Wir müssen Brücken bauen zwischen dem Leben und der Politik

Wir beobachten im heutigen Brasilien unter den Menschen eine ernstzunehmende Aufspaltung aus parteipolitischen Gründen. Da gibt es solche, die aufhörten, an den gemeindlichen Weihnachtsfeiern teilzunehmen, weil es unterschiedliche politische Auffassungen gab: die einen aus Gründen der Kritik an der Regierungspartei, da diese in der Wahlkampagne gelogen haben soll; die anderen wegen der exzessiven Korruption, die wichtigen Gruppen der Arbeiterpartei PT angelastet wird. Einige sind starke Verfechter für die Amtsenthebung von Präsidentin Dilma Rousseff. Andere halten das berühmte „pedaladas“ (Pedale-Treten) für keinen ausreichenden Grund, sie aus dem höchsten Staatsposten zu heben, den sie durch die Wahl der Mehrheit des Volkes errang. Wir sind uns darin einig, dass die „pedaladas“ eine Sünde sind, doch es handelt sich nur um eine lässliche Sünde, die ohne böse Absicht begangen wurde. Für eine lässliche Sünde wird, gemäß einer vernünftigen Theologie, niemand zur Hölle verdammt. Schlimmstenfalls kommt man für eine gewisse Zeit in Gottes reinigende Klinik, das Fegefeuer. Das Fegefeuer ist nicht die Vorhölle, sondern der Vor-Himmel.

Wir wollen diese Gegensätze jetzt einmal außer Acht lassen. Tatsache ist, dass es zweifellos eine große Irritation in der Gesellschaft gibt, rassistische Intoleranz, bittere Diskussionen und viele Schimpfwörter, die Kinder niemals hören sollten. Vor allem das Internet hat die Tore für Straftaten aller Art geöffnet. Manche Menschen bleiben in der Vergangenheit verankert und denken noch in den Kategorien des Kalten Krieges. Jemanden als „Kommunisten“ zu bezeichnen, ist für sie eine Beleidigung. Sie vergessen, dass die Sowjetunion zusammenbrach und die Berliner Mauer im Jahr 1989 fiel.

Die Brücken zwischen den sozialen Plätzen, die zwar unterschiedlich sind, doch akzeptiert und respektiert wurden, wurden beschädigt oder zerstört. Eine gesunde Gesellschaft kann nicht überleben, wenn ihr soziales Netzwerk zerstört wird. Genau da liegt die Gefahr der Radikalisierung der Rechten (z. B. Militärdiktatur) oder der Linken (wie der totalitäre Sowjet-Sozialismus).

Ich denke, dass uns die Geschichte manch gute Lektion erteilen und uns von der Wahrheit der Dinge eher überzeugen kann als theoretische Argumente. Ich möchte eine Geschichte weitergeben, die ich vor langer Zeit gehört habe und die von großer Überzeugungskraft ist. Sie lautet folgendermaßen:

Zwei Brüder lebten harmonisch in zwei Bauernhöfen, die nahe beieinander lagen. Sie hatten eine gut funktionierende Getreideproduktion, einige Rinder, und sie kümmerten sich gut um ihre Schweine.

Eines Tages hatten sie einen kleinen Streit. Die Gründe dafür waren weniger wichtig: ein Kalb des jüngeren Bruders war herumgestreunt und hatte einen nicht unbedeutenden Teil des Maisfeldes des älteren Bruders gefressen. Sie waren leicht verärgert und stritten sich. Zunächst sah es so aus, als sei die Sache erledigt.

Doch dem war nicht so. Plötzlich sprachen sie nicht mehr miteinander. Sie vermieden es, einander im Laden oder auf der Straße anzutreffen. Sie taten so, als kennten sie sich nicht.

Eines Tages erschien ein Zimmermann auf Arbeitssuche auf dem Hof des älteren Bruders. Dieser sah ihn von oben bis unten an und sagte ihm mit mancher Traurigkeit in der Stimme: „Siehst du den Bach, der da unten entlang fließt? Er ist die Grenze zwischen meinem Bauernhof und dem meines Bruders. Baue mit all dem Holz, das du in diesem Wäldchen findest, einen sehr hohen Zaun, so dass ich nicht mehr gezwungen bin, meinen Bruder oder seinen Hof wiederzusehen. Auf diese Weise werde ich meinen Frieden finden.“

Der Zimmermann nahm den Job an, ergriff das Werkzeug und schritt ans Werk. In der Zwischenzeit ging der ältere Bruder in die Stadt, um sich um seine Geschäfte zu kümmern.

Als er spät am Tag zu seinem Hof zurückkehrte, war er bestürzt über das, was er sah. Der Zimmermann hatte keinen Zaun gebaut, sondern eine Brücke über den Bach, die nun beide Höfe miteinander verband.

Und er sah, wie sein jüngerer Bruder über die Brücke kam und sagte: „Bruder, nach all dem, was zwischen uns geschah, kann ich kaum glauben, dass du diese Brücke gebaut hast, um zu mir zurück zu finden. Du hast Recht; es ist Zeit, unseren Zwist zu beenden. Komm in meine Arme, Bruder!“

Und sie umarmten einander herzlich und versöhnten sich. Der eine Bruder fand seinen anderen Bruder wieder.

Plötzlich sahen sie, dass sich der Zimmermann entfernte. Sie riefen ihn: „He, Zimmermann! Bitte geh nicht weg. Bleibe ein paar Tage bei uns … Du hast uns so viel Freude bereitet…“

Doch der Zimmermann erwiderte: „Ich kann nicht bleiben. Weltweit müssen noch andere Brücken gebaut werden. Es gibt immer noch zu viele Menschen, die miteinander versöhnt werden müssen.“ Und der Zimmermann ging ruhig davon, bis er in einer fernen Kurve des Weges aus dem Blickfeld verschwand.

