An diesem Gründonnerstag erleidet die Menschheit einen sträflichen Mangel an Tischgemeinschaft

Gründonnerstag, das Letzte Abendmahl des Herrn, erinnert uns an die Tischgemeinschaft, die heute den Millionen Hungernden in Brasilien und weltweit verwehrt wird als Folge des Eindringens von Covid-19. Leider ist es offensichtlich, dass es eine schmerzhafte Abwesenheit von Solidarität angesichts der hungrigen Massen gibt, die uns daran hindert, zusammen zu essen (Tisch-Gemeinschaft).

Eines der Verdienste von MST (Landlosen-Bewegung) ist, dass sie sich in all ihren Siedlungen nach der Ethik der Solidarität unter ihren Mitgliedern und sogar mit denen außerhalb ihrer Siedlungen organisiert hat. Sie sind vorbildlich darin, ihre ökologisch angebauten Lebensmittel mit Hilfe von vielen Lebensmittelpaketen zu teilen, die an Tausende von Familien an den Peripherien unserer Städte verteilt werden. Sie praktizieren einen der ältesten Träume der Menschheit: Die Tisch-Gemeinschaft, das heißt, jeder kann ausreichend essen und zusammen essen, an einem Tisch sitzen und die Geselligkeit und die Früchte der großzügigen Mutter Erde genießen.

Essen ist mehr als ein materielles Objekt. Es ist ein Sakrament und Symbol der Großzügigkeit von Mutter Erde, die uns zusammen mit menschlicher Arbeit alles bietet, was wir brauchen. Es geht nicht um Ernährung, sondern um Gemeinschaft mit der Natur und mit anderen, mit denen wir Brot teilen. Im Rahmen des gemeinsamen Tisches wird das Essen geschätzt, und es wird darüber gesprochen. Die größte Freude der Köche, die das Essen zubereiten, ist es, die Zufriedenheit derer wahrzunehmen, die es essen und genießen. Eine wichtige Geste am Tisch ist es, das Essen zu servieren oder an den anderen weiterzugeben. Zivilisiertes Verhalten erleichtert jeder und jedem, sich selbst zu helfen, und sorgt dafür, dass es genug Nahrung für alle gibt.

Die zeitgenössische Kultur hat die Logik des Alltags so verändert und sie in Funktionen der Arbeit und Produktivität verwandelt, dass sie den symbolischen Bezug des Tisches geschwächt hat. Er war für Sonntage oder für besondere feierliche Anlässe oder Geburtstage reserviert, wenn Familienmitglieder sich trafen und sich zusammensetzten. Aber in der Regel ist es nicht mehr der Ort, an dem die Familie zusammenkommt.

Der Familientisch wurde durch andere Tische ersetzt, die absolut entweiht wurden: der Verhandlungstisch, der Spieltisch, die Diskussions- und Debattentische, ein Währungswechseltisch und ein Tisch für die Interessenvermittlung u. a. Auch wenn sie entweiht werden, haben diese verschiedenen Tische eine unbestreitbare Referenz: Sie sind ein Treffpunkt für Menschen, egal welche Interessen sie dazu bringen, an diesem Tisch zu sitzen. Sie sitzen am Tisch für Austausch, Verhandlung, Konsultation und Verfassen von Lösungen, die den beteiligten Parteien gefallen. Aber den Tisch zu verlassen, kann auch das Scheitern der Verhandlungen und die Anerkennung des Interessenkonflikts bedeuten.

Trotz dieser schwierigen Dialektik ist es wichtig, dem Tisch Zeit zu reservieren in seinem vollen Sinn für Koexistenz und die Zufriedenheit, gemeinsam essen zu können. Es ist eine der ewigen Quellen, um unser Wesen als Beziehungs-Wesen zu rekonstruieren. Wie sehr wird dies heute den Armen und Hungrigen verwehrt!

Lassen Sie uns ein wenig die Erinnerung an die Tischgemeinschaft wiedererlangen, die in allen Kulturen vorhanden ist und die Jesus beim Letzten Abendmahl mit seinen Aposteln praktiziert hat.

Beginnen wir mit der jüdisch-christlichen Kultur, weil sie uns vertrauter ist. Es gibt ein zentrales Thema – das Reich Gottes, der Hauptinhalt der Botschaft Jesu –, das durch ein Bankett repräsentiert wird, zu dem jeder und jede eingeladen ist.

Jede und jeder, unabhängig von ihrer/seiner moralischen Situation, sitzt am Tisch und wird willkommen geheißen. Der Meister sagt: „Das Himmelreich ist wie ein König, der ein Bankett für die Hochzeit seines Sohnes vorbereitet hat. Er schickte seine Diener, um die Gäste herbeizurufen und sagte zu ihnen: „Geh an die Kreuzung und lade alle, die du triffst, zur Feier ein. Die Knechte gingen die Wege entlang und sammelten alle, die sie fanden, Gute und Böse, und der Raum war voll von Gästen „(Mt 22,2-3; 9-10).

Eine andere Erinnerung kommt aus dem Osten zu uns. Darin stellt das gemeinsame Essen, in Solidarität miteinander, die höchste menschliche Erfüllung dar, den Himmel. Das Gegenteil, der Wunsch zu essen, aber egoistisch, jeder für sich selbst, zeigt die höchste menschliche Frustration, genannt Hölle.

Es gibt eine Legende, die Folgendes besagt: „Ein Schüler fragte den Seher:

-Meister, was ist der Unterschied zwischen dem Himmel mit seiner Gemeinschaft unter allen und seinem Gegenteil?

Der Seher antwortete: „Der Unterschied ist sehr gering, hat aber schwerwiegende Folgen.“

-„Ich sah die Essenden am Tisch sitzen, auf dem es eine sehr große Schüssel Reis gab. Alle waren hungrig, fast verhungert. Jeder versuchte es, konnte aber nicht an den Reis kommen. An ihren Händen befestigt hatten sie lange Gabeln von mehr als einem Meter Länge und versuchten, den Reis einzeln in den eigenen Mund zu bringen. So sehr sie sich auch bemühten, sie schafften es nicht, weil die Gabeln zu lang waren. Und so hungrig und einsam wegen ihres unersättlichen und endlosen Hungers blieben sie unterernährt. Das war die Hölle, die Verweigerung aller Tischgemeinschaft.

„Ich sah ein weiteres wunderbares Szenario“, sagte der Seher. Menschen saßen am Tisch um eine große Schüssel mit dampfendem Reis. Alle hatten Hunger. Aber es ist etwas Wunderbares passiert! Jeder nahm die Gabel mit Reis und führte sie an den Mund des anderen. Sie dienten einander in immenser Herzlichkeit, gemeinsam und solidarisch. Alle ernährten sich gegenseitig. Sie fühlten sich wie Brüder und Schwestern am großen Tisch, wie es im Tao heißt.

Und das war der Himmel, die ganze Tischgemeinschaft der Söhne und Töchter der Erde.“

Diese Parabel bedarf keines Kommentars. Leider ist heute, in der Zeit von Covid-19, ein großer Teil der Menschheit hungrig und verzweifelt, weil es nur sehr wenige Menschen gibt, die ihre Gabeln ausstrecken, um sich gegenseitig mit der reichlichen Nahrung auf dem Tisch der Erde zu sättigen. Die Reichen besitzen dieses Essen als Privateigentum und essen allein, ohne zu schauen, wer ausgeschlossen ist. Es gibt einen kriminellen Mangel an Gemeinschaft unter den Menschen. Deshalb fehlt es uns so an Menschlichkeit. Aber soziale Isolation schafft uns die Möglichkeit, unsere individualistischen Praktiken zu überprüfen und grenzenlose Geschwisterlichkeit und Tischgemeinschaft zu entdecken: Jede und jeder kann essen und in Gemeinschaft essen.

Leonardo Boff
08.04.2021

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Elegie über Versklavung und Befreiung: Tag der Ermordung des Schwarzen Joao Alberto Freitas in Porto Alegre, am Tag des Selbstbewusstseins der Schwarzen

An diesem Tag, dem 20. November 2020, wenn wir den Tag des Selbstbewusstseins der Schwarzen, einen Tag der Reflexion gegen Rassismus und der Anerkennung der Würde der schwarzen Bevölkerung in Brasilien (die mehr als die Hälfte der Bevölkerung darstellt) begehen, wurde der 40-jährige Schwarze Joao Alberto Freitas von zwei Wachen und einem Polizisten in Porto Alegre feige durch Schläge und Erstickung ermordet. Die Szenen des Todes zeigen unsägliche Brutalität und Feigheit und all den Rassismus, der in Teilen der Gesellschaft vorhanden ist, und wie unmenschlich und grausam wir sein können.

Als Hommage an Joao Alberto Freitas veröffentliche ich einen Text von vor einiger Zeit, der aber von bleibender Relevanz ist.

Die Passion Christi setzt sich seit Jahrhunderten unaufhörlich in den Körpern der Gekreuzigten fort. Jesus wird bis ans Ende der Welt in Qualen liegen, solange auch nur ein einziger Seiner Brüder oder Schwestern zum Kreuzesopfer wird, wie die buddhistischen Bodhisattvas (die Erleuchteten), die an der Schwelle zum Nirwana verharren, nicht eintreten, sondern in die Welt des Leidens – Samsara – zurück kehren in Solidarität mit allen Leidenden: Menschen, Tieren und Pflanzen. Aus dieser Überzeugung legt die Katholische Kirche in der Karfreitagsliturgie Jesus diese bewegenden Worte in den Mund:

„Mein Volk, sag mir, was habe ich getan, womit habe ich dich gekränkt? Was hätte ich noch für dich tun können? Woran habe ich es dir fehlen lassen? Ich ließ dich aus Ägypten ziehen und gab dir Manna zu essen. Ich bereitete dir ein gutes Land, aber du bereitetest ein Kreuz für deinen König.“

Wenn wir Brasilianer die Abschaffung der Sklaverei (13. Mai 1888) feiern, wird uns bewusst, dass sie immer noch nicht komplett abgeschafft ist. Die Passion Christi setzt sich in der Passion der Schwarzen fort. Wir brauchen eine zweite Abschaffung: die des Elends und des Hungers. Die Schreie aus Gefangenen und nach Befreiung sind immer noch zu hören. Sie kommen aus den „Senzalas“ (Sklavenunterkünften) und nun aus den Favelas, die sich um unsere Städte herum befinden. Die schwarze Bevölkerung spricht noch immer zu uns durch Klagen und Flehen.

“Meine weißen Brüder und Schwestern, mein Volk: Was habe ich dir angetan? Sagt, womit habe ich euch gekränkt?“

Ich inspirierte dich mit Musik voller „banzo“ (Traurigkeit) und ansteckender Rhythmen. Ich lehrte dich, auf „bumbo“, „cuica“ und „atabaque“ (brasilianische Trommeln) zu spielen. Ich war es, der dir den „Rock“ und die „Ginga des Samba“ gab. Und du nahmst, was mein war, machtest dir einen Namen, einen großen Namen, häuftest Geld an mit deinen Kompositionen und schenktest mir nichts im Gegenzug.

Ich kam herab von den Bergen und zeigte dir eine Welt voller Träume, eine Welt grenzenloser Geschwisterlichkeit. Ich schuf für dich Tausende von farbenfrohen Fantasien, und ich bereitete dir das größte Fest der Welt: Ich tanzte den Karneval für dich. Und du warst so sehr glücklich, dass du mir stehende Ovationen dafür gabst. Doch bald, sehr bald, vergaßt du mich, schicktest mich zurück in die Berge, in die Favelas, in die nackte und raue Wirklichkeit der Arbeitslosigkeit, des Hungers und der Unterdrückung…

“Meine weißen Brüder und Schwestern, mein Volk: Was habe ich dir angetan? Sagt, womit habe ich euch gekränkt?“

Als Erbe gab ich dir Bohnen und Reis, deine tägliche Nahrung. Aus den Resten bereitete ich dir „Feijoada“, „Vatapá“, „Efó“ und „Acarajé“: die typische Küche Bahias und Brasiliens. Und du ließest mich Hunger leiden und meine Kinder an Mangelernährung sterben oder an irreversiblen Gehirnschäden leiden, die sie dauerhaft unterentwickelt bleiben ließen.

