Kein Papst ging bisher in der Verurteilung des Kapitalismus so weit

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta-Kommission

Michael Löwy ist ein französisch-brasilianischer Soziologe und Philosoph,der sich gut mit der Denkweise der lateinamerikanischen Christen auskennt. Es ist interessant, seine Meinung durch das Interview zu erfahren, das er am 21. Juni 2016 dem Correio da Cidadania gab. Im Folgenden ein Auszug aus dem Interview:

Die Enzyklika “Laudato Sí“ ist ein direkter Angriff auf das kapitalistische System. Was bedeutet das, wenn man sich vor Augen hält, dass der Angriff von einem Papst stammt?

Bergoglio ist kein Marxist, und der Begriff „Kapitalismus“ kommt in seiner Enzyklika nicht vor. Doch ihm ist klar, dass die dramatischen ökologischen Probleme unserer Zeit aus den „Interaktionen der gegenwärtigen globalen Ökonomie“ resultieren, Interaktionen, die ein globales System schaffen, „ein strukturell perverses System aus Handelsbeziehungen und Eigentum“. Was sind diese „strukturell perversen“ Charakteristika für Franziskus? Zunächst einmal geht es um ein System, in dem die „unbeschränkten Geschäftsinteressen“ und eine „fragwürdige ökonomische Rationalität“ vorherrschen, eine instrumentelle Rationalität, deren einziges Ziel darin besteht, Profit zu vermehren. Für den Papst ist diese Perversität kein einzigartiges Charakteristikum des einen oder anderen Landes, sondern ein Charakteristikum für „ein Weltsystem, in dem Spekulation und die Prinzipien der Profitmaximierung und das Streben nach finanzieller Rentabilität vorherrschen, ein System, das dazu neigt, jeglichen Kontext und Auswirkung auf die Menschenwürde und die Umwelt zu ignorieren. Dadurch zeigt sich die enge Verflechtung zwischen Umweltverschmutzung einerseits und menschlicher und ethischer Verkümmerung andererseits.“ Andere perverse Eigenschaften des Systems bestehen in der Besessenheit auf unbegrenztes Wachstum, Konsumdenken, Technokratie, in der absoluten Beherrschung durch das Geld und in der Vergötterung des Markts. In seiner destruktiven Logik wird alles zur Ware degradiert und zur „finanziellen Kosten-Nutzen-Rechnung“. Doch wir wissen, dass „die Umwelt eines der Dinge ist, welche die Marktmechanismen nicht beschützen oder adäquat voranbringen können.“ Der Markt ist nicht in der Lage, die qualitativen, ethischen, sozialen, menschlichen oder natürlichen Werte, d. h. die „Werte, die jegliche Kalkulation übersteigen“ in Betracht zu ziehen. Die „absolute“ Macht des spekulativen Finanzkapitals ist ein wesentlicher Aspekt dieses Systems, wie sich bei der jüngsten Finanzkrise herausstellte. Der Kommentar der Enzyklika darüber spricht deutliche Worte: „Die Banken zu jedem Preis zu retten und den Menschen dafür bezahlen zu lassen, bestätigt die absolute Herrschaft des Finanzsektors. Dies kann keine Zukunft haben und generiert nur neue Krisen nach langen kostspieligen vermeintlichen Erholungen.“ Indem er stets den Bezug zu den ökologischen und sozialen Fragen herstellt, zeigt Franziskus, dass „dieselbe Logik, welche drastische Maßnahmen gegen die Erderwärmung erschwert, es unmöglich macht, das Ziel der Ausrottung der Armut zu erreichen.“ In der katholischen Kirche gibt es eine alte Tradition, den liberalen Kapitalismus zu kritisieren bzw. die „Exzesse“ des Kapitals, aber kein Papst vor Franziskus ging bisher so weit in seiner Kapitalismuskritik.

Was kann die Befreiungstheologie den Linken dieser Welt lehren in Anbetracht der unterschiedlichen Gedankenströmungen?

Zuerst einmal lehrt uns die Befreiungstheologie, dass Religion etwas anderes sein kann als ein simples “Opium fürs Volk”. Darüber hinaus sahen Marx und Engels die mögliche Entstehung von religiösen Bewegungen mit einer antikapitalistischen Dynamik voraus. Die Linke muss religiöse Überzeugungen mit Respekt behandeln und linke Christen als einen wesentlichen Teil der Bewegung zur Befreiung der Unterdrückten anerkennen. Die Befreiungstheologie lehrt uns ebenfalls die Bedeutung von Ethik im Prozess der Bewusstmachung und des Vorrangs der Arbeit an der Basis, gemeinsam mit den populären Volksschichten, in deren Nachbarschaft, in ihren Kirchen, ihren ländlichen Gemeinden und in ihren Schulen.

Befindet sich die katholische Kirche Brasiliens auf einer Linie mit Papst Franziskus?

Der Großteil der Bischöfe der brasilianischen Bischofskonferenz, der CNBB, befindet sich mit Franziskus auf einer Linie. Manche würden sogar gern etwas weiter gehen. Andere hingegen denken, dass Franziskus die Glaubenslehre gefährdet, und sie versuchen, seine Vorstöße zu behindern. Doch trotz ihrer Beschränkungen, insbesondere hinsichtlich der Rechte der Frauen auf ihren Körper – Scheidung, Verhütung, Abtreibung -, ist die brasilianische Kirche eine der fortschrittlichsten in der katholischen Welt.