Die Welt und unser Land brauchen Brücken und Zimmermann-Menschen, die großzügig mithelfen, die Konflikte zu lösen und Brücken zu bauen, so dass wir uns über die Konflikte und Differenzen stellen können, die in der unfertigen Menschheit bestehen. Wir müssen immer und immer wieder lernen und einander lehren, als Brüder und Schwestern in Geschwisterlichkeit zu leben.

Vielleicht ist dies einer der dringendsten ethischen und menschlichen Imperative im gegenwärtigen historischen Augenblick.

Leonardo Boff
05.02.2016

 

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Die Gesellschaft der Müdigkeit und der sozialen Verdrossenheit

Über die Müdigkeitsgesellschaft wird in aller Welt gesprochen. Zuerst sprach der Koreaner Byung-Chul Han darüber, der in Berlin Philosophie lehrt. Sein Buch, das denselben Titel trägt, wurde 2015 im Vozes-Verlag in Brasilien veröffentlicht. Seine Analyse ist nicht immer einleuchtend und auch diskutabel, wenn er z. B. behauptet, dass “fundamentale Müdigkeit mit einer gewissen Fähigkeit einhergeht “zu inspirieren und den Geist aufwallen zu lassen” (s. S. 73). Abgesehen von den Theorien leben wir in der Tat in einer Gesellschaft der Müdigkeit. In Brasilien leiden wir neben Müdigkeit auch unter einer schrecklichen Niedergeschlagenheit und Verdrossenheit. Lasst uns zuerst über die Gesellschaft der Müdigkeit nachdenken. Gewiss bewirken in uns, wie die Autoren sagen, vor allem die Beschleunigung des historischen Prozesses der Stimuli und Kommunikationsmodi, insbesondere durch kommerzielles Marketing, Mobiltelefonen mit all ihren Apps, die pausenlose Informationsflut, die wir durch die sozialen Medien empfangen, neuronale Krankheiten: Depressionen, Konzentrationsprobleme und das Syndrom der Hyperaktivität. In der Tat sind wir abends gestresst und antriebslos. Wir schlafen nicht gut, sind erschöpft.

Dazu gesellt sich der neoliberale Produktionsrhythmus, der den Arbeitern weltweit auferlegt wird. Insbesondere der nordamerikanische Stil verlangt von jedem die größtmögliche Produktivität. Dies ist auch die allgemeine Regel unter uns. Solche Erwartungen bringen Menschen aus dem emotionalen Gleichgewicht, verursachen Irritationen und permanente Angstzustände. Die Anzahl der Selbstmorde ist erschreckend. Wir ich bereits zuvor erwähnte, hat sich die 1968er Revolutionsbewegung radikalisiert und wiederbelebt. Damals hieß es “Bus, Arbeit, Bett”. Nun sagt man “Bus, Arbeit Grab”. Das heißt: fatale Krankheiten, Verlust des Lebenssinns und wahre psychische Störungen.

Lasst uns beim Beispiel Brasilien bleiben. Eine allgemeine Entmutigung hat sich in den letzten Monaten unter uns ausgebreitet. Die Wahlkampagne, die mit großer verbaler Virulenz, Beschuldigungen und Vorspiegelungen falscher Tatsachen ausgetragen wurde, und die Tatsache, dass der Sieg der Arbeiterpartei (PT) nicht akzeptiert wurde, löste in der Opposition das Verlangen nach Rache aus. Geheiligte Prinzipien der PT wurden durch Korruption in höchstem Grade verraten, was zu einer tiefen Desillusion führte. Dies steht im Widerspruch zu unseren guten Gewohnheiten. Die Sprache kannibalisierte sich. Vorurteile gegenüber den Mitbürgern aus den nördlichen Landesteilen und das Herabwürdigen der schwarzen Bevölkerung traten zutage. Wir können, wie Sergio Buarque de Holanda sagt, auch im negativen Sinne herzlich sein: wir können agieren aus einem mit Wut erfüllten Herzen, mit Hass und voller Vorurteile. Die Situation verschlimmerte sich immer mehr bis hin zur Drohung eines Amtsenthebungsverfahrens gegen Präsidentin Dilma Roussef aus unklaren und fragwürdigen Gründen.

Nicht in der Theorie, sondern in der Praxis haben wir erlebt, dass unter uns ein wahrer Klassenkampf besteht. Die Interessen der privilegierten Klassen stehen im Widerspruch zu den verarmten Klassen. Die reichen, traditionell hegemonischen, Klassen fürchten die Inklusion der Armen und den Aufstieg anderer Teile der Gesellschaft, welche inzwischen begannen, Plätze für sich zu beanspruchen, die bisher nur den Reichen vorbehalten waren. Wir müssen erkennen, dass weltweit gesehen Brasilien eines der Länder mit der größten Ungleichheit ist. In Brasilien gibt es mehr soziale Ungerechtigkeit, Gewalt breitet sich aus, und die Anzahl der Morde entspricht der der Toten im Irakkrieg. Und zahlreiche Arbeiter leben unter Bedingungen, die der Sklaverei gleichkommen.

Ein Großteil dieser Kriminellen gibt vor, Christen zu sein: Christen, die andere Christen quälen, die aus dem Christentum statt eines Glaubens eine kulturelle Einstellung machen, etwas Lächerliches und wahrhaft Gotteslästerliches.

Wie können wir dieser menschlichen Hölle entrinnen? Unsere Demokratie beruht nur auf Wahlen. Sie repräsentiert nicht das Volk, sondern die Interessen derer, die die politischen Kampagnen finanzieren. Daher ist unsere Demokratie bloße Fassade oder bestenfalls eine Demokratie auf sehr niedrigem Niveau. Von den Spitzengremien haben wir nichts zu erhoffen, denn unter uns hat sich ein weltumspannender wilder Kapitalismus ausgebreitet, der jegliche Kräftebündelung unter den Klassen zerstört.

