Die Krise Brasiliens und die Weltgeopolitik

Es wäre ein Fehler zu denken, die aktuelle Krise Brasiliens ginge nur Brasilien an. Diese Krise fügt sich in das Gleichgewicht der Weltmächte, das den sogenannten neuen Kalten Krieg ausmacht und vor allem aus den Vereinigten Staaten und China besteht. Die Spionage der USA, wie von Snowden ans Licht der Öffentlichkeit gebracht, erreichte die Petrobras und die Reserven von Pré-Sal und hat auch Präsidentin Dilma Roussef nicht ausgelassen. Dies ist Teil der Strategie des Pentagon, um alle Gebiete unter dem Slogan „Eine Welt, ein Reich“ zu vereinen. Im Folgenden einige Punkte, die uns zum Nachdenken bringen:

Betrachtet man den allgemeinen Kontext, fällt ein weltweiter Anstieg der Rechten auf, beginnend bei den Vereinigten Staaten und Europa. In Lateinamerika schließt sich ein Kreis fortschrittlicher Regierungen, die das Lebensniveau der Ärmsten verbesserten und die Demokratie konsolidierten. Sie sind nun einer rechten Welle ausgesetzt, die bereits in Argentinien triumphierte und Druck auf alle südamerikanischen Staaten ausübt. Sie sprechen, so wie hier (in Brasilien, A.d.Ü.) von Demokratie, doch in Wirklichkeit wollen sie diese zur Bedeutungslosigkeit reduzieren, um den Markt und die Internationalisierung der Wirtschaft regieren zu lassen.

Brasilien ist die wesentliche Zielscheibe, und das Impeachement von Präsidentin Dilma Roussef ist nur eine Etappe in einer globalen Strategie insbesondere der großen Firmen und des Finanzsystems, welche von den Zentralregierungen hervorgebracht wurde. Die großen nationalen Firmen wollen zum Profitniveau der neoliberalen Zeit vor Lula zurückkehren. Die Opposition Dilma Roussefs und diejenigen, welche sie absetzen wollen, sind eindeutig auf der Seite der Arbeitgeber zu finden. Die Fiesp (Föderation der Industrien von São Paulo) mit Paulo Skaf, die Fijan (Föderation der Industrien von Rio de Janeiro), die Föderation des Handels von São Paulo, die Brasilianische Vereinigung der Elektroindustrie und der Haushaltsgeräte (Abinee), kommerzielle Organisationen der Staaten von Paraná, von l’Espírito Santo, von Parà und zahlreicher Netzwerke von Unternehmen befinden sich bereits offen in der Kampagne für die Amtsenthebung und für das Ende der Sozialdemokratie, die in den Regierungszeiten Lula-Dilma eingeführt worden war.

Die Strategie, getestet und angewandt gegen den „arabischen Frühling“ im Mittleren Osten und nun in Brasilien und in Lateinamerika im allgemeinen, besteht darin, die fortschrittlichen Regierungen zu destabilisieren, um sie auf die globalen Strategien auszurichten, indem man sie zu Partnern macht. Es ist symptomatisch, dass im März 2014 Emy Shayo, Analyst bei JB Morgan, zu einem Runden Tisch mit den brasilianischen Werbefachleuten, die der liberalen Makro-Ökonomie verbunden sind, zum Thema aufrief: „Wie destabilisieren wir die Regierung Dilma“. Arminio Fraga, möglicher Finanzminister in einer etwaigen Nach-Dilma-Regierung, stammt aus dem Haus JB Morgan (s. Blog Juarez Guimarães, „Warum wollen die Arbeitgeber den Staatsstreich?“).

Noam Chomsky, Moniz Bandeira u. a. warnten, dass die USA keine Macht wie die Brasiliens im südlichen Atlantik tolerieren würden, die die Autonomie anstrebt und sich mit BRICS verbündet. Die große Sorge der US-amerikanischen Außenpolitik besteht im aktuellen Wachstum Chinas, ihres Hauptkonkurrenten, verschiedener Ländern Lateinamerikas und insbesondere Brasiliens. Der Gegenmacht die Stirn zu bieten, die aus den BRICS-Staaten besteht, bedeutet Brasilien anzugreifen und zu schwächen, einem der Mitglieder von einzigartigem ökologischem Reichtum.

Diese Fakten besser zu verstehen helfen kann unser bester Analyst der internationalen Politik, Luiz Alberto Moniz Baneira, Autor von „Der zweite Kalte Krieg – Geopolitik und strategische Dimension der USA“ (Civilização Brasileira 2013) und „Internationales Durcheinander“ (vom selben Herausgeber). Er zeigt die Details der Art und Weise auf, wie die USA agieren: „Und nicht nur die CIA … insbesondere die NGO, die durch öffentliche und halb-öffentliche Gelder wie von USAID (Nationale Stiftung für Demokratie) finanziert werden, die Journalisten kaufen und Mitglieder ausbilden. Die „Neue Karte des Pentagon für Krieg & Frieden“ definiert die Formen der ökonomischen und sozialen Destabilisierungen durch die Medien, die Zeitungen, die sozialen Netzwerke, die Unternehmen und die Unterwanderung durch Gesinnungsgenossen. Moniz Bandeira sagt dazu: „Ich zweifle nicht daran, dass die Zeitungen in Brasilien finanziell unterstützt werden … dass Journalisten auf der Gehaltsliste der o. a. Organismen stehen und dass zahlreiche Polizisten und Polizeikommissare Geld direkt von der CIA auf ihre Konten überwiesen bekommen“  (s. Online-Journal GGN Luis Nassif vom 09.03.2016). Wir könnten uns ohne Weiteres die Liste dieser Zeitungen und gewisser Journalisten vorstellen, die völlig auf einer Linie mit der destabilisierenden Ideologie ihrer Vorgesetzten liegen.

