Das mexikanische Volk hat der Welt ein Beispiel gegeben

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

 

Am 19. und 23. September wurde Mexiko von zwei Erdbeben erschüttert, eins davon in der Stärke 7,1 und das andere 6,1 auf der Richterskala. Davon betroffen waren zwei Staaten und  viele Kommunen einschließlich der Hauptstadt Mexiko City. Hunderte von Häusern waren eingestürzt, und in weiteren Hunderten von Gebäuden gab es Risse in den Wänden. Von schönen Kirchen, wie der Franziskus-Kirche von Puebla, wurden die Türme beschädigt. Jeder erinnert sich noch an das schreckliche Erdbeben von 1985, dem mehr als 10.000 Menschen zum Opfer fielen. Dieses Erdbeben tötete, obwohl es ein sehr starkes war, 360 Menschen.

Ich war vor kurzem in Mexiko City und in Puebla, wo ich zu Vorträgen eingeladen war, und konnte mir vor Ort ein Bild machen von den Verwüstungen und Traumata, mit denen die Menschen dort belastet sind.

Doch was allgemeine Aufmerksamkeit erregte, war der Geist der Solidarität und der Kooperation des mexikanischen Volkes. Ohne dass auch nur einer von ihnen dazu aufgefordert worden wäre, kamen Tausende von Menschen, vor allem junge Leute, und begannen, die Trümmer wegzuräumen, um die verschütteten Opfer zu bergen. Spontan bildeten sich Helfergruppen, und dieser solidarische Geist ist es, der viele Leben rettete.

Sofort wurden Zentren geschaffen, in denen Opfer Hilfe bekamen wie reichlich Wasser, Vorräte, Kleidung, Decken und alle Art von wichtigen Haushaltsutensilien. Während ich diesen Artikel schreibe (am 13. Oktober 2017) bestehen noch viele Stellen, an denen es Proviant für die Opfer gibt. Kooperation kennt keine Grenzen.

Ich möchte nur zwei bewegende Fakten benennen. Erstens: ein Schulgebäude, in dem sich viele Kinder befanden, war langsam dabei, einzustürzen. Ein junger Mann, der sah, dass sich eine Art Kanal inmitten der Ruinen gebildet hatte, kroch schnell durch das Loch und rettete mehrere 5-7 Jahre alte Kinder. Als er gerade das letzte Kind gerettet hatte, fiel ein weiterer Gebäudeabschnitt der Schule plötzlich zusammen, dem er nur um Haaresbreite entkam.

Das zweite Geschehen: eine junge, ca. 30 Jahre alte Frau verbrachte 34 Stunden unter dem Schutt begraben. Sie gab ein bewegendes Fernsehinterview, in dem sie die verschiedenen Phasen ihrer Tragödie mitteilte. In den Trümmern gefangen lag eine Betonwand auf einer Seite ihres Gesichts. 30 Stunden lang konnte sie keine Stimmen, keine Fußschritte oder andere Geräusche vernehmen, die ihr angezeigt hätten, dass jemand in ihrer Nähe sie retten könnte.

Dann beschrieb sie die unterschiedlichen psychologischen Stadien wie wir sie kennen, wenn eine kranke Person erfährt, dass ihre Krankheit unheilbar ist und der nahe Tod unausweichlich.

Im ersten Augenblick fragte die Frau sich selbst: “Warum ich, warum muss gerade ich diese Tragödie erleiden?” Dann begann sie fast hoffnungslos zu weinen bis sie keine Tränen mehr hatte. Danach fing sie an zu beten und Gott und alle Heiligen anzuflehen, vor allem Unsere Dame von Guadeloupe, die das mexikanische Volk am meisten verehrt. Schließlich fand sie sich mit der Situation ab und übergab sich vertrauensvoll dem geheimnisvollen Willen Gottes. Doch die Hoffnung gab sie nicht auf.

Endlich hörte sie Schritte, dann Stimmen. Die Hoffnung brach wieder auf. Nach 34 Stunden, während derer sie sprichwörtlich unter einem Trümmerberg begraben war, wurde sie gerettet. Und da war sie nun, glücklich und wohlauf, begleitet von einem Psychologen, einem Spezialisten für Traumata wie solchen nach plötzlichen Erdbeben, der von ihrer schrecklichen Erfahrung berichtete.

Mexiko ist bekannt dafür, durch die Konfiguration seiner tektonischen Platten ein erdbebengefährdetes Gebiet zu sein. Der Mensch hat über diese Naturgewalten keine Macht. Was Menschen tun können, ist Vorkehrungen zu treffen: lernen, erdbebensichere Gebäude zu errichten, so wie die Japaner dies tun, und vor allem lernen, mit dieser unbezwingbaren Realität zu leben, wie die Bevölkerung unseres halb-ariden Nordbrasiliens, das sich an die Dürre anpassen und mit ihr leben muss, die so wie jetzt mehrere Jahre lang anhalten kann.

In der Debatte nach einem Vortrag an der Iberoamerikanischen Universität von Mexiko City erklärte eine Frau: „Würde unser Land und die ganze Menschheit in diesem Geist der Solidarität und der Kooperation leben, gäbe es weltweit keine armen Menschen, und wir hätten einen Teil des verlorenen Paradieses gerettet.“

Ich bestärkte sie in diesem Ideal und sagte ihr, dass es die Kooperation und Solidarität unserer anthropoiden Vorfahren war, welche begannen, ihr Essen zu teilen, die es ihnen ermöglichte, den Sprung von der Bestialität zur Humanität zu machen. Was gestern wahr war, muss auch heute noch wahr sein. Ja, Solidarität und allgemein die Kooperation aller mit allen wird retten, was uns so ganz menschlich macht. In dieser jüngsten Zeit hat das mexikanische Volk uns ein glänzendes Beispiel dieser grundlegenden Wahrheit gegeben.

