Es muss einen Weg aus der aktuellen Krise geben

Die Politik- und Wirtschaftskrise, die wir zurzeit erleben, schafft eine Gelegenheit zu wahrhaft tiefgehenden Veränderungen, wie z. B. einer Politik-, Zins- und Agrar-Reform. Um das Richtige im Blick zu haben, ist es wichtig, zunächst einige Fakten zu bedenken.

 Als erstes müssen wir die Krise als Teil der großen Krise der Menschheit als Ganze ansehen, statt sie innerhalb unserer Situation und außerhalb des aktuellen Laufes der Geschichte anzusiedeln. Die Krise Brasiliens zu betrachten und dabei die Weltkrise außer Acht zu lassen heißt, nicht über die Krise Brasiliens nachzudenken. Wir sind Teil eines größeren Ganzen. In unserem Fall können wir nicht der Aufmerksamkeit der größeren Staaten und großen Unternehmen entrinnen, wie die G7 erachtet, wo sich die wesentlichen Reichtümer für die ökologische Basis der zukünftigen Wirtschaft konzentrieren: die Fülle an Trinkwasser, die großen feuchten Urwälder, eine immense Artenvielfalt und 6 Millionen Hektar Agrarland. Diese imperiale Strategie interessiert es nicht, dass es im südlichen Atlantik eine Nation gibt, so groß wie ein Kontinent, die mit den globalen Interessen nicht konform geht und im Gegenteil einen unabhängigen Weg für ihre eigene Entwicklung sucht.

 Zum Zweiten gibt es einen historischen Hintergrund für die aktuelle Krise Brasiliens, den wir nicht vergessen dürfen. Wie unsere großen Historiker bestätigen, hat es nie eine Regierung gegeben, die der großen Mehrheit, den Nachkommen der Sklaven, der indigenen Bevölkerung und den verarmten Bevölkerungsgruppen, eine adäquate Aufmerksamkeit hätte zukommen lassen. Sie wurden als Tagelöhner und als wahrhafte Niemande angesehen. Der Staat, den sich von Beginn unserer Geschichte an die besitzende Klasse angeeignet hatte, war nicht willens, deren Bedürfnissen nachzukommen.

 Drittens müssen wir anerkennen, dass als Ergebnis einer schmerzvollen und blutigen Geschichte von Kämpfen und zu überwindenden Hindernissen aller Art eine andere soziale Basis als politische Macht entstand, die nun den Staat und all seine Strukturen bestimmt. Aus einem elitären und neoliberalen Staat wurde ein republikanischer und sozialer Staat, der inmitten von großen Schwierigkeiten und Konzessionen gegenüber den dominanten nationalen und internationalen Kräften es schaffte, diejenigen ins Zentrum des Interesses zu stellen, die immer am Rand gestanden hatten. Die Tatsache, dass die Regierung der Arbeiterpartei (PT) 36 Millionen Brasilianer aus dem Elend hob und ihnen Zugang zu den fundamentalen

Grundgütern des Lebens verschaffte, ist von unleugbarer historischer Tragweite. Was wollen diese bescheidenen Menschen von der Erde? Gesicherten Zugang zu den grundlegenden Gütern, die ihnen das Überleben sichern. Dieses Ziel wird durch die Bolsa Familia, Mein Haus Mein Leben, Licht Für Alle und andere soziale und kulturelle politische Errungenschaften erreicht, ohne die die Armen nie in der Lage wären, Berufe zu ergreifen wie die von Anwälten, Ärzten, Ingenieuren, Lehrern o. ä.

 Wie auch immer man diese Maßnahmen bezeichnen will, so waren sie doch hilfreich für den immensen Großteil der brasilianischen Bevölkerung. Hat der Staat nicht das Recht, die Sicherung des Überlebens seiner Bürger als seine erste Pflicht anzusehen? Warum ergriffen die Regierungen der vergangenen Jahrhunderte nicht solche Initiativen? War ein Präsident der Arbeiterpartei nötig, um all dies zu erreichen? Die Arbeiterpartei (PT) und ihre Verbündeten vollbrachten diese historische Meisterleistung, und nicht ohne eine starke Opposition derer, die auf „diese wirtschaftlichen Nullen“ herabschauten, wie dies Darcy Ribeiro, Capistrano de Abreu, Jose Honorio Rodrigues, Raymundo Faorom und letztens auch auch Luiz Gonzaga de Souza Lima taten. Und noch immer schauen sie auf sie herab.

Manche Teile der privilegierten Oberschicht schämen sich ihrer und verachten sie. Neben der verständlichen Empörung und Wut über die Korruptionsskandale und Hegemonie innerhalb der PT gibt es in diesem Land immer noch Hass. Diese alten Eliten mit ihren Kommunikationsmitteln, gekennzeichnet durch reaktionäre Haltung und Ideologie des rechten Flügels, unterstützt durch die alte Oligarchie, die sich von der modernen offeneren und nationalistischen unterscheidet, die teilweise die Projekte der PT unterstützt, akzeptierten nie eine vom Volk bestimmte Regierung. Sie tun ihr Bestes, um die Regierung der PT zu behindern, und zu diesem Zweck bedienen sie sich der Verdrehung der Tatsachen, Verleumdungen und Lügen, ohne sich zu schämen.

 Zwei Strategien wurden durch den rechten Flügel, dem es gelungen ist, sich zu vereinen, erdacht, um die zentrale Macht wiederzuerlangen, die er durch die Wahlen verloren hatte, doch haben diese noch keine Form angenommen.

Die erste dieser Strategien besteht darin, in der Gesellschaft eine Situation permanenter politischer Krise aufrecht zu erhalten, um Präsidentin Dilma in ihrer Regierungsausübung zu behindern. Zu diesem Zweck organisieren sie Straßen-Demonstrationen, Picknicks mit Kasserollen, vollen Töpfen – sie wussten ja noch nie, was es bedeutet, einen leeren Topf zu haben – oder unter Offenbarung großen Bildungsmangels die Präsidentin bei öffentlichen Auftritten systematisch auszubuhen.

 Die zweite Strategie besteht in einem Prozess, an der PT-Regierung herum zu kritisieren, sie als inkompetent und ineffizient zu verleumden und die Leitung des ehemaligen Präsidenten Lula zu diffamieren, Fakten darüber zu verdrehen und Lügen zu verbreiten, die, einmal entlarvt, nicht zurückgenommen werden. Sie hoffen, auf diese Weise die Kandidatur und Wiederwahl im Jahr 2018 zu unterminieren.