Sollte die “Option für die Armen”, ein Gerüst aus Ideen und praktischen Aktionen, die dem gegenwärtigen politischen und ökonomischen System, das auf Anhäufung und Rückhaltung von Kapital ausgerichtet ist, entgegenstehen, umgesetzt werden, würde dies ganz klar zu einer gewalttätigen Konfrontation führen. Was wäre Ihrer Meinung nach die Haltung des Papstes diesbezüglich?

Traditionell versucht die Kirche, gewalttätige Konfrontationen zu “meiden”. Doch bei der Konferenz der lateinamerikanischen Bischöfe 1968 in Medellin wurde eine wichtige Resolution gefasst, die dem Volk das Recht auf Aufstand gegen die Tyrannei und unterdrückerische Strukturen zugesteht. Wie wir wissen, zogen einige Mitglieder des Klerus die logische Konsequenz aus ihrer Option für die Befreiung des Volkes und für den Kampf auf dessen Seite und nahmen an bewaffneten Befreiungskämpfen teil. Dies war bei Camilo Torres in Kolumbien der Fall, der in die Nationale Befreiungsarmee (Ejercito de Liberacion Nacional) eintrat und 1966 im Kampf fiel. Einige Jahre später unterstützte eine Gruppe junger Dominikaner die Nationale Befreiungsaktion ALN, angeführt von Carlos Marighella, im Kampf gegen die Militärdiktatur. Und in den 1970er Jahren nahmen die Cardenal-Brüder und einige andere Ordensleute an der Nationalen Befreiungsfront Nicaraguas (Frente de Liberacion Nacional) teil. Es ist schwer vorauszusagen, welche Arten „gewalttätiger Konfrontationen“ gegen das kapitalistische System auftreten werden, und noch schwerer, welche Position die Kirche dabei einnähme.

Leonardo Boff
12.07.2016

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Gott im Heute erfahren

Unsere heutige Zeit ist so sehr von der Politik belastet, dass unsere Psyche davon betroffen ist. Keinen Ausweg zu sehen, im Blindflug zu leben, wie ein steuerloses Schiff dahinzutreiben löscht unseren letzten Lebensfunken. Am Ende vergessen wir, was in unserem Leben essentiell ist.

Wer meinen letzten Artikel “Gibt es noch Rettung für das heutige Brasilien?” liest, findet dort den Hintergrund für diese Betrachtung über Gott. In Zeiten wie dieser, ohne pietistisch zu sein, wenden wir uns der Quelle zu, die schon immer die Menschheit nährte. Vor allem in düsteren Zeiten allgemeiner Krisen spüren wir eine Sehnsucht nach Gott. Wir erwarten Sein Licht. Und noch mehr: Mitten in den Turbulenzen möchten wir Gott erfahren und Ihn in unseren Herzen spüren.

Schauen wir uns in der Geschichte um, so sehen wir, dass die Menschheit sich schon immer die Frage nach der Letzten Wirklichkeit gestellt hat. Den Menschen wurde bewusst, dass sie ihren unendlichen Durst nicht ohne etwas Unendliches stillen können, das diesem Durst entspricht. Sie konnte sich die Größe des Universums und unserer eigenen Existenz nicht erklären ohne das, was üblicherweise als Gott bezeichnet wird, selbst wenn diese „Es“ in den verschiedenen Kulturen Tausende von Namen trägt. In der säkularen Sprache von heute sprechen wir in der neuen Kosmologie von der „Urquelle, aus der alle Wesen stammen“.

Trotz dieser unermüdlichen Suche besagt das universelle Zeugnis, dass „niemand jemals Gott sah“ (1 Joh 4,12). Moses bat darum, die Herrlichkeit Gottes sehen zu dürfen, doch dieser sagte ihm: „Du kannst mein Angesicht nicht sehen, denn kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben“ (Ex. 33,20). Doch selbst wenn wir Ihn nicht sehen können, so können wir Zeichen Seiner Gegenwart wahrnehmen. Dafür brauchen wir nur achtsam zu sein und uns für die Feinfühligkeit des Herzens zu öffnen.

Das folgende Zeugnis eines Cherokee beeindruckte mich. Er sprach von jemandem, der verzweifelt nach Gott suchte, doch die vielen Zeichen der göttlichen Gegenwart nicht wahrnehmen konnte. So lautet die Erzählung:

“Ein Mann flüsterte: Gott, sprich zu mir! Und eine Nachtigall begann zu singen. Doch der Mann achtete nicht darauf. Er bat wiederum: Gott, sprich zu mir! Und ein Donnerschlag hallte durch das Land. Und der Mann achtete nicht darauf. Er bat wieder: Gott, lass mich dich sehen! Ein großartiger Mond schien am Nachthimmel, doch der Mann nahm das nicht wahr. Nervös begann er auszurufen: Gott, zeige mir ein Wunder! Und ein Baby wurde geboren. Doch der Mann hielt sich nicht damit auf, das Baby zu betrachten oder das Wunder des Lebens zu bestaunen. Verzweifelt schrie er: Gott, wenn du existierst, so berühre mich, lass mich deine Gegenwart hier und jetzt spüren. Und ein Schmetterling landete sanft auf seiner Schulter. Doch der Mann schüttelte ihn ärgerlich ab.

Enttäuscht und unter Tränen setzte der Mann seine Reise fort. Er lief ziellos umher, bat um nichts mehr und war voller Angst, da er nicht wusste, wie er die Zeichen von Gottes Gegenwart erkennen konnte.”