Ich wurde gewaltsam aus meinem afrikanischen Heimatland herausgerissen.  Ich kannte das Sklaven-Gespensterschiff. Ich wurde zu einem Objekt gemacht, einem „Ding“, einem Sklaven. Ich war die schwarze Mutter für deine Kinder. Ich bestellte die Felder, erntete den Tabak und pflanzte das Zuckerrohr. Ich erledigte all diese Arbeiten. Ich war es, der die schönen Kirchen baute, die alle bewundern, und die Paläste, in denen die Sklavenbesitzer leben. Und du bezeichnest mich als träge und verhaftest mich wie einen Landstreicher. Du diskriminierst mich wegen meiner Hautfarbe und behandelst mich, als wäre ich noch immer ein Sklave.

“Meine weißen Brüder und Schwestern, mein Volk: Was habe ich dir angetan? Sagt, womit habe ich euch gekränkt?“

Ich konnte standhalten. Es gelang mir fortzulaufen und “Quilombos” zu gründen: geschwisterliche Gesellschaften ohne Sklaven, arm, aber frei: Schwarze, Mestizen und Weiße. Trotz der Peitschen-hiebe auf meinen Rücken schenkte ich der brasilianischen Seele Herzlichkeit und Süße. Und du schicktest mich zum „Capitão-Do-Mato“, jagtest mich wie ein Tier. Du zerstörtest meine „Quilombos“, und bis heute sorgst du dafür, dass die Abschaffung des versklavenden Elends keine ewig währende und effektive Wahrheit ist.

Ich zeigte dir, was es heißt, der lebendige Tempel Gottes zu sein, und darum auch, wie man Gott in einem Körper spürt, der angefüllt ist mit „Axé“ (brasilianische Musikrichtung), und Gott im Rhythmus, Tanz und Essen zu zelebrieren. Doch du unterdrücktest meine Religionen, nanntest sie „afro-brasilianische Riten“ oder betrachtetest sie als simple Folklore. Du drangst in meine „terreiros“ (Kultstätten) ein, bewarfst sie mit Dreck und zerstörtest unsere heiligen Figuren. Nicht selten machtest du aus der Macumba einen Kriminalfall. Die Mehrheit der umgebrachten Jugendlichen in den Randbezirken zwischen 18 und 24 Jahren sind Schwarze, und weil sie schwarz sind, werden sie verdächtigt, der Drogenmafia zu dienen. Die meisten von ihnen sind jedoch einfache Arbeiter.

“Meine weißen Brüder und Schwestern, mein Volk: Was habe ich dir angetan? Sagt, womit habe ich euch gekränkt?“

Wenn ich durch so viel Arbeit und Hingabe mein Leben verbessere, einen schwerverdienten Lohn erhalte, mein kleines Haus kaufe, meine Kinder erziehe, meine Samba singe, meinen Lieblingsverein anfeuere und mir am Wochenende ein kaltes Bier mit meinen Freunden leisten kann, sagst du, ich sei ein Schwarzer mit der Seele eines Weißen. Dadurch herabwürdigst du den Wert unserer Seelen als würdige und hart arbeitende Schwarze. Und bei der Jobvergabe gehe ich fast immer leer aus zugunsten eines Weißen, ungeachtet derselben Fähigkeiten.

Und als die Politik sich weiterentwickelte, um für die historische Perversität zu entschädigen und mir das zu ermöglichen, was du mir immer verweigertest: zu studieren und mich an den Universitäten und Technischen Hochschulen weiterzubilden, sodass ich meine Lebensumstände verbessern kann und die meiner Familie, dann ruft die Mehrheit deines Volkes: Das verstößt gegen die Verfassung, das ist Diskriminierung, ist soziale Ungerechtigkeit.

“Meine weißen Brüder und Schwestern, mein Volk: Was habe ich dir angetan? Sagt, womit habe ich euch gekränkt?“

Meine schwarzen Brüder und Schwestern, an diesem 20. November, dem Tag von Zumbí und des Schwarzen Bewusstseins, möchte ich dir meine Ehrerbietung erweisen. Dir und allen, denen es gelang, während dieser langen Zeit zu überleben, denn die Fröhlichkeit, die Musik, der Tanz und das Heilige sind alles in euch trotz dieses Kreuzwegs der Leiden, die euch ungerechterweise aufgebürdet werden.

Voll Liebe und Zuneigung

Leonardo Boff
Theologe, Philosoph und Schriftsteller

02.12.2020

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Gib alles auf, um alles zu gewinnen: die Salzpuppe

In jüngerer Zeit haben wir unsere Reflexionen fast ausschließlich Covid-19 gewidmet, in seinem Kontext, der eine ungeheure Ausbeutung der lebendigen Erde und der Natur durch den globalisierten Kapitalismus darstellt, einschließlich dessen von China. Erde und Natur haben sich verteidigt, indem sie ein Gama von Viren (Zika, Ebola, Vogelgrippe und Schweinepest u. a.) geschickt haben und jetzt dieses, das die gesamte Menschheit angreift, mit Ausnahme anderer Lebewesen. Der rücksichtslose Kurs der ungezügelten Akkumulation ist in eine Krise geraten, und wir mussten damit aufhören, um uns in soziale Isolation zu begeben, den Kontakt zu Gruppen zu vermeiden und unbequeme Masken zu verwenden. Wir akzeptieren diese Einschränkungen in Solidarität miteinander und mit denen, die weltweit leiden.

Diese ernste Situation veranlasst uns, nicht nur darüber nachzudenken, was nach der Pandemie kommen kann, sondern auch über uns selbst, über die täglichen Fragen nach der weiteren Entwicklung unserer Identität und der Formgebung unseres Lebenssinns. Es ist eine nicht enden wollende Aufgabe, auch in Zeiten sozialer Isolation. Zwei Themen unter vielen anderen sind ständig präsent und erfordern unsere Erklärung: die Akzeptanz unserer persönlichen Grenzen und die Fähigkeit, sich selbst zu verleugnen.

Wir alle leben in einer bestehenden Vereinbarung, die ihrem Wesen nach in ihren Möglichkeiten begrenzt ist und zahlreiche Barrieren aufzwingt; berufs-, intellektuell, gesundheitsbezogen, wirtschaftlich, zeitlich u. a. Es gibt immer eine Kluft zwischen den Wunsch und dessen Verwirklichung. Und manchmal fühlen wir uns ohnmächtig angesichts dessen, was wir bemerkenswerterweise verändern können, wie die Anwesenheit einer Person mit den Höhen und Tiefen einer unheilbaren Krankheit. Wir müssen uns damit abfinden, dass es solche unvermeidlichen Einschränkungen gibt.

Das sollte uns nicht traurig machen oder uns die Möglichkeit nehmen, daran zu wachsen. Unter den Resignierten sind die kreativen Resignierten. Statt nach außen können wir nach innen wachsen dahingehend, dass wir eine Mitte schaffen, von der aus die Dinge vereint werden können, und wir entdecken, wie wir von allem lernen können. Die alte Weisheit bringt es treffend auf den Punkt: „Wenn jemand intensiv an eine andere Person denkt, wird diese es wahrnehmen, selbst Tausende von Kilometern entfernt.“ Wenn ihr euer inneres Selbst ändert, wird in euch eine Lichtquelle geboren, die auf andere ausstrahlt.

Die andere Aufgabe besteht in der Suche nach der Selbstverwirklichung. Im Wesentlichen ist dies die Fähigkeit, zu verzichten. Der Zen-Buddhismus stellt uns als Test der persönlichen Reife und der inneren Freiheit die Fähigkeit zum Verzicht und zum Verlassen vor Augen. Wenn wir genau hinsehen, gehört das Weggeben zur Logik des Lebens. Wir verlassen den Mutterschoß und danach die Kindheit, die Jugend, die Schule, unser Vaterhaus, die Eltern und das Persönliche.

Was bedeutet dieser langsame Ausstieg aus der Welt? Ist es ein bloßes unabänderliches Schicksal des universellen Gesetzes der Entropie? So viel ist unumstritten, aber bleibt da nicht noch ein existenzieller Sinn in der Suche nach dem Geist? Wenn wir in der Tat ein endloses Projekt und eine abgrundtiefe Leere sind, die nach Fülle schreit, ist dann dieser Akt des Zurücklassens nicht das Schaffen der Voraussetzungen, damit ein Größerer kommen kann, um uns zu füllen? Wird es das Höchste Wesen sein, eines der Liebe und Barmherzigkeit, das kommt und alles nimmt, damit wir in der Lage sind, alles gewinnen können, wenn wir uns auf der anderen Seite befinden, nachdem unser Streben schließlich vorbei ist, wie das unruhige Herz des Hl. Augustinus?

Wenn wir verlieren, gewinnen wir, und wenn wir uns selbst leeren, werden wir gefüllt. Es heißt, dies soll der Weg Jesu gewesen sein, der Weg Buddhas, Franz von Assisis, Gandhis, Mutter Teresas, Schwester Dulces und ich glaube auch der von Papst Franziskus, dem besten Menschen der heutigen Zeit.

Vielleicht kann eine Geschichte der alten spirituellen Meister das Gefühl des Verlustes erklären, das Reichtum hervorbringt.

„Es gab einmal eine Puppe aus Salz. Nach dem Durchstreifen trockener Länder entdeckte sie das Meer, das sie noch nie zuvor gesehen hatte und das sie aus diesem Grund nicht verstand. Die Puppe aus Salz fragte: ‚Wer bist du?‘ Und das Meer antwortete: ‚Ich bin das Meer.‘ Die Salzpuppe fragte: „Und was ist das Meer?“, worauf das Meer antwortete: „Ich bin das Meer“. „Ich verstehe es nicht“, sagte die Salzpuppe, „aber ich würde dich sehr gerne verstehen. Wie kann ich das tun?‘ Das Meer sagte einfach: ‚Berühre mich‘.

Dann berührte die Salzpuppe zaghaft das Meer mit der Fußspitze. Sie stellte fest, dass sie begann, das Meer zu verstehen, aber bald wurde ihr bewusst, dass ihre Zehen verschwunden waren. „Oh, Meer, schau, was mir passiert ist“, sagte sie. Und das Meer antwortete: „Du hast etwas von dir gegeben, und ich habe dir Verständnis gegeben. Ihr müsst alles von euch geben, um mich vollkommen zu verstehen.“

Die Puppe aus Salz begann, langsam und feierlich in die Tiefen des Meeres hinabzusteigen, als ob sie das Wichtigste ihres Lebens tat. Und je mehr sie sich auflöste, umso besser verstand sie das Meer. Und die Puppe fragte immer wieder: ‚Was ist das Meer?‘ Bis die Wellen sie vollständig bedeckten. Jedoch war sie im letzten Augenblick, ehe sie mit dem Meer verschmolz, in der Lage zu sagen: „Ich bin.'“
Indem sie alles aufgab, gewann sie alles: ihr wahres Selbst.

Leonardo Boff
12.11.2020
Theologe, Philosoph und Ökologe
Autor u.a. von: „Sehnsucht nach dem Unendlichen“, Butzon & Bercker; 1., Edition (1. März 2011)

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Die politische Dimension von Glauben heute

Vor den bevorstehenden Kommunalwahlen wäre es eine gute Idee, die Relevanz des christlichen Glaubens gegenüber der Politik sowohl in parteilicher als auch sozialer Hinsicht zu analysieren.

Glaube ist kein Akt wie alle anderen. Er ist eine Haltung, die alles umfasst: Handlungen, alle Menschen, zusammen mit ihren Gefühlen, Intelligenz, Willen und Lebensmöglichkeiten. Und es ist eine grundlegende Erfahrung der Begegnung mit dem Geheimnis, das wir den lebendigen Gott nennen, und mit dem auferstandenen Jesus. Diese Begegnung verändert das Leben und die Art und Weise, alles zu sehen. Durch den Glauben sehen wir, dass alles vereint und mit Gott verbunden ist. Gott ist der Vater/die Mutter, die alles erschaffen hat und die mit uns auf dem Weg ist und alle anzieht, damit alle in einem geschwisterlichen Geist leben können, indem sie sich umeinander und um die Natur kümmern. Diese soziale Liebe ist die zentrale Botschaft der neuen Enzyklika „Fratelli tutti“ von Papst Franziskus. Der Glaube ist nicht nur für die Ewigkeit gut, sondern für diese Welt.

In diesem Sinne umfasst Glaube auch die Politik mit einem großen P (Sozialpolitik) und einem kleinen p (Parteipolitik). Man kann sich immer fragen: Inwieweit ist Politik, ob sozial oder parteilich, ein Instrument zur Verwirklichung der Werte des Himmelreichs wie soziale Liebe, Geschwisterlichkeit, die keine Grenzen kennt, persönliche und soziale Gerechtigkeit, Solidarität und Toleranz? Inwieweit schafft die Politik Bedingungen, damit die Menschen eher offen für Kooperation sind statt für gegenseitige Zerstörung und ohne Gemeinschaft miteinander und mit Gott? Der jüngsten Enzyklika von Papst Franziskus zufolge ist die beste Politik die, die das Herz umfasst sowie Sorgfalt und Höflichkeit, so überraschend das erscheinen mag.

