Weihnachten zur Zeit des Herodes

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

Dieses Jahr wird Weihnachten anders sein. Normalerweise ist es ein Fest, an dem sich die Familie trifft. Christen feiern das Christkind, das kam, um unser Menschsein anzunehmen und es besser zu machen.

In Wahrheit jedoch ist es der Ort, an dem die schreckliche Figur des Herodes des Großen (73 v.Chr. – 4 n. Chr.) auftrat, den man mit dem Ermorden der unschuldigen Kinder in Verbindung bringt. Als er hörte, dass in seinem Königreich Judäa ein neuer König geboren worden war, fürchtete er um seine Macht. So befahl er das Ermorden aller kleinen Jungen unter zwei Jahren. Dann hören wir eine der traurigsten Stellen in der Bibel: „Ein Geschrei war in Rama zu hören, lautes Weinen und Klagen. Rahel weinte um ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn sie waren dahin“ (Mt. 2,18).

Die Geschichte vom Ermorden der Unschuldigen geht in anderer Form weiter. Die ultrakapitalistische Politik, die die gegenwärtige brasilianische Regierung ausübt, indem sie Rechte annulliert, Gehälter kürzt, soziale Errungenschaften wie das Gesundheitswesen, Bildung, soziale Sicherheit und Renten zurückfährt und für die nächsten 20 Jahre die Entwicklungsmöglichkeiten einfriert, hat zur Konsequenz das perverse und langsame Ermorden der Unschuldigen, die zum Großteil aus den Armen unseres Landes Brasilien bestehen.

Die tödlichen Folgen, die aus der Entscheidung resultieren, den Markt als wichtiger zu erachten als unbekannte Personen, sind für den Gesetzgeber nicht neu. Innerhalb von wenigen Jahren werden wir eine Klasse von Superreichen haben (zurzeit sind es 1.440 gemäß der IPEA, d. h. ca. 0,05 % der Bevölkerung Brasiliens), eine Mittelklasse, die befürchtet, ihren Status zu verlieren, und Millionen von brasilianischen Armen sowie die Ausgeschlossenen, die aus der Armut ins Elend fielen. Dies impliziert hungernde Kinder, die wegen Unterernährung und völlig vermeidbaren Krankheiten sterben, Erwachsene, die weder einen Zugang zu Medikamenten noch zum öffentlichen Gesundheitswesen haben und zum vorzeitigen Sterben verurteilt sind. Dieses Abschlachten hat einen Urheber: ein Großteil der heutigen Gesetzgeber von der sogenannten „PEC des Todes“ können nicht von der Schuld freigesprochen werden, der heutige Herodes des brasilianischen Volkes zu sein.

Der wohlhabenden Elite und den Privilegierten gelang die Rückkehr. Mit der Unterstützung der korrupten Parlamentarier, mit dem Rücken zum Volk und taub für die Proteste auf den Straßen, durch eine Koalition der Mächte, bestehend aus Polizisten, der Staatsanwaltschaft, der Militärpolizei und Teilen der Justizgewalt und der körperschaftlichen und reaktionären Massenmedien und nicht ohne den Rückhalt durch die imperiale Macht, die sich für Brasiliens Reichtum interessiert, erzwangen sie die Ausgrenzung von Präsidentin Dilma Rousseff. Der wahre Motor dieses Coups besteht aus dem Finanzkapital, den Banken und Darlehensgebern (die nicht von der Politik der Haushaltsanpassungen betroffen sind).

Der Politikwissenschaftler Jesse Souza prangert nicht grundlos an: Brasilien ist die Bühne, auf der der Konflikt zwischen zwei Projekten ausgetragen wird: der Traum der Mehrheiten eines großen und starken Landes und der Realität einer raubgierigen Elite, die alles an sich reißen und den Reichtum des Landes in die Taschen einer Handvoll Leute stecken will. Die wohlhabende Elite regiert einfach nur deshalb, weil sie in der Lage ist, alle anderen Eliten zu „kaufen“ (FSP 16.04.2016).

Es ist traurig zu sehen, dass dieser Prozess des Plünderns eine Folge der alten Versöhnungspolitik zwischen den Begüterteten untereinander und mit den Regierenden ist, die aus den Kolonial- und Unabhängigkeitszeiten stammt. Die Präsidenten Lula da Silva und Dilma Rousseff beherrschten oder benutzten nicht die schlaue Strategie dieser regierenden Minderheit, die unter dem Vorwand der Regierbarkeit nach der Versöhnung untereinander und mit der Regierung strebt und dabei dem Volk einige Privilegien einräumt, sofern das Wachstum ihres Reichtums dabei noch auf dem Höchstlevel verbleibt.

Der Historiker José Honorio Rodrigues, der ausführlich die Klassenversöhnung studierte, die immer auf dem Rücken des Volks ausgetragen wird, sagt ganz richtig: Die staatliche Führung war in ihren aufeinanderfolgenden Generationen immer reformistisch, elitär und individualistisch … Die Kunst des Diebstahls ist wohlbekannt und uralt und wird von diesen Minderheiten praktiziert, nicht vom Volk. Das Volk stiehlt nicht. Das Volk wird bestohlen … Das Volk ist herzlich, die Oligarchie ist brutal und erbarmungslos … der große Erfolg der brasilianischen Geschichte beruht auf dem brasilianischen Volk, und die große Enttäuschung sind die brasilianischen Herrscher (Conciliação e Reforma no Brasil, 1965. pp. 114-119).

Wir erleben in Brasilien die Wiederholung dieser üblen Tradition, aus der wir uns nie befreien werden, ohne eine Gegen-Macht zu stärken, die von unten kommen muss und in der Lage ist, diese perverse Elite zu bekämpfen und einen anderen Staatstypus zu schaffen mit einer anderen Art von republikanischer Politik, in der das Allgemeingut über den individuellen und den unternehmerischen Gütern steht.

