt, die die Beherrschung und Zerstörung der Natur ermöglichten. Heute hat sich dieser Prozess so weit verschärft, dass die neun Elemente (planetaren Grenzen), die das Leben erhalten, rapide zusammenbrechen und die Zivilisation letztlich unmöglich machen.

Seit 2 Millionen Jahren befinden wir uns in der Eiszeit. Die aktuelle Warmzeit begann vor 11.400 Jahren (Holozän). Nach den Mustern der Vergangenheit sollten wir nun in eine neue Kaltzeit eintreten. Allerdings hat unsere Spezies die Beschaffenheit der Atmosphäre tiefgreifend verändert. Verschiedene Treibhausgase wie CO2, Methan und andere wichtige Gase erwärmen den gesamten Planeten. Bis 2030 dürften wir zwei Grad nicht erreichen, da dies für einen Großteil der Menschheit und für die Natur katastrophal wäre. Bereits 2025 haben wir 1,77 °C erreicht.

Zu diesen Problemen kommt der Mangel an Trinkwasser (nur 3 % sind Süßwasser) und die Überbevölkerung der Menschheit hinzu, die bereits 83 % des Planeten besiedelt und ihn ausbeutet. Können Menschen in einem gemeinsamen Zuhause zusammenleben? Wir sind keine friedlichen Wesen, sondern extrem aggressiv, unfähig zu Kooperation und Rücksichtnahme. Der britische Astronom Sir Martin Rees schätzt in seinem Buch „Die letzte Stunde: Umweltkatastrophen bedrohen die Zukunft der Menschheit“ (2005), dass wir, wenn sich die Dinge nicht ändern, in diesem Jahrhundert ausgelöscht werden könnten.

Trotz dieser düsteren Aussichten Ende 2025 bewahre ich die Hoffnung, dass die Menschheit mit ihrer Intelligenz, ihrem mitfühlenden Verstand und ihrem Überlebensinstinkt sich für den Fortbestand des Lebens auf diesem Planeten und nicht für den kollektiven Selbstmord entscheiden wird.

Natürlich müssen wir Geduld mit der Menschheit haben. Sie ist noch nicht so weit. Sie hat noch viel zu lernen. Im Verhältnis zur kosmischen Zeit hat sie weniger als eine Minute zu leben. Doch mit ihr hat die Evolution einen Sprung vom Unbewussten zum Bewussten gemacht. Und mit dem Bewusstsein kann sie über ihr eigenes Schicksal entscheiden. Aus dieser Perspektive stellt die gegenwärtige Situation eher eine Herausforderung als eine Katastrophe dar, eine Reise zu einer höheren Ebene und kein Sturz in die Selbstzerstörung.

Nun liegt es an uns, die Liebe zum Leben in seiner majestätischen Vielfalt zu zeigen, Mitgefühl für alle Leidenden zu haben, rasch für soziale Gerechtigkeit zu sorgen und die Große Mutter Erde zu lieben. Die jüdisch-christlichen Schriften ermutigen uns: „Wähle das Leben, so wirst du leben“ (5. Mose 30,28). Lasst uns schnell handeln, denn wir haben nicht viel Zeit zu verlieren.

Leonardo Boff
29.12.2025
Autor von: Homem: satã ou anjo bom, Record 2008;Cuidar da Casa Comum:pistas para protelar o fim do mundo, Vozes 2024.

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Weihnachten: die Menschwerdung Gottes

Die theologische Tradition hat die Bedeutung der Menschwerdung des Sohnes Gottes, die an Weihnachten gefeiert wird, als Vergöttlichung des Menschen besonders hervorgehoben. Tatsächlich möchte man theologisch eine noch größere Tatsache betonen: Die Menschwerdung ist die Vermenschlichung Gottes. Alle Schriften bekräftigen wie der Heilige Johannes: „Niemand hat Gott jemals gesehen. Der einzige Sohn des Vaters hat ihn uns offenbart“ (1,18). Gott hat durch Jesus von Nazareth unsere Menschlichkeit zu seiner eigenen gemacht, was wirklich unerhört ist. Es gibt also etwas Göttliches in unserem menschlichen Wesen, Mann und Frau, das niemals zerstört werden kann. Es ist unsere höchste Würde: Träger und Trägerinnen Gottes zu sein. Deshalb kann es keine Traurigkeit geben, wenn das göttliche Leben in uns geboren wird.

Weihnachten ist die Feier dieses gesegneten Ereignisses. Die Evangelien nennen Jesus die Sonne der Gerechtigkeit. Die Geburt Jesu fiel genau mit dem römischen Festtag des Unbesiegbaren Sonnengottes zusammen. Dieser Tag ist für die nördliche Hemisphäre der kürzeste Tag des Jahres und die längste Nacht. Die Menschen in der Antike hatten Angst, dass die Sonne nicht wieder aufgehen würde. Als sie wieder aufging, feierten sie ihren Sieg über die Dunkelheit. Jesus wird als die unbesiegbare Sonne dargestellt, die alle Dunkelheit des Lebens besiegen wird.   

Wenn Jesus Gott ist, der Mensch wurde, könnten wir uns vorstellen, dass er an einem entsprechend vorbereiteten Ort geboren wurde, etwa in einem Palast, einer prächtigen Villa oder einem renommierten Krankenhaus. Letztendlich wäre es eine Ehrerbietung gegenüber Gott, so wie wir es auch bei wichtigen Persönlichkeiten tun, die uns besuchen, wie Präsidenten, berühmten Persönlichkeiten oder dem Papst selbst.

Gott wollte all dies nicht. Wir müssen den Weg, den Gott für seinen Eintritt in diese Welt gewählt hat, respektieren und lieben: verborgen, im Schicksal derer, die nachts in der Kälte an die Tür klopfen, bei einer schwangeren Frau, die ihr ungeborenes Kind im Bauch hält und diese harten Worte hören muss: „Für dich ist kein Platz.“

So verließen Joseph und Maria ihre Heimat und suchten in ihrer Not einen nahegelegenen Stall auf. Dort gab es Stroh, eine Krippe, einen Ochsen und einen Esel, dessen Atem den zarten, zitternden Körper des Neugeborenen wärmte.

Gott betrat also still und leise diese Welt durch die Hintertüren. Die Bewohner der Hauptstadt Rom oder Jerusalem und andere wichtige Persönlichkeiten bekamen davon nichts mit.

Daraus lässt sich eine Lehre ziehen: Wenn Gott sich offenbaren will, bedient er sich nicht großartiger Spektakel, sondern der schlichten Stille der kleinen Dinge. So müssen wir verstehen, dass er für alle gekommen ist, aber in besonderer Weise für die Armen und Einfachen, denn er war arm und blieb sein ganzes Leben lang arm, in Einfachheit und Bescheidenheit. Wäre er unter Reichen geboren worden, hätte er die Armen ausgeschlossen. Da er unter den Armen geboren wurde, ist er ihnen immer nahe und kann von ihnen aus auch die Bessergestellten in der Gesellschaft erreichen. Auf diese Weise wird niemand davon ausgeschlossen, von der Gegenwart Gottes berührt zu werden.