Glaube ist wie ein Fahrrad


Glaube ist nicht nur eine persönliche Erfahrung der Begegnung mit Gott und mit Christus im Geist. Er wird konkret ins Leben übersetzt. Er ist wie ein Fahrrad mit zwei Rädern, auf denen er geerdet ist: das Rad der Religion und das Rad der Politik.
Das Rad der Religion findet sich in Meditation, Gebet, Liturgien, weltlicher und biblischer Lektüre, Wallfahrten, Sakramenten oder in einem Wort: im Gottesdienst.

Viele reduzieren die Religion nur auf dieses Rad, vor allem auf katholischen Fernsehsendern. Dies ist im Allgemeinen ein Christentum, das vor allem andächtig ist, geprägt von Messen, den Heiligen, Rosenkränzen und einer Familienethik. Fast nie geht es um soziale Gerechtigkeit, das Drama von Millionen Arbeitsloser, den Schrei der Unterdrückten oder das Stöhnen der Erde. Die Menschen auf dieser Seite versuchen, der Realität so vieler Kämpfe zu entkommen. Diese Art des Christentums hat Schwierigkeiten zu verstehen, warum Jesus festgenommen, gefoltert, verurteilt und zum Tod am Kreuz verurteilt wurde. Diese Art von Christentum ist ein bequemes Christentum, als ob Jesus als alter Mann gestorben wäre, umgeben von seinen Anhängern.

Schlimmer noch ist die Art des Glaubens, welche die neopfingstlichen Kirchen über ihre Fernseh- und Medienprogramme proklamieren. Dort hört man nie die Botschaft des Reiches der Liebe, der Gerechtigkeit, der Geschwisterlichkeit und der Vergebung. Man hört nie das grundlegende Werk Jesu: „Selig sind die Armen, ihrer ist das Himmelreich… Wehe euch Reichen, denn ihr habt ein unbeschwertes Leben gehabt!“ (Lk 6,20.24). Stattdessen gibt es eine Art der Lektüre des Alten Testaments (selten von den Propheten), wo materieller Reichtum hervorgehoben wird. Ihnen geht es nicht um das Evangelium des Reiches Gottes, sondern um ein Evangelium materiellen Wohlstands.

Die Mehrheit ist arm und braucht logischerweise eine grundlegende materielle Versorgung. Es gibt einen echten Hunger, der Millionen von Gläubigen das Martyrium bringt. Aber „nicht nur durch Brot lebt der Mensch“, sagte der Meister. Die Menschen haben einen weiteren primären Hunger: einen Hunger der Anerkennung, die den Frauen, den Niedrigen, den Schwarzen und der LGBT-Gemeinschaft verwehrt wird. Es gibt einen Hunger nach Schönheit und Transzendenz, einen Hunger nach dem lebendigen Gott, der ein Gott der Zärtlichkeit und der Liebe für die Verlassensten ist. All dies, das Wesen der Botschaft des historischen Jesus, ist nicht aus dem Mund der Pfarrer zu hören. Die meisten von ihnen sind Wölfe im Schafspelz, da sie den einfachen Glauben der Niedrigen zu ihrem eigenen Vorteil ausnutzen. Schlimmer noch, sie sind politisch konservativ, reaktionär, normalerweise parteiisch, unterstützen Politiker mit zweifelhaftem Verhalten und mischen sich, wie es heute in Brasilien der Fall ist, in die Agenda der Regierung ein und benennen Einzelpersonen für hohe Positionen. Sie respektieren nicht die Verfassung, die einen säkularen Staat fordert. Der eigentliche Präsident, der einst Katholik war, wird für die Bequemlichkeit dieser neopfingstlichen Kirchen als Basis für ihre schräge, reaktionäre, autoritäre, faschistische Regierung genutzt.

Ihnen verbunden fühlt sich eine Gruppe nostalgischer Katholiken, die der Vergangenheit zugewandt sind, Konservative, die sich gegen den Papst stellten, in der Pan-Amazon-Synode offensichtliche Lügen verbreiten und andere Angriffe über Youtube lancierten. Sie können konservative Katholiken sein, aber niemals Christen, die für Jesus ähnlich sind, denn in seinem Vermächtnis gibt es keinen Platz für den Hass, die Lügen und die Verleumdung, die sie verbreiten.

Der Glaube hat ein zweites Rad: das Rad der Politik, das seine praktische Seite ist. Glaube kommt zum Ausdruck durch die Praxis der Gerechtigkeit, der Solidarität, der Offenlegung von Unterdrückung, der Proteste über Grenzen hinweg, der sozialen Liebe und der universellen Geschwisterlichkeit, wie der Papst in Fratelli tutti (N. 6) unterstreicht. Wie man sieht, ist Politik hier gleichbedeutend mit Ethik. Wir müssen lernen, uns auf beiden Rädern zu balancieren, um richtig vorzugehen.

Unter denen, die eine Ethik der Solidarität, des Respekts und der Suche nach der Wahrheit leben, gibt es viele, die sich Atheisten nennen. Sie bewundern die Gestalt Jesu für seine tiefe Menschlichkeit und seinen Mut, soziale Übel anzuprangern und dafür Verfolgung zu erleiden und gekreuzigt zu werden. Papst Franziskus bringt dies gut zum Ausdruck: Ich bevorzuge diese ethischen Atheisten den Christen, die dem menschlichen Leid und den schallenden Ungerechtigkeiten der Welt gleichgültig gegenüberstehen. Diejenigen, die Gerechtigkeit und Wahrheit suchen, sind auf dem Weg, der in Gott mündet, denn die wahre göttliche Realität ist Liebe und Wahrheit. Solche Werte sind mehr wert als viele Gebete, wenn diese in Ermangelung von Gerechtigkeit, Wahrheit und Liebe gesagt werden. Wer taub ist für menschliche Leiden, hat nichts zu Gott zu sagen, und Er hört diese Gebete nicht.

In der jüdisch-christlichen Schrift scheint das Rad der Politik (Ethik) wichtiger als das Rad der institutionellen Religion (Anbetung, Mt 7,21-22; 9,13; 12,7; 21,28-31; Gal 5:6 und die Propheten des Alten Testaments). Ohne Ethik ist der Glaube leer und wirkungslos. Es ist Leistung und nicht Predigt, was für Gott zählt. Es ist wertlos, „Herr, Herr“ zu sagen und eine Religion des Aerobic zu zelebrieren; es ist wichtiger, den Willen des Vaters zu tun, der aus Liebe, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Vergebung besteht, alles praktische Dinge und aus diesem Grund ethische (siehe Mt 7:21). Mit Ethik in der Politik ist die Dimension der Verantwortung gemeint, die Entschlossenheit, Beziehungen der Teilhabe aufzubauen, und nicht Ausgrenzung in allen gesellschaftlichen Kreisen. Dies erfordert Transparenz und Verachtung für Korruption. Derzeit sind Hungerprobleme, Arbeitslosigkeit, allgemeiner Rückgang der Lebensqualität und Ausschluss der großen Mehrheiten sind sozialer und politischer Natur und betreffen daher das Ethos. Hier muss der Glaube seine Macht der Mobilisierung und der Transformation offenbaren (Fratelli tutti, 166).

Sozialpolitik (P) und Parteipolitik (p)

Wie wir bereits gesagt haben, gibt es zwei Arten von Politik: eine mit einem großen P und die andere mit einem kleinen p: Sozialpolitik (P) und Parteipolitik (p).

Sozialpolitik (P) umfasst alles, was das Gemeinwohl der Gesellschaft betrifft; das Gute ist die Teilhabe der Menschen am gesellschaftlichen Leben. Sozialpolitik hat zum Beispiel mit öffentlichen Gesundheits-, Schul- und Verkehrssystemen, Straßeninfrastruktur und -wartung, Wasser und Abwasser usw. zu tun. In ähnlicher Weise umfasst die Sozialpolitik den Kampf für ein Nachbarschaftsgesundheitszentrum oder für eine Buslinie zu einem Berggipfel. Wir können dies kurz definieren, indem wir sagen, dass Sozialpolitik oder die mit einem großen P die gemeinsame Suche nach dem Gemeinwohl ist.

Parteipolitik (p) ist der Kampf um die Staatsmacht, um die Stadt- und Bundesregierung zu gewinnen. Politische Parteien existieren, um Staatsmacht zu erlangen, sei es, die Dinge durch einen freien Prozess zu ändern oder verfassungsmäßige Macht auszuüben (um den Status quo aufrechtzuerhalten). Die Partei ist, wie das Wort selbst sagt, ein fester Bestandteil der Gesellschaft und nicht alles, was die Gesellschaft ist. Jede Partei wird von Interessen von Gruppen und Klassen unterstützt, die ein Projekt im Namen der gesamten Gesellschaft ausarbeiten. Wenn Parteien an die Staatsmacht kommen, werden sie öffentliche Politik nach ihren jeweiligen Programmen und ihrer Vision von Problemen betreiben.

In Bezug auf die Parteipolitik ist es wichtig, dass die Person des Glaubens die folgenden Punkte berücksichtigt:

Was besagt das Parteiprogramm?

Wie ist das Volk in diesem Programm involviert?

Wurde es öffentlich diskutiert?

Befriedigt es die realen und dringenden Bedürfnisse des Volks?

Sieht es die Beteiligung der Bevölkerung vor durch seine Bewegungen und Organisationen?

Wurden diese Gruppen angehört von der Planung, über die Umsetzung und bis zur Kontrolle dieses Programms?

Wer sind die Kandidaten, die das Programm vertreten? Welche Hintergründe haben sie? Haben sie immer einen engen Kontakt zu ihren Wählern gehalten? Sind sie wahre Verbündete und Repräsentanten für die Sache der Gerechtigkeit und des sozialen Wandels und der Achtung der Rechte? Oder streben sie danach, die sozialen Beziehungen so fortzusetzen, wie sie sind, mit ihren Widersprüchen und inhärenten Übeln?

In diesen Tagen, vor dem Aufstieg des konservativen und faschistischen Denkens in Brasilien und anderen Ländern der Welt, müssen gewissenhafte und engagierte Christen zusammenkommen, um die Demokratie zurückzugewinnen, die Gefahr läuft, demontiert zu werden. Es ist auch erforderlich, dass sie zu den gesundheitlichen, persönlichen und sozialen Rechten und den Rechten der Natur zurückkehren, die von der Gier des brasilianischen und des Weltkapitalismus, der unter anderem für die extremen Brände des Amazonas und des Pantanal verantwortlich ist, zerstört werden.

Diese einfachen Kriterien reichen aus, um die einfache Form der Partei und der Kandidaten der Rechten zu verstehen (wenn sie das Verhältnis zu den Mächten, die ihre Dauerhaftigkeit an der Macht begünstigen, unverändert beibehalten wollen); und der Linken (wenn sie substanzielle Veränderungen wollen, um die perversen Strukturen zu überwinden, die die Mehrheiten an den Rand drängen) oder der Mitte (jene Parteien, die die Rechte und die Linke ausbalancieren, immer auf der Suche nach Vorteilen für sich selbst und für die Gruppen, die sie repräsentieren).

Für Christen ist es notwendig zu analysieren, inwieweit diese Programme im Einklang mit dem Projekt Jesu und der Apostel stehen, wie sie zur Befreiung der Unterdrückten und Ausgegrenzten beitragen und inwieweit sie Raum für die Teilnahme aller eröffnen. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass die parteipolitische Entscheidung eine Frage des Gewissens eines jeden ist und dass ein Christ weiß, welche Richtung eingeschlagen werden soll.

Angesichts der Verbindung der sozialen Ausgrenzung aufgrund der Logik des Neoliberalismus, der Finanzierung der Wirtschaft und des Marktes weist der Glaube auf eine parteipolitische Politik hin, die eine populäre und freie, wie sie in der Enzyklika Fratelli tutti (N. 141-151) proklamiert wird, darstellen sollte. Diese Politik zielt auf eine andere Art von Demokratie ab: nicht nur auf eine repräsentative/delegierte Demokratie, sondern auf eine partizipative Demokratie, durch die die Menschen und ihre Organisationen helfen, soziale Agenden zu diskutieren, zu entscheiden und zu lenken.