Das diesjährige Weihnachtsfest ist ein Weihnachten unter dem Zeichen des Herodes. Dennoch halten wir daran fest, dass das göttliche Kind der befreiende Messias ist und dass der Stern uns wohlwollend auf bessere Wege führen wird.

Leonardo Boff
24.12.2016

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Kardinal Paulo Evaristo Arns: Lehrer, gebildeter Intellektueller, Freund der Armen

Kardinal Paulo Evaristo Arns starb heute Morgen, den 14. Dezember 2016

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

Ich habe einen Lehrer verloren, einen Mäzen, Beschützer und engen Freund. Ausführliche Schilderungen werden über Kardinal Paulo Evaristo Arns geschrieben werden, der heute, am 14. Dezember 2016, verstarb. Das werde ich nicht tun. Ich werde nur meine persönliche Erfahrung mit ihm schildern.

Ich traf Kardinal Arns in den späten 1950er Jahren, als ich Seminarist in Agudos, São Paulo, war. Er war gerade mit dem angesehenen Doktortitel der Sorbonne aus Paris zurückgekehrt. Im Seminar mit seinen ca. 300 Studenten führte er neue Lehrmethoden ein. Er ließ uns Literatur auf Griechisch und Latein studieren, Sprachen, die er so gut sprach wie seine Muttersprache. Er ließ uns die Tragödien des Sophokles und Euripides auf Griechisch lesen. Wir lernten so gut Griechisch, dass wir sogar mehrmals Antigone in dieser Sprache aufführten, und jeder konnte es verstehen.

In Petropolis traf ich ihn wieder als Professor für die Kirchenväter und für die christliche Geschichte der ersten beiden Jahrhunderte. Bei ihm lasen wir die Klassiker in ihrer Originalsprache: den Hl. Hieronymus, den er bevorzugte, auf Latein und den Hl. Johannes Chrysostomus auf Griechisch.

Als ich ihn vor zwei Jahren im Nonnenkloster am Stadtrand von São Paulo besuchte, sah ich ihn in die Lektüre des Hl. Johannes Chrysostomus auf Griechisch vertieft.

Während unseres Studiums in Petropolis von 1961 bis 1965 war er unser Direktor. Voller Interesse begleitete er uns auf unserer Suche mit einem tiefen Blick, der bis in die Tiefen unserer Seele zu reichen schien. Er strebte stets nach Perfektion. Sogar wir Studenten forderten uns gegenseitig dazu heraus, irgendeinen Schwachpunkt in seinem Leben oder seinen Aktivitäten zu finden. Die gregorianischen Gesänge konnte er wunderbar im Stil von Solesmes singen und feiner als im Stil von Beuron, der bis zu seiner Ankunft vorherrschend war.

Vier Jahre lang begleitete ich ihn in der Seelsorge am Stadtrand. An den Donnerstag- und Samstagabenden und ganztägig sonntags ging ich mit ihm in die Kapelle in der Nachbarschaft von Itamaraty in Petropolis. Er ging in jedes Haus, vor allem zu den portugiesischen Familien, die Blumen und andere Zierpflanzen anbauten. Überall wohin er kam, gründete er eine Schule. Er ermutigte die Arbeit von lokalen Poeten und Schriftstellern. Nach dem 10-Uhr-Gottesdienst traf er sich mit ihnen, um ihre Gedichte und Kurzgeschichten zu hören, die sie während der Woche geschrieben hatten. Er motivierte alle zum Lesen, Schreiben und dazu, allen die Geschichten zu erzählen, die sie gelesen hatten.

Kardinal Arns war ein gebildeter Intellektueller und sehr versiert in der französischen Literatur. Er schrieb 49 Bücher. Er drängte uns, Paul Claudels Beispiel zu folgen, der täglich mindestens eine Seite schrieb. Ich folgte seinem Rat, und inzwischen habe ich mehr als 100 Bücher geschrieben.

Was mich am meisten an Kardinal Arns beeindruckte, war seine franziskanische Liebe und Zuneigung zu den Armen. Als er zum Weihbischof von São Paulo geweiht wurde, begab er sich sogleich an die Arbeit in den Randzonen der Stadt wo er die kirchlichen Basisgemeinden ermutigte und sich persönlich der Arbeit von Paulo Freire widmete. Da dies während der Zeit der brasilianischen Diktatur geschah, die vor allem in São Paulo wütete, nahm er sich sofort der Flüchtlinge an, die von dem Horror der Diktaturen von Argentinien, Uruguay und Chile geflohen waren. Seine besondere Aufgabe bestand im Besuch der Gefangenen, wo er die Wunden der Folter sah und diese mutig anprangerte und die Menschenrechte verteidigte, gegen die so grausam verstoßen wurde. Er brachte sich selbst in Lebensgefahr, erhielt Drohungen und Angriffe auf sein Leben. Doch als Franziskaner bewahrte er stets die innere Ruhe eines Menschen, der sich eher in der Hand Gottes geborgen weiß als sich vor den Klauen der polizeilichen Repression zu fürchten.

Sein vielleicht größter Verdienst war das Brasilien-Projekt “Nie Wieder”, das er mit dem Rabbi Henry Sobel, dem presbyterianischen Pastor Jaime Wright und mit einem Forschungsteam entwickelte. Es sammelte Berichte von über einer Million Seiten über die 707 Prozesse des Oberen Militärgerichtshofs. Das Buch „Brasilien, nie wieder“, das von Editora Vozes verlegt wurde, spielte eine Schlüsselrolle in der Identifizierung und Demaskierung der Folterer des Militärregimes und half, die Diktatur zu Fall zu bringen.

