Das vielversprechende Treffen von Pachamama und Gaia

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph

Erdcharta Kommission

 

Ich möchte gern ein Buch vorstellen, das bald in Brasilien veröffentlicht wird: “Pachamama und der Mensch” (La Pachamama y el ser humano, Ediciones Colihue, 2012) von Eugenio Raúl Zafforini, der in Brasiliens juristischen Kreisen wohlbekannt ist. Zafforini ist ein hervorragender argentinischer Magistrat, Mitglied des Obersten Gerichtshofs von 2003 bis 2014 und emeritierte Professor der Universität von Buenos Aires.

Pachamama und der Mensch ist einer der besten öko-philosophischen Beiträge, die in letzter Zeit geschrieben wurden. Er befindet sich auf einer Linie mit der Enzyklika Laudato Si, Über die Sorge für das Gemeinsame Haus (2017) von Papst Franziskus, ebenfalls ein Argentinier. Mit bewundernswerten wissenschaftlichen und philosophischen Daten unterlegt stellt Zaffaronie die Frage nach integraler Ökologie, vor allem nach sozialer Gewalt und insbesondere Gewalt gegen Tiere.

Der wichtigste Aspekt seines Buchs besteht in der Kritik am dominierenden Paradigma, das mit den Gründungsvätern des 16. und 17. Jahrhunderts der Moderne aufkam, welche abrupt eine tief greifende Spaltung zwischen Mensch und Natur einführte. Dem natürlichen Bündnis, das seit Menschengedenken in den Kulturen des Okzidents und Orients verankert war, wurde damit ein fataler und tödlicher Schlag versetzt.

Die Erde hörte auf, die Magna Mater der Antike zu sein, die Pachamama der Andenvölker … die Gaia der damaligen Zeitgenossen, etwas Lebendiges und Leben Hervorbringendes. Sie wurde zu einem unbewegliche Ding gemacht (zur res extensa von René Descartes): eine Ansammlung von Ressourcen, die der unbeschränkten Gier der Menschen zur Verfügung steht. Die Formulierung von Descartes ist klassisch: der Mensch ist der maître et possesseur  (Herr und Eigentümer) der Natur. Der Mensch kann mit der Natur umgehen, wie es ihm beliebt. Und genau das haben die Menschen getan.

Die moderne Kultur ist auf dem Verständnis aufgebaut, dass der Mensch dominus, Herr und Eigentümer aller Dinge ist. Dinge haben keinen intrinsischen Wert. Im Gegensatz zu dem, was später in der Erdcharta betont wird sowie mit starker Ausdruckskraft in Papst Franziskus‘ enzyklischem Schreiben, haben Dinge nur einen Wert, wenn sie Menschen zu etwas nutze sind.

Dies ist das Bild von Macht, verstanden als die Fähigkeit, alles zu dominieren, und auf der Grundlage dessen, der die meiste Macht besitzt. In diesem Fall sind es die Europäer, die das Programm der Unterwerfung der Natur ausführten, die Invasion und Eroberung der Welt, die Kolonialisierung ganzer Nationen, den Genozid, Ökozid und die Zerstörung antiker Kulturen. Und sie taten dies unter Anwendung von brutaler Macht ihrer Waffen: dem Kreuz und dem Schwert. Und nun erledigen sie es mit Waffen, die in der Lage sind, die ganze menschliche Spezies auszulöschen.

Zaffaroni studiert das Aufkommen dieses Aspekts der Zivilisation und tut dies mit einem großen bibliographischen Reichtum. Mutig und mit großer kritischer Freiheit begegnet er den eingebildeten Koryphäen modernen Denkens wie Friedrich Hegel, Herbert Spencer, Charles Darwin und Martin Heidegger. Ich will mich auf seine Kritik gegenüber Hegels Geist konzentrieren. Mit seiner philosophischen Ideologie wurde Hegel zum Hauptvertreter des Ethnozentrismus. Mit seinem Biologismus verehrte Spencer die weiße Rasse als erhaben und erachtete alle anderen Rassen als unterlegen, was zur Legitimation von Kolonialismus und aller Arten von Vorurteilen führte.

Zaffaroni berührt die Frage nach dem Tier, verstanden als ein Träger von Rechten. Er schreibt: „Nach unserer Beurteilung ist der juristische Wert des Verbrechens der Misshandlung von Tieren kein anderer als die Anerkennung des Rechts des Tieres selbst, kein Objekt menschlicher Grausamkeit zu sein, wofür es notwendig ist, den Charakter des Tieres als Träger von Rechten anzuerkennen.“ Der Autor demonstriert auf strenge Weise, dass „wir uns als die biologischen Gewinner herausgestellt haben, wenn es darum geht, Spezies zu zerstören und als die größten Raubtiere innerhalb von Spezies“. Sein Vorschlag ist klar: „Nur wenn wir die Kenntnis des Herrn durch den Bruder ersetzen, können wir menschliche Würde zurückerlangen“ und Geschwisterlichkeit mit allen anderen Wesen erfahren.

Lateinamerika hat als erstes einen ökologischen Konstitutionalismus eingeführt, der die Rechte der Natur und Mutter Erde in den Verfassungen Ecuadors und Bolivien enthält. Zuvor, und ebenso zum ersten Mal, war es Mexiko, das soziale Rechte in seiner Verfassung von 1917 festschrieb. Zaffaroni preist die kreativen Potenziale, die der Vision der Andenvölker über das „gute Leben und die Co-Existenz“ (sumak kawsay) innewohnen – die Harmonie des Menschen mit der Natur; und auch in Gaia gesehen – die Erde als ein lebendiger, sich selbst regulierender Super-Organismus, der stets Leben produziert und reproduziert. Pachamama und Gaia sind zwei Wege, die aufeinander treffen „in einer glücklichen Koinzidenz des Zentrums und der Peripherie der planetaren Kraft“. Beide sind sie Hoffnungsträger für ein Gemeinsames Haus Erde, in dem alle Wesen einbezogen sind. Sie werden uns von den apokalyptischen Bedrohungen des Endes unserer Zivilisation und unseres Lebens befreien.