Ich sehe einen möglichen Ausweg, der von einem anderen sozialen Ort kommt, und zwar von denen, die von unten kommen, von der organisierten Gesellschaft und den sozialen Bewegungen, die einen anderen Ethos besitzen und einen Traum für Brasilien und die Welt haben. Doch die Menschen müssen sich bilden und sich organisieren. Sie müssen Druck auf die beherrschenden Klassen und auf den patriarchalen Staat ausüben, und sie müssen darauf vorbereitet sein, ein alternatives Gesellschaftsmodell zu unterbreiten, das noch nicht ausprobiert wurde, doch dessen Wurzeln sich in der Vergangenheit befinden, als sie für ein anderes Brasilien kämpften, das seinen eigenen Weg geht. Von da aus müssen wir einen neuen Sozialpakt formulieren, durch eine ökologisch-soziale Konstitution, die das Ergebnis einer inklusiven konstitutionellen Versammlung ist, eine radikale politische Reform, eine konsistente agrarische und urbane Reform sowie die Schaffung eines neuen Bildungsmodells und eines sozialen Gesundheitsservice. Ein ungebildetes und krankes Volk wird niemals in der Lage sein, eine neue und lebbare Bio-Zivilisation in den Tropen zu gründen.

Dieser Traum kann uns herausreißen aus der sozialen Müdigkeit und Verdrossenheit und uns die nötige Energie zurückgeben, um den Verbänden der Konservativen entgegenzutreten und die gut begründete Hoffnung hervorzulocken, dass nicht alles völlig verloren ist, dass wir eine historische Aufgabe für uns selbst zu erfüllen haben, für unsere Nachkommen und für die ganze Menschheit. Ist dies eine Utopie? Ja, wie Oscar Wilde zu sagen pflegte: “Wenn Utopia nicht auf unserer Landkarte verzeichnet ist, sucht es nicht, denn es verbirgt vor uns, was am Wichtigsten ist.” Aus dem gegenwärtigen Chaos muss etwas Gutes und Hoffnungsvolles entstehen, denn dies ist die Lektion, die der kosmische Prozess uns in der Vergangenheit erteilte und uns noch heute erteilt. Anstatt sozialer Verdrossenheit und Müdigkeit werden wir eine Kultur der Hoffnung und der Freude haben.

Leonardo Boff
16.01.2016

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Frieden: ein rares, doch stets begehrtes Gut

Was wir am meisten zu Beginn eines neuen Jahres hören, sind Wünsche für Frieden und Glück. Wenn wir die derzeitige Weltsituation realistisch betrachten, einschließlich die der verschiedenen Länder und unseres Landes, stellen wir fest, dass es gerade Frieden ist, woran es uns am meisten mangelt. Doch Frieden ist so wertvoll, dass er immer begehrt wird. Wir müssen uns sehr bemühen (beinahe hätte ich gesagt, wir müssen kämpfen, um Frieden zu erringen, was aber widersprüchlich gewesen wäre), um einen minimalen Grad an Frieden zu erlangen, der das Leben erträglich macht: inneren Frieden, Familienfrieden, Frieden am Arbeitsplatz, Frieden im politischen Leben und unter den Völkern. Und wie sehr brauchen wir den Frieden! Abgesehen von den Terrorattacken gibt es weltweit 40 Kriegsorte oder zerstörerische Konflikte.

Die Gründe, warum Frieden zerstört und seine Erlangung so behindert wird, sind zahlreich und sogar mysteriös. Ich werde mich auf den Hauptgrund beschränken: die tiefe soziale Ungleichheit in der Welt. Thomas Piketty schrieb ein ganzes Buch über die Ökonomie der Ungleichheiten (La economia de las desigualdades, Anagrama, 2015). Die simple Tatsache, dass ca. 1 % der Weltbevölkerung aus Multimilliardären besteht, die über einen Großteil des Volkseinkommen bestimmen, und in Brasilien, laut Mario Pochman, einem Experten auf diesem Gebiet, beherrschen 5000 Familien 46 % des BSP, zeigt die Tragweite dieser Ungleichheit. Piketty erkennt, dass „die Frage der Ungleichheit in den Lohnvergütungen zum Hauptthema der heutigen Ungleichheit geworden ist, wenn nicht sogar der Ungleichheit aller Zeiten.“ – Sehr hohe Einkommen für einige Wenige und beschämende Armut für die große Mehrheit.

Vergessen wir nicht, dass die Ungleichheit eine analytisch-beschreibende Kategorie ist. Sie ist kalt, denn sie lässt uns nicht die Schreie der Leidenden hören, die sich dahinter verbergen. Und theoretisch ist sie eine soziale und strukturelle Sünde am Plan des Schöpfers, der alle Menschen nach Seinem Bilde und Ihm ähnlich schuf, mit derselben Würde und denselben Rechten an den Lebensgütern. Diese ursprüngliche Gerechtigkeit (der Sozial- und Schöpfungspakt) wurde in der Menschheitsgeschichte immer wieder gebrochen, und wir haben es mit dem Erbe einer grausamen Ungerechtigkeit zu tun, denn davon sind alle betroffen, die sich nicht selbst verteidigen können.

Einer der kraftvollsten Absätze in der Enzyklika von Papst Franziskus über die Sorge für das Gemeinsame Haus beschäftigt sich mit der „globalen Ungleichheit“ (Nr. 48-52). Dieser Text verdient es, hier zitiert zu werden:

Die Ausgeschlossenen stellen die Mehrheit auf diesem Planeten dar, Milliarden von Menschen. Sie sind zwar in den internationalen politischen und wirtschaftlichen Diskussionen präsent, doch oftmals scheint es, als sei dieses Thema nur aus Pflichtbewusstsein oder am Rande angesprochen, wenn nicht sogar diese Menschen als ein schierer Kollateralschaden angesehen werden. Tatsächlich kommen sie, wenn es um konkretes Handeln geht, erst ganz am Ende vor, … bei den Diskussionen über die Umwelt sollte es auch um Gerechtigkeit gehen, damit auch die Schreie der Erde und der Armen gehört werden.“ (Nr. 49).