 Diese Art der Vorgehensweise zeigt nur, dass wir noch immer eine Demokratie von sehr geringer Intensität haben. Die kürzlich geschehenen provokativen und rachevollen Taten durch die Vorsitzenden beider Häuser, beide von der PMDB, bestätigen, was der UNB Soziologe, Pedro Demo, in seiner Einführung in die Soziologie (Introduzión a la sociologia, 2002) schrieb: „Unsere Demokratie ist die nationale Repräsentation raffinierter Scheinheiligkeit, voller „schöner“ Gesetze, die stets von der dominierenden Elite gemacht werden, damit sie von Anfang bis Ende nur ihnen nützlich sind. Die Politiker sind Leute, die sich dadurch kennzeichnen, dass sie viel Geld verdienen, wenig arbeiten, Handel treiben, Vetternwirtschaft betreiben, sich auf Staatskosten bereichern und gleich in die obersten Ränge der Wirtschaft einsteigen… Wenn wir Demokratie mit sozialer Gerechtigkeit gleichsetzen wollten, wäre die Demokratie ihre eigene Negierung.“ (S. 330-333).

 Wir werden weder die Krise bewältigen noch die Revanchisten und diejenigen mit Staatsstreich-Mentalität überwinden, ohne eine Politik- Zins- und Agrarreform durchzuführen. Andernfalls wird unsere Demokratie kraftlos und blind sein.

 Leonardo Boff
21.06.2015

 

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Das Zeitalter der Großen Transformationen

Wir leben im Zeitalter der Großen Transformationen. Es gibt viele davon, aber ich möchte hier nur zwei nennen: die erste bezieht sich auf die Ökonomie, die zweite auf den Bereich des Bewusstseins

1. Ökonomie: Es begann im Jahr 1834, als sich die industrielle Revolution in England festigte. Dabei haben wir es mit einer Bewegung von einer Markt-Wirtschaft hin zu einer Markt-Gesellschaft zu tun. Den Markt hat es schon immer in der Geschichte der Menschheit gegeben, doch noch nie zuvor gab es eine Gesellschaft, die nur aus Markt bestanden hätte. In anderen Worten: alles was zählt, ist die Ökonomie. Alles andere muss dieser dienen.

Der vorherrschende Markt wird eher durch Konkurrenz als durch Kooperation bestimmt. Angestrebt wird Profit für das Individuum oder für den Konzern, nicht jedoch das Gemeinwohl für die gesamte Gesellschaft. Die Kosten, um diesen Profit zu erreichen, bestehen gewöhnlich in der Umweltzerstörung und in der Schaffung perverser sozialer Ungleichheiten.

Es heißt, der Markt müsse frei sein, und der Staat wird als dessen großes Hindernis angesehen. Der Auftrag des Staates besteht in Wirklichkeit darin, die Gesellschaft und Ökonomie durch Gesetze und Normen zu ordnen und das Streben nach dem Gemeinwohl zu koordinieren. Die Große Transformation setzt einen minimalen Staat voraus, der praktisch auf Zwecke reduziert wird, die sich auf die Infrastruktur, Finanzverwaltung und Sicherheit beschränken. Alles andere gehört zum Markt und wird durch diesen reguliert.

Alles kann dem Markt zugewiesen werden: Trinkwasser, Saatgut, Lebensmittel und sogar menschliche Organe. Die Vermarktung ist in alle Sektoren der Gesellschaft eingedrungen: Gesundheit, Bildung, Sport, Kunst und Unterhaltung und sogar wichtige Bereiche von Religion und Kirchen mit ihrem Fernseh- und Radioprogramm.
Das Organisieren der Gesellschaft ausschließlich um die ökonomischen Interessen des Marktes hat die Menschheit von Grund auf gespalten: eine enorme Kluft ist zwischen Arm und Reich entstanden. Eine perverse soziale Ungerechtigkeit ist vorherrschend.

Gleichzeitig wurde eine schreckliche ökologische Ungerechtigkeit geschaffen. Im Eifer des Akkumulierens wurden Naturgüter und Bodenschätze auf räuberische Weise, grenzenlos und völlig respektlos ausgebeutet. Das Ziel ist, immer reicher zu werden, um noch intensiver konsumieren zu können.

Diese Unersättlichkeit hat die Grenzen der Erde selbst überschritten. Die Naturgüter und –dienste der Erde sind nicht mehr völlig ausreichend und erneuerbar vorhanden. Dies macht es für das kapitalistische Produktionssystem schwierig, wenn nicht unmöglich, sich auf konstante Weise zu regenerieren. Dies ist die Krise.

Durch ihre interne Logik verursacht diese Transformation den Biozid, Ökozid und Geozid. Das Leben selbst ist in Gefahr, und die Erde wird uns möglicherweise nicht mehr auf sich ertragen wollen, da wir zu destruktiv sind.

Die zweite Große Transformation entsteht auf dem Feld des Bewusstseins. Da der Schaden, der der Natur zugefügt wird und auch die Lebensqualität beeinträchtigt, sich ausbreitet, wächst auch das Bewusstsein, dass 90 % dieses Schadens auf die unverantwortliche und unvernünftige Haltung von Menschen zurückzuführen ist, insbesondere auf die Haltung derjenigen ökonomischen, politischen, kulturellen und medialen Eliten, die die großen multilateralen Konzerne umfassen und die die Kontrolle über das Geschick der Welt übernommen haben.

Wir müssen dringend diese Bewegung in Richtung Abgrund stoppen. Die erste globale Studie über den Status der Erde wurde 1972 durchgeführt. Sie zeigte, dass es der Erde nicht gut ging. Die Hauptursache ist die Art von Entwicklung, die die Gesellschaft eingeschlagen hat und die die Limits der Natur und die Kapazität des Planeten Erde überschreitet. Ja, wir müssen produzieren, um die Menschheit zu ernähren, doch in einer Art und Weise, die die Rhythmen der Natur und deren Grenzen respektiert, ihr ermöglicht, sich zu erholen und zu erneuern. Dies nannte man nachhaltige Entwicklung im Gegensatz zum rein materiellen Wachstum, wie es das BSP misst.

