Trump verletzt das wichtigste Prinzip der Welt-Gesellschaft

Die Vereinigten Staaten zeichneten sich selbst stets als äußerst gastfreundliches Land aus, da sich praktisch die gesamte nordamerikanische Bevölkerung, abgesehen von den nativen Nationen, aus Einwanderern zusammensetzt. Dasselbe gilt für Brasilien, dessen Bevölkerung aus mindestens 60 verschiedenen Nationalitäten besteht.

Der demokratische Geist und Respekt für religiöse Unterschiede sind in der Verfassung der Vereinigten Staaten verankert. Nun kommt ein Präsident Donald Trump, der mit einer langjährigen nordamerikanischen Tradition bricht: dem Respekt für religiöse Unterschiede, indem er die muslimische, vor allem die aus Syrien stammende, Bevölkerung, ablehnt, sowie die traditionelle Gastfreundlichkeit für die unterschiedlichsten Arten von Völkern, die in die USA kamen oder kommen.

In seinem letzten Buch „Zum ewigen Frieden: Ein philosophischer Entwurf“ schlug der Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) eine Weltrepublik vor, die grundlegend auf zwei Prinzipien basiert: der Gastfreundschaft und dem Respekt der Menschenrechte.

Für Kant ist die Gastfreundschaft (er benutzte den lateinischen Begriff „Hospitalität“) die erste Tugend dieser Weltrepublik, denn „alle Menschen leben auf der Erde, und ausnahmslos alle haben das Recht, auf ihr zu leben und ihre Plätze und Völker zu besuchen; die Erde gehört allen gemeinsam“. Gastfreundschaft ist ein Recht und eine Pflicht aller.

Das zweite Prinzip besteht aus den Menschenrechten, die Kant als „den Augapfel Gottes“ bezeichnet oder als „das Heiligste, das Gott der Erde verlieh“. Diese zu respektieren ermöglicht die Entstehung einer Gemeinschaft des Friedens und der Sicherheit, die der „infamen Kriegeslust“ ein definitives Ende setzt.

In Europa wird die Gastfreundschaft Tausenden von Flüchtlingen verwehrt, die vor Kriegen flüchten, welche von den Völkern des Westens gesponsert werden. Dieselbe Gastfreundschaft wird bewusst und ausdrücklich von Donald Trump Tausenden und sogar Millionen von „illegalen“ Arbeiten verwehrt.

In diesem Kontext sei an einen der schönsten Mythen der griechischen Kultur erinnert, in der ein älteres Paar – Philemon und Baucis – zwei Gottheiten, nämlich Jupiter, dem obersten Gott Griechenlands, und seinem Gefährten, dem Gott Hermes, Gastfreundschaft gewährt.

In dem Mythos verkleiden sich Jupiter und Hermes als armselige Wanderer, um zu testen, wie viel Gastfreundschaft es noch auf Erden gibt. Wohin immer sie kamen, wurden sie abgewiesen.

Eines Spätnachmittags jedoch, als sie schon sehr hungrig und müde waren, wurden sie herzlich von diesem älteren Paar willkommen geheißen, das ihnen die Füße wusch und ihnen Speise und ein Bett anbot, damit sie sich ausruhen könnten. Von dieser Gastfreundschaft waren die Götter sehr berührt.

Als Jupiter und Hermes sich niederlegen wollten um auszuruhen und ihre Lumpen ablegten, beschlossen sie, ihre wahre Identität preiszugeben. Im Handumdrehen verwandelten sie die bescheidene Hütte in einen prachtvollen Tempel. Voll Ehrfurcht warf sich das ältere Paar vor ihnen zu Boden.

Die Gottheiten gewährten den beiden einen Wunsch, den sie sofort erfüllen würden.

Als hätten sie sich bereits abgesprochen, wünschten sich Philemon und Baucis beide, dass sie gern fortan in diesem Tempel dienen und Pilger empfangen würden und am Ende eines so langen Lebens voller Liebe zusammen sterben wollten. Und sie wurden erhört: Eines Tages, als sie im Hof saßen und auf Pilger warteten, sah Philemon plötzlich, dass Baucis‘ Körper sich mit blühendem Laub bedeckte und dass auch sein eigener Körper sich mit grünen Blättern umhüllte.

Sie hatten kaum Zeit, sich voneinander zu verabschieden, da wurde Philemon bereits in eine riesige Eiche verwandelt und Baucis in eine dicht belaubte Linde. Ihre Baumkronen verästelten sich in der Höhe miteinander. Und sich so umarmend sind sie für immer vereint geblieben. Die Alten jener Region, die sich im Norden der heutigen Türkei befindet, geben diese Lektion immer wieder weiter: Wer Fremde beherbergt, beherbergt Gott.

Gastfreundschaft ist das Maß, wie viel Menschlichkeit, Mitgefühl und Solidarität eine Gesellschaft besitzt. Hinter jedem nach Europa kommenden Flüchtling und jedem Einwanderer in die USA befindet sich ein Ozean des Leidens und der Qual sowie Hoffnung auf künftige bessere Zeiten. Abweisung ist ganz besonders demütigend, denn sie verleiht den Einwanderern und Flüchtlingen den Eindruck, sie seien wertlos und nicht einmal als Menschen geachtet.

Die Flüchtlinge kommen nach Europa, denn mehr als zwei Jahrhunderte lang waren die Europäer in ihren Ländern. Sie rissen die Macht an sich, erlegten andere Bräuche auf und beutete ihren Reichtum aus. Jetzt, da die Flüchtlinge in so großer Not sind, werden sie einfach abgewiesen.