Bei der Geburt des Jesuskindes waren nicht nur einfache Leute wie Hirten anwesend, die wegen ihres ständigen Kontakts mit Tieren als verachtenswert galten. Die Evangelien berichten, dass die Heiligen Drei Könige aus dem Orient kamen. Die frühen Christen kamen zu dem Schluss, dass die Magier Weise waren, deren Namen erhalten blieben: Balthasar, Melchior und Kaspar. Melchior war weißer Hautfarbe, Kaspar gelber Hautfarbe und Balthasar schwarzer Hautfarbe. So repräsentierten sie die gesamte Menschheit.

Die Geschenke, die sie ihm darbringen, sind symbolisch. Das Gold bedeutet, dass sie Jesus als König anerkennen. Der Weihrauch bedeutet, dass Jesus göttlich ist. Die Myrrhe drückt Schmerz und Leid aus. Die Bedeutung ist folgende: Jesus ist ein wahrer König, aber nicht wie die Könige dieser Welt, die über die Menschen herrschen. Jesus hingegen kümmert sich um sie. Jesus ist eine göttliche Person, die nicht so sehr verehrt und gepriesen werden soll, dass sie sich von uns entfernt. Im Gegenteil, er ist ein Gott mit uns – Immanuel –, der mit jedem Menschen zusammenleben und seinen Weg gehen möchte.

Die bittere Myrrhe drückt aus, wie Jesus als König sein Leben für das Volk gab und wie er seine Göttlichkeit lebte, indem er aus Liebe zu allen Menschen den Tod am Kreuz auf sich nahm.

Der große Dichter Manuel Bandeira hat diese Logik von Weihnachten in seinem Gedicht treffend zum Ausdruck gebracht

Weihnachtsgeschichte:

Unser Kind

Wurde in Bethlehem geboren

Es wurde geboren, um nichts anderes zu wollen,

Als Gutes zu tun.

Es wurde auf Stroh geboren,

Unser Kind,

Aber die Mutter wusste,

Dass es göttlich war.

Es kommt, um zu leiden,

Den Tod am Kreuz.

Unser Kind

Sein Name ist Jesus.

Für uns nimmt er

Das menschliche Schicksal an:

Loben wir die Herrlichkeit

Des Jesuskindes.

An Weihnachten haben wir das Recht, uns mit Freude zu erfüllen, denn wir sind nicht mehr allein. Gott geht mit uns, leidet mit uns und freut sich mit uns. Er ist das größte Geschenk, das Gott Vater uns machen konnte. Deshalb tauschen wir Geschenke untereinander aus, um uns immer an dieses Geschenk zu erinnern, das der himmlische Vater uns gemacht hat, indem er uns Jesus, seinen geliebten Sohn, geschenkt hat.

Leonardo Boff

24.12.2025

Theologe und Autor von:

O Sol da Esperança:Natal, Histórias, Poesias e Símbolos, Rio 2007;

Natal: a humanidade e a jovialidade de nosso Deus, Petrópolis 1976.

“Mensch geworden – Das Evangelium von Weihnachten“, Herder Verlag 1986

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Das Undenkbare denken: Leben und Zeit           

Wir müssen das Leben als höchsten Wert betrachten, über dem nur der Schöpfer allen Lebens steht, jenes Wesen, das allen Wesen Existenz verleiht. Wissenschaftler, insbesondere der bedeutendste unter ihnen, der sich mit dem Thema Leben befasste, der russisch-belgische Wissenschaftler Ilja Prigogine, stellten fest: Wir können die physikalischen, chemischen und ökologischen Bedingungen kennen, die vor 3,8 Milliarden Jahren die Entstehung des Lebens ermöglichten. Was dieses Leben jedoch ist, bleibt ein Rätsel.

Doch selbst wenn wir nicht begreifen können, was das Leben ist, können wir ihm dennoch Sinn geben. Der Sinn des Lebens ist zu leben, einfach zu leben, selbst unter einfachsten Bedingungen. Leben heißt, in jedem Augenblick die Feier dieses geheimnisvollen Ereignisses des Universums zu begreifen, das in uns und vielleicht auch in vielen anderen Teilen des Universums pulsiert.

Das Leben ist immer ein Leben mit und ein Leben für. Leben mit anderen Leben, mit menschlichen Leben, mit Leben in der Natur und mit Leben, die zufällig im Universum existieren und eines Tages mit uns kommunizieren können. Und das Leben ist dazu da, sich anderen Leben hinzugeben und sich mit ihnen zu vereinen, damit das Leben weiterlebt und sich immer wieder reproduzieren kann.

Das Leben wird von einem inneren Impuls angetrieben, der sich nicht zügeln lässt. Es will sich ausbreiten, entfalten und anderen Leben begegnen. Leben ist nur dann wirklich Leben, wenn es ein Leben mit und für andere ist.

Ohne „mit“ und „für“ gäbe es das Leben, wie wir es kennen, das von umfassenden Beziehungsnetzwerken umhüllt ist, die sich in alle Richtungen erstrecken, nicht.

Der unbändige Drang des Lebens bedeutet, dass es nicht nur dies oder jenes will. Es will alles. Es will sogar die Totalität, die Unendlichkeit. Letztlich will das Leben ewig sein, wie Nietzsche bereits sinnierte.

Sie trägt ein unendliches Projekt in sich. Dieses unendliche Projekt macht sie glücklich und unglücklich zugleich. Glücklich, weil sie anderen Leben und allem um sich herum begegnet, sie liebt und feiert; unglücklich, weil alles, was sie erlebt, liebt und feiert, endlich ist, langsam vergeht, der Entropie zum Opfer fällt und schließlich verschwindet. Trotz dieser Endlichkeit schwächt sie in keiner Weise ihre Sehnsucht nach dem Unendlichen und Ewigen.

Bei der Begegnung mit dieser Unendlichkeit findet sie Ruhe und erfährt eine Fülle, die ihr niemand geben kann, die aber nur sie selbst genießen und feiern kann. Die Unendlichkeit in uns ist das Echo einer größeren Unendlichkeit, die uns stets ruft und uns zu sich zieht.

Das Leben ist ganz und doch unvollständig. Es ist ganz, weil alles in ihm enthalten ist: das Reale und das Potenzial. Doch es ist unvollständig, weil das Potenzial, noch im Raum-Zeit-Kontinuum, noch nicht Wirklichkeit geworden ist. Und da das Potenzial grenzenlos ist, kann ein begrenztes Leben das Grenzenlose nicht umfassen. Deshalb ist es niemals wirklich vollkommen. Der Mensch ist ein Wesen im Ungleichgewicht. Doch er bleibt offen und wartet auf eine Vollkommenheit, die er sich wünscht und die eines Tages eintreten muss. Es ist eine Leere, die gefüllt werden will. Andernfalls hätte das Leben keinen Sinn. Ist der Tod nicht der Moment, in dem das Endliche dem Unendlichen begegnet?