Zaffaroni verdanken wir eine brillante und überzeugende Perspektive, eine ernste Kritik einerseits, doch andererseits auch eine hoffnungsvolle. Er verdient es, gelesen und studiert zu werden und dass seine Vision einer holistischen Ökologie, die zutiefst all die Elemente der Natur und des Universums integriert, in unser Verständnis aufgenommen wird.

 

Leonardo Boff

20.07.2017

 

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Ihrem Gewissen können die Korrupten nicht davonlaufen

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

Es gibt eine Stimme in uns, die wir niemals zum Verstummen bringen können. Es ist die Stimme unseres Gewissens. Sie steht über der etablierten Order und den geltenden Gesetzen. Es gibt kriminelle Handlungen wie Gewaltausübung gegen Unschuldige, hungrigen Menschen das Brot zu verweigern, das ihr Leben retten könnte, Diebstahl aus dem Fonds für Gesundheit und Erziehung, solcherart praktizierte Korruption in Form von Plünderung Millionen von für die Infrastruktur bestimmten Reales (brasilianische Währung, A.d.Ü.) und andere grausame Verbrechen. Die Straffälligen gewöhnen sich so sehr an solche Praktiken, dass sie zu ihrer zweiten Natur wird und zur Denkweise: „Da es allen gehört und niemandem im besonderen, kann ich es mir aneignen:“ Der Straffällige im öffentlichen Dienst sagt: „Wer sich in dieser Position bereichert, ist schlau; wer es nicht tut, ist dumm.“ Die Korruption, wie sie in Brasilien verbreitet ist, gehorcht dieser Logik.

Doch niemand kann vor der inneren Stimme fliehen, die erste Natur, die ihn anklagt und nach Strafe verlangt. Er kann weglaufen wie Kain, doch die Stimme ertönt weiter wie eine innere Kesselpauke. Der Korrupte läuft davon, selbst wenn die Justiz nicht hinter ihm her ist. Wer kann in das Herz dessen schauen, für den es weder Geheimnisse noch Geheimkammern gibt? Wieder einmal ist es das Gewissen: Es richtet, ermahnt, nagt von innen, heißt gut oder verurteilt.

Spirituelle Personen aller Altersgruppen bezeugen Folgendes: Das Gewissen ist die Stimme Gottes in uns. Welchen Namen wir Gott je nach der eigenen Kultur geben, spielt keine Rolle. Es geht um etwas viel Höheres als uns, dessen Stimme nicht durch menschlichen Aufruhr erstickt werden kann, gleichgültig, wie laut der Aufruhr auch ist. Voller Überzeugung schrieb Seneca: „Das Gewissen ist Gott in dir, nahe dir und bei dir.“

Historische Beispiele gibt es im Überfluss. Ich werden ein altes und ein modernes nennen. Im Jahr 310 n. Ch. ordnete Kaiser Maximilian die Dezimierung eines Batallions christlicher Soldaten an, da diese sich weigerten, unschuldige Menschen zu töten. Bevor sie geköpft wurden, schrieben sie an den Kaiser: „Kaiser, wir sind deine Soldaten, doch zuerst sind wie Diener Gottes. Wir schworen dir den imperialen Eid, doch Gott versprachen wir, nichts Böses zu tun. Wir ziehen es vor zu sterben als zu töten. Lieber lassen wir uns unschuldig töten, als mit einem Gewissen weiterzuleben, das uns stets anschuldigt“ (Passio Agaunensium, Nr. 9).

Fünfzehnhundert Jahre später, am 3. Februar 1944, schrieb ein christlicher deutscher Soldat an seine Eltern: „Meine geliebten Eltern, ich wurde zum Tode verurteilt, da ich mich weigerte, wehrlose russische Gefangene zu erschießen. Lieber sterbe ich, als mein Gewissen mit dem Blut Unschuldiger für den Rest meines Lebens zu belasten. Du, geliebte Mutter, lehrtest mich, stets zuerst meinem Gewissen zu folgen und dann erst menschlichen Anweisungen. Nun ist für mich die Zeit gekommen, diese Wahrheit zu leben“ (P. Malevezzi & G. Pirelli, Letzte Briefe zum Tode Verurteilter, 1955, S. 489). Und er wurde hingerichtet.

Was ist das für eine Kraft, die in diesen beiden Beispielen römischen und deutschen Soldaten den Mut verlieh, auf solche Weise handeln zu können? Welche Stimme empfahl ihnen, eher zu sterben als zu töten? Welche Macht besitzt diese innere Stimme, dass sie selbst vermag, die natürliche Todesangst zu überwinden? Es ist die gebieterische Stimme des Gewissens. Wir schufen sie nicht, und daher können wir sie auch nicht zerstören. Wir können uns ihr widersetzen, sie verleugnen, Gewissensbisse unterdrücken. Doch zum Schweigen bringen können wir sie nicht.

Das Gewissen ist unbestechlich und unangefochten. Der Respekt, dem wir ihm schulden, ist so tief, dass selbst das unbesiegbare, wenn auch irrige, Gewissen gehört und befolgt werden muss. Darum schrieben die im Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) versammelten Bischöfe: „Das Gewissen verliert auch dann nicht seine Würde, wenn es irrt“ (De dignitate Humana Nr. 2).

