Erklärung der Rechtswidrigkeit von Armut vor den Vereinten Nationen

Leonardo Boft
Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

Die skandalöse Zunahme der weltweiten Armut war Anlass für soziale Bewegungen, dieses Elend in der Menschheit auslöschen zu wollen.

Am 9. Mai gab es eine Veranstaltung an der Staatlichen Universität von Rosario, Argentinien, organisiert vom Vorsitzenden der Wasser-Wissenschaften, einer Abteilung der Fakultät der Sozialwissenschaften, koordiniert durch Professor Anibal Faccendi, um eine Erklärung über die Rechtswidrigkeit von Armut abzufassen. Ich hatte die Gelegenheit, daran teilzunehmen und einen Einführungsvortrag zu halten. Es geht darum, Unterstützung vom Nationalkongress zu erhalten, von der breiten Öffentlichkeit und von Menschen aus dem ganzen Kontinent, um diese Forderung den Vereinten Nationen vorzulegen, die ihr die höchste Priorität geben sollen. Bereits am 17. Oktober 1987 gründete Joseph Wresinski die ATD Internationale Bewegung (aus dem Spanischen Movimiento Internacional Actuar Todos para la Dignidad, ATD: Internationale Bewegung Handeln Aller für die Würde), die den Internationalen Tag für die Auslöschung der Armut beinhaltet. Dieses Jahr wird der Tag am 17. September in vielen Ländern begangen, die sich dieser Bewegung angeschlossen haben.

Die Erklärung von Rosario stärkte diese Bewegung, indem sie die internationalen Organe der Vereinten Nationen drängte, Hunger wirklich als rechtswidrig zu erklären. Diese Erklärung darf nicht nur auf dem Papier stehen. Es ist beabsichtigt, dass sich in den verschiedenen Institutionen der Länder, Städte, Nachbarschaften, auf den Straßen der Städte und in den Schulen Bewegungen bilden, um Menschen zu finden, die in extremer Armut leben (mit weniger als 2 $ pro Tag und ohne Zugang zur Grundversorgung) oder in einfacher Armut (mit etwas mehr als 2 $  und mit begrenztem Zugang zur Infrastruktur, zum Wohnungsmarkt, Schule und anderen minimalen humanitären Dienstleistungen). Dann sollen Solidaritätsaktionen organisiert werden, um diesen Menschen zu helfen, diese Krise mithilfe eigenen Handelns zu überwinden.

Im Jahr 2002 erklärte Kofi Annan, der ehemalige Generalsekretär, entschlossen: „Es ist unmöglich, dass die internationale Gemeinschaft die Tatsache toleriert, dass fast die Hälfte der Menschheit mit zwei Dollar am Tag oder weniger überleben muss, und dies in einer Welt von nie dagewesenem Reichtum.

Die Daten sind wahrhaftig alarmierend. OXFAM ist eine Nichtregierungsorganisation, die mit vielen anderen Organisationen in zahlreichen Ländern zusammenarbeitet und sich in den Studien über die Level der Ungleichheit in der Welt spezialisiert hat. Jedes Jahr veröffentlichen sie ihre Resultate, die immer schrecklicher werden. OXFAM geht immer nach Davos in die Schweiz, um die Daten zu veröffentlichen, welche die Reichsten der Welt enttarnen, die sich dort befinden. Im Januar 2017 deckte OXFAM auf, dass 8 Personen (von denen die meisten in Davos leben) über so viel Reichtum verfügen wie der gesammelte Reichtum von 3,6 Milliarden Menschen. Das heißt fast die Hälfte der Menschheit lebt in einem Zustand von Mangel, sei es unter extremer Armut oder einfacher Armut, während andere im skandalösesten Reichtum leben.

Wenn wir diese Daten ernst nehmen, was wir sollten, stellen wir fest, dass es einen Ozean  an Leiden, Krankheit und Tod von Millionen Kindern und Erwachsenen als direkte Folge von Hunger gibt. Dann müssen wir uns fragen: Was geschah mit dem Minimum an Solidarität? Sind wir nicht grausam und unbarmherzig gegenüber unseren Mitmenschen, die Menschen sind wie wir und die nur ein Minimum an Nahrung verlangen, so wie wir? Es macht sie krank zu sehen, wie ihre Kinder aus Hunger nicht schlafen können, und sie selbst können nur die Essensreste essen, die sie auf den großen Müllhalden einsammeln oder durch die Wohltätigkeit von Menschen oder einiger Institutionen (im Allgemeinen religiöser Art), die ihnen gerade genug zum Überleben geben.

Die Armut, die Hunger verursacht, ist mörderisch. Dies ist eine der gewalttätigsten Formen, Menschen zu demütigen, ihre Körper zu zerstören und ihre Seelen zu verwunden. Hier ist es gut, sich an die alte Weisheitslehre zu erinnern: Extreme Not kennt kein Gesetz, und Diebstahl zur Sicherung des Überlebens kann nicht als Straftat erachtet werden, denn Leben ist wertvoller als jegliche materiellen Güter.