Es ist vor allem der Pré-Sal, das weltweit zweitgrößte Gas- und Erdölvorkommen, der sich im Visier der weltweiten Interessen befindet. Adalberto Cardoso, Soziologe an der UERJ (Universität des Staats von Rio de Janeiro), sagt ausdrücklich in einer Diskussion an der Folha von  São Paulo (26.04.2015): „Es wäre naiv sich vorzustellen, dass es von Seiten der Amerikaner, der Russen, der Venezolaner und der Araber keiner internationalen und geopolitischen Interessen bestünden. Es wird bei der Petrobas nur dann zu Veränderungen kommen, wenn im Fall einer Neuwahl die PSDB gewinnt. In diesem Fall würde sie dem Förderungs-Monopol ein Ende setzen und die Regeln verändern. An der Amtsenthebung interessiert sind die Kräfte, welche Veränderungen bei der Petrobas wünschen: die großen Erdöl-Gesellschaften, die internationalen Akteure, die an einem Ausstieg der Petrobas aus der Erdöl-Förderung nur gewinnen würden. Ein Teil dieser Akteure ist für die Absetzung Dilmas. »

Es handelt sich hierbei um keine Verschwörungstheorie, denn wir wissen, wie sich die USA während des Militärcoups 1964 verhielten, wie sie die sozialen und politischen Bewegungen unterwanderten. Dass die 4. Flotte der USA sich in der Nähe unserer Territorialgewässer befindet, ist nicht grundlos. Wir müssen uns unserer Wichtigkeit auf der Weltbühne bewusst sein, Widerstand leisten und danach streben, unsere Demokratie zu bestärken, die weniger die kommerziellen Interessen repräsentiert als die unerfüllten Ansprüche unseres Volkes für die Erschließung unseres eigenen Weges in die Zukunft.

Leonardo Boff
22.04.2016

 

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Was für ein Brasilien wollen wir: ein gerechtes oder nur ein reiches?

Die aufgeheizte Stimmung der politischen Parteien und der Gesellschaft erschweren es zu erkennen, worum es zurzeit wirklich geht: Was für ein Brasilien wollen wir? Ein gerechtes Land oder nur ein reiches Land? Logischerweise wäre es ideal, ein Land zu haben, auf das beides zutrifft. Doch wir müssen uns entscheiden zwischen den unterschiedlichen Wegen zu diesem Ziel. Einige behindern diesen Weg, andere machen ihn möglich.

Wenn wir ein gerechtes Land wollen, müssen wir für den Weg der republikanischen Demokratie stimmen, d. h. das Gemeinwohl über das individuelle Wohl stellen. Daraus ergibt sich, dass die Politik sich mehr um die Bedürftigen kümmert und somit unsere perverse soziale Ungleichheit reduziert. Mit anderen Worten: Es wird mehr soziale Gerechtigkeit geben, eine bessere Verteilung der zur Verfügung stehenden Güter und somit ein Rückgang der Gewalt. Dies ist, was die Lula-Dilma Regierung tat, als sie ca. 36 Millionen Menschen von Hunger und Elend befreite und andere soziale Programme durchführte.

Wollen wir ein reiches Land, so stimmen wir für die liberale Demokratie (die Spuren ihrer bürgerlichen Wurzel trägt) innerhalb des Rahmens von kapitalistischer oder neoliberaler Produktion. Neoliberalismus stellt das private Wohl über das Gemeinwohl. Zu diesem Zweck bevorzugt er Investitionen in große Projekte und Infrastrukturen, sodass die Industrie effizient ist und ihre Produkte die Konsumenten anzieht. Die Armen sind nicht vergessen, aber sie werden von der Politik nur schwach bedacht.

In seinem Buch „Kapitalismus im 21. Jahrhundert“ zeigt Thomas Piketty auf, dass der Kapitalismus das beste je erdachte Mittel zur Anhäufung von Reichtum ist. Doch er erkennt, dass dort, wohin Kapitalismus floriert, schon bald Ungleichheiten eingeführt werden, denn Kapitalismus ist geeignet für die private Anhäufung und nicht für die Verteilung des Reichtums. Noch besser entwickelt er das in seinem anderen Buch „Ökonomie der Ungleichheiten“ (L’économie des inégalités). Mit anderen Worten: Ungleichheit ist soziale Ungerechtigkeit, denn Reichtum wird angehäuft, indem Armut geschaffen wird. Kapitalismus erlegt Lohnkürzungen auf, ökonomische Anpassungen, die Sozial- und Arbeitspolitik unterminieren und den niedrigen Klassen den Aufstieg erschweren. Vorherrschend ist Wettbewerb, nicht Solidarität. Der Markt dirigiert die Politik, Gemeingüter werden privatisiert und der Staat darf nur minimal intervenieren, wobei seine vorrangigen Pflichten darin bestehen, für Sicherheit zu sorgen und die Grundversorgung zu garantieren.

Noch mehr: Das unkontrollierte Streben nach Reichtum durch einige Wenige beinhaltet die Ausbeutung der Naturgüter, die inzwischen fast erschöpft sind, sodass wir die physischen Grenzen der Erde erreicht haben. Ein beschränkter Planet kann kein unbegrenztes Wachstum des Reichtums ertragen. Wir brauchen fast anderthalb Erden, um menschliche Anforderungen zu erfüllen, was für die Erde unnachhaltig ist und sogar die bloße Reproduktion des kapitalistischen Systems unmöglich macht.

Eine kapitalistische Makrowirtschaft wird durch die primären Länder, besonders durch die Vereinigten Staaten, als eine Form der Kontrolle und der erzwungenen Anpassung an imperialistische Strategien für alle auferlegt. Doch wie Mark Thoma, der Makro-Wirtschaftswissenschaftler der Universität Oregon, Verteidiger des Kapitalismus, beobachtet, funktioniert der Kapitalismus nicht mehr gut, weil die gegenwärtige systemische Krise unlösbar scheint. Die kapitalistische Ordnung wird sicher ihrer Grenzen bewusst.

Wie ist der Zankapfel in der gegenwärtigen Politik Brasiliens? Die Opposition stimmte für eine neoliberale Makrowirtschaft. Oppositionsführer verkündigen öffentlich, dass Gehälter viel zu hoch sind, dass Petrobras, die Bank Brasiliens und der Postdienste privatisiert werden sollten. Wir kennen diese Formel bereits. Sie ist grausam gegen die Armen und schlecht für die Arbeiterklasse, denn sie bevorzugt die Anhäufung des Reichtums und folglich soziale Ungleichheit. Kapitalismus ist für die Kapitalisten gut, aber für die große Mehrheit der Bevölkerung schlecht. Reichtum kann auf Kosten der Armut und sozialen Ungerechtigkeit nicht geschaffen werden.