Es lohnt sich, den Wert und die Dringlichkeit der Gastfreundschaft, die in jeder menschlichen Kultur etwas Heiliges darstellt, zu retten. Wir müssen uns selbst als gastfreundliche Wesen neuerfinden, um den Millionen von Flüchtlingen und Einwanderern in der ganzen Welt gewachsen zu sein.

Leonardo Boff
05.03.2017

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TRUMP – EINE NEUE HISTORISCHE PHASE?

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta-Kommission

Seit Jahren sehen wir in allen Teilen der Welt den Aufstieg einer konservativen Denkweise und von Bewegungen, die sich selbst als „rechts“ definieren und nach einer Gesellschaft streben, wo Ordnung über Freiheit, traditionelle Werte über moderne und die Vorherrschaft der Autorität über demokratische Freiheiten die Oberhand gewinnen.

Dieses Phänomen ist auf viele Faktoren zurückzuführen, aber vor allem auf die Erosion der gemeinsamen Werte, die der Gesellschaft Zusammenhalt und das Gefühl eines kollektiven Zusammenlebens gaben. Die Vorherrschaft der kapitalistischen Kultur, die den Individualismus, die unbegrenzte Akkumulation von materiellen Gütern und vor allem die Konkurrenz verherrlicht, ließ wenig Raum für die Zusammenarbeit. Sie vergiftete praktisch die gesamte Menschheit und schuf eine ethisch-geistige Verwirrung ohne das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer einzigen Menschheit, die ein gemeinsames Haus bewohnt. Es entstand, was der britisch-polnische Soziologe und Philosoph Zygmunt Bauman die „liquide“ oder „verflüssigte“ Gesellschaft nennt, wo nichts mehr fest ist. Dazu muss der postmoderne Geist des „alles ist möglich“, „alles ist in Ordnung“ hinzugefügt werden, wo nichts mehr wichtig ist, außer die Ziele jedes einzelnen nach seinen eigenen Vorlieben zu erreichen.

Angesichts dieser Verdünnung der Leitbilder entstand ihr dialektisches Gegenteil: die Suche nach Sicherheit, Ordnung, Autorität, klaren Normen und wohldefinierten Wegen. Diese Sichtweise findet sich im Konservatismus, im politischen, ethischen und religiösen rechten Spektrum. Hier ist es nur noch ein Schritt zum Nazi-Faschismus wie in Hitler-Deutschland, Mussolinis Italien, Portugals Salazar und Spaniens Franco.

Diese Tendenzen haben in Europa, Lateinamerika und den Vereinigten Staaten soziale und politische Stärke gewonnen. Der gerichtlich-parlamentarische Klassenputsch, der die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff absetzte, wurde von diesem konservativen und rechtsgerichteten Geist geprägt. Was darauf folgte, war die Implementierung einer klar rechten Politik gegen das Volk, die soziale Rechte negiert und in kultureller Hinsicht rückwärtsgewandt ist.

Aber diese konservative Tendenz hat ihre deutlichste Verwirklichung im Machtzentrum des Weltsystems, den Vereinigten Staaten, erreicht, wie wir das bei der Wahl von Donald Trump zum Präsident erlebt haben. In den Vereinigten Staaten drückt sich der Konservatismus und die rechte Politik ohne Metaphern aus, in schamlosen und sogar rauen Formen.

In seinen ersten Aktionen als Präsident begann Trump, die sozialen Errungenschaften von Barack Obama rückgängig zu machen. Seine klarsten Eigenschaften sind Nationalismus, Patriotismus, Konservatismus und Isolationismus.

Trumps Antrittsrede war erschreckend: „Von nun an wird eine neue Vision unser Land regieren. Von diesem Moment an heißt es: Amerika zuerst.“ Das „zuerst“ bedeutet: „nur die USA zählen“. Mit offensichtlicher Arroganz radikalisierte Trump diese Vision am Ende seiner Rede: „Gemeinsam werden wir Amerika wieder stark machen. Wir werden Amerika wieder wohlhabend machen. Wir werden Amerika wieder stolz machen. Wir werden Amerika wieder sicher machen. Und gemeinsam werden wir Amerika wieder groß machen.“

Diesen Worten liegt die Ideologie des „manifesten Schicksals“ zugrunde, also der Außergewöhnlichkeit der Vereinigten Staaten, die auch bei den früheren Präsidenten immer vorhanden war, auch bei Obama. Das heißt, die Vereinigten Staaten haben eine einzigartige und göttliche Mission in der Welt, um ihre Werte des Rechts, des Privateigentums und der liberalen Demokratie in die ganze Welt zu verbreiten.

Für Donald Trump existiert die Welt nicht. Und wenn sie existiert, sieht er sie in negativer Weise. Trump bricht alle Bindungen der Solidarität mit den traditionellen Verbündeten wie der Europäischen Union und lässt jedem Land freie Hand für mögliche Abenteuer gegen seine historischen Gegner, öffnet regionalen Mächten den Weg zum Expansionismus einschließlich möglicher tödlicher Kriege.

Wir können von der Persönlichkeit Trumps alles erwarten. Gewohnt an zwielichtige Geschäfte, wie sie im allgemeinen im New Yorker Immobiliengeschäft üblich sind, und ohne politische Erfahrung kann er für den Rest der Menschheit höchst bedrohliche Krisen auslösen – wie z. B. einen möglichen Krieg mit China oder Nordkorea, wobei der Einsatz von Atomwaffen nicht ausgeschlossen wäre. Trumps Persönlichkeit zeigt abweichende psychologische Merkmale, narzisstisch und mit einem übertriebenen Ego, größer als sein eigenes Land.

