Liebe in Zeiten von Wut und Hass

Wir leben in einer Zeit der Wut und des Hasses in Bolsonaros Brasilien und in der ganzen Welt. Wut und Hass sind die Früchte des Fundamentalismus und der Intoleranz, wie wir in Sri Lanka gesehen haben, wo mehrere Hundert Christen ermordet wurden, als sie den Sieg der Liebe über den Tod im Auferstehungsfest feierten.

Diese makabre Szene verlangt von uns, unseren Glauben zu erneuern, dass trotz allem Liebe stärker ist als Hass.

Das Wort Liebe wurde trivialisiert. Alles Mögliche wird als Liebe bezeichnet. Liebe in der Werbung spricht mehr den Geldbeutel der Menschen an als ihre Herzen. Wir müssen die heilige Natur der Liebe befreien. Wir haben kein besseres oder größeres Wort, um die Letzte Wirklichkeit, Gott, anders zu bezeichnen denn als Liebe.

Wir müssen anders über die Liebe sprechen, sodass ihre Natur und ihre Amplitude durchscheinen und uns wärmen kann. Dafür müssen wir verinnerlichen, was die diversen Geo-Wissenschaften (Fritjof Capra) beitragen, insbesondere die Biologie (Humberto Maturana) und die Studien über den kosmogenetischen Prozess (Brian Swimme). Immer mehr wird klar, dass Liebe ein objektives Faktum der globalen Realität ist, ein erfreulicher Aspekt von Mutter Natur selbst, deren Teil wir sind.

Unter anderen sind es zwei Aspekte, die den kosmogenetischen und den biogenetischen Prozess vorantreiben: Notwendigkeit und Spontaneität. Notwendigkeit zielt auf das Überleben jedes Wesens ab. Es ist der Grund, aus welchem innerhalb eines Netzwerks inklusiver Beziehungen ein Wesen dem anderen hilft. Die Synergie und Kooperation miteinander stellen die fundamentalsten Kräfte des Universums dar, insbesondere unter allen Lebewesen. Dies ist die objektive Dynamik des Kosmos selbst.

Zusammen mit der Kraft der Notwendigkeit existiert die Spontaneität. Lebewesen verknüpfen sich und interagieren miteinander zum puren Zweck der Erfüllung und Freude an der Koexistenz. Solche Beziehungen entstehen nicht aus einem Bedürfnis heraus. Sie treten in Erscheinung, um neue Bande zu knüpfen, abhängig von einer gewissen Affinität, die spontan entsteht und Freude verschafft. Es ist das Universum der Überraschung, des Faszinierenden, des Unberechenbaren. Es ist die Ankunft der Liebe.

Diese Liebe tritt zusammen mit dem allerersten Grundbaustein auf, den Quarks, die über das Notwendige hinaus Verbindungen schaffen, und zwar spontan und durch gegenseitige Anziehungskraft. Ganz grundlos entstand eine Welt, nicht notwendig, aber möglich, spontan und real.

Daher entstand die Kraft der Liebe, die sich durch alle Stadien der Evolution zieht und alle Wesen miteinander verbindet, ihnen eine ganz eigene Natur und Schönheit verleiht. Es gibt keinen einzigen Grund, aus dem sich einWesen mit einem anderen verbindet durch Bande der Spontaneität und der Freiheit. Sie tun es aus reinem Vergnügen und aus Freude am Zusammensein.

Es ist diese kosmische Liebe, die realisiert, was die Mystik schon immer intuitiv wusste: die Existenz reiner Freiwilligkeit. Der Mystiker Angelus Silesius sagt: „Die Rose hat keinen Grund. Sie blüht einfach nur, weil sie blüht. Der Rose ist es egal, ob sie bewundert wird oder nicht. Sie blüht einfach nur, weil sie blüht.“

Sagen wir nicht, dass der tiefe Sinn des Lebens darin besteht, einfach nur zu leben? Ebenso blüht die Liebe in uns als Frucht einer freien Beziehung zwischen freien Lebewesen miteinander.

Doch als Menschen mit einem Bewusstsein können wir die Liebe, die zur Natur der Dinge gehört, zu einem persönlichen und zivilisatorischen Projekt machen: bewusst Liebe leben, die Bedingungen für das Entstehen von Liebe zwischen trägen und lebenden Wesen schaffen. Wir können uns in einen fernen Stern verlieben und eine Geschichte der Zuneigung zu ihm aufbauen.

Liebe ist dringend nötig in der heutigen Zeit, wo die Stärke des Negativen, der Anti-Liebe vorzuherrschen scheint. Mehr als zu fragen, wer Terrorakte ausübt, muss man sich fragen, warum sie ausgeübt wurden. Sicherlich entstand Terror, weil die Liebe als eine Beziehung fehlte, die die menschen in der glückseligen Erfahrung verbindet, sich zu öffnen und sich gegenseitig erfreut zu umarmen.

Um es offen und klar zu sagen: Das vorherrschende Weltsystem liebt die Menschen nicht. Es liebt materielle Güter, die Arbeitskraft des Arbeiters, seine Muskeln, sein Wissen, seine künstlerische Produktion und seine Konsumfähigkeit. Aber es liebt die Menschen nicht frei als Menschen.

Liebe zu predigen und aufzurufen: „Lasst uns einander lieben, wie wir uns selbst lieben“ heißt, revolutionär zu sein. Das geht völlig gegen die vorherrschende Kultur.

Lasst uns Liebe so verstehen, wie der große Florentiner Dante Alighieri sie bezeugte: „Die Liebe, die den Himmel und alle Sterne bewegt“, und wie fügen hinzu: die Liebe, die unser Leben bewegt, die Liebe, die der sakrosankte Name der Ursprünglichen Quelle aller Wesen ist, Gott.