Ich bin Kardinal Arns persönlich zutiefst dankbar dafür, mir im Prozess über den Lehrentzug beigestanden zu haben, der gegen mich durch das frühere Heilige Offizium (die Inquisition) 1982 in Rom unter dem Vorsitz von Kardinal Joseph Ratzinger durchgeführt wurde. In dem Gespräch zwischen Kardinal Ratzinger, Kardinal Lorscheider und Kardinal Arns, das meinem Verhör folgte und an dem ich auch teilnahm, stellte Kardinal Arns mutig mit Deutlichkeit klar: „Das Dokument, das Sie vor einer Woche über die Theologie der Befreiung veröffentlichten, entspricht nicht den Fakten, Fakten, die wir sehr gut kennen. Diese Theologie ist sehr vorteilhaft für die Gläubigen und die Gemeinden. Sie haben die Version der Gegner dieser Theologie angenommen, nämlich des lateinamerikanischen Militärs und der konservativen Gruppen des Episkopats, die nicht einverstanden sind mit den Veränderungen in der Seelsorge und der Art, den Glauben zu leben, wie es diese Art von Theologie impliziert.“ Und er fügte hinzu: „Ich erwarte von Ihnen ein neues, positives Dokument, das diese Art der Theologie anerkennt.“ Dies geschah drei Jahre später.

Dies alles gehört bereits der Vergangenheit an. Es bleibt die Erinnerung an einen Kardinal, der immer auf der Seite der Armen stand und niemals den Schrei der Unterdrückten wegen Missachtung ihrer Rechte überhörte. Kardinal Paulo Evaristo Arns ist eine immerwährende Referenz für den Guten Hirten, der sein Leben für den Kleinsten und Geringsten gibt und für denjenigen, der am meisten in dieser Welt zu leiden hat.

Leonardo Boff
14.12.2016

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Wenig bekannte Fakten über Fidel Castro

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta-Kommission

Jedes Ding und jede Person besitzen mehrere Facetten. Wie ich bereits sagte, ist jede Ansicht die Sicht auf etwas von einem bestimmten Standpunkt aus. Jede und jeder besetzt einen bestimmten Platz auf diesem Planeten und in der Gesellschaft, deren Teil wir sind. Und von diesem Platz aus sieht jeder und jede die Realität so, wie sie von diesem Platz aus zu sehen ist. Aus diesem Grund können wir keine Perspektive als absolut bezeichnen, als gäbe es nur diese eine. Dies ist der Ursprung von Fundamentalismus und von Diskriminierung.

Diesen Gedanken sollte man in Bezug auf viele Perspektiven im Hinterkopf behalten, die über die Lebensgeschichte Fidel Castros zum Ausdruck gebracht werden. Es gibt keine Perspektive, die alle Sichtweisen umfasst.

Noch etwas muss in Betracht gezogen werden. Jeder Mensch besitzt seinen Anteil an Licht und Schatten. In der Sprache der neuen Anthropologie ausgedrückt: Jeder Mensch ist sapiens und gleichzeitig demens. Daher ist jeder Mensch Träger von Intelligenz und von Lebenssinn: das ist sein sapiens-Aspekt. Und gleichzeitig zeigt er Abweichungen und Widersprüche auf: das ist sein demens-Aspekt.

Beide Seiten treten stets gemeinsam auf. Dies ist kein Defekt in unserem Sein. Es ist eine objektiv festzustellende Tatsache unserer menschlichen Realität, die immer in Betracht gezogen werden muss. Dies ist auch wichtig, wenn wir über die komplexe Persönlichkeit von Fidel Castro nachdenken: sein Licht und seinen Schatten.

Ich möchte einige Punkte benennen und mit denen beginnen, die es mir erlaubten, ein einzigartiges Treffen mit Fidel Castro zu erleben. Der erste ist die Negation des TINA (There Is No Alternative = Es gibt keine Alternative). Das vorherrschende kapitalistische System repräsentiert den Gipfel der menschlichen Gesellschaftssysteme. Fidel Castro zeigte, dass der Sozialismus eine Alternative bieten kann, die sich sehr vom Kapitalismus absetzt, welcher sich zurzeit in einer radikalen Überlebenskrise befindet. Die Rage, in der die USA Kuba und Fidel angriffen, um den kubanischen Sozialismus zu zerstören, hatte den Zweck zu zeigen, dass es keine Alternative zum Kapitalismus geben kann. Ob gut oder schlecht, der Sozialismus ist mit all seinen bekannten Schwächen eine andere Möglichkeit von Gesellschaftsordnung.

Ein zweiter nennenswerter Punkt war Fidel Castros Interesse an der Befreiungstheologie. Er gab sogar zu, dass er die Lehren der Befreiungstheologie in die Entwicklung der kubanischen Gesellschaft aufgenommen hätte, wenn es sie damals schon gegeben hätte (sie entstand erst 1970). Unter dem Druck des Kalten Krieges war er dazu gezwungen, sich auf die Seite der Sowjetunion zu schlagen und von da aus den Marxismus anzunehmen. Fidel las unsere Hauptwerke und nahm sie zur Kenntnis, so die Werke von Gustavo Gutierrez, Frei Betto, die meines Bruders Clodovis und meine eigenen. All diese Bücher trugen Anmerkungen in verschiedenen Farben. Und an den Rändern befanden sich Listen von Fragen und Ausdrücken, nach deren Erklärung er fragte.