Ein geopolitisches Element muss auch hinzugefügt werden, das hier nicht ausführlich besprochen wird. Die Vereinigten Staaten dulden keine aufstrebende Macht wie Brasilien, das mit BRICS und China assoziiert ist, die immer mehr in Lateinamerika eindringen. Progressive und populäre Regierungen müssen destabilisiert werden, indem man ihre Politik verleumdet und ihre Anführer diffamiert.

Die Arbeiterpartei, PT, und die progressiven Gruppen und politischen Parteien wollen den Weg der republikanischen und partizipatorischen Demokratie. Sie streben danach, ihre sozialen Siege zu gewährleisten und auszubreiten. Es ist nicht gewiss, dass ein neoliberaler Sieg sie zurückhalten würde, weil dieser einer anderen Logik folgt, der Logik des Kapitalismus, d. h. der Maximierung von Gewinnen.

Die gegenwärtige Regierung sucht ihren eigenen Weg in der Volkswirtschaft und internationalen Politik mit dem Bewusstsein, dass die Weltwirtschaft bald eine in erster Linie ökologische Basis haben wird. Dann werden wir als eine Macht auftreten, die dazu fähig ist, den Tisch für die Hungernden und Dürstenden der ganzen Welt zu decken. Diese Tatsache sollte nicht vergessen werden. Aber die Hauptaufgabe wird sein, die schändliche soziale Ungleichheit, die Armut und das Elend durch die Sozialpolitik zu überwinden, indem Gesundheit und Ausbildung betont werden.

Die  Antriebskraft der ungestümen Opposition gegen die Regierung von Lula-Dilma ist der Wunsch, ihre republikanischen Projekte zu liquidieren, weil es für sie hart ist, die Überlegenheit der Armen und ihrer Teilnahme im sozialen Leben zu akzeptieren.

Aber das ist das Projekt, das auf den Kummer reagiert, der Celso Furtado überall in seinem ganzen Leben verfolgte: «Warum befindet sich Brasilien, das so reich ist und so viel Potential besitzt, weiterhin im Rückwärtsgang. Die von Lula-Dilma gegebene Antwort antwortet auf die Klage von Celso Furtado und ist nicht nur für die Armen gut, sondern für alle.

Diese Frage zu verstehen heißt, den zentralen Punkt der brasilianischen politischen Krise zu begreifen, die allen anderen Krisen zugrunde liegt.

 

Leonardo Boff
20.11.2015

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Eine Kultur, die das Herz in den Mittelpunkt stellt

Seit dem sogenannten Zeitalter der Aufklärung (1715 – 1789) hat unsere Kultur auf rigorose Weise das Verständnis von René Descartes (1596 – 1650) angewandt, demzufolge der Mensch „Herr und Meister“ der Natur ist und mit ihr nach eigenem Gutdünken verfahren kann. Descartes stellte die Vernunft und das wissenschaftliche Denken über alles: was vor diesen nicht bestehen kann, verliert seine Legitimität. Daraus folgte eine herbe Kritik an allen Traditionen, vor allem aber am traditionellen christlichen Glauben.

Dies verschloss auch dem Geist, der zu Wissen führt, ohne notwendigerweise über die rationalen Wege zu gehen, viele Türen. Bereits Blaise Pascal bemerkte diesen Reduktionismus in seinen „Gedanken“ über die „Logik des Herzens“ („Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt“) und im „Esprit de Finesse“, das sich selbst vom „Esprit der Geometrie“ distanzierte, d. h. von der berechnenden und analytisch-instrumentellen Vernunft.

Doch was sorgfältig an den Rand gedrängt und sogar diffamiert wurde, war das Herz, das Organ der Feinfühligkeit und des Universums der Emotionen, unter dem Vorwand, dass es aus wissenschaftlicher Sicht „klare und unverwechselbare Ideen“ (Descartes) verderben würde.

Daraus entstand herzloses Wissen, das dem Ziel der Moderne dient, welches darin bestand und noch heute besteht, das Wissen in Macht zu verwandeln, eine Macht als Mittel, um die Natur, Völker und Kulturen zu beherrschen. Dies war das Verständnis, das allem Kolonialismus, Sklaverei und schließlich der Zerstörung der Anderen, wie der reichen Kulturen der indigenen Völker Lateinamerikas, zugrunde lag (man denke an Bartolomé de las Casas und seinen Bericht von der Verwüstung der westindischen Länder).

Erstaunlicherweise zeigte jede moderne Erkenntnistheorie, die sich auf Quantenmechanik, neue Astronomie, phänomenologische Philosophie und analytische Psychologie beruft, dass jegliches Wissen bereits von den Gefühlen des Subjekts geprägt ist, und dass das Subjekt und Objekt unauflöslich miteinander verbunden sind, teilweise auch durch verborgene Interessen (J. Habermas).

Von diesen Beobachtungen ausgehend und mit der erbarmungslosen Erfahrung moderner Kriege dachte man daran, das Herz zu rehabilitieren. Schließlich ist das Herz der Sitz der Liebe, der Zuneigung, des Mitgefühls, des Respektgefühls, der Basis menschlicher Würde und unveräußerlicher Rechte. Michel Mafessoli aus Frankreich, David Goleman aus den USA, Adela Cortina aus Spanien, Muniz Sodre aus Brasilien und viele andere rings um den Globus haben hart daran gearbeitet, die emotionale Intelligenz bzw. die sensible Vernunft oder die Vernunft des Herzens zu retten. Ich persönlich glaube, dass wir uns angesichts der globalen Krisen unseres Lebensstils und unseres Verhältnisses zur Erde ohne Vernunft des Herzens keinen Schritt in Richtung Rettung der Vitalität von Mutter Erde bewegen und die Zukunft unserer Zivilisation nicht gewährleisten können.