Ein unbesiegbares irrendes Gewissen hat, wer all seine Anstrengungen aufwendet, um ernsthaft die Wahrheit zu suchen, den Rat anderer erfragt, studiert und befolgt und sich selbst befragt und dennoch irrt. Jemand, der all dies tut, aber irrt, hat das Recht, respektiert und gehört zu werden, denn er ist seinem Gewissen gefolgt.

Tragischerweise kann sich jeder irren, auch mit den besten Absichten. Daher müssen wir stets fragen, ob er oder sie auf die innere Stimme hört oder nicht. Blaise Pascal schrieb weise: „Wir tun Böses nie auf so perfekte Weise wie mit einem reinen Gewissen“. Nur ist dieses Gewissen nicht gut. Albert Camus, der sich mit der Moralität blinden Gehorsams beschäftigte, schrieb: „Guter Wille kann so viel Böses hervorrufen wie böser Wille, wenn er nicht ausreichend gut informiert ist“, d. h. wenn die Stimme des Gewissens, die nach guten Taten verlangt, nicht gehört wird.

Wir schreiben all dies im Bewusstsein der beschämenden Korruption, die unsere Gesellschaft auf praktisch allen Ebenen kontaminiert hat, vor allem bei den Großunternehmern und den hochrangigen Politikern bis hin zum schmuddeligen Präsidenten der Republik. Sie sind taub für ihr Gewissen, das sie anklagt. Doch die Zeit wird kommen, wenn sie jemand Höherem Rede und Antwort stehen werden müssen.

Leonardo Boff
07.07.2017

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Die politische Kraft der Hoffnung

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

Wir leben in Zeiten großer sozialer Unruhen. Es gab eine Art Erdbeben, das nicht durch die Natur, sondern durch die Politik hervorgerufen wurde.

Die vermögende Klasse führte einen Staatsstreich durch. Ihre Privilegien waren bedroht durch die Begünstigten der Sozialpolitik der Regierungen der Arbeiterpartei PT (aus dem Portugiesischen: Partido dos Trabalhadores), die ihnen Zugang zu Orten verschaffte, die ihnen zuvor verwehrt waren. Zu diesem Zweck bediente sie sich des Parlaments, so wie es das Militär im Jahr 1964 getan hatte. Die Absetzung von Präsidentin Dilma Rousseff, die demokratisch gewählt worden war, nutzte den Zielen dieser Wirtschaftseliten (0,05 % der Bevölkerung laut dem Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung, IPEA (aus dem Portugiesischen: Instituto de Pesquisa e Economia Aplicada), indem sie ihnen die Kontrolle über den Staatsapparat gab und ihnen so ihren historischen Sozialstatus gewährleistete, der auf Privilegien und schmutzigen Geschäften beruht. Nachdem sie die Korruption so naturgegeben erscheinen ließen, hatten sie auch keine Skrupel, die Verfassung abzuändern und Reformen einzuführen, welche die Rechte der Arbeiter abschafften und die Sozialleistungen zutiefst veränderten.

Die Korruption, die zuerst durch die Geheimdienstzweige der USA entdeckt und dann in unser Rechtssystem eingeführt wurde, ermöglichte die Einführung eines Rechtsprozesses namens Lava-Jato. Dort wurde ein unvorstellbares Korruptionsschema aufgedeckt, das große Unternehmen, sowohl staatlicher als auch privater Natur, involvierte, ihre Fonds und weitere Organe innerhalb der Logik der Vererbbarkeit. Diese aufgedeckte Korruption war von einer solchen Tragweite, dass sie die ganze Welt empörte. Sie führte zur Zahlungsunfähigkeit föderalistischer Staaten wie z. B. Rio de Janeiro.

So haben viele Universitätsprofessoren, ob im Ruhestand oder nicht, u. a. auch ich, seit Dezember 2016 keine Besoldung mehr erhalten.

Das Ergebnis ist ein politisches, gerichtliches und institutionelles Desaster. Es wäre eine Lüge zu behaupten, dass die Institutionen funktionierten. Jede Institution ist von der Korruption kontaminiert. Es ist beschämend, dass die Justiz befangen ist, insbesondere Richter Sergio Moro und viele Minister, die durch eine reaktionäre Presse gedeckt werden, die es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt. Diese „Gerichtsbarkeit“ setzt offen eine böse und verachtenswerte Verfolgung gegen den früheren Präsidenten Inacio Lula und dessen Partei PT fort, die die größte Partei im Lande darstellt. Ihr Ziel ist, seine unbestrittene Führungsrolle zu zerstören, seine Biographie zu verleumden und ihn auf jede nur mögliche Weise von der Kandidatur abzuhalten. Diese Verfolgung, die sich mehr auf politische Überzeugung als auf konkrete Beweise stützt, wird fortgesetzt, um seine Präsidentschaftskandidatur zu verhindern, die jedoch von der Mehrheit der Bevölkerung unterstützt wird.

Daraus resultiert eine schmerzvolle Hoffnungslosigkeit. Doch es ist wichtig, die politisch transformierende Eigenschaft der Hoffnung wieder zu beleben. Ernst Bloch, der große Hoffnungsphilosoph, spricht vom Prinzip Hoffnung, das mehr als nur eine allgemeine Tugend ist. Es geht um den Impuls, der in uns lebt, der uns stets bewegt, der Projekte und Träume projiziert und der es versteht, aus Misserfolgen Gründe für den Widerstand und den Kampf zu ziehen.