Sein Mangel an Achtsamkeit war die Ursache für seine Verzweiflung, seiner Einsamkeit und Heimatlosigkeit. Das Gegenteil vom Glauben an Gott ist nicht Atheismus, sondern das Gefühl von Einsamkeit und existentieller Verlassenheit. Mit Gott wird alles transformiert und von Sinn erfüllt.

Inmitten unserer aktuellen verstrickten politischen Situation suchen wir nach einer wahren Gotteserfahrung. Dafür müssen wir über unsere rationale Vernunft hinausgehen, welche die Phänomene über deren Verzweigungen zu verstehen sucht, sie berechnet, manipuliert und in das Spiel des Wissens als wissenschaftliche Objektivität sowie als politische Interessen einfügt, wie es zurzeit geschieht. Dieser berechnende Geist denkt zwar über Gott nach, nimmt Ihn aber nicht wahr.

Wir brauchen einen anderen Geist, einen, der Gott fühlt: einen Geist der Feinfühligkeit und der Herzlichkeit, der Bewunderung und Verehrung. Es ist die Vernunft des Herzens oder der Sensibilität, die Gott vom Herzen aus spürt.

Gott lässt sich besser spüren, wenn wir von der Intelligenz des Herzens ausgehen, als wenn wir versuchen, mit den intellektuellen Verstand über Ihn nachzudenken. Dann werden wir begreifen, dass wir niemals allein sind. Eine unauslöschliche, mysteriöse und liebende Gegenwart ist uns zu allen Zeiten nahe.

Ist das nicht der Grund, warum wir Jahrhunderte lang nicht aufhören nach Gott zu fragen? Ist es nicht das, was unsere Herzen füllt, wenn wir Zeit mit Ihm verbringen? Ist es nicht, weil Er es ist, der Namenlose und Mysteriöse, der uns innewohnt? Ist dies nicht der Grund, warum wir glauben, dass es immer eine Lösung für unsere Probleme gibt?

Wir wissen, dass Er es ist, wenn wir keine Angst mehr haben, denn Er ist der wahre Herr der Geschichte. Und wir wagen zu hoffen, dass ein gutes Geschick aus der Dunkelheit entspringen wird, die wir gerade ertragen müssen.

Leonardo Boff
24.06.2016

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Gibt es noch Rettung für das heutige Brasilien?

Jeder, der sich die politisch-sozioökonomische Situation anschaut, fragt sich: „Gibt es noch Rettung für das heutige Brasilien?“ Eine Diebesbande, verkleidet als Senatoren und Richter, sind entgegen aller das Gegenteil belegenden Argumente darauf aus, eine unschuldige Frau, Präsidentin Dilma Roussef, zu verdammen, die weder der unrechtmäßiger Aneignung öffentlicher Güter noch irgendeiner persönlichen Korruption anzuklagen ist.

Durch die neuen, wichtigen Enthüllungen wurde klar, dass das Problem nicht Präsidentin Roussef ist, sondern die Operation Lava Jato, welche, abgesehen von einzelnen Beschuldigungen gegen die Arbeiterpartei PT, den Großteil der Oppositionsführer betrifft. Sie alle haben auf die eine oder andere Weise durch Geschenke von Petrobras profitiert, um ihre Wahlsiege sicherzustellen. „Wir müssen diese Blutung stoppen“, sagte einer der bekanntesten der Korrupten, „sonst wird es uns alle betreffen. Wir müssen Dilma loswerden.

Niemand setzt sein eigenes Vermögen aufs Spiel, um seine Wahlkampagne zu finanzieren. Niemand braucht dies zu tun: Dafür gibt es eine schwarze Kasse, die durch korrupte Unternehmen gefüllt wird, welche sich damit spätere Vorteile für große Projekte zu sichern suchen, oftmals zu überhöhtem Preis. So kommt deren Vermögen zustande.

In den Augen der Welt befinden wir uns in einer lächerlichen Situation: zwei Präsidenten, einer davon unrechtmäßig, schwach und ohne eine Führungsqualität; der andere legitim, aber ausgebootet und zur Gefangenen im eigenen Palast gemacht; zwei Planungsminister: einer ausgebootet, der andere nur ein Ersatz; eine monströse Regierung, reaktionär und im Volk unbeliebt.

Wir befinden uns in der Tat im Blindflug. Niemand weiß, worauf diese Nation zusteuert, die die siebtgrößte Weltwirtschaft mit den weltgrößten Öl- und Gasvorkommen ist sowie von unübertroffenem ökologischem Reichtum, d. h. der Grundlage der künftigen Ökonomie. So wie die Kräfte jetzt aufgestellt sind, führt uns das nirgendwohin außer in einen eventuellen sozialen Konflikt.

Die Armen, die die Mehrheit der Brasilianer stellen, sind es gewohnt zu leiden und einen Ausweg finden zu müssen. Doch es wird ein Punkt kommen, an dem das Leid unerträglich werden wird. Niemand kann mehr gleichgültig bleiben beim Anblick von Kindern, die vor Hunger sterben und am kompletten Mangel an medizinischer Versorgung. Und man kommt zum Schluss: so kann es nicht weitergehen, eine Revolte muss her.

Dies erinnert mich an einen franziskanischen Bischof aus dem 13. Jh. in Schottland, der die vom Papst erhobenen hohen Steuern ablehnte und auf die Nachfrage durch den Papst antwortete: „Ich akzeptiere dies nicht, ich verweigere mich und revoltiere.“ Und der Papst gab nach. Könnte so etwas auch heute bei uns vorkommen?