Was uns neu und wie eine Eroberung erscheint – die Rechte des Herzens – war Dreh- und Angelpunkt der großen Kultur der Maya in Mittelamerika, insbesondere in Guatemala. Da die dortige Bevölkerung nicht die Beschneidung durch die moderne Vernunft erfuhr, hielt sie treu an ihren Traditionen fest, die sie von ihren Großmüttern und Großvätern über die Generationen hinweg empfing. Die wichtigsten Texte darüber, das Popol Vuh und das Buch von Chilam Balam von Chumayel bezeugen diese Weisheit.

Ich habe oftmals an Maya-Zelebrationen mit deren Priestern und Priesterinnen teilgenommen. Diese finden immer um ein Feuer herum statt. Sie beginnen mit der Anrufung des Herzens der Winde, der Berge, des Wassers, der Bäume und des Herzens der Vorfahren. Diese Rufe geschehen unter einem lokal parfümierten Weihrauch, der viel Dampf entstehen lässt.

Als ich ihren Reden über die Energien der Natur und des Universums zuhörte, schien mir, dass, abgesehen von der unterschiedlichen Sprache, ihre Weltsicht sehr der Sicht der Quantenphysik ähnelt. Für sie ist alles Energie und Bewegung, zwischen Herausbildung und Zerfall (wir würden sagen: die Dialektik von Chaos und Kosmos), was dem Universum Dynamik verleiht. Sie waren bedeutende Mathematiker und erfanden die Zahl Null. Ihre Berechnungen der Sterne ähneln in vielerlei Hinsicht dem, was wir mit modernen Teleskopen herausfanden.

Sie bringen so schön zum Ausdruck, dass alles Existierende aus der liebenden Begegnung zweier Herzen entstand, dem Herz des Himmels und dem der Erde. Die Erde ist die Pacha Mama, ein lebendiges Wesen, das fühlt, intuitiv erfassen kann, vibriert und das die Menschen inspiriert. Menschen sind die „illustren Söhne und Töchter, die Sucher und Forscher über die Existenz“; dies erinnert uns an Martin Heidegger.

Das Wesen des Menschen ist das Herz, um das man sich kümmern muss, sodass es freundlich, verständnisvoll und liebend sein kann. Alle lebenslange Ausbildung besteht darin, die Dimension des Herzens zu kultivieren. Die La Salle Brüder leiten in der Hauptstadt von Guatemala eine große Hochschule – Prodessa -, wo junge Maya in einem zweisprachigen Internat leben können. Dort wird die Weltsicht der Maya aufgegriffen und systematisiert, und gleichzeitig wird das Wissen der Vorfahren integriert und verbunden mit der Moderne, vor allem in Verbindung mit der Landwirtschaft und einem respektvollen Verhältnis zur Natur.

Ich freue mich, mit einem Text zu schließen, den mir eine weise Maya-Frau am Ende eines Treffen mit Mayas gab: “Wenn du zwischen zwei Wegen wählen musst, frage dich, welcher der beiden ein Herz hat. Wer den Weg des Herzens wählt, wird sich nie irren“ (Popol Vuh).

Leonardo Boff
02.03.2016

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Wir müssen Brücken bauen zwischen dem Leben und der Politik

Wir beobachten im heutigen Brasilien unter den Menschen eine ernstzunehmende Aufspaltung aus parteipolitischen Gründen. Da gibt es solche, die aufhörten, an den gemeindlichen Weihnachtsfeiern teilzunehmen, weil es unterschiedliche politische Auffassungen gab: die einen aus Gründen der Kritik an der Regierungspartei, da diese in der Wahlkampagne gelogen haben soll; die anderen wegen der exzessiven Korruption, die wichtigen Gruppen der Arbeiterpartei PT angelastet wird. Einige sind starke Verfechter für die Amtsenthebung von Präsidentin Dilma Rousseff. Andere halten das berühmte „pedaladas“ (Pedale-Treten) für keinen ausreichenden Grund, sie aus dem höchsten Staatsposten zu heben, den sie durch die Wahl der Mehrheit des Volkes errang. Wir sind uns darin einig, dass die „pedaladas“ eine Sünde sind, doch es handelt sich nur um eine lässliche Sünde, die ohne böse Absicht begangen wurde. Für eine lässliche Sünde wird, gemäß einer vernünftigen Theologie, niemand zur Hölle verdammt. Schlimmstenfalls kommt man für eine gewisse Zeit in Gottes reinigende Klinik, das Fegefeuer. Das Fegefeuer ist nicht die Vorhölle, sondern der Vor-Himmel.

Wir wollen diese Gegensätze jetzt einmal außer Acht lassen. Tatsache ist, dass es zweifellos eine große Irritation in der Gesellschaft gibt, rassistische Intoleranz, bittere Diskussionen und viele Schimpfwörter, die Kinder niemals hören sollten. Vor allem das Internet hat die Tore für Straftaten aller Art geöffnet. Manche Menschen bleiben in der Vergangenheit verankert und denken noch in den Kategorien des Kalten Krieges. Jemanden als „Kommunisten“ zu bezeichnen, ist für sie eine Beleidigung. Sie vergessen, dass die Sowjetunion zusammenbrach und die Berliner Mauer im Jahr 1989 fiel.

Die Brücken zwischen den sozialen Plätzen, die zwar unterschiedlich sind, doch akzeptiert und respektiert wurden, wurden beschädigt oder zerstört. Eine gesunde Gesellschaft kann nicht überleben, wenn ihr soziales Netzwerk zerstört wird. Genau da liegt die Gefahr der Radikalisierung der Rechten (z. B. Militärdiktatur) oder der Linken (wie der totalitäre Sowjet-Sozialismus).

Ich denke, dass uns die Geschichte manch gute Lektion erteilen und uns von der Wahrheit der Dinge eher überzeugen kann als theoretische Argumente. Ich möchte eine Geschichte weitergeben, die ich vor langer Zeit gehört habe und die von großer Überzeugungskraft ist. Sie lautet folgendermaßen:

Zwei Brüder lebten harmonisch in zwei Bauernhöfen, die nahe beieinander lagen. Sie hatten eine gut funktionierende Getreideproduktion, einige Rinder, und sie kümmerten sich gut um ihre Schweine.

