Papst Franziskus: eine Kirche im Aufbruch – woher und wohin?

Während wir uns noch immer über die außerordentliche Enzyklika über die „Achtsamkeit für das Gemeinsame Haus“ begeistern, denken wir erneut über eine wichtige Sichtweise des Papstes nach, den treffenden Ausdruck seines Verständnisses von Kirche als „eine Kirche im Aufbruch“. Dieser Ausdruck transportiert eine verdeckte Kritik am bisherigen Kirchen-Modell. Es handelte sich um eine „eingesperrte“ Kirche, wenn man die diversen Moral- und Finanzskandale bedenkt, welche Papst Benedikt XVI zum Rücktritt zwangen, eine Kirche, die ihren wichtigsten Vorzug verloren hatte: den Moralanspruch und die Glaubwürdigkeit unter Christen in der säkularen Welt.

Doch die Vorstellung einer „eingesperrten Kirche“ hat eine noch tiefere Bedeutung, was darin begründet ist, dass der Papst von außerhalb der institutionalisierten Bereiche der alten und müden europäischen Christenheit stammt. Diese hat die Kirche in ein Verständnis gepresst, das sie für die modern Denkenden unakzeptabel machte, zur Geisel der verknöcherten Traditionen und ausgerüstet mit einer Botschaft, die die Probleme der Christen und der Welt von heute nicht ansprach. Die „Kirche im Aufbruch“ markiert einen Bruch mit diesem Zustand. Das Wort „Bruch“ ärgert die Repräsentanten des kirchlichen Establishments, doch dies macht es nicht weniger wahr. Nun stellt sich die Frage: „Aufbruch“ woher und wohin?

Wir wollen einige Schritte näher untersuchen:

Aufbruch von einer Festung-Kirche, die die Gläubigen von modernen Freiheiten abschirmt, hin zu einer Feldlazarett-Kirche, die sich um alle kümmert, die zu ihr kommen, ungeachtet der Unterschiede hinsichtlich moralischer oder ideologischer Fragen.
Aufbruch von einer um sich selbst kreisenden, absolutistischen Institutions-Kirche hin zu einer Bewegungs-Kirche, die offen ist für den universalen Dialog mit anderen Kirchen, Religionen und Ideologien.
Aufbruch von einer hierarchischen Kirche, die Ungleichheiten schafft, hin zu einer Kirche des Gottesvolkes, für die alle Brüder und Schwestern sind: eine riesige geschwisterliche Gemeinschaft.
Aufbruch von einer autoritären Kirche der Geistlichkeit, die sich von den Gläubigen abgrenzt oder diese sogar verleugnet, hin zu einer pastoralen Kirche, die gemeinsam mit dem Volk unterwegs ist, voll Barmherzigkeit und mit Stallgeruch.
Aufbruch von einer Papst-Kirche aller Christen und Bischöfe, die mit rigorosem kanonischem Recht regieren, hin zu einer Kirche des Bischofs von Rom, der in Güte vorsitzt und nur durch diese Güte zum Papst der universellen Kirche wird.
Aufbruch von einer lehrmeisterlichen Kirche der Doktrinen und Normen hin zu einer Kirche mit überraschender Praxis und liebevollen Begegnungen mit Menschen ungeachtet ihrer religiösen, moralischen oder ideologischen Zugehörigkeit. Die existenzielle Peripherie gerät so in den Mittelpunkt.
Aufbruch von einer Kirche der sakralen Macht, Pomp und Pracht mit päpstlichen Palästen und Adelstiteln aus der Renaissance hin zu einer Kirche der Armen und für die Armen, ihrer Ehrensymbole entledigt, Diener und prophetische Stimme gegen das System der Anhäufung von Reichtum, jenes Idol, welches Leid und Elend erzeugt und Menschen tötet.
Aufbruch von einer Kirche, die zu den Armen spricht, hin zu einer Kirche, die zu den Armen geht, sich mit den Armen austauscht, sie umarmt und verteidigt.
Aufbruch von einer Kirche, die sich gleichermaßen von Politik und Wirtschaftssystem distanziert, hin zu einer Kirche, die Partei für die Opfer ergreift und die Verantwortlichen der Ungerechtigkeiten beim Namen nennt, die Repräsentanten von weltweiten Sozialbewegungen nach Rom einlädt, um mit ihnen über Alternativen nachzudenken.
Aufbruch von einer sich selbst lobenden und unkritischen Kirche hin zu einer Kirche, die ehrlich mit sich selbst umgeht und mit jenen Kardinälen, Bischöfen und Theologen, die stolz auf ihre Titel sind, doch mit einem säuerlichen Karfreitags-Gesicht herumlaufen, als gingen sie zu ihrer eigenen Beerdigung, hin zu einer Kirche, die ja schließlich aus Menschen besteht.
Aufbruch von einer Kirche von Recht und Gesetz hin zu einer Kirche der Revolution der Zärtlichkeit, Barmherzigkeit und Achtsamkeit.
Aufbruch von einer Kirche der Frommen, die so sind wie die im Fernsehen auftretenden Show-Priester-Künstler des religiösen Markts hin zu einer Kirche, die sich der sozialen Gerechtigkeit und der Befreiung der Unterdrücken verschrieben hat.
Aufbruch von einer Gehorsams- und Verehrungskirche hin zu einer Kirche, die sich über das Evangelium freut und noch Hoffnung für diese Welt hat.
Aufbruch von einer weltfremden Kirche, die es möglich machte, dass es zu einer Welt ohne Kirche kam, hin zu einer Welt-Kirche, die empfindsam für die Probleme der Ökologie und der Zukunft unseres Gemeinsamen Hauses, der Mutter Erde, ist.

Diese und andere Beispiele zeigen, dass die Kirche nicht dazu verdammt ist, nur eine religiöse Mission zu sein, eingeengt in einen kleinen Bereich unserer Realität. Die Kirche besitzt auch eine sozio-politische Mission im wahrsten Sinn des Wortes, als Inspirationsquelle für die notwendigen Veränderungen, die die Menschheit erheben können zu einer Zivilisation der Liebe und des Mitgefühls, weniger individualistisch, materialistisch, zynisch und unsolidarisch.

Diese Kirche-auf-dem-Weg hat den Christen ihre Freude und Hoffnung zurückgegeben und ist wieder zu einem spirituellen Zuhause geworden.
Durch ihre Einfachheit und liebevolles Willkommenheißen hat sie die Zuneigung vieler Menschen anderer Konfessionen und von Weltbürgern im Allgemeinen und sogar von Staatsoberhäuptern erlangt, die die Person des Papstes Franziskus mit seinen überraschenden Praktiken zugunsten von Frieden, Dialog zwischen den Völkern und Verzicht auf jegliche Gewalt und Krieg, bewundern.

Mehr als Doktrin und Dogma lässt sich die Tradition Jesu zusammenfassen mit bedingungsloser Liebe, Barmherzigkeit und Mitgefühl, die durch Ihn aktualisiert wird und ihre unerschöpfliche humanisierende Energie zum Vorschein bringt. Dies ist u. a. die wahrhaft zentrale Botschaft Jesu, die von allen Menschen in allen Teilen der Welt angenommen werden kann.

Leonardo Boff
03.07.2015

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Die Magna Charta der ganzheitlichen Ökologie: Schrei der Erde – Schrei der Armen

Bevor ich mit meinem Kommentar beginne, halte ich es für sinnvoll, einige Besonderheiten der Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus hervorzuheben.