Die Phrase, die uns erschreckt, ist: „Von diesem Tag an wird eine neue Vision unser Land regieren“. Ich weiß nicht, ob er nur an die Vereinigten Staaten oder an den Planeten Erde denkt. Möglicherweise ist das für ihn dasselbe. Wenn das wahr wäre, müssten wir beten, dass das Schlimmste für die Zukunft der Zivilisation nicht zustande kommt.

Quelle: leonardo https://leonardoboff.wordpress.com, 10. 2. 17 (portugiesisch), 13. 2. 17 (englisch). Aus dem Englischen übersetzt von der „KC“-Redaktion. Ergänzt von Bettina Gold-Hartnack

 

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Der Gott Brasiliens ist Moloch, der seine Kinder verschlingt

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta-Kommission

Es heißt, Gott ist Brasilianer. Es ist nicht der Gott der Zärtlichkeit oder der Demütige, sondern der Moloch der Kanaaniter und der Phönizier, der seine Kinder verschlingt. Wir sind eines der ungleichsten, ungerechtesten und gewalttätigsten Länder der Welt. Theologisch gesehen leben wir in einer Situation sozialer und struktureller Sünde im Gegensatz zu Gottes Plan. Es reicht schon zu bedenken, was in den Gefängnissen von Manaus, Rondonia und Roraima geschah. Das ist pure Barbarei: Wut enthauptet, sticht die Augen aus und zerstört das Herz.

Es gibt nicht nur Gewalt in Brasilien. Wir sind gegründet auf gewalttätigen sozio-historischen Strukturen, die auf dem Genozid der Indigenen basiert, auf demütigendem Kolonialismus und inhumaner Sklaverei. Und diese Strukturen können nicht überwunden werden, bevor diese schreckliche Tradition überwunden ist.

Wie kann das gehen? Es ist eine Herausforderung, die eine kolossale Transformation unserer sozialen Beziehungen verlangt. Ist dies noch möglich, oder sind wir dazu verurteilt, ein Außenseiter-Land zu sein? Ich denke, es ist noch möglich, wenn wir u. a. folgende zwei Wege einschlagen, die von der Basis entwickelt wurden: die Erschaffung eines Volkes, beginnend mit den sozialen Bewegungen und der Errichtung einer Sozialdemokratie, die sich auf das Volk gründet.

Die Erschaffung eines Volkes: Diejenigen, die kamen uns zu kolonialisieren, kamen nicht, um eine Nation zu schaffen, sondern ein kommerzielles Unternehmen, um schnell reich zu werden, Hidalgos (Hidalgo nennt man seit dem Mittelalter in Spanien den aus alten christlichen Familien stammenden Adel ohne besonderen Titel – Quelle: Wikipedia) zu werden, nach Portugal zurückzukehren und sich an ihrem angehäuften Reichtum zu erfreuen.

Zuerst eroberten sie die nativen Völker, dann brachten sie schwarze Sklaven aus Afrika, die für sie arbeiten mussten. Eine Menschenmasse wurde geschaffen, dominiert, gedemütigt und – selbst noch zu unseren Zeiten – von den Eliten verachtet.

Abgesehen von einigen früheren Revolten gab es zu Beginn der 1930er Jahre eine historische Veränderung. Gewerkschaften und die verschiedensten sozialen Bewegungen entstanden. Im Zentrum dieser Bewegungen standen sozialbewusste Akteure und Kritiker mit dem Willen, die soziale Wirklichkeit zu verändern und die Saat einer eher partizipatorischen und demokratischen Gesellschaft zu schaffen.

Die Entwicklung dieser Strukturen brachte Brasiliens Volksbewegung hervor. Sie macht aus der Volksmasse ein organisiertes Volk, das zuvor nicht als Volk existierte, sondern das nun geboren wurde. Es zwingt die politische Gesellschaft zum Zuhören und Verhandeln und auf diese Weise, die Level struktureller Gewalt zu verringern.

Die Schaffung einer Sozialdemokratie mit einer im Volk begründeten Basis: Wir haben eine repräsentative Demokratie, doch ist sie von sehr geringer Intensität, voll von politischen Untugenden und Korruption, wo die Volksvertreter im allgemeinen von den großen Unternehmen gewählt werden, deren Interessen sie vertreten.

Doch aufgrund von guter Organisation im Volk wurden bereits im Volk als Gegengewicht hierzu politische Parteien und Gruppierungen progressiver Parteien gegründet, einschließlich der liberalen Bourgeoisie oder, traditionell links gerichtet, Parteien, die tiefgreifende Reformen in der Gesellschaft voranbringen und danach streben, die Staatsgewalt zu erlangen, sei es auf städtischer, staatlicher oder auf Bundesebene.

Diese partizipatorische Demokratie ist grundlegend auf diese vier Pfeiler gegründet wie die vier Beine eines Tischs:

– größtmögliche Partizipation aller, von der Basis ansteigend, solcherart, dass jeder sich selbst als aktive/n Bürger/in erachten kann;

– Gleichheit, die aus dem Maß an Partizipation resultiert. Gleichheit verleiht den Bürgern und Bürgerinnen größere Möglichkeiten für ein besseres Leben. Angesichts der existierenden Ungleichheiten muss die soziale Solidarität gestärkt werden;

– Respekt für die Unterschiede aller Art; aus diesem Grund muss eine demokratische Gesellschaft pluralistisch sein, multi-ethnisch und allen Religionen mit Respekt begegnen und in allen unterschiedlichen Formen kommunaler Ressourcen.

– die Wertschätzung menschlicher Subjektivität; der Mensch ist nicht nur ein sozialer Akteur, er ist eine Person mit einer eigenen Weltanschauung, der/die Werte von Kooperation und Solidarität kultiviert, welche die Institutionen und sozialen Strukturen human gestalten.