Hierin liegt der Hauptgrund für die Zerstörung der Friedensbedingungen unter den Menschen oder mit Mutter Erde: Wir behandeln unsere Mitmenschen ungerecht; wir kultivieren keinen Gleichheitssinn und keine Solidarität mit denjenigen, die über weniger verfügen als wir und die alle Arten von Entbehrungen erleiden und so zu frühzeitigem Tod verurteilt sind. Die Enzyklika trifft den Hauptnerv, wenn sie sagt: „Wir müssen unser Bewusstsein stärken, dass wir eine einzige Menschheitsfamilie sind. Weder Grenzen noch politische oder soziale Schwellen erlauben uns, uns zu isolieren, und daher gibt es auch keinen Platz für die Globalisierung der Gleichgültigkeit“ (Nr. 52).

Gleichgültigkeit ist Abwesenheit von Liebe, Ausdruck von Zynismus und Mangel an Intelligenz des Herzens und der Sensibilität. Diesen letzten Punkt spreche ich immer in meinen Überlegungen an, denn ohne Intelligenz des Herzens und der Sensibilität reichen wir unsere Hand nicht dem anderen, um für die Erde zu sorgen, welche auch ein Opfer von großer ökologischer Ungerechtigkeit ist: Wir führen einen solchen Krieg an allen Fronten gegen die Erde, sodass sie in einen Chaos-Prozess eingetreten ist mit globaler Erwärmung und den extremen Auswirkungen, die diese erzeugt.

Kurz gesagt: Entweder werden wir auf persönlicher, sozialer und ökologischer Ebene gerecht, oder wir werden uns niemals eines wirklichen Friedens erfreuen können.

Nach meinem Verständnis kommt die beste Definition für Frieden von der Erd-Charta, die sagt: „Frieden ist die Fülle, welche resultiert aus einem korrekten Verhältnis mit sich selbst, mit anderen Personen, anderen Kulturen, anderen Lebensformen, mit der Erde und mit dem Ganzen, dessen Teil wir sind“ (Nr. 16f). Hier wird klar, dass Frieden nicht etwas ist, das aus sich selbst heraus besteht. Frieden ist das Ergebnis von echten Beziehungen mit den anderen Realitäten, die uns umgeben. Ohne solche korrekte Verhältnisse (d. h. Gerechtigkeit) werden wir uns niemals des Friedens erfreuen können.

Für mich ist es offensichtlich, dass es keinen Frieden geben kann im gegenwärtigen Kontext einer Gesellschaft, die von Produktion und Konsum geprägt ist, von Wettbewerb und nicht von Kooperation, die gleichgültig und egoistisch ist und dies weltweit globalisiert. Bestenfalls erlangen wir seichte Befriedung. Auf politischer Ebene müssen wir eine andere Gesellschaftsform gründen, die auf gerechten Verhältnissen unter allen basiert, mit der Natur, mit Mutter Erde und mit dem Ganzen (dem Mysterium der Welt), zu dem wir gehören. Dann wird der Frieden, der ethisch traditionell als „das Werk der Gerechtigkeit“ (opus justiciae, pax) bezeichnet wird, aufblühen.

Leonardo Boff

12.01.2016

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Das Unheilsjahr 2015 zerstört nicht die Hoffnung

Das kürzlich beendete Jahr 2015 verdient die lateinische Bezeichnung: annus nefastus. (Unheilsjahr). Andere nennen es annus horribilis (Schreckensjahr). Es gab so viele Katastrophen, dass es nicht nur beängstigend, sondern besorgniserregend ist. Die größte Sorge gilt dem Erdüberlastungstag, den wir am 13. September erreichten. Dies bedeutet, dass an diesem Tag die Kapazität der Erde überschritten wurde, die für das Fortbestehen des Lebens- und des Erdsystems notwendigen Mittel bereitzustellen. Die Erde verlor ihre Biokapazität. Sie ist die Grundlage für all unsere Projekte. Da die Erde ein Super-Wesen darstellt, bestehen die Signale, die sie uns sendet, da sie ihr Limit erreicht hat, aus Dürren, Fluten, Taifune und weltweit wachsender Gewalt. Wie Papst Franziskus in seiner Enzyklika mehrfach wiederholt, sind wir alle miteinander verbunden. In diesem Kontext ist der Konsens, auf den man sich am 12. Dezember in Paris auf der Klimakonferenz geeinigt hat, eine Illusion: Die globale Erwärmung sollte 2° C nicht übersteigen und zur Mitte des Jahrhunderts bei 1,5°C liegen. Dies setzt einen Wandel unseres Zivilisationsparadigmas voraus, dass wir nicht mehr auf fossile Brennstoffe angewiesen sein werden, obwohl es klar ist, dass alle alternativen Energien zusammen nicht einmal 30 % dessen abdecken können, was wir brauchen. Die großen Öl-, Gas- und Kohleversorger können diesen Richtungswechsel weder vollziehen noch wollen sie ihn. Die Idee ist eine rhetorische. Das dritte entsetzliche Ereignis ist der gewalttätige Terrorismus in Europa und in Afrika, die Tausende von Flüchtlingen und die Kriege der Militärmächte, die sie gegen den Islamischen Staat und andere bewaffnete Gruppen Syriens führen. Verlässliche Quellen sprechen von Tausenden unschuldiger ziviler Opfer. Ein weiterer schrecklicher Fakt ist die Verwandlung der USA in einen terroristischen Staat. Mit ihren 800 Militärbasen rund um den Globus intervenieren sie direkt oder indirekt, wo immer sie den Eindruck haben, dass ihre imperialen Interessen beeinträchtig werden. In der Innenpolitik haben die USA den „Patriotic Act“, der grundlegende Rechte außer Kraft setzt, nicht abgeschafft. Es ist nicht verwunderlich, dass im Jahr 2015 die US-amerikanische Polizei fast 1000 unbewaffnete Personen tötete, von denen 60 % Schwarze oder Latinos waren.