Es ist das erste Mal, dass ein Papst über das Thema Ökologie im Sinne einer ganzheitlichen Ökologie (da es über das Thema Umwelt hinaus geht) auf solch ausführliche Weise spricht. Welch große Überraschung: Er arbeitet das Thema auf dem neuen ökologischen Paradigma sorgfältig aus, was kein offizielles Dokument der UN bisher getan hat. Er stützt seine Rede mit den sichersten Daten über Biowissenschaften und die Erde. Er liest die Daten liebevoll (mit gefühlvoller Intelligenz oder Intelligenz des Herzens), da er wahrnimmt, dass sich hinter ihnen menschliche Tragödie und Leiden verbergen und auch für Mutter Erde. Die aktuelle Situation ist ernst, aber Papst Franziskus findet immer Gründe für Hoffnung und vertraut darauf, dass Menschen realisierbare Lösungen finden können. Er verbindet sich mit den Päpsten, die ihm vorangegangen sind, Johannes Paul II und Benedikt XVI, die er oft zitiert. Und etwas absolut Neues: Der Text stammt teilweise aus gemeinsamer Arbeit mit Kollegen, denn er wertschätzt die Beiträge Dutzender Bischofskonferenzen um die ganze Welt, von den USA bis nach Deutschland, von Brasilien, Patagonien-Comahue und Paraguay.

Er sammelt die Beiträge anderer Denker, wie der Katholiken Pierre Teilhard de Chardin, Romano Guardini, Dante Alighieri, des argentinischen Maestros Juan Carlos Scannone, des Protestanten Paul Ricoeur und des Sufi-Moslems Ali Al-Khawwas. Adressaten sind wir alle, Menschen und Bewohner desselben gemeinsamen Hauses (ein allgemein vom Papst gebrauchter Begriff) und leiden unter denselben Bedrohungen.

Papst Franziskus schreibt nicht als ein Meister oder Doktor des Glaubens, sondern als ein eifriger Hirte, der sich um das gemeinsame Haus aller Lebewesen sorgt, nicht nur der Menschen, sondern aller, die darin wohnen.

Ein Element lohnt, hervorgehoben zu werden, denn es bringt die „forma mentis“ (die Art, wie er sein Denken organisiert) des Papstes zum Vorschein. Dies ist ein Beitrag der pastoralen und theologischen Erfahrung der lateinamerikanischen Kirchen im Licht der Dokumente der lateinamerikanischen Bischöfe (CELAM) in Medellin (1968), Puebla (1979) und Aparecida (2007), die eine Option für die Armen, gegen Armut und für Befreiung darstellt. Die Wortwahl und der Ton der Enzyklika sind typisch für Papst Franziskus und die ökologische Kultur, die er sich angeeignet hat. Ich erkenne aber auch viele Ausdrücke und Redensarten, die sich auf das beziehen, was vor allem in Lateinamerika gedacht und geschrieben wird. Die Themen „gemeinsames Haus“ und „Mutter Erde“, „Schrei der Erde und der Schrei der Armen“, „Achtsamkeit“, „gegenseitige Abhängigkeit aller Lebewesen“, „die Armen und Verwundbaren“, der „Paradigmenwechsel“, das „menschliche Wesen als Erde, die fühlt, denkt, liebt und verehrt“, die „ganzheitliche Ökologie“ u. a. sind Themen, die bei uns an der Tagesordnung sind.

Die Struktur der Enzyklika entspricht dem methodologischen Ritual, das unsere Kirchen und theologischen Überlegungen verwenden, welche im Zusammenhang stehen mit der Befreiungspraxis, die nun auch vom Papst übernommen und abgesegnet wurde: sehen, beurteilen, handeln und zelebrieren.

Zuerst enthüllt er seine hauptsächliche Inspirationsquelle: der Hl. Franziskus, den er als „beispielhaft für verständnisvolle Achtsamkeit und Ökologie“ nennt, da er sich „insbesondere den Armen und Verlassenen widmete“ (Nr. 10, Nr. 66).

Dann fährt er fort zu sehen „was in unserem Haus geschieht“ (Nr. 17-61). Der Papst sagt: „Allein dadurch, dass wir die Realität aufrichtig betrachten, können wir sehen, dass unser gemeinsames Haus zerstört wird“ (Nr. 61). Dieser Teil beinhaltet die stimmigsten Daten über den Klimawandel (Nr. 20-22), das Thema Wasser (Nr. 27-31), das Dahinschwinden der Artenvielfalt (Nr. 32-42), die Verschlechterung der Lebensqualität der Menschen und des sozialen Lebens (Nr. 43-47), er prangert die hohe Rate an weltweiter Ungleichheit an, die alle Lebensbereiche betrifft (Nr. 48-52), deren Hauptopfer die Armen sind (Nr. 48). In diesem Teil gibt es einen Satz, der sich auf die Überlegungen aus Lateinamerika bezieht: „Wir können heute nicht ignorieren, dass ein wahrer ökologischer Zugang immer ein sozialer Zugang wird und Gerechtigkeit in Diskussionen über die Umwelt einschließen sollte, um sowohl den Schrei der Erde als auch den Schrei der Armen zu hören (Nr. 49). Dann fügt er hinzu: „Die Schreie der Erde vereinen sich mit den Schreien der Verlassenen dieser Welt“ (Nr. 53). Dies ist durchaus schlüssig, denn zu Beginn sagte er, das „wir die Erde sind“ (Nr. 2; s. Gen 2,7), ganz auf einer Linie mit dem großen argentinischen Sänger und Poeten, dem indigenen Atahualpa Yupanqui: „Menschen sind die laufende, fühlende, denkende und liebende Erde“.

Er verurteilt die vorgeschlagene Internationalisierung des Amazonas, die „ausschließlich den Interessen der Multis dient“ (Nr. 38). Er trifft eine klare Aussage von ethischem Belang: „Darum können wir stumme Zeugen schwerster Ungerechtigkeiten werden, wenn der Anspruch erhoben wird, bedeutende Vorteile zu erzielen, indem man den Rest der Menschheit von heute und morgen die extrem hohen Kosten der Umweltzerstörung bezahlen lässt“ (Nr. 36).

Traurig erkennt er an: „Niemals haben wir unser gemeinsames Haus so schlecht behandelt und verletzt wie in den letzten beiden Jahrhunderten“ (Nr. 53). Angesichts dieser Offensive der Menschen gegen Mutter Erde, die viele Wissenschaftler als den Beginn einer neuen geologischen Ära – dem Anthropozän – anprangern, bedauert er die Schwäche der Machthaber dieser Welt, die uns täuschten, „glaubten, dass alles so weitergehen könne wie bisher“, als ein Alibi, um „die selbstzerstörerischen Laster zu pflegen“ (Nr. 59) mit einem „als selbstmörderisch zu bezeichnenden Verhalten“ (Nr. 55).

Vorsichtig erkennt er die Meinungsvielfalt an (Nr. 60-61) und dass „es nicht nur einen einzigen Lösungsweg gibt“ (Nr. 60). Dennoch „ist sicher, dass das gegenwärtige weltweite System unter verschiedenen Gesichtspunkten unhaltbar ist, denn wir haben aufgehört, an den Zweck menschlichen Handelns zu denken“ (Nr. 61) und wir verlieren uns in der Schaffung von Mitteln für unbegrenzter Anhäufung von Gütern zum Preis ökologischer Ungerechtigkeit (Verschlechterung der Ökosysteme) und sozialer Ungerechtigkeit (Verarmung von Bevölkerungsgruppen). Die Menschheit hat schlicht und einfach die göttliche Hoffnung enttäuscht (Nr. 61).

Der dringende Aufruf lautet nun, „unser gemeinsames Haus zu schützen“ (Nr. 13); und dafür brauchen wir, laut Papst Johannes Paul II, „eine globale ökologische Umkehr“ (Nr. 5); „Kultur der Achtsamkeit, die die gesamte Gesellschaft erfüllt“ (Nr. 231).

Nach der Dimension des Beobachtens folgt die Dimension des Beurteilens. Das Beurteilen geschieht nach zwei Aspekten, dem wissenschaftlichen und dem theologischen.