Ein weiterer relevanter Punkt war seine Einladung während der Zeit des sogenannten Bußschweigens, das mir 1984 durch das Heilige Offizium (Nachfolger der Inquisition) auferlegt wurde. Fidel lud mich ein, 15 Tage mit ihm auf der Insel zu verbringen, um über Fragen zu Religion, Lateinamerika und die Welt nachzudenken. Er war ein Freund des apostolischen Nuntius. Sobald ich ankam, rief er den Nuntius an und sagte ihm in meiner Gegenwart: „Boff ist hier bei mir. Ich selbst werde sicherstellen, dass er das Bußschweigen einhält. Er wird nur mit mir sprechen.“ In der Tat bereisten wir die ganze Insel durch unsere Gespräche hinweg, die bis spät in die Nacht dauerten. Ich notierte fast alles in drei dicken Notizbüchern, denn ich wollte sie als Material für ein Buch benutzen. Ein paar Tage nachdem ich von Kuba zurückkam, ließ ich die drei Notizbücher im Kofferraum des Autos, während ich für einen Augenblick (ca. 15 Minuten) mit Don Aloisio, dem Kardinal Lorscheider, sprechen wollte, der Gast im Haus eines Freundes in Copacabana war. Als ich zurückkam, sah ich, dass der Kofferraum geöffnet worden war. Nichts war herausgenommen worden außer meinen drei Notizbüchern. Ich vermute, dass der brasilianische oder ein ausländischer Nachrichtendienst sich dieses Material aneignete.

Eine andere Begebenheit zeigt Fidel Castros zärtliche Dimension, die viele bezeugen können.

Ich habe eine Nichte, die unter einer Form des Rheumatismus leidet, die kein Arzt behandeln konnte. Ich fragte Fidel, ob es möglich wäre, sie in Kuba zu behandeln. Er fragte mich nach allen medizinischen Unterlagen aus Brasilien und sprach persönlich mit den kubanischen Ärzten.

Es gab tatsächlich keine Heilung. Jedes Mal, wenn Fidel mich sah, war die erste Frage, die er mir stellte: „Wie geht es deiner Nichte Lola?“ Dieses liebevolle und zärtliche Erinnern ist unter Staatsoberhäuptern nicht sehr verbreitet. Wo die Macht sich konzentriert, ist in der Regel weder die Liebe prioritär, noch floriert die Zärtlichkeit. Mit Fidel war das anders. Er war außerordentlich glücklich, als ich ihm sagte, dass ein brasilianischer Arzt einen Impfstoff hergestellt hatte, der die Nebenwirkung besaß, diese Form des Rheumatismus heilen zu können.

Dies sind kleine Gesten, die zeigen, dass Macht nicht zwangsläufig eine so tiefgründige Dimension wie Zärtlichkeit und die Sorge für das Geschick des Anderen untergräbt.

Das Erbe dieser charismatischen Person wird ein Bezugspunkt für diejenigen bleiben, die sich weigern, die Kultur des Kapitalismus mit all seinen Begleiterscheinungen wie die Ungerechtigkeiten gegenüber der sozialen und ökologischen Ordnung zu reproduzieren.

Leonardo Boff
06.12.2016

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Leben als kosmischer Imperativ

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

Jahrhundertelang versuchten Wissenschaftler mithilfe von physikalischen Gesetzen, ausgedrückt in mathematischen Formeln, das Universum zu erklären. Dabei sah man das Universum als eine riesige Maschine an, die stets in einer gleichbleibenden Form funktionierte. In diesem Paradigma hatten Leben und Bewusstsein keinen Platz. Diese wurden dem Bereich der Religionen zugeordnet.

Doch alles änderte sich seit den 1920er Jahren, als der Astrophysiker Edwin Hubble aufzeigte, dass der natürliche Status des Universums nicht Stabilität ist, sondern Veränderung. Das Universum begann sich mit der Explosion eines Punktes auszudehnen: extrem klein, doch unheimlich heiß und voller Potential: der Urknall. Dann bildeten sich die Quarks und die Leptonen, die elementarsten Partikel, die, einmal miteinander verbunden, Protonen und Neutronen erzeugten, die Grundlage der Atome. Und von dort aus nahm alles seinen Anfang.

Ausdehnung, Selbst-Organisation, Komplexität und die Entstehung einer immer ausgeklügelteren Ordnung sind die Charakteristika des Universums. Und das Leben?

Wir wissen nicht, wie es entstand. Wir können nur sagen, dass es der Erde und dem Universum Milliarden von Jahren bedurfte, um die Bedingungen für die Geburt von etwas so Wunderbarem wie das Leben herzustellen. Leben ist fragil, denn es kann schnell erkranken und sterben. Doch Leben ist auch stark, denn bisher konnte nichts, nicht einmal Vulkane, Erdbeben, Meteoriten oder massive Auslöschungen der vergangenen Zeitalter, das Leben komplett auslöschen.

Damit Leben entstehen konnte, brauchte das Universum die drei folgenden Eigenschaften: aus dem Chaos entstehende Ordnung; aus simplen Wesen entstehende Komplexität; Information geschaffen aus den Verbindungen aller mit allen anderen. Doch ein Faktor fehlte noch: Die Schaffung der Bausteine, mit denen das Haus des Lebens erbaut wird. Diese Bausteine wurden inmitten des Herzens der großen roten Sterne geschmiedet, die vor mehreren Milliarden Jahren verglühten. Dies sind chemische Säuren und andere Elemente, die all die Kombinationen und Transformationen ermöglichen. D. h. es gibt kein Leben ohne Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Eisen, Phosphor und die 92 Elemente des Mendeleyevschen Periodensystems.

Werden diese verschiedenen Elemente vereint, formen sie das, was wir als Molekül bezeichnen, das kleinste Teil lebendiger Materie. Die Verbindung mit anderen Molekülen führte zu den Organismen und Organen, welche die Lebewesen schufen, vom Bakterium zum Menschen.