Im Namen dieses Bewusstseins und seiner Dringlichkeit entstanden das Prinzip Verantwortung (Hans Jonas), das Prinzip Achtsamkeit (Boff u. a.), das Prinzip Nachhaltigkeit (Brundland Report), das Prinzip Kooperation (Heisenberg/Wilson/Swimme), das Prinzip Prävention/Vorsorge (1992 Brief der UN aus Rio de Janeiro), das Prinzip Mitleid (Schopenhauer/Dalai Lama) und das Prinzip Erde (Lovelock und Evo Morales), in dem die Erde als ein lebendiger Super-Organismus verstanden wird, der stets bereit ist, Leben hervorzubringen.

Die ökologische Überlegung wurde komplex. Sie kann nicht nur auf Umweltschutz reduziert werden. Die Ganzheit des Weltensystems steht auf dem Spiel. Daher entstand eine Umwelt-Ökologie, deren Ziel die Lebensqualität ist; eine soziale Ökologie, die einen nachhaltigen Lebensstil anstrebt (Produktion, Verteilung, Konsum und Müllverarbeitung); eine mentale Ökologie, die Vorurteile und solche Weltvisionen kritisiert, die dem Leben gegenüber feindlich gesonnen sind, und die ein neues Design für die Zivilisation vorschlägt, das auf den Prinzipien und Werten für eine neue Art, das Gemeinsame Haus zu bewohnen, basiert; und schließlich eine integrale Ökologie, die anerkennt, dass die Erde Teil eines Universums in Evolution ist und dass wir in Harmonie mit dem Ganzen leben müssen, die komplex und zweckdienlich ist. Daraus resultiert Frieden.

Dann wird klar, dass Ökologie eine Kunst ist, ein neuer Weg, sich mit der Natur und der Erde in Beziehung zu setzen, mehr als eine Technik zum Verwalten rarer Naturgüter.

Überall auf der Welt entstanden Bewegungen, Institutionen, Organismen, NGOs und Forschungszentren, die sich um die Erde sorgen, insbesondere um alle Lebewesen.

Wenn das Bewusstsein für Achtsamkeit und für unsere kollektive Verantwortung für die Erde und für unsere Zivilisation triumphiert, dann werden wir sicher noch eine Zukunft haben.

Leonardo Boff
14.06.2015

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Was werden unsere Kinder und Enkel zu uns sagen?

Alle Länder, vor allem diejenigen, die wie Brasilien im Jahr 2015 eine Finanzkrise erleiden, sind von einer beständigen Vorstellung besessen: Wir müssen wachsen; wir müssen das Wachstum des BSP sichern, d. h. die Summe allen im Lande erschaffenen Reichtums. Dieses Wirtschaftswachstum betrifft grundlegend die Produktion materieller Güter. Es schafft einen hohen Grad an sozialer Ungleichheit (Arbeitslosigkeit und Lohnkürzungen) und führt zu einer perversen Zerstörung der Umwelt (Erschöpfung der Ökosysteme).

Tatsächlich sollten wir zuerst über die Art der Entwicklung sprechen, die essentielle nicht-materielle Elemente beinhaltet, vor allem solche subjektiven und humanistischen Dimensionen wie die Ausdehnung der Freiheit, Kreativität und der Möglichkeiten, sein Leben selbst zu gestalten. Leider sind wir alle von diesem Wachstum in Geiselhaft genommen. Vor langem wurde das Gleichgewicht zwischen Wachstum und Umweltschutz zugunsten des Wachstums zerstört. Der Konsum übersteigt bereits um 40 % die Kapazitäten unseres Planeten, seine Ressourcen zu erneuern. Und die Erde ist dabei, ihre Nachhaltigkeit zu verlieren.

Wir wissen inzwischen, dass die Erde ein sich selbst regulierendes Lebenssystem ist, in dem alle Faktoren interagieren (Gaia-Theorie), um ihre Ganzheit aufrechtzuerhalten. Doch ihre Selbstregulierung funktioniert nicht mehr. Daher kommt der Klimawandel, gibt es extreme Ereignisse (starke Winde, Tornados, Klimaderegulierung) und die globale Erwärmung, die uns mit schweren Katastrophen böse überraschen kann).

Die Erde sucht ein neues Gleichgewicht, indem sie ihre Temperatur um 1,4 bis 5,8 Grad erhöht. Dies würde zu einer Ära großer Zerstörungen führen (Anthropozän) mit gestiegenem Meereslevel, von denen mehr als die Hälfte der Menschheit betroffen sein werden, die an den Küsten leben. Tausende von lebendigen Organismen würden nicht genug Zeit haben, um sich anzupassen oder die schädigenden Auswirkungen abzumildern, und würden von der Erdoberfläche verschwinden. Ein Großteil der Menschheit selbst, bis zu 80 % sagen manche, könnten auf einem Planeten, dessen physikalisch-chemische Grundlage so profund verändert wäre, nicht überleben.

Der Umweltforscher Washington Novaes ist sich gewiss: „Jetzt geht es nicht mehr darum, sich um die Umwelt zu kümmern, sondern darum, die Limits, die das Leben gefährden könnten, nicht zu überspannen.“ Manche Wissenschaftler behaupten, wir hätten den Punkt des No-Return erreicht. Die auf uns zukommende Krise lässt sich verlangsamen, nicht aber stoppen.

Diese Frage ist unbequem. In ihren offiziellen Reden sprechen Staatsoberhäupter, Geschäftsleute und – noch schlimmer – die wichtigsten Ökonomen selten die Grenzen des Planeten und die daraus resultierenden Probleme für unsere Zivilisation an. Wir wollen nicht, dass unsere Kinder und Enkel uns verfluchen, wenn sie auf die Vergangenheit schauen, denn obwohl wir von den Gefahren wussten, taten wir nichts oder wenig, um die Tragödie zu vermeiden.