Schließlich ist es wichtig, eine sozial-ökologische Demokratie einzuführen, die Bürger einbezieht, welche die Rechte der Erde, der Ökosysteme und unserer Mitgeschöpfe respektieren, mit denen wir in Beziehungen gegenseitiger Abhängigkeit leben. Wir sind alle Brüder und Schwestern nach den Enzykliken von Papst Franziskus: „Laudato Si: über die Sorge unseres gemeinsamen Hauses“ und die neuste Enzyklika „Fratelli tutti“ von 2020.

Parteipolitik hat mit Macht zu tun, die, um stark zu sein, immer mehr Macht anstrebt. Darin besteht eine Gefahr, und zwar die des Totalitarismus in der Politik, die Politisierung aller Fragen, das Sehen nur der politischen Dimensionen des Lebens. In der Opposition müssen wir sagen, dass alles politisch ist, aber dass Politik nicht alles ist. Das menschliche, persönliche und gesellschaftliche Leben hat andere Dimensionen, wie das Affektive, das Ästhetische, das Angenehme und das Religiöse.

Fazit: Die gefährliche Erinnerung an Jesus

Christen können und sollten sich auf allen Ebenen an der Politik beteiligen, an der mit einem großen P und einem kleinen p. Ihr Handeln ist inspiriert vom Traum Jesu, der einen Impuls der Transformation sozialer und ökologischer Beziehungen mutig und im Rahmen der Enzyklika Fratelli tutti impliziert. Nichtsdestotrotz dürfen wir nie vergessen, dass wir Erben der gefährlichen und befreienden Erinnerung an Jesus sind. Durch sein Engagement für das Projekt des Reichs der Liebe, der Gerechtigkeit und der kindlichen Intimität mit dem Vater und, vor allem wegen seines Mitgefühls mit den Demütigen und Verletzten, wurde er zum Tod am Kreuz verurteilt. Er ist auferstanden, um im Namen des Gottes des Lebens den Aufstand gegen die Partei- und Sozialpolitik zu beleben, die die Ärmsten benachteiligt, die Propheten eliminiert und diejenigen verfolgt, die Gerechtigkeit predigen. Er stärkt alle, die eine neue Gesellschaft wollen: eine Gesellschaft der geschwisterlichen und fürsorglichen Beziehung zur Natur und zu allen Wesen, die als Menschen geliebt werden, und zum Gott der Zärtlichkeit und der Güte.

Leonardo Boff
Theologe, Philosoph und Ökologe
02.11.2020

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Covid-19 zwingt uns zum Nachdenken, was wirklich essenziell ist

Der renommierte deutsche Philosoph Jürgen Habermas bekräftigte in einem Interview über Covid-19: „Wir haben noch nie so viel über Unwissenheit gewusst wie jetzt.“ Die Wissenschaft ist für das Überleben und die Erklärung der Komplexität moderner Gesellschaften unverzichtbar, aber sie kann nicht arrogant sein und so tun, als könne sie, wie einige Pseudowissenschaftler postulieren, alle Probleme lösen. Um die Wahrheit zu sagen: Was wir nicht wissen, ist unendlich größer als das, was wir wissen. Alles Wissen ist endlich und unvollkommen. Das wird jetzt in unserer hektischen Suche nach einem wirksamen Impfstoff gegen Covid-19 bewiesen. Wir wissen weder, wann ein Impfstoff erhältlich sein wird, noch wann die Pandemie überstanden sein wird.

Das Virus hinterlässt uns mit einem Sonnenuntergangsgefühl am Horizont des Lebens und der Hoffnung und Gelegenheiten, das gut in der Twitter-Nachricht der Richterin und Autorin Andréa Pacha („Das Leben ist nicht gerecht“) beschrieben wird: „Die Pandemie hat viel Chaos angerichtet. Manches ist physisch, konkret und endgültig. Andere Schäden sind subtil, aber verheerend. Sie stiehlt uns den Wunsch, einfach los zu gehen, zu spielen, Pläne zu haben, auch solche, die utopisch und chimerisch sind, die nie verwirklicht werden, aber die Seele ernähren.“

Wir spüren, dass es eine tiefe kollektive Depression und Melancholie gibt, die uns sogar wütend gegen das Virus macht, über das wir so wenig wissen und gegen das wir so wenig tun können. Wir alle fühlen uns umgeben vom Gespenst der Kontamination, des Eingesperrtseins und des Todes.

Die Realität ist, dass wir unter einer außergewöhnlichen Notlage wie dem Tsunami in Japan leben, der Atomanlagen betrifft, von denen eine weiterhin Radioaktivität aussendet und die Küsten Indiens, Thailands und sogar die Küsten Kaliforniens betrifft und an den schrecklichen Bränden des Amazonas, des Pantanal und der Wälder Kaliforniens beteiligt ist. Mit Covid-19 stehen wir vor einer extremen Notlage, die den ganzen Planeten betrifft. Sie ist eine Folge einer tiefen ökologischen Erosion, die durch die Unersättlichkeit des Big Business verursacht wird, das es nur abgesehen hat auf materiellen Gewinn aus der Zerstörung und Rodung der Wälder, der Ausweitung monokultureller Kulturen wie Sojabohnen oder des Viehweidelands und der exzessiven Urbanisierung der ganzen Welt.

Dieses Eindringen des Menschen in die Natur, ohne jeglichen Sinn für den Respekt vor deren intrinsischem Wert und die Haltung, diese als bloßes Produktionsmittel anzusehen und nicht als etwas Lebendiges, von dem wir ein Teil sind und nicht die Herren und Meister, leugnet in uns die Achtung der Grenzen der Nachhaltigkeit der Natur. Es hat zur Zerstörung der Lebensräume von Tausenden von Viren in Tieren und Pflanzen geführt, die auf andere Tiere und sogar auf den Menschen übertragen wurden.

Wir müssen neue Konzepte einbeziehen: Zoonose (die Krankheit, die aus der Tierwelt kommt: Vögel, Schweine und Rinder) und Zoonosetransfer (eine Tierplage, die auf den Menschen übertragbar ist). Ab sofort werden diese nicht nur als wissenschaftliche Begriffe in unser Vokabular eingehen.

Einer der größten Virenspezialisten, David Quammen (Montana, USA), warnt uns in seinem Video „Spillover: the Next Human Pandemic (2015)“ davor. „Es ist unvermeidlich, dass eine große Pandemie auf uns zukommt. Sie kann Zehntausende, Hunderttausende oder Millionen von Menschen töten, je nach den Umständen und den Formen unserer Reaktion, aber einige dieser Dinge werden geschehen. Es wird sicherlich ein Zoonose-Ereignis geschehen. Es wird von Tieren stammen, nicht von Menschen. Es wird sicherlich einen Virus geben.“ Lasst uns auf diese Warnung eines berühmten Wissenschaftlers achten.

Angesichts dieser extremen Notlage, die mit dem Mangel an nationaler und internationaler Mobilität, sozialer Isolation, Distanzierung und dem Tragen von Masken verbunden ist, ist es angemessen, dass wir die grundlegendsten Fragen unseres Lebens stellen. Was zählt am Ende am meisten? Was ist wirklich essenziell? Was sind die Gründe, die uns in einen so extremen Notfall gebracht haben? Was müssen wir tun und was können wir nach der Pandemie tun? Das sind unvermeidbare Fragen.

Wir werden dann entdecken, dass es keinen größeren Wert als das Leben und die gesamte Gemeinschaft des Lebens gibt. Das Leben entstand vor etwa 3,8 Milliarden Jahren und die Menschheit vor etwa 8 bis 10 Millionen Jahren. Das Leben durchlief verschiedene verheerende Momente, überlebte aber immer. Und mit dem Leben kommen die Lebensgrundlagen, ohne die es sich nicht verteidigen kann, nämlich Wasser, Erde, Atmosphäre, Biosphäre, Klima, Arbeit und die Natur, die uns alles bietet, was wir zum Leben und Überleben brauchen. Es gibt die menschliche Gemeinschaft, die uns aufnimmt und uns die Grundlagen der sozialen und spirituellen Ordnung bietet, die uns gesellschaftlichen Zusammenhalt gewährt. Die Anhäufung materieller Güter, der individuelle Reichtum und der unverminderte Wettbewerb sind wertlos. Was uns als Lebewesen und soziale Wesen rettet, ist Solidarität, Kooperation, Großzügigkeit und die Sorge füreinander und für die Umwelt.

Das sind die menschlich-spirituellen Werte im Gegensatz zu denen des materiellen Kapitals, für das Covid-19 einen Donnerschlag darstellt, der ihn in Stücke schlägt. Wir können nicht zu dem zurückkehren, was war, um Mutter Erde und Natur nicht zu provozieren. Wenn wir unsere Beziehungen nicht auf die Grundlagen der Achtung und Fürsorge stellen, werden wir ein weiteres Virus erhalten, vielleicht ein tödlicheres und allerletztes (The Big One), das die menschliche Spezies dezimieren könnte.

Diese Zeit der erzwungenen Abgeschiedenheit ist eine Zeit der Reflexion und der ökologischen Umkehr, eine Zeit, um zu entscheiden, welche Art von gemeinsamem Zuhause wir für die Zukunft wollen. Wir müssen in Solidarität und Liebe zu der ganzen Schöpfung wachsen, besonders zu unseren mitmenschlichen Brüdern und Schwestern.

Wir werden „Solidaritätsmänner und -frauen“ sein, der Beginn einer neuen Ära, in der das Leben und seine Vielfalt zentral sein werden und alles andere dem untergeordnet sein wird. Gemeinsam werden wir uns über die fröhliche Feier des Lebens freuen.

Leonardo Boff
27.10.2020

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Fratelli tutti: Politik als Zärtlichkeit und Zuneigung

Die neue Enzyklika von Papst Franziskus, die am 3. Oktober am Grab von Franz von Assisi in der Stadt Assisi unterzeichnet wurde, wird ein wegweisendes Dokument in der Soziallehre der Kirche sein. Ihre Themen sind breit gefächert und detailliert, immer darauf ausgerichtet, Werte zu betonen und den Liberalismus scharf zu kritisieren. Sie wird sicherlich von Christen und Nichtchristen analysiert werden, da sie sich an alle Menschen guten Willens richtet. An dieser Stelle möchte ich auf das hinweisen, was ich im Lichte früherer Lehren der Päpste für innovativ halte.

In erster Linie muss klar sein, dass der Papst eine Paradigmenalternative zu unseren Lebensformen in unserem Gemeinsamen Zuhause vorschlägt, welches zahlreichen Bedrohungen ausgesetzt ist. Er beschreibt die „dunklen Wolken“, die er, wie er selbst in verschiedenen Verlautbarungen behauptet hat, mit einem allmählichen Dritten Weltkrieg gleichsetzt. Im Moment gibt es keinen gemeinsamen Plan für die Menschheit (Nr. 18). Aber ein roter Faden ist in der Enzyklika zu erkennen: „Die Erkenntnis, dass niemand allein gerettet wird; wir können nur gemeinsam gerettet werden“ (N. 32). Das ist der neue Plan, der in diesen Worten zum Ausdruck kommt: „Ich biete diese soziale Enzyklika als bescheidenen Beitrag zur Reflexion in der Hoffnung an, dass wir angesichts der heutigen Versuche, andere zu beseitigen oder zu ignorieren, in der Lage sein könnten, mit einer neuen Vision von Geschwisterlichkeit und sozialer Freundschaft zu reagieren“. (N.6)

Wir müssen diese Alternative gut verstehen. Wir sind an dem Paradigma angelangt und befinden uns immer noch in dem Paradigma, das der Moderne zu Grunde liegt. Es ist anthropozentrisch. Es ist die Herrschaft des Herrn: der Mensch als Herr und Meister der Natur und der Erde, die nur in dem Maße Bedeutung haben, wie sie für ihn wertvoll sind. Er hat das Antlitz der Erde verändert und viele Vorteile errungen, aber er hat das Wesentliche der Selbstzerstörung geschaffen. Eigentlich ist es die Sackgasse der „dunklen Wolken“. Angesichts dieser kosmischen Vision schlägt die Enzyklika Fratelli tutti ein neues Paradigma vor: das des Bruders und des Fraters, eine universelle Geschwisterlichkeit und eines der sozialen Freundschaft. Es verschiebt den Mittelpunkt: von einer individualistischen und technologisch-industriellen Zivilisation hin zu einer Zivilisation der Solidarität, der Bewahrung und der Fürsorge für alles Leben. Das ist die natürliche Absicht des Papstes. Hierin liegt unsere Errettung: wir werden die apokalyptische Vision der drohenden Vernichtung unserer Spezies überwinden durch eine Vision der Hoffnung, dass wir den Kurs ändern können und müssen.