Unser Leben entfaltet sich stets im Laufe der Zeit. Was ist Zeit? Niemand hat sie bisher definieren können, nicht einmal die klügsten Denker wie Augustinus und Heidegger. Ich für meinen Teil wage zu sagen: Zeit ist das Warten auf das, was geschehen mag. Dieses Warten ist unsere Offenheit, die uns fähig macht, das Kommende willkommen zu heißen. Diese Zeitspanne wäre die Zeit.

Wir müssen jeden Augenblick intensiv erleben! Die Vergangenheit existiert nicht mehr, weil sie vergangen ist, die Zukunft existiert noch nicht, weil sie noch nicht da ist. Nur die Gegenwart existiert. Lebe sie mit absoluter Intensität, schätze jeden Augenblick; er bringt die Zukunft in die Gegenwart und bereichert die Vergangenheit.

Jeder Augenblick ist ein Einbruch der Ewigkeit. Ich erkläre es Ihnen: Die Gegenwart lässt sich nur erleben. Sie lässt sich nicht fassen, einsperren oder aneignen. Sie ist einfach. Einst war sie (die Vergangenheit), und eines Tages wird sie sein (die Zukunft). Von der Zeit kennen wir nur die Vergangenheit. Die Zukunft ist uns unzugänglich, weil sie noch nicht da ist. Wir aber erleben das „Sein“ der Gegenwart, das wir niemals begreifen dürfen. Es durchdringt uns einfach und ist vergangen. Es besitzt die Natur der Ewigkeit, die ein beständiges „Sein“ ist. Zeit bedeutet somit einen Augenblick der flüchtigen Gegenwart der Ewigkeit. Wir sind in die Ewigkeit eingetaucht, weil wir in die Gegenwart eingetaucht sind.

Man muss dieses „Sein“ so leben, als wäre es das Erste und das Letzte. Dadurch wird der Mensch in gewissem Sinne ewig. Und indem man ewig wird, hat man Anteil an dem, was immer ist, ohne Vergangenheit und Zukunft: dem Wesen der Göttlichkeit.

Wir können über Zeit sprechen, doch es ist undenkbar. Wir brauchen Zeit, um über die Zeit nachzudenken. Dies ist ein Augenblick der Ewigkeit, verbunden mit dem, was die spirituellen und religiösen Traditionen der Menschheit als Mysterium, Tao, Shiva, Allah, Olorum, Jahwe, Gott bezeichnen – Namen, die in kein Wörterbuch passen und unser Verständnis übersteigen. Angesichts dessen ertrinken Worte. Nur edles Schweigen ist angemessen.

Dennoch hat jeder Einzelne, durch die flüchtige Gegenwart, Anteil am Wesen des Göttlichen, selbst wenn er sich dessen nicht bewusst ist. Indem sie in das Bewusstsein eintauchen, ergeben sie sich dieser höchsten Wirklichkeit. Sie geben ihr den Namen, der ihre Teilhabe an ihr ausdrückt. Dieser Name ist in ihr gesamtes gegenwärtiges Wesen eingeschrieben, pulsiert aber besonders in ihrem Herzen. Dann bilden ihr Herz und das Herz dessen, der ewig ist, ein einziges, unermessliches Herz: Es ist das All in seiner strahlenden Fülle.

Leonardo Boff

09.12.2025 Theologe, Philosoph und Autor von:  Tempo de Transcendência:o ser humano com projeto infinito, Vozes 2009; com Anselm Grün, O Divino em nós,Vozes 2017; com Frei Betto.Mística e espiritualidade, Vozes 2010

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Über den Amazonas: was er ist und was nicht

Auf der COP 30 in Belém rückte der Amazonas aufgrund seiner Bedeutung für das Klimagleichgewicht und die Verlangsamung der globalen Erwärmung in den Mittelpunkt. Über den Amazonas wurden alle möglichen Meinungen geäußert. Schauen wir uns einmal an, was er ist und was er nicht ist.

Zunächst einmal muss gesagt werden, dass der Amazonas das größte Wasser- und Gen-Erbe der Erde beherbergt. Von einem unserer besten Wissenschaftler, Enéas Salati, wissen wir: „Auf wenigen Hektar des Amazonas-Regenwaldes gibt es mehr Pflanzen- und Insektenarten als in der gesamten Flora und Fauna Europas.“ Dieser üppige Wald ist jedoch äußerst empfindlich, da er auf einem der kargsten und ausgelaugtesten Böden der Erde wächst. Wenn wir die Abholzung nicht eindämmen, könnte sich der Amazonas in wenigen Jahren in eine riesige Savanne verwandeln. Darauf weist uns der renommierte Experte Carlos Nobre immer wieder hin.

Es handelt sich nicht um unberührtes Neuland. Dutzende indigene Völker, die dort lebten und leben, haben sich als echte Umweltschützer betätigt. Ein großer Teil des gesamten Amazonas-Regenwaldes, insbesondere der Auen, wurde von den Indigenen bewirtschaftet, die „Ressourceninseln” förderten und günstige Bedingungen für die Entwicklung nützlicher Pflanzenarten wie Babassu, Palmen, Bambus, Kastanienwälder und Früchte aller Art schufen, die für sich selbst und für diejenigen, die zufällig dort vorbeikamen, gepflanzt oder gepflegt wurden. Die berühmten „schwarzen Böden der Indianer” sind ein Hinweis auf diese Bewirtschaftung.

Die Vorstellung, dass der Indio ein genuin natürliches Wesen sei, ist eine falsche Ökologisierung, die aus der Vorstellung der Stadtbewohner resultiert, die von der Künstlichkeit des Lebens ermüdet sind. Er ist ein kulturelles Wesen. Wie der Anthropologe Viveiros de Castro bestätigt: „Der Amazonas, den wir heute sehen, ist das Ergebnis jahrhundertelanger sozialer Interventionen, ebenso wie die dort lebenden Gesellschaften das Ergebnis jahrhundertelanger Koexistenz mit dem Amazonas sind”. Dasselbe sagt er in seinem lehrreichen Buch E.E.Moraes „Quando o Amazonas corria para o Pacífico” (Vozes 2007): „Es gibt nur noch wenig unberührte und vom Menschen unveränderte Natur im Amazonasgebiet”. 1.100 Jahre lang beherrschten die Tupi-Guarani ein riesiges Gebiet, das sich von den Ausläufern der Anden am Amazonas bis zu den Becken des Paraguay und Paraná erstreckte.

Die Beziehungen zwischen den Indigenen und dem Wald sind nicht natürlicher, sondern kultureller Natur und bestehen aus einem komplexen Geflecht von Wechselbeziehungen. Sie empfinden und erleben die Natur als Teil ihrer Gesellschaft und Kultur, als Erweiterung ihres persönlichen und sozialen Körpers. Für sie ist die Natur ein lebendiges Wesen voller Absichten. Sie ist nicht wie für uns moderne Menschen etwas Objektives, Stummes und Geistloses. Die Natur spricht, und die Indigenen verstehen ihre Stimme und ihre Botschaft. Deshalb lauschen sie stets der Natur und passen sich ihr in einem komplexen Spiel von Wechselbeziehungen an. Sie haben ein subtiles sozioökologisches Gleichgewicht und eine dynamische Integration gefunden, obwohl es auch Kriege und regelrechte Ausrottungen gab, wie die der Sambaquieiros und anderer Stämme.