Wenn ich mich in meinen Reden bemühe, einen Hoffnungsschimmer auszustrahlen und man mir sagt, ich sei wohl ein Pessimist, erwidere ich mit Saramago: „Ich bin kein Pessimist; es ist die Realität, die so deprimierend ist.“ Die Realität ist in der Tat für alle deprimierend, außer für die betuchten Eliten, die an rücksichtslose Ausbeutung gewohnt sind und von der sich verschlechternden Lage des Volkes profitieren. Diese Eliten haben ihren profanen Tempel in Sao Paulos Paulista Avenue, wo sich ein Großteil des brasilianischen BSP konzentriert.

Unser großes Problem besteht im Mangel an Führungspersönlichkeiten. Abgesehen vom früheren Präsidenten Lula, dessen Charisma außer Frage steht, sind nur zwei Personen der Rede wert: Ciro Gomes und Roberto Requiao. Meiner Ansicht nach sind sie die einzigen starken Führungspersönlichkeiten, die den Mut haben, die Wahrheit auszusprechen, und mehr an Brasilien denken als an parteipolitische Streitereien.

Diese Krise hat einen bisher ungelösten Präzedenzfall in unserer Geschichte, wie Jesse Souza vor kurzem herausstellte (A tolice da inteligência brasileira, 2015). Wir sind die Erben von jahrhundertealtem Kolonialismus, der uns den Stempel des „wertlosen Volkes“ aufdrückte, das immer von Fremden abhängig war.

Noch schlimmer ist das weltliche Erbe der Sklaverei, die ihre Erben La Casa Grande glauben lässt, sie können Herr über Leben und Tod der Schwarzen und Armen sein. Ihnen reicht es nicht, die Schwarzen und Armen an den Rand zu drängen, nein, sie müssen auch noch abgelehnt und gedemütigt werden. Die Mittelklasse imitiert die Oberklasse, indem sie sich von dieser völlig manipulieren lässt und unbewusst zu Komplizen der horrenden sozialen Ungleichheit wird.

Die superreichen Eliten (71.440 Personen, die laut IPEA 600.000 Dollar pro Monat verdienen), die mithilfe der Massenkommunikationsmittel, welche das Öl in der Maschinerie ihrer Beherrschung ist, wurden „Golpistas“ und Reaktionäre. Diesen Eliten lag nie an wahrer Demokratie, sie wollen nur eine Demokratie von sehr niedriger Intensität, welche sie kaufen und manipulieren können. Sie bevorzugen Putsch und Diktatur. Da Putsche nicht länger mit Bajonetten durchgeführt werden können, planten sie etwas anderes: einen Coup mithilfe von künstlicher Manipulation unter korrupten Politikern, eine politisierte juristische Branche, und durch polizeiliche Repression. Folglich gibt es drei Arten von Putsch: durch Politik, Justiz und Polizei.

Ich schließe mit den Worten von Jesse Souza: „Wir befinden uns selbst in einer Welt, in der Politik von einer Diebesbande bestimmt wird, Justiz durch „justicieros“ gemacht wird, die diese protegiert, einer Elite von Blutsaugern und in einer Gesellschaft, die zu materiellem Elend und spiritueller Armut verdammt ist. Es ist wichtig, dass jeder diesen Coup versteht. Es ist der Spiegel dessen, was aus uns wurde.“ Sollte ich hier Heidegger zitieren: „Nur Gott kann uns retten“? Karl Marx ist da vielleicht bescheidener und akkurater, wenn er sagt: „Es gibt immer eine Lösung für jedes Problem“. Und so wird es sein.

Leonardo Boff
21.06.2016

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Die Atombombe und die Olympischen Spiele

Zu genau dem Zeitpunkt, an welchem die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro am 6. August 2016 um 8:00 Uhr abends beginnen, wird in Hiroshima (Japan) zur entsprechenden Zeit um 8:15 Uhr morgens des entsetzlichen Abwurfs der Atombombe auf diese Stadt gedacht werden. Diese Bombe forderte 242.437 Opfer einschließlich derer, die sofort starben, und derer, die später an den Folgen der radioaktiven Strahlung starben.

Im Kapitulationsschreiben vom 14. August räumte Kaiser Hirohito ein, dass „es eine Waffe war, die die totale Vernichtung der menschlichen Zivilisation verursachen könnte“. Tage später, als er dem Volk die Gründe für die Kapitulation mitteilte, erklärte er, die Hauptursache sei gewesen, dass die Atombombe „den Tod des ganzen japanischen hätte Volkes verursachen könne“. In seiner traditionellen Weisheit hatte Kaiser Hirohito Recht.

Die Menschheit zitterte. Dem Kosmologen Carl Sagen zufolge erkannte die Menschheit plötzlich, dass wir für uns selbst den Beginn unserer Selbstzerstörung erschaffen hatten. Jean-Paul Sartre sagte dasselbe: „Die Menschen werden sich die Mittel für ihre eigene Zerstörung aneignen.“ Entsetzt schrieb der große britische Historiker Arnold Toynbee, der kürzlich 12 Bände über die Geschichte der Zivilisationen schrieb, in seinen Memoiren (Erlebnisse & Erfahrungen, 1969): „Ich lebte, um zu erleben, dass das Ende der Geschichte der Menschheit eine anti-historische Möglichkeit wurde, die tatsächlich eintreten könnte, nicht als ein Eingriff Gottes, sondern als Tat der Menschen.“ Der berühmte französische Naturforscher Théodore Monod sagte nachdrücklich: „Wir sind zu sinnlosem und  gestörtem Verhalten in der Lage; von nun an müssen wir alles befürchten, wirklich alles, selbst die Auslöschung der kompletten menschlichen Spezies“ (Und wenn das Abenteuer Menschheit versagt? 2000).