Um dies zu erreichen, müssen wir Hoffnung nähren. Der Papst sagt: „Ich lade alle zu erneuerter Hoffnung ein, die zu uns von etwas spricht, das tief in jedem menschlichen Herzen verwurzelt ist, unabhängig von den Umständen und den historischen Bedingungen, unter denen wir leben“ (N.55). Hier erklingt das Hoffnungsprinzip, das mehr als die Tugend der Hoffnung ist, sondern ein Prinzip, ein innerer Beweger, um neue Träume und Visionen zu projizieren, was Ernst Bloch so gut formulierte. Er betont: „Die Aussage, dass wir als Menschen Brüder und Schwestern sind, was keine Abstraktion ist, sondern ein Konzept, das konkret wird und Gestalt annimmt, stellt uns vor eine Reihe von Herausforderungen, die uns verlagern und uns zwingen, die Dinge in einem neuen Licht zu sehen und neue Antworten zu entwickeln“ (N.128). Wie sich daraus ergibt, haben wir es mit einem neuen Weg zu tun, mit einem paradigmatischen Kurswechsel.

Wo soll man anfangen? Hier offenbart der Papst seine Grundhaltung mit häufigen Verweisen auf soziale Bewegungen: „Wir sollten nicht auf irgendetwas von den gegenwärtigen Regierungen erhoffen, denn es ist immer dieselbe Geschichte oder schlimmer; beginnt bei euch selbst“. Aus diesem Grund schlägt er vor: „Wir können von unten beginnen und von Fall zu Fall auf der konkretesten und lokalen Ebene handeln und uns dann auf die entlegensten Bereiche unserer Länder und unserer Welt ausdehnen“ (N.78). Der Papst regt nun ökologische Diskussionen an. Unsere lokale Erfahrung muss sich „im Gegensatz“ und „im Einklang mit“ den Erfahrungen anderer entwickeln, die in unterschiedlichen Kontexten leben (N. 147).

Es gibt lange Überlegungen über Wirtschaft und Politik, aber er sagt: „Politik darf der Wirtschaft nicht untergeordnet sein, und die Wirtschaft darf auch nicht dem Diktat eines effizienzgetriebenen Paradigmas der Technokratie unterworfen werden“ (N.177). Er übt eine harsche Kritik am Markt. Der Markt allein kann nicht jedes Problem lösen, so sehr von uns verlangt wird, auch an dieses Dogma des neoliberalen Glaubens zu glauben. Was auch immer die Herausforderung ist, diese armselige und sich wiederholende Denkschule bietet immer die gleichen Rezepte. Der Neoliberalismus reproduziert sich einfach, indem er auf die magischen Theorien von „Spillover“ oder „Trickle“ – ohne den Namen zu verwenden – als einzige Lösung für gesellschaftliche Probleme zurückgreift“ (N.168). Die Globalisierung bringt uns näher, aber nicht mehr als Brüder und Schwestern (n.12). Es schafft nur Partner, aber keine Brüder und Schwestern (N. 101).

Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter gibt es eine rigorose Analyse der verschiedenen Akteure, die auf die Bühne kommen, und sie gilt für die politische Ökonomie, die in der Frage gipfelt: „Mit wem identifiziert ihr euch (mit dem Verwundeten auf der Straße, mit dem Priester, mit dem Leviten oder mit dem Fremden, dem Samariter, der von den Juden verachtet wird)? Das ist eine unverblümte, direkte und resolute Frage. Mit welchem von ihnen identifiziert ihr euch“ (n.64)? Der barmherzige Samariter ist ein treffendes Modell von sozialer und politischer Liebe (n.66).

Das neue Paradigma der Geschwisterlichkeit und der sozialen Liebe zeigt sich in öffentlich gezeigten Akten der Liebe, in der Fürsorge für die Schwächsten, in der Art des Dialogs und der Begegnung, in gewöhnlicher Zärtlichkeit und Zuneigung. In Bezug auf die Kultur der Begegnung erlaube ich mir, den brasilianischen Dichter Vinicius de Moraes in seinem Samba of Blessing aus seiner Welt von 1962 „Encontro Au bon Gourmet“ zu zitieren, wo er sagt: „Das Leben ist die Kunst der Begegnung, obwohl es so viele Divergenzen im Leben geben kann“ (Nr. 215). Politik darf nicht auf Machtstreitigkeiten und Gewaltenteilung reduziert werden. Überraschenderweise sagt er: „Selbst in der Politik gibt es einen Ort der zärtlichen liebevollen Fürsorge: für die Jüngsten, die Schwächsten, die Ärmsten; sie müssen uns berühren und sie haben das „Recht“, uns an Körper und Seele zu erfüllen. Ja, sie sind unsere Schwestern und Brüder, und wir müssen sie lieben und ihnen als solchen vertrauen: (194). Und wenn jemand fragt, was Zärtlichkeit ist, hier ist die Antwort: „Liebe, die nah und konkret ist; es ist eine Bewegung, die aus dem Herzen kommt und die Augen, die Ohren, die Hände erreicht“ (n. 196). Hier erinnern wir uns an die Worte Gandhis, eine der Inspirationen des Papstes, neben dem Hl. Franziskus, Martin Luther King und Desmond Tutu: Politik ist eine Geste der Liebe zu den Menschen, der Sorge um gemeinsame Angelegenheiten.
Gemeinsam mit Zärtlichkeit kommt die Höflichkeit, die an den Propheten Höflichkeit erinnert, der allen Passanten auf den Straßen von Rio de Janeiro verkündete „Höflichkeit erzeugt Höflichkeit“ und „Gott ist Höflichkeit“ im Stil des Hl. Franziskus. Und Höflichkeit ist definiert als: „ein Geisteszustand, der nicht scharf, unhöflich oder hart ist, sondern angenehm und zart, der stärkt und ermutigt; eine Person, die diese Qualität hat, hilft anderen, ihre Lasten zu lindern“ (N.223). Dies ist eine Herausforderung für Bischöfe und Priester: eine Revolution der Zärtlichkeit zu schaffen. Solidarität ist eine der Grundlagen des menschlichen und sozialen Lebens. Sie findet im Dienst einen konkreten Ausdruck, der eine Vielzahl von Formen annehmen kann, um sich um andere zu kümmern: zum großen Teil kümmert sie sich um die menschliche Verletzlichkeit“ (N.115). Diese Solidarität war abwesend, und doch ist nur sie wirksam im Kampf gegen COVID -19. Solidarität vermeidet die Verzweigung der Menschheit in „meine Welt“ und die „anderen“, die „sie“ sind. Viele gelten nicht mehr als Menschen mit einer unveräußerlichen Würde und werden nur noch „sie“ (Nr. 27). Der Papst schließt mit einem tiefen Wunsch: „dass wir nicht mehr in den Begriffen ‚sie‘ denken, sondern nur noch im Begriff ‚uns'“ (Nr. 35).

Damit diese Herausforderung eines Traums von universeller Geschwisterlichkeit und sozialer Liebe erfüllt werden kann, ruft er alle Religionen auf, „einen reichen Beitrag zum Aufbau der Geschwisterlichkeit und zur Verteidigung der Gerechtigkeit in der Gesellschaft zu leisten“ (N.271).

Schließlich erinnert er an die Figur des Kleinen Bruders Jesus Charles de Foucauld, der „definitiv der universelle Bruder“ unter der muslimischen Bevölkerung in der Wüste Nordafrikas sein wollte (N.287). Papst Franziskus fügt diesem Beispiel hinzu: „Nur wenn man sich mit dem Geringsten identifiziert, kann man ein Bruder oder eine Schwester aller sein. Möge Gott diesen Traum in jedem von uns entfachen. Amen“ (n.288).

Wir stehen vor einem Mann, Papst Franziskus, der sich nach seiner inspirierenden Quelle, Franz von Assisi, auch zu einem universellen Mann gemacht hat, der alle umarmt und sich mit den Verletzlichsten und Unsichtbarsten unserer grausamen Welt identifiziert. Er entfacht die Hoffnung, dass wir den Traum von der Geschwisterlichkeit der universellen und Liebe ohne Grenzen nähren können und müssen.

Er hat seinen Teil dazu beigetragen. Nun liegt es an uns, den Traum nicht nur als Traum zu belassen, sondern dass er zum Samen einer neuen Form des gemeinsamen Lebens wird, als Schwestern und Brüder und die Umwelt, im selben Gemeinsamen Haus. Werden wir die Zeit und die Weisheit haben, diesen Sprung zu machen? Die „dunklen Wolken“ werden sicherlich weiterbestehen. Aber wir haben eine Lampe in dieser Enzyklika der Hoffnung von Papst Franziskus. Es zerstreut nicht alle Wolken. Aber es genügt, den von allen einzuschlagenden Weg gut zu erkennen.

Leonardo Boff
Ökologe, Theologe und Philosoph
Autor von u.a.: „Franziskus aus Rom und Franz von Assisi: Ein neuer Frühling für die Kirche“, Butzon & Bercker (1. Januar 2014)


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Covid-19: Es nützt nichts, nur die Zähne des Wolfes zu schleifen

Was Covid-19 betrifft, so konzentriert sich alles auf das Virus und auf alles, was dazu gehört, ebenso auf die unerbittliche Suche nach einem Impfstoff. All dies ist sinnvoll und muss getan werden, aber nicht mit einer verengten Sicht wie der vorherrschenden. Das Virus wird an sich betrachtet, isoliert, unter Ausschluss jeglichen Kontextes. Das geschieht weder in der Wissenschaft noch im neuen Paradigma, dessen axilläre Behauptung darin besteht, zu bestätigen, dass alles mit allem zusammenhängt und nichts außerhalb von Beziehung existiert, am wenigsten das Coronavirus. Es gibt nur sehr wenige Analytiker und Epidemiologen, die auf die Natur verweisen. Nichtsdestotrotz lauten die Worte der Quantenphysik und eines der angesehensten Ökologen der Welt, Fritjof Capra;

„Die Pandemie ist eine biologische Reaktion des Planeten; das Coronavirus muss als biologische Reaktion von Gaia, unserem lebenden Planeten, auf die soziale und ökologische Notlage gesehen werden, die die Menschheit für sich selbst geschaffen hat. Die Pandemie ist aus einer ökologischen Instabilität hervorgegangen und hat tragische Folgen aufgrund sozialer und wirtschaftlicher Ungleichgewichte; die soziale Gerechtigkeit wird zu einer Frage von Leben und Tod während einer Pandemie wie der von Covid-19; sie kann nur durch kollektive und kooperative Maßnahmen überwunden werden“ (FSP 18.12.2020).

Lassen Sie es uns mit unseren eigenen Worten klar sagen: Covid-19 ist eine Konsequenz einer Art von Gesellschaft, die wir in den letzten Jahrhunderten geschaffen haben und die eine weltweite Hegemonie erlangt hat unter dem Namen des Systems der kapitalistischen Produktion mit ihrer politischen Version, dem Neoliberalismus und der Kultur des Kapitals. Die Besessenheit dieses Systems (in China spricht man fälschlicherweise von einer chinesischen Art von Sozialismus, der aber in Wirklichkeit aus einem gewalttätigen und diktatorischen Staatskapitalismus besteht) zeigt sich darin, Profit über alles, über das Leben, über die Natur, über jede andere Überlegung zu stellen. Sein Ideal ist ein unbegrenztes Wachstum materieller Güter auch unter der Annahme, dass es unbegrenzte Waren und Dienstleistungen auf der Erde gäbe. Der Papst bezeichnet diese Voraussetzung in seiner Enzyklika „über unser gemeinsames Zuhause“ als „Lüge“ (N.106). Ein endlicher Planet hält kein Projekt unendlichen Wachstums aus.

Um dieses falsche und trügerische Ziel zu erreichen, schreitet dieses System voran gegen die Natur, entwaldet, verschmutzt die Böden und die Luft, zerstört ganze Ökosysteme, um das Agrobusiness zu erweitern, natürliche Ressourcen zu gewinnen, mehr tierische Proteine zu erwerben, mehr Getreide wie Sojabohnen und Mais und damit den persönlichen und unternehmerischen Gewinn zu steigern.