Ilya Prigogine, der 1977 den Nobelpreis für Chemie erhielt, verdanken wir den Beweis dafür, dass das Leben aus den intrinsischen, sich selbst organisierenden Dynamismen des Universums selbst resultiert. Er zeigte ebenfalls, dass es eine Art Fabrik gibt, die kontinuierlich Leben hervorbringt. Der zentrale Motor dieser Lebensfabrik ist die Kombination aus 20 Aminosäuren und 4 stickstoffhaltigen Basen.

Aminosäuren sind eine Säuregruppe, welche die Entstehung von Leben ermöglicht, wenn sie miteinander verbunden sind. Sie bestehen aus vier stickstoffhaltigen Basen, die wie vier Zementarten funktionieren, die die Bausteine zusammenhalten, um die unterschiedlichsten Arten von Häusern zu bilden. Dies ist die Biodiversität.

Folglich schafft derselbe grundlegende genetische Code die heilige Einheit des Lebens, von den Mikroorganismen zu den Menschen. Im Grunde genommen sind wir alle Cousins, Brüder und Schwestern, wie Papst Franziskus in seiner Enzyklika zur integralen Ökologie (Nr. 92) bekräftigt, denn wir sind aus denselben 20 Aminosäuren und 4 stickstoffhaltigen Basen (Adenin, Thymin, Guanin und Cytosin) gemacht.

Was fehlte, war die Wiege, um das Leben willkommen zu heißen: die Atmosphäre und Biosphäre mit all den essentiellen Elementen des Lebens: Kohlenstoff, Sauerstoff, Methan, Schwefelsäure, Stickstoff u. a.

Unter diesen Vorbedingungen passierte vor ca. 3,8 Milliarden Jahren etwas Schicksalhaftes. Möglicherweise aus dem Meer oder einem primitiven Sumpf, wo all die Elemente wie eine Art Suppe blubberten, entstand durch den Aufschlag eines großen Blitzlichts von oben das Leben.

Geheimnisvollerweise gab es 3.8 Milliarden Jahre lang Leben auf dem winzigen Planeten Erde, in einem Sonnensystem fünfter Ordnung, in einem Winkel unserer Galaxie, 29 000 Lichtjahre vom Mittelpunkt dieser Galaxie entfernt. Hier geschah das einzigartigste Ereignis der Evolution: die Entstehung von Leben.

Leben ist die Ur-Mutter aller Lebewesen, die wahre Eva. Alle anderen Lebensformen stammen von ihr, einschließlich wir Menschen, ein Unter-Kapitel im Kapitel des Lebens: unser bewusstes Leben.

Abschließend wage ich mich, dem Biologen und Nobelpreisträger Christian de Duve und dem Kosmologen Brian Swimme anzuschließen, die behaupten, ohne das Leben wäre das Universum unvollständig. Immer wenn ein gewisses Level an Komplexität erreicht ist, wird stets Leben als ein kosmischer Imperativ entstehen, in jedem Teil des Universums.

Wir müssen die verbreitete Meinung überwinden, das Universum bloß als eine physikalische und tote Sache zu betrachten, die, um das Bild etwas auszuschmücken, einige Lebenskörnchen enthält. Dies ist ein armseliges und falsches Verständnis. Das Universum scheint mit Leben angefüllt zu sein und dafür existiert es als die Wiege, die das Leben – und vor allem unser Leben – willkommen heißt.

Leonardo Boff
30.10.2016

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Weltweites Chaos: das Gespenst der totalen Herrschaft

„Weltweites Chaos: das Gespenst der totalen Herrschaft“ lautet der Titel des jüngsten Buches von Luiz Alberto Moniz Bandeira (Civilização Brasileira, 2016), unserem angesehensten Analysten für internationale Politik. Der Autor hatte Zugang zu den sichersten Informationsquellen, zu zahlreichen Archiven, denen er sein weit reichendes Wissen über die Geschichte hinzufügt. Das Buch zählt 643 dicht beschriebene Seiten, die mit Flüssigkeit und Eleganz geschrieben sind, sodass es sich an vielen Stellen liest wie ein historischer Roman.

Vor allem aber ist Moniz Bandeira ein akribisch genauer Forscher und gleichzeitig ein Kämpfer gegen den Imperialismus der USA, deren Eingeweide er mit einem chirurgischen Skalpell auseinander nimmt. Nicht ohne Grund sperrte man ihn von 1969 – 1970 ins Gefängnis und auch nochmals 1973 durch den Furcht erregenden Nachrichtendienst der Marine (Centro de Informaciones de la Marina, Cenimar), weil er sich im Kontext des Kalten Krieges kritisch gegenüber dem hauptsächlichen Unterstützer der brasilianischen Diktatur, den USA, geäußert hatte.

Das ihm zur Verfügung stehende Material erlaubt es ihm, die gegenwärtige imperialistische Logik im Untertitel seines Buches anzuprangern: „Stellvertreterkriege, Terror, Chaos und humanitäre Katastrophen“. Diejenigen, die immer noch voll Bewunderung für die nordamerikanische Demokratie sind und sich an ihren imperialistischen Plänen auszurichten suchen (wie die brasilianischen Neoliberalen), finden hier reichhaltiges Material für eine kritische Betrachtung und für ein differenzierteres Verständnis der Welt.

Zwei Themen leiten die Machtzentralen der USA mit ihren zahllosen Organen innerer und äußerer Sicherheit: „eine Welt und nur ein Reich“ oder „nur ein Plan“ und „eine Vision totaler Herrschaft (das ganze Spektrum von Dominanz/Überlegenheit)“. D. h. die US-amerikanische Außenpolitik ist inspiriert vom (illusorischen) „Exzeptionalismus“ der alten „offenkundigen Bestimmung“, eine Variation des „auserwählten Volkes Gottes, der überlegenen Rasse“, die gerufen ist, weltweit Demokratie, Freiheit und Rechte (jeweils gemäß der imperialistischen Interpretation dieser Begriffe) zu verbreiten und sich selbst (anmaßenderweise) als „die unentbehrliche und notwendige Nation“ anzusehen, als „Anker der globalen Sicherheit“ oder „die einzige Macht“.