Eines Tages hatten sie einen kleinen Streit. Die Gründe dafür waren weniger wichtig: ein Kalb des jüngeren Bruders war herumgestreunt und hatte einen nicht unbedeutenden Teil des Maisfeldes des älteren Bruders gefressen. Sie waren leicht verärgert und stritten sich. Zunächst sah es so aus, als sei die Sache erledigt.

Doch dem war nicht so. Plötzlich sprachen sie nicht mehr miteinander. Sie vermieden es, einander im Laden oder auf der Straße anzutreffen. Sie taten so, als kennten sie sich nicht.

Eines Tages erschien ein Zimmermann auf Arbeitssuche auf dem Hof des älteren Bruders. Dieser sah ihn von oben bis unten an und sagte ihm mit mancher Traurigkeit in der Stimme: „Siehst du den Bach, der da unten entlang fließt? Er ist die Grenze zwischen meinem Bauernhof und dem meines Bruders. Baue mit all dem Holz, das du in diesem Wäldchen findest, einen sehr hohen Zaun, so dass ich nicht mehr gezwungen bin, meinen Bruder oder seinen Hof wiederzusehen. Auf diese Weise werde ich meinen Frieden finden.“

Der Zimmermann nahm den Job an, ergriff das Werkzeug und schritt ans Werk. In der Zwischenzeit ging der ältere Bruder in die Stadt, um sich um seine Geschäfte zu kümmern.

Als er spät am Tag zu seinem Hof zurückkehrte, war er bestürzt über das, was er sah. Der Zimmermann hatte keinen Zaun gebaut, sondern eine Brücke über den Bach, die nun beide Höfe miteinander verband.

Und er sah, wie sein jüngerer Bruder über die Brücke kam und sagte: „Bruder, nach all dem, was zwischen uns geschah, kann ich kaum glauben, dass du diese Brücke gebaut hast, um zu mir zurück zu finden. Du hast Recht; es ist Zeit, unseren Zwist zu beenden. Komm in meine Arme, Bruder!“

Und sie umarmten einander herzlich und versöhnten sich. Der eine Bruder fand seinen anderen Bruder wieder.

Plötzlich sahen sie, dass sich der Zimmermann entfernte. Sie riefen ihn: „He, Zimmermann! Bitte geh nicht weg. Bleibe ein paar Tage bei uns … Du hast uns so viel Freude bereitet…“

Doch der Zimmermann erwiderte: „Ich kann nicht bleiben. Weltweit müssen noch andere Brücken gebaut werden. Es gibt immer noch zu viele Menschen, die miteinander versöhnt werden müssen.“ Und der Zimmermann ging ruhig davon, bis er in einer fernen Kurve des Weges aus dem Blickfeld verschwand.

Die Welt und unser Land brauchen Brücken und Zimmermann-Menschen, die großzügig mithelfen, die Konflikte zu lösen und Brücken zu bauen, so dass wir uns über die Konflikte und Differenzen stellen können, die in der unfertigen Menschheit bestehen. Wir müssen immer und immer wieder lernen und einander lehren, als Brüder und Schwestern in Geschwisterlichkeit zu leben.

Vielleicht ist dies einer der dringendsten ethischen und menschlichen Imperative im gegenwärtigen historischen Augenblick.

Leonardo Boff
05.02.2016

 

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Die Gesellschaft der Müdigkeit und der sozialen Verdrossenheit

Über die Müdigkeitsgesellschaft wird in aller Welt gesprochen. Zuerst sprach der Koreaner Byung-Chul Han darüber, der in Berlin Philosophie lehrt. Sein Buch, das denselben Titel trägt, wurde 2015 im Vozes-Verlag in Brasilien veröffentlicht. Seine Analyse ist nicht immer einleuchtend und auch diskutabel, wenn er z. B. behauptet, dass „fundamentale Müdigkeit mit einer gewissen Fähigkeit einhergeht „zu inspirieren und den Geist aufwallen zu lassen“ (s. S. 73). Abgesehen von den Theorien leben wir in der Tat in einer Gesellschaft der Müdigkeit. In Brasilien leiden wir neben Müdigkeit auch unter einer schrecklichen Niedergeschlagenheit und Verdrossenheit. Lasst uns zuerst über die Gesellschaft der Müdigkeit nachdenken. Gewiss bewirken in uns, wie die Autoren sagen, vor allem die Beschleunigung des historischen Prozesses der Stimuli und Kommunikationsmodi, insbesondere durch kommerzielles Marketing, Mobiltelefonen mit all ihren Apps, die pausenlose Informationsflut, die wir durch die sozialen Medien empfangen, neuronale Krankheiten: Depressionen, Konzentrationsprobleme und das Syndrom der Hyperaktivität. In der Tat sind wir abends gestresst und antriebslos. Wir schlafen nicht gut, sind erschöpft.

Dazu gesellt sich der neoliberale Produktionsrhythmus, der den Arbeitern weltweit auferlegt wird. Insbesondere der nordamerikanische Stil verlangt von jedem die größtmögliche Produktivität. Dies ist auch die allgemeine Regel unter uns. Solche Erwartungen bringen Menschen aus dem emotionalen Gleichgewicht, verursachen Irritationen und permanente Angstzustände. Die Anzahl der Selbstmorde ist erschreckend. Wir ich bereits zuvor erwähnte, hat sich die 1968er Revolutionsbewegung radikalisiert und wiederbelebt. Damals hieß es „Bus, Arbeit, Bett“. Nun sagt man „Bus, Arbeit Grab“. Das heißt: fatale Krankheiten, Verlust des Lebenssinns und wahre psychische Störungen.