Tatsächlich hat das Entsetzen nichts bewirkt, denn Nuklear-Waffen wurden weiterhin entwickelt, sogar immer stärkere, die in der Lage sind, das Leben von unserem Planeten auszulöschen und der menschlichen Spezies ein Ende zu bereiten.

Zurzeit besitzen 9 Staaten Nuklarwaffen, insgesamt ca. 17.000. Und wir wissen, dass es keine absolute Sicherheit gibt. Die Katastrophen von Three Mile Island in den USA, Tschernobyl in der Ukraine und Fukushima in Japan belegen dies auf überzeugende Weise.

Vor einigen Tagen besuchte der US-Präsident Barak Obama zum ersten Mal Hiroshima. Er beklagte nur den Fakt und sagte: „Der Tod fiel vom Himmel und die Welt war verändert … unser moralisches Erwachen begann.“ Doch Präsident Obama hatte nicht den Mut, um Vergebung vom japanischen Volk für die apokalyptischen Szenen zu bitten, die sich dort ereigneten.

Darüber, wie dieser kriegerische Akt zu bewerten ist, wird heute weltweit diskutiert. Viele behaupten eher pragmatisch, dies sei der einzige Weg gewesen, um Japan zur Kapitulation zu zwingen und Tausende von Opfern auf beiden Seiten zu vermeiden. Andere halten den Gebrauch dieser tödlichen Waffe, nach der offiziellen japanischen Version, für einen „illegalen feindlichen Akt innerhalb der Normen des internationalen Rechts“. Wieder andere gehen noch weiter und behaupten, dass dies ein „Kriegsverbrechen“ und sogar „Staatsterrorismus“ war.

Heute sind wir geneigt zu sagen, dass es sich um einen kriminellen Akt gegen das Leben handelt, der in keiner Weise zu rechtfertigen ist, denn unter ökologischen Gesichtspunkten betrachtet, tötete die Bombe viel mehr als Menschen: alle Formen von Pflanzen, tierisches und organisches Leben und führte ebenfalls zur totalen Zerstörung von Kulturgütern. Normalerweise kämpfen in Kriegen Armeen gegen Armeen, Kriegsflugzeuge gegen Kriegsflugzeuge, Schlachtschiffe gegen Schlachtschiffe. Hier nicht. Es war ein totaler Krieg im Stil der Nazis, der alles tötete, was sich bewegt, der Wasser vergiftet, den Wind kontaminiert und die physikalisch-chemischen Lebensgrundlagen dezimiert. Albert Einstein weigerte sich, am Projekt der Atombombe teilzunehmen, und verurteilte dieses gemeinsam mit Bertrand Russel vehement.

Neben anderen tödlichen Bedrohungen gegen das Lebens- und das Erdystem, bleibt die nukleare Bedrohung die schrecklichste, ein wahres Damokles-Schwert, das über dem Kopf der Menschheit hängt. Wer kann die Irrationalität Nord-Koreas einschätzen, wenn eine zerstörerische Nuklearattacke ausgelöst wird?

Es gibt einen zutiefst menschlichen Vorschlag aus Sao Paulo, Brasilien, von der Gesellschaft der Überlebenden von Hiroshima und Nagasagi („Hibakusha“; man geht von ungefähr 118 Überlebenden aus, die in Brasilien leben), angeführt von Chico Whitaker, einem kämpferischen Gegner der Kernenergie, dass am 6. August zum Zeitpunkt der Eröffnung der Olympischen Spiele eine Schweigeminute eingehalten werden soll, um der Opfer von Hiroshima zu gedenken. Nicht nur dies, sondern auch dass unsere Gedanken sich gegen die Gewalt gegenüber Frauen, Flüchtlingen, Schwarzen und Armen wenden, die systematisch dezimiert werden (in Brasilien waren es allein im Jahr 2015 60 000 jugendliche Schwarze), gegen Indigene, die Quilombolas, die Landlosen, die Obdachlosen, im Prinzip alles Opfer der Unersättlichkeit unseres Systems der Anhäufung von Gütern.

Zu diesem Thema hat der Bürgermeister Hiroshimas bereits einen Brief an das Olympische Organisations-Komitee geschrieben. Hoffen wir, dass das Komitee diesen stummen Schrei gegen Krieg und für Frieden unter allen Völkern der Welt unterstützt.

Leonardo Boff
14.06.2016

 

 

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Inmitten der aktuellen Finsternis öffne dich dem Licht des Allerhöchsten

Nach wochenlangen politischen Turbulenzen, dominiert von dichten Wolken der Verdrehung der Tatsachen, der Zerstörungswut und tief sitzenden Zorns, doch glücklicherweise auch mit einigen Lichtblicken, schreiben wir diese Meditation über das Licht. Für die Kosmologen ist das Licht immer noch ein undurchdringbares Mysterium. Wir haben nur minimales Wissen darüber, ob es nun aus Wellen oder Partikeln besteht.

Unabhängig von der Frage nach der Beschaffenheit des Lichts sind wir zutiefst überzeugt davon, dass das Licht kraftvoller ist als die Dunkelheit. Die kleine Flamme eines Streichholzes reicht aus, um die Dunkelheit aus einem ganzen Raum zu verbannen.

Dies bewegte uns dazu, aufmerksam und ehrfurchtsvoll diese kleine Betrachtung zu veröffentlichen.