Darüber hinaus stehen diese Pfeiler/steht dieser Tisch auf einem Boden, ohne den er nicht stehen kann: ein neues Verhältnis zur Natur und zu Mutter Erde, unserem Gemeinsamen Haus, wie Papst Franziskus in seiner ökologischen Enzyklika bekräftigte. Mit anderen Worten: Diese Demokratie muss das ökologische Moment einbeziehen, das auf einem anderen Paradigma basiert. Das gängige Paradigma, das auf Macht und Beherrschung in Form von unbegrenzter Anhäufung aufbaut, hat eine unüberwindbare Hürde erreicht: die Grenzen der Erde können kein unbeschränktes Wachstum aushalten. Indem wir diese Grenzen überschreiten, können wir nun eine globale Erwärmung beobachten sowie die extremen Ereignisse, die wir in diesem Jahr 2017 erleben, wo in fast ganz Europa Schnee fällt, was seit hundert Jahren nicht mehr der Fall war.

Das stets wachsende Bewusstsein für diese Grenzen zwingt uns, an ein neues Paradigma für Produktion, Konsum und Aufteilung der raren Ressourcen unter den Menschen zu denken und auch mit der ganzen Lebensgemeinschaft (auch die Flora und Fauna wurden von der Erde geschaffen und brauchen ihre Nährstoffe). Hier kommen die Werte wie Achtsamkeit ins Spiel, gemeinsame Verantwortung und Solidarität aller mit allen, ohne die das Projekt nicht erfolgreich sein wird.
Unter diesen Voraussetzungen können wir hoffen, unsere gewalttätigen Gesellschaftsstrukturen zu überwinden.

Die Alternative wäre, mit dem Wechsel nur zu spielen, sodass sich tatsächlich gar nichts verändert.

Leonardo Boff
17.01.2017

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Weihnachten zur Zeit des Herodes

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

Dieses Jahr wird Weihnachten anders sein. Normalerweise ist es ein Fest, an dem sich die Familie trifft. Christen feiern das Christkind, das kam, um unser Menschsein anzunehmen und es besser zu machen.

In Wahrheit jedoch ist es der Ort, an dem die schreckliche Figur des Herodes des Großen (73 v.Chr. – 4 n. Chr.) auftrat, den man mit dem Ermorden der unschuldigen Kinder in Verbindung bringt. Als er hörte, dass in seinem Königreich Judäa ein neuer König geboren worden war, fürchtete er um seine Macht. So befahl er das Ermorden aller kleinen Jungen unter zwei Jahren. Dann hören wir eine der traurigsten Stellen in der Bibel: „Ein Geschrei war in Rama zu hören, lautes Weinen und Klagen. Rahel weinte um ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn sie waren dahin“ (Mt. 2,18).

Die Geschichte vom Ermorden der Unschuldigen geht in anderer Form weiter. Die ultrakapitalistische Politik, die die gegenwärtige brasilianische Regierung ausübt, indem sie Rechte annulliert, Gehälter kürzt, soziale Errungenschaften wie das Gesundheitswesen, Bildung, soziale Sicherheit und Renten zurückfährt und für die nächsten 20 Jahre die Entwicklungsmöglichkeiten einfriert, hat zur Konsequenz das perverse und langsame Ermorden der Unschuldigen, die zum Großteil aus den Armen unseres Landes Brasilien bestehen.

Die tödlichen Folgen, die aus der Entscheidung resultieren, den Markt als wichtiger zu erachten als unbekannte Personen, sind für den Gesetzgeber nicht neu. Innerhalb von wenigen Jahren werden wir eine Klasse von Superreichen haben (zurzeit sind es 1.440 gemäß der IPEA, d. h. ca. 0,05 % der Bevölkerung Brasiliens), eine Mittelklasse, die befürchtet, ihren Status zu verlieren, und Millionen von brasilianischen Armen sowie die Ausgeschlossenen, die aus der Armut ins Elend fielen. Dies impliziert hungernde Kinder, die wegen Unterernährung und völlig vermeidbaren Krankheiten sterben, Erwachsene, die weder einen Zugang zu Medikamenten noch zum öffentlichen Gesundheitswesen haben und zum vorzeitigen Sterben verurteilt sind. Dieses Abschlachten hat einen Urheber: ein Großteil der heutigen Gesetzgeber von der sogenannten „PEC des Todes“ können nicht von der Schuld freigesprochen werden, der heutige Herodes des brasilianischen Volkes zu sein.

Der wohlhabenden Elite und den Privilegierten gelang die Rückkehr. Mit der Unterstützung der korrupten Parlamentarier, mit dem Rücken zum Volk und taub für die Proteste auf den Straßen, durch eine Koalition der Mächte, bestehend aus Polizisten, der Staatsanwaltschaft, der Militärpolizei und Teilen der Justizgewalt und der körperschaftlichen und reaktionären Massenmedien und nicht ohne den Rückhalt durch die imperiale Macht, die sich für Brasiliens Reichtum interessiert, erzwangen sie die Ausgrenzung von Präsidentin Dilma Rousseff. Der wahre Motor dieses Coups besteht aus dem Finanzkapital, den Banken und Darlehensgebern (die nicht von der Politik der Haushaltsanpassungen betroffen sind).

Der Politikwissenschaftler Jesse Souza prangert nicht grundlos an: Brasilien ist die Bühne, auf der der Konflikt zwischen zwei Projekten ausgetragen wird: der Traum der Mehrheiten eines großen und starken Landes und der Realität einer raubgierigen Elite, die alles an sich reißen und den Reichtum des Landes in die Taschen einer Handvoll Leute stecken will. Die wohlhabende Elite regiert einfach nur deshalb, weil sie in der Lage ist, alle anderen Eliten zu „kaufen“ (FSP 16.04.2016).