Diese systematische Repression hat eine Vergeltungsmaßnahme von Seiten der Erde (Gaia) hervorgerufen: die globale Erwärmung, extreme Ereignisse und vor allem ein diversifiziertes Spektrum an tödlichen Viren. Diese Viren ruhten friedlich in der Natur, in Tieren oder in Bäumen. Ein Krieg gegen die Natur hat ihre Lebensräume zerstört. Um zu überleben, sind diese Viren auf andere Tiere oder direkt auf den Menschen übergegangen.

Sie knien vor dem System der unendlichen Akkumulation und vor allem vor der Todesmaschinerie, welche die chemische, biologische und nukleare Rüstung erzeugt hat, die im Angriff gegen das Virus nutzlos ist. Dies besitzt die minimale Größe von 125 Nanomillimetern, ist fast unsichtbar.

Das ganze Werk in Kürze: Das Virus kommt aus der Natur (es lässt sich darüber streiten, ob es von der Fledermaus, vom Pangolin-Säugetier oder von der Bambusratte kommt; das spielt keine Rolle, sie alle sind Kreaturen der Natur). Das ist der wahre Kontext der Covid-19: das System der weltweiten oder chinesischen kapitalistischen Produktion, von dem nur wenige sprechen, geschweige denn die sozialen und fernsehübertragenen Netzwerke, die 24 Stunden am Tag die humanitäre Tragödie von Zehntausenden von Menschenleben begleiten.

Wenn wir einen Impfstoff erlangen, der die bösartigen Wirkungen auslöscht und Covid-19 eliminiert, sind wir dann sicher, das größere Virus auch zu eliminieren? Das ist die zentrale Frage, um nicht einfach zu dem zurückzukehren, was vorher war und was schrecklich für die große Mehrheit der Menschen und für das Gleichgewicht der Erde war.

Wir befinden uns an einem Punkt, an dem wir die neun planetarischen Grenzen überschreiten, jenseits derer das Leben auf dem Planeten nicht weitergeht. Vier von ihnen wurden ausgeschlossen: die Ausbeutung der Böden, die klimatischen Veränderungen, die Zerstörung der biologischen Vielfalt und die Auseinandersetzung mit Stickstoff. Weitere Grenzen zu überschreiten (Verschmutzung der Ozeane, Veränderung des Wassergebrauchs, Ausdünnung der Ozonschicht, globale Erwärmung und chemische Verschmutzung) wird das Lebenssystem und damit unsere Zivilisation zusammenbrechen lassen.

Hinzu kommt ein Datum, das sehr ernst genommen werden sollte: Der Erdüberlastungstag (Earth Shoot Day) ereignete sich am 22. August 2020. Das heißt: Die Vorratskammer der Erde, in der alle erneuerbaren Elemente für die Reproduktion des Lebens gelagert werden, wurde aufgebraucht. Wir werden weniger fruchtbare Böden, geringere Ernten, weniger verträgliches Klima, weniger Wasser, weniger Nährstoffe, weniger reine Luft, mehr Böden mit Düngemitteln usw. haben. Aufgrund der ungebremsten kapitalistischen Konsumkultur haben wir bereits einen ganzen Planeten verbraucht und etwas mehr als die Hälfte des anderen existiert nicht (1,6). Die Erde hat eine Art spezielles Konto eröffnet und alle Zeichen deuten darauf hin, dass wir uns in den Roten Zahlen befinden. Weil wir den (für viele üppigen) Konsum nicht verringern wollen, sondern noch weiter steigern (Konsumismus) möchten, entreißen wir der Erde das, was sie nicht hat. Folglich bereichern sich mehr Menschen, indem sie Engpässe in Kauf nehmen, ein großer Teil der Bevölkerung hungert und hat keinen Zugang zum Lebensnotwendigsten. Das ist der Erde nicht gleichgültig; sie spürt den Schlag und verteidigt sich, indem sie uns Taifune, Stürme, Tsunamis und ihre Waffen schickt: das Spektrum der tödlichen Viren.

Covid-19 ist eine Antwort einer lebendigen Erde und ein Zeichen, das sie uns gibt; Diesmal greift sie also den gesamten Planeten an und nicht nur einzelne Teile wie bisher mit Ebola, SARS u. a. Wir müssen Covid-19 als eines der letzten Zeichen lesen, das Mutter Erde uns sendet. Sie ruft uns zu:

„Entweder ihr entscheidet euch, damit aufzuhören, mich gewaltsam auszubeuten, oder ich kann euch weitere Viren schicken, bis hin zu dem, den eure Biologen am meisten fürchten, den ‚Großen‘, den schrecklichen, den kein Impfstoff oder andere Maßnahme besiegen kann. Die menschliche Spezies würde dezimiert werden. Eine solche Geste schmerzt mich sehr, eine gerechte Strafe für den jahrhundertelang ununterbrochen geführten Krieg gegen das Leben der Natur, die nie geliebt und um die sich niemand gekümmert hat, deine Mutter, die dir immer alles gegeben hat, was du zum Leben brauchst; es hilft euch nicht, die Zähne des Wolfes zu schleifen, die für das verheerende System stehen, das ihr geschaffen habt; er wird damit seine Heftigkeit verlieren, die seine Natur ist, und er wird sein Werk des Todes fortsetzen, das, was ihr selbst Anthropozän und Nekrozän nennt; ihr müsst, wie der von mir gesandte Prophet, Papst Franziskus, sagte, „eine radikale ökologische Bekehrung“ vollziehen: von mir nur das nehmen, was ihr braucht und nichts mehr, so handeln, dass alle ein ausreichendes und anständiges Leben mit einem Minimum an Würde führen können, und ihr müsst mir Zeit geben, mich zu regenerieren und Kraft zu gewinnen, um als Mutter weiterzumachen, um euch und eure Nachkommen ausreichend ernähren zu können. Daher müsst ihr euren Verbrach einschränken, das wiederverwenden, was ihr bereits benutzt habt, und das recyceln, was euch nicht mehr dient, weil es für etwas anderes nützlich sein kann, und vor allem den ganzen Planeten aufforsten, weil die Bäume, meine geliebten Töchter, den Kohlenstoff, den du in die Atmosphäre gesteckt hast, binden und weil sie für euch durch die Photosynthese den Sauerstoff zum Atmen produzieren. Sie halten immer Wasser im Boden, einen lebenswichtigen, gemeinsamen und unersetzlichen Reichtum, der unverkäuflich ist. Stellt untereinander Beziehungen der Zusammenarbeit her und nicht des Wettbewerbs, der Empathie und nicht der der Gefühllosigkeit. Beseitigt die tiefen sozialen Ungleichheiten, die ihr im Eifer geschaffen habt, für wenige Menschen möglichst viel anzuhäufen, während eure Brüder und Schwestern hungert und es ihnen an allem mangelt, sodass sie vorzeitig sterben. Ihr und ich werden den natürlichen Vertrag erneuern müssen, den ihr gebrochen habt, den Vertrag der gegenseitigen Beziehung der Fürsorge und der Zusammenarbeit, und so können wir zusammen eine glückliche Flugbahn bilden, unter dem wohlwollenden Licht des großen Sohnes, der Sonne. Nutzt den gesunden Menschenverstand und Weisheit, denn sonst werdet ihr die Zahl derer anschwellen lassen, die sich in der Prozession zum Grab befinden, das ihr für euch selbst gegraben habt. Vergesst nicht, dass es nicht nur das natürliche und materielle Kapital gibt, das ihr fast bis zum Zusammenbruch ausgebeutet habt. Es gibt auch das menschlich-geistige Kapital, bestehend aus bedingungsloser Liebe, aus Solidarität, Mitgefühl und Offenheit füreinander, ohne Diskriminierung, und die Offenheit für alles, auch für das Unendliche, das tausend Namen trägt, Gott, der alles aus Liebe erschaffen hat, der nichts Geschaffenes hasst und leidenschaftlich in das Leben verliebt ist. Öffnet euch Ihm, indem ihr menschlicher, sensibler seid, die Natur und mich selbst beschützt und einen größeren Sinn für euer Leben findet. Auf diese Weise werden wir ein gemeinsames gesegnetes Schicksal und eine Welt haben, die für eine bessere Zukunft offen ist.“

Entweder hören wir auf diese Warnungen von Mutter Erde und der Natur, zu der wir gehören, und schaffen die Grundlagen einer Zivilisation, die nicht auf Profit, sondern auf Leben – eine Biozivilisation – und eine ÖKOnomie ausgerichtet ist, die mit der ÖKOlogie übereinstimmt, oder wir bereiten uns auf das Schlimmste vor.

Es heißt, der Mensch lerne nichts aus der Geschichte, sondern alles aus dem Leiden. Alle leiden unter der sozialen Isolation und unter der Trennung von Gruppen. Möge dieses Leiden nicht umsonst sein. Möge es nicht das Leiden eines Todgeweihten sein, sondern die Geburtswehen einer Erde, die geliebt und gepflegt wird als eine gute und großzügige Mutter, die eigentlich das einzigartige Gemeinsame Zuhause ist, das wir haben, in dem sich alle anpassen können und müssen, einschließlich der Natur.

Leonardo Boff
Ökologe, Theologe und Philosoph
03.09.2020

Autor von “Covid-19: the Counterattack of Mother Earth to Humanity”, wird in Kürze im Verlag Vozes einscheinen.

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Post-covid 19: Was in Kosmologie und Ethik zu berücksichtigen ist (IV)

Eine Lebensweise der Nachhaltigkeit wird durch tugendhafte Praktiken im Einklang mit einer nachhaltigen Lebensführung herbeigeführt. Es gibt viele Tugenden in einer anderen möglichen Welt. Ich werde mich kurzfassen, denn ich habe bereits drei Bände mit dem Titel „Tugenden für eine bessere Welt“ (Butzon & Bercker; 1., Auflage 2009) veröffentlicht. Ich erwähne hier 10 Tugenden, ohne ins Detail zu gehen, denn das würde uns zu weit bringen.

Tugenden einer anderen möglichen und notwendigen Welt

Die erste Tugend ist essenzielle Fürsorge. Ich nenne sie essenziell, weil nach einer philosophischen Tradition, die von den Römern stammt, durch die Jahrhunderte weitergegeben wurde, was am besten von mehreren Autoren zum Ausdruck gebracht wird, besonders in Heideggers zentralem Kern von Zeit und Sein. Fürsorge wird als das Wesen des Menschen angesehen. Es ist eine Voraussetzung für die Gruppe der Faktoren, die für das Leben notwendig sind. Ohne Fürsorge wäre das Leben nie entstanden und könnte es auch nicht überleben. Einige Kosmologen, wie Brian Swimme und Stephan Hawking, betrachteten die Fürsorge als die wesentliche Dynamik des Universums. Hätten es den vier Grundenergien an der subtilen Fürsorge gemangelt, um synergistisch zu handeln, hätten wir nicht die Welt, die wir haben. Alles Leben hängt von der Fürsorge ab. Weil wir biologisch unvollkommene Wesen sind, hätten wir ohne spezialisierte Organe und ohne die unendliche Fürsorge unserer Mütter aus unseren Wiegen herauskommen und Nahrung suchen können. Wir brauchen die Fürsorge durch andere. Für alles, das wir lieben, sorgen wir auch, und wir lieben alles, wofür wir sorgen. In Bezug auf die Natur erfordert dies eine freundschaftliche, nicht aggressive Beziehung, welche die Grenzen der Natur achtet.

Die zweite Tugend ist das Gewahrsein unserer Zugehörigkeit zur Natur, zur Erde und zum Universum. Wir sind Teil eines großen Ganzen, das uns umgibt. Wir sind der bewusste und intelligente Teil der Natur; wir sind der Teil der Erde, der fühlt, denkt, liebt und verehrt. Dieses Gefühl der Zugehörigkeit erfüllt uns mit Respekt, wunderbarem Staunen und Sicherheit.

Die dritte Tugend ist Solidarität und Kooperation. Wir sind soziale Wesen, die nicht nur leben, sondern mit anderen koexistieren. Wir wissen aus der Bioanthropologie, dass es die Solidarität und Zusammenarbeit unserer anthropoiden Vorfahren war, die es ihnen ermöglichten, durch die Suche nach Nahrung und deren gemeinsame Nutzung an die Spitze des Tierreichs aufzusteigen und die menschliche Welt einzuläuten. Was uns heute in Bezug auf das Coronavirus retten kann, ist diese Solidarität und universelle Zusammenarbeit. Solidarität muss mit den Geringsten unter uns beginnen und mit denen, die nicht gesehen werden. Andernfalls ist sie nicht universell integrativ.