Wir wollen uns auf den wissenschaftlichen Aspekt konzentrieren. Die Enzyklika widmete das gesamte dritte Kapitel der Analyse „der menschlichen Wurzel der ökologischen Krise“ (Nr. 101-136). Hier schlägt der Papst vor, die Technoscience vorurteilsfrei zu analysieren und anzuerkennen, dass diese „nicht nur wirklich wertvolle Dinge produzieren kann, um die Lebensqualität des Menschen zu verbessern“ (Nr. 103). Doch ist nicht dies das Problem, sondern die Unabhängigkeit, welche der Wirtschaft, der Politik und der Natur unterworfen wird zugunsten der Akkumulation von materiellen Gütern (s. Nr. 109). Technoscience nährt die falsche Annahme, dass es „eine unendliche Verfügbarkeit von Waren in der Welt gibt“ (Nr. 106), während wir wissen, dass wir die physikalischen Grenzen der Erde überschritten haben und dass viele ihrer Güter nicht erneuerbar sind. Technoscience wurde zu einer Technokratie, die sich zu einer wahren Diktatur entwickelte mit der harten Logik der Dominanz über alles und jeden (Nr. 108).

Die große, heute dominierende Illusion liegt im Glauben, dass die Technoscience alle Umweltproblem lösen könne. Dies ist ein irreführender Gedanke, denn er besteht darin, „Dinge zu isolieren, die in der Wirklichkeit miteinander verknüpft sind“ (Nr. 117), „alles steht miteinander in Beziehung“ (Nr. 120), ein Anspruch, der sich durch die ganze Enzyklika wie ein roter Faden zieht, denn dies ist ein neues, zeitgenössisches paradigmatisches Schlüsselkonzept. Die große Beschränktheit der Technokratie ist der Fakt der „Aufsplitterung des Wissens und Verlust des Sinnes für die Gesamtheit“ (Nr. 110). Das Schlimmste ist, dass anderen Lebewesen kein Eigenwert zuerkannt wird, was so weit geht, dass dem Menschen jeglicher besonderer Wert abgesprochen wird (Nr. 118).

Der Eigenwert jedes Wesens, selbst wenn es winzig ist, wird in der Enzyklika ständig betont (Nr. 69), wie es auch in der Erd-Charta geschieht. Durch das Absprechen des Eigenwerts verhindern wir, dass diese Wesen nicht mehr mit ihrer Existenz Gott verherrlichen noch uns ihre Botschaft vermitteln können (Nr. 33).

Die weiteste Abweichung der Technokratie ist der Anthropozentrismus. Dies ist die Illusion, dass Dinge insofern einen Wert besitzen, als sie für den Gebrauch durch den Menschen nützlich sind, wobei vergessen wird, dass deren Existenz einen Wert aus sich selbst heraus besitzt (Nr. 33). Wenn es stimmt, dass alles miteinander in Beziehung steht, dann „sind wir Menschen als Brüder und Schwestern vereint und miteinander verflochten durch die Liebe, die Gott für jedes seiner Geschöpfe hegt und die uns auch in zärtlicher Liebe mit „Bruder Sonne“, „Schwester Mond“, Bruder Fluss und Mutter Erde vereint“ (Nr. 92). Wie können wir erwarten, diese zu beherrschen und sie durch den engen Blickwinkel der Beherrschung durch Menschen sehen?

All diese „ökologischen Tugenden“ (Nr. 88) gehen durch den Willen zur Macht und zur Beherrschung anderer über die Natur verloren. Wir erleben einen Besorgnis erregenden „Verlust des Lebens- und Gemeinschaftssinns“ (Nr. 110). Hin und wieder zitiert er den deutsch-italienischen Theologen Romano Guardini (1885-1968), einen der meistgelesenen in der Mitte des letzten Jahrhunderts, der ein kritisches Buch über die Ansprüche der Moderne schrieb (Nr. 105, Fußnote 83): Das Ende der Neuzeit, 1958).

Die andere Seite des Urteils ist die theologische. Die Enzyklika lässt dem „Schöpfungs-Evangelium“ einen großen Raum (Nr. 62-100). Es beginnt damit, den Beitrag der Religionen und des Christentums zu rechtfertigen. Da wir es mit einer globalen Krise zu tun haben, muss jede Instanz mit ihrem religiösen Kapital zur Sorge um die Erde beitragen (Nr. 62). Er besteht nicht auf Lehrsätze, doch auf die Weisheit in den verschiedenen spirituellen Wegen. Das Christentum bevorzugt, eher von einer Schöpfung zu sprechen als von der Natur, denn „die Schöpfung steht in Beziehung zu einem Liebesprojekt Gottes“ (Nr. 76). Und er zitiert ein weiteres Mal einen wunderschönen Text aus dem Buch der Weisheit (21,24), in dem klar wird, dass „die Schöpfung in der Ordnung der Liebe angesiedelt ist“ (Nr. 77) und dass Gott als der „Herr, der das Leben liebt“ erscheint (Weish.11,26).

Der Text öffnet sich für einen von der Evolutionstheorie geprägten Blick auf das Universum, ohne das Wort zu benutzen, doch indem er dieses umschreibt, Bezug nehmend auf das Universum, das „aus offenen Systemen besteht, die miteinander in Kommunikation treten (Nr. 79). Es nutzt den Haupttext, der den inkarnierten und auferstandenen Christus mit der Welt und mit dem ganzen Universum verbindet, indem er alles, was mit der Erde zu tun hat, heiligt (Nr. 83). In diesem Zusammenhang zitiert er Pierre Teilhard de Chardin (1881-1955, Nr. 83 Zitat 53) als Vorläufer dieser kosmischen Sichtweise. Die Tatsache, dass der dreifaltige Gott göttlich ist und mit dem Volk in Beziehung steht, bedeutet, dass alle Dinge in Beziehung stehende Resonanzen der göttlichen Dreieinigkeit sind (Nr. 240).

Mit dem Zitat des Ökumenischen Patriarchen Bartholomäus der Orthodoxen Kirche „erkennt er an, dass Sünden gegen die Schöpfung Sünden gegen Gott sind“ (Nr. 7). Daher ist eine kollektive ökologische Umkehr so dringend, um die verlorene Harmonie wiederherzustellen.

Die Enzyklika hat mit diesem Teil einen gelungenen Abschluss: „Die Analyse zeigte den Bedarf nach einem Kurswechsel … wir müssen der Spirale der Selbstzerstörung entkommen, in die wir geraten sind“ (Nr. 163). Es handelt sich nicht um eine Reform, doch, um die Erd-Charta zu zitieren, um „einen Neuanfang“ (Nr. 207). Die wechselseitige Abhängigkeit aller mit allen führt uns dazu, an „eine Welt mit einem gemeinsamem Projekt“ zu glauben (Nr. 164).

Da die Wirklichkeit viele Aspekte besitzt, die eng miteinander verknüpft sind, schlägt Papst Franziskus eine „ganzheitliche Ökologie“ vor, die über die Umwelt-Ökologie hinausgeht, die wir bereits kennen (Nr. 137). Sie umspannt alle Bereiche, die Umwelt, die Wirtschaft, das Soziale, das Kulturelle und das tägliche Leben (Nr. 147-148). Nie werden die Armen vergessen, die auch menschliche und sozial-ökologische lebendige Verknüpfungen der Zusammengehörigkeit und Solidarität miteinander bezeugen (Nr. 149).

Der dritte methodologische Schritt besteht im Handeln. In diesem Teil blickt die Enzyklika auf die Hauptthemen der internationalen, nationalen und lokalen Politik (Nr. 164-181). Sie hebt die Wechselwirkung zwischen den Ökosystemen und den verschiedenen sozialen Bezugswelten hervor und benennt mit Bedauern die Schwierigkeiten, die die Vorherrschaft der Technokratie mit sich bringt, die Veränderungen zur Beschränkung des Anschaffungs- und Konsumwahns durchzuführen (Nr. 141). Wieder erwähnt er die Themen Wirtschaft und Politik, die dem Gemeinwohl dienen sollten und die Bedingungen für ein erfülltes menschliches Leben schaffen (Nr. 189-198). Aufs Neue betont er den Dialog zwischen Wissenschaft und Religion, wie der bekannte Biologen Edward O. Wilson in seinem Buch: Creation: how to save life on Earth, 2008. Alle Religionen „sollten nach der Schonung der Natur und nach der Verteidigung der Armen streben“ (Nr. 201).