Der Fehler eines jeden muss möglicherweise wortwörtlich den merkwürdigen Anweisungen von Lord Keynes folgen, um der großen Depression der 1930er Jahre zu entrinnen:

„Mindestens ein Jahrhundert lang machten wir uns selbst und allen anderen vor, dass Schönes schmutzig ist und dass Schmutziges schön ist, denn das Schmutzige ist nützlich, und das Schöne ist nutzlos. Gier, Profitsucht, Misstrauen müssen unsere Götter sein, denn diese werden uns zum Ende des Tunnels ökonomischen Bedarfs ans Tageslicht führen … Nach all dem wird die Rückkehr zu einigen sichereren und gewissen Prinzipien von Religion und traditionellen Tugenden erfolgen: dass Gier ein Laster ist, Profitsucht ein Verbrechen und die Liebe zum Geld verachtenswert“ (Economic Possibilities of our Grand-Children – Ökonomische Möglichkeiten unserer Enkel). So denken die Hauptverantwortlichen für die Krise von 2008, die niemals bestraft wurden.

Es ist höchste Zeit, dass wir unsere Ziele neu definieren und nach den geeignetsten Mitteln forschen, um sie zu erreichen. Es kann bei ihnen nicht länger darum gehen, zu produzieren, während die Natur zerstört wird, und grenzenlos zu konsumieren. Niemand hat eine Lösung für diese Zivilisationskrise. Doch wir vermuten, dass wir uns von der Weisheit der Natur selbst leiten lassen müssen: Respekt für ihren Rhythmus aufbringen, für ihre Belastungskapazität, das Hauptaugenmerk nicht auf Wachstum, sondern auf Nachhaltigkeit legen. Würden unsere Produktionsweisen die natürlichen Zyklen respektieren, dann gäbe es sicher genug für alle und wir würden die Natur, deren Teil wir sind, bewahren.

Wir bekleben die Wunden der Erde mit Pflaster. Linderung keine Lösung. Wir beschränken uns vor allem aufs Lindern und habe dabei die Illusion, wir lösten die dringenden Probleme, bei denen es um Leben und Tod geht.

Leonardo Boff
04.06.2015

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Wodurch wir der Kultur des Kapitals Fortbestand verleihen

Im vorangehenden Artikel „Die kapitalistische Kultur ist lebens- und glücksfeindlich“ ging es uns darum, in der Theorie aufzuzeigen, dass alle Kraft für deren Fortbestand und Reproduktion in der Bekräftigung des einen Aspekts unserer Natur liegt, nämlich der Selbstbestätigung, der Stärkung des Egos, so dass sie weder verschwindet noch durch andere Kulturen assimiliert wird. Doch dieser Ansatz verkleinert oder leugnet sogar einen anderen, ebenfalls natürlichen Aspekt, nämlich den der Integration des Selbst und des Individuums in ein Ganzes, in die Spezies, die es repräsentiert.

Dies reicht jedoch noch nicht aus, um diese Überlegung abzuschließen. Neben der ersten Feststellung muss noch eine andere Kraft benannt werden, die den Fortbestand der kapitalistischen Kultur sicherstellt. Es ist die Tatsache, dass wir, die Mehrheit der Gesellschaft, die „Werte“ und den grundlegenden Zweck des Kapitalismus, nämlich die beständige Profitsteigerung, verinnerlicht haben, die den unbegrenzten Konsum von materiellen Gütern erlaubt. Diejenigen, die nicht besitzen, möchten besitzen. Diejenigen, die besitzen, möchten mehr besitzen. Und diejenigen, die mehr besitzen, sagen: „Es gibt nie genug.“ Und für die überwiegende Mehrheit sind Wettbewerb – nicht Solidarität – und die Übermacht des Stärkeren über allen anderen Werten in sozialen Beziehungen, vor allem im Geschäftlichen, vorherrschend.

Der Schlüssel zur Aufrechterhaltung der Kultur des Kapitals ist die Konsumkultur, die des ständigen Kaufens neuer Produkte: ein neues Smartphone mit noch mehr Apps, ein noch ausgefeilterer Computer, ein Paar Schuhe oder Kleidung in neuem Stil, mehr Kredite auf der Bank, um das Kaufen und Konsumieren zu erleichtern, die unkritische Aufnahme von Produktwerbung etc.

Eine Mentalität ist entstanden, für die all diese Dinge als selbstverständlich hingenommen werden. Auf Partys unter Freunden oder in der Familie und in den Restaurants isst man sich satt, während zur selben Zeit in den Nachrichten von Millionen hungernden Menschen die Rede ist. Nicht vielen fällt dieser Widerspruch auf, denn die Kultur des Kapitals lehrt uns, uns zuerst um uns selbst zu kümmern und uns nicht um die anderen oder um das Gemeinwohl zu sorgen. Dies, wie wir bereits oft erwähnten, ist schon seit langer Zeit so.

Doch es reicht nicht aus, die Konsumkultur zu kritisieren. Wenn es sich um ein systemisches Problem handelt, müssen wir ein anderes System voranbringen, eines, das antikapitalistisch ist, sich nicht um die Produktion dreht und sich gegen unbegrenztes lineares Wachstum wendet. Dem kapitalistischen Credo: „Es gibt keine Alternative“ müssen wir ein humanistisches Credo entgegensetzen: „Es gibt eine Alternative“.

Alternativen können überall gefunden werden. Ich werde hier nur drei Beispiele nennen: das Konzept des „guten Lebens“ der Andenvölker, das seit Jahrhunderten Bestand hat, ungeachtet der vielen Versuche, es zu zerstören, zu unterwerfen oder zu assimilieren; doch das einige Sektoren der Gesellschaft kürzlich anzuerkennen und zu schätzen gelernt haben um seiner Wohltaten für die Menschheit willen, einschließlich der Harmonie und des Gleichgewichts unter all den Bereichen der Familie, innerhalb der Gesellschaft (Gemeinschafts-Demokratie), mit der Natur (dem Wasser, der Erde, den Landschaften) und mit Pacha-Mama, der Mutter Erde. Die Ökonomie der Andenvölker ist nicht durch Akkumulation geprägt, sondern durch die Produktion dessen, was für alle ausreichend und vernünftig ist.