Vom Hl. Augustinus, dem vielleicht größten christlichen Genie und Schöpfer vieler Zitate, stammt folgender Satz: „Hoffnung hat zwei geliebte Töchter: Empörung und Mut; Empörung lehrt uns, Bestehendes abzulehnen, und Mut inspiriert uns zu dessen Veränderung.“

Zum jetzigen Zeitpunkt müssen wir zuerst an die Tochter Empörung erinnern: uns mit dem konfrontieren, was die Temer-Regierung auf kriminelle Weise gegen das Volk durchführt, gegen die indigene Bevölkerung, die Kleinbauern, Frauen, Arbeiter und ältere Personen: ihnen die Rechte aberkennen und Millionen von Brasilianern von Armut in erbärmliches Elend stoßen. Nicht einmal die staatliche Souveränität ist sicher, denn die Temer-Regierung erlaubt den Verkauf staatlicher Ländereien an Ausländer.

Wenn die Regierung das Volk verletzt, dann hat das Volk das Recht, die Tochter Empörung ins Feld zu führen, der Regierung keine Ruhe zu lassen, sondern auf den Straßen und Plätzen verlangen, dass diese Regierung abgesetzt wird, denn ihr wird bereits kriminelle Korruption zur Last gelegt, und dies ist das Ergebnis eines Staatsstreichs. Aus diesem Grund mangelt es der Regierung ohnehin an Legitimität.

Die Tochter Mut wird in der Bewegung für Veränderung gesehen, selbst wenn die Konfrontationen gefährlich werden können. Mut hält uns aufrecht, unterstützt uns im Kampf und kann uns in den Sieg führen. Wichtig ist, dem Rat Don Quixotes zu folgen: „Akzeptiere nicht die Niederlage, solange die letzte Schlacht nicht geschlagen ist.“

Was wir stets beachten müssen ist die Tatsache, dass die Wirklichkeit nicht nur aus dem Sichtbaren besteht wie etwas, das wir berühren können. Real ist mehr als nur das, was wir sehen können. Die Wirklichkeit trägt in sich verborgene Potenziale und Möglichkeiten, die zum Vorschein gebracht werden und neue Tatsachen werden können.

Eine dieser Möglichkeiten ist, den Artikel Nr. 1 der Verfassung anzuführen, der besagt: „Alle Macht geht vom Volk aus.“ Regierung und Politiker sind lediglich Delegierte des Volkes. Wenn sie das Volk verraten, repräsentieren sie nicht mehr das Gemeinwohl, sondern das Interesse der Unternehmen, welche ihre Wahlen finanzieren. Das Volk hat das Recht, ihnen schnell die Macht abzuerkennen, und zwar durch Direktwahlen.

„Temer raus und Direktwahlen sofort“ ist nicht nur der Slogan mancher Gruppen, sondern der großen Mehrheit. Die Tochter Mut muss diese Option als unser Recht verlangen. Dies ist das das einzige Recht, das einer Regierung, die in der Lage ist uns aus der gegenwärtigen Krise zu führen,  Autorität und Glaubwürdigkeit garantiert.

Die beiden Töchter der Hoffnung könnten ihren Weg in das Zitat von Albert Camus finden: “Inmitten des Winters entdeckte ich, dass es in mir einen unbesiegbaren Sommer gab.”

Leonardo Boff
12.06.2017

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Erklärung der Rechtswidrigkeit von Armut vor den Vereinten Nationen

Leonardo Boft
Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

Die skandalöse Zunahme der weltweiten Armut war Anlass für soziale Bewegungen, dieses Elend in der Menschheit auslöschen zu wollen.

Am 9. Mai gab es eine Veranstaltung an der Staatlichen Universität von Rosario, Argentinien, organisiert vom Vorsitzenden der Wasser-Wissenschaften, einer Abteilung der Fakultät der Sozialwissenschaften, koordiniert durch Professor Anibal Faccendi, um eine Erklärung über die Rechtswidrigkeit von Armut abzufassen. Ich hatte die Gelegenheit, daran teilzunehmen und einen Einführungsvortrag zu halten. Es geht darum, Unterstützung vom Nationalkongress zu erhalten, von der breiten Öffentlichkeit und von Menschen aus dem ganzen Kontinent, um diese Forderung den Vereinten Nationen vorzulegen, die ihr die höchste Priorität geben sollen. Bereits am 17. Oktober 1987 gründete Joseph Wresinski die ATD Internationale Bewegung (aus dem Spanischen Movimiento Internacional Actuar Todos para la Dignidad, ATD: Internationale Bewegung Handeln Aller für die Würde), die den Internationalen Tag für die Auslöschung der Armut beinhaltet. Dieses Jahr wird der Tag am 17. September in vielen Ländern begangen, die sich dieser Bewegung angeschlossen haben.

Die Erklärung von Rosario stärkte diese Bewegung, indem sie die internationalen Organe der Vereinten Nationen drängte, Hunger wirklich als rechtswidrig zu erklären. Diese Erklärung darf nicht nur auf dem Papier stehen. Es ist beabsichtigt, dass sich in den verschiedenen Institutionen der Länder, Städte, Nachbarschaften, auf den Straßen der Städte und in den Schulen Bewegungen bilden, um Menschen zu finden, die in extremer Armut leben (mit weniger als 2 $ pro Tag und ohne Zugang zur Grundversorgung) oder in einfacher Armut (mit etwas mehr als 2 $  und mit begrenztem Zugang zur Infrastruktur, zum Wohnungsmarkt, Schule und anderen minimalen humanitären Dienstleistungen). Dann sollen Solidaritätsaktionen organisiert werden, um diesen Menschen zu helfen, diese Krise mithilfe eigenen Handelns zu überwinden.