Die vierte Tugend ist die kollektive Verantwortung. Wir haben weiter oben über ihre Bedeutung gesprochen. Es ist der Moment des Bewusstseins, in dem jedes Mitglied der Gesellschaft die guten und schlechten Auswirkungen seiner Entscheidungen und Handlungen versteht. Die unkontrollierte Abholzung des Amazonas-Regenwalds wäre absolut unverantwortlich, weil sie das Gleichgewicht der Regenfälle für weite Regionen zerstören und die biologische Vielfalt beseitigen würde, die für die Zukunft des Lebens unverzichtbar ist. Den Atomkrieg brauchen wir nicht zu erwähnen, dessen tödliche Auswirkungen alles Leben, insbesondere das menschliche Leben, bedeuten würde.

Die fünfte Tugend ist Gastfreundschaft, sowohl als Pflicht als auch als Recht. Immanuel Kant war der erste, der Gastfreundschaft als Pflicht und Recht in seinem berühmten Werk „Zum ewigen Frieden“ (1795) darlegte. Kant verstand, dass die Erde allen gehört, weil Gott niemandem einen Teil der Erde geschenkt hat. Die Erde gehört all ihren Bewohnern, die frei sind, dorthin zu gehen, wo sie wollen. Wo immer jemand angetroffen wird, ist es jedermanns Pflicht, Gastfreundschaft anzubieten als Zeichen der gemeinsamen Zugehörigkeit zur Erde; und wir alle haben das Recht, ohne Unterschied willkommen geheißen zu werden. Für Kant wären Gastfreundschaft und die Achtung der Menschenrechte die Säulen einer Weltrepublik. Angesichts der Zahl der Flüchtlinge und der weit verbreiteten Diskriminierung verschiedener Gruppen ist dieses Thema sehr aktuell. Gastfreundschaft ist vielleicht eine der dringendsten Tugenden für den Prozess der Globalisierung, auch wenn sie eine der am wenigsten praktizierten ist.

Die sechste Tugend ist das universelle Zusammenleben. Das Zusammenleben ist ein primärer Faktor, weil wir alle das Resultat der Koexistenz unserer Eltern sind. Wir sind Wesen von Beziehungen, das heißt, wir existieren nicht einfach, sondern wir ko-existieren durch unser Leben. Wir nehmen am Leben anderer teil, an ihren Freuden und ihrer Traurigkeit. Für viele ist es jedoch schwierig, mit denen zusammenzuleben, die anders sind, sei es in Bezug auf ethnische Zugehörigkeit, Religion oder politische Ideen. Wichtig ist, offen für den Austausch zu sein. Das Andere bringt uns immer etwas Neues, das uns entweder nützt oder uns herausfordert. Was wir niemals tun dürfen, ist, Anderssein in Ungleichheit zu verwandeln. Wir können Menschen unterschiedlichster Herkunft sein: Brasilianer, Kechua, Italiener, Aymara, Japaner, Peruaner, Azteken oder Yanomami. Jede Herkunft ist menschlich und besitzt ihre Würde. Heute öffnen sich uns durch die kybernetischen Massenkommunikationsmedien die Türen zu allen Völkern und Kulturen. Zu wissen, wie man mit diesen Unterschieden koexistieren kann, eröffnet neue Horizonte und führt uns in eine Gemeinschaft mit allen. Diese Koexistenz betrifft auch die Natur. Wir koexistieren mit der Landschaft, dem Urwald, den Vögeln und allen anderen Tieren. Es geht nicht nur darum, den sternengefüllten Himmel zu sehen, sondern um mit den Sternen in Gemeinschaft zu treten, weil wir von ihnen kommen und mit ihnen Teil des großen Ganzen sind. In der Tat sind wir Teil einer Gemeinschaft und teilen ein gemeinsames Schicksal mit der ganzen Schöpfung.

Die siebte Tugend ist bedingungsloser Respekt. Jedes Wesen, wie klein es auch sein mag, hat einen Wert an sich, unabhängig von seiner Nützlichkeit für den Menschen. Albert Schweitzer, der große schweizerische Arzt, der nach Gabun in Afrika ging, um sich um die Leprakranken zu kümmern, hat dieses Thema tiefgreifend entwickelt. Für Schweitzer ist Respekt die wichtigste Grundlage der Ethik, denn er beinhaltet Willkommenskultur, Solidarität und Liebe. Wir müssen damit beginnen, uns selbst zu respektieren, würdevolle Haltung und Manieren aufrechtzuerhalten, die andere dazu bewegen, uns zu respektieren. Es ist wichtig, alle Wesen der Schöpfung zu respektieren, denn sie haben einen Wert an sich. Sie existieren oder leben und verdienen es zu existieren oder zu leben. Es ist besonders wertvoll, alle Menschen zu respektieren, denn ein Mensch ist Träger der Würde, ein heiliges Wesen mit unveräußerlichen Rechten, unabhängig von seiner Herkunft. Wir schulden dem Heiligen und Gott, dem innersten Geheimnis aller Dinge, höchsten Respekt. Wir dürfen unsere Knie nur vor Gott beugen und nur Ihn verehren, denn nur Gott verdient diese Haltung.

Die achte Tugend sind soziale Gerechtigkeit und grundlegende Gleichheit für alle. Gerechtigkeit ist mehr als nur jedem das Seine oder Ihre zu geben. Unter den Menschen ist Gerechtigkeit Liebe und der minimale Respekt, den wir allen anderen schulden. Soziale Gerechtigkeit erfordert, allen Menschen das Minimum zu garantieren, ohne Privilegien zu schaffen und ihre Rechte gleichermaßen zu achten, denn wir sind alle Menschen und verdienen es, menschlich behandelt zu werden. Soziale Ungleichheit bedeutet soziale Ungerechtigkeit und ist theologisch eine Beleidigung des Schöpfers und Seiner Söhne und Töchter. Die vielleicht größte Perversität unserer Zeit besteht darin, Millionen von Menschen im Elend zu belassen, die dazu verurteilt sind, vor ihrer Zeit zu sterben. Die Gewalt der sozialen Ungleichheit und Ungerechtigkeit zeigt ihr Gesicht im Zeitalter dieses Coronavirus. Während einige Menschen sicher in ihren Häusern oder Wohnungen unter Quarantäne leben können, ist die überwiegende Mehrheit der Armen der Infektionsgefahr und oftmals dem Tod ausgesetzt.

Die neunte Tugend ist das unermüdliche Streben nach dem Frieden. Der Frieden ist eine der am meisten ersehnten Zustände, denn angesichts der Art von Gesellschaft, die wir aufgebaut haben, leben wir in ständigem Wettbewerb und sind zum Konsum und übersteigerter Produktivität aufgerufen. Frieden gibt es nicht von selbst. Frieden ist die Frucht von Werten, die gelebt werden müssen und dadurch Frieden bringen müssen. Einer der sichersten Wege, den Frieden zu verstehen, kommt uns von der Erdcharta, in der es heißt: “Anerkennen, dass Frieden die Gesamtheit dessen ist, das geschaffen wird durch rechte Beziehungen zu sich selbst, zu anderen Personen, anderen Kulturen, anderen Lebewesen, der Erde und dem größeren Ganzen, zu dem alles gehört“ (n.16 f). Wie man sieht, ist Frieden das Ergebnis angemessener Beziehungen und die Frucht sozialer Gerechtigkeit. Ohne diese Beziehungen und diese Gerechtigkeit werden wir nur einen Waffenstillstand kennen, aber niemals einen dauerhaften Frieden.

Die zehnte Tugend ist die Entwicklung des spirituellen Lebenssinns. Der Mensch hat ein körperliches Äußeres, durch das wir mit der Welt und anderen Menschen in Beziehung stehen. Wir haben auch ein psychisches Inneres, in dem unsere Leidenschaften, großen Träume und unsere Engel und Dämonen in der Architektur des Begehrens zu finden sind. Wir müssen unsere Dämonen kontrollieren und unsere Engel liebevoll kultivieren. Nur so können wir uns des Gleichgewichts erfreuen, das für das Leben notwendig ist.

Aber wir besitzen auch eine Tiefe, die Dimension, in der sich die großen Fragen des Lebens befinden: Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Worauf können wir nach diesem Erdenleben freuen? Was ist die Höchste Energie, die den Himmel erhält und unser Gemeinsames Haus die Sonne umkreisen lässt und es am Leben hält, damit wir leben können? Das ist die spirituelle Dimension des Menschen, mit immateriellen Werten wie bedingungsloser Liebe, Vertrauen in das Leben und dem Mut, sich den unvermeidlichen Herausforderungen zu stellen. Wir erkennen, dass die Welt voller Bedeutung ist, dass Dinge mehr sind als Dinge, dass sie Boten sind und eine andere unsichtbare Seite haben. Wir erahnen intuitiv eine mysteriöse Präsenz, die alle Dinge durchdringt. Die spirituellen und religiösen Traditionen haben diese Präsenz mit tausend Namen benannt, ohne sie jemals vollständig entschlüsseln zu können. Es ist das Geheimnis der Welt, das zum abgrundtiefen Mysterium geschickt wird, das alles zu dem macht, was es ist. Die Kultivierung dieses Raumes macht uns menschlicher, demütiger und verwurzelt uns in einer transzendenten Realität, die unserem unendlichen Verlangen angemessen ist.

Fazit: einfach menschlich sein

Die Schlussfolgerung, die wir aus diesen langen Reflexionen über das Coronavirus 19 ziehen, ist: Wir müssen einfach menschlich sein, verletzlich, demütig, miteinander verbunden, Teil der Natur und der bewusste und spirituelle Teil der Erde mit der Mission, uns um das heilige Erbe zu kümmern, das wir empfangen haben, Mutter Erde, für uns und künftige Generationen.
Die letzten Sätze der Erdcharta sind inspirierend: „Möge unsere Zeit durch das Erwachen einer neuen Ehrfurcht vor dem Leben, durch das feste Bekenntnis zur Nachhaltigkeit und zur Intensivierung des Kampfes für Gerechtigkeit und Frieden und für die freudige Feier des Lebens in Erinnerung bleiben.“

Leonardo Boff
Ökologe, Theologe und Philosoph
24.08.2020

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Post-covid-19: was in Kosmologie und Ethik zu berücksichtigen ist (III)

Lassen Sie uns den nachdenklichen Kommentar des Textes der Erdcharta vervollständigen, der besagt, dass wir einen Neuanfang suchen müssen, um eine nachhaltige Lebensweise auf dem Planeten Erde führen zu können. Dazu sei „ein neues Gefühl globaler Interdependenz erforderlich„. Die Beziehung von allem mit allem und damit zur globalen Interdependenz stellt eine kosmologische Konstante dar. Alles im Universum ist Beziehung. Es ist auch ein quantenphysikalisches Axiom, nach dem alle Wesen interretro-verknüpft sind. Wir selbst, die Menschen, sind ein Rhizom (Wurzelzwiebel) von Beziehungen, die sich in alle Richtungen ausstrecken. Dies impliziert das Verständnis, dass alle Probleme: ökologisch, ökonomisch, politisch und spirituell, miteinander verbunden sind. Wir werden Leben nur retten, wenn wir uns nach dieser universellen Logik, der Logik des Universums und der Natur, ausrichten

Die Erdcharta fährt fort: „Universelle Verantwortung ist erforderlich.“ Verantwortung bedeutet, sich der Folgen unseres Handelns bewusst zu sein, ob sie anderen Wesen nützen oder schaden. Hans Jonas schrieb ein klassisches Buch über das Prinzip Verantwortung, das die Prinzipien der Prävention und Vorsorge behandelt. Durch Prävention können wir die Auswirkungen berechnen, wenn wir in die Natur eingreifen. Der Grundsatz der Vorsorge sagt uns, dass wir, wenn wir die Folgen nicht ermessen können, nicht riskieren dürfen, bestimmte Maßnahmen und Interventionen zu ergreifen, weil sie sehr schädliche Auswirkungen auf das Leben haben können.

Wir sehen das Fehlen einer solchen kollektiven Verantwortung in der gegenwärtigen Pandemie. Sie verlangt eine strikte soziale Isolation, um eine Ausbreitung in der Gesellschaft zu verhindern, aber die überwiegende Mehrheit der Menschen hält sich nicht an diesen Grundsatz. Er muss universell sein.