            Aber es gibt wichtige Lehren, die wir angesichts der aktuellen Umweltbedrohungen von ihnen lernen müssen. Es ist wichtig, die Erde nicht als etwas Unbelebtes mit unbegrenzten Ressourcen zu verstehen, das das kapitalistische Projekt des unbegrenzten Wachstums unterstützt. Sie ist in ihren natürlichen Gütern und Dienstleistungen begrenzt. Als etwas Lebendiges muss die Mutter der Indianer in ihrer Integrität respektiert werden. Wenn ein Baum gefällt wird, wird ein Entschuldigungsritual durchgeführt, um das Bündnis der Geschwisterlichkeit und der gegenseitigen Zugehörigkeit wiederherzustellen.

Wir brauchen eine symphonische Beziehung zur Lebensgemeinschaft, denn wie sich gezeigt hat, hat Gaia ihre Belastungsgrenze bereits überschritten. Wir brauchen mehr als eineinhalb Erden, um den menschlichen Konsum und den krankhaften Konsum der wohlhabenden Klassen zu befriedigen.

Allerdings müssen wir zwei Mythen widerlegen. Der erste lautet: Der Amazonas als die Lunge der Welt. Experten behaupten, dass sich der Amazonas-Regenwald in einem Klimaxzustand befindet. Das bedeutet, dass er sich in einem optimalen Lebenszustand befindet, in einem dynamischen Gleichgewicht, in dem alles genutzt wird und sich daher alles im Gleichgewicht befindet. So wird die von den Pflanzen durch die Wechselwirkungen der Nahrungskette gebundene Energie vollständig genutzt. Der tagsüber durch die Photosynthese der Blätter freigesetzte Sauerstoff wird nachts von den Pflanzen selbst und den anderen Lebewesen verbraucht. Deshalb ist der Amazonas nicht die Lunge der Welt.

Aber sie fungiert als großer Filter für Kohlendioxid. Im Prozess der Photosynthese wird eine große Menge Kohlenstoff absorbiert. Nun ist Kohlenstoff der Hauptverursacher des Treibhauseffekts, der die Erde erwärmt. Würde der Amazonas eines Tages vollständig abgeholzt, würden jährlich etwa 50 Milliarden Tonnen Kohlenstoff in die Atmosphäre gelangen. Es käme zu einem Massensterben von Lebewesen.

Der zweite Mythos: Der Amazonas als Kornkammer der Welt. So dachten die ersten Entdecker wie von Humboldt und Bonpland und die brasilianischen Planer zur Zeit der Militärherrschaft (1964-1983). Das ist nicht der Fall. Untersuchungen haben gezeigt, dass „der Wald von sich selbst lebt” und   zum großen Teil „für sich selbst” (vgl. Baum, V., Das Ökosystem der tropischen Regenwälder, 1986, 39). Er ist üppig, aber auf humusarmem Boden. Das scheint ein Paradoxon zu sein. Der große Amazonas-Experte Harald Sioli hat es gut erklärt: „Der Wald wächst tatsächlich auf dem Boden und nicht aus dem Boden” (A Amazônia 1985, 60). Und er erklärt es so: Der Boden ist nur die physische Stütze eines komplizierten Wurzelgeflechts. Die Pflanzen verflechten sich mit ihren Wurzeln und stützen sich gegenseitig an der Basis. Es entsteht ein riesiges, ausgewogenes und rhythmisches Gleichgewicht. Der ganze Wald bewegt sich und tanzt. Wenn daher ein Baum gefällt wird, reißt er mehrere andere mit sich.

Der Wald bewahrt seinen üppigen Charakter, weil es einen geschlossenen Nährstoffkreislauf gibt. Nicht der Boden nährt die Bäume, sondern die Bäume nähren den Boden. Das Wasser aus den Blättern und Stämmen wäscht und transportiert die Exkremente der baumbewohnenden Tiere und größeren Tierarten sowie der unzähligen Insekten, die in den Baumkronen leben. Über die Wurzeln gelangt die Nahrung zu den Pflanzen und sorgt so für die überwältigende Üppigkeit des Amazonas-Regenwaldes. Es handelt sich um ein geschlossenes System mit einem komplexen und empfindlichen Gleichgewicht. Jede noch so kleine Abweichung kann katastrophale Folgen haben.

Der Humus ist in der Regel nicht dicker als 30 bis 40 Zentimeter. Bei starken Regenfällen wird er weggespült. Nach kurzer Zeit kommt der Sand zum Vorschein. Der Amazonas ohne Wald könnte sich in eine riesige Savanne verwandeln. Deshalb kann der Amazonas niemals die Kornkammer der Welt sein. Aber er wird weiterhin der Tempel der größten Artenvielfalt bleiben.

        Ich schließe mit einem Zitat von Euclides da Cunha, einem klassischen Schriftsteller der brasilianischen Literatur und einem der ersten Analysten  der Realität des Amazonasgebiets zu Beginn  des 20. Jahrhunderts, der sagte: „Die menschliche Intelligenz würde die Last der gewaltigen Realität des Amazonasgebiets nicht ertragen können. Sie muss mit ihr wachsen, sich an sie anpassen, um sie zu beherrschen” (Um paraíso perdido: Vozes l976,15).  Chico Mendes, Märtyrer des ökologischen Kampfes im Amazonasgebiet und typischer Vertreter der Waldvölker, sah mit äußerster Klarheit diese Notwendigkeit, dass der Mensch mit dem Wald wachsen muss, indem er behauptete, dass nur eine Technologie, die sich den Rhythmen des Amazonasgebiets unterwirft, und eine Entwicklung, die sich am Abbau der unermesslichen Waldreichtümer orientiert, dieses ökologische Erbe der Menschheit bewahren können. Alles andere ist unangemessen und bedrohlich.

Leonardo Boff

03.12.2025

Autor von “Todos os pecados capitais antiecológicos:a Amazônia” em “Ecologia:grito da Terra,grito dos pobres”Vozes 1995.135-181.

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Warum scheint die Zeit so schnell zu vergehen?

Fast jeder von uns kennt das Gefühl, dass alles viel zu schnell vorbeigeht. Weihnachten steht vor der Tür, dann folgen die Feiertage zum Jahresende, Karneval und andere wichtige Termine. Ist dieses Gefühl eine Illusion oder beruht es auf der Realität?

Unter Wissenschaftlern, insbesondere Physikern und Klimatologen, herrscht eine hitzige Debatte darüber, dass dieses Gefühl keine wissenschaftliche Grundlage hat. Sie arbeiten im Allgemeinen noch immer innerhalb des alten Paradigmas, das die Wechselwirkungen aller Dinge außer Acht lässt, wie sie die Quantenphysik aufgezeigt und Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Über die Sorge für unser gemeinsames Haus“ (2015) und der Ökologie im Allgemeinen aufgegriffen hat.