Leonardo Boff
26.04.2019

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Auferstehung des Gefolterten und Gekreuzigten

Leonardo Boff
Ökologe – Theologe – Philosoph
Erdcharta-Kommission

 

Dieses Jahr feiern wir Ostern im Kontext eines Staates, in dem fast jeder durch eine extrem rechtsgerichtete Regierung mit radikal neoliberalen sozialpolitischer Politik erstickt wird. Dies ist eine erbarmungslose und herzlose Regierung, die den Fortschritt und die Rechte von Millionen von Arbeitern und Menschen anderer sozialen Kategorien zerstört. Die Regierung verkauft die Naturgüter, die zur Souveränität des Landes gehören. Sie akzeptiert die Wiederkolonisierung Brasiliens und versucht, unseren Reichtum auf kleine, mächtige Gruppen im In- und Ausland zu übertragen. Sie hat weder Solidarität noch Empathie für die Ärmsten oder diejenigen, deren Leben von Gewalt und sogar vom Tod bedroht ist, weil sie in den Favelas leben, Schwarze, Indigene, Quilombolas sind oder eine andere sexuelle Orientierung haben.

Auf Reisen durch dieses Land und durch andere Teile der Welt hörte ich oft Wehgeschrei aus Schmerz und Empörung. Das war für mich als hörte ich die heiligen Worte: „Ich habe die Unterdrückung meines Volkes gesehen, ich habe den Schrei gehört, der von ihren Unterdrückern verursacht wurde, und ich kenne ihre Angst. … Ich werde sie befreien und aus diesem Land hinausführen und in ein schönes, weites Land führen…“(Ex 3,7-8)

Gott legt seine Transzendenz ab („Gott über allem“), kommt herab und schließt sich den Unterdrückten an, um ihnen zu helfen, den Schritt (Schritt=paso=pessach=pascua=Ostern) zu machen aus der Unterdrückung hin zur Befreiung.

Es ist erwähnenswert, dass einem Staatsoberhaupt etwas Bedrohliches und Perverses anhaftet, der Folterknechte lobt, blutige Diktatoren preist und es für einen bloßen Unfall hält, wenn ein Schwarzer, ein Familienvater, mit 80 Kugeln gespickt ist, die vom Militär abgefeuert wurden. Darüber hinaus schlägt er eine Begnadigung für diejenigen vor, die den Holocaust verübten und 6 Millionen Juden töteten. Wie kann man von Auferstehung im Zusammenhang mit jemandem sprechen, der einen mehrjährigen „Karfreitag“ der Gewalt predigt? Die Namen Gottes und Jesu sind immer auf seinen Lippen, aber er vergisst, dass wir die Erben eines politischen Gefangenen sind, der verleumdet, verfolgt, gefoltert und gekreuzigt wurde: Jesus von Nazareth. Was er tut und sagt, ist Spott, verschlimmert durch die Unterstützung von Pastoren aus den neupfingstlichen Kirchen, deren Botschaft wenig oder gar nichts mit dem Evangelium Jesu zu tun hat.

Trotz dieser Infamie wollen wir Ostern feiern, das Fest des Lebens und der Blüte, wie das des halbtrockenen Nordens: Nach einigem Regen ist alles wieder auferstanden und wird wieder grün.

Das jüdische Volk, das in Ägypten versklavt war, ertrug die Überquerung großer Entfernungen, einen Exodus von der Knechtschaft in die Freiheit, als es „zu einem schönen, weiten Land ging, in dem Milch und Honig fließen“ (Symbole der Gerechtigkeit und des Friedens: Ex 3,8). Das jüdische „Pessach“ (Ostern) feiert die Befreiung eines ganzen Volkes, nicht nur das von Einzelpersonen.

Das christliche Ostern ergänzt und erweitert das jüdische Pessach. Ostern feiert die Befreiung der ganzen Menschheit durch die Hingabe Jesu, der die ungerechte Verurteilung des Kreuzestodes akzeptierte. Dieses Urteil war ihm auferlegt, nicht vom Vater der Güte, sondern als Folge seiner befreienden Praxis unter den Unterprivilegierten seiner Zeit, und weil er eine andere Vision des Gott-Vaters darbot: eines guten und barmherzigen, nicht eines strafenden Gottes mit strengen Normen und Gesetzen. Dies war für die Orthodoxie dieser Epoche inakzeptabel. Jesus von Nazareth starb in Solidarität mit allen Menschen und ebnete den Weg zum Gott der Liebe und Barmherzigkeit.

Das christliche Ostern feiert die Auferstehung des Gefolterten und Gekreuzigten. Jesus verwirklichte den Übergang und den Exodus vom Tod zum Leben. Er kehrte nicht in das Leben zurück, das er zuvor hatte und das so begrenzt und sterblich war wir unseres. In Jesus entstand eine andere Lebensweise, die nicht mehr dem Tod unterworfen ist, die die Verwirklichung aller dort (und in uns) vorhandenen Potenziale darstellt. Das, was allmählich durch die Prozesse der Kosmogenese und Anthropogenese im Entstehen war, erreichte durch seine Auferstehung eine solche Fülle, dass es schließlich geboren war. Wie der französische Theologe Pierre Teilhard de Chardin sagte, implodierte und explodierte der vollständig verwirklichte Jesus in Gott. Paulus, der sowohl perplex als auch bezaubert war, nannte ihn „novissimus Adam“ (1Kor 15,45), den neuen Adam, die neue Menschheit. Wenn der Messias auferstanden ist, dann nimmt seine Gemeinde, nämlich wir alle, selbst der Kosmos, zu dem wir gehören, an diesem gesegneten Ereignis teil. Jesus ist der „erste unter vielen Brüdern und Schwestern“ (Röm 8,29). Wir werden ihm folgen.

Trotz des Karfreitags des Hasses und der Erhebung der Gewalt sät die Auferstehung in uns die Hoffnung, dass wir den Schritt (Ostern) von dieser düsteren Situation hin zur Gesundung unseres Landes machen werden, wo es niemanden mehr geben wird, der es wagt, die Kultur der Gewalt oder die Folter zu loben; niemanden, der dem Holocaust, dem Töten von Million, gegenüber gleichgültig bleibt.