Es ist traurig zu sehen, dass dieser Prozess des Plünderns eine Folge der alten Versöhnungspolitik zwischen den Begüterteten untereinander und mit den Regierenden ist, die aus den Kolonial- und Unabhängigkeitszeiten stammt. Die Präsidenten Lula da Silva und Dilma Rousseff beherrschten oder benutzten nicht die schlaue Strategie dieser regierenden Minderheit, die unter dem Vorwand der Regierbarkeit nach der Versöhnung untereinander und mit der Regierung strebt und dabei dem Volk einige Privilegien einräumt, sofern das Wachstum ihres Reichtums dabei noch auf dem Höchstlevel verbleibt.

Der Historiker José Honorio Rodrigues, der ausführlich die Klassenversöhnung studierte, die immer auf dem Rücken des Volks ausgetragen wird, sagt ganz richtig: Die staatliche Führung war in ihren aufeinanderfolgenden Generationen immer reformistisch, elitär und individualistisch … Die Kunst des Diebstahls ist wohlbekannt und uralt und wird von diesen Minderheiten praktiziert, nicht vom Volk. Das Volk stiehlt nicht. Das Volk wird bestohlen … Das Volk ist herzlich, die Oligarchie ist brutal und erbarmungslos … der große Erfolg der brasilianischen Geschichte beruht auf dem brasilianischen Volk, und die große Enttäuschung sind die brasilianischen Herrscher (Conciliação e Reforma no Brasil, 1965. pp. 114-119).

Wir erleben in Brasilien die Wiederholung dieser üblen Tradition, aus der wir uns nie befreien werden, ohne eine Gegen-Macht zu stärken, die von unten kommen muss und in der Lage ist, diese perverse Elite zu bekämpfen und einen anderen Staatstypus zu schaffen mit einer anderen Art von republikanischer Politik, in der das Allgemeingut über den individuellen und den unternehmerischen Gütern steht.

Das diesjährige Weihnachtsfest ist ein Weihnachten unter dem Zeichen des Herodes. Dennoch halten wir daran fest, dass das göttliche Kind der befreiende Messias ist und dass der Stern uns wohlwollend auf bessere Wege führen wird.

Leonardo Boff
24.12.2016

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Kardinal Paulo Evaristo Arns: Lehrer, gebildeter Intellektueller, Freund der Armen

Kardinal Paulo Evaristo Arns starb heute Morgen, den 14. Dezember 2016

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

Ich habe einen Lehrer verloren, einen Mäzen, Beschützer und engen Freund. Ausführliche Schilderungen werden über Kardinal Paulo Evaristo Arns geschrieben werden, der heute, am 14. Dezember 2016, verstarb. Das werde ich nicht tun. Ich werde nur meine persönliche Erfahrung mit ihm schildern.

Ich traf Kardinal Arns in den späten 1950er Jahren, als ich Seminarist in Agudos, São Paulo, war. Er war gerade mit dem angesehenen Doktortitel der Sorbonne aus Paris zurückgekehrt. Im Seminar mit seinen ca. 300 Studenten führte er neue Lehrmethoden ein. Er ließ uns Literatur auf Griechisch und Latein studieren, Sprachen, die er so gut sprach wie seine Muttersprache. Er ließ uns die Tragödien des Sophokles und Euripides auf Griechisch lesen. Wir lernten so gut Griechisch, dass wir sogar mehrmals Antigone in dieser Sprache aufführten, und jeder konnte es verstehen.

In Petropolis traf ich ihn wieder als Professor für die Kirchenväter und für die christliche Geschichte der ersten beiden Jahrhunderte. Bei ihm lasen wir die Klassiker in ihrer Originalsprache: den Hl. Hieronymus, den er bevorzugte, auf Latein und den Hl. Johannes Chrysostomus auf Griechisch.

Als ich ihn vor zwei Jahren im Nonnenkloster am Stadtrand von São Paulo besuchte, sah ich ihn in die Lektüre des Hl. Johannes Chrysostomus auf Griechisch vertieft.

Während unseres Studiums in Petropolis von 1961 bis 1965 war er unser Direktor. Voller Interesse begleitete er uns auf unserer Suche mit einem tiefen Blick, der bis in die Tiefen unserer Seele zu reichen schien. Er strebte stets nach Perfektion. Sogar wir Studenten forderten uns gegenseitig dazu heraus, irgendeinen Schwachpunkt in seinem Leben oder seinen Aktivitäten zu finden. Die gregorianischen Gesänge konnte er wunderbar im Stil von Solesmes singen und feiner als im Stil von Beuron, der bis zu seiner Ankunft vorherrschend war.

Vier Jahre lang begleitete ich ihn in der Seelsorge am Stadtrand. An den Donnerstag- und Samstagabenden und ganztägig sonntags ging ich mit ihm in die Kapelle in der Nachbarschaft von Itamaraty in Petropolis. Er ging in jedes Haus, vor allem zu den portugiesischen Familien, die Blumen und andere Zierpflanzen anbauten. Überall wohin er kam, gründete er eine Schule. Er ermutigte die Arbeit von lokalen Poeten und Schriftstellern. Nach dem 10-Uhr-Gottesdienst traf er sich mit ihnen, um ihre Gedichte und Kurzgeschichten zu hören, die sie während der Woche geschrieben hatten. Er motivierte alle zum Lesen, Schreiben und dazu, allen die Geschichten zu erzählen, die sie gelesen hatten.