Im Jahr 2002 erklärte Kofi Annan, der ehemalige Generalsekretär, entschlossen: „Es ist unmöglich, dass die internationale Gemeinschaft die Tatsache toleriert, dass fast die Hälfte der Menschheit mit zwei Dollar am Tag oder weniger überleben muss, und dies in einer Welt von nie dagewesenem Reichtum.

Die Daten sind wahrhaftig alarmierend. OXFAM ist eine Nichtregierungsorganisation, die mit vielen anderen Organisationen in zahlreichen Ländern zusammenarbeitet und sich in den Studien über die Level der Ungleichheit in der Welt spezialisiert hat. Jedes Jahr veröffentlichen sie ihre Resultate, die immer schrecklicher werden. OXFAM geht immer nach Davos in die Schweiz, um die Daten zu veröffentlichen, welche die Reichsten der Welt enttarnen, die sich dort befinden. Im Januar 2017 deckte OXFAM auf, dass 8 Personen (von denen die meisten in Davos leben) über so viel Reichtum verfügen wie der gesammelte Reichtum von 3,6 Milliarden Menschen. Das heißt fast die Hälfte der Menschheit lebt in einem Zustand von Mangel, sei es unter extremer Armut oder einfacher Armut, während andere im skandalösesten Reichtum leben.

Wenn wir diese Daten ernst nehmen, was wir sollten, stellen wir fest, dass es einen Ozean  an Leiden, Krankheit und Tod von Millionen Kindern und Erwachsenen als direkte Folge von Hunger gibt. Dann müssen wir uns fragen: Was geschah mit dem Minimum an Solidarität? Sind wir nicht grausam und unbarmherzig gegenüber unseren Mitmenschen, die Menschen sind wie wir und die nur ein Minimum an Nahrung verlangen, so wie wir? Es macht sie krank zu sehen, wie ihre Kinder aus Hunger nicht schlafen können, und sie selbst können nur die Essensreste essen, die sie auf den großen Müllhalden einsammeln oder durch die Wohltätigkeit von Menschen oder einiger Institutionen (im Allgemeinen religiöser Art), die ihnen gerade genug zum Überleben geben.

Die Armut, die Hunger verursacht, ist mörderisch. Dies ist eine der gewalttätigsten Formen, Menschen zu demütigen, ihre Körper zu zerstören und ihre Seelen zu verwunden. Hier ist es gut, sich an die alte Weisheitslehre zu erinnern: Extreme Not kennt kein Gesetz, und Diebstahl zur Sicherung des Überlebens kann nicht als Straftat erachtet werden, denn Leben ist wertvoller als jegliche materiellen Güter.

Hunger ist heutzutage systemisch. Thomas Piketty, bekannt für seine Studien über Kapitalismus im 21. Jahrhundert, zeigte auf, wie Hunger präsent, doch versteckt ist mit 50 Millionen Menschen, die in den USA in Armut leben. In den letzten 30 Jahren, so Piketty, blieb das Einkommen der Ärmsten konstant, während das Einkommen des 1 % der Reichsten um 300 % anstieg. Piketty folgert: „Wenn nichts geschieht, um diese Ungleichheit zu überwinden, könnte das die ganze Gesellschaft zerstören. Kriminalität und Unsicherheit werden um sich greifen. Die Menschen werden mehr Angst als Hoffnung haben.“

Wir haben die Sklaverei in Brasilien abgeschafft. Doch wann werden wir den Hunger abschaffen?

Leonardo Boff
14.05.2017

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Immer wartet jemand auf Godot

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

Ich kannte einmal einen Mann, der alles Mögliche in seinem Leben gemacht machte. Man sagt, er wäre erst Marxist gewesen, denn wäre er Söldner in der französischen Fremdenlegion geworden und hätte viele Menschen erschossen.

Plötzlich bekehrte er sich, wurde Mönch, ohne sich jedoch von der Welt zurückzuziehen. Er begann, als Hafenarbeiter zu arbeiten, doch er verbrachte all seine freie Zeit mit Gebet und Meditation. Tagsüber rezitierte er Mantren: „Jesus, steh mir bei“, „Jesus, vergib mir meine Sünden“, „Heilige mich, Jesus“, „Jesus, mach mich zu einem Freund der Armen“, „Jesus, mach mich so arm wie die Armen“.

Interessanterweise hatte er seine eigene Gebetsweise: Er dachte: Wenn Gott in Jesus Mensch geworden ist, dann war Er wie wir: Er pieselte, weinte wie ein Baby um Nahrung, hatte Wutausbrüche, wenn etwas Ihn ärgerte sowie wenn Seine Windel voll war.

Anfangs mochte Er Maria möglicherweise lieber, dann mochte Er Josef mehr, wofür die Psychologen die passenden Erklärungen haben. Und Er wuchs genauso auf wie unsere Kinder, spielte mit Ameisen, jagte Hunde, warf mit Steinen nach den Eseln,  und dieser Schlingel hob auch die Röcke der Mädchen, um sie wütend zu machen, wie Fernando Pessoa sich respektloserweise vorstellte.

Er betete zu Maria, der Mutter des Kindes Jesu, und stellte sich vor, wie sie Jesus in den Schlaf wiegte, wie sie Seine Windeln im Teich wusch, wie sie Seine Babynahrung zubereitete und ein gehaltvolles Mahl für ihren Mann, den guten Josef, kochte. Und bei solchem Nachsinnen war er glücklich, denn er fühlte sie und lebte es wie etwas, das seinem Herzen wichtig war. Er weinte auch oft aus spirituellen Glücksgefühlen.