Hallelujah! Frohe Ostern allen!

Leonardo Boff
05.05.2019

 

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Hass zu verbreiten und dabei „Gott über alles“ zu verkünden ist Blasphemie

Leonardo Boff
Ökologe – Theologe – Philosoph
Erdcharta-Kommission

Ich wünschte, ich bräuchte diesen Artikel nicht zu schreiben. Doch die akute gegenwärtige politische Krise und der Missbrauch, der in Gottes Namen begangen wird, fordern die öffentliche Funktion der Theologie heraus. Wie in jedem anderen Bereich hat auch die Theologie eine soziale Verantwortung. Es gibt Zeiten, zu denen der Theologe von seinem Katheder herabsteigen und ein paar Worte in die politische Arena richten muss. D. h. Missbräuche anzuprangern und gute Taten publik zu machen, selbst wenn diese Rolle des Theologen von manchen Gruppierungen missverstanden oder als Parteilichkeit angesehen werden kann, obwohl dies nicht der Fall ist.

Ich sehe mich demütig in der Tradition solch prophetischer Bischöfe wie Dom Helder Camara oder der Kardinäle Dom Paulo Evaristo Arns (denken wir an das Buch „Brasilien nie wieder“, das zum Sturz der Diktatur beigetragen hat) und Dom Aloysio Lorscheider, Bischof Dom Waldir Calheiros und andere, die in den düsteren Zeiten der Militätdiktatur von 1964 den Mut hatten, ihre Stimme zu erheben für die Verteidigung der Menschrechte und gegen das Verschwindenlassen und gegen Folter durch Staatsbedienstete.

Wir leben derzeit in einem Land, das zerrissen ist durch tief sitzenden Hass, durch gegenseitige Anschuldigungen  mit einer Wortwahl untersten Niveaus und vielen Fake News, die selbst von den höchsten Autoritäten des Landes, dem derzeitigen Präsidenten, verbreitet werden. Auf diese Weise zeigen sich sowohl die fehlende Gelassenheit in seinem hohen Amt und die desaströsen Konsequenzen seiner Interventionen als auch die Absurditäten, die er im In- und Ausland von sich gibt.

Sein Wahlkampfslogan lautete und ist immer noch „Gott über allem und Brasilien vor allem“. Wir müssen diese Verwendung des Namens Gottes anprangern. Das zweite göttliche Gebot ist da eindeutig: „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen. Nur ist die Verwendung des Namens Gottes hier nicht nur Missbrauch, sondern wahre Gotteslästerung. Warum? Darum, weil es nicht möglich ist, Gott in Beziehung mit Hass zu bringen, mit dem Anpreisen von Folter und Folterknechten und mit Bedrohungen seiner Gegner, so wie Bolsonaro und seine Angehörigen es tun. In den heiligen jüdisch-christlichen Schriften offenbart Gott seine göttliche Art als „Liebe“ und „Barmherzigkeit“. „Bolsonarismus“ betreibt eine Politik der Konfrontation mit den Gegnern, ohne Dialog mit dem Kongress, versteht Politik als Konflikt nach faschistischer Art. Dies hat nichts mit der Liebe und der Barmherzigkeit Gottes zu tun. Folglich propagiert und legitimiert er von oben eine wahre Kultur der Gewalt, die es jedem Bürger erlaubt, bis zu vier Waffen zu besitzen. Eine Waffe ist kein Kinderspielzeug, sondern ein Mittel zum Töten oder zur Verteidigung, indem man seinen Nächsten verstümmelt oder tötet.

Bolsonaro erachtet sich selbst als religiös, doch hier handelt es sich um eine gehässige Religiosität. Sie scheint jeglicher Heiligkeit beraubt und offenbart einen verstörenden Mangel an Spiritualität oder Sinn für Engagement, weder für das menschliche Leben noch für die anderen Geschöpfe, insbesondere nicht für diejenigen, die weniger besitzen. Völlig zu recht sagt Papst Franziskus oft, dass er einen Atheisten guten Willens und mit einer ethischen Einstellung lieber mag als einen heuchlerischen Christen, der weder Liebe noch Mitgefühl für seinen Nächsten hat und keine humanistischen Werte pflegt.

Ich zitiere aus einem Text von einem der größten Theologen des vergangenen Jahrhunderts, der am Ende seines Lebens zum Kardinal ernannt wurde, dem französischen Jesuiten Henri de Lubac:

Wenn es mir an Liebe oder Gerechtigkeit mangelt, entferne ich mich unweigerlich von Dir, mein Gott, und mein Gottesdienst ist nichts anderes als Götzenanbetung. Um an Dich zu glauben, muss ich an Liebe und Gerechtigkeit glauben. Es ist tausendmal wertvoller, an Liebe und Gerechtigkeit zu glauben, als Deinen Namen auszusprechen. Es ist mir unmöglich, Dich zu finden, wenn ich von Liebe und von Gerechtigkeit getrennt bin. Diejenigen, die sich an Liebe und Gerechtigkeit orientieren, sind auf dem Weg, der zu Dir führt.“ (Sur les chemins de Dieu, Aubier 1956, S. 125).

Bolsonaro, sein Clan und seine Anhänger (wenn auch nicht alle von ihnen) orientieren sich weder an der Liebe noch schätzen sie die Gerechtigkeit. Aus diesem Grund sind sie von dem „göttlichen Milieu“ getrennt (Teilhard de Chardin), und ihr Weg führt sie nicht zu Gott. Es gibt Neupfingstliche Pastoren, die Bolsonaro als von Gott gesandt ansehen, doch das ändert nichts an der Haltung des Präsidenten, der im Gegensatz dazu den heiligen Namen Gottes umso mehr beleidigt, insbesondere wenn sie auf Youtube einen pornografischen Beitrag gegen den Karneval posten.

Was für ein Gott beraubt die Armen ihrer Rechte und erteilt den Reichen Privilegien? Was für ein Gott demütigt die alten Menschen, degradiert Frauen und verachtet die Bauern, indem er ihnen die Hoffnung auf eine Rentenversorgung nimmt?