Leonardo Boff
13.10.2017

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Angst: der Feind der Lebensfreude

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta-Kommission

In Brasilien wie in der ganzen Welt haben die Menschen heute Angst vor Überfällen, auch vor tödlichen Übergriffen sowie vor verirrten Kugeln und Terrorattacken.  Die jüngsten Terrorattacken in Barcelona und London verursachten verbreitete Angst, ungeachtet der vielen Solidaritätsbezeugungen und Aufrufen, Ruhe zu bewahren.

Wenn wir den Dingen auf den Grund gehen, müssen wir erkennen, dass dieser allgemeine Angstzustand  letztlich eine Konsequenz dieser Art von Gesellschaft ist, die die Anhäufung materieller Güter über den Menschen und den Wettbewerb als höchsten Wert über Kooperation gestellt hat. Darüber hinaus wählte sie die Gewalt als Mittel, um persönliche und soziale Problem zu lösen.

Wir müssen Wettbewerb unterscheiden von Wetteifer. Wetteifer ist gut, denn er bringt das Beste in uns an die Oberfläche und zeigt es in Einfachheit. Wettbewerb ist problematisch, denn er bedeutet den Sieg des Stärksten unter den Herausforderern, der alle anderen besiegt, wodurch Spannungen, Konflikte und Kriege entstehen.

Es gibt keinen Frieden in einer Gesellschaft, in der diese Logik vorherrscht, höchstens Waffenstillstand. Da ist immer die Angst vor Verlust, Verlust von Marktanteilen, von Wettbewerbsvorsprung, von Verdienst, vom Arbeitsplatz und den Verlust des eigenen Lebens.

Der Wille zur Anhäufung produziert gleichermaßen Sorge und Angst. Seine dominierende Logik ist folgende: Wer nichts besitzt, möchte besitzen; wer besitzt, möchte mehr besitzen; wer mehr besitzt sagt, es sei nie genug. Der Wille zur Anhäufung nährt die Struktur einer Begierde, die unersättlich ist, wie wir wissen. Daher strebt er danach, das Niveau der Anhäufung und des Konsums zu garantieren. Dies resultiert in Sorge und Angst vor dem Nicht-Besitzen, vor dem Verlust des Konsumniveaus, vor dem Abstieg des sozialen Status und schließlich auch vor drohender Armut.

Der Gebrauch von Gewalt, um Probleme zwischen Staaten zu lösen, wie der Krieg der USA gegen den Irak zeigt, gründet sich auf der Illusion, dass sich durch das Bekämpfen oder Demütigen des Anderen  eine friedliche Koexistenz aufbauen lässt. Etwas, das so zutiefst böse ist wie die Gewalt, kann nicht die Quelle eines dauerhaften Wohls sein. Ein friedliches Ziel verlangt nach friedlichen Mitteln. Menschen können verlieren, doch sie werden niemals Wunden tolerieren, die ihrer Würde zugefügt wurden. Wunden, die nicht verheilen können, bleiben offene Wunden, und es bleibt immer die Bitterkeit und ein Geist der Rache, ein Humus, der Terrorismus nährt, viele unschuldige Leben schikaniert, wie wir in so vielen Ländern gesehen haben.

Unsere Gesellschaft weißer, chauvinistischer, westlicher Art hat den Weg repressiver und aggressiver Gewalt gewählt.  Aus diesem Grund sind westliche Gesellschaften stets in Kriege verwickelt, die sich immer zerstörerischer auswirken wie der gegenwärtige Krieg in Syrien, mit Guerillas, die sich zunehmend ausgetüftelter Techniken bedienen und immer häufiger angreifen. Hinter diesen Fakten versteckt sich ein Ozean aus Hass, Bitterkeit und Rachegelüsten. Angst schwebt wie eine dunkle Wolke über der Allgemeinheit und dem Einzelnen.

Wenn sich ein Mensch um einen anderen sorgt, werden Angst und ihre Folgen entkräftet. Fürsorge besitzt einen fundamentalen Wert für das Verstehen des Lebens und der Beziehungen zwischen allen Lebewesen. Ohne Fürsorge kann Leben weder geboren noch reproduziert werden. Fürsorge ist die wichtigste Richtschnur für unser Verhalten, sodass seine Auswirkungen gut sind und Koexistenz fördern.

Sich um Menschen zu sorgen heißt, mit ihnen zu tun haben, sich für ihr Wohlergehen zu interessieren und sich für ihr Geschick verantwortlich zu fühlen. Aus diesem Grund sorgen wir für alle, die wir lieben, und wir lieben alle, für die wir sorgen.

Eine Gesellschaft, die sich an der Fürsorge leiten lässt, an der Sorge um das Gemeinsame Haus, die Erde, an der Sorge für das Ökosystem, das die Bedingungen für die Biosphäre und unseres Lebens gewährleistet, an der Sorge für die Nahrungssicherheit aller, an der Sorge für die sozialen Beziehungen, sodass sie partizipatorisch, gleichberechtigt, gerecht und friedlich sind, an der Sorge für die spirituelle Umgebung der Kultur und dadurch Menschen ermöglichen, sich eines positiven Lebenssinns zu erfreuen, Begrenzungen zu akzeptieren, das Älterwerden und den Tod selbst als Teil des sterblichen Lebens: eine solche Gesellschaft wird sich am Frieden und der Harmonie erfreuen, die für die menschliche Koexistenz unabdingbar sind.