Lasst uns beim Beispiel Brasilien bleiben. Eine allgemeine Entmutigung hat sich in den letzten Monaten unter uns ausgebreitet. Die Wahlkampagne, die mit großer verbaler Virulenz, Beschuldigungen und Vorspiegelungen falscher Tatsachen ausgetragen wurde, und die Tatsache, dass der Sieg der Arbeiterpartei (PT) nicht akzeptiert wurde, löste in der Opposition das Verlangen nach Rache aus. Geheiligte Prinzipien der PT wurden durch Korruption in höchstem Grade verraten, was zu einer tiefen Desillusion führte. Dies steht im Widerspruch zu unseren guten Gewohnheiten. Die Sprache kannibalisierte sich. Vorurteile gegenüber den Mitbürgern aus den nördlichen Landesteilen und das Herabwürdigen der schwarzen Bevölkerung traten zutage. Wir können, wie Sergio Buarque de Holanda sagt, auch im negativen Sinne herzlich sein: wir können agieren aus einem mit Wut erfüllten Herzen, mit Hass und voller Vorurteile. Die Situation verschlimmerte sich immer mehr bis hin zur Drohung eines Amtsenthebungsverfahrens gegen Präsidentin Dilma Roussef aus unklaren und fragwürdigen Gründen.

Nicht in der Theorie, sondern in der Praxis haben wir erlebt, dass unter uns ein wahrer Klassenkampf besteht. Die Interessen der privilegierten Klassen stehen im Widerspruch zu den verarmten Klassen. Die reichen, traditionell hegemonischen, Klassen fürchten die Inklusion der Armen und den Aufstieg anderer Teile der Gesellschaft, welche inzwischen begannen, Plätze für sich zu beanspruchen, die bisher nur den Reichen vorbehalten waren. Wir müssen erkennen, dass weltweit gesehen Brasilien eines der Länder mit der größten Ungleichheit ist. In Brasilien gibt es mehr soziale Ungerechtigkeit, Gewalt breitet sich aus, und die Anzahl der Morde entspricht der der Toten im Irakkrieg. Und zahlreiche Arbeiter leben unter Bedingungen, die der Sklaverei gleichkommen.

Ein Großteil dieser Kriminellen gibt vor, Christen zu sein: Christen, die andere Christen quälen, die aus dem Christentum statt eines Glaubens eine kulturelle Einstellung machen, etwas Lächerliches und wahrhaft Gotteslästerliches.

Wie können wir dieser menschlichen Hölle entrinnen? Unsere Demokratie beruht nur auf Wahlen. Sie repräsentiert nicht das Volk, sondern die Interessen derer, die die politischen Kampagnen finanzieren. Daher ist unsere Demokratie bloße Fassade oder bestenfalls eine Demokratie auf sehr niedrigem Niveau. Von den Spitzengremien haben wir nichts zu erhoffen, denn unter uns hat sich ein weltumspannender wilder Kapitalismus ausgebreitet, der jegliche Kräftebündelung unter den Klassen zerstört.

Ich sehe einen möglichen Ausweg, der von einem anderen sozialen Ort kommt, und zwar von denen, die von unten kommen, von der organisierten Gesellschaft und den sozialen Bewegungen, die einen anderen Ethos besitzen und einen Traum für Brasilien und die Welt haben. Doch die Menschen müssen sich bilden und sich organisieren. Sie müssen Druck auf die beherrschenden Klassen und auf den patriarchalen Staat ausüben, und sie müssen darauf vorbereitet sein, ein alternatives Gesellschaftsmodell zu unterbreiten, das noch nicht ausprobiert wurde, doch dessen Wurzeln sich in der Vergangenheit befinden, als sie für ein anderes Brasilien kämpften, das seinen eigenen Weg geht. Von da aus müssen wir einen neuen Sozialpakt formulieren, durch eine ökologisch-soziale Konstitution, die das Ergebnis einer inklusiven konstitutionellen Versammlung ist, eine radikale politische Reform, eine konsistente agrarische und urbane Reform sowie die Schaffung eines neuen Bildungsmodells und eines sozialen Gesundheitsservice. Ein ungebildetes und krankes Volk wird niemals in der Lage sein, eine neue und lebbare Bio-Zivilisation in den Tropen zu gründen.

Dieser Traum kann uns herausreißen aus der sozialen Müdigkeit und Verdrossenheit und uns die nötige Energie zurückgeben, um den Verbänden der Konservativen entgegenzutreten und die gut begründete Hoffnung hervorzulocken, dass nicht alles völlig verloren ist, dass wir eine historische Aufgabe für uns selbst zu erfüllen haben, für unsere Nachkommen und für die ganze Menschheit. Ist dies eine Utopie? Ja, wie Oscar Wilde zu sagen pflegte: „Wenn Utopia nicht auf unserer Landkarte verzeichnet ist, sucht es nicht, denn es verbirgt vor uns, was am Wichtigsten ist.“ Aus dem gegenwärtigen Chaos muss etwas Gutes und Hoffnungsvolles entstehen, denn dies ist die Lektion, die der kosmische Prozess uns in der Vergangenheit erteilte und uns noch heute erteilt. Anstatt sozialer Verdrossenheit und Müdigkeit werden wir eine Kultur der Hoffnung und der Freude haben.

Leonardo Boff
16.01.2016

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Frieden: ein rares, doch stets begehrtes Gut

Was wir am meisten zu Beginn eines neuen Jahres hören, sind Wünsche für Frieden und Glück. Wenn wir die derzeitige Weltsituation realistisch betrachten, einschließlich die der verschiedenen Länder und unseres Landes, stellen wir fest, dass es gerade Frieden ist, woran es uns am meisten mangelt. Doch Frieden ist so wertvoll, dass er immer begehrt wird. Wir müssen uns sehr bemühen (beinahe hätte ich gesagt, wir müssen kämpfen, um Frieden zu erringen, was aber widersprüchlich gewesen wäre), um einen minimalen Grad an Frieden zu erlangen, der das Leben erträglich macht: inneren Frieden, Familienfrieden, Frieden am Arbeitsplatz, Frieden im politischen Leben und unter den Völkern. Und wie sehr brauchen wir den Frieden! Abgesehen von den Terrorattacken gibt es weltweit 40 Kriegsorte oder zerstörerische Konflikte.