Das Projekt der Sozialversicherung schafft zutiefste soziale Ungleichheiten, und doch haben sie die Stirn zu sagen, dass sie damit Gleichheit schaffen. Ungleichheit ist ein neutrales analytisches Konzept. Aus ethischer Perspektive bedeutet sie soziale Ungerechtigkeit. Theologisch betrachtet bedeutet Ungleichheit Sünde, die Gottes Plan der großen geschwisterlichen Gemeinschaft aller zuwiderläuft.

Der französische Ökonom Thomas Piketty, der berühmt ist für sein Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ (FCE 2014), schrieb auch ein ganzes Buch über die Ökonomie der Ungleichheiten (2015). Gemäß Piketty offenbart sich unsere soziale Ungerechtigkeit in der simplen Tatsache, dass 1 % der Menschen als Multimillionäre einen Großteil des Einkommens der Menschen weltweit unter ihrer Kontrolle haben und dass, laut Marcio Pochmann, ein Spezialist auf diesem Gebiet, in Brasilien die sechs reichsten Milliardäre so viel besitzen wie die 100 Millionen ärmsten Brasilianer (JB 25.09.2017).

Unsere Hoffnung ist, dass Brasilien größer ist als die herrschende Irrationalität und dass wir aus der aktuellen Krise in einem besseren Zustand hervorgehen.

Leonardo Boff
31.03.2019

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Warum weigert sich die offizielle Katholische Kirche, über Sexualität und den Pflichtzölibat zu diskutieren?

Leonardo Boff
Ökologe-Theologe-Philosoph
Erdcharta Kommission

Es lässt sich nicht bestreiten, dass Papst Franziskus Mut zeigt, indem er offen das Problem der Pädophilie innerhalb der Katholischen Kirche angeht. Er ruft dazu auf, Pädophile (Priester, Mönche, Bischöfe und Kardinäle) den Zivilbehörden anzuzeigen, damit diese verurteilt und bestraft werden können. Bei der Zusammenkunft in Rom zum Schutz der Minderjährigen im Februar 2019 formulierte der Papst 8 Richtlinien, darunter „Null Pädophilie“ und „Schutz der Missbrauchsopfer“.

Papst Franziskus identifiziert die Wurzel des Problems als „die Geißel des Klerikalismus, der ein „fruchtbarer Boden für all diese Abscheulichkeiten“ darstellt. Klerikalismus meint hier die Konzentration der ganzen sakralen Gewalt im Klerus, unter Ausschluss anderer Stände, die über jeglichem Verdacht oder Kritik erhoben sind. Tatsächlich nutzen einige Kleriker diese Macht, die eigentlich Vertrauen und Ehrfurcht hervorrufen sollte, um Minderjährige sexuell zu missbrauchen.

Meiner Meinung nach jedoch sind weder der aktuelle Papst noch seine Vorgänger, aus Gründen, die ich darzulegen versuchen werde, mit den Themen Sexualität und Pflichtzölibat adäquat umgegangen.

Bezüglich Sexualität müssen wir anerkennen, dass die Kirche, diese pyramidal hierarchische Institution, schon historisch eine misstrauische und extrem negative Haltung in Bezug auf Sexualität innehatte. Die Kirche unterliegt hier einem irrigen Verständnis, das auf die Traditionen von Platon und Augustinus zurückgeht. Der Hl. Augustinus sah im sexuellen Akt den Ursprung der Erbsünde. Durch ihn trägt jeder Mensch, unabhängig von persönlicher Schuld, von Geburt an, in Solidarität mit den Ureltern, den Makel der Schuld.

Durch weniger auf Fortpflanzung abzielenden Sex gibt es weniger „massa damnata“. Die Frau, die die Nachkommen trägt, ist verantwortlich dafür, dass die Erbsünde in die Welt kommt. Aus diesem Grund wird der Frau das vollständige Menschsein aberkannt. Sie wird als „mas“ bezeichnet (was auf Lateinisch „unkompletter Mann“ bedeutet). Hierauf beruht das theoretische Fundament des Antifeminismus und des Machismo der Römisch-Katholischen Kirche.

So erklärt sich, warum dem Zölibat ein so hoher Wert zugeschrieben wird, denn ohne eine sexuelle Beziehung zu einer Frau werden keine Kinder geboren. Und damit wird die Erbsünde nicht weitergegeben. In den Analysen und Verurteilungen, welche die Pädophilie umgeben, muss das Grundproblem erst noch diskutiert werden: die Sexualität. Ein Mensch ist nicht durch sein Geschlecht definiert. In Körper und Seele wird der Mensch sexualisiert. Sexualität ist so essentiell, dass der Fortbestand des Lebens sie durchläuft. Doch dies ist eine mysteriöse und äußerst komplexe Realität.

Der französische Denker Paul Ricoeur, welcher philosophische Überlegungen zu Freuds psychoanalytischer Theorie anstellte, schrieb: „Tief im Innern bleibt die Sexualität womöglich undurchdringbar für Reflexion und unzugänglich für menschliche Domination; vielleicht bedeutet diese Kapazität, dass Sexualität nicht zu einer Ethik oder Technik reduziert werden kann“. Sexualität lebt zwischen dem Gesetz des Tages, an dem die etablierten Verhaltensmuster vorherrschen, und dem Gesetz der Nacht, in der die freien Impulse sich Raum schaffen. Nur eine Ethik des Respekts dem anderen Geschlecht gegenüber und permanenter Selbstkontrolle über diese vulkanische Energie können die Sexualität umwandeln in einen Ausdruck von Affektion und Liebe anstatt in Obsession.
Wie wir wissen, werden die Priesterseminaristen nur unzureichend vorbereitet, mit ihrer Sexualität umzugehen. Normale Kontakte zu Frauen werden so eingeschränkt, dass deren Identität einem gewissen Schwund unterliegen. Warum schuf Gott die Menschen als Mann und Frau? (Gn 1,27). Dies geschah nicht primär für die Fortpflanzung, sondern darum, dass Mann und Frau nicht allein zu sein brauchen und damit sie einander Gefährten würden (Gn 2,18).