Gerade in Momenten großer Angst kommen den Worten des Psalm 23 besondere Bedeutung zu: “Der Herr ist mein Hirte. Nichts wird mir fehlen“. Der gute Hirte sorgt für Sicherheit: „Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir.“

Wer in diesem Vertrauen lebt, fühlt sich durch und in der Hand Gottes geborgen. Das Leben des Menschen gewinnt an Licht und bewahrt sich selbst inmitten von Risiken und Bedrohungen eine gelassene Fröhlichkeit und Lebensglück. Es spielt keine große Rolle, was auf uns zukommt, denn es wird in Seiner Liebe geschehen. Er kennt den Weg, und Er kennt ihn gut.

Leonardo Boff
05.09.2017

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Zur Verteidung der namenlosen, unsichtbaren Arbeiter

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

Trotz der Bedrohungen unseres Gemeinsamen Hauses, der Erde, die an allen Fronten angegriffen wird durch unsere Kultur, wie wir sie in den letzten zwei Jahrhunderten entwickelt haben, trotz grenzenloser Ausbeutung ihrer begrenzten Güter, insbesondere zur materiellen Bereicherung einiger Weniger, bietet sie uns weiterhin die Schönheit ihrer Früchte, Blumen, Pflanzen, Tiere und ihrer breiten Biodiversität.

Die niedlichen roten und gelben Blumen aus den drei Blumentöpfen, die an der Außenseite meines Fensters hängen, beeindrucken mich. Sie lächeln glücklich ins Universum hinaus. Das erinnert mich an den Satz des deutschen Poeten und Mystikers Angelus Silesius, der sagte: „Die Die Rose ist ohne Warum. Sie blühet, weil sie blühet. Sie achtet nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie siehet.“

Wir wissen, dass nur 5 % alles Lebens sichtbar ist. Der Rest ist unsichtbar, besteht aus Mikroorganismen, Bakterien, Viren und Pilzen. Darüber habe ich hier bereits geschrieben und wiederhole es mit den Worten eines der bekanntesten zeitgenössischen Biologen, Edward O. Wilson: „In nur einem Gramm Erde, d. h. in weniger als einer Handvoll, gibt es ca. 10 Milliarden lebendige Bakterien, die zu bis zu 6.000 unterschiedlichen Arten gehören“ (The Creation: how to save life on Earth, 2008, S. 26). Wenn dies in nur einer Handvoll Erde so ist, dann stellen wir uns die Trillionen und Abertrillionen von Mikroorganismen vor, die sich im irdischen Unterboden befinden! Darum haben James Lovelock und seine Kollegen Recht, wenn sie behaupten, dass die Erde ein lebendiger Superorganismus ist; nicht im Sinn eines lebendigen Tieres, sondern im Sinn eines sich selbst regulierenden Systems, das die Physik, die Chemie und die Ökologie in solch einer intelligenten und subtilen Weise zum Ausdruck bringt, dass sie immer wieder Leben produziert und reproduziert. James Lovelock nannte sie Gaia. Dies ist der griechische Name für die lebendige Erde.

In der Natur ist nichts überflüssig. Mit einem gewissen Sinn für Humor schrieb Papst Franziskus seine Enzyklika „Über die Sorge für das Gemeinsame Haus“ und bezog sich auf den Hl. Franziskus, der seine Mitbrüder aufforderte, einen Teil der Felder den wild wachsenden Pflanzen zu überlassen, denn auf ihre eigene Weise preisen auch sie den Schöpfer.

Für diese anonymen Arbeiter müssen wir sorgen, die die Fruchtbarkeit der Erde gewährleisten und die verantwortlich sind für die unvorstellbare Diversität ihrer Wesen, die vielen Früchte, die weite Vielfalt an Blumen und Pflanzen, und auch die Existenz der Menschen in ihren unterschiedlichsten Seinsweisen, was und wo sie auch sein mögen. Mit den Milliarden Litern von agrotoxischen Mitteln (allein in Brasilien werden ca. 760 Milliarden Liter in die Erde geschüttet) bedrohen und töten wir sie. Die Menschheit ist die erste Spezies in der Geschichte des Lebens, das schon seit 3,8 Milliarden Jahren besteht, die zu einer tödlichen geophysikalischen Kraft wurde. Die Menschheit ist der rasante Meteor, der durch seinen Mangel an Achtsamkeit und mithilfe seiner Todesmaschinerie in der Lage ist, die Bedingungen für die Auslöschung des sichtbaren Lebens und unserer Zivilisation zu schaffen. Aus diesem Grund sagen einige, dass ein neues geologisches Zeitalter, das Anthropozäikum, eingeläutet wurde. Für diese Mikroorganismen hingegen ist dies bedeutungslos.

Der Naturforscher Jacob Monod brachte die Idee ein, dass aufgrund des Versagens unserer Spezies vielleicht ein anderes Wesen auftauchen wird, dem es gelingen wird, einen Geist aufrecht zu halten, der das Leben mehr liebt. Lasst uns die folgenden Fakten überdenken: Von den kleinen lebendigen und sichtbaren Organismen wie den Ameisen gibt es ungefähr 10.000 Milliarden mit einem Gewicht, das dem der gesamten menschlichen Bevölkerung von 7,5 Milliarden Menschen entspricht. Die Insekten sind zu Milliarden verantwortlich für die Bestäubung der Blüten, die später Früchte bringen sollen.