Immer noch unter dem Aspekt des Handelns fordert er die Bildung heraus im Sinne der Schaffung eines „ökologischen Bürgertums“ (Nr. 211) und eines neuen Lebensstils, der auf Achtsamkeit begründet ist, auf Mitgefühl, gemeinsamer Bescheidenheit, Verbindung zwischen Menschlichkeit und Umwelt beruht, da beide untrennbar miteinander verbunden sind, und auf die Mitverantwortung für alles Lebendige und für unser gemeinsames Geschick (Nr. 203-208).

Schließlich geht es um das Zelebrieren. Die Zelebration findet in einem Kontext der „ökologischen Bekehrung“ (Nr. 216) statt und sie beinhaltet eine „ökologische Spiritualität“ (Nr. 216). Dies geht weniger auf theologische Doktrin zurück als auf die Beweggründe, die sich aus der Spiritualität ergeben, um sich um das gemeinsame Haus zu sorgen und „eine Leidenschaft für den Umweltschutz zu fördern“ (Nr. 216). Eine solche mystische Erfahrung ist es, die Menschen dazu bewegt, in einem ökologischen Gleichgewicht zu leben „im Gleichgewicht mit sich selbst, solidarisch mit den anderen, im natürlichen Gleichgewicht mit allen Lebewesen und im geistlichen mit Gott“ (Nr. 210). Dies scheint die Weisheit zu sein, dass „Weniger mehr ist“ und dass wir auch mit Wenigem glücklich sein können.

Im Sinne von Zelebrieren „ist die Welt mehr als ein zu lösendes Problem, sie ist ein freudiges Geheimnis, das wir mit frohem Lob betrachten“ (Nr. 12).
Der zärtliche und geschwisterliche Geist des Hl. Franz von Assisi ist im gesamten Text der Enzyklika Laudato si präsent. Die aktuelle Situation stellt keine angekündigte Tragödie dar, sondern eine Herausforderung für uns, für das gemeinsame Haus und füreinander zu sorgen.

Der Text betont Poesie und Freude im Geist und unzerstörbare Hoffnung, dass, wenn die Bedrohung groß ist, die Gelegenheit zum Lösen unserer Umweltprobleme umso größer ist.

Der Text endet auf poetische Weise mit den Worten: „Jenseits der Sonne“: „Gehen wir singend voran! Mögen unsere Kämpfe und unsere Sorgen um diesen Planeten uns nicht die Freude und die Hoffnung nehmen“ (Nr. 244).

Ich möchte mit den Abschlussworten der Erd-Charta, die der Papst selbst zitiert (Nr. 207) enden: „Lasst uns unsere Zeit so gestalten, dass man sich an sie erinnern wird als eine Zeit, in der eine neue Ehrfurcht vor dem Leben erwachte, als eine Zeit, in der nachhaltige Entwicklung entschlossen auf den Weg gebracht wurde, als eine Zeit, in der das Streben nach Gerechtigkeit und Frieden neuen Auftrieb bekam, und als eine Zeit der freudigen Feier des Lebens.“

Leonardo Boff

22.06.2015

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Es muss einen Weg aus der aktuellen Krise geben

Die Politik- und Wirtschaftskrise, die wir zurzeit erleben, schafft eine Gelegenheit zu wahrhaft tiefgehenden Veränderungen, wie z. B. einer Politik-, Zins- und Agrar-Reform. Um das Richtige im Blick zu haben, ist es wichtig, zunächst einige Fakten zu bedenken.

 Als erstes müssen wir die Krise als Teil der großen Krise der Menschheit als Ganze ansehen, statt sie innerhalb unserer Situation und außerhalb des aktuellen Laufes der Geschichte anzusiedeln. Die Krise Brasiliens zu betrachten und dabei die Weltkrise außer Acht zu lassen heißt, nicht über die Krise Brasiliens nachzudenken. Wir sind Teil eines größeren Ganzen. In unserem Fall können wir nicht der Aufmerksamkeit der größeren Staaten und großen Unternehmen entrinnen, wie die G7 erachtet, wo sich die wesentlichen Reichtümer für die ökologische Basis der zukünftigen Wirtschaft konzentrieren: die Fülle an Trinkwasser, die großen feuchten Urwälder, eine immense Artenvielfalt und 6 Millionen Hektar Agrarland. Diese imperiale Strategie interessiert es nicht, dass es im südlichen Atlantik eine Nation gibt, so groß wie ein Kontinent, die mit den globalen Interessen nicht konform geht und im Gegenteil einen unabhängigen Weg für ihre eigene Entwicklung sucht.

 Zum Zweiten gibt es einen historischen Hintergrund für die aktuelle Krise Brasiliens, den wir nicht vergessen dürfen. Wie unsere großen Historiker bestätigen, hat es nie eine Regierung gegeben, die der großen Mehrheit, den Nachkommen der Sklaven, der indigenen Bevölkerung und den verarmten Bevölkerungsgruppen, eine adäquate Aufmerksamkeit hätte zukommen lassen. Sie wurden als Tagelöhner und als wahrhafte Niemande angesehen. Der Staat, den sich von Beginn unserer Geschichte an die besitzende Klasse angeeignet hatte, war nicht willens, deren Bedürfnissen nachzukommen.

 Drittens müssen wir anerkennen, dass als Ergebnis einer schmerzvollen und blutigen Geschichte von Kämpfen und zu überwindenden Hindernissen aller Art eine andere soziale Basis als politische Macht entstand, die nun den Staat und all seine Strukturen bestimmt. Aus einem elitären und neoliberalen Staat wurde ein republikanischer und sozialer Staat, der inmitten von großen Schwierigkeiten und Konzessionen gegenüber den dominanten nationalen und internationalen Kräften es schaffte, diejenigen ins Zentrum des Interesses zu stellen, die immer am Rand gestanden hatten. Die Tatsache, dass die Regierung der Arbeiterpartei (PT) 36 Millionen Brasilianer aus dem Elend hob und ihnen Zugang zu den fundamentalen

Grundgütern des Lebens verschaffte, ist von unleugbarer historischer Tragweite. Was wollen diese bescheidenen Menschen von der Erde? Gesicherten Zugang zu den grundlegenden Gütern, die ihnen das Überleben sichern. Dieses Ziel wird durch die Bolsa Familia, Mein Haus Mein Leben, Licht Für Alle und andere soziale und kulturelle politische Errungenschaften erreicht, ohne die die Armen nie in der Lage wären, Berufe zu ergreifen wie die von Anwälten, Ärzten, Ingenieuren, Lehrern o. ä.

 Wie auch immer man diese Maßnahmen bezeichnen will, so waren sie doch hilfreich für den immensen Großteil der brasilianischen Bevölkerung. Hat der Staat nicht das Recht, die Sicherung des Überlebens seiner Bürger als seine erste Pflicht anzusehen? Warum ergriffen die Regierungen der vergangenen Jahrhunderte nicht solche Initiativen? War ein Präsident der Arbeiterpartei nötig, um all dies zu erreichen? Die Arbeiterpartei (PT) und ihre Verbündeten vollbrachten diese historische Meisterleistung, und nicht ohne eine starke Opposition derer, die auf „diese wirtschaftlichen Nullen“ herabschauten, wie dies Darcy Ribeiro, Capistrano de Abreu, Jose Honorio Rodrigues, Raymundo Faorom und letztens auch auch Luiz Gonzaga de Souza Lima taten. Und noch immer schauen sie auf sie herab.