Hunger ist heutzutage systemisch. Thomas Piketty, bekannt für seine Studien über Kapitalismus im 21. Jahrhundert, zeigte auf, wie Hunger präsent, doch versteckt ist mit 50 Millionen Menschen, die in den USA in Armut leben. In den letzten 30 Jahren, so Piketty, blieb das Einkommen der Ärmsten konstant, während das Einkommen des 1 % der Reichsten um 300 % anstieg. Piketty folgert: „Wenn nichts geschieht, um diese Ungleichheit zu überwinden, könnte das die ganze Gesellschaft zerstören. Kriminalität und Unsicherheit werden um sich greifen. Die Menschen werden mehr Angst als Hoffnung haben.“

Wir haben die Sklaverei in Brasilien abgeschafft. Doch wann werden wir den Hunger abschaffen?

Leonardo Boff
14.05.2017

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Immer wartet jemand auf Godot

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

Ich kannte einmal einen Mann, der alles Mögliche in seinem Leben gemacht machte. Man sagt, er wäre erst Marxist gewesen, denn wäre er Söldner in der französischen Fremdenlegion geworden und hätte viele Menschen erschossen.

Plötzlich bekehrte er sich, wurde Mönch, ohne sich jedoch von der Welt zurückzuziehen. Er begann, als Hafenarbeiter zu arbeiten, doch er verbrachte all seine freie Zeit mit Gebet und Meditation. Tagsüber rezitierte er Mantren: „Jesus, steh mir bei“, „Jesus, vergib mir meine Sünden“, „Heilige mich, Jesus“, „Jesus, mach mich zu einem Freund der Armen“, „Jesus, mach mich so arm wie die Armen“.

Interessanterweise hatte er seine eigene Gebetsweise: Er dachte: Wenn Gott in Jesus Mensch geworden ist, dann war Er wie wir: Er pieselte, weinte wie ein Baby um Nahrung, hatte Wutausbrüche, wenn etwas Ihn ärgerte sowie wenn Seine Windel voll war.

Anfangs mochte Er Maria möglicherweise lieber, dann mochte Er Josef mehr, wofür die Psychologen die passenden Erklärungen haben. Und Er wuchs genauso auf wie unsere Kinder, spielte mit Ameisen, jagte Hunde, warf mit Steinen nach den Eseln,  und dieser Schlingel hob auch die Röcke der Mädchen, um sie wütend zu machen, wie Fernando Pessoa sich respektloserweise vorstellte.

Er betete zu Maria, der Mutter des Kindes Jesu, und stellte sich vor, wie sie Jesus in den Schlaf wiegte, wie sie Seine Windeln im Teich wusch, wie sie Seine Babynahrung zubereitete und ein gehaltvolles Mahl für ihren Mann, den guten Josef, kochte. Und bei solchem Nachsinnen war er glücklich, denn er fühlte sie und lebte es wie etwas, das seinem Herzen wichtig war. Er weinte auch oft aus spirituellen Glücksgefühlen.

Als er Mönch wurde, entschied er sich für diejenigen, die die Welt zu ihrer Mönchszelle machen, und er lebte in radikaler Armut gemeinsam mit den Armen: den Kleinen Brüdern von Foucauld. Er gründete eine kleine Kommunität in der ärmsten Favela der Stadt. Er hatte wenige Anhänger. Das Leben war sehr hart: mit den Armen arbeiten und meditieren. Es waren nur drei, die so mit ihm lebten, doch schließlich gaben sie auf. Ein solch hartes Leben war nichts für sie.

Er lebte in verschiedenen Ländern, wurde  stets von den Militärdiktaturen vom Tode bedroht. Er musste sich verbergen und in andere Länder flüchten. Dort geschah ihm jedoch stets dasselbe. Doch er fühlte sich geborgen in Gottes Hand. Darum lebte er sorglos.

Die institutionelle Kirche war ihm unbehaglich wie die fromme Christenheit, die sich nicht für Gerechtigkeit für die Armen einsetzte, doch schließlich arbeitete er in einer Gemeinde, die mit dem und für das Volk da war. Er arbeitete mit den Landlosen, den Obdachlosen und einer Gruppe Frauen. Die Prostituierten hieß er willkommen, die kamen, um sich bei ihm auszuweinen. Getröstet gingen sie wieder von ihm.

Er hatte den Mut, öffentliche Demonstrationen vor dem Rathaus zu organisieren und ermutigte zur Besetzung von unbebautem Land. Und als es den Land- und Heimatlosen gelang, sich dort niederzulassen, hielt er mit ihnen schöne ökumenische Zelebrationen mit vielen Symbolen, den sogenannten Mystikern, ab.