Wer hätte sich vorstellen können, dass ein einfaches, wild wachsendes Kraut aus Madagaskar uns mit Alkaloiden versorgen könnte, die die Mehrzahl an Fällen akuter Kindes-Leukämie heilen können? Oder dass ein obskurer Pilz aus Norwegen eine Substanz spendet, die Organtransplantationen erleichtert? Und noch überraschender: Aus dem Speichel von Blutegeln wurde ein Blutverdünner entwickelt, der während chirurgischer Eingriffe die Blutgerinnung verhindert.

Daraus ist ersichtlich, dass jedes Wesen einen Wert in sich besitzt, einfach aus dem simplen Grund, dass es innerhalb von Millionen Jahren Evolution entstanden ist und weil es auf großzügige Weise seinen geschwisterlichen Wesen, den Menschen, nützlich ist. Diese Wesen werden als „schädlich“ erachtet, die eigentlich wild sind, den Boden bereichern, das Grundwasser reinigen und die Mehrzahl der blühenden Pflanzen bestäuben. Ohne sie wäre unser Leben verletzlicher in Bezug auf Krankheiten und könnte viel kürzer sein. Diese Legion an Mikroorganismen und winzigen wirbellosen Tieren, insbesondere die Fadenwürmer, die laut den Biologen 80 % aller Lebewesen auf der Erde darstellen, sind weder nutzlos noch scheitern sie daran, ihre Funktion im kosmogenetischen Prozess zu erfüllen. Wir hängen von ihrem Überleben ab. Sie jedoch brauchen uns nicht.

Der Hl. Franziskus lief vorsichtig über die Erde aus Sorge, selbst einen kleinen Käfer zu zertreten. Wir jedoch laufen trampelnd herum und sind uns dessen nicht bewusst, dass im Untergrund Mitglieder der Lebensgemeinschaft verborgen sind.

Leonardo Boff
01.08.2017

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Das vielversprechende Treffen von Pachamama und Gaia

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph

Erdcharta Kommission

 

Ich möchte gern ein Buch vorstellen, das bald in Brasilien veröffentlicht wird: “Pachamama und der Mensch” (La Pachamama y el ser humano, Ediciones Colihue, 2012) von Eugenio Raúl Zafforini, der in Brasiliens juristischen Kreisen wohlbekannt ist. Zafforini ist ein hervorragender argentinischer Magistrat, Mitglied des Obersten Gerichtshofs von 2003 bis 2014 und emeritierte Professor der Universität von Buenos Aires.

Pachamama und der Mensch ist einer der besten öko-philosophischen Beiträge, die in letzter Zeit geschrieben wurden. Er befindet sich auf einer Linie mit der Enzyklika Laudato Si, Über die Sorge für das Gemeinsame Haus (2017) von Papst Franziskus, ebenfalls ein Argentinier. Mit bewundernswerten wissenschaftlichen und philosophischen Daten unterlegt stellt Zaffaronie die Frage nach integraler Ökologie, vor allem nach sozialer Gewalt und insbesondere Gewalt gegen Tiere.

Der wichtigste Aspekt seines Buchs besteht in der Kritik am dominierenden Paradigma, das mit den Gründungsvätern des 16. und 17. Jahrhunderts der Moderne aufkam, welche abrupt eine tief greifende Spaltung zwischen Mensch und Natur einführte. Dem natürlichen Bündnis, das seit Menschengedenken in den Kulturen des Okzidents und Orients verankert war, wurde damit ein fataler und tödlicher Schlag versetzt.

Die Erde hörte auf, die Magna Mater der Antike zu sein, die Pachamama der Andenvölker … die Gaia der damaligen Zeitgenossen, etwas Lebendiges und Leben Hervorbringendes. Sie wurde zu einem unbewegliche Ding gemacht (zur res extensa von René Descartes): eine Ansammlung von Ressourcen, die der unbeschränkten Gier der Menschen zur Verfügung steht. Die Formulierung von Descartes ist klassisch: der Mensch ist der maître et possesseur  (Herr und Eigentümer) der Natur. Der Mensch kann mit der Natur umgehen, wie es ihm beliebt. Und genau das haben die Menschen getan.

Die moderne Kultur ist auf dem Verständnis aufgebaut, dass der Mensch dominus, Herr und Eigentümer aller Dinge ist. Dinge haben keinen intrinsischen Wert. Im Gegensatz zu dem, was später in der Erdcharta betont wird sowie mit starker Ausdruckskraft in Papst Franziskus‘ enzyklischem Schreiben, haben Dinge nur einen Wert, wenn sie Menschen zu etwas nutze sind.

Dies ist das Bild von Macht, verstanden als die Fähigkeit, alles zu dominieren, und auf der Grundlage dessen, der die meiste Macht besitzt. In diesem Fall sind es die Europäer, die das Programm der Unterwerfung der Natur ausführten, die Invasion und Eroberung der Welt, die Kolonialisierung ganzer Nationen, den Genozid, Ökozid und die Zerstörung antiker Kulturen. Und sie taten dies unter Anwendung von brutaler Macht ihrer Waffen: dem Kreuz und dem Schwert. Und nun erledigen sie es mit Waffen, die in der Lage sind, die ganze menschliche Spezies auszulöschen.

Zaffaroni studiert das Aufkommen dieses Aspekts der Zivilisation und tut dies mit einem großen bibliographischen Reichtum. Mutig und mit großer kritischer Freiheit begegnet er den eingebildeten Koryphäen modernen Denkens wie Friedrich Hegel, Herbert Spencer, Charles Darwin und Martin Heidegger. Ich will mich auf seine Kritik gegenüber Hegels Geist konzentrieren. Mit seiner philosophischen Ideologie wurde Hegel zum Hauptvertreter des Ethnozentrismus. Mit seinem Biologismus verehrte Spencer die weiße Rasse als erhaben und erachtete alle anderen Rassen als unterlegen, was zur Legitimation von Kolonialismus und aller Arten von Vorurteilen führte.