Kardinal Arns war ein gebildeter Intellektueller und sehr versiert in der französischen Literatur. Er schrieb 49 Bücher. Er drängte uns, Paul Claudels Beispiel zu folgen, der täglich mindestens eine Seite schrieb. Ich folgte seinem Rat, und inzwischen habe ich mehr als 100 Bücher geschrieben.

Was mich am meisten an Kardinal Arns beeindruckte, war seine franziskanische Liebe und Zuneigung zu den Armen. Als er zum Weihbischof von São Paulo geweiht wurde, begab er sich sogleich an die Arbeit in den Randzonen der Stadt wo er die kirchlichen Basisgemeinden ermutigte und sich persönlich der Arbeit von Paulo Freire widmete. Da dies während der Zeit der brasilianischen Diktatur geschah, die vor allem in São Paulo wütete, nahm er sich sofort der Flüchtlinge an, die von dem Horror der Diktaturen von Argentinien, Uruguay und Chile geflohen waren. Seine besondere Aufgabe bestand im Besuch der Gefangenen, wo er die Wunden der Folter sah und diese mutig anprangerte und die Menschenrechte verteidigte, gegen die so grausam verstoßen wurde. Er brachte sich selbst in Lebensgefahr, erhielt Drohungen und Angriffe auf sein Leben. Doch als Franziskaner bewahrte er stets die innere Ruhe eines Menschen, der sich eher in der Hand Gottes geborgen weiß als sich vor den Klauen der polizeilichen Repression zu fürchten.

Sein vielleicht größter Verdienst war das Brasilien-Projekt “Nie Wieder”, das er mit dem Rabbi Henry Sobel, dem presbyterianischen Pastor Jaime Wright und mit einem Forschungsteam entwickelte. Es sammelte Berichte von über einer Million Seiten über die 707 Prozesse des Oberen Militärgerichtshofs. Das Buch „Brasilien, nie wieder“, das von Editora Vozes verlegt wurde, spielte eine Schlüsselrolle in der Identifizierung und Demaskierung der Folterer des Militärregimes und half, die Diktatur zu Fall zu bringen.

Ich bin Kardinal Arns persönlich zutiefst dankbar dafür, mir im Prozess über den Lehrentzug beigestanden zu haben, der gegen mich durch das frühere Heilige Offizium (die Inquisition) 1982 in Rom unter dem Vorsitz von Kardinal Joseph Ratzinger durchgeführt wurde. In dem Gespräch zwischen Kardinal Ratzinger, Kardinal Lorscheider und Kardinal Arns, das meinem Verhör folgte und an dem ich auch teilnahm, stellte Kardinal Arns mutig mit Deutlichkeit klar: „Das Dokument, das Sie vor einer Woche über die Theologie der Befreiung veröffentlichten, entspricht nicht den Fakten, Fakten, die wir sehr gut kennen. Diese Theologie ist sehr vorteilhaft für die Gläubigen und die Gemeinden. Sie haben die Version der Gegner dieser Theologie angenommen, nämlich des lateinamerikanischen Militärs und der konservativen Gruppen des Episkopats, die nicht einverstanden sind mit den Veränderungen in der Seelsorge und der Art, den Glauben zu leben, wie es diese Art von Theologie impliziert.“ Und er fügte hinzu: „Ich erwarte von Ihnen ein neues, positives Dokument, das diese Art der Theologie anerkennt.“ Dies geschah drei Jahre später.

Dies alles gehört bereits der Vergangenheit an. Es bleibt die Erinnerung an einen Kardinal, der immer auf der Seite der Armen stand und niemals den Schrei der Unterdrückten wegen Missachtung ihrer Rechte überhörte. Kardinal Paulo Evaristo Arns ist eine immerwährende Referenz für den Guten Hirten, der sein Leben für den Kleinsten und Geringsten gibt und für denjenigen, der am meisten in dieser Welt zu leiden hat.

Leonardo Boff
14.12.2016

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Wenig bekannte Fakten über Fidel Castro

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta-Kommission

Jedes Ding und jede Person besitzen mehrere Facetten. Wie ich bereits sagte, ist jede Ansicht die Sicht auf etwas von einem bestimmten Standpunkt aus. Jede und jeder besetzt einen bestimmten Platz auf diesem Planeten und in der Gesellschaft, deren Teil wir sind. Und von diesem Platz aus sieht jeder und jede die Realität so, wie sie von diesem Platz aus zu sehen ist. Aus diesem Grund können wir keine Perspektive als absolut bezeichnen, als gäbe es nur diese eine. Dies ist der Ursprung von Fundamentalismus und von Diskriminierung.

Diesen Gedanken sollte man in Bezug auf viele Perspektiven im Hinterkopf behalten, die über die Lebensgeschichte Fidel Castros zum Ausdruck gebracht werden. Es gibt keine Perspektive, die alle Sichtweisen umfasst.

Noch etwas muss in Betracht gezogen werden. Jeder Mensch besitzt seinen Anteil an Licht und Schatten. In der Sprache der neuen Anthropologie ausgedrückt: Jeder Mensch ist sapiens und gleichzeitig demens. Daher ist jeder Mensch Träger von Intelligenz und von Lebenssinn: das ist sein sapiens-Aspekt. Und gleichzeitig zeigt er Abweichungen und Widersprüche auf: das ist sein demens-Aspekt.

Beide Seiten treten stets gemeinsam auf. Dies ist kein Defekt in unserem Sein. Es ist eine objektiv festzustellende Tatsache unserer menschlichen Realität, die immer in Betracht gezogen werden muss. Dies ist auch wichtig, wenn wir über die komplexe Persönlichkeit von Fidel Castro nachdenken: sein Licht und seinen Schatten.