Ein zweites Beispiel: der täglich wachsende Öko-Sozialismus. Er steht nicht in Verbindung mit dem zuvor existierenden Sozialismus (bei dem es sich tatsächlich um Staatskapitalismus handelte), sondern stammt von den Idealen des klassischen Sozialismus ab, von Gleichheit, Solidarität, Unterwerfung des Wechselkurses unter den Gebrauchswert, gemeinsam mit den Idealen moderner Ökologie. Er wurde glänzend durch Michael Löwy in „Was ist Öko-Sozialismus“ (Qué es el ecosocialismo, Cortez, 2015) vorgestellt, sowie von anderen in diversen Ländern, einschließlich der bedeutenden Beiträge von James O’Connor und Jovel Kovel. Diese sehen Wirtschaft als eine Funktion der sozialen Bedürfnisse und des Bedürfnisses, das Lebenssystem und den Planeten als Ganzes zu beschützen. Die Ziele des demokratischen Sozialismus, nach O’Connor, wären demgemäß demokratische Kontrolle, soziale Gleichheit und die Vorherrschaft des Gebrauchswertes. Löwy fügt hinzu, dass „eine solche Gesellschaft ein kollektives Besitztum der Produktionsmittel voraussetzt, eine demokratische Planung, die eine Gesellschaft dazu führen kann, ihre Ziele von Produktion und Investition zu definieren sowie eine neue technologische Struktur der Produktionskräfte.“ (a.a.O. S. 45-46). Sozialismus und Ökologie haben die gleichen qualitativen Werte wie Kooperation, Verkürzung der Arbeitszeit, um in einem freien Staat koexistieren, kreieren, Kultur und Spiritualität verfolgen und die verarmte Natur wiederherstellen zu können. Dies sind Werte, die nicht auf einen Marktwert reduziert werden können. Dieses Ideal liegt in Reichweite der historischen Möglichkeiten und umfasst Praktiken, die dies vorwegnehmen (wie z. B. bei den Andenvölkern, wie oben beschrieben).

Ein drittes Kulturmodell würde ich den „Franziskanischen Weg“ nennen. Franz von Assisi, den Franziskus von Rom auf seine Weise aktualisiert, ist mehr als ein Name oder ein religiöses Ideal; es ist ein Lebensprojekt, ein Geist und eine Seinsweise. Der Franziskanische Weg versteht Armut nicht als den Zustand, nichts zu besitzen, sondern als die Fähigkeit stets in der Lage zu sein, sich von sich selbst zu lösen und so immer wieder zu geben. Er umfasst die Einfachheit des Lebens, des Konsums als gemeinsame Bescheidenheit, als Sorge für die Bedürftigen, als universelle Verschwisterung mit allen Geschöpfen der Natur, die als Brüder und Schwestern respektiert werden, als Lebensfreude, als die Fähigkeit, zu tanzen und zu singen, sogar provenzalische cantilenae amatoriae, Liebeslieder. In politischer Sprache ausgedrückt würde es sich eher um einen Sozialismus der Angemessenheit und der Genügsamkeit handeln als des Überflusses und folglich ein radikal anti-kapitalistisches Projekt, das sich gegen das Anhäufen materieller Güter richtet.

Sind dies Utopien? Ja, doch sie sind notwendig, um nicht in purem Materialismus zu ertrinken. Sie sind Utopien, aber nach der unausweichlich auf uns zukommenden großen systemischen sozio-ökologischen Krise – eine Reaktion der Erde selbst, die eine solche Zerstörung nicht länger ertragen kann – können sie sich als inspirierende Referenzpunkte erweisen. Diese kulturellen Werte werden ein neues Zivilisations-Experiment voranbringen, und zwar eines, das endlich gerecht, spirituell und menschlich sein wird.

Leonardo Boff
25.05.2015

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Die kapitalistische Kultur ist lebens- und glücksfeindlich

Der Niedergang der Theorie, die dem Kapitalismus als eine Produktionsform zugrunde liegt, nahm seinen Anfang mit Karl Marx und schritt fort durch das 20. Jahrhundert mit dem Aufkommen des Sozialismus. Um seinen Hauptzweck, dem unbegrenzten Anhäufen von Reichtum, zu erreichen, steigerte der Kapitalismus alle zur Verfügung stehenden Produktionskräfte. Doch als Resultat war von Anfang an ein hoher Preis zu zahlen: eine perverse soziale Ungleichheit. Ethisch-politisch ausgedrückt bewirkt er soziale Ungerechtigkeit und das systematische Anwachsen von Armut.

In den vergangenen Jahrzehnten wurde den Menschen bewusst, dass es nicht nur soziale Ungerechtigkeit gibt, sondern auch ökologische Ungerechtigkeit: die Zerstörung des gesamten Ökosystems, der Raubbau von Bodenschätzen und schließlich eine allgemeine Krise des Lebens- und Erdsystems. Produktive Kräfte wurden in destruktive Kräfte verwandelt. Geld ist zum Selbstzweck geworden. So warnte Papst Franziskus in allgemein bekannten Abschnitten des Apostolischen Schreibens über die Ökologie: „Im Kapitalismus regiert nicht mehr der Mensch, sondern das Geld und nochmals das Geld. Der Antrieb ist der Profit … Ein Wirtschaftssystem, das sich um den Gott Geld dreht, bedarf des Raubbaus der Natur, um seinen inhärenten frenetischen Konsumrhythmus beizubehalten.

Jetzt hat der Kapitalismus sein wahres Gesicht gezeigt: Wir haben es mit einem System zu tun, das gegen das Leben der Menschen und das Leben der Natur ist. Und wir stehen vor einem Dilemma: entweder ändern wir uns, oder wir laufen Gefahr, uns selbst zu zerstören, wie die Erd-Charta warnt.

Nichtsdestoweniger besteht der Kapitalismus weltweit als dominantes System fort unter dem Namen der neo-liberalen Markt-Makroökonomie. Worauf beruhen seine Dauer und sein Fortbestand? Meiner Meinung nach auf der Kultur des Kapitals. Die Kultur des Kapitals ist mehr als ein Produktionsmodus. Als eine Kultur verkörpert sie eine Lebensweise eine Produktionsweise, eine Konsumweise, die Art des Verhältnisses zu Natur und zum Menschen, die Art, wie man ein System schafft, dem es gelingt, sich selbst ständig zu reproduzieren unabhängig von der Kultur, in der es sich befindet. Er hat eine Mentalität geschaffen, eine Art der Machtausübung und einen ethischen Kodex. Fabio Konder Comparato streicht dies in seinem Buch „A civilização capitalista“ (Eine kapitalistische Kultur), (Saraiva, 2014) heraus, das sich zu lesen lohnt: „Der Kapitalismus ist die erste Welt-Zivilisation der Geschichte“ (S. 19). Voller Stolz bekräftigt der Kapitalismus: „Es gibt keine Alternative“.