Zaffaroni berührt die Frage nach dem Tier, verstanden als ein Träger von Rechten. Er schreibt: „Nach unserer Beurteilung ist der juristische Wert des Verbrechens der Misshandlung von Tieren kein anderer als die Anerkennung des Rechts des Tieres selbst, kein Objekt menschlicher Grausamkeit zu sein, wofür es notwendig ist, den Charakter des Tieres als Träger von Rechten anzuerkennen.“ Der Autor demonstriert auf strenge Weise, dass „wir uns als die biologischen Gewinner herausgestellt haben, wenn es darum geht, Spezies zu zerstören und als die größten Raubtiere innerhalb von Spezies“. Sein Vorschlag ist klar: „Nur wenn wir die Kenntnis des Herrn durch den Bruder ersetzen, können wir menschliche Würde zurückerlangen“ und Geschwisterlichkeit mit allen anderen Wesen erfahren.

Lateinamerika hat als erstes einen ökologischen Konstitutionalismus eingeführt, der die Rechte der Natur und Mutter Erde in den Verfassungen Ecuadors und Bolivien enthält. Zuvor, und ebenso zum ersten Mal, war es Mexiko, das soziale Rechte in seiner Verfassung von 1917 festschrieb. Zaffaroni preist die kreativen Potenziale, die der Vision der Andenvölker über das „gute Leben und die Co-Existenz“ (sumak kawsay) innewohnen – die Harmonie des Menschen mit der Natur; und auch in Gaia gesehen – die Erde als ein lebendiger, sich selbst regulierender Super-Organismus, der stets Leben produziert und reproduziert. Pachamama und Gaia sind zwei Wege, die aufeinander treffen „in einer glücklichen Koinzidenz des Zentrums und der Peripherie der planetaren Kraft“. Beide sind sie Hoffnungsträger für ein Gemeinsames Haus Erde, in dem alle Wesen einbezogen sind. Sie werden uns von den apokalyptischen Bedrohungen des Endes unserer Zivilisation und unseres Lebens befreien.

Zaffaroni verdanken wir eine brillante und überzeugende Perspektive, eine ernste Kritik einerseits, doch andererseits auch eine hoffnungsvolle. Er verdient es, gelesen und studiert zu werden und dass seine Vision einer holistischen Ökologie, die zutiefst all die Elemente der Natur und des Universums integriert, in unser Verständnis aufgenommen wird.

 

Leonardo Boff

20.07.2017

 

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Ihrem Gewissen können die Korrupten nicht davonlaufen

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

Es gibt eine Stimme in uns, die wir niemals zum Verstummen bringen können. Es ist die Stimme unseres Gewissens. Sie steht über der etablierten Order und den geltenden Gesetzen. Es gibt kriminelle Handlungen wie Gewaltausübung gegen Unschuldige, hungrigen Menschen das Brot zu verweigern, das ihr Leben retten könnte, Diebstahl aus dem Fonds für Gesundheit und Erziehung, solcherart praktizierte Korruption in Form von Plünderung Millionen von für die Infrastruktur bestimmten Reales (brasilianische Währung, A.d.Ü.) und andere grausame Verbrechen. Die Straffälligen gewöhnen sich so sehr an solche Praktiken, dass sie zu ihrer zweiten Natur wird und zur Denkweise: „Da es allen gehört und niemandem im besonderen, kann ich es mir aneignen:“ Der Straffällige im öffentlichen Dienst sagt: „Wer sich in dieser Position bereichert, ist schlau; wer es nicht tut, ist dumm.“ Die Korruption, wie sie in Brasilien verbreitet ist, gehorcht dieser Logik.

Doch niemand kann vor der inneren Stimme fliehen, die erste Natur, die ihn anklagt und nach Strafe verlangt. Er kann weglaufen wie Kain, doch die Stimme ertönt weiter wie eine innere Kesselpauke. Der Korrupte läuft davon, selbst wenn die Justiz nicht hinter ihm her ist. Wer kann in das Herz dessen schauen, für den es weder Geheimnisse noch Geheimkammern gibt? Wieder einmal ist es das Gewissen: Es richtet, ermahnt, nagt von innen, heißt gut oder verurteilt.

Spirituelle Personen aller Altersgruppen bezeugen Folgendes: Das Gewissen ist die Stimme Gottes in uns. Welchen Namen wir Gott je nach der eigenen Kultur geben, spielt keine Rolle. Es geht um etwas viel Höheres als uns, dessen Stimme nicht durch menschlichen Aufruhr erstickt werden kann, gleichgültig, wie laut der Aufruhr auch ist. Voller Überzeugung schrieb Seneca: „Das Gewissen ist Gott in dir, nahe dir und bei dir.“

Historische Beispiele gibt es im Überfluss. Ich werden ein altes und ein modernes nennen. Im Jahr 310 n. Ch. ordnete Kaiser Maximilian die Dezimierung eines Batallions christlicher Soldaten an, da diese sich weigerten, unschuldige Menschen zu töten. Bevor sie geköpft wurden, schrieben sie an den Kaiser: „Kaiser, wir sind deine Soldaten, doch zuerst sind wie Diener Gottes. Wir schworen dir den imperialen Eid, doch Gott versprachen wir, nichts Böses zu tun. Wir ziehen es vor zu sterben als zu töten. Lieber lassen wir uns unschuldig töten, als mit einem Gewissen weiterzuleben, das uns stets anschuldigt“ (Passio Agaunensium, Nr. 9).