Bereits im 18. Jahrhundert hatten Edmund Burke (1729-1797) und im 19. Jahrhundert der Franzose Alexis de Tocqueville (1805-1859) die  Vorahnung, dass der US-amerikanische Präsident mehr Macht haben würde als ein absolutistischer Monarch und dass dies zu einer militärischen Demokratie (S. 55) degenerieren würde. Tatsächlich wurde mit George W. Bush als Ergebnis des Angriffs auf die „Twin Towers“ eine wahre militärische Demokratie errichtet mit dem Ausrufen des Kriegs gegen den Terror und des Patriot Act, der grundlegende Bürgerrechte außer Kraft setzte, das Habeas Corpus unterminierte und Folter erlaubte. Dies ist gewiss ein terroristischer Zustand

Mehrere US-amerikanische Wissenschaftler, zitiert von Moniz Bandeira (S. 470), bestätigten: „Dies ist keine Demokratie mehr, sondern eine Beherrschung durch die Wirtschaftselite, der sich der Präsident unterwerfen muss. Entscheidungen werden durch den militärisch-industriellen Komplex (der Kriegsmaschinerie) getroffen, durch Wall Street (Financiers), durch machtvolle Business Organisationen und eine kleine Zahl von sehr einflussreichen Nordamerikanern. Um die „Vision totaler Herrschaft“ zu gewährleisten, werden 800 Militärbasen weltweit aufrechterhalten, deren Mehrzahl mit nuklearem Equipment ausgestattet ist, und 16 Sicherheitsbehörden mit 107 035 zivilen und militärischen Kräften. Wie Henry Kissinger sagte: „Die Mission der USA besteht darin, Demokratie zu propagieren, notfalls mithilfe von Gewalt“ (S. 443).  Unter dieser Logik gab es von 1776 bis 2015, d. h. in den 239 Jahren der Existenz der USA, 218 Kriegsjahre und lediglich 21 Jahre Frieden (S. 472).

Es bestand die Hoffnung, dass Barack Obama dieser gewalttätigen Geschichte eine neue Richtung verleihen würde. Dies war eine Illusion. Obama änderte lediglich die Namen, doch hielt den Geist des Exzeptionalismus aufrecht sowie die Folterungen in Guantanamo und an anderen Orten außerhalb der USA, wie zu Zeiten von Präsident Bush. Dem Ewigen Krieg gab er den Namen Operation Übersee-Kontingent. Durch die (sträflicherweise) persönliche Entscheidung autorisierte er hunderte von Dronen-Angriffen durch unbemannte Flugzeuge, um die wichtigsten arabischen Oberhäupter zu töten (S. 476).

Mit einiger Enttäuschung sagte Bill Clinton: „Die Vereinigten Staaten haben seit 1945 keinen einzigen Krieg gewonnen“ (S. 312). In der Stille der Nacht flohen sie aus dem Irak (S. 508).

Das Buch von Moniz Bandeira behandelt mit minimalen Details die Kriege in der Ukraine, der Krim und den Islamischen Staat von Syrien und benennt die Namen der Hauptakteure und Daten.

Die Konklusion ist erschütternd: „Wo auch immer die USA mit dem speziellen Ziel, Demokratie zu bringen, intervenieren, beinhaltet dieses spezielle Ziel Bombardierungen, Zerstörung, Terror, Massaker, Chaos und humanitäre Katastrophen … Sie kommen, um ihre eigenen Bedürfnisse zu verteidigen, ihre ökonomischen und geopolitischen Interessen; und ihre imperialistischen Interessen“ (S. 513).

Die Menge an dargestellten Informationen werden diesem Anspruch gerecht, auch nach Abstrich gewisser Einschränkungen, die immer einmal gemacht werden müssen.

Leonardo Boff
21.10.2016

 

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Der kosmische Christus: eine Spiritualität des Universums

Eine der beharrlichsten Forschungsrichtungen unter den Wissenschaftlern, die mit den Wissenschaften der Erde und des Lebens zu tun haben, ist die nach der Einheit des Ganzen. Sie sagen: “Wir müssen die Formel finden, die alles erklärt. Dann können wir den Geist Gottes entdecken.” Diese Forschung nennt sich “Die Theorie der Großen Vereinigung” oder “Quantenfeldtheorie” oder noch pompöser “Die Theorie des Ganzen”. Trotz intensivster Bemühungen schlossen sie frustriert damit ab oder, wie der große Mathematiker Steven Hawking, gaben diesen Anspruch wegen seiner Unmöglichkeit auf. Das Universum ist viel zu komplex, um einfach durch eine einzige Formel erklärt zu werden.

Dennoch kam man durch die Forschung der mehr als hundert subatomaren Teilchen und der Ur-Energien zur Erkenntnis, dass sie alle zum sogenannten “Quanten-Vakuum” führen, das weniger ein Vakuum ist als die Fülle aller Möglichkeiten. Dieser bodenlosen Tiefe entstammen alle Wesen und das gesamte Universum. Es wird dargestellt als ein riesiger Ozean an Energien und grenzenloser Potenzialen. Andere nennen es die “Quelle alles Seins” oder den “nährenden Abgrund von allem”.

Interessanterweise bezeichnet es Brian Swimme, einer der bekanntesten Kosmologen, als das Unaussprechliche und das Mysteriöse (The Hidden Heart of the Cosmos, 1996). Dies sind Eigenschaften, die die Religionen der Ersten Wirklichkeit zuordnen, die tausend verschiedene Namen trägt: Tao, JHWH, Allah, Olorum, Gott … Ein mit Energie geschwängertes Vakuum. Wenn das nicht Gott ist (Gott kommt immer zuerst), so ist es seine beste Metapher und Darstellung.