Wir wollen uns kurz einige seiner Charakteristika vor Augen halten: der Endzweck des Lebens besteht im Ansammeln von materiellen Gütern durch unbegrenztes Wachstum, hergestellt durch grenzenlose Ausbeutung aller natürlichen Ressourcen, durch die Vermarktung von allem und jedem und mithilfe von Finanzspekulation. All dies wird durch geringstmögliches Investieren erreicht, im Streben nach dem größtmöglichen Profit, durch Effizienz und in kürzest möglicher Zeitspanne. Der Motor heißt Wettbewerb, angetrieben durch Werbung, der zuletzt Begünstigte ist das Individuum, das Versprechen heißt Glück in einem puren materialistischen Kontext.

Zu diesem Zweck übernimmt der Kapitalismus die Macht über die gesamte Lebenszeit des Menschen und lässt ihm keinen Raum für unnötige Aktivitäten, für geschwisterliche Koexistenz unter Menschen und mit der Natur, für Liebe, für solidarische Bekenntnisse und für die Erfahrung von Lebensfreude durch einfaches Leben. Da solche Realitäten für die Kultur des Kapitals nicht wichtig sind, aber die Realitäten sind, die Glück möglich machen, zerstört der Kapitalismus die nötigen Bedingungen für das, was er anbietet: Glück. Auf diese Weise richtet sich Kapitalismus nicht nur gegen das Leben, sondern auch gegen das Glück.

Wie sich daraus folgern lässt, sind diese Ideale nicht gerade das, was am dringendsten für die endliche und einzige Zeit, die wir in unsrem Leben auf diesem kleinen Planeten haben, brauchen. Der Mensch hungert nicht nur nach Brot und Reichtum; der Mensch trägt auch andere Bedürfnisse in sich, wie die nach Kommunikation, Verzauberung, liebende Leidenschaft, Schönheit, Kunst und den Hunger nach Transzendenz und vielem anderen mehr.

Doch wieso scheint die Kultur des Kapitals so beharrlich? Ohne zu zögern würde ich sagen, dass, selbst wenn sie dies in einer entstellten Form tut, sie deshalb fortbesteht, weil die Kultur des Kapitals eine der essentiellen Dimensionen der menschlichen Existenz verwirklicht: das Verlangen nach Selbstbestätigung, um das Ego zu bestärken. Andernfalls könnte sie nicht bestehen und würde von anderen Dimensionen absorbiert werden oder einfach verschwinden.

Biologen und selbst Kosmologen (wie z. B. Brian Swimme, um nur einen der Intelligentesten zu nennen) lehren uns, dass in allen Lebewesen des Universums, vor allem im Menschen, zwei Kräfte vorherrschen, die miteinander in Spannung stehen. Die eine ist der Wille des Individuums, zu sein, fortzubestehen und innerhalb des Lebensprozesses voranzuschreiten; dafür muss das Individuum sich selbst bestätigen und seine Identität, sein „Ego“ bestärken. Die andere Kraft ist die der Integration in das größere Ganze, innerhalb der Spezies, deren Teil das Individuum ist, indem es Netzwerke und Beziehungssysteme bildet, ohne die niemand bestehen kann.

Die erste Kraft dreht sich um das Ego und um das Individuum und kreiert Individualismus. Die zweite Kraft hat ihre Grundlage in der Spezies, dem „Uns“, und fördert Gemeinschaft und Gesellschaft. Die erste ist die Basis des Kapitalismus, die zweite die des Sozialismus.

Wo findet sich das besondere Talent des Kapitalismus? In der Überspitzung des Ego bis zum Äußersten, des Individuums und der Selbstbestätigung und unter Außerachtlassung des größeren Ganzen, der Integration und des „Wir“. Auf diese Weise hat er das Gleichgewicht der Menschen gekippt, da die eine Kraft bis zum Exzess ausgeübt und die andere ignoriert wird.

In dieser natürlichen Tatsache beruht die Kraft, die der Kultur des Kapitalismus Bestand verleiht, denn sie ist auf etwas begründet, das zwar korrekt ist, aber in einer unverhältnismäßig einseitigen und pathologischen Form ausgeübt wird.

Wie können wir diese Situation überwinden, die sich in den vergangenen Jahrhunderten aufgebaut hat? Grundsätzlich durch das Wiederherstellen des Gleichgewichts der zwei natürlichen Kräfte, die unsere Realität bilden. Vielleicht wäre eine schrankenlose Demokratie die Institution, die gleichermaßen dem Individuellen (dem „Ego“) gerecht wird, doch innerhalb des größeren Ganzen („Wir“, die Gesellschaft), dessen Teil das „Ego“ ist. Wir werden in Zukunft noch auf dieses Thema zurückkommen.

Leonardo Boff
18.05.2015

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Eine Revolution innerhalb der Evolution

Es gibt eine allgemeine Wahrnehmung, dass der heutige Mensch abgelöst werden muss. Die Schöpfung des heutigen Menschen ist noch nicht abgeschlossen, sondern befindet sich latent in der Dynamik des Evolutionsprozesses. Diese Suche nach dem neuen Mann und der neuen Frau ist vielleicht eine der Sehnsüchte, die im Lauf der Geschichte niemals abgeschlossen wurde.

Zwei Beispiele: Das mesopotamische Denken schuf das Gilgamesch Epos des 7. Jh n. Chr, das der biblischen Erzählung der Schöpfung und Sintflut sehr ähnlich ist. Der Held Gilgamesch, verzweifelt über die Tragik des Todes, sucht nach dem Baum des Lebens. Er möchte Utnapishtim finden, der der Flut entkam, unsterblich geworden war und auf einer wunderbaren Insel lebte, die nicht vom Tod regiert wurde. Auf seinem Weg empfahl ihm Shamash, der Sonnengott: „Gilgamesch, du wirst niemals den Baum finden, nach dem du suchst.“ Die göttliche Nymphe Siduri warnt ihn: „Als die Götter die Menschen schufen, beschlossen sie den Tod als deren Schicksal; die Götter behielten das ewige Leben für sich selbst. Gilgamesch , du tätest besser daran, deinen Magen zu füllen und dich Tag und Nacht des Lebens zu freuen; sei glücklich über das Wenige, über das du verfügen kannst.