Die Wissenschaft der Psyche zeigt, dass ein Mann erst unter den Augen einer Frau reift, und eine Frau unter den Augen eines Mannes. Mann und Frau sind jeweils komplett, aber auch reziprok, und sie bereichern sich gegenseitig durch ihre Unterschiedlichkeit.
Die Genetik zeigt, dass sich der Unterschied der Chromosomen zwischen Mann und Frau auf nur ein Chromosom begrenzt. Die Frau besitzt zwei X-Chromosomen, und der Mann hat nur ein X- und ein Y-Chromosom. Daraus lässt sich folgern, dass das grundlegende Geschlecht das weibliche (XX) ist und das männliche (XY) eine Differenzierung des weiblichen ist. Folglich gibt es kein absolutes Geschlecht, nur ein dominantes. „Ein zweites Geschlecht“ gibt es in jedem Menschen, ob Mann oder Frau. Menschliche und sexuelle Reife liegt in der Integration der „Anima“ und des „Animus“, also in der weiblichen und männlichen Dimension, die in jeder Person präsent sind.

Der Zölibat wird aus diesem Prozess nicht ausgeschlossen. Er kann eine legitime Option sein, doch in der Katholischen Kirche wird er denjenigen aufgezwungen, die Priester oder Ordensmann/-frau werden möchten. Andererseits kann der Zölibat nicht aus der Unfähigkeit zur Liebe entspringen, sondern aus einer Überfülle von Gottesliebe, die sich auf die anderen überträgt, insbesondere auf diejenigen, denen es am meisten an Zuneigung mangelt.

Warum also schafft die Römisch-Katholische Kirche den Pflichtzölibat nicht ab? Das tut sie deshalb nicht, weil es ihrer Struktur widersprechen würde. Die Katholische Kirche ist, soziologisch gesprochen, eine total autoritäre, patriarchale, machistische und hierarchische Institution. Eine Kirche, die um die sakrale Gewalt herum strukturiert ist, trifft auf das, was C. G. Jung anprangert als „Wo Macht vorherrscht, da ist weder Liebe noch Zärtlichkeit“. Genau dies geschieht zum Teil mit Machismo und der Unbeugsamkeit in der Kirche. Um diesen Abweg zu korrigieren, predigt Papst Franziskus unermüdlich „die zärtliche und liebevolle Begegnung“. Der Zölibat existiert in Abhängigkeit von der isolierten und einzelgängerischen klerikalen Kirche.

Solange dieser Typus von Kirche vorherrscht, brauchen wir nicht zu erwarten, dass der Pflichtzölibat abgeschafft wird. Diese Regelung ist nützlich für diesen Typus Kirche, jedoch nicht für die Gläubigen.

Und wo ist der Traum des Jesus von Nazareth von einer geschwisterlichen und egalitären Gemeinschaft? Wenn Sein Traum sich erfüllen soll, muss sich in der Römisch-Katholischen Kirche alles ändern.

Leonardo Boff
14.03.2019

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Karneval: die Feier der Lebensfreude

Leonardo Boff
Ökologe-Theologe-Philosoph
Erdcharta Kommission

Brasilien erlebt zurzeit eine der traurigsten, wenn nicht die makaberste Phase seiner Geschichte. Die Korruption der Oligarchen ist offensichtlich. Eine Korruption, die in Brasiliens Geschichte stets präsent war als ein patriarchalischer (kolonialistischer, elitärer, gegen das Volk gerichteter und sklavenhalterischer) Staat, der Jahrhunderte lang durch Domination und Manipulation der öffentlichen Meinung dem Volk Besitz und Wissen vorenthielt. Korruption war nicht nur fast ausschließlich der Arbeiterpartei (PT) vorbehalten, wie es in den letzten Jahren immer wieder behauptet wird. Im Gegenteil: Es gab sie schon immer. Und während es stimmt, dass einige führende Köpfe der PT korrupt waren, so wurden sie zum Sündenbock gemacht, um die massive Korruption der Privilegierten zu maskieren.

Ein neues Mantra („Jagt die Intriganten“) wurde durch den „Mythischen“ (Jair Bolsonaro) verbreitet, welcher der Korruption ein Ende hätte machen sollen. Fünfzig Tage im Amt reichten aus, um die Korruption seiner eigenen Clique und selbst seiner eigenen Familie aufzudecken. Viele glaubten naiv der Verbreitung der „Fake News“ und mit einem an die Nazis erinnernden Slogan „Brasilien über alles“ (in Anlehnung an „Deutschland über alles“) und „Gott über allen“. Doch welcher Gott? Der Gott der Neupfingstler, die sich für materiellen Wohlstand einsetzen, doch taub sind für die schändliche soziale Ungerechtigkeit, die ihren Pastoren Unmengen an Geld zuteilwerden lässt, diesen wahren Wölfen, die ihre eigenen Schafe scheren. Es ist nicht der Gott des Jesus von Nazareth, dem mittellosen Mann und Freund der Armen, von dem Fernando Pessoa sagte, der „nichts über Rechnungswesen verstand und dass nichts darüber bekannt war, dass er ein Bücherregal besessen hätte“. Er war ein mittelloser Mann, der über das Land zog und, wie die Evangelien es ausdrücken, „dem ganzen Volk eine große Freude verkündete“.
Vor diesem düsteren Hintergrund wird Karneval gefeiert. Anders könnte es gar nicht sein, denn Karneval ist eines der wichtigsten Ereignisse im Leben von Millionen von Brasilianern. Die Feste helfen ihnen, ihre Enttäuschungen zu vergessen, und geben viel unterdrücktem Ärger Raum (wie der von den Tausenden, die in São Paulo solche Obszönitäten riefen wie „B… geh und f… dich“). Das Fest unterbricht den furchtbaren Alltag und das langweiligen Zeittotschlagen. Es ist, als würden für einen Moment lang alle an der Ewigkeit teilhaben, denn während der Feiern scheint die Vorläufigkeit des Lebens aus den Angeln gehoben zu sein. Exzess ist dem Fest so inhärent wie es der Bruch der Konventionen und der sozialen Förmlichkeiten ist. Logischerweise kann alles Gesunde krank werden, wie der orgiastische Charakter einiger Aspekte des Karnevals zeigt. Doch dies ist nicht typisch für den Karneval.