Eine andere Forschergruppe, die das neue ganzheitliche Paradigma vertritt, wie beispielsweise die Wissenschaftler des HeartMath Institute, unterstützt hingegen die Hypothese, dass Sonne und geomagnetische Aktivität das menschliche Leben und das Leben aller Lebewesen beeinflussen. In diesem Kontext wird der Einfluss der Schumann-Resonanz verortet, die dazu beiträgt, das Gefühl der Vergänglichkeit des Lebens zu erklären.

Der deutsche Physiker W.O. Schumann entdeckte 1952, dass die Erde von einem starken elektromagnetischen Feld umgeben ist, das sich zwischen dem Erdboden und dem unteren Teil der Ionosphäre, etwa 60–100 km über uns, bildet. Erde und Ionosphäre bilden zusammen einen riesigen, nahezu konstanten Resonanzkörper mit einer Frequenz von etwa 7,83 Hertz. Dieses Feld fungiert als eine Art Schrittmacher und ist für das Gleichgewicht der Biosphäre verantwortlich – eine Grundvoraussetzung für alle Lebensformen. Man fand außerdem heraus, dass alle Wirbeltiere und unser Gehirn die gleiche Frequenz von 7,83 Hertz besitzen.

Empirisch wurde beobachtet, dass wir außerhalb dieser natürlichen biologischen Frequenz nicht gesund sein können. Immer wenn sich Astronauten aufgrund von Raumflügen außerhalb der elektromagnetischen Aktivität der Erde und der Schumann-Resonanz befanden, fühlten sie sich geschwächt. Nach dem Raumflug mussten sie sich einige Zeit ausruhen, um ihr Gleichgewicht wiederzuerlangen. Durch die Anwendung eines Schumann-Simulators erlangten sie jedoch ihr Gleichgewicht und ihre Gesundheit zurück.

Jahrtausendelang hatte die Erde diese Pulsationsfrequenz, und das Leben entfaltete sich in einem relativen ökologischen Gleichgewicht. Doch seit den 1980er Jahren, und besonders deutlich seit den 1990er Jahren bis heute, hat sich die Frequenz von 7,83 auf 9,1113 Hertz und mehr pro Sekunde erhöht. Die Erde schlägt immer schneller.

Viele Forscher haben neben den vielfältigen solaren und elektromagnetischen Einflüssen, denen die Erde ständig ausgesetzt ist, auch die Schumann-Resonanz in ihre Analyse einbezogen. Sie betonen, dass die Auswirkungen auf das Gehirn, das Herz-Kreislauf-System und das autonome Nervensystem wissenschaftlich belegt sind. Es sei daher nicht verwunderlich, dass ökologische und soziale Ungleichgewichte gleichzeitig auftreten: globale Erwärmung, extreme Wetterereignisse wie Dürren und Überschwemmungen durch Starkregen, erhöhte vulkanische Aktivität, wachsende Spannungen und Konflikte weltweit sowie ein allgemeiner Anstieg abweichenden Verhaltens. Aufgrund der fortschreitenden Beschleunigung dauert ein Tag zwar weiterhin 24 Stunden, wird aber tatsächlich nur als 16 Stunden wahrgenommen. Das Gefühl, dass alles zu schnell vergeht, ist demnach keine Illusion, sondern basiert auf der Störung der elektromagnetischen Felder und der Schumann-Resonanz.

Daten des Weltklimarats (IPCC), die von verschiedenen Klimakonferenzen bestätigt wurden, zeigen, dass extreme Wetterereignisse stattfinden. Die globale Temperatur des Planeten ist in diesem Jahr auf 1,7ºC gestiegen, während vorhergesagt wurde, dass sie bis 2030 1,5ºC erreichen würde.

Wir können das Rad nicht mehr anhalten, sondern es nur durch Vorsicht, Prävention, Anpassung und die Abschwächung schädlicher Auswirkungen verlangsamen. Wenn wir den Kurs der Zivilisation nicht ändern, wird es zu einem massiven Artensterben kommen, und Millionen von Menschen könnten vom Tod bedroht sein.

Die Erde ist Gaia, ein lebendiger Superorganismus, der Physikalisches, Chemisches, Biologisches und Anthropologisches so vereint, dass er dem Leben wohlgesinnt ist. Sie kann sich jedoch nicht selbst regulieren. Wir müssen ihr helfen, indem wir unsere Eingriffe in die Natur, unsere Produktions- und Konsummuster verändern. Andernfalls droht uns das gleiche Schicksal wie den Dinosauriern. Wir Menschen sind jener Teil der Erde, der fühlt, denkt, liebt, sich sorgt und sie verehrt. Wir haben die ethische Verpflichtung, die im Buch Genesis (2,15) deutlich zum Ausdruck kommt, unser gemeinsames Zuhause zu bewahren und zu pflegen.

Dieses Gebot muss bei uns selbst beginnen: alles stressfreier, gelassener und liebevoller zu tun – einer kosmischen und im Grunde harmonisierenden Energie. Wissenschaftler auf diesem Gebiet bestätigen, dass Menschen, die sich auf die natürliche Schumann-Resonanz (7,83 Hertz) ausrichten, herzlicher, fürsorglicher und mitfühlender sind.

Wir müssen im Einklang mit der Erde atmen, mit ihr im Einklang stehen für den Frieden, der aus dem Gleichgewicht der Bewegung und der Frucht des gerechten Maßes in all unseren Aktivitäten entsteht.

Leonardo Boff

20.11.2025

Ökotheologe und Mitglied der Internationalen Kommission der Erdcharta

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Gibt es Grenzen für menschliche Grausamkeit?

Das Polizeimassaker vom 28. Oktober in den Wohnkomplexen Alemão und Penha in Rio de Janeiro war ein äußerst brutales Verbrechen, begangen von Staatsbeamten, dem 121 Menschen zum Opfer fielen. Erschreckend ist, dass 57 % der Bevölkerung das Massaker, bei dem Köpfe abgetrennt, Gliedmaßen abgetrennt und Leichen verstümmelt wurden, gutgeheißen haben. Cláudio Castro, der Gouverneur von Rio, der das Massaker anordnete, wurde in den wohlhabenden Vierteln der Südzone Rios bejubelt. Seine Zustimmungswerte sind sprunghaft angestiegen.