Manche Teile der privilegierten Oberschicht schämen sich ihrer und verachten sie. Neben der verständlichen Empörung und Wut über die Korruptionsskandale und Hegemonie innerhalb der PT gibt es in diesem Land immer noch Hass. Diese alten Eliten mit ihren Kommunikationsmitteln, gekennzeichnet durch reaktionäre Haltung und Ideologie des rechten Flügels, unterstützt durch die alte Oligarchie, die sich von der modernen offeneren und nationalistischen unterscheidet, die teilweise die Projekte der PT unterstützt, akzeptierten nie eine vom Volk bestimmte Regierung. Sie tun ihr Bestes, um die Regierung der PT zu behindern, und zu diesem Zweck bedienen sie sich der Verdrehung der Tatsachen, Verleumdungen und Lügen, ohne sich zu schämen.

 Zwei Strategien wurden durch den rechten Flügel, dem es gelungen ist, sich zu vereinen, erdacht, um die zentrale Macht wiederzuerlangen, die er durch die Wahlen verloren hatte, doch haben diese noch keine Form angenommen.

Die erste dieser Strategien besteht darin, in der Gesellschaft eine Situation permanenter politischer Krise aufrecht zu erhalten, um Präsidentin Dilma in ihrer Regierungsausübung zu behindern. Zu diesem Zweck organisieren sie Straßen-Demonstrationen, Picknicks mit Kasserollen, vollen Töpfen – sie wussten ja noch nie, was es bedeutet, einen leeren Topf zu haben – oder unter Offenbarung großen Bildungsmangels die Präsidentin bei öffentlichen Auftritten systematisch auszubuhen.

 Die zweite Strategie besteht in einem Prozess, an der PT-Regierung herum zu kritisieren, sie als inkompetent und ineffizient zu verleumden und die Leitung des ehemaligen Präsidenten Lula zu diffamieren, Fakten darüber zu verdrehen und Lügen zu verbreiten, die, einmal entlarvt, nicht zurückgenommen werden. Sie hoffen, auf diese Weise die Kandidatur und Wiederwahl im Jahr 2018 zu unterminieren.

 Diese Art der Vorgehensweise zeigt nur, dass wir noch immer eine Demokratie von sehr geringer Intensität haben. Die kürzlich geschehenen provokativen und rachevollen Taten durch die Vorsitzenden beider Häuser, beide von der PMDB, bestätigen, was der UNB Soziologe, Pedro Demo, in seiner Einführung in die Soziologie (Introduzión a la sociologia, 2002) schrieb: „Unsere Demokratie ist die nationale Repräsentation raffinierter Scheinheiligkeit, voller „schöner“ Gesetze, die stets von der dominierenden Elite gemacht werden, damit sie von Anfang bis Ende nur ihnen nützlich sind. Die Politiker sind Leute, die sich dadurch kennzeichnen, dass sie viel Geld verdienen, wenig arbeiten, Handel treiben, Vetternwirtschaft betreiben, sich auf Staatskosten bereichern und gleich in die obersten Ränge der Wirtschaft einsteigen… Wenn wir Demokratie mit sozialer Gerechtigkeit gleichsetzen wollten, wäre die Demokratie ihre eigene Negierung.“ (S. 330-333).

 Wir werden weder die Krise bewältigen noch die Revanchisten und diejenigen mit Staatsstreich-Mentalität überwinden, ohne eine Politik- Zins- und Agrarreform durchzuführen. Andernfalls wird unsere Demokratie kraftlos und blind sein.

 Leonardo Boff
21.06.2015

 

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Das Zeitalter der Großen Transformationen

Wir leben im Zeitalter der Großen Transformationen. Es gibt viele davon, aber ich möchte hier nur zwei nennen: die erste bezieht sich auf die Ökonomie, die zweite auf den Bereich des Bewusstseins

1. Ökonomie: Es begann im Jahr 1834, als sich die industrielle Revolution in England festigte. Dabei haben wir es mit einer Bewegung von einer Markt-Wirtschaft hin zu einer Markt-Gesellschaft zu tun. Den Markt hat es schon immer in der Geschichte der Menschheit gegeben, doch noch nie zuvor gab es eine Gesellschaft, die nur aus Markt bestanden hätte. In anderen Worten: alles was zählt, ist die Ökonomie. Alles andere muss dieser dienen.

Der vorherrschende Markt wird eher durch Konkurrenz als durch Kooperation bestimmt. Angestrebt wird Profit für das Individuum oder für den Konzern, nicht jedoch das Gemeinwohl für die gesamte Gesellschaft. Die Kosten, um diesen Profit zu erreichen, bestehen gewöhnlich in der Umweltzerstörung und in der Schaffung perverser sozialer Ungleichheiten.

Es heißt, der Markt müsse frei sein, und der Staat wird als dessen großes Hindernis angesehen. Der Auftrag des Staates besteht in Wirklichkeit darin, die Gesellschaft und Ökonomie durch Gesetze und Normen zu ordnen und das Streben nach dem Gemeinwohl zu koordinieren. Die Große Transformation setzt einen minimalen Staat voraus, der praktisch auf Zwecke reduziert wird, die sich auf die Infrastruktur, Finanzverwaltung und Sicherheit beschränken. Alles andere gehört zum Markt und wird durch diesen reguliert.

Alles kann dem Markt zugewiesen werden: Trinkwasser, Saatgut, Lebensmittel und sogar menschliche Organe. Die Vermarktung ist in alle Sektoren der Gesellschaft eingedrungen: Gesundheit, Bildung, Sport, Kunst und Unterhaltung und sogar wichtige Bereiche von Religion und Kirchen mit ihrem Fernseh- und Radioprogramm.
Das Organisieren der Gesellschaft ausschließlich um die ökonomischen Interessen des Marktes hat die Menschheit von Grund auf gespalten: eine enorme Kluft ist zwischen Arm und Reich entstanden. Eine perverse soziale Ungerechtigkeit ist vorherrschend.

Gleichzeitig wurde eine schreckliche ökologische Ungerechtigkeit geschaffen. Im Eifer des Akkumulierens wurden Naturgüter und Bodenschätze auf räuberische Weise, grenzenlos und völlig respektlos ausgebeutet. Das Ziel ist, immer reicher zu werden, um noch intensiver konsumieren zu können.

Diese Unersättlichkeit hat die Grenzen der Erde selbst überschritten. Die Naturgüter und –dienste der Erde sind nicht mehr völlig ausreichend und erneuerbar vorhanden. Dies macht es für das kapitalistische Produktionssystem schwierig, wenn nicht unmöglich, sich auf konstante Weise zu regenerieren. Dies ist die Krise.

Durch ihre interne Logik verursacht diese Transformation den Biozid, Ökozid und Geozid. Das Leben selbst ist in Gefahr, und die Erde wird uns möglicherweise nicht mehr auf sich ertragen wollen, da wir zu destruktiv sind.

Die zweite Große Transformation entsteht auf dem Feld des Bewusstseins. Da der Schaden, der der Natur zugefügt wird und auch die Lebensqualität beeinträchtigt, sich ausbreitet, wächst auch das Bewusstsein, dass 90 % dieses Schadens auf die unverantwortliche und unvernünftige Haltung von Menschen zurückzuführen ist, insbesondere auf die Haltung derjenigen ökonomischen, politischen, kulturellen und medialen Eliten, die die großen multilateralen Konzerne umfassen und die die Kontrolle über das Geschick der Welt übernommen haben.

Wir müssen dringend diese Bewegung in Richtung Abgrund stoppen. Die erste globale Studie über den Status der Erde wurde 1972 durchgeführt. Sie zeigte, dass es der Erde nicht gut ging. Die Hauptursache ist die Art von Entwicklung, die die Gesellschaft eingeschlagen hat und die die Limits der Natur und die Kapazität des Planeten Erde überschreitet. Ja, wir müssen produzieren, um die Menschheit zu ernähren, doch in einer Art und Weise, die die Rhythmen der Natur und deren Grenzen respektiert, ihr ermöglicht, sich zu erholen und zu erneuern. Dies nannte man nachhaltige Entwicklung im Gegensatz zum rein materiellen Wachstum, wie es das BSP misst.