Das Fest ist ein Phänomen des Reichtums. Reichtum meint hier nicht Geldbesitz. Der Reichtum des Fests ist der der Vernunft des Herzens, der Freude, der Verwirklichung des Traums grenzenloser Geschwisterlichkeit, Menschen aus den Slums mit Menschen aus der gut organisierten Stadt. Alle sind verkleidet: Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Männer und Frauen und die Alten, tanzen, singen, essen und trinken zusammen. Das Fest ist eine Manifestation der Tatsache, dass wir froh und glücklich sein können, selbst wenn wir uns in einer kollektiven Notlage befinden.

Wenn ich darüber nachdenke, fällt mir ein, dass Karneval ein Ausdruck einer Liebe ist, die mehr ist als Empathie. Wer nichts oder niemanden liebt, kann nicht froh sein, selbst wenn er sich qualvoll danach sehnt. Der Hl. Johannes Chrysostomos, ein Theologe der Orthodoxen Kirche des 5. Jahrhunderts christlicher Zeitrechnung (den Kardinal Paulo Evaristo Arns mit großer Begeisterung las) drückte es treffend aus: „Ubi caritas gaudet, ibi est festivitas“ („Wo die Liebe froh ist, da ist die Feier“).

Und nun einige Überlegungen: Das Thema des Fests erscheint wie ein Phänomen, das große Denker herausforderte wie R. Caillois, J. Pieper, H. Cox, J. Moltmann und selbst F. Nietzsche. Es kommt vor, dass das Fest Kindliches und Mythisches in uns weckt, selbst im reifen Alter, wo der kalten, instrumentell-analytischen Vernunft, die unsere Gesellschaft beherrscht, der Vorrang gegeben wird.

Das Fest versöhnt alle und verbreitet Sehnsucht nach dem Paradies der Freude, das nie völlig verloren gegangen ist. Nicht ohne Grund sagte Platon: „Die Götter schufen die Feste, damit wir ein bisschen aufatmen können“. Das Fest ist nicht nur ein von Menschen geschaffener Tag, sondern auch „ein Tag, den der Herr gemacht“, wie Psalm 117,24 sagt. Tatsächlich bedürfen wir der Feste zum Auftanken, da das Leben ein schwerer Weg ist, und wenn wir uns so erholt haben, können wir mit Freude im Herzen unseren Weg weiter gehen.

Woher kommt die Freude des Fests? Nietzsche formulierte es am treffendsten: „Um sich an einer Sache zu freuen, muss man alle Sachen willkommen heißen“. Folglich müssen wir, um richtig feiern zu können, in allen Dingen das Positive sehen. „Wenn wir zu einem einzelnen Moment ja sagen können, dann haben wir nicht nur zu uns selbst ja gesagt, sondern zur gesamten Existenz“ (aus: Der Wille zur Macht, Buch IV: Zucht und Züchtigung, Nr. 102).

Dieses Ja liegt unseren täglichen Entscheidungen zugrunde, auf der Arbeit, in unserer Sorge für unsere Familien und unsere Arbeitsplätze, die durch die neuen regressiven Gesetze der aktuellen Regierung bedroht sind, und der Zeit, die wir mit Freunden und Kollegen verbringen. Das Fest ist eine kraftvolle Zeit, in der der geheime Sinn des Lebens erfahren wird, selbst wenn dies unbewusst geschieht. Aus dem Fest gehen wir gestärkt hervor und sind stärker, um den Anforderungen des Lebens zu begegnen, das weitgehend von Mühe und großen Schwierigkeiten erfüllt ist.

Wir haben gute Gründe, den Karneval 2019 zu feiern. Lasst uns für einen Moment die Unerfreulichkeit einer Regierung vergessen, der es immer noch an Richtungsweisendem mangelt und deren Minister uns das Leben schwer machen, und die Politiker, die sich mehr um die Gruppierungen kümmern, von denen sie finanzielle Unterstützung erhalten, statt um die wahren Interessen des Volkes. Trotz all dieser Traurigkeit muss die Freude vorherrschen.

Leonardo Boff
02.03.2019

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Die aktuelle sozialpolitische Krise verlangt nach Propheten

Leonardo Boff
Ökologe-Theologe-Philosoph
Erdcharta Kommission

„Die Armen sagen uns, wer wir sind. Die Propheten sagen uns, wer wir sein könnten. Also verstecken wir die Armen und töten die Propheten“
Philip Berrigan
Jonah House

Prophezeiungen sind nicht nur ein biblisches Phänomen. Sie finden sich auch in anderen Religionen wie in Ägypten, Mesopotamien, Mari und Kanaan. Es gab und gibt sie zu allen Zeiten, auch in unserer. Um einige Arten von Propheten (prophetische Gemeinden, Visionäre, Kultpropheten, Hofpropheten etc.) soll es hier nicht gehen. Die Propheten des Ersten Testaments (des sogenannten Alten Testaments) wie Hosea, Amos, Micha, Jeremia und Jesaia waren Klassiker. Sie hatten ein Feingefühl für soziale Themen.