Gilgamesch lässt sich nicht von seiner Suche abbringen. Er erreicht die Insel der Unsterblichkeit, greift sich den Baum des Lebens und kehrt zurück. Auf seinem Rückweg bläst die Schlange ihren bösen Atem über den Baum und stiehlt ihn. Der Held des Epos stirbt desillusioniert und kommt ins „Land ohne Wiederkehr, wo man Staub und Schlamm isst und wo die Könige ihrer Krone beraubt sind.“ Unsterblichkeit ist weiterhin das Ziel immer währender Suche.

Unsere Tupi-Guarani und Apopocuva-Guarani entwarfen die Utopie der “Erde ohne das Böse” und das “Mutterland der Unsterblichkeit”. Diese beiden Nationen lebten in ständiger Bewegung. Von der Küste von Pemambuxo bewegten sie sich plötzlich auf das Innere des Dschungels zu, in der Nähe des Quellgebiets des Madeira Flusses. Von dort aus ging eine andere Gruppe nach Peru. Von der Grenze Paraguays wanderte wieder eine andere Gruppe zur Atlantikküste etc. Die von Anthropologen durchgeführten Studien über die Mythen deckten deren Bedeutung auf. Der Mythos der „Erde ohne das Böse“ inspirierte eine ganze Nation dazu, sich auf den Weg zu begeben. Der Shaman sagte voraus: „Sie wird aus dem Meer auftauchen.“ Voller Hoffnung begaben sie sich dorthin. Durch Riten, Tänze und Fasten glaubten sie ihre Körper erleichtern zu können, um der Begegnung mit dem „Mutterland der Unsterblichkeit“ in den Wolken entgegenzugehen. Desillusioniert kehrten sie in den Dschungel zurück, bis sie eine andere Botschaft vernahmen und sich erneut auf die Suche nach der ersehnten „Erde ohne das Böse“ begaben, voll Sehnsucht nach einer niemals endenden Hoffnung.

Diese zwei Beispiele drücken in mythischer Form dasselbe Konzept aus wie es heutzutage von dem modernen Menschen in der Sprache der Wissenschaft ausgedrückt wird. Er will nicht auf das neue Wesen vom Himmel warten, er möchte es selbst schaffen durch genetische Manipulation. Wir suchen weiterhin, und dennoch sterben wir noch immer früher oder später.

Auch das Christentum hat sich dieser Utopie verschrieben, mit dem Unterschied, dass es für die Christenheit nicht länger eine Utopie ist, sondern eine Topie, d. h. ein gesegnetes und noch nie dagewesenes Ereignis, das in der Geschichte auftrat. Das älteste Zeugnis der frühen Christenheit ist dies: „Christus ressurrexit vere et aparuit Simoni“ (Lk 24,34): „Christus ist wahrhaft auferstanden und ist dem Simon erschienen“.

Sie verstanden Auferstehung nicht als die Wiederbelebung des Körpers, so wie bei Lazarus, der schließlich auch wieder sterben musste, sondern als das Erscheinen des neuen Menschen, des „novissimus Adam“ (1 Kor 15,45), des „neuen Adam“, als eine völlige Realisierung aller im Menschen ruhenden Potenziale.

Sie fanden keine adäquaten Worte, um dieses noch nie dagewesene Phänomen zum Ausdruck zu bringen. Sie nannten es „Geistkörper” (1 Kor 15,44). Dies scheint der vorherrschenden Philosophie dieser Zeit zu widersprechen: Wenn es ein Körper ist, kann es kein Geist sein; ist es ein Geist, kann es kein Körper sein. Nur in der Vereinigung der beiden Konzepte, den frühen Christen zufolge, konnten sie der neuen Wirklichkeit gerecht werden: Es ist ein Körper, jedoch ein transfigurierter; es ist ein Geist, doch befreit von den materiellen Grenzen und mit kosmischer Dimension.

Sie sagen noch mehr: Die Auferstehung ist nicht einfach ein persönliches Ereignis, das im Leben des Jesus von Nazareth stattfand. Sie gilt für alle, einschließlich des Kosmos, wie es in den Briefen des Hl. Paulus an die Kolosser und an die Epheser heißt. Darum bekräftigt Paulus: „Er ist die Hoffnung aller, die gestorben sind … Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden“ (1 Kor 15,22).

Dies ist ein Diskurs über Glaube und Religion, doch er ist auch von anthropologischer Wichtigkeit. Er repräsentiert eine von vielen Antworten auf das Rätsel des Todes, vielleicht die vielversprechendste.

Wenn dem so ist, haben wir es mit einer Revolution innerhalb der Evolution zu tun. Es ist als hätte die Evolution ihr gutes Ende im Zenit der Realisierung ihrer verborgenen Potenziale vorweggenommen. Es wäre ein Modell, das uns die Herrlichkeit und das außerordentlich wunderbare Geschick vor Augen führt, zu dem wir gerufen sind.

Also lohnt es sich zu leben und zu sterben. In Wirklichkeit leben wir nicht, um zu sterben. Wir sterben, um aufzuerstehen. Um mehr und besser zu leben.

Allen, die glauben, und denjenigen, die aufhören zu richten, wünsche ich ein gutes und frohes Osterfest.

Leonardo Boff
05.05.2015

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Religionen und Terrorismus

Die Hauptkonflikte der letzten Jahre des vorigen Jahrhunderts und der ersten Jahre dieses Jahrhunderts haben religiöse Untertöne, sei es in Nord-Irland, im Kosovo, Kaschmir, Afghanistan, im Irak oder im extrem gewalttätigen neuen Islamischen Staat. Dies zeigte sich klar in Paris bei der Ermordung der Karikaturisten und anderer Personen durch islamistische Fundamentalisten. Wie kommt dabei die Religion ins Spiel?