Nicht die Materie ist die Basis, sondern das geschwängerte Vakuum ist es. Es ist die Ur-Quelle. Der berühmte nordamerikanische Ökologe/Kosmologe, Thomas Berry, schrieb: “Wir müssen spüren, dass wir mit derselben Energie angefüllt sind, die das Entstehen der Erde, der Sterne und der Galaxien verursachte. Dieselbe Energie schuf alle Formen von Leben sowie das reflektierende Bewusstsein der Menschen. Es ist das, was die Poeten inspiriert, die Denker und Künstler aller Zeiten. Wir sind in einen Ozean von Energie eingetaucht, der unseren Verstand bei weitem überschreitet. Doch letztlich ist diese Energie nicht durch Beherrschung, sondern durch Erflehung die unsere” (The Great work, 1999, S. 175), d. h. indem wir uns ihr öffnen.

Wem dem so ist, dann entsprang alles Existierende dieser Energiequelle: Kulturen, Religionen, das Christentum selbst und sogar solche Persönlichkeiten wie Buddha, Moses, Jesus und jede/r Einzelne von uns. Alles wurde innerhalb des kosmogenen Prozesses geschaffen als noch komplexere Ordnungen entstanden, die noch stärker internalisiert und mit allen Wesen eng verbunden sind. Ist ein gewisses Maß dieser Ur-Energie akkumuliert, dann kommt es zu historischen Ereignissen und zur Erstehung jeder individuellen Person.

Wer die Schöpfung des Christus in diesem Kosmos sah, war der Jesuit, Paläonthologe und Mystiker, Pierre Teilhard de Chardin (1881-1955), der den christlichen Glauben mit dem Gedanken einer weiteren Evolution und der neuen Kosmologie versöhnte. Teilhard unterscheidet zwischen “christsisch” und “christlich”. Das Christische zeigt sich in einem objektiven Datum inmitten des Evolutionsprozesses. Es wäre die Verbindung, die alles miteinander vereint. Da es sich bereits hierin befand, konnte eines Tages in der Geschichte die Person des Jesus von Nazareth auftauchen, derjenige, “durch den alles ist und auf den hin alles geschaffen ist”, wie der Hl. Paulus sagt.

Also wird das Christische, wenn es subjektiv erkannt und innerhalb des Bewusstseins einer Gruppe transformiert wird, zum Christlichen. Dann entsteht historische Christenheit, begründet in Jesus, dem Christus, der Inkarnation des Christischen. Daraus folgt, dass sich seine letzten Wurzeln nicht im ersten Jahrhundert Palästinas befinden, sondern inmitten des eigentlichen Prozesses der kosmischen Evolution.

Der heilige Augustinus erfasste in seinem Brief an einen heidnischen Philosophen (Epistel 102) intuitiv: “Das, was nun den Namen einer christlichen Religion trägt, existierte bereits zuvor und war im Ursprung der Menschheit nicht abwesend bis Christus im Fleisch erschien; eher war es so, dass die wahre Religion, die bereits existiert hatte, begann “christlich” genannt zu werden.”

Eine ähnliche Überlegung findet sich im Buddhismus. Dort gibt es die Buddha-Natur (die Fähigkeit zur Erleuchtung), die zu erreichen man sich während des Evolutionsprozesses bemühte, bis Siddharta Gautama erschien und der Buddha wurde. Dies konnte sich nur in der Person des Gautama manifestieren, denn die Buddha-Natur gab es bereits zuvor in der Geschichte. So wurde er der Buddha wie Jesus der Christus wurde.

Wird dieses Verständnis so weit verinnerlicht, dass es unsere Wahrnehmung der Dinge, der Natur, der Erde und des Universums verändert, so öffnet sich der Weg für eine kosmische spirituelle Erfahrung, für die Kommunion mit allen und mit jeder/m. Durch diesen spirituellen Weg wird uns das bewusst, wonach die Wissenschaftler durch die Wissenschaft streben: eine Verbindung, die alles vereint und voran bringt.

Leonardo Boff
29.09.2016

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Zehn mögliche Lehren aus der Amtsenthebung von Präsidentin Dilma Rousseff

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

Vermutlich ist es noch zu früh, um Lehren aus der fragwürdigen Amtsenthebung zu ziehen, die ein neues Paradigma von Klassenputschen mithilfe des Parlaments eröffnet hat. Diese ersten Lektionen könnten denjenigen nützlich sein, denen an Demokratie gelegen ist und die die Souveränität des Volkes respektieren, welche sich in freien Wahlen ausdrückt, sowie der Arbeiterpartei, PT, und ihren Verbündeten. Diejenigen, die im Besitz von Geld, Macht und Bildung sind und die golpistas (Putschisten) unterstützen, erkennt man an ihrer fehlenden Wertschätzung der Demokratie und ihrer bereitwilligen Ignoranz der frappierenden Ungleichheit innerhalb des brasilianischen Volkes.

Erste Lektion besteht darin, die Widerstandsfähigkeit zu nähren, d. h. zu widerstehen, aus Fehlern und Niederlagen zu lernen und sie zu etwas Gutem zu wenden. Dies impliziert eine strenge Selbstkritik, was von der PT noch nie gründlich vollzogen wurde. Man muss sich unbedingt im Klaren darüber sein, welches Projekt für das Land angewendet werden muss.

Zweite Lektion: Demokratie in einer Weise bekräftigen, die auf die Straßen und Plätze geht, im Gegensatz zur Low-level-Demokratie, deren Repräsentanten – von wenigen Ausnahmen abgesehen – von den Mächtigen gekauft werden, um deren unternehmerischen Interessen zu verteidigen.