Darüber hinaus fordert uns die Erdcharta auf „die Vision (einer nachhaltigen Lebensweise) kreativ zu entwickeln und anzuwenden„. Nichts Großes wird auf der Erde erreicht, ohne sich die neuen Gesellschaften und Formen des Seins vorzustellen und zu erschaffen, die man sich vorgestellt hat. Das ist die Funktion lebensfähiger Utopien. Alle Utopien erweitern unseren Horizont und fordern unsere Kreativität heraus. Im heiteren Ausdruck von Eduardo Galeano „führt uns die Utopie von Horizont zu Horizont und veranlasst uns immer zum Gehen.

Um die üblichen Methoden, das Gemeinsame Haus zu bewohnen, zu überwinden, welche in einer utilitaristischen Beziehung bestehen, müssen wir von unserem Planeten als der großen Mutter träumen, „Die Erde der guten Hoffnung“ (Ignace Sachs und Ladislau Dowbor). Die Menschheit kann diese Utopie verwirklichen, wenn sie sich der Dringlichkeit der Notwendigkeit einer anderen Welt bewusst wird.


Eine nachhaltige Lebensweise

Die Erdcharta bekräftigt auch „eine Vision einer nachhaltigen Lebensweise„. Wir sind den Ausdruck „nachhaltige Entwicklung“ gewohnt. Er ist präsent in allen offiziellen Dokumenten und auf den Lippen der vorherrschenden Ökologie. Alle seriösen Studien haben jedoch gezeigt, dass unsere Form der Produktion, Verteilung und des Konsums nicht nachhaltig ist, weil es unmöglich ist, ein Gleichgewicht aufrechtzuerhalten zwischen dem, was wir von der Natur nehmen, und dem, was wir ihr lassen, um zu ermöglichen, dass sich die Natur stets reproduzieren und sich kontinuierlich weiterentwickeln kann. Unsere Gier hat den Planeten nicht-nachhaltig gemacht, denn selbst wenn die reichen Länder ihren Wohlstand auf die gesamte Menschheit ausdehnen wollten, würde es mindestens drei Erden wie unsere gegenwärtige erfordern, was absolut unmöglich ist.

Die aktuelle Entwicklung, die das Wirtschaftswachstum des Bruttosozialprodukts, des BSP, misst, zeigt erstaunliche Ungleichheiten, zu dem Ausmaß, dass die NGO Oxfam in ihrem Bericht von 2019 feststellt, dass 1 % der Menschheit die Hälfte des Reichtums der Welt besitzt und dass 20 % der Menschen 95 % dieses Reichtums kontrollieren, während die restlichen 80 % mit nur 5 % des Reichtums auskommen müssen. Diese Daten legen offen, dass die Welt, in der wir leben, völlig unhaltbar ist.

Die Erdcharta wird nicht vom Profit, sondern vom Leben geleitet. Deshalb besteht die große Herausforderung darin, eine nachhaltige Lebensweise in allen Lebensbereichen zu schaffen: in den Bereichen Persönliches Leben, Familie, Soziales, auf nationaler und internationaler Ebene.


Die Bedeutung des Bio-Regionalismus

Schließlich muss diese nachhaltige Lebensweise auf lokaler, nationaler, regionaler und globaler Ebene verwirklicht werden. Natürlich geht es um ein Weltprojekt, das durch einen Prozess umgesetzt werden muss. Heute findet der fortgeschrittenere Teil dieser Suche auf lokaler und regionaler Ebene statt, so dass Bio-Regionalisierung als die wirklich lebensfähige Form der Verwirklichung der Nachhaltigkeit angesehen wird. Wir nehmen die Region als Referenz, nicht nach den willkürlichen Grenzziehungen, die immer noch bestehen, sondern diejenige, die von der Natur selbst geschaffen wurde, mit ihren Flüssen, Bergen, Dschungeln, Wäldern und allem, was ein regionales Ökosystem ausmacht. In diesem Rahmen kann eine authentische Nachhaltigkeit erreicht werden, einschließlich der natürlichen Güter, der Kultur und der lokalen Traditionen, der Persönlichkeiten, die diese Geschichte geprägt haben, die kleine Unternehmen und ökologische Landwirtschaft mit möglichst breiter Beteiligung in einem demokratischen Geist begünstigen. Auf diese Weise wird „gute Lebensführung und gutes Leben“ (das ökologische Ideal der Anden) entstehen, ausreichend, anständig und nachhaltig mit der Verringerung der Ungleichheiten.

Diese Vision, die von der Erdcharta formuliert wurde, ist sowohl grandios als auch machbar. Was wir brauchen, ist mehr guten Willen, die einzige Tugend, die für Kant weder Mängel noch Grenzen sieht, denn wenn sie diese hätte, wäre sie nicht gut. Dieser gute Wille würde die Gemeinschaften motivieren und am Ende die ganze Menschheit dazu bringen, wirklich „einen Neuanfang“ zu wagen (Fortsetzung folgt).

Leonardo Boff
(Ökologe, Theologe und Philosoph, der geschrieben hat „To Protect the Earth-Care for Life: How to Avoid the End of the World“, Record, Rio, 2010.
24.07.2020

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Frei Betto: Ein internationaler Aufruf gegen Bolsonaros Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Liebe Freundinnen und Freunde,

in Brasilien findet gerade ein Völkermord statt! Zum Zeitpunkt, an dem ich schreibe, dem 16. Juli 2020, hat COVID-19, das hier im Februar dieses Jahres zum ersten Mal entdeckt wurde, bereits 76.000 Menschen getötet. Es gibt bereits fast zwei Millionen Betroffene. Bis Sonntag, 19. Juli, werden wir insgesamt 80.000 auf Todesopfer kommen. Es ist möglich, dass wir, wenn Sie diesen dramatischen Appell lesen, bereits die Zahl 100.000 erreicht haben.

Wenn ich bedenke, dass im Vietnamkrieg über zwanzig Jahre hinweg 58.000 Menschenleben von US-amerikanischen Militärangehörigen geopfert wurden, begreife ich das Ausmaß und die Ernsthaftigkeit dessen, was in meinem Land geschieht. Dieser Horror verursacht Wut und Abscheu. Und wir alle wissen, dass vorsorgliche und restriktive Maßnahmen, wie sie in so vielen anderen Ländern ergriffen wurden, ein Abschlachten in einem solchen Ausmaß hätten verhindern können.

Dieser Völkermord ist nicht das Ergebnis der Gleichgültigkeit der Regierung Bolsonaros. Er ist gewollt. Bolsonaro freut sich über den Tod anderer. Als er Mitglied des Kongresses war, sagte er 1999 in einem Fernsehinterview: „Wahlen werden in diesem Land nichts ändern, nichts, absolut nichts! Veränderungen werden leider nur dann kommen, wenn wir eines Tages hier in Brasilien einen Bürgerkrieg führen und die Arbeit leisten, die das Militärregime nicht getan hat: 30.000 Menschen töten.“

Als er für die Amtsenthebung von Präsidentin Dilma Rousseff stimmte, widmete er seine Stimme dem Gedenken an den berüchtigtsten Folterer der brasilianischen Armee, Oberst Brilhante Ustra.

Aufgrund dieser großen Todesbesessenheit ist eine seiner wichtigsten Regierungsmaßnahmen die Zulassung des Verkaufs von Waffen und Munition. Auf die Frage am Eingang des Präsidentenpalastes, ob er nicht betroffen sei wegen der Opfer der Pandemie, antwortete er: „Ich glaube nicht an diese Zahlen (27. März, 92 Tote). Wir werden alle eines Tages sterben“ (29. März, 136 Tote). „Also was? Was soll ich tun?‘ (28. April, 5.017 Tote).

Warum diese nekrophile Politik? Von Anfang an erklärte er, dass es nicht darauf ankomme, Leben zu retten, sondern die Wirtschaft zu retten. Darum weigert er sich, ein Lockdown anzuordnen, den Anweisungen der WHO zu folgen und Atemschutzgeräte und persönliche Schutzausrüstungen zu importieren. Der Oberste Gerichtshof musste diese Verantwortung an die Gouverneure und Bürgermeister der Städte delegieren.

Bolsonaro respektierte nicht einmal die Autorität seiner eigenen Gesundheitsminister. Seit Februar wurden in Brasilien zwei entlassen, weil sie sich weigerten, dieselbe Haltung wie der Präsident einzunehmen. Jetzt wird das Ministerium von General Pazuello geleitet, der keinerlei Kenntnis von Gesundheitsfragen hat; er hatte versucht, die Daten über die steigende Zahl von Opfern zu verheimlichen; er hat 1.249 Militärangehörige in wichtigen Positionen im Ministerium angestellt, ohne dass sie die erforderlichen Qualifikationen hätten; und er hat die täglichen Interviews abgesagt, von denen die Bevölkerung Orientierung erhalten hatte.

Es würde zu lange dauern, alle Maßnahmen zur Freigabe von Mitteln zur Unterstützung von Opfern und Familien mit niedrigem Einkommen (über 100 Millionen Brasilianer) aufzulisten, die nie ergriffen wurden.

Die Gründe für die kriminellen Entscheidungen der Regierung Bolsonaros liegen auf der Hand. Wenn ältere Menschen sterben, verschont dies die Ressourcen des Department of National Insurance. Wer bereits Erkrankte sterben lässt, schont die Ressourcen des nationalen Gesundheitsdienstes, des SUS. Die Armen sterben zu lassen, schont die Ressourcen des Programms Familienfürsorge und anderer Sozialprogramme, die sich an die 52,5 Millionen Brasilianer richten, die in Armut leben, und die 13,5 Millionen, die in extremer Armut leben (Zahlen der brasilianischen Bundesregierung).

Noch nicht zufrieden mit solch tödlichen Maßnahmen, hat der Präsident jetzt, am 3. Juli, sein Veto gegen den Gesetzesabschnitt eingelegt, der zur Verwendung von Masken in Läden, Kultstätten und Bildungseinrichtungen verpflichtet. Er hat ebenfalls gegen die Verhängung von Geldstrafen gegen diejenigen gestimmt, die die Regeln nicht eingehalten haben, und die Verpflichtung der Regierung, Masken an die ärmsten Bevölkerungsschichten, die Hauptopfer von COVID-19, und an Gefangene (750.000) zu verteilen. Diese Vetos kippen jedoch nicht die lokale Gesetzgebung, die die Verwendung von Masken bereits obligatorisch gemacht hat.

Am 8. Juli kippte Bolsonaro drei Abschnitte eines vom Senat verabschiedeten Gesetzes, das die Regierung verpflichtete, Trinkwasser und Gesundheits- und Reinigungsmittel zu liefern, Internetanschlüsse zu installieren und Grundnahrungsmittel, Saatgut und landwirtschaftliche Geräte an indigene Dörfer zu verteilen. Er legte auch sein Veto gegen Soforthilfen ein, die für indigene Gesundheitsdienste bestimmt waren, und um indigenen und Mitgliedern afro-brasilianischer Ex-Sklaven-Quilombola-Gemeinschaften für drei Monate Soforthilfe in Höhe von 600 R‘ (120 Euro) zu gewähren. Und er legte ebenfalls sein Veto gegen die Verpflichtung der Regierung ein, indigenen und Ex-Sklaven-Gemeinschaften mehr Krankenhausbetten, Beatmungsgeräte und Sauerstoffgeräte zur Verfügung zu stellen.

Indigene und Ex-Sklaven-Gemeinschaften wurden durch die zunehmende sozio-ökologische Verwüstung dezimiert, vor allem im Amazonasgebiet.

Bitte machen Sie dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit so publik wie möglich. Die Verurteilung der Geschehnisse in Brasilien muss die Medien Ihres Landes, die sozialen Netzwerke, den UN-Menschenrechtsrat in Genf und die Banken und Unternehmen erreichen, welche die Investoren vertreten, die die Regierung Bolsonaro so gierig will.

Lange bevor The Economist dies tat, habe ich in den sozialen Medien den Präsidenten BolsoNero genannt – während Rom brannte, spielte er die Geige und warb für Hydroxychloroquin, ein Medikament, von dem wissenschaftlich erwiesen wurde, dass es keine Wirkung auf das neue Coronavirus hat. Aber seine Hersteller sind politische Verbündete des Präsidenten…

Vielen Dank für Ihre Solidarität bei der Veröffentlichung dieses Schreibens. Nur der Druck aus dem Ausland kann den Völkermord stoppen, der unser liebes, wunderbares Brasilien zerstört.

Mit brüderlichen Grüßen
Frei Betto
16.07.2020

Frei Betto ist ein Dominikaner-Bruder und Schriftsteller, Berater der FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN) und sozialer Bewegungen.

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