Eine weitere grausame Tatsache besteht in der Korruption bei PETROBRAS, dem größten brasilianischen Unternehmen, worin Millionen und Abermillionen Dollar involviert sind. Parallel dazu entstand unter uns eine Welle an Hass, Wut und Vorurteilen nach den Präsidentschaftswahlen von 2014. Dies war nicht erstaunlich, denn Brasilien ist ein Land voller Kontraste, wie Roger Bastide es in seinem „Brasilien, Land der Kontraste“ („Brésil, terre des contrastes“, Hachette 1957) ausdrückte. Und bereits vor Bastide schrieb Gilberto Freyre, der größte Spezialist für die Sozialgeschichte Brasiliens: „Insgesamt gesehen war die Bildung Brasiliens ein Prozess des Ausbalancierens unter Antagonisten“.

Dieser Antagonismus, der gewöhnlich durch den „herzlichen Menschen“ unter einer ideologischen Decke gehalten wird, kam ans Tageslicht und ist nun, vor allem in den sozialen Medien, klar erkennbar. Der „herzliche Mensch“, den Sergio Buarque de Holanda, Autor von „Die Wurzeln Brasiliens“ (Raízes do Brasil, 21. Auflage, 1989, S. 100-112), vom Schriftsteller Ribeiro Couto entlehnte, wird im Allgemeinen missverstanden. Hier geht es nicht um Anstand und Höflichkeit. Es geht um unsere Aversion gegen soziale Riten und Formalismen. Wir bevorzugen Informelles und Abgeschlossenheit.

Es ist typisch brasilianisch, dass wir uns mehr von unserem Herzen als von unserem Verstand leiten lassen. Nun, Freundlichkeit und Gastfreundschaft kommen ja vom Herzen. Doch kann, wie Buarque de Holanda es ausdrückt, „Feindschaft so herzlich sein wie Freundlichkeit, denn beides entsteht im Herzen“ (Anm. 157 der S. 106 und 107).

Dieses schwache Gleichgewicht ging 2015 verloren, und die negative Herzlichkeit trat als Hass in Erscheinung, als Vorurteil und Wut gegen die Anhänger der Arbeiterpartei, PT, gegen die Bewohner aus dem Norden und gegen die Schwarzen. Nicht einmal verfassungsgemäß respektable Personen wie die Präsidentin Dilma Rousseff blieben davon verschont. Das Internet hat alle Höllenpforten geöffnet für Beleidigungen, Schimpfwörter, direkte zwischenmenschliche Affronts der einen gegen die anderen.

Solche Ausdruckweisen bringen nur unsere Rückwärtsgewandtheit zutage, unseren Mangel an demokratischer Kultur, unsere Intoleranz und Klassenkampf. Es lässt sich nicht leugnen, dass es in einigen Bereichen tiefe Ressentiments gegenüber Reichen gibt und gegenüber denjenigen, die dank der (nicht sonderlich befreienden) Sozialpolitik der PT-Regierung den Aufstieg schafften. Die brasilianischen Antagonismen stellten sich klar als nicht miteinander vereinbar dar, und nun kommt es zu offenen Kampf-Austragungen gegeneinander (seien es Klassen-, Interessen- oder Machtkämpfe). Doch es geht ein sozialer Riss durch Brasilien, und es wird uns einiges kosten, ihn zu flicken. Nach meinem Verständnis kann dies nur durch eine partizipatorische Demokratie gelingen, jenseits der aktuellen Farce, die die Interessen der reichen Klasse über die des Volkes als Ganzes stellt.

Wirklich wertvoll ist unser unglaublicher Hoffnungsreichtum, der das Unheilsjahr überwindet und zu einem Gnadenjahr führt. Überall gibt es so viele guten Erfahrungen, die hier nicht alle aufgezählt werden können, und die die Hoffnung auf ein Gnadenjahr rechtfertigen. Möge Gott uns erhören!

Leonardo Boff
01.01.2016

 

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Die Erde wird den Kapitalismus besiegen

Es ist eine unbestreitbare und traurige Tatsache: Der Kapitalismus als Produktionsweise mit seiner politischen Ideologie, dem Neoliberalismus, hat sich so tief global verankert, dass eine wahre Alternative unmöglich erscheint. Er hat in der Tat jeden Platz besetzt und fast jedes Land zu seinem globalen Interesse auf seine Linie gebracht. Da die Gesellschaft so werbegeprägt ist und aus allem, selbst aus so heiligen Dingen wie menschliche Organe, Wasser und die Bestäubungsfähigkeit von Blumen, Mittel zur Gewinnmaximierung gemacht hat, sehen die meisten Staaten sich dazu gezwungen, in der weltweiten Makro-Ökonomie mitzumachen, und sind weniger dazu geneigt, dem Gemeinwohl ihres Volkes zu dienen.

Demokratischer Sozialismus in seiner fortgeschrittenen Version des Öko-Sozialismus ist eine wichtige theoretische Option, doch global hat er keine ausreichende Fundierung, um umgesetzt zu werden. Rosa Luxemburgs These, die sie in ihrem Buch „Reform oder Revolution“ vertritt, nämlich, dass „die Theorie des Zusammenbruchs des Kapitalismus der Kernpunkt des wissenschaftlichen Sozialismus‘“ sei, hat sich nicht bewahrheitet. Und der Sozialismus ist zusammengebrochen.

Die Heftigkeit kapitalistischer Akkumulation hat den höchsten Stand seiner Geschichte erreicht. Ca. 1 % der reichen Weltbevölkerung verfügt über fast 90 % des Weltreichtums. Gemäß den Zahlen der angesehenen Nichtregierungsorganisation Oxfam Intermon von 2014 verfügten 85 Mitglieder der Superreichen über genauso viel Geld wie die 3,5 Billionen Ärmsten der Weltbevölkerung. Dieser Grad an Irrationalität und Unmenschlichkeit spricht für sich selbst. Wir leben in sprichwörtlich barbarischen Zeiten.