Als er Mönch wurde, entschied er sich für diejenigen, die die Welt zu ihrer Mönchszelle machen, und er lebte in radikaler Armut gemeinsam mit den Armen: den Kleinen Brüdern von Foucauld. Er gründete eine kleine Kommunität in der ärmsten Favela der Stadt. Er hatte wenige Anhänger. Das Leben war sehr hart: mit den Armen arbeiten und meditieren. Es waren nur drei, die so mit ihm lebten, doch schließlich gaben sie auf. Ein solch hartes Leben war nichts für sie.

Er lebte in verschiedenen Ländern, wurde  stets von den Militärdiktaturen vom Tode bedroht. Er musste sich verbergen und in andere Länder flüchten. Dort geschah ihm jedoch stets dasselbe. Doch er fühlte sich geborgen in Gottes Hand. Darum lebte er sorglos.

Die institutionelle Kirche war ihm unbehaglich wie die fromme Christenheit, die sich nicht für Gerechtigkeit für die Armen einsetzte, doch schließlich arbeitete er in einer Gemeinde, die mit dem und für das Volk da war. Er arbeitete mit den Landlosen, den Obdachlosen und einer Gruppe Frauen. Die Prostituierten hieß er willkommen, die kamen, um sich bei ihm auszuweinen. Getröstet gingen sie wieder von ihm.

Er hatte den Mut, öffentliche Demonstrationen vor dem Rathaus zu organisieren und ermutigte zur Besetzung von unbebautem Land. Und als es den Land- und Heimatlosen gelang, sich dort niederzulassen, hielt er mit ihnen schöne ökumenische Zelebrationen mit vielen Symbolen, den sogenannten Mystikern, ab.

Jeden Tag zog er sich nach der Nachmittagsmesse für eine ganze Weile  in die dunkle Kirche zurück. Lediglich das Nachtlicht spendete einen schwachen Lichtschein, der die toten Statuen in lebendige Geister verwandelte und die aufragenden Säulen in merkwürdige Hexen. Dort blieb er, reglos, die Augen auf den Tabernakel gerichtet, bis der Küster kam, um die Kirche zu schließen.

Eines Tages ging ich in die Kirche, um ihn aufzusuchen. Ich fragte ihn direkt: „Kleiner Bruder (seinen Namen möchte ich nicht nennen, es würde ihn betrüben), fühlst du Gott, wenn du nach der Arbeit hierher in die Kirche kommst, um zu meditieren? Spricht Gott zu dir?“

Mit einer großen Ruhe wie jemand, der aus einem tiefen Traum erwacht, schaute er mich seitlich an und sagte:

„Ich spüre nichts. Seit langem habe ich die Stimme meines Freundes (so nannte er Gott) nicht mehr gehört. Einmal fühlte ich Ihn. Es war faszinierend. Es füllte meine Tagen mit Musik. Jetzt höre ich nichts mehr. Vielleicht wird der Freund nicht mehr zu mir sprechen.“

Ich fragte ihn darauf: „Warum kommst du dann immer noch hierher in die heilige Dunkelheit der Kirche?“

„Ich komme noch immer“, antwortete er, „weil ich bereit sein möchte. Sollte der Freund kommen, um Sein Schweigen hinter sich zu lassen und zu reden, dann bin ich hier, um Ihm zuzuhören. Stell dir vor, Er käme, um mit mir zu sprechen, und ich wäre nicht da! Denn zu jeder Gelegenheit kommt Er nur einmal … Was geschähe mit mir untreuem Freund des Freundes?“

Ja, er gab nicht auf, „auf Godot zu warten“. Und er rührte sich nicht vom Fleck, wie im Stück von Samuel Beckett.

Ich ließ ihn zurück in seiner vollkommenen Verfügbarkeit. Ich ging rätselnd und meditierend davon. Dank dieser Menschen ist die Welt sicher und schenkt Gott Seine Gnade denen, die Ihn vergessen oder Ihn für tot halten, wie ein Philosoph sagte, der verrückt wurde. Doch da gibt es diejenigen, die wachen und warten, sie warten auf Godot, voller Hoffnung. Und dieses Warten macht jeden Tag neu und voller Freude.

Eines Tages fand der Küster ihn über die Kirchenbank gebeugt. Er dachte, er würde schlafen, doch er bemerkte, dass sein Körper kalt und steif war.

Da der Freund nicht kam, ging er hin, um Ihn zu finden. Nun braucht er nicht mehr auf das Kommen Gottes zu warten. Er wird mit dem Freund sein, eine Freundschaft feiern, wie man sie sich nicht freudvoller vorstellen kann, und diese Feier wird kein Ende haben.

Leonardo Boff
01.05.2017

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Globalisierung oder Planetisierung?

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

Es gibt aktuell einen starken Widerstand gegenüber dem Prozess der Globalisierung, der durch Donald Trump verstärkt wird, der mit Macht die Idee des „Die Vereinigten Staaten zuerst“ oder besser „Nur die Vereinigten Staaten“ vorantrieb. Trump unterstützt den Krieg gegen globale Unternehmen zugunsten derer, die nur innerhalb der USA arbeiten.

Es ist wichtig zu verstehen, dass es sich hierbei um einen Kampf gegen die gigantischen finanzökonomischen Konglomerate handelt, die einen großen Teil des weltweiten Reichtums in den Händen einer sehr kleinen Anzahl von Personen kontrollieren. Joseph Stiglitz, dem Nobelpreisträger von 2001 für Ökonomie, zufolge haben wir 1 % Multimillionäre, die 99 % abhängiger oder verarmter Personen gegenüber steht.