Nicht ohne Grund schrieb Samuel P. Huntington in seinem bekannten Buch von 1997 „The Clash of Civilizations“ (Der Kampf der Kulturen): „In der modernen Welt stellt die Religion eine Zentralkraft dar, möglicherweise die Zentralkraft, die Menschen motiviert und mobilisiert … Was letztlich wichtig für die Menschen ist, sind weder politische Ideologie noch wirtschaftliche Interessen. Womit Menschen sich identifizieren, sind religiöse Bekenntnisse, die Familie und Überzeugungen. Dafür kämpfen sie und sind sogar bereit, ihr Leben zu geben“ (S. 79). Huntington übt Kritik an der nordamerikanischen Außenpolitik, weil diese den religiösen Faktor nie wichtig genug genommen hat, sondern als etwas Altes und Überholtes ansieht. Dies ist ein enormer Fehler. Religion liegt den schwersten Konflikten zugrunde, die wir heute erleben.

Ob uns das gefällt oder nicht, ein Großteil der Menschheit orientiert sich trotz des Säkularisierungsprozesses und des Verschwindens des Sakralen an einer religiösen Weltsicht: der jüdischen, der christlichen, der islamischen, der shintoistischen, der buddhistischen u. a.

Wie Christopher Dawson (1889-1970), der berühmte britische Kulturhistoriker, bekräftigte, „sind die großen Religionen die Fundamente, auf denen die Zivilisationen beruhen“ (Dynamics of World History, 1957, S. 128). Religionen sind Ehrensache einer Kultur, denn durch Religion projizieren sie ihre großen Träume, erarbeiten ihre sie ethische Maxime, verleihen der Geschichte einen Sinn und haben einen Beitrag zum letzten Sinn des Lebens und des Universums zu leisten. Nur die moderne Kultur hat keine Religion hervorgebracht. Die moderne Kultur fand einen Ersatz mit Götzenfunktionen wie Vernunft, endlosem Fortschritt, grenzenlosem Konsum, unbeschränkter Anhäufung u. a. Das Ergebnis wurde von Nietzsche angeprangert, der den Tod Gottes ausrief. Nicht dass Gott gestorben wäre, denn wäre er gestorben, so wäre Gott nicht Gott. Vielmehr ist es so, dass die Menschen Gott töteten. Nietzsche meinte, dass Gott kein Bezugspunkt mehr für grundlegende Werte, für einen vorrangigen Zusammenhalt unter den Menschen darstellt. Wir sehen die Auswirkungen heute auf globalem Niveau: eine richtungslose Menschheit, eine schreckliche Einsamkeit und ein Gefühl des Entwurzeltseins ohne zu wissen, wohin die Geschichte uns führt.

Wenn wir Frieden für diese Welt wollen, müssen wir das Gefühl für das Sakrale wieder aufleben lassen, die spirituelle Dimension des Lebens, die die Quelle der Religionen ist. Tatsächlich ist Spiritualität wichtiger als Religion, denn sie stellt eine zutiefst menschliche Dimension dar. Doch Spiritualität drückt sich durch Religionen aus, deren Zweck es ist, das Leben zu nähren, zu erhalten und mit Spiritualität zu durchdringen. Dies wird nicht immer erreicht, denn fast alle Religionen, sind sie erst einmal institutionalisiert, verwickeln sich in Machtspiele und Hierarchien und können pathologische Formen annehmen. Alles Gesunde kann auch krank werden. Doch wir messen Religionen wie Menschen, an den „gesunden“ Versionen, nicht an den „pathologischen“. So können wir sehen, dass Religionen eine unabdingbare Funktion erfüllen: Sie versuchen, dem Leben einen letzten Sinn zu verleihen, und stellen die Menschheitsgeschichte in einen hoffnungsvollen Rahmen. Heute haben Fundamentalismus und Terrorismus, beides religiöse Pathologien, an Bedeutung gewonnen. Dies liegt zum Großteil am zerstörerischen Globalisierungsprozess (genau genommen an der Verwestlichung der Welt), der die Unterschiede ignoriert, Identitäten zerstört und ihnen fremde Gewohnheiten aufzwingt.

Wenn so etwas geschieht, halten sich Völker im allgemeinen an Dinge, die ihre Identität bewahren. Durch Religionen bewahren sie ihre Erinnerungen und ihre besten Symbole. Wenn sie sich überfallen fühlen, wie es im Irak und in Afghanistan mit Tausenden von Opfern der Fall war, flüchten sie sich in ihre Religionen als einer Form von Widerstand. Dann geht es nicht mehr um etwas Religiöses, sondern die Politik bedient sich der Religion als Selbstverteidigung. Invasion schafft Wut und Rachegelüste. Fundamentalismus und Terrorismus haben ihre Wurzeln in diesem Fragekomplex. So kommt es zu Terrorattacken.

Wie kommen wir aus dieser kulturellen Sackgasse wieder heraus? Es ist unerlässlich, die Werte der Gastfreundschaft zu leben, offen für den Dialog zu sein und von denen zu lernen, die anders sind als wir, eine aktive Toleranz zu leben und sich seiner Menschlichkeit bewusst zu sein.

Religionen müssen einander anerkennen, um in den Dialog zu treten und ein Mindestmaß an Gemeinsamkeiten zu finden, das eine friedliche Koexistenz ermöglicht.

Vor allem ist es wichtig, den religiösen Pluralismus als eine Tatsache und als ein Recht anzuerkennen. Pluralismus kommt von einem richtigen Verständnis von Gott. Keine Religion kann hoffen, innerhalb der Grenzen ihres Redens und ihrer Riten das Mysterium zu definieren, die Ur-Quelle aller Wesen, oder welchen Namen sie der Höchsten Wirklichkeit geben wollen. Wenn das möglich wäre, wäre Gott ein Teil der Welt, ein Idol. Gott ist immer jenseits und immer weit über uns. Folglich gibt es Raum für unterschiedliche Ausdrucks- und Zelebrationsformen Gottes, die nicht nur einer einzigen Religion eigen sind.

Die ersten elf Kapitel des Buchs Genesis enthalten eine wunderbare Lektion. Sie sprechen nicht von den Israeliten als dem auserwählten Volk. Sie nehmen Bezug auf alle Völker der Erde, die alle Völker Gottes sind. Über ihnen entsteht der Regenbogen des göttlichen Bündnisses. Diese Botschaft erinnert uns noch heute daran, dass alle Völker mit ihren Religionen und ihren Traditionen Völker Gottes sind. Sie alle leben auf der Erde, im Garten Gottes, und bilden die einzigartige menschliche Spezies, die sich aus vielen Familien mit ihren Traditionen, Kulturen und Religionen zusammensetzt.

Leonardo Boff
30.01.2015

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