Bisher traten die üblichen Systemkrisen in den Ökonomien der Peripherie auf, doch seit der Krise von 2007/2008 explodierte es geradezu im Herzen der größten Ökonomien, in den USA und in Europa. Alles scheint darauf hinzuweisen, dass dies keine gewöhnliche Krise ist, die wie üblich gelöst werden kann, sondern dass es sich diesmal um eine systemische Krise handelt, die die Fähigkeit des Kapitalismus, sich selbst zu reproduzieren, zerstört. Die Lösungsansätze der Staaten, die im globalen Prozess die Vorherrschaft innehaben, sind immer die gleichen: noch mehr vom selben. D. h. Fortsetzung der grenzenlosen Ausbeutung der Naturgüter, gelenkt von einer klar materiellen (und materialistischen) Maßnahme, wie dem Bruttosozialprodukt (BSP). Und wehe den Staaten, deren BSP sinkt!

Dieses Wachstum verschlechtert den Zustand der Erde immer mehr. Der Preis für die Reproduktion des Systems ist das, was die Unternehmenssprecher als „externen Effekt“ bezeichnen (das, was nicht in die Betriebsbuchführung einfließt). Davon gibt es vor allem zwei Aspekte: eine sich verschlimmernde soziale Ungerechtigkeit mit hoher Arbeitslosigkeit und wachsender Ungleichheit und eine bedrohliche ökologische Ungerechtigkeit mit einer Verschlechterung des ganzen Ökosystems, dem Niedergang der Artenvielfalt (Auslöschung von 30 000 – 100 000 Spezies pro Jahr, gemäß den Zahlen des Biologen E. Wilson), die wachsende globale Erwärmung, die Knappheit an Trinkwasser und allgemein die Nicht-Nachhaltigkeit des Lebenssystems und des Erdsystems.

Diese beiden Aspekte zwingen das kapitalistische System in die Knie. Würde es weltweit den Lebensstandard bieten wollen, den wir in den reichen Ländern vorfinden, bräuchten wir mindestens drei Exemplare unserer jetzigen Erde, was natürlich unmöglich ist. Der Grad an Ausbeutung der „Güte der Natur“, wie die Andenvölker die Naturgüter bezeichnen, ist dermaßen, dass wir im letzten September bereits den Erdüberlastungstag erreichten. Mit anderen Worten: der Tag, an dem die Erde nicht mehr in der Lage ist, von sich aus die Ansprüche der Menschen zu erfüllen. Sie braucht anderthalb Jahre, um all das, was innerhalb eines Jahres von ihr genommen wurde, zu reproduzieren. Sie ist in gefährlicher Weise nicht mehr nachhaltig. Entweder wir zügeln unsere Gier nach Anhäufung von Reichtümern, um der Erde eine Pause zu gönnen, damit sie sich wiederherstellen kann, oder wir müssen uns auf das Schlimmste gefasst machen.

Da es sich hier um ein lebendiges Super-Wesen (Gaia) mit endlichen, knappen Gütern handelt, die nun angeschlagen ist, aber noch immer die Elemente vereint, um physikalische, chemische und ökologische Grundlagen zur Reproduktion des Lebens zu gewährleisten, könnte dieser Prozess der exzessiven Verschlimmerung einen sozio-ökologischen Kollaps in dantesken Proportionen verursachen.

Die Konsequenz wäre, dass die Erde endgültig das kapitalistische System besiegt, das nun nicht mehr in der Lage wäre, sich selbst zu reproduzieren mit seiner materialistischen Kultur der Grenzenlosigkeit und der individualistischen Konsumhaltung. Wozu wir in der Geschichte durch alternative Prozesse (das war das Ziel des Sozialismus) nicht in der Lage waren, würde Natur und Erde dann gelingen. Die Erde würde sich tatsächlich selbst vom Krebsgeschwür befreien, das droht, innerhalb des ganzen Organismus von Gaia Metastasen zu bilden.

In der Zwischenzeit besteht unsere Aufgabe innerhalb des Systems darin, die Türen zu öffnen, all seine Widersprüche aufzudecken, um für die Grundlagen unserer Subsistenz zu sorgen: Ernährung, Arbeit, Behausung, Bildung, grundlegende Dienste und etwas Freizeit, vor allem für die einfachen Völker der Erde. Dies geschieht gerade in Brasilien und in vielen anderen Ländern. Vom Schlechten dürfen wir nur das notwendige Minimum nehmen, um für die Kontinuität des Lebens und der Zivilisation zu sorgen.

Darüber hinaus müssen wir beten und uns auf das Schlimmste gefasst machen.

Leonardo Boff
07.01.2016

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Weihnachten: Jedes Neugeborene ist ein Zeichen, dass Gott noch immer an den Menschen glaubt

Wir befinden uns in der Weihnachtszeit, doch die Stimmung ist nicht weihnachtlich, sondern entspricht eher einem Karfreitag. Es gibt so viele Krisen, Terrorangriffe, den Krieg, den die kriegerischen und militärischen Mächte (USA, Frankreich, England, Russland und Deutschland) gemeinsam gegen den IS führen, wodurch Syrien fast zerstört wird und Zivilisten und Kinder grausam getötet werden. Wie ihre eigene Presse zugibt, hat die brasilianische Politik die Umwelt durch Bitterkeit und Rachsucht kontaminiert, ganz zu schweigen vom astronomisch hohen Maß an Korruption. All dies lässt die Weihnachtslichter erlöschen und die Weihnachtsbäume in Finsternis versinken, die doch Freude und kindliche Unschuld ausstrahlen sollten, die es noch immer in allen Menschen gibt.