Diese Art von Globalisierung trägt einen finanzökonomischen Charakterzug, der an Dinosaurier erinnert, Edgar Morin zufolge die Eisenzeit der Globalisierung. Doch Globalisierung ist mehr als nur Ökonomie. Es geht um einen irreversiblen Prozess, einen neuen Entwicklungsstatus der Erde, der zu dem Zeitpunkt begann, als wir sie vom Blick von außen entdeckten, als die Astronauten sie uns von ihrem Raumschiff aus zeigten. Da wurde klar, dass Erde und Menschheit eine einzigartige komplexe Einheit bilden.

Der Augenzeugenbericht des nordamerikanischen Astronauten John W. Young auf der fünften Reise zum Mond am 16. April 1972 ist eindrucksvoll: „Da unten ist die Erde, der blaue und weiße Planet, unglaublich schön, strahlend, die Heimat der Menschheit. Von hier aus gesehen würde der Mond in meine Handfläche passen. Aus dieser Perspektive gibt es weder Weiße noch Schwarze auf der Erde, keine Trennung zwischen Ost und West, Kommunisten und Kapitalisten, Nord und Süd. Gemeinsam bilden wir eine einzige Erde. Wir müssen lernen, diesen Planeten zu lieben, dessen Teil wir sind.“

Aus dieser Erfahrung werden die Worte von Pierre Teilhard de Chardin von 1933 prophetisch und provokativ: „Das Zeitalter der Nationen ist vorüber. Wenn wir nicht sterben wollen, ist dies der Augenblick, die alten Vorurteile über Bord zu werfen und die Erde zu bilden. Die Erde wird ihrer selbst bewusst sein durch kein anderes Mittel als durch eine Krise aus Konversion und Transformation.“ Diese Krise ist in unsere Köpfe eingedrungen: Jetzt sind wir für das einzige Gemeinsame Heim, das wir besitzen, verantwortlich. Und wir haben die Mittel unserer eigenen Selbstzerstörung erfunden, was unsere Verantwortung für den ganzen Planeten nur noch verstärkt.

Wenn wir genauer hinsehen, entstand dieses Bewusstsein früh im 16. Jahrhundert, genau genommen im Jahr 1521 als Ferdinand Magellan zum ersten Mal den Globus umrundete und bewies damit empirisch, dass die Erde rund ist und dass wir überall hin kommen können, unabhängig davon, an welchem Ort wir uns befinden.

Die Globalisierung nahm mit der Verwestlichung der Welt Form an. Europa begann das koloniale und imperialistische Abenteuer von Eroberung und Beherrschung aller entdeckten und noch zu entdeckenden Länder, indem es sie den Interessen Europas zu Diensten mache, wie der Wille zur Macht zeigte, den man gut übersetzen kann mit dem Willen zu unbegrenzter Bereicherung, der Durchsetzung der Weißen Kultur, seiner politischen Institutionen und seiner christlichen Religion.

Aus der Sichtweise der Opfer dieser Entwicklung wurde dieses Abenteuer gewalttätig durchgeführt, was zu großen Vernichtungen von Völkern, Ethnien und der Umwelt führte. Dieses Abenteuer war ein Trauma und eine Tragödie für die Mehrheit der Völker, und dessen Konsequenzen sind noch heute zu spüren, selbst unter denen, die die Kolonialmacht stellten, die Sklaverei einführten und zur Unterwefung unter die großen imperialistischen Mächte zwangen.

Wir müssen nun die positive und essentielle Bedeutung des Begriffs Planetisierung sicherstellen, ein Wort, das besser ist als „Globalisierung“ wegen seinen ökonomischen Konnotationen. Am 22. April 2009 machten die Vereinten Nationen die Nomenklatur Mutter Erde offiziell, um ihr die Konnotation etwas Lebendigen zu verleihen, das respektiert werden und verehrt werden muss wie eine Mutter. Papst Franziskus benutzte den Ausdruck Gemeinsames Haus, um die tiefe Verbundenheit der Menschen herauszustreichen, die den gemeinsamen Platz bewohnen.

Dieser Moment ist ein Schritt nach vorn im Prozess der Geo-Genese. Wir können nicht zurückgehen mit einem verringerten Bewusstsein und uns abschotten wie Donald Trump vorgibt, innerhalb unserer nationalen Grenzen. Wir müssen uns selbst für diesen neuen Schritt vorbereiten, den die Erde gegeben hat, dieser lebendige Super-Organismus, gemäß der Gaia-These. Wir sind das Momentum von Bewusstsein und Intelligenz auf der Erde. Wir sind die Erde, die fühlt, denkt, liebt, Achtsamkeit pflegt und verehrt. Wir sind die einzigen Wesen der Natur, deren ethische Mission darin besteht, sich um dieses geheiligte Erbe zu kümmern, zu sichern, dass es ein bewohnbarer Ort für uns alle bleibt und für die ganze Gemeinschaft der Lebewesen.

Wir sind noch nicht aufgestanden, um diesem Ruf der Erde zu folgen. Daher müssen wir jetzt aufwachen und diese edle Berufung annehmen, an dieser Planetisierung mitzuwirken.

Leonardo Boff
07.04.2017

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Die Gekreuzigten von heute und der Gekreuzigte von gestern

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

Der Großteil der Weltbevölkerung lebt heute unter dem Kreuz des Elends, des Hungers, der Wasserknappheit und der Arbeitslosigkeit. Auch die Natur wird gekreuzigt, verwüstet durch die industrielle Gier, die sich weigert, jegliche Grenzen zu akzeptieren. Mutter Erde wird gekreuzigt, ist so sehr erschöpft, dass sie ihr inneres Gleichgewicht verloren hat, was sich in der globalen Erwärmung zeigt.