Namhafte Analysten wie Paulo Sérgio Pinheiro, ehemaliger Menschenrechtsminister und UN-Sonderberichterstatter für Verbrechen in Syrien, erklären die wahre Bedeutung: „Das Massaker in Rio muss in einem breiteren politischen Kontext verstanden werden, der von Castro und anderen rechtsextremen Gouverneuren orchestriert wurde. Nach der Verurteilung und Inhaftierung ihres Machthabers und seiner Verbündeten versuchen diese politischen Akteure, den Diskurs des Drogenkriegs zu nutzen, um den Bundesstaat zu destabilisieren und ihre Chancen bei den nächsten Wahlen zu verbessern. Darüber hinaus versuchen sie, sich dem kontinentalen Narrativ der Drogenbekämpfung anzuschließen, das derzeit von Präsident Trump angeführt wird.“

Diese wahlpolitische Manipulation schlimmster Art offenbart den völligen Verfall der Ethik und das Fehlen jeglichen Mitgefühls für die Opfer, von denen viele unschuldig sind und nichts mit Drogenhandel zu tun haben. Es ist Nekropolitik in Reinkultur, denn die Armen, Schwarze, Quilombola-Gemeinschaften und Favela-Bewohner zählen nichts, wie sie selbst glauben und behaupten. Sie sind wirtschaftlich wertlos und entbehrlich.

Doch diese Barbarei mit ihrem kriminellen und politischen Kern wirft eine metaphysische und sogar theologische Frage auf, die eine furchtbare Herausforderung darstellt: Wie können Menschen nur so grausam und böse sein? Wie weit kann ihre Unmenschlichkeit gehen? Angesichts der aktuellen Völkermorde in Gaza, der Ukraine und dem Sudan fragen wir uns als Theologen und andere mit Entsetzen:

„Wo war Gott unter diesen schrecklichen Umständen? Warum hat er den Triumph der Barbarei zugelassen? Warum hat er geschwiegen? Warum hat er zugelassen, dass in anderthalb Jahrhunderten seit Beginn der europäischen Kolonialisierung/Invasion laut neuesten Untersuchungen 61 Millionen Menschen der Ureinwohner des Kontinents Abya Yala ums Leben kamen? Und was ist mit den ermordeten Kongolesen, die der wahnsinnige König Leopold II. von Belgien, der diese Länder zu seinem persönlichen Landgut gemacht hatte, Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts ermorden ließ, 10 Millionen Menschen, darunter verstümmelte Kinder ohne Hände und Beine. Wer erinnert sich an diese Grausamkeit? Und warum leiden wir darunter, dass diese Millionen von schwarzen Männern und Frauen nicht auch seine Söhne und Töchter waren, geboren in der Liebe Gottes? Warum hat er ihnen nicht geholfen, obwohl er es hätte tun können, und warum hat er es nicht getan?

Die Theologie hat keine Antworten; sie schweigt leidend, doch wie Hiob kann auch sie nicht anders, als Gott zu hinterfragen, der in liturgischen Gesängen und in den Basisgemeinden als der gütige und barmherzige Herr der Geschichte verkündet wird. Wenn der Glaube verstummt, bleiben nur noch die Schreie der Hoffnung, die sich in Klagen äußern, wie sie zahlreich in den Psalmen zu finden sind. Selbst Christus rief am Kreuz: „Eli, Eli, lama sabachthani?“: Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ergeben übergab er seinen Geist Gott, und zog sich in tiefste Verborgenheit zurück.

Doch es ist nicht nur ein theologisches, sondern auch ein philosophisches Problem. Wer ist letztlich der Mensch, und wie kann er so unmenschlich und gnadenlos gegenüber seinen Mitmenschen sein? Seit Jahrhunderten, seit Urzeiten, ist Kain stets Teil der Geschichte. Das Böse ist allgegenwärtig und in die menschlichen Gesellschaften integriert. Wie die Philosophin Hannah Arendt bemerkte: „Das Böse mag banal sein, aber niemals unschuldig.“ Es ist die Frucht einer perversen Absicht, die den anderen hasst, ihn erwürgen und ermorden will, sei es im Familienleben, im gesellschaftlichen Leben oder in den Kriegen, die es seit jeher gegeben hat. Alle Religionen, spirituellen und ethischen Wege versuchen, das Ausmaß des menschlichen Bösen einzudämmen. Doch es bleibt immer bestehen.

Es heißt, es gehöre zur conditio humana, dass wir Wesen sind, die gleichzeitig intelligent und wahnsinnig sind, vom Todestrieb und vom Lebensdrang besessen, Wesen des Lichts, begleitet von Schatten, der Satan der Erde und auch ihr Schutzengel. Es stimmt, wir sind all das. Aber diese Feststellungen beschreiben phänomenologisch eine unbestreitbare Tatsache, erklären diese aber nicht. Warum muss das so sein? Könnte es nicht anders sein?

Hier stoßen wir an die Grenzen der Vernunft, die nicht alles erfassen kann. Ein tieferes Verständnis des Bösen entspringt nicht, wie oben erläutert, der theoretischen, sondern der praktischen Vernunft. Das bedeutet: Das Böse ist nicht dazu da, verstanden, sondern um bekämpft zu werden. Indem wir es bekämpfen, gewinnen wir ein gewisses Verständnis, denn die Menschen lernen, ihrer Boshaftigkeit Grenzen zu setzen und so die Dimension des Lichts und des Guten zu stärken. Pepe Mujica, der ehemalige Präsident Uruguays, hinterließ uns eine inspirierende Botschaft: „Ich wurde besiegt, mit Füßen getreten, gefoltert und dem Tode nahe zurückgelassen. Doch ich stand immer wieder auf und gab meinen Traum vom Kampf für eine bessere Welt für alle nie auf.“ Vielleicht ist dies der richtige Weg angesichts der Herausforderung menschlicher Grausamkeit. Nicht anders erging es Jesus von Nazareth, der aufgrund seiner Vision eines Reiches der Gerechtigkeit, der Geschwisterlichkeit, des Friedens und eines Gottes, der alle willkommen heißt, hingerichtet wurde.

In Anlehnung an den Weg jener spirituellen Meister aller Kulturen glauben wir weiterhin, dass das Leben mehr wert ist als Profit und Wahlpolitik und dass es stets als der höchste Wert der Welt geachtet werden sollte.

Leonardo Boff
05.11.2025

Theologe, Philosoph, Schriftsteller
Autor von: Die Suche nach dem rechten Maß. Wie der Planet Erde wieder ins Gleichgewicht kommt, LIT Verlag 2023

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COP30: Anpassung oder Prävention?

Michael Löwy

Michael Löwy, Leiter der soziologischen Forschung am Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS), ist ein Brasilianer französischer Herkunft, der in Paris lebt. Er ist ein großer Freund Brasiliens und engagiert sich aktiv in unserem politischen und sozialen Leben. Als Sohn jüdischer Eltern ist er ein anerkannter Religionswissenschaftler, der sich auf die besten Arbeiten von Marx und Max Weber stützt und einen Teil seiner Forschung der Befreiungstheologie widmet. Ich pflege einen fruchtbaren, fast wöchentlichen Austausch mit ihm. Er hat mir den Artikel auf Französisch zukommen lassen, und er ist nun in „A Terra é Redonda“ vom 26. Oktober 2025 erschienen. Der Artikel ist aufschlussreich und zugleich eine Warnung vor potenziellen Bedrohungen für die Zukunft der Menschheit, bietet aber auch Raum für eine Hoffnung, die von unten kommt.