Im Namen dieses Bewusstseins und seiner Dringlichkeit entstanden das Prinzip Verantwortung (Hans Jonas), das Prinzip Achtsamkeit (Boff u. a.), das Prinzip Nachhaltigkeit (Brundland Report), das Prinzip Kooperation (Heisenberg/Wilson/Swimme), das Prinzip Prävention/Vorsorge (1992 Brief der UN aus Rio de Janeiro), das Prinzip Mitleid (Schopenhauer/Dalai Lama) und das Prinzip Erde (Lovelock und Evo Morales), in dem die Erde als ein lebendiger Super-Organismus verstanden wird, der stets bereit ist, Leben hervorzubringen.

Die ökologische Überlegung wurde komplex. Sie kann nicht nur auf Umweltschutz reduziert werden. Die Ganzheit des Weltensystems steht auf dem Spiel. Daher entstand eine Umwelt-Ökologie, deren Ziel die Lebensqualität ist; eine soziale Ökologie, die einen nachhaltigen Lebensstil anstrebt (Produktion, Verteilung, Konsum und Müllverarbeitung); eine mentale Ökologie, die Vorurteile und solche Weltvisionen kritisiert, die dem Leben gegenüber feindlich gesonnen sind, und die ein neues Design für die Zivilisation vorschlägt, das auf den Prinzipien und Werten für eine neue Art, das Gemeinsame Haus zu bewohnen, basiert; und schließlich eine integrale Ökologie, die anerkennt, dass die Erde Teil eines Universums in Evolution ist und dass wir in Harmonie mit dem Ganzen leben müssen, die komplex und zweckdienlich ist. Daraus resultiert Frieden.

Dann wird klar, dass Ökologie eine Kunst ist, ein neuer Weg, sich mit der Natur und der Erde in Beziehung zu setzen, mehr als eine Technik zum Verwalten rarer Naturgüter.

Überall auf der Welt entstanden Bewegungen, Institutionen, Organismen, NGOs und Forschungszentren, die sich um die Erde sorgen, insbesondere um alle Lebewesen.

Wenn das Bewusstsein für Achtsamkeit und für unsere kollektive Verantwortung für die Erde und für unsere Zivilisation triumphiert, dann werden wir sicher noch eine Zukunft haben.

Leonardo Boff
14.06.2015

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Was werden unsere Kinder und Enkel zu uns sagen?

Alle Länder, vor allem diejenigen, die wie Brasilien im Jahr 2015 eine Finanzkrise erleiden, sind von einer beständigen Vorstellung besessen: Wir müssen wachsen; wir müssen das Wachstum des BSP sichern, d. h. die Summe allen im Lande erschaffenen Reichtums. Dieses Wirtschaftswachstum betrifft grundlegend die Produktion materieller Güter. Es schafft einen hohen Grad an sozialer Ungleichheit (Arbeitslosigkeit und Lohnkürzungen) und führt zu einer perversen Zerstörung der Umwelt (Erschöpfung der Ökosysteme).

Tatsächlich sollten wir zuerst über die Art der Entwicklung sprechen, die essentielle nicht-materielle Elemente beinhaltet, vor allem solche subjektiven und humanistischen Dimensionen wie die Ausdehnung der Freiheit, Kreativität und der Möglichkeiten, sein Leben selbst zu gestalten. Leider sind wir alle von diesem Wachstum in Geiselhaft genommen. Vor langem wurde das Gleichgewicht zwischen Wachstum und Umweltschutz zugunsten des Wachstums zerstört. Der Konsum übersteigt bereits um 40 % die Kapazitäten unseres Planeten, seine Ressourcen zu erneuern. Und die Erde ist dabei, ihre Nachhaltigkeit zu verlieren.

Wir wissen inzwischen, dass die Erde ein sich selbst regulierendes Lebenssystem ist, in dem alle Faktoren interagieren (Gaia-Theorie), um ihre Ganzheit aufrechtzuerhalten. Doch ihre Selbstregulierung funktioniert nicht mehr. Daher kommt der Klimawandel, gibt es extreme Ereignisse (starke Winde, Tornados, Klimaderegulierung) und die globale Erwärmung, die uns mit schweren Katastrophen böse überraschen kann).

Die Erde sucht ein neues Gleichgewicht, indem sie ihre Temperatur um 1,4 bis 5,8 Grad erhöht. Dies würde zu einer Ära großer Zerstörungen führen (Anthropozän) mit gestiegenem Meereslevel, von denen mehr als die Hälfte der Menschheit betroffen sein werden, die an den Küsten leben. Tausende von lebendigen Organismen würden nicht genug Zeit haben, um sich anzupassen oder die schädigenden Auswirkungen abzumildern, und würden von der Erdoberfläche verschwinden. Ein Großteil der Menschheit selbst, bis zu 80 % sagen manche, könnten auf einem Planeten, dessen physikalisch-chemische Grundlage so profund verändert wäre, nicht überleben.

Der Umweltforscher Washington Novaes ist sich gewiss: „Jetzt geht es nicht mehr darum, sich um die Umwelt zu kümmern, sondern darum, die Limits, die das Leben gefährden könnten, nicht zu überspannen.“ Manche Wissenschaftler behaupten, wir hätten den Punkt des No-Return erreicht. Die auf uns zukommende Krise lässt sich verlangsamen, nicht aber stoppen.

Diese Frage ist unbequem. In ihren offiziellen Reden sprechen Staatsoberhäupter, Geschäftsleute und – noch schlimmer – die wichtigsten Ökonomen selten die Grenzen des Planeten und die daraus resultierenden Probleme für unsere Zivilisation an. Wir wollen nicht, dass unsere Kinder und Enkel uns verfluchen, wenn sie auf die Vergangenheit schauen, denn obwohl wir von den Gefahren wussten, taten wir nichts oder wenig, um die Tragödie zu vermeiden.

Der Fehler eines jeden muss möglicherweise wortwörtlich den merkwürdigen Anweisungen von Lord Keynes folgen, um der großen Depression der 1930er Jahre zu entrinnen:

„Mindestens ein Jahrhundert lang machten wir uns selbst und allen anderen vor, dass Schönes schmutzig ist und dass Schmutziges schön ist, denn das Schmutzige ist nützlich, und das Schöne ist nutzlos. Gier, Profitsucht, Misstrauen müssen unsere Götter sein, denn diese werden uns zum Ende des Tunnels ökonomischen Bedarfs ans Tageslicht führen … Nach all dem wird die Rückkehr zu einigen sichereren und gewissen Prinzipien von Religion und traditionellen Tugenden erfolgen: dass Gier ein Laster ist, Profitsucht ein Verbrechen und die Liebe zum Geld verachtenswert“ (Economic Possibilities of our Grand-Children – Ökonomische Möglichkeiten unserer Enkel). So denken die Hauptverantwortlichen für die Krise von 2008, die niemals bestraft wurden.

Es ist höchste Zeit, dass wir unsere Ziele neu definieren und nach den geeignetsten Mitteln forschen, um sie zu erreichen. Es kann bei ihnen nicht länger darum gehen, zu produzieren, während die Natur zerstört wird, und grenzenlos zu konsumieren. Niemand hat eine Lösung für diese Zivilisationskrise. Doch wir vermuten, dass wir uns von der Weisheit der Natur selbst leiten lassen müssen: Respekt für ihren Rhythmus aufbringen, für ihre Belastungskapazität, das Hauptaugenmerk nicht auf Wachstum, sondern auf Nachhaltigkeit legen. Würden unsere Produktionsweisen die natürlichen Zyklen respektieren, dann gäbe es sicher genug für alle und wir würden die Natur, deren Teil wir sind, bewahren.