Ich möchte einige Punkte benennen und mit denen beginnen, die es mir erlaubten, ein einzigartiges Treffen mit Fidel Castro zu erleben. Der erste ist die Negation des TINA (There Is No Alternative = Es gibt keine Alternative). Das vorherrschende kapitalistische System repräsentiert den Gipfel der menschlichen Gesellschaftssysteme. Fidel Castro zeigte, dass der Sozialismus eine Alternative bieten kann, die sich sehr vom Kapitalismus absetzt, welcher sich zurzeit in einer radikalen Überlebenskrise befindet. Die Rage, in der die USA Kuba und Fidel angriffen, um den kubanischen Sozialismus zu zerstören, hatte den Zweck zu zeigen, dass es keine Alternative zum Kapitalismus geben kann. Ob gut oder schlecht, der Sozialismus ist mit all seinen bekannten Schwächen eine andere Möglichkeit von Gesellschaftsordnung.

Ein zweiter nennenswerter Punkt war Fidel Castros Interesse an der Befreiungstheologie. Er gab sogar zu, dass er die Lehren der Befreiungstheologie in die Entwicklung der kubanischen Gesellschaft aufgenommen hätte, wenn es sie damals schon gegeben hätte (sie entstand erst 1970). Unter dem Druck des Kalten Krieges war er dazu gezwungen, sich auf die Seite der Sowjetunion zu schlagen und von da aus den Marxismus anzunehmen. Fidel las unsere Hauptwerke und nahm sie zur Kenntnis, so die Werke von Gustavo Gutierrez, Frei Betto, die meines Bruders Clodovis und meine eigenen. All diese Bücher trugen Anmerkungen in verschiedenen Farben. Und an den Rändern befanden sich Listen von Fragen und Ausdrücken, nach deren Erklärung er fragte.

Ein weiterer relevanter Punkt war seine Einladung während der Zeit des sogenannten Bußschweigens, das mir 1984 durch das Heilige Offizium (Nachfolger der Inquisition) auferlegt wurde. Fidel lud mich ein, 15 Tage mit ihm auf der Insel zu verbringen, um über Fragen zu Religion, Lateinamerika und die Welt nachzudenken. Er war ein Freund des apostolischen Nuntius. Sobald ich ankam, rief er den Nuntius an und sagte ihm in meiner Gegenwart: „Boff ist hier bei mir. Ich selbst werde sicherstellen, dass er das Bußschweigen einhält. Er wird nur mit mir sprechen.“ In der Tat bereisten wir die ganze Insel durch unsere Gespräche hinweg, die bis spät in die Nacht dauerten. Ich notierte fast alles in drei dicken Notizbüchern, denn ich wollte sie als Material für ein Buch benutzen. Ein paar Tage nachdem ich von Kuba zurückkam, ließ ich die drei Notizbücher im Kofferraum des Autos, während ich für einen Augenblick (ca. 15 Minuten) mit Don Aloisio, dem Kardinal Lorscheider, sprechen wollte, der Gast im Haus eines Freundes in Copacabana war. Als ich zurückkam, sah ich, dass der Kofferraum geöffnet worden war. Nichts war herausgenommen worden außer meinen drei Notizbüchern. Ich vermute, dass der brasilianische oder ein ausländischer Nachrichtendienst sich dieses Material aneignete.

Eine andere Begebenheit zeigt Fidel Castros zärtliche Dimension, die viele bezeugen können.

Ich habe eine Nichte, die unter einer Form des Rheumatismus leidet, die kein Arzt behandeln konnte. Ich fragte Fidel, ob es möglich wäre, sie in Kuba zu behandeln. Er fragte mich nach allen medizinischen Unterlagen aus Brasilien und sprach persönlich mit den kubanischen Ärzten.

Es gab tatsächlich keine Heilung. Jedes Mal, wenn Fidel mich sah, war die erste Frage, die er mir stellte: „Wie geht es deiner Nichte Lola?“ Dieses liebevolle und zärtliche Erinnern ist unter Staatsoberhäuptern nicht sehr verbreitet. Wo die Macht sich konzentriert, ist in der Regel weder die Liebe prioritär, noch floriert die Zärtlichkeit. Mit Fidel war das anders. Er war außerordentlich glücklich, als ich ihm sagte, dass ein brasilianischer Arzt einen Impfstoff hergestellt hatte, der die Nebenwirkung besaß, diese Form des Rheumatismus heilen zu können.

Dies sind kleine Gesten, die zeigen, dass Macht nicht zwangsläufig eine so tiefgründige Dimension wie Zärtlichkeit und die Sorge für das Geschick des Anderen untergräbt.

Das Erbe dieser charismatischen Person wird ein Bezugspunkt für diejenigen bleiben, die sich weigern, die Kultur des Kapitalismus mit all seinen Begleiterscheinungen wie die Ungerechtigkeiten gegenüber der sozialen und ökologischen Ordnung zu reproduzieren.

Leonardo Boff
06.12.2016

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Leben als kosmischer Imperativ

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

Jahrhundertelang versuchten Wissenschaftler mithilfe von physikalischen Gesetzen, ausgedrückt in mathematischen Formeln, das Universum zu erklären. Dabei sah man das Universum als eine riesige Maschine an, die stets in einer gleichbleibenden Form funktionierte. In diesem Paradigma hatten Leben und Bewusstsein keinen Platz. Diese wurden dem Bereich der Religionen zugeordnet.