In der Tat gab es schon immer zu allen Zeiten des Christentums den prophetischen Geist. Dies lässt sich auch für hier und jetzt nicht leugnen, um nur Brasilien mit Dom Helder Camara, Kardinal Dom Paulo Evaristo Arns, Dom Pedro Casaldaliga u. a. zu nennen.
Ein Prophet ist eine Person, die sich empört, die für Recht und Gerechtigkeit kämpft, insbesondere im Einsatz für die Armen, die Schwachen und Witwen, und die auftritt gegen diejenigen, die die Bauern ausbeuten, die Gewichte und Maße fälschen, und die gegen den Luxus der königlichen Paläste aufstehen. Sie hören den Ruf in ihrem Inneren, der im biblischen Code als göttliche Mission interpretiert wird. Amos, der ein einfacher Hirte war, Micha, ein kleiner Bauer, und Hosea, der mit einer Prostituierten verheiratet war, verließen ihre alltägliche Arbeit und gingen auf den Tempelhof oder vor den Königspalast, um ihre Vorwürfe zu erheben. Doch sie prangerten nicht nur an. Sie kündigten Katastrophen an, und dann sprachen sie von neuer Hoffnung und einem neuen und besseren Neustart.
Propheten sind auch aufmerksam in Bezug auf nationale und internationale historische Ereignisse. Z. B. Micha tadelte in Ninive, der Hauptstadt des assyrischen Reichs: „Wehe der blutrünstigen Stadt, darin ist alles eine Lüge. Sie ist voller Raubüberfälle, und die Plünderungen nehmen kein Ende. Ich werde dich mit Dreck bewerfen“ (3,1.6). Jeremias nennt Babylon „die Metropole des Terrors“.

Wir müssen die Vorhersagen der Propheten richtig verstehen. Es ist nicht so, dass sie Katastrophen vorhersagten, als hätten sie Zugang zu einem speziellen Wissen. Gemeint ist eher: Wenn die bestehende Situation anhält und die Ausbeutung und die Praktiken gegenüber den Hilflosen kein Ende nehmen und Jahwe weiterhin nicht verehrt wird, dann wird etwas Schreckliches geschehen.

Natürlich sind die Propheten nicht schmeichelhaft für die Mächtigen, die Könige oder sogar das Volk. Sie werden als „Störer der Ordnung“ bezeichnet und als „Verschwörer gegen das Gericht oder den König“. Aus diesem Grund werden Propheten verfolgt, so wie Jeremia, der gefoltert und eingesperrt wurde. Andere wurden getötet. Nur wenige Propheten starben in hohem Alter eines natürlichen Todes, doch niemand kann sie zum Schweigen bringen.

Offensichtlich gibt es auch falsche Propheten. Jene, die in den Gerichten leben und Freunde der Reichen sind. Sie kündigen nur Angenehmes an und werden sogar dafür bezahlt. Es gibt einen klaren Widerspruch zwischen falschen und wahren Propheten. Ein Zeichen für die Echtheit eines Propheten ist, wenn er Kopf und Kragen riskiert, um sich für die Sache der Gedemütigten und die Erde einzusetzen, die stets nach Recht und Gerechtigkeit schreit und sich unermüdlich für das einsetzt, was recht und gerecht ist.
Propheten tauchen in Krisenzeiten auf, um illusorische Projekte anzuprangern und um einen Weg zu verkünden, der den Erniedrigten Gerechtigkeit bringt und der eine Gesellschaft schafft, die Gott gefällt, da sie den Gedemütigten und den Unsichtbaren dient. Recht und Gerechtigkeit sind die Grundlage von dauerhaftem Frieden. Dies ist die zentrale Botschaft der Propheten.

Wir erleben zurzeit eine schwere Krise sowohl auf nationaler als auch auf globaler Ebene. Gruppen von Wissenschaftlern und Analysten des Zustandes der Erde warnen uns, dass wir, wenn wir der Logik der grenzenlosen Akkumulation von Gütern folgen, eine schwerwiegende sozial-ökologische Katastrophe vorbereiten. Wir sind nicht auf dem Weg in die Erderwärmung. Wir befinden uns bereits in ihr. Die Zeichen dafür sind unleugbar.
Diese Stimmen, selbst die von höchster Autorität, werden weder von den „Entscheidungsträgern“ gehört noch von den Reichen. In unserem Land, das in eine beispiellose Krise getaucht ist und auf chaotische Weise von inkompetenten und sogar lächerlichen Personen regiert wird, fehlen Propheten, die anprangern und auf sinnvolle Wege hinweisen, die uns aus dieser Sackgasse hinausführen.

Die Worte von Marcio Pochmann befinden sich auf derselben Linie wie die der Propheten: „Wenn der durch Temer eingeschlagene Weg des Neoliberalismus beibehalten und nun durch den Ultraliberalismus vertieft wird, welcher die verwirrte Regierung Bolsonaros dominiert, wird die Entwicklung Brasiliens tendenziell wie die von Griechenland sein mit bankrott gehenden Unternehmen und einer zusammenbrechenden öffentlichen Verwaltung. Das Schlimmste kommt schnell auf uns zu.“ Andere gehen noch weiter: „Wenn sozialpolitische Reformen durchgesetzt werden, die der Marktlogik folgen, rein kompetitiv und nicht kooperativ, wird Brasilien in eine Nation der Parias verwandelt werden“. Wir brauchen religiöse und zivile Propheten, Männer und Frauen, die zumindest eine prophetische Haltung haben, um anzuprangern, dass der eingeschlagene Weg in eine Katastrophe münden wird.

Jesaias Worte sind aktuell: „Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht. Über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf.“ (9,1-2)

Leonardo Boff
24.02.2019

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Unser aller mysteriöses Schicksal

Leonardo Boff
Öko-Theologe und Philosoph
Erdcharta-Kommission

Jede und jeder Einzelne von uns ist so alt wie das Universum, nämlich 13,7 Milliarden Jahre. Wir alle befanden uns in diesem winzigen Punkt, noch kleiner als ein Stecknadelkopf, doch voller Energie und Materie. Der Urknall schuf die enormen roten Sterne, die all die physikalisch-chemischen Elemente enthalten, die das Universum beinhaltet, und alle Wesen sind daraus entstanden. Wir sind die Söhne und Töchter der Sterne und des kosmischen Staubs. Wir sind auch der Teil der lebendigen Erde, der kam, um zu fühlen, denken, lieben und zu verehren. Durch uns ist der Erde und dem Universum bewusst, dass wir ein großes Ganzes bilden. Und wir können aus dieser Zugehörigkeit Bewusstsein entwickeln.