L. Boff

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Die Zukunft erreichen wir nicht dadurch, dass wir uns damit abfinden, uns dem Zusammenbruch anzupassen, sondern dadurch, dass wir den Mut haben, seine Ursachen zu verhindern.

1.

Wie wir wissen, findet die COP30, die Klimakonferenz der Vereinten Nationen, dieses Jahr im November in Belém do Pará statt.

Sie weckt Hoffnung, da sie in einem links regierten Land unter der Ägide von Präsident Lula stattfinden wird. Es muss jedoch festgestellt werden, dass der größte Umweltverschmutzer der Welt, die Vereinigten Staaten, nicht dabei sein wird, da Donald Trump – ein fanatischer Leugner des Klimawandels – sein Land aus diesem internationalen Gremium zurückgezogen hat.

Leider wirft eine kürzlich getroffene Entscheidung der brasilianischen Behörden einen Schatten auf dieses Treffen: die Genehmigung zur Ausbeutung der Ölvorkommen auf dem Meeresgrund nahe der Mündung des Amazonas. Brasilianische Umweltschützer kritisieren diese Entscheidung, die im Falle eines Unfalls bei den Bohrungen auf See ein enormes Risiko für eine „schwarze Welle” darstellt, die die empfindlichen Ökosysteme des Amazonas-Regenwaldes zerstören könnte.

Wenn darüber hinaus die riesigen Ölvorkommen, die sich auf dem Meeresgrund dieser Region befinden, gefördert, vermarktet und verbrannt werden, wird dies entscheidend zum Klimawandel beitragen.

Was kann man unter diesen Umständen von dieser COP30 erwarten? Man muss sagen, dass die Bilanz der 29 vorherigen Konferenzen nicht gerade glorreich ist: Es wurden zwar einige Beschlüsse gefasst, aber… sie wurden nie umgesetzt. Die Emissionen sind weiter gestiegen, die Anreicherung von Treibhausgasen hat beispiellose Ausmaße erreicht und die gefährliche Grenze von 1,5 °C (über dem vorindustriellen Niveau) wurde bereits überschritten.

Was sind die Ziele der Organisatoren der neuen COP? Einen Eindruck davon vermittelt ein aktuelles Interview mit André Correa do Lago, der von Lula zum Vorsitzenden der COP30 ernannt wurde. Der Diplomat mit langjähriger Erfahrung im Bereich der nachhaltigen Entwicklung ist derzeit Staatssekretär für Klima, Energie und Entwicklung im brasilianischen Außenministerium. In diesem Interview erklärt Corrêa do Lago: „Ich würde mich sehr freuen, wenn die Menschen sich an die COP30 als eine COP der Anpassung erinnern würden.“

2.

Was bedeutet das? Sicherlich ist die Anpassung an die Folgen des Klimawandels – Waldbrände, Tornados, katastrophale Überschwemmungen, unerträgliche Temperaturen, Dürren, Wüstenbildung, Süßwassermangel, Anstieg des Meeresspiegels usw. (die Liste ist endlos) – notwendig, insbesondere in den Ländern des Südens, die als erste von diesen Schäden betroffen sind.

Aber der Vorrang der „Anpassung” gegenüber der „Prävention” ist eine indirekte Form der Resignation gegenüber der Unvermeidbarkeit des Klimawandels. Diese Argumentation hört man immer häufiger von Regierungsvertretern verschiedener Länder weltweit.

Die Logik dieses Arguments ist einfach: Da es unmöglich ist, auf fossile Brennstoffe, den globalisierten Warentransport, die industrielle Landwirtschaft und andere vielfältige wirtschaftliche Aktivitäten zu verzichten, die für den Klimawandel verantwortlich sind, aber für das reibungslose Funktionieren der kapitalistischen Wirtschaft notwendig sind, bleibt uns nur die Möglichkeit, uns anzupassen.

Wenn eine Anpassung zunächst noch möglich ist, wird sie ab einem bestimmten Temperaturanstieg – zwei Grad? Drei Grad? Niemand kann das sagen – unmöglich werden. Wie soll man sich anpassen, wenn die Temperatur 50 Grad überschreitet? Wenn Trinkwasser zu einem knappen Gut wird? Wir könnten noch viele weitere Beispiele nennen.

Wir haben nicht mehr viel Zeit, um eine Katastrophe zu verhindern, die das Überleben der Menschheit auf diesem Planeten gefährden würde. Und entgegen der Meinung von Marsbewohnern wie Elon Musk gibt es keinen Planeten B. Wenn die COP30 der Anpassung Vorrang vor der Prävention einräumt, wird sie den Menschen als die COP der Kapitulation in Erinnerung bleiben.

Glücklicherweise findet zeitgleich mit der COP ein Volksgipfel in Belém do Pará statt, an dem ökologische, bäuerliche, indigene, feministische, ökosozialistische und andere Bewegungen teilnehmen werden. Dort werden sie über wirksame Lösungen für die ökologische Krise diskutieren und in den Straßen von Belém do Pará gegen die Untätigkeit der Regierung protestieren und die Notwendigkeit eines Systembruchs bekräftigen. Sie sind die Gestalter der Zukunft, die sich Resignation und Konformismus verweigern.

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Die Wurzeln aus unserer eigenen Quelle bewässern

Es lässt sich nicht leugnen, dass wir uns im Zentrum einer gewaltigen globalen Krise befinden. Niemand weiß, wohin wir steuern. Es ist ratsam, Historiker zu konsultieren, die in der Regel eine ganzheitliche Sicht und ein feines Gespür für die großen Trends der Geschichte besitzen. Ich zitiere einen meiner inspirierendsten Autoren: Eric Hobsbawn in seinem bekannten Übersichtswerk „The Age of Extremes“ (1994). Am Ende seiner Überlegungen kommt er zu folgendem Schluss:

Die Zukunft kann keine Fortsetzung der Vergangenheit sein … Unsere Welt ist von Explosion und Implosion bedroht … Wir wissen nicht, wohin wir gehen. Eines ist jedoch klar: Wenn die Menschheit eine lebenswerte Zukunft will, kann sie dies nicht durch die Verlängerung der Vergangenheit oder der Gegenwart erreichen. Wenn wir versuchen, das dritte Jahrtausend auf diesem Fundament aufzubauen, werden wir scheitern. Und der Preis des Scheiterns, d. h. die Alternative zum gesellschaftlichen Wandel, ist Dunkelheit.“ (S. 562) Dunkelheit könnte das Ende der Spezies Homo bedeuten. Max Weber sagte etwas Ähnliches in seiner letzten öffentlichen Konferenz, in der er (endlich!) den Kapitalismus als in ein „Stahlhartes Gehäuse“ eingeschlossen bezeichnete, das er selbst nicht durchbrechen kann. Daher kann es uns in eine große Katastrophe führen: „Was uns erwartet, ist nicht die Blüte des Herbstes, sondern eine Polarnacht, eisig, dunkel und mühsam“ (Vgl. M. Löwy, La jaula de hierro: Max Weber y el marxismo weberiano, Mexiko 2017). Und schließlich warnt Papst Franziskus selbst in der Enzyklika Fratelli tutti (2020): „Wir sitzen im selben Boot, entweder werden wir alle gerettet oder niemand wird gerettet“ (Nr. 32).