Fünfzehnhundert Jahre später, am 3. Februar 1944, schrieb ein christlicher deutscher Soldat an seine Eltern: „Meine geliebten Eltern, ich wurde zum Tode verurteilt, da ich mich weigerte, wehrlose russische Gefangene zu erschießen. Lieber sterbe ich, als mein Gewissen mit dem Blut Unschuldiger für den Rest meines Lebens zu belasten. Du, geliebte Mutter, lehrtest mich, stets zuerst meinem Gewissen zu folgen und dann erst menschlichen Anweisungen. Nun ist für mich die Zeit gekommen, diese Wahrheit zu leben“ (P. Malevezzi & G. Pirelli, Letzte Briefe zum Tode Verurteilter, 1955, S. 489). Und er wurde hingerichtet.

Was ist das für eine Kraft, die in diesen beiden Beispielen römischen und deutschen Soldaten den Mut verlieh, auf solche Weise handeln zu können? Welche Stimme empfahl ihnen, eher zu sterben als zu töten? Welche Macht besitzt diese innere Stimme, dass sie selbst vermag, die natürliche Todesangst zu überwinden? Es ist die gebieterische Stimme des Gewissens. Wir schufen sie nicht, und daher können wir sie auch nicht zerstören. Wir können uns ihr widersetzen, sie verleugnen, Gewissensbisse unterdrücken. Doch zum Schweigen bringen können wir sie nicht.

Das Gewissen ist unbestechlich und unangefochten. Der Respekt, dem wir ihm schulden, ist so tief, dass selbst das unbesiegbare, wenn auch irrige, Gewissen gehört und befolgt werden muss. Darum schrieben die im Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) versammelten Bischöfe: „Das Gewissen verliert auch dann nicht seine Würde, wenn es irrt“ (De dignitate Humana Nr. 2).

Ein unbesiegbares irrendes Gewissen hat, wer all seine Anstrengungen aufwendet, um ernsthaft die Wahrheit zu suchen, den Rat anderer erfragt, studiert und befolgt und sich selbst befragt und dennoch irrt. Jemand, der all dies tut, aber irrt, hat das Recht, respektiert und gehört zu werden, denn er ist seinem Gewissen gefolgt.

Tragischerweise kann sich jeder irren, auch mit den besten Absichten. Daher müssen wir stets fragen, ob er oder sie auf die innere Stimme hört oder nicht. Blaise Pascal schrieb weise: „Wir tun Böses nie auf so perfekte Weise wie mit einem reinen Gewissen“. Nur ist dieses Gewissen nicht gut. Albert Camus, der sich mit der Moralität blinden Gehorsams beschäftigte, schrieb: „Guter Wille kann so viel Böses hervorrufen wie böser Wille, wenn er nicht ausreichend gut informiert ist“, d. h. wenn die Stimme des Gewissens, die nach guten Taten verlangt, nicht gehört wird.

Wir schreiben all dies im Bewusstsein der beschämenden Korruption, die unsere Gesellschaft auf praktisch allen Ebenen kontaminiert hat, vor allem bei den Großunternehmern und den hochrangigen Politikern bis hin zum schmuddeligen Präsidenten der Republik. Sie sind taub für ihr Gewissen, das sie anklagt. Doch die Zeit wird kommen, wenn sie jemand Höherem Rede und Antwort stehen werden müssen.

Leonardo Boff
07.07.2017

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Die politische Kraft der Hoffnung

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

Wir leben in Zeiten großer sozialer Unruhen. Es gab eine Art Erdbeben, das nicht durch die Natur, sondern durch die Politik hervorgerufen wurde.

Die vermögende Klasse führte einen Staatsstreich durch. Ihre Privilegien waren bedroht durch die Begünstigten der Sozialpolitik der Regierungen der Arbeiterpartei PT (aus dem Portugiesischen: Partido dos Trabalhadores), die ihnen Zugang zu Orten verschaffte, die ihnen zuvor verwehrt waren. Zu diesem Zweck bediente sie sich des Parlaments, so wie es das Militär im Jahr 1964 getan hatte. Die Absetzung von Präsidentin Dilma Rousseff, die demokratisch gewählt worden war, nutzte den Zielen dieser Wirtschaftseliten (0,05 % der Bevölkerung laut dem Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung, IPEA (aus dem Portugiesischen: Instituto de Pesquisa e Economia Aplicada), indem sie ihnen die Kontrolle über den Staatsapparat gab und ihnen so ihren historischen Sozialstatus gewährleistete, der auf Privilegien und schmutzigen Geschäften beruht. Nachdem sie die Korruption so naturgegeben erscheinen ließen, hatten sie auch keine Skrupel, die Verfassung abzuändern und Reformen einzuführen, welche die Rechte der Arbeiter abschafften und die Sozialleistungen zutiefst veränderten.

Die Korruption, die zuerst durch die Geheimdienstzweige der USA entdeckt und dann in unser Rechtssystem eingeführt wurde, ermöglichte die Einführung eines Rechtsprozesses namens Lava-Jato. Dort wurde ein unvorstellbares Korruptionsschema aufgedeckt, das große Unternehmen, sowohl staatlicher als auch privater Natur, involvierte, ihre Fonds und weitere Organe innerhalb der Logik der Vererbbarkeit. Diese aufgedeckte Korruption war von einer solchen Tragweite, dass sie die ganze Welt empörte. Sie führte zur Zahlungsunfähigkeit föderalistischer Staaten wie z. B. Rio de Janeiro.