Was ist unser Platz in diesem Ganzen? Oder noch direkter: im Prozess der Evolution? Auf der Erde? In der Geschichte der Menschheit? Das können wir jetzt noch nicht wissen. Vielleicht ereignet sich die große Offenbarung in dem Moment, wenn wir den Schritt von dieser Seite des Lebens auf die andere Seite tun. Dort, so hoffe ich, wird alles klar sein, und wir werden überrascht sein, denn alles ist miteinander verknüpft und bildet die riesige Kette von Lebewesen und dem Gewebe des Lebens. Wir werden fallen – so glaube ich – in die Arme von Gott-Vater-und-Mutter der unendlichen Gnade für alle, die wegen ihrer Boshaftigkeit darauf angewiesen sind, und wir werden fallen in eine ewige liebevolle Umarmung für diejenigen, deren Leben von der Güte und Liebe geleitet wurden. Nach Durchlaufen dieser Klinik von Gottes Gnade werden auch die anderen kommen.

Als ich erst wenige Monate alt war, war ich dem Tode ganz nahe. Meine Mutter erinnerte sich, und auch meine Tanten erzählten immer wieder, dass ich “el macaquiño” hatte, der volkstümliche Ausdruck für eine schwere Anämie. Was immer man mir gab, ich erbrach es wieder. Jeder sagte im Dialekt des Veneto: “poareta, va morir” (Das arme kleine Kind wird sterben).

Verzweifelt, und es meinem Vater verheimlichend, der an solche Dinge nicht glaubte, lief meine Mutter zur Gebetsfrau, der alten Campañola. Sie betete und trug meiner Mutter auf: “Bereite deinem Kind ein Bad mit diesen Kräutern, und wenn du ein Brot im Ofen gebacken hast, warte, bis es lauwarm ist, und setze dein Kind hinein.” Dies tat Regina, meine Mutter. Sie höhlte das frisch gebackene Brot aus und legte mich hinein. Dort ließ sie mich eine Weile liegen.

Eine Veränderung ereignete sich. Als ich herausgehoben wurde, so sagten sie, begann ich zu weinen, suchte die Brust meiner Mutter und trank von ihrer Milch. Danach kaute meine Mutter feste Lebensmittel, die sie mir dann zu essen gab. Ich begann zu essen und wurde stärker. Ich überlebte. Und hier bin ich jetzt, ein offiziell 80 Jahre alter Mann.
Ich erlebte einige lebensbedrohliche Situationen, denen ich immer haarscharf entkommen bin: ein DC-10 Flugzeug in Flammen auf dem Weg nach New York; ein Autounfall, bei dem ich auf der Autobahn mit einem toten Pferd zusammenstieß, wobei ich mich schwer verletzte; ein riesiger Nagel, der während meiner Studienzeit in München direkt vor mir zu Boden fiel und der mich hätte töten können, wäre er auf meinen Kopf gefallen. Ich fiel in eine tiefe, von Schnee bedeckte Schlucht in den Alpen, und ein paar bayrische Bauern, die meine dunkle Kleidung sahen und beobachteten, dass ich immer tiefer fiel, zogen mich mit einem Seil heraus. Und es gab noch andere Situationen dieser Art.

Norberto Bobbio verlieh mir die Ehrendoktorwürde für Politik der Universität Turin. Er erkannte, dass die Befreiungstheologie einen großen Beitrag leistete, indem sie die historische Kraft der Armen bekräftigte. Die klassische Hilfestellung durch bloße Solidarität, durch die die Armen stets abhängig bleiben, ist unzureichend. Die Armen können die Akteure ihrer eigenen Befreiung sein, wenn sie sich dessen bewusst werden (concientizados) und sich organisieren. Wir überwanden das “für die Armen”. Uns geht es um das Gehen “mit den Armen”, indem sie die Protagonisten sind. Und diejenigen, die dazu in der Lage sind und dieses Charisma besitzen, leben als Arme. Das taten viele so, wie z. B. Dom Pedro Casaldaliga.

Ich erinnere mich, dass ich meine Dankesrede für die verliehene Doktorwürde, die ich dem großzügigen Norberto Bobbio verdanke, mit den folgenden Worten begann: “Ich stamme aus einem behauenen Stein, aus dem Boden der Geschichte, als wir nur gerade so das Nötigste zum Überleben hatten. Meine italienischen Vorfahren und meine Familie schufen eine Lichtung in einer unbewohnten Region, die mit Pinienwäldern bedeckt war, in Concordia, am Rande von Santa Catarina. Sie mussten kämpfen, um zu überleben. Viele starben in Ermangelung ärztlicher Versorgung. Später stieg ich auf der Leiter der Evolution auf: meine elf Brüder studierten, gingen zur Universität, und ich war in der Lage, mein Studium in Deutschland abzuschließen. Und nun stehe ich hier in dieser berühmten Universität”. Auf Bobbios Wunsch führte ich eine Studie im Sinn der Befreiungstheologie durch, in deren Zentrum die Option für die Armen steht, die sich gegen Armut wendet und die für soziale Gerechtigkeit eintritt. Ich habe in der ganzen Welt Vorträge gehalten, habe viele Bücher geschrieben, wischte Tränen weg und hielt die Hoffnung der Mitkämpfer aufrecht, die durch den Lauf der Ereignisse in unserem Land frustriert wurden.

Was wird mein Schicksal sein? Ich weiß es nicht. Ich wählte als mein Motto das meines Vaters, der danach lebte: “Wer nicht lebt, um zu dienen, führt kein Leben, das wert ist, gelebt zu werden.” Gott hat das letzte Wort.

Leonardo Boff
19.01.2019

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