Aus den Tiefen des Universums geht ein mysteriöses Licht aus. Es berührt unseren Kopf genau an der Stelle, wo sich die rechte von der linken Gehirnhälfte trennt. Diese Aufteilung ist die Quelle unserer Dualismen: Gefühle auf  der einen Seite und Gedanken auf der anderen, einerseits die Fähigkeit zu analysieren, andererseits die Fähigkeit zur Synthese. Auf der einen Seite unser Sinn für Objektivität und auf der anderen Seite die Subjektivität; auf der einen Seite die Welt der Endlichkeit und auf der anderen Seite das Universum von Sinnhaftigkeit und Spiritualität.

Das selige Licht des Allerhöchsten hebt diese Aufteilung unseres Gehirns auf und schafft eine Einheit. Wir denken liebevoll und lieben gedankenvoll. Wir arbeiten daran, Gedichte zu schreiben. Wir verbinden Kunst mit Freizeit, doch unter einer Bedingung: dass wir uns vollkommen für das Licht des Allerhöchsten öffnen.

„Heiße das mysteriöse Licht willkommen, das durch das ganze Universum strahlt und zu dir kommt! Lass Es durch deinen ganzen Körper fließen, durch deinen Kopf, deine Augen, Lunge, Herz, Gedärme und Genitalien. Lass Es durch deine Beine herabsteigen, halte Es in deinen Knien und bewahre Es für einen Moment in deinen Füßen, denn deine Füße tragen dich.“

“Und steige hinauf mit dem Licht, durch deinen ganzen Körper, leite Es noch einmal zu deinem Herzen, sodass von dort aus die guten Gefühle der Liebe und des Mitgefühls zu dir kommen. Lass das Licht ins Zentrum deines Kopfs steigen, zu dem, was wir „das dritte Auge“ nennen. Es wird dir brillante Gedanken bringen. Lass Es schließlich oben auf deinem Kopf ruhen.“

„Von hier aus wird das Licht deinen ganzen Körper mit Helligkeit erfüllen. Und Es wird dich für das ganze Universum öffnen und dir das Gefühl geben, eins mit dem Ganzen zu sein. Die Dualismen werden überwunden sein, du wirst die gesegnete Erfahrung der ursprünglichen Einheit von allem Existierenden und Lebendigen machen. Du wirst eine Ruhe kennenlernen, die die Integration der Teile ins Ganze und des Ganzen in die Teile ist. Und von dir wird ein Licht ausgehen wie am ersten Tag der Schöpfung. Du wirst, zumindest für einen Moment, wissen was es heißt, das Glück in Fülle zu haben.“

„Am Ende sei dankbar für die transformierende Gegenwart des Lichts des Allerhöchsten. Lass Es ins Innere des Mysteriums absteigen, woher Es gekommen war.“

„Höre auch auf diesen Rat: Sei stets bereit, das Licht willkommen zu heißen, denn Es hört nie auf zu kommen. Und wenn sich weniger öffnet als dein gesamtes Wesen, wird das Licht an dir vorübergehen und du wirst dich erstaunlicherweise leer fühlen, wirst Bedeutsamkeit und Sinnhaftigkeit vermissen.“

“Wenn du das gesegnetste Licht willkommen heißt, wirst du stets Güte und Wohlwollen ausstrahlen. Und jede und jeder wird sich an deiner Seite wohl fühlen.“

„Öffne dich selbst vollkommen für das Licht, bis du selbst völlig zum Licht geworden bist.“

Leonardo Boff
17.05.2016

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Amtsenthebungsverfahren als Gegenrevolution

Ich bin einer der Wenigen, die sagten und immer wieder darauf hinwiesen, dass der Anstieg der Arbeiterpartei (PT) und ihrer Verbündeten zur Zentralgewalt des Staates bedeutet, dass zum ersten Mal eine gewaltfreie Revolution in Brasilien stattfand. Florestan Fernandes schrieb, dass die bürgerliche Revolution in Brasilien (La revolución burguesa en Brasil,1974) die Übernahme durch die post-koloniale Business-Initiative war mit einem Organisationmodell der Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur, welches Lohnarbeit verallgemeinerte, mit einer auf Wettbewerb ausgerichteten Ordnung und einer Marktwirtschaft, die auf einer monetären und kapitalistischen Basis beruht (s. Intérpretes de Brasil, Band 3, 2002 S. 1512).

Wenn wir näher hinschauen, war es nicht wirklich eine Revolution, sondern eine konservative Modernisierung, welche die brasilianische Entwicklung begünstigte. Sie bewirkte nicht das Wesentliche, was man normalerweise unter einer Revolution versteht, nämlich eine Veränderung in Bezug auf die Machtverhältnisse. Diejenigen, die immer an der Macht waren, festigten diese und führten sie in unterschiedlichster Weise weiter. Es gab keine Veränderung im Machtgefüge, so wie jetzt.

Dies ist, meiner Meinung nach, was durch den Sieg der Arbeiterpartei PT und ihrer Verbündeten geschehen ist, die den Präsidenten Inácio Lula da Silva wählten. Er stammt nicht aus den traditionell oder modern machtvollen und stets konservativen Klassen, sondern aus der machtlosen Klasse: den Männern und Frauen des Senzala, der Peripherie des tiefsten Brasiliens, der neuen Arbeiterbewegung, den linken Intellektuellen und der Befreiungskirche mit ihren Tausenden christlichen Basisgemeinden. Gemeinsam wandelten sie in einem langen und schmerzhaften Organisations- und Entwicklungsprozess die gewonnene soziale Macht in eine mächtige politische Partei. Durch die Arbeiterpartei PT verwirklichten sie eine wahre Revolution.