So haben viele Universitätsprofessoren, ob im Ruhestand oder nicht, u. a. auch ich, seit Dezember 2016 keine Besoldung mehr erhalten.

Das Ergebnis ist ein politisches, gerichtliches und institutionelles Desaster. Es wäre eine Lüge zu behaupten, dass die Institutionen funktionierten. Jede Institution ist von der Korruption kontaminiert. Es ist beschämend, dass die Justiz befangen ist, insbesondere Richter Sergio Moro und viele Minister, die durch eine reaktionäre Presse gedeckt werden, die es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt. Diese „Gerichtsbarkeit“ setzt offen eine böse und verachtenswerte Verfolgung gegen den früheren Präsidenten Inacio Lula und dessen Partei PT fort, die die größte Partei im Lande darstellt. Ihr Ziel ist, seine unbestrittene Führungsrolle zu zerstören, seine Biographie zu verleumden und ihn auf jede nur mögliche Weise von der Kandidatur abzuhalten. Diese Verfolgung, die sich mehr auf politische Überzeugung als auf konkrete Beweise stützt, wird fortgesetzt, um seine Präsidentschaftskandidatur zu verhindern, die jedoch von der Mehrheit der Bevölkerung unterstützt wird.

Daraus resultiert eine schmerzvolle Hoffnungslosigkeit. Doch es ist wichtig, die politisch transformierende Eigenschaft der Hoffnung wieder zu beleben. Ernst Bloch, der große Hoffnungsphilosoph, spricht vom Prinzip Hoffnung, das mehr als nur eine allgemeine Tugend ist. Es geht um den Impuls, der in uns lebt, der uns stets bewegt, der Projekte und Träume projiziert und der es versteht, aus Misserfolgen Gründe für den Widerstand und den Kampf zu ziehen.

Vom Hl. Augustinus, dem vielleicht größten christlichen Genie und Schöpfer vieler Zitate, stammt folgender Satz: „Hoffnung hat zwei geliebte Töchter: Empörung und Mut; Empörung lehrt uns, Bestehendes abzulehnen, und Mut inspiriert uns zu dessen Veränderung.“

Zum jetzigen Zeitpunkt müssen wir zuerst an die Tochter Empörung erinnern: uns mit dem konfrontieren, was die Temer-Regierung auf kriminelle Weise gegen das Volk durchführt, gegen die indigene Bevölkerung, die Kleinbauern, Frauen, Arbeiter und ältere Personen: ihnen die Rechte aberkennen und Millionen von Brasilianern von Armut in erbärmliches Elend stoßen. Nicht einmal die staatliche Souveränität ist sicher, denn die Temer-Regierung erlaubt den Verkauf staatlicher Ländereien an Ausländer.

Wenn die Regierung das Volk verletzt, dann hat das Volk das Recht, die Tochter Empörung ins Feld zu führen, der Regierung keine Ruhe zu lassen, sondern auf den Straßen und Plätzen verlangen, dass diese Regierung abgesetzt wird, denn ihr wird bereits kriminelle Korruption zur Last gelegt, und dies ist das Ergebnis eines Staatsstreichs. Aus diesem Grund mangelt es der Regierung ohnehin an Legitimität.

Die Tochter Mut wird in der Bewegung für Veränderung gesehen, selbst wenn die Konfrontationen gefährlich werden können. Mut hält uns aufrecht, unterstützt uns im Kampf und kann uns in den Sieg führen. Wichtig ist, dem Rat Don Quixotes zu folgen: „Akzeptiere nicht die Niederlage, solange die letzte Schlacht nicht geschlagen ist.“

Was wir stets beachten müssen ist die Tatsache, dass die Wirklichkeit nicht nur aus dem Sichtbaren besteht wie etwas, das wir berühren können. Real ist mehr als nur das, was wir sehen können. Die Wirklichkeit trägt in sich verborgene Potenziale und Möglichkeiten, die zum Vorschein gebracht werden und neue Tatsachen werden können.

Eine dieser Möglichkeiten ist, den Artikel Nr. 1 der Verfassung anzuführen, der besagt: „Alle Macht geht vom Volk aus.“ Regierung und Politiker sind lediglich Delegierte des Volkes. Wenn sie das Volk verraten, repräsentieren sie nicht mehr das Gemeinwohl, sondern das Interesse der Unternehmen, welche ihre Wahlen finanzieren. Das Volk hat das Recht, ihnen schnell die Macht abzuerkennen, und zwar durch Direktwahlen.

„Temer raus und Direktwahlen sofort“ ist nicht nur der Slogan mancher Gruppen, sondern der großen Mehrheit. Die Tochter Mut muss diese Option als unser Recht verlangen. Dies ist das das einzige Recht, das einer Regierung, die in der Lage ist uns aus der gegenwärtigen Krise zu führen,  Autorität und Glaubwürdigkeit garantiert.

Die beiden Töchter der Hoffnung könnten ihren Weg in das Zitat von Albert Camus finden: “Inmitten des Winters entdeckte ich, dass es in mir einen unbesiegbaren Sommer gab.”

Leonardo Boff
12.06.2017

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Erklärung der Rechtswidrigkeit von Armut vor den Vereinten Nationen

Leonardo Boft
Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

Die skandalöse Zunahme der weltweiten Armut war Anlass für soziale Bewegungen, dieses Elend in der Menschheit auslöschen zu wollen.