Wir bekleben die Wunden der Erde mit Pflaster. Linderung keine Lösung. Wir beschränken uns vor allem aufs Lindern und habe dabei die Illusion, wir lösten die dringenden Probleme, bei denen es um Leben und Tod geht.

Leonardo Boff
04.06.2015

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Wodurch wir der Kultur des Kapitals Fortbestand verleihen

Im vorangehenden Artikel „Die kapitalistische Kultur ist lebens- und glücksfeindlich“ ging es uns darum, in der Theorie aufzuzeigen, dass alle Kraft für deren Fortbestand und Reproduktion in der Bekräftigung des einen Aspekts unserer Natur liegt, nämlich der Selbstbestätigung, der Stärkung des Egos, so dass sie weder verschwindet noch durch andere Kulturen assimiliert wird. Doch dieser Ansatz verkleinert oder leugnet sogar einen anderen, ebenfalls natürlichen Aspekt, nämlich den der Integration des Selbst und des Individuums in ein Ganzes, in die Spezies, die es repräsentiert.

Dies reicht jedoch noch nicht aus, um diese Überlegung abzuschließen. Neben der ersten Feststellung muss noch eine andere Kraft benannt werden, die den Fortbestand der kapitalistischen Kultur sicherstellt. Es ist die Tatsache, dass wir, die Mehrheit der Gesellschaft, die „Werte“ und den grundlegenden Zweck des Kapitalismus, nämlich die beständige Profitsteigerung, verinnerlicht haben, die den unbegrenzten Konsum von materiellen Gütern erlaubt. Diejenigen, die nicht besitzen, möchten besitzen. Diejenigen, die besitzen, möchten mehr besitzen. Und diejenigen, die mehr besitzen, sagen: „Es gibt nie genug.“ Und für die überwiegende Mehrheit sind Wettbewerb – nicht Solidarität – und die Übermacht des Stärkeren über allen anderen Werten in sozialen Beziehungen, vor allem im Geschäftlichen, vorherrschend.

Der Schlüssel zur Aufrechterhaltung der Kultur des Kapitals ist die Konsumkultur, die des ständigen Kaufens neuer Produkte: ein neues Smartphone mit noch mehr Apps, ein noch ausgefeilterer Computer, ein Paar Schuhe oder Kleidung in neuem Stil, mehr Kredite auf der Bank, um das Kaufen und Konsumieren zu erleichtern, die unkritische Aufnahme von Produktwerbung etc.

Eine Mentalität ist entstanden, für die all diese Dinge als selbstverständlich hingenommen werden. Auf Partys unter Freunden oder in der Familie und in den Restaurants isst man sich satt, während zur selben Zeit in den Nachrichten von Millionen hungernden Menschen die Rede ist. Nicht vielen fällt dieser Widerspruch auf, denn die Kultur des Kapitals lehrt uns, uns zuerst um uns selbst zu kümmern und uns nicht um die anderen oder um das Gemeinwohl zu sorgen. Dies, wie wir bereits oft erwähnten, ist schon seit langer Zeit so.

Doch es reicht nicht aus, die Konsumkultur zu kritisieren. Wenn es sich um ein systemisches Problem handelt, müssen wir ein anderes System voranbringen, eines, das antikapitalistisch ist, sich nicht um die Produktion dreht und sich gegen unbegrenztes lineares Wachstum wendet. Dem kapitalistischen Credo: „Es gibt keine Alternative“ müssen wir ein humanistisches Credo entgegensetzen: „Es gibt eine Alternative“.

Alternativen können überall gefunden werden. Ich werde hier nur drei Beispiele nennen: das Konzept des „guten Lebens“ der Andenvölker, das seit Jahrhunderten Bestand hat, ungeachtet der vielen Versuche, es zu zerstören, zu unterwerfen oder zu assimilieren; doch das einige Sektoren der Gesellschaft kürzlich anzuerkennen und zu schätzen gelernt haben um seiner Wohltaten für die Menschheit willen, einschließlich der Harmonie und des Gleichgewichts unter all den Bereichen der Familie, innerhalb der Gesellschaft (Gemeinschafts-Demokratie), mit der Natur (dem Wasser, der Erde, den Landschaften) und mit Pacha-Mama, der Mutter Erde. Die Ökonomie der Andenvölker ist nicht durch Akkumulation geprägt, sondern durch die Produktion dessen, was für alle ausreichend und vernünftig ist.

Ein zweites Beispiel: der täglich wachsende Öko-Sozialismus. Er steht nicht in Verbindung mit dem zuvor existierenden Sozialismus (bei dem es sich tatsächlich um Staatskapitalismus handelte), sondern stammt von den Idealen des klassischen Sozialismus ab, von Gleichheit, Solidarität, Unterwerfung des Wechselkurses unter den Gebrauchswert, gemeinsam mit den Idealen moderner Ökologie. Er wurde glänzend durch Michael Löwy in „Was ist Öko-Sozialismus“ (Qué es el ecosocialismo, Cortez, 2015) vorgestellt, sowie von anderen in diversen Ländern, einschließlich der bedeutenden Beiträge von James O’Connor und Jovel Kovel. Diese sehen Wirtschaft als eine Funktion der sozialen Bedürfnisse und des Bedürfnisses, das Lebenssystem und den Planeten als Ganzes zu beschützen. Die Ziele des demokratischen Sozialismus, nach O’Connor, wären demgemäß demokratische Kontrolle, soziale Gleichheit und die Vorherrschaft des Gebrauchswertes. Löwy fügt hinzu, dass „eine solche Gesellschaft ein kollektives Besitztum der Produktionsmittel voraussetzt, eine demokratische Planung, die eine Gesellschaft dazu führen kann, ihre Ziele von Produktion und Investition zu definieren sowie eine neue technologische Struktur der Produktionskräfte.“ (a.a.O. S. 45-46). Sozialismus und Ökologie haben die gleichen qualitativen Werte wie Kooperation, Verkürzung der Arbeitszeit, um in einem freien Staat koexistieren, kreieren, Kultur und Spiritualität verfolgen und die verarmte Natur wiederherstellen zu können. Dies sind Werte, die nicht auf einen Marktwert reduziert werden können. Dieses Ideal liegt in Reichweite der historischen Möglichkeiten und umfasst Praktiken, die dies vorwegnehmen (wie z. B. bei den Andenvölkern, wie oben beschrieben).

Ein drittes Kulturmodell würde ich den „Franziskanischen Weg“ nennen. Franz von Assisi, den Franziskus von Rom auf seine Weise aktualisiert, ist mehr als ein Name oder ein religiöses Ideal; es ist ein Lebensprojekt, ein Geist und eine Seinsweise. Der Franziskanische Weg versteht Armut nicht als den Zustand, nichts zu besitzen, sondern als die Fähigkeit stets in der Lage zu sein, sich von sich selbst zu lösen und so immer wieder zu geben. Er umfasst die Einfachheit des Lebens, des Konsums als gemeinsame Bescheidenheit, als Sorge für die Bedürftigen, als universelle Verschwisterung mit allen Geschöpfen der Natur, die als Brüder und Schwestern respektiert werden, als Lebensfreude, als die Fähigkeit, zu tanzen und zu singen, sogar provenzalische cantilenae amatoriae, Liebeslieder. In politischer Sprache ausgedrückt würde es sich eher um einen Sozialismus der Angemessenheit und der Genügsamkeit handeln als des Überflusses und folglich ein radikal anti-kapitalistisches Projekt, das sich gegen das Anhäufen materieller Güter richtet.

Sind dies Utopien? Ja, doch sie sind notwendig, um nicht in purem Materialismus zu ertrinken. Sie sind Utopien, aber nach der unausweichlich auf uns zukommenden großen systemischen sozio-ökologischen Krise – eine Reaktion der Erde selbst, die eine solche Zerstörung nicht länger ertragen kann – können sie sich als inspirierende Referenzpunkte erweisen. Diese kulturellen Werte werden ein neues Zivilisations-Experiment voranbringen, und zwar eines, das endlich gerecht, spirituell und menschlich sein wird.