Wer den Kinofilm „Alle Kinder dieser Welt“, bestehend aus sieben verschiedenen Szenen, unter der Regie der bekannten Filmemacher wie Spike Lee, Katia Lund, John Woo u. a., gesehen hat, weiß, wie sehr das Leben der Kinder in vielen Teilen der Welt zerstört ist, die dazu verurteilt sind, von Müll und auf Müllkippen zu leben. Und doch gibt es auch bewegende Momente von Kameradschaft, kleinen Freuden in traurigen Augen und von geteilter Solidarität.

Und nicht zu vergessen, dass es Millionen solcher Kinder in unserer heutigen Welt gibt, und dass das Jesuskind selbst, den biblischen Schriften zufolge, in einem Stall geboren wurde, da es für Maria, die kurz vor der Niederkunft stand, in keiner Herberge Platz gab. Er, der Sohn Gottes, schloss sich dem Geschick aller Kinder an, die durch unseren Mangel an Mitgefühl misshandelt werden.

Jahre später sollte dieser Jesus, nun ein Erwachsener, sagen: „Wer diese meine Brüder und Schwestern bei sich aufnimmt, nimmt mich auf.“ Weihnachten findet statt, wenn eine solche Aufnahme geschieht, so wie die, die Pater Lancelotti in São Paulo für hunderte Straßenkinder unter einem Viadukt organisierte und die jahrelang auf die Präsenz von Präsident Lula zählen konnte.

Inmitten dieser Unheilswelle in der Welt und in Brasilien kommt mir ein Holzbrett in den Sinn, das mir ein Kranker in einem psychiatrischen Krankenhaus schenkte, das ich besuchte, um das Personal zu ermutigen. In das Brett war folgende Inschrift gebrannt: „Jedes Neugeborene ist ein Zeichen, dass Gott noch immer an den Menschen glaubt.“

Kann es einen größeren Beweis für den Glauben und die Hoffnung geben als dies? In manchen afrikanischen Kulturen heißt es, dass Gott vor allem in denjenigen präsent ist, die wir als „verrückt“ bezeichnen. Aus diesem Grund werden sie von jedem aufgenommen und umsorgt, als wären sie ihre Brüder und Schwestern. Auf diese Weise werden sie in der Gesellschaft integriert und leben in Frieden. Unsere Kultur isoliert sie und weigert sich, sie anzuerkennen.

Das diesjährige Weihnachten führt uns zu dieser gekränkten Menschheit und zu all den unsichtbaren Kindern, die ebenso leiden wie das Jesuskind, das gewiss im Winter im ländlichen Bethlehem vor Kälte in der Krippe bibberte. Einer alten Legende zufolge wurde das Jesuskind durch den Atem zweier alter Pferde gewärmt, denen dafür ihre ganze Lebenskraft zurückgegeben wurde.

Es ist gut, sich an die religiöse Bedeutung Weihnachtens zu erinnern: Gott ist weder ein alter bärtiger Mann mit durchdringendem Blick, noch ein strenger Richter, der über all unsere Taten richtet. Gott ist ein Kind. Und als Kind richtet Gott niemanden. Ein Kind möchte nur leben und geliebt werden. Aus der Krippe ertönt es: „Oh, Mensch, habe keine Angst vor Gott! Siehst du denn nicht, dass Seine Mutter Seine Ärmchen eingewickelt hat? Er bedroht niemanden. Noch mehr als zu helfen benötigt er selbst der Hilfe und auf den Armen getragen zu werden.

Keiner verstand besser die menschliche Bedeutung und die Wahrheit des Jesuskindes als Fernando Pessoa:

Er ist das Ewige Kind, der Gott, der uns fehlte. Er ist so menschlich, dass Er natürlich ist. Er ist der Göttliche, der lächelt und spielt. Deshalb weiß ich mit Gewissheit, dass Er das wahre Jesuskind ist. Er ist ein so menschliches Kind, dass Er göttlich ist. Wir beide kommen so gut miteinander aus und mit allen anderen, dass wir einander ohne Worte verstehen.

Wenn ich sterbe, geliebtes Kind, lass mich das Kind sein, das kleinste. Nimm mich in deine Arme und trage mich heim. Entblöße mein müdes und menschliches Wesen. Bringe mich zu Bett, erzähle mir Geschichten, sodass ich wieder einschlafe, falls ich einmal aufwache. Und gib mir deine Träume zum Spielen bis der Tag anbricht, jener, den nur du kennst.

Können wir angesichts solcher Schönheit unsere Gefühle unterdrücken? Dies ist der Grund, weshalb wir trotz all des Elends immer noch Weihnachten feiern können.

Ich schließe mit einer weiteren Botschaft, deren Bedeutung ich mag: „Jedes Kind möchte ein Mann werden. Jeder Mann möchte ein König werden. Jeder König möchte „Gott“ sein. Nur Gott möchte ein Kind sein.

Lasst uns einander umarmen, als umarmten wir das Göttliche Kind, das sich in uns verbirgt und das uns nie verließ. Und möge Weihnachten noch immer ein wirklich fröhliches Fest sein.

Leonardo Boff
25.12.2015

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Der Westen hat sich für die schlechteste Antwort entschieden: Krieg

Die Terroranschläge in Paris vom 13. November, verübt durch islamistische Terroristen, waren zweifellos abscheulich und sind voll und ganz zu verurteilen. Solch schändliche Taten fallen jedoch nicht vom Himmel. Sie haben eine Vorgeschichte, gezeichnet von Wut, Demütigung und Rachsucht.

Wissenschaftliche Studien aus den USA haben gezeigt, dass die kontinuierlichen militärischen Interventionen des Westens, seine Geopolitik hinsichtlich des Mittleren Ostens und zur Gewährleistung der Versorgung mit Öl – dem Blut des Weltsystems, das im Mittleren Osten reichlich fließt – des Weiteren verschlimmert durch die bedingungslose Unterstützung des Staates Israel durch die USA mit dessen notorisch brutaler Gewalt gegen das palästinensische Volk, die Hauptgründe für den islamistischen Terrorismus gegen den Westen und gegen die USA darstellen (siehe die ausführliche Literatur von Robert Barrowes: Terrorism: Ultimate Weapon of the Global Elite, auf seiner Website: http://www.WaisaCrime.org ).