Im religiösen und christlichen Verständnis wird Christus selbst in all diesen gekreuzigten Wesen als gegenwärtig gesehen. Indem er unsere menschliche und kosmische Realität annahm, leidet er mit allen Leidenden. Er blutet noch immer in unserem dezimierten Ökosystem und am verunreinigten Wasser. Die Inkarnation des Gottessohnes bildete eine geheimnisvolle Solidarität des Lebens und Geschicks mit allem, das Er auf sich nahm, mit unserer ganzen Menschheit und allem Licht und Schatten, das unser Menschsein mit sich bringt.

Im Markusevangelium, dem ältesten der Evangelien, lesen wir die schrecklichen Worte zu Jesu Tod. Von allen verlassen, oben am Kreuz, fühlt er sich auch vom Vater der Güte und der Barmherzigkeit verlassen. Jesus ruft:

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ “Jesus aber schrie laut auf. Dann hauchte er den Geist aus“ (Mk 15,34.37).

Jesus starb nicht so, wie wir alle sterben. Er starb ermordet in der zu damaliger Zeit demütigendsten Weise: ans Kreuz genagelt. Zwischen Himmel und Erde hängend quälte er sich drei lange Stunden am Kreuz.

Die Ablehnung durch Menschen, die zu Jesu Kreuzigung hat führen können, kann nicht die Bedeutung wiedergeben, die Jesus Seinem Kreuzestod gab. Der Gekreuzigte definierte den Sinn Seiner Kreuzigung als Solidarität mit allen Gekreuzigten der Geschichte, die wie Er Opfer waren, sind und sein werden: von Gewalt und ungerechten sozialen Beziehungen, von Hass, von Demütigung der Niedrigen und der Ablehnung des angekündigten Reiches der Gerechtigkeit, Geschwisterlichkeit, des Mitgefühls und der bedingungslosen Liebe.

Trotz Seiner solidarischen Hingabe zu den Anderen und zu Seinem Vater durchfährt eine grausame und letzte Versuchung Seinen Geist. Der große Konflikt Jesu, in seiner Todesqual, ist jener mit Seinem Vater.

Der Vater, den Er in tiefer kindlicher Vertrautheit erfahren hatte, der Vater, den Er als barmherzig und voller Güte verkündigte, ein Vater mit den Zügen einer liebevollen und fürsorglichen Mütter, der Vater, dessen Königreich Er ausgerufen und in Seinen befreienden Handlungen vorangebracht hatte, dieser Vater scheint Ihn nun verlassen zu haben.

Jesus geht durch die Hölle der Abwesenheit Gottes.

Um die dritte Nachmittagsstunde, Minuten vor seinem tragischen Ende, rief Jesus mit lauter Stimme: “Eloi, Eloi, lama sabachtani: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Jesus hat fast alle Hoffnung verloren. Aus der tiefsten Leere Seines Geistes steigt eine schreckliche Infragestellung auf, welche die verblüffendste Versuchung schafft, die Menschen je erlitten, und nun auch Jesus, die Versuchung der Verzweiflung. Jesus fragt sich selbst:

„Könnte es sein, dass mein Glaube absurd war? Ist der Kampf, den die Unterdrückten und Gott führen, sinnlos? War alles vergeblich: die Risiken, die ich einging; die Verfolgungen, die ich ertrug; der demütigende religionsrechtliche Prozess, in dem ich zur Höchststrafe verurteilt wurde: die Kreuzigung, die ich nun erleide?“

Jesus findet Sich selbst nackt, machtlos, völlig leer vor dem Vater, der schweigt und dessen Schweigen Sein ganzes Mysterium enthüllt. Er hat keinen mehr, an den Er sich halten kann.

Nach menschlichen Kriterien beurteilt ist Jesus auf ganzer Linie gescheitert. Seine innere Sicherheit verschwindet. Doch selbst in der am Horizont untergehenden Sonne hält Jesus am Vertrauen in den Vater fest. Aus diesem Grund ruft er laut: „Mein Vater, mein Vater…“ Auf dem Höhepunkt Seiner Verzweiflung begibt sich Jesus selbst in das wahrhafte namenlose Mysterium. Dies wird Seine einzige Hoffnung jenseits jeglicher Sicherheit sein. Durch Sich selbst hat Er keine Stütze mehr, nur durch Gott, der sich verbirgt. Die absolute Hoffnung Jesu kann nur in der Annahme Seiner völligen Verzweiflung verstanden werden. Wo Hoffnungslosigkeit überfließt, war Hoffnung im Überfluss vorhanden.

Die Größe Jesus bestand im Ertragen und Überwinden dieser fürchterlichen Versuchung. Diese Versuchung führte Ihn zu einer totalen Hingabe zu Gott, einer bedingungslosen Solidarität mit Seinen Brüdern und Schwestern, die ebenfalls im Lauf der Geschichte hoffnungslos waren und gekreuzigt wurden, eine völlige Veräußerung Seiner selbst, ein absolutes Aus-sich-Heraustreten hin zu den Anderen. Der Tod ist nur auf diese Weise Tod und kann nur so komplett sein: die perfekte Hingabe zu Gott und zu den leidenden Söhnen und Töchtern Gottes, die Geringsten Seiner Brüder und Schwestern.

Die letzten Worte Jesu machen Seine Hingabe deutlich, weder als resigniert oder schicksalsergeben, sondern frei: “Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist” (Lk 23,46). „Es ist vollbracht“ (Joh 19,30).

Der Karfreitag setzt sich fort, doch er hat nicht das letzte Wort. Die Auferstehung als das Aufkommen des neuen Seins ist die große Antwort des Vaters und Sein Versprechen für uns alle.

Leonardo Boff
12.04.2017

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