Leonardo Boff
25.05.2015

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Die kapitalistische Kultur ist lebens- und glücksfeindlich

Der Niedergang der Theorie, die dem Kapitalismus als eine Produktionsform zugrunde liegt, nahm seinen Anfang mit Karl Marx und schritt fort durch das 20. Jahrhundert mit dem Aufkommen des Sozialismus. Um seinen Hauptzweck, dem unbegrenzten Anhäufen von Reichtum, zu erreichen, steigerte der Kapitalismus alle zur Verfügung stehenden Produktionskräfte. Doch als Resultat war von Anfang an ein hoher Preis zu zahlen: eine perverse soziale Ungleichheit. Ethisch-politisch ausgedrückt bewirkt er soziale Ungerechtigkeit und das systematische Anwachsen von Armut.

In den vergangenen Jahrzehnten wurde den Menschen bewusst, dass es nicht nur soziale Ungerechtigkeit gibt, sondern auch ökologische Ungerechtigkeit: die Zerstörung des gesamten Ökosystems, der Raubbau von Bodenschätzen und schließlich eine allgemeine Krise des Lebens- und Erdsystems. Produktive Kräfte wurden in destruktive Kräfte verwandelt. Geld ist zum Selbstzweck geworden. So warnte Papst Franziskus in allgemein bekannten Abschnitten des Apostolischen Schreibens über die Ökologie: „Im Kapitalismus regiert nicht mehr der Mensch, sondern das Geld und nochmals das Geld. Der Antrieb ist der Profit … Ein Wirtschaftssystem, das sich um den Gott Geld dreht, bedarf des Raubbaus der Natur, um seinen inhärenten frenetischen Konsumrhythmus beizubehalten.

Jetzt hat der Kapitalismus sein wahres Gesicht gezeigt: Wir haben es mit einem System zu tun, das gegen das Leben der Menschen und das Leben der Natur ist. Und wir stehen vor einem Dilemma: entweder ändern wir uns, oder wir laufen Gefahr, uns selbst zu zerstören, wie die Erd-Charta warnt.

Nichtsdestoweniger besteht der Kapitalismus weltweit als dominantes System fort unter dem Namen der neo-liberalen Markt-Makroökonomie. Worauf beruhen seine Dauer und sein Fortbestand? Meiner Meinung nach auf der Kultur des Kapitals. Die Kultur des Kapitals ist mehr als ein Produktionsmodus. Als eine Kultur verkörpert sie eine Lebensweise eine Produktionsweise, eine Konsumweise, die Art des Verhältnisses zu Natur und zum Menschen, die Art, wie man ein System schafft, dem es gelingt, sich selbst ständig zu reproduzieren unabhängig von der Kultur, in der es sich befindet. Er hat eine Mentalität geschaffen, eine Art der Machtausübung und einen ethischen Kodex. Fabio Konder Comparato streicht dies in seinem Buch „A civilização capitalista“ (Eine kapitalistische Kultur), (Saraiva, 2014) heraus, das sich zu lesen lohnt: „Der Kapitalismus ist die erste Welt-Zivilisation der Geschichte“ (S. 19). Voller Stolz bekräftigt der Kapitalismus: „Es gibt keine Alternative“.

Wir wollen uns kurz einige seiner Charakteristika vor Augen halten: der Endzweck des Lebens besteht im Ansammeln von materiellen Gütern durch unbegrenztes Wachstum, hergestellt durch grenzenlose Ausbeutung aller natürlichen Ressourcen, durch die Vermarktung von allem und jedem und mithilfe von Finanzspekulation. All dies wird durch geringstmögliches Investieren erreicht, im Streben nach dem größtmöglichen Profit, durch Effizienz und in kürzest möglicher Zeitspanne. Der Motor heißt Wettbewerb, angetrieben durch Werbung, der zuletzt Begünstigte ist das Individuum, das Versprechen heißt Glück in einem puren materialistischen Kontext.

Zu diesem Zweck übernimmt der Kapitalismus die Macht über die gesamte Lebenszeit des Menschen und lässt ihm keinen Raum für unnötige Aktivitäten, für geschwisterliche Koexistenz unter Menschen und mit der Natur, für Liebe, für solidarische Bekenntnisse und für die Erfahrung von Lebensfreude durch einfaches Leben. Da solche Realitäten für die Kultur des Kapitals nicht wichtig sind, aber die Realitäten sind, die Glück möglich machen, zerstört der Kapitalismus die nötigen Bedingungen für das, was er anbietet: Glück. Auf diese Weise richtet sich Kapitalismus nicht nur gegen das Leben, sondern auch gegen das Glück.

Wie sich daraus folgern lässt, sind diese Ideale nicht gerade das, was am dringendsten für die endliche und einzige Zeit, die wir in unsrem Leben auf diesem kleinen Planeten haben, brauchen. Der Mensch hungert nicht nur nach Brot und Reichtum; der Mensch trägt auch andere Bedürfnisse in sich, wie die nach Kommunikation, Verzauberung, liebende Leidenschaft, Schönheit, Kunst und den Hunger nach Transzendenz und vielem anderen mehr.

Doch wieso scheint die Kultur des Kapitals so beharrlich? Ohne zu zögern würde ich sagen, dass, selbst wenn sie dies in einer entstellten Form tut, sie deshalb fortbesteht, weil die Kultur des Kapitals eine der essentiellen Dimensionen der menschlichen Existenz verwirklicht: das Verlangen nach Selbstbestätigung, um das Ego zu bestärken. Andernfalls könnte sie nicht bestehen und würde von anderen Dimensionen absorbiert werden oder einfach verschwinden.

Biologen und selbst Kosmologen (wie z. B. Brian Swimme, um nur einen der Intelligentesten zu nennen) lehren uns, dass in allen Lebewesen des Universums, vor allem im Menschen, zwei Kräfte vorherrschen, die miteinander in Spannung stehen. Die eine ist der Wille des Individuums, zu sein, fortzubestehen und innerhalb des Lebensprozesses voranzuschreiten; dafür muss das Individuum sich selbst bestätigen und seine Identität, sein „Ego“ bestärken. Die andere Kraft ist die der Integration in das größere Ganze, innerhalb der Spezies, deren Teil das Individuum ist, indem es Netzwerke und Beziehungssysteme bildet, ohne die niemand bestehen kann.

Die erste Kraft dreht sich um das Ego und um das Individuum und kreiert Individualismus. Die zweite Kraft hat ihre Grundlage in der Spezies, dem „Uns“, und fördert Gemeinschaft und Gesellschaft. Die erste ist die Basis des Kapitalismus, die zweite die des Sozialismus.

Wo findet sich das besondere Talent des Kapitalismus? In der Überspitzung des Ego bis zum Äußersten, des Individuums und der Selbstbestätigung und unter Außerachtlassung des größeren Ganzen, der Integration und des „Wir“. Auf diese Weise hat er das Gleichgewicht der Menschen gekippt, da die eine Kraft bis zum Exzess ausgeübt und die andere ignoriert wird.

In dieser natürlichen Tatsache beruht die Kraft, die der Kultur des Kapitalismus Bestand verleiht, denn sie ist auf etwas begründet, das zwar korrekt ist, aber in einer unverhältnismäßig einseitigen und pathologischen Form ausgeübt wird.

Wie können wir diese Situation überwinden, die sich in den vergangenen Jahrhunderten aufgebaut hat? Grundsätzlich durch das Wiederherstellen des Gleichgewichts der zwei natürlichen Kräfte, die unsere Realität bilden. Vielleicht wäre eine schrankenlose Demokratie die Institution, die gleichermaßen dem Individuellen (dem „Ego“) gerecht wird, doch innerhalb des größeren Ganzen („Wir“, die Gesellschaft), dessen Teil das „Ego“ ist. Wir werden in Zukunft noch auf dieses Thema zurückkommen.

Leonardo Boff
18.05.2015

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