Doch alles änderte sich seit den 1920er Jahren, als der Astrophysiker Edwin Hubble aufzeigte, dass der natürliche Status des Universums nicht Stabilität ist, sondern Veränderung. Das Universum begann sich mit der Explosion eines Punktes auszudehnen: extrem klein, doch unheimlich heiß und voller Potential: der Urknall. Dann bildeten sich die Quarks und die Leptonen, die elementarsten Partikel, die, einmal miteinander verbunden, Protonen und Neutronen erzeugten, die Grundlage der Atome. Und von dort aus nahm alles seinen Anfang.

Ausdehnung, Selbst-Organisation, Komplexität und die Entstehung einer immer ausgeklügelteren Ordnung sind die Charakteristika des Universums. Und das Leben?

Wir wissen nicht, wie es entstand. Wir können nur sagen, dass es der Erde und dem Universum Milliarden von Jahren bedurfte, um die Bedingungen für die Geburt von etwas so Wunderbarem wie das Leben herzustellen. Leben ist fragil, denn es kann schnell erkranken und sterben. Doch Leben ist auch stark, denn bisher konnte nichts, nicht einmal Vulkane, Erdbeben, Meteoriten oder massive Auslöschungen der vergangenen Zeitalter, das Leben komplett auslöschen.

Damit Leben entstehen konnte, brauchte das Universum die drei folgenden Eigenschaften: aus dem Chaos entstehende Ordnung; aus simplen Wesen entstehende Komplexität; Information geschaffen aus den Verbindungen aller mit allen anderen. Doch ein Faktor fehlte noch: Die Schaffung der Bausteine, mit denen das Haus des Lebens erbaut wird. Diese Bausteine wurden inmitten des Herzens der großen roten Sterne geschmiedet, die vor mehreren Milliarden Jahren verglühten. Dies sind chemische Säuren und andere Elemente, die all die Kombinationen und Transformationen ermöglichen. D. h. es gibt kein Leben ohne Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Eisen, Phosphor und die 92 Elemente des Mendeleyevschen Periodensystems.

Werden diese verschiedenen Elemente vereint, formen sie das, was wir als Molekül bezeichnen, das kleinste Teil lebendiger Materie. Die Verbindung mit anderen Molekülen führte zu den Organismen und Organen, welche die Lebewesen schufen, vom Bakterium zum Menschen.

Ilya Prigogine, der 1977 den Nobelpreis für Chemie erhielt, verdanken wir den Beweis dafür, dass das Leben aus den intrinsischen, sich selbst organisierenden Dynamismen des Universums selbst resultiert. Er zeigte ebenfalls, dass es eine Art Fabrik gibt, die kontinuierlich Leben hervorbringt. Der zentrale Motor dieser Lebensfabrik ist die Kombination aus 20 Aminosäuren und 4 stickstoffhaltigen Basen.

Aminosäuren sind eine Säuregruppe, welche die Entstehung von Leben ermöglicht, wenn sie miteinander verbunden sind. Sie bestehen aus vier stickstoffhaltigen Basen, die wie vier Zementarten funktionieren, die die Bausteine zusammenhalten, um die unterschiedlichsten Arten von Häusern zu bilden. Dies ist die Biodiversität.

Folglich schafft derselbe grundlegende genetische Code die heilige Einheit des Lebens, von den Mikroorganismen zu den Menschen. Im Grunde genommen sind wir alle Cousins, Brüder und Schwestern, wie Papst Franziskus in seiner Enzyklika zur integralen Ökologie (Nr. 92) bekräftigt, denn wir sind aus denselben 20 Aminosäuren und 4 stickstoffhaltigen Basen (Adenin, Thymin, Guanin und Cytosin) gemacht.

Was fehlte, war die Wiege, um das Leben willkommen zu heißen: die Atmosphäre und Biosphäre mit all den essentiellen Elementen des Lebens: Kohlenstoff, Sauerstoff, Methan, Schwefelsäure, Stickstoff u. a.

Unter diesen Vorbedingungen passierte vor ca. 3,8 Milliarden Jahren etwas Schicksalhaftes. Möglicherweise aus dem Meer oder einem primitiven Sumpf, wo all die Elemente wie eine Art Suppe blubberten, entstand durch den Aufschlag eines großen Blitzlichts von oben das Leben.

Geheimnisvollerweise gab es 3.8 Milliarden Jahre lang Leben auf dem winzigen Planeten Erde, in einem Sonnensystem fünfter Ordnung, in einem Winkel unserer Galaxie, 29 000 Lichtjahre vom Mittelpunkt dieser Galaxie entfernt. Hier geschah das einzigartigste Ereignis der Evolution: die Entstehung von Leben.

Leben ist die Ur-Mutter aller Lebewesen, die wahre Eva. Alle anderen Lebensformen stammen von ihr, einschließlich wir Menschen, ein Unter-Kapitel im Kapitel des Lebens: unser bewusstes Leben.

Abschließend wage ich mich, dem Biologen und Nobelpreisträger Christian de Duve und dem Kosmologen Brian Swimme anzuschließen, die behaupten, ohne das Leben wäre das Universum unvollständig. Immer wenn ein gewisses Level an Komplexität erreicht ist, wird stets Leben als ein kosmischer Imperativ entstehen, in jedem Teil des Universums.

Wir müssen die verbreitete Meinung überwinden, das Universum bloß als eine physikalische und tote Sache zu betrachten, die, um das Bild etwas auszuschmücken, einige Lebenskörnchen enthält. Dies ist ein armseliges und falsches Verständnis. Das Universum scheint mit Leben angefüllt zu sein und dafür existiert es als die Wiege, die das Leben – und vor allem unser Leben – willkommen heißt.

Leonardo Boff
30.10.2016

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