Am 9. Mai gab es eine Veranstaltung an der Staatlichen Universität von Rosario, Argentinien, organisiert vom Vorsitzenden der Wasser-Wissenschaften, einer Abteilung der Fakultät der Sozialwissenschaften, koordiniert durch Professor Anibal Faccendi, um eine Erklärung über die Rechtswidrigkeit von Armut abzufassen. Ich hatte die Gelegenheit, daran teilzunehmen und einen Einführungsvortrag zu halten. Es geht darum, Unterstützung vom Nationalkongress zu erhalten, von der breiten Öffentlichkeit und von Menschen aus dem ganzen Kontinent, um diese Forderung den Vereinten Nationen vorzulegen, die ihr die höchste Priorität geben sollen. Bereits am 17. Oktober 1987 gründete Joseph Wresinski die ATD Internationale Bewegung (aus dem Spanischen Movimiento Internacional Actuar Todos para la Dignidad, ATD: Internationale Bewegung Handeln Aller für die Würde), die den Internationalen Tag für die Auslöschung der Armut beinhaltet. Dieses Jahr wird der Tag am 17. September in vielen Ländern begangen, die sich dieser Bewegung angeschlossen haben.

Die Erklärung von Rosario stärkte diese Bewegung, indem sie die internationalen Organe der Vereinten Nationen drängte, Hunger wirklich als rechtswidrig zu erklären. Diese Erklärung darf nicht nur auf dem Papier stehen. Es ist beabsichtigt, dass sich in den verschiedenen Institutionen der Länder, Städte, Nachbarschaften, auf den Straßen der Städte und in den Schulen Bewegungen bilden, um Menschen zu finden, die in extremer Armut leben (mit weniger als 2 $ pro Tag und ohne Zugang zur Grundversorgung) oder in einfacher Armut (mit etwas mehr als 2 $  und mit begrenztem Zugang zur Infrastruktur, zum Wohnungsmarkt, Schule und anderen minimalen humanitären Dienstleistungen). Dann sollen Solidaritätsaktionen organisiert werden, um diesen Menschen zu helfen, diese Krise mithilfe eigenen Handelns zu überwinden.

Im Jahr 2002 erklärte Kofi Annan, der ehemalige Generalsekretär, entschlossen: „Es ist unmöglich, dass die internationale Gemeinschaft die Tatsache toleriert, dass fast die Hälfte der Menschheit mit zwei Dollar am Tag oder weniger überleben muss, und dies in einer Welt von nie dagewesenem Reichtum.

Die Daten sind wahrhaftig alarmierend. OXFAM ist eine Nichtregierungsorganisation, die mit vielen anderen Organisationen in zahlreichen Ländern zusammenarbeitet und sich in den Studien über die Level der Ungleichheit in der Welt spezialisiert hat. Jedes Jahr veröffentlichen sie ihre Resultate, die immer schrecklicher werden. OXFAM geht immer nach Davos in die Schweiz, um die Daten zu veröffentlichen, welche die Reichsten der Welt enttarnen, die sich dort befinden. Im Januar 2017 deckte OXFAM auf, dass 8 Personen (von denen die meisten in Davos leben) über so viel Reichtum verfügen wie der gesammelte Reichtum von 3,6 Milliarden Menschen. Das heißt fast die Hälfte der Menschheit lebt in einem Zustand von Mangel, sei es unter extremer Armut oder einfacher Armut, während andere im skandalösesten Reichtum leben.

Wenn wir diese Daten ernst nehmen, was wir sollten, stellen wir fest, dass es einen Ozean  an Leiden, Krankheit und Tod von Millionen Kindern und Erwachsenen als direkte Folge von Hunger gibt. Dann müssen wir uns fragen: Was geschah mit dem Minimum an Solidarität? Sind wir nicht grausam und unbarmherzig gegenüber unseren Mitmenschen, die Menschen sind wie wir und die nur ein Minimum an Nahrung verlangen, so wie wir? Es macht sie krank zu sehen, wie ihre Kinder aus Hunger nicht schlafen können, und sie selbst können nur die Essensreste essen, die sie auf den großen Müllhalden einsammeln oder durch die Wohltätigkeit von Menschen oder einiger Institutionen (im Allgemeinen religiöser Art), die ihnen gerade genug zum Überleben geben.

Die Armut, die Hunger verursacht, ist mörderisch. Dies ist eine der gewalttätigsten Formen, Menschen zu demütigen, ihre Körper zu zerstören und ihre Seelen zu verwunden. Hier ist es gut, sich an die alte Weisheitslehre zu erinnern: Extreme Not kennt kein Gesetz, und Diebstahl zur Sicherung des Überlebens kann nicht als Straftat erachtet werden, denn Leben ist wertvoller als jegliche materiellen Güter.

Hunger ist heutzutage systemisch. Thomas Piketty, bekannt für seine Studien über Kapitalismus im 21. Jahrhundert, zeigte auf, wie Hunger präsent, doch versteckt ist mit 50 Millionen Menschen, die in den USA in Armut leben. In den letzten 30 Jahren, so Piketty, blieb das Einkommen der Ärmsten konstant, während das Einkommen des 1 % der Reichsten um 300 % anstieg. Piketty folgert: „Wenn nichts geschieht, um diese Ungleichheit zu überwinden, könnte das die ganze Gesellschaft zerstören. Kriminalität und Unsicherheit werden um sich greifen. Die Menschen werden mehr Angst als Hoffnung haben.“

Wir haben die Sklaverei in Brasilien abgeschafft. Doch wann werden wir den Hunger abschaffen?

Leonardo Boff
14.05.2017

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