Dritte Lektion: eine Präsidentschaftskoalition als Fehler anzusehen, denn diese zerstört das Projekt und führt zu Korruption. Die Alternative besteht in einer Koalition von Personen in der Regierung mit den sozialen Bewegungen und Sektoren der Volksparteien, um von da aus Druck auf das Parlament auszuüben.

Vierte Lektion: zugeben, dass der neoliberale Kapitalismus in seiner gegenwärtigen Phase von größter Reichtums-Konzentration die zentralen Gesellschaftsschichten verletzt und unsere zerstört. Der durch die PT und ihre Verbündeten der letzten 13 Jahre praktizierte abgemilderte Neoliberalismus trug zu einer der größten Veränderungen in der Geschichte Brasiliens bei, indem das Leben von fast 30 Millionen Menschen durch höhere Löhne, Krediterleichterungen und Steuerreformen erleichtert wurde. Doch im Grunde genommen war das noch nicht ausreichend. Der große Fehler der PT bestand darin, dass sie nie erklärte, dass diese sozialen Aktionen aus der Staatspolitik resultierten. Daher entstanden Konsumenten, aber keine verantwortungsvolle Staatsbürger. Die Anschaffung von persönlichen Gütern wurde erleichtert, doch das soziale Kapital wurde kaum verbessert: Bildung, Gesundheit, Transportwesen und Sicherheit. Frei Betto brachte dies folgendermaßen auf den Punkt: „Eine populistische Bevormundung wurde geschaffen, die startete, als das emanzipatorische No-Hunger-Programm in ein Familien-Minimum umgewandelt wurde. Es war kompensatorisch; das Volk bekam einen Fisch, wurde aber nicht gelehrt, wie man einen Fisch angelt.“ In der gegenwärtigen Nach-Putsch-Regierung wird die neoliberale Wirtschaftspolitik, radikalisiert durch strenge Sparmaßnahmen, welche rückschrittlich sind und soziale Grundrechten verletzen, mit Gewissheit diejenigen zurück in Hunger und Elend werfen, die zuvor aus diesen Plagen gerettet worden waren.

Fünfte Lektion: Die Bereiche Bildung und Gesundheit müssen dringend in den Mittelpunkt gestellt werden. Die Lula-Rousseff-Regierungen trieben die Gründung von technischen Universitäten und Schulen voran. Ein krankes und ungebildetes Volk wird niemals in der Lage sein, den qualitativen Entwicklungssprung zu anhaltendem Wohlergehen zu machen.

Sechste Lektion: den Opfern der neoliberalen Gier mutig beistehen, deren Perversität anprangern, ihre Logik der Ausgrenzung aufdecken, auf die Straße gehen, Demonstrationen und Streiks von sozialen Bewegungen und anderen Teilen der Bevölkerung unterstützen.

Siebte Lektion: skeptisch sein gegenüber allem, was von oben kommt und üblicherweise ein Resultat der Politik der Klassenversöhnung ist, die hinter dem Rücken und gegen die Interessen des Volks ausgetragen wird. Diese politischen Programme sind mehr oder weniger alle gleich. Sie ziehen es vor, das Volk ungebildet zu halten, um es leichter beherrschen und zusammenhalten zu können und um jeglichen kritischen Geist zu schwächen.

Achte Lektion: Es ist an der Zeit, die Utopie eines anderen Brasiliens zu planen, auf anderen Grundlagen, deren wichtigste die der Ursprünglichkeit und der Kraft unserer Kultur ist, die Natur in den Mittelpunkt zu stellen sowie das menschliche Leben und das von Mutter Erde, die Grundlagen einer Biozivilisation. Entwicklung/Wachstum muss erreicht werden, nicht die Begierden sondern die Bedürfnisse der Menschheit, die dem Leben und nicht dem Markt dienen und die unseren ökologischen Reichtum schützen. Begleitend dazu sind grundlegende Reformen dringend notwendig: in der Politik, im Rechtswesen, in Bürokratie, Landwirtschafts- und Städteplanung etc.

Neunte Lektion: Um diese Utopie zu verwirklichen, müssen sich die politischen und sozialen Kräfte (Volksbewegungen, Untergruppen von politischen Parteien, Geschäftsleute, Intellektuelle, Künstler und Kirchen) vereinen, die das Neue und Realisierbare umsetzen wollen, das der Utopie eines anderen Brasiliens Form verleiht.

Zehnte Lektion: Das Neue und Realisierbare hat einen Namen: Radikalisierung einer Demokratie, die ein Sozialismus mit ökologischer Ausprägung ist, also Öko-Sozialismus. Es geht weder um den russischen Totalitarismus, noch um den deformierten Sozialismus Chinas, der, offen gesagt, die Natur aus seinem sozialistischen Projekt ausschließt. Doch ein Öko-Sozialismus, der nach dem Potenzial strebt, den noblen Traum aller zu realisieren: zu geben, was man geben kann, und zu empfangen, was man braucht, für jede und jeden und selbstverständlich einschließlich der Natur.

Dieses Projekt muss jetzt umgesetzt werden. Wie eine uralte chinesische Weisheit es ausdrückt und von Mao Tse-Tung zitiert wurde: „Wenn du einen Weg von tausend Schritten vor dir hast, beginne mit dem ersten Schritt.“ Andernfalls werden wir niemals den Weg in Richtung des gewünschten Ziels gehen. Die gegenwärtige Krise bietet uns eine besondere Gelegenheit, die wir nicht vergeuden dürfen. Die Gelegenheit erscheint nur weniger Male in der Geschichte, und eine solche haben wir jetzt.

Leonardo Boff
25.09.2016

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