Die Gründe, warum Frieden zerstört und seine Erlangung so behindert wird, sind zahlreich und sogar mysteriös. Ich werde mich auf den Hauptgrund beschränken: die tiefe soziale Ungleichheit in der Welt. Thomas Piketty schrieb ein ganzes Buch über die Ökonomie der Ungleichheiten (La economia de las desigualdades, Anagrama, 2015). Die simple Tatsache, dass ca. 1 % der Weltbevölkerung aus Multimilliardären besteht, die über einen Großteil des Volkseinkommen bestimmen, und in Brasilien, laut Mario Pochman, einem Experten auf diesem Gebiet, beherrschen 5000 Familien 46 % des BSP, zeigt die Tragweite dieser Ungleichheit. Piketty erkennt, dass „die Frage der Ungleichheit in den Lohnvergütungen zum Hauptthema der heutigen Ungleichheit geworden ist, wenn nicht sogar der Ungleichheit aller Zeiten.“ – Sehr hohe Einkommen für einige Wenige und beschämende Armut für die große Mehrheit.

Vergessen wir nicht, dass die Ungleichheit eine analytisch-beschreibende Kategorie ist. Sie ist kalt, denn sie lässt uns nicht die Schreie der Leidenden hören, die sich dahinter verbergen. Und theoretisch ist sie eine soziale und strukturelle Sünde am Plan des Schöpfers, der alle Menschen nach Seinem Bilde und Ihm ähnlich schuf, mit derselben Würde und denselben Rechten an den Lebensgütern. Diese ursprüngliche Gerechtigkeit (der Sozial- und Schöpfungspakt) wurde in der Menschheitsgeschichte immer wieder gebrochen, und wir haben es mit dem Erbe einer grausamen Ungerechtigkeit zu tun, denn davon sind alle betroffen, die sich nicht selbst verteidigen können.

Einer der kraftvollsten Absätze in der Enzyklika von Papst Franziskus über die Sorge für das Gemeinsame Haus beschäftigt sich mit der „globalen Ungleichheit“ (Nr. 48-52). Dieser Text verdient es, hier zitiert zu werden:

Die Ausgeschlossenen stellen die Mehrheit auf diesem Planeten dar, Milliarden von Menschen. Sie sind zwar in den internationalen politischen und wirtschaftlichen Diskussionen präsent, doch oftmals scheint es, als sei dieses Thema nur aus Pflichtbewusstsein oder am Rande angesprochen, wenn nicht sogar diese Menschen als ein schierer Kollateralschaden angesehen werden. Tatsächlich kommen sie, wenn es um konkretes Handeln geht, erst ganz am Ende vor, … bei den Diskussionen über die Umwelt sollte es auch um Gerechtigkeit gehen, damit auch die Schreie der Erde und der Armen gehört werden.“ (Nr. 49).

Hierin liegt der Hauptgrund für die Zerstörung der Friedensbedingungen unter den Menschen oder mit Mutter Erde: Wir behandeln unsere Mitmenschen ungerecht; wir kultivieren keinen Gleichheitssinn und keine Solidarität mit denjenigen, die über weniger verfügen als wir und die alle Arten von Entbehrungen erleiden und so zu frühzeitigem Tod verurteilt sind. Die Enzyklika trifft den Hauptnerv, wenn sie sagt: „Wir müssen unser Bewusstsein stärken, dass wir eine einzige Menschheitsfamilie sind. Weder Grenzen noch politische oder soziale Schwellen erlauben uns, uns zu isolieren, und daher gibt es auch keinen Platz für die Globalisierung der Gleichgültigkeit“ (Nr. 52).

Gleichgültigkeit ist Abwesenheit von Liebe, Ausdruck von Zynismus und Mangel an Intelligenz des Herzens und der Sensibilität. Diesen letzten Punkt spreche ich immer in meinen Überlegungen an, denn ohne Intelligenz des Herzens und der Sensibilität reichen wir unsere Hand nicht dem anderen, um für die Erde zu sorgen, welche auch ein Opfer von großer ökologischer Ungerechtigkeit ist: Wir führen einen solchen Krieg an allen Fronten gegen die Erde, sodass sie in einen Chaos-Prozess eingetreten ist mit globaler Erwärmung und den extremen Auswirkungen, die diese erzeugt.

Kurz gesagt: Entweder werden wir auf persönlicher, sozialer und ökologischer Ebene gerecht, oder wir werden uns niemals eines wirklichen Friedens erfreuen können.

Nach meinem Verständnis kommt die beste Definition für Frieden von der Erd-Charta, die sagt: „Frieden ist die Fülle, welche resultiert aus einem korrekten Verhältnis mit sich selbst, mit anderen Personen, anderen Kulturen, anderen Lebensformen, mit der Erde und mit dem Ganzen, dessen Teil wir sind“ (Nr. 16f). Hier wird klar, dass Frieden nicht etwas ist, das aus sich selbst heraus besteht. Frieden ist das Ergebnis von echten Beziehungen mit den anderen Realitäten, die uns umgeben. Ohne solche korrekte Verhältnisse (d. h. Gerechtigkeit) werden wir uns niemals des Friedens erfreuen können.

Für mich ist es offensichtlich, dass es keinen Frieden geben kann im gegenwärtigen Kontext einer Gesellschaft, die von Produktion und Konsum geprägt ist, von Wettbewerb und nicht von Kooperation, die gleichgültig und egoistisch ist und dies weltweit globalisiert. Bestenfalls erlangen wir seichte Befriedung. Auf politischer Ebene müssen wir eine andere Gesellschaftsform gründen, die auf gerechten Verhältnissen unter allen basiert, mit der Natur, mit Mutter Erde und mit dem Ganzen (dem Mysterium der Welt), zu dem wir gehören. Dann wird der Frieden, der ethisch traditionell als „das Werk der Gerechtigkeit“ (opus justiciae, pax) bezeichnet wird, aufblühen.