Wir sind über die herkömmliche Sicht hinaus, für die Revolution ein Veränderungsprozess mit bewaffneter Gewalt ist, und übernahmen den positiven Sinn, der von Caio Prado Jr. in seinem klassischen Werk „Die Brasilianische Revolution“, (La revolución brasileña, 1966, S.16) vorgestellt wurde: „Veränderungen, die das Leben eines Staates in einer solchen Weise umstrukturieren, die sich in Einklang befindet mit dessen allgemeinsten und tiefsten Bedürfnissen und Erwartungen, mit den Hoffnungen des größten Bevölkerungsanteils, dem im gegenwärtigen Status nicht gebührend Beistand geleistet wird; etwas, das das Leben des Staates auf neue Wege führt.“

Genau dies ist geschehen. Ein neuer Weg für den Staat wurde eröffnet. Präsident Lula musste der liberalen Makro-Ökonomie Zugeständnisse machen, um diese neu eingeschlagene Richtung abzusichern, doch die Welt der Armen und Ausgeschlossenen wurde geöffnet. Es gelang ihm, eine Sozialpolitik zu entwerfen, die zuvor teilweise initiiert worden war, die aber nun zur offiziellen Staatspolitik wurde. Diese Politik „stillte die allgemeinsten und tiefsten Bedürfnisse, die zuvor nicht gebührend beachtet worden waren“ (Caio Prado Jr.).

Lasst uns nur einige bekannte Beispiele nennen, wie z. B. Bolsa Familia (Mein Heim, Mein Leben, Licht für alle), zahlreiche Universitäten und technische Hochschulen, FIES und die diversen Möglichkeiten, den Zugang zur Universität zu finanzieren. Die brasilianische soziale Landschaft hat sich unleugbar verändert. Letztlich gewannen alle dadurch, einschließlich der Banker und der Reichen (Jesse de Souza).

Logischerweise bleibt aufgrund der perversen Tradition von Ausschluss und Ungleichheit noch vieles zu tun, insbesondere im Bereich Gesundheit und Bildung. Dennoch lässt sich von einer sozialen Revolution sprechen.

Warum erwähnen wir diesen ganzen Prozess? Darum, weil in Brasilien eine Gegenrevolution stattfindet. Die alten oligarchischen Eliten akzeptierten niemals einen Arbeiter als Staatspräsident. Während die wirtschaftspolitische Krise die Weltkapitalismus-Ordnung zerstört, wird die Gegenrevolution gefördert von einer boshaften und konservativen Rechten, im Verbund mit den Banken und dem Finanzsystem, in- und ausländischen Investoren, mit der feindlichen Wirtschafts-Presse, konservativen politischen Parteien, Teilen des Justizwesens, der FP und der MP und ganz zu schweigen vom Einfluss der nordamerikanischen Außenpolitik, die im Südatlantik keine Macht toleriert, die in Verbindung zu den BRIC-Staaten steht. Die Amtsenthebung von Präsidentin Dilma Roussef ist ein Kapitel in dieser Verneinung. Sie wollen zu den vorigen Verhältnisse zurückkehren, zur erblichen Demokratie, die sich nicht um das Volk kümmert, um sich weiterhin selbst zu bereichern wie zuvor.

Abgesehen von der Verteidigung der Demokratie und dem Aufdecken der Amtsenthebung als ein parlamentarischer Coup gegen Präsidentin Dilma ist es wichtig, die brasilianische Revolution abzusichern, auf die wir viele hundert Jahre gewartet hatten. Ich wiederhole hier was ich auf Twitter schrieb: „Wenn die Armen wüssten, was mit ihnen geschieht, wären die Straßen Brasiliens nicht breit genug, um die Anzahl der Menschen zu fassen, die gegen diesen Coup demonstrierten.“

Leonardo Boff
06.05.2016

 

 

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Die an der Wahlurne scheiterten, wollen die Macht mit illegalen Mitteln ergreifen

Mitten in der aktuellen Diskussion über Korruption müssen wir aufdecken, was vor dem unkritischen Auge verborgen oder übersehen wird. Was ist verborgen? Der anhaltende Wille der beherrschenden  Gruppen, die nicht akzeptieren, dass es den Volksmassen immer mehr gelingt, sich die minimalen Bürgerrechte anzueignen, und die diese am liebsten dort behalten würden, wo sie schon immer gehalten wurden: am Rand der Gesellschaft als billige Reservearmee zu ihren Diensten.

Die Ermittlung der Petrobras-Verbrechen durch die Rechtspolizei schließt große Unternehmen ein, die PT (Arbeiterpartei) sowie viele andere Parteien, die PPS, PMDB und die PSDB, die von Subventionen und Beiträgen für ihre Kampagnen profitierten. Warum werden die Ermittlungen in einer solchen Art und Weise durchgeführt, dass sie sich nur auf PT-Mitglieder konzentrieren? Der Hauptzweck scheint nicht in der Verurteilung der Verbrechen zu beruhen, die selbsverständlich untersucht, verurteilt und bestraft werden müssen. Doch nicht nur die PT allein ist darin verwickelt. Die Mehrheit der großen politischen Parteien ist tief darin verstrickt. Wer von ihnen erhielt nicht Millionen von Petrobras und anderen Unternehmen für ihre Wahlkampagnen? Warum ermittelt das Öffentliche Ministerium, die Bundespolizei und Sergio Moro nicht gegen sie, da sie vorgeben, das Land säubern zu wollen? Hat auch nur einer von ihnen seinen Landsitz oder irgendein anderes Besitztum veräußert, um damit ihre politischen Millionen-Dollar-Kampagnen zu finanzieren? Sie wurden finanziert aus Schwarzen Kassen, was zwar illegal ist, aber als geläufige Praxis in unserer Low-Level-Demokratie angesehen wird.