Im ökologischen Bereich und unter namhaften Analysten der globalen Geopolitik ist die Überzeugung weit verbreitet: Im kapitalistischen System, das das unbegrenzte (ungerechtfertigte) Streben nach finanziellem Profit in den Vordergrund stellt und zwei Ungerechtigkeiten schafft – eine soziale (die unermessliche Armut verursacht) und eine ökologische (die Zerstörung der Ökosysteme), gibt es keine Lösung für die aktuelle Krise. Einstein wird der Satz zugeschrieben: „Das Denken, das die Krise verursacht hat, kann nicht dasselbe sein, das uns aus ihr herausführen wird; wir müssen uns ändern.“

Da die vielversprechenden Zukunftsvisionen der Vergangenheit über die Zukunft der Menschheit gescheitert sind, können sie uns keine neuen Wege aufzeigen, außer vielleicht den planetarischen Ökosozialismus, der nichts mit dem einst existierenden und gescheiterten Sozialismus zu tun hat. Oder die Rückkehr zur Lebensweise der Ureinwohner, deren überliefertes Wissen oder das „bien vivir y convivir” der Andenbewohner uns noch eine Zukunft auf diesem Planeten sichern würden. Aber es scheint mir, dass wir uns so sehr in unserer systemischen Blase verstrickt haben, dass dieser Vorschlag, so reizvoll er auch sein mag,  global gesehen undurchführbar ist.

Wenn wir am Ende der gangbaren Wege angelangt sind und nur noch den Horizont vor Augen haben, scheint es mir, dass uns nur noch bleibt, uns für uns selbst zu entscheiden und noch nicht ausprobierte Möglichkeiten zu erkunden. Wir sind von Natur aus ein unendliches Projekt und ein Knotenpunkt  von Beziehungen in alle Richtungen. Wir müssen in uns selbst eintauchen und unsere  Wurzeln in der Quelle tränken, die immer in uns in Form von unerschütterlicher Hoffnung, großen Träumen,  realisierbaren Mythen und innovativen Projekten für einen anderen Weg vor uns sprudelt.

Wenn ich den Menschen als strukturierende Referenz nehme, denke ich nicht an eine Anthropologie der Anthropologen und Anthropologinnen oder an die immer bereichernden Wissenszweige über den Menschen. Ich denke an den Menschen in seiner unergründlichen Radikalität, die sich um den Bereich des Geheimnisses rankt, das sich, je näher wir ihm kommen, umso weiter entfernt und tiefer präsentiert. Und es bleibt ein Geheimnis in jedem Wissen. Das war die Erkenntnis, die der Heilige Augustinus über sich selbst gewann: factum sum mysterium mihi: „Ich bin mir selbst ein Geheimnis geworden”. Dieses Geheimnis ist Ausdruck eines größeren Geheimnisses, nämlich des Universums selbst, das sich noch in der Entstehung und Expansion befindet. Daher ist der Mensch als Geheimnis niemals von diesem Prozess, dessen Teil er ist, getrennt, was über eine rein individualistische Sichtweise des Menschen hinausgeht. Es ist wichtig, niemals zu vergessen, dass er ein Wesen mit unbegrenzten Beziehungen ist, sogar mit dem Unendlichen. Lassen Sie uns einige Daten aufzählen, die zu unserem Wesen gehören und auf deren Grundlage wir neue Zukunftsvisionen entwickeln können.

Zunächst ist es wichtig, den Menschen als Erde zu verstehen, die in einem Moment ihrer Komplexität zu fühlen, zu denken, zu lieben, zu pflegen und zu verehren begann. So brach der Mensch, Mann und Frau, in den kosmogenischen Prozess ein. Nicht ohne Grund wird er Homo oder Adam genannt, was beides bedeutet: „aus Erde gemacht“ oder fruchtbares, bebaubares Land.

Im Mittelpunkt des menschlichen Wesens steht die Liebe, die, wie F. Maturana und J. Watson gezeigt haben, seine biologische Grundlage bildet. Watson sagt in seinem berühmten Buch DNA: The Secret of Human Life (2005): „Liebe lässt uns füreinander sorgen; es ist die Liebe, die unser Überleben und unseren Erfolg auf diesem Planeten ermöglicht hat; dieser Impuls, so glaube ich, wird unsere Zukunft sichern; ich bin sicher, dass die Liebe in unserer DNA verankert ist“ (S. 414). Es wird keine menschliche Transformation oder Revolution geben, die nicht von Liebe durchdrungen ist.

Zusammen mit der Liebe entsteht die Fürsorge, die seit langem als Wesen des Menschen verstanden wird. Da sie kein spezielles Organ hat, ist es die Fürsorge für sich selbst, für andere und für die  Natur, die uns das Leben sichert.

Es war die Solidarität/Kooperation des gemeinsamen Essens, die uns einst den Sprung vom Tierischen zum Menschlichen ermöglichte. Was gestern wahr war, ist auch heute noch wahr und wesentlich, wenn auch rar. Als relationales Wesen sind Solidarität und Kooperation die Grundlage jeglichen Zusammenlebens.

Neben der Intelligenz des neokortikalen Gehirns gibt es die Emotionen des limbischen Gehirns, das vor Millionen von Jahren entstand und der Sitz von Liebe, Empathie, Mitgefühl, Ethik und der gesamten Welt der Exzellenz ist. Wir sind fühlende Wesen. Ohne eine emotionale Bindung zwischen uns Menschen und der Natur verfällt und verkümmert alles.

Tief in uns lebt die natürliche Spiritualität, die ebenso anerkannt wird wie Intelligenz und Emotionen. Sie ist älter als jede Religion, denn sie ist die Quelle, aus der alle schöpfen, jeder auf seine Weise. Spiritualität ist unser Wesen und drückt sich in bedingungsloser Liebe, Solidarität, Transparenz und allem aus, was uns menschlicher, beziehungsfähiger und offener macht.

Spiritualität lässt uns begreifen, dass unter allen Lebewesen eine kraftvolle und liebevolle Energie existiert, die Kosmologen den Abgrund nennen und die alles Existierende hervorbringt und erhält. Der Mensch kann sich dieser tiefen Energie öffnen, mit ihr kommunizieren und Staunen und Ehrfurcht vor der Erhabenheit des Universums und seines Schöpfers empfinden.

Realistisch betrachtet gehen mit solchen Werten auch ihre Gegensätze einher – wir sind Sapiens und Demens –, die nicht unterdrückt werden können, sondern in Grenzen gehalten werden müssen. Indem wir unsere Wurzeln in dieser ursprünglichen Quelle nähren, können wir eine andere Zukunft gestalten, in der Liebe, Solidarität und BienVivir die Grundlage bilden.

Leonardo Boff
23.10.2025

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