Beginnend mit George W. Bush, energisch übernommen von François Hollande und seinen europäischen Verbündeten einschließlich Russland und den USA, bestand die Antwort des Westens im unerbittlichen Krieg gegen den Terrorismus, sei es innerhalb Europas oder außerhalb gegen den Islamischen Staat in Syrien und im Irak. Doch dies ist der schlechteste Weg, wie Edgar Morin bemerkte, denn Krieg lässt sich weder durch einen anderen Krieg bekämpfen noch durch Fundamentalismus (den kulturellen Fundamentalismus des Westens, der sich für den weltweit besten hält und sich berechtigt fühlt, diesen allen anderen überzustülpen). Krieg als Antwort, und höchstwahrscheinlich ein nicht enden wollender aufgrund der Schwierigkeit im Bekämpfen von Fundamentalismus oder denjenigen, die ihre eigene Körper in hochexplosiven Bomben verwandeln, basiert immer noch auf dem alten Paradigma der Vor-Globalisierungszeit, ein Paradigma, gehegt von Nationalstaaten, ohne sich dessen bewusst zu werden, dass die Geschichte einen anderen Weg eingeschlagen hat und dass die menschliche Spezies und das Leben auf dem Planeten Erde heute ein gemeinsames Schicksal teilen. Der Weg des Krieges hat niemals Frieden gebracht, bestenfalls manche Befriedung, eine makabre Last von Wut und Rachsucht auf der Seite der Besiegten hinter sich lassend, die, was wir uns ehrlicherweise eingestehen müssen, niemals wirklich besiegt sein werden.

Das alte Paradigma antwortete auf Krieg mit Krieg. Das neue Paradigma der globalen Phase der Erde und der Menschheit antwortet mit einem Paradigma von Verständnis, Gastfreundschaft aller für alle, Dialog ohne Schranken, gegenseitigen Austausch ohne Grenzen, Win-Win-Situation und Bündnissen aller. Indem Krieg immer destruktiver wird, könnten wir unserer Spezies ein Ende bereiten oder unser Gemeinsames Haus unbewohnbar machen.

Wer kann garantieren, dass die heutigen Terroristen keine ausgeklügelte Technologie verwenden und beginnen, chemische und biologische Waffen zu verwenden, die beispielsweise in die Wasserversorgung einer Großstadt eingeleitet würden und zu noch nie dagewesenen Menschenverlusten führen könnten? Es ist uns bekannt, dass sie sich bereits darauf vorbereiten, Cyber Angriffe sowie Angriffe auf Computersysteme in Gange zu bringen, welche sich schädlich auf die komplette Energieversorgung einer Großstadt auswirken könnten, u. a. auf Krankenhäuser, Schulen, Flughäfen und öffentliche Einrichtungen. Die Option Krieg könnte zu diesen Extremen führen, die alle im Bereich des Möglichen liegen.

Wir müssen die Warnungen der Weisen ernst nehmen, wie die von Eric Hobswbam, die sich am Ende seines bekannten Buchs, „The era of extremes: the brief XX Century“ (1995, S. 562) befindet: „Die Welt läuft Gefahr von Explosion und Implosion; die Welt muss sich ändern … die Alternative zur Veränderung heißt Dunkelheit“. Oder die Warnung des hervorragenden Historikers Arnold Toynbee, der in seinem autobiografischen Essay „Experiences“ (1969, S. 422) schrieb, welches er verfasste, nachdem er zehn Bänder über die großen historischen Zivilisationen abgeschlossen hatte: „Ich lebte, um zu sehen, dass das Ende der Geschichte der Menschheit zu einer Möglichkeit innerhalb der Geschichte werden könnte, realisierbar nicht als ein Akt Gottes, sondern als ein Akt des Menschen selbst.“

Der Westen entschied sich für einen Krieg bis zum Schluss. Doch der Westen wird niemals wieder Frieden haben, er wird ein Leben in Angst führen und in Geiselhaft potentieller Angriffe sein, die die Rache der Islamisten sind. Wir wollen hoffen, dass die Szene, die Jacques Attali in „Eine kleine Geschichte der Zukunft“ (2008) beschreibt, nicht zur Realität wird: regionale, immer destruktiver werdende Kriege bis hin zur Bedrohung der menschlichen Spezies. Und die Menschheit wird, um überleben zu können, eine globale Regierung mit einer interplanetarischen Demokratie in Betracht ziehen müssen.

Wichtig ist, unserer Meinung nach, die Existenz eines Islamischen Staats als gegeben hinzunehmen und dann eine pluralistische Koalition der Nationen, diplomatische Mittel und Frieden zu schaffen, um die Bedingungen für einen Dialog herzustellen, um das gemeinsame Geschick der Erde und der Menschheit anzugehen.

Ich fürchte, dass die typische Arroganz des Westens mit seiner imperialistischen Vision, sich in allem für den Besten zu halten, diesen friedfertigen Weg nicht gutheißen wird, sondern den Krieg bevorzugt. In diesem Fall wird die prophetische Aussage von Martin Heidegger, die erst nach seinem Tode entdeckt wurde, bedeutungsvoll werden: „Nur ein Gott kann uns retten.

Wir sollten jedoch nicht naiv auf göttliche Intervention warten, denn für unser Geschick sind wir selbst verantwortlich. Wir werden sein, wofür wir uns entscheiden: entweder eine Spezies, die sich für Selbstzerstörung entschied und über allem an ihrem absurden Willen zur Macht festhielt, oder dass wir, im besseren Fall, die Grundlage für „einen ewigen Frieden“ (Kant) legen, der uns ermöglicht, sowohl verschieden als auch vereint in unserem Gemeinsamen Haus zu leben.

Leonardo Boff
20.12.2015

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