Es ist verlogen und irreführend zu denken, dass diese Institutionen, einschließlich der diversen Branchen des Justizsystems bis zu den obersten Abteilungen, nicht voll von Voreingenommenheit und Ideologie wären. Lassen wir uns das von den Kennern der Ideologie sagen. Unter ihnen zeigten Jürgen Habermas und Michel Foucault, dass kein öffentlicher Raum immun ist gegen gewisse Interessen, und daher auch nicht gegen ideologischen Diskurs, und sich nicht zweckfrei bewegt. Die Erzählungen der „golpistas“ betonen die vorgebliche Unabhängigkeit dieser Instanzen und deren vermeintliche Neutralität. Die Realität sowohl der Vergangenheit als auch der Gegenwart lehren uns etwas ganz anderes.

Ein fester ideologischer Zweck der Machtorgane, die mit der Polizei, der richterlichen Gewalt und den Obersten Gerichten verbunden sind, ausgeführt mit privaten Mittel der Massenkommunikation nationaler Tragweite durch einen weithin bekannten Konservativen von wenn nicht reaktionärem, so doch volksfeindlichem Charakter, würde als eine Verbindung all dieser dienen, um eine gewisse Art von Ordnung sicherzustellen, die ihnen schon immer genützt hat, und die jetzt die PT und ihre Verbündeten beschränkt haben.

Warum dieser systematische Versuch, die Figur von Luiz Inacio Lula da Silva zu zerstören, der gewaltsam dazu gebracht wurde, eine Erklärung bei der Bundespolizei abzulegen, nachdem er dies bereits dreimal getan hatte?  Es ist der perverse Wille, ihn als Referenzpunkt für alle zu zerstören, die in ihm den Politiker sehen, der wirklich von ganz unten aus dem Volk kam, ein Überlebender des Hungers, der schließlich dank seines Charismas an die Zentrale der Macht kam. Lula erreichte das Höchste, das jemand erringen kann: seine Würde. Für die Machthaber  war das Volk immer nutzlos, unwissend und ein überflüssiges Pack. Nachdem er lange darunter litt, wurde Lula es müde, seine Hoffnung auf minimale Verbesserungen enttäuscht zu sehen. Die Versöhnung der Klassen untereinander, der Grundton unserer politischen Klassen, wurde immer vorgenommen, um den Weg für die mächtigen Gruppen des Landes zu ebnen und um dem Volk den Wohlstand zu verwehren. Mit der PT wurde diese Logik des Ausschlusses beendet.
Jetzt sehen wir das Ziel dieser Klassen, die nicht akzeptieren können, dass sie eins die Macht verloren. Sie wollen die Macht um jeden Preis zurück. Ihnen wurde klar, dass ihnen dies durch Wahlen nicht gelingen würde. Ihre Anführer sind einfach zu mittelmäßig und es fehlt ihnen ein Projekt, das dem Volk Hoffnung versprechen könnte, diese Lakaien der globalisierten Herrschaftsmacht. Sie wollen ihr Ziel erreichen, indem sie das Gesetz manipulieren, Hass und Intoleranz säen, wie es sie nie zuvor in unserer Geschichte in diesem Ausmaß gegeben hat. Ja, dies ist ein Klassenkampf. Dieses Thema ist noch nicht abgeschlossen. Es ist keine Erfindung. Es ist Realität.

Es reicht schon aus zu sehen, was in den sozialen Medien gesagt wird. Es scheint, das Tor zur Hölle hätte sich geöffnet, um laute, schmutzige Rede herauszulassen, Respektlosigkeit und den Willen, andere zu verteufeln.

Politik in Brasilien besteht nicht aus ideologischen Konfrontationen oder unterschiedlichen politischen Projekten und verschiedenen Lesarten unserer kritischen Situation, die nicht nur die unsere ist, sondern die der ganzen Welt. Es ist etwas Perverseres: der Wille, Lula zu zerstören oder die PT, und  das ganze Volk gegen sie aufzubringen. Sie haben Angst, dass Lula zurückkommt, um die Politik zu vollenden, die für den Großteil der Bevölkerung von Vorteil war und ihm Bewusstsein und Würde verlieh. Was die Machthaber am meisten fürchten ist ein denkendes Volk. Sie möchten lieber unwissende Brasilianer, um sie ideologisch und politisch beherrschen zu können und auf diese Weise ihre eigenen Privilegien zu sichern.

Doch das wird ihnen nicht gelingen. Sie sind so begriffsstutzig und einfallslos in ihrem Machthunger, dass sie dieselbe Taktik benutzen, die 1954 gegen Getulio Vargas angwandt wurde, oder die Taktik von 1964 gegen João „Jango“ Goulart. Sie werden nicht erfolgreich sein, denn es gibt bereits ein gesteigertes Bewusstsein und einen Druck vom Volk kommend, sodass sie sich nur lächerlich machen werden trotz ihrer Sprachrohre in den Massenmedien, wahre „Mistkäfer“ , die das Schlimmste aufsammeln, das sie finden können, um weiterhin zu lügen, zu verdrehen und um dramatische Szenarien zu erfinden, um die Hoffnung des Volkes zu zerstören und so eher  gewaltsam an die Macht zurückkehren als durch demokratische Rechte.
Aber nein… „No pasarán“

Leonardo Boff
13.05.2016

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