Leonardo Boff

12.01.2016

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Das Unheilsjahr 2015 zerstört nicht die Hoffnung

Das kürzlich beendete Jahr 2015 verdient die lateinische Bezeichnung: annus nefastus. (Unheilsjahr). Andere nennen es annus horribilis (Schreckensjahr). Es gab so viele Katastrophen, dass es nicht nur beängstigend, sondern besorgniserregend ist. Die größte Sorge gilt dem Erdüberlastungstag, den wir am 13. September erreichten. Dies bedeutet, dass an diesem Tag die Kapazität der Erde überschritten wurde, die für das Fortbestehen des Lebens- und des Erdsystems notwendigen Mittel bereitzustellen. Die Erde verlor ihre Biokapazität. Sie ist die Grundlage für all unsere Projekte. Da die Erde ein Super-Wesen darstellt, bestehen die Signale, die sie uns sendet, da sie ihr Limit erreicht hat, aus Dürren, Fluten, Taifune und weltweit wachsender Gewalt. Wie Papst Franziskus in seiner Enzyklika mehrfach wiederholt, sind wir alle miteinander verbunden. In diesem Kontext ist der Konsens, auf den man sich am 12. Dezember in Paris auf der Klimakonferenz geeinigt hat, eine Illusion: Die globale Erwärmung sollte 2° C nicht übersteigen und zur Mitte des Jahrhunderts bei 1,5°C liegen. Dies setzt einen Wandel unseres Zivilisationsparadigmas voraus, dass wir nicht mehr auf fossile Brennstoffe angewiesen sein werden, obwohl es klar ist, dass alle alternativen Energien zusammen nicht einmal 30 % dessen abdecken können, was wir brauchen. Die großen Öl-, Gas- und Kohleversorger können diesen Richtungswechsel weder vollziehen noch wollen sie ihn. Die Idee ist eine rhetorische. Das dritte entsetzliche Ereignis ist der gewalttätige Terrorismus in Europa und in Afrika, die Tausende von Flüchtlingen und die Kriege der Militärmächte, die sie gegen den Islamischen Staat und andere bewaffnete Gruppen Syriens führen. Verlässliche Quellen sprechen von Tausenden unschuldiger ziviler Opfer. Ein weiterer schrecklicher Fakt ist die Verwandlung der USA in einen terroristischen Staat. Mit ihren 800 Militärbasen rund um den Globus intervenieren sie direkt oder indirekt, wo immer sie den Eindruck haben, dass ihre imperialen Interessen beeinträchtig werden. In der Innenpolitik haben die USA den „Patriotic Act“, der grundlegende Rechte außer Kraft setzt, nicht abgeschafft. Es ist nicht verwunderlich, dass im Jahr 2015 die US-amerikanische Polizei fast 1000 unbewaffnete Personen tötete, von denen 60 % Schwarze oder Latinos waren.

Eine weitere grausame Tatsache besteht in der Korruption bei PETROBRAS, dem größten brasilianischen Unternehmen, worin Millionen und Abermillionen Dollar involviert sind. Parallel dazu entstand unter uns eine Welle an Hass, Wut und Vorurteilen nach den Präsidentschaftswahlen von 2014. Dies war nicht erstaunlich, denn Brasilien ist ein Land voller Kontraste, wie Roger Bastide es in seinem „Brasilien, Land der Kontraste“ („Brésil, terre des contrastes“, Hachette 1957) ausdrückte. Und bereits vor Bastide schrieb Gilberto Freyre, der größte Spezialist für die Sozialgeschichte Brasiliens: „Insgesamt gesehen war die Bildung Brasiliens ein Prozess des Ausbalancierens unter Antagonisten“.

Dieser Antagonismus, der gewöhnlich durch den „herzlichen Menschen“ unter einer ideologischen Decke gehalten wird, kam ans Tageslicht und ist nun, vor allem in den sozialen Medien, klar erkennbar. Der „herzliche Mensch“, den Sergio Buarque de Holanda, Autor von „Die Wurzeln Brasiliens“ (Raízes do Brasil, 21. Auflage, 1989, S. 100-112), vom Schriftsteller Ribeiro Couto entlehnte, wird im Allgemeinen missverstanden. Hier geht es nicht um Anstand und Höflichkeit. Es geht um unsere Aversion gegen soziale Riten und Formalismen. Wir bevorzugen Informelles und Abgeschlossenheit.

Es ist typisch brasilianisch, dass wir uns mehr von unserem Herzen als von unserem Verstand leiten lassen. Nun, Freundlichkeit und Gastfreundschaft kommen ja vom Herzen. Doch kann, wie Buarque de Holanda es ausdrückt, „Feindschaft so herzlich sein wie Freundlichkeit, denn beides entsteht im Herzen“ (Anm. 157 der S. 106 und 107).

Dieses schwache Gleichgewicht ging 2015 verloren, und die negative Herzlichkeit trat als Hass in Erscheinung, als Vorurteil und Wut gegen die Anhänger der Arbeiterpartei, PT, gegen die Bewohner aus dem Norden und gegen die Schwarzen. Nicht einmal verfassungsgemäß respektable Personen wie die Präsidentin Dilma Rousseff blieben davon verschont. Das Internet hat alle Höllenpforten geöffnet für Beleidigungen, Schimpfwörter, direkte zwischenmenschliche Affronts der einen gegen die anderen.

Solche Ausdruckweisen bringen nur unsere Rückwärtsgewandtheit zutage, unseren Mangel an demokratischer Kultur, unsere Intoleranz und Klassenkampf. Es lässt sich nicht leugnen, dass es in einigen Bereichen tiefe Ressentiments gegenüber Reichen gibt und gegenüber denjenigen, die dank der (nicht sonderlich befreienden) Sozialpolitik der PT-Regierung den Aufstieg schafften. Die brasilianischen Antagonismen stellten sich klar als nicht miteinander vereinbar dar, und nun kommt es zu offenen Kampf-Austragungen gegeneinander (seien es Klassen-, Interessen- oder Machtkämpfe). Doch es geht ein sozialer Riss durch Brasilien, und es wird uns einiges kosten, ihn zu flicken. Nach meinem Verständnis kann dies nur durch eine partizipatorische Demokratie gelingen, jenseits der aktuellen Farce, die die Interessen der reichen Klasse über die des Volkes als Ganzes stellt.

Wirklich wertvoll ist unser unglaublicher Hoffnungsreichtum, der das Unheilsjahr überwindet und zu einem Gnadenjahr führt. Überall gibt es so viele guten Erfahrungen, die hier nicht alle aufgezählt werden können, und die die Hoffnung auf ein Gnadenjahr rechtfertigen. Möge Gott uns erhören!

Leonardo Boff
01.01.2016

 

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