Jeden Tag zog er sich nach der Nachmittagsmesse für eine ganze Weile  in die dunkle Kirche zurück. Lediglich das Nachtlicht spendete einen schwachen Lichtschein, der die toten Statuen in lebendige Geister verwandelte und die aufragenden Säulen in merkwürdige Hexen. Dort blieb er, reglos, die Augen auf den Tabernakel gerichtet, bis der Küster kam, um die Kirche zu schließen.

Eines Tages ging ich in die Kirche, um ihn aufzusuchen. Ich fragte ihn direkt: „Kleiner Bruder (seinen Namen möchte ich nicht nennen, es würde ihn betrüben), fühlst du Gott, wenn du nach der Arbeit hierher in die Kirche kommst, um zu meditieren? Spricht Gott zu dir?“

Mit einer großen Ruhe wie jemand, der aus einem tiefen Traum erwacht, schaute er mich seitlich an und sagte:

„Ich spüre nichts. Seit langem habe ich die Stimme meines Freundes (so nannte er Gott) nicht mehr gehört. Einmal fühlte ich Ihn. Es war faszinierend. Es füllte meine Tagen mit Musik. Jetzt höre ich nichts mehr. Vielleicht wird der Freund nicht mehr zu mir sprechen.“

Ich fragte ihn darauf: „Warum kommst du dann immer noch hierher in die heilige Dunkelheit der Kirche?“

„Ich komme noch immer“, antwortete er, „weil ich bereit sein möchte. Sollte der Freund kommen, um Sein Schweigen hinter sich zu lassen und zu reden, dann bin ich hier, um Ihm zuzuhören. Stell dir vor, Er käme, um mit mir zu sprechen, und ich wäre nicht da! Denn zu jeder Gelegenheit kommt Er nur einmal … Was geschähe mit mir untreuem Freund des Freundes?“

Ja, er gab nicht auf, „auf Godot zu warten“. Und er rührte sich nicht vom Fleck, wie im Stück von Samuel Beckett.

Ich ließ ihn zurück in seiner vollkommenen Verfügbarkeit. Ich ging rätselnd und meditierend davon. Dank dieser Menschen ist die Welt sicher und schenkt Gott Seine Gnade denen, die Ihn vergessen oder Ihn für tot halten, wie ein Philosoph sagte, der verrückt wurde. Doch da gibt es diejenigen, die wachen und warten, sie warten auf Godot, voller Hoffnung. Und dieses Warten macht jeden Tag neu und voller Freude.

Eines Tages fand der Küster ihn über die Kirchenbank gebeugt. Er dachte, er würde schlafen, doch er bemerkte, dass sein Körper kalt und steif war.

Da der Freund nicht kam, ging er hin, um Ihn zu finden. Nun braucht er nicht mehr auf das Kommen Gottes zu warten. Er wird mit dem Freund sein, eine Freundschaft feiern, wie man sie sich nicht freudvoller vorstellen kann, und diese Feier wird kein Ende haben.

Leonardo Boff
01.05.2017

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Globalisierung oder Planetisierung?

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

Es gibt aktuell einen starken Widerstand gegenüber dem Prozess der Globalisierung, der durch Donald Trump verstärkt wird, der mit Macht die Idee des „Die Vereinigten Staaten zuerst“ oder besser „Nur die Vereinigten Staaten“ vorantrieb. Trump unterstützt den Krieg gegen globale Unternehmen zugunsten derer, die nur innerhalb der USA arbeiten.

Es ist wichtig zu verstehen, dass es sich hierbei um einen Kampf gegen die gigantischen finanzökonomischen Konglomerate handelt, die einen großen Teil des weltweiten Reichtums in den Händen einer sehr kleinen Anzahl von Personen kontrollieren. Joseph Stiglitz, dem Nobelpreisträger von 2001 für Ökonomie, zufolge haben wir 1 % Multimillionäre, die 99 % abhängiger oder verarmter Personen gegenüber steht.

Diese Art von Globalisierung trägt einen finanzökonomischen Charakterzug, der an Dinosaurier erinnert, Edgar Morin zufolge die Eisenzeit der Globalisierung. Doch Globalisierung ist mehr als nur Ökonomie. Es geht um einen irreversiblen Prozess, einen neuen Entwicklungsstatus der Erde, der zu dem Zeitpunkt begann, als wir sie vom Blick von außen entdeckten, als die Astronauten sie uns von ihrem Raumschiff aus zeigten. Da wurde klar, dass Erde und Menschheit eine einzigartige komplexe Einheit bilden.

Der Augenzeugenbericht des nordamerikanischen Astronauten John W. Young auf der fünften Reise zum Mond am 16. April 1972 ist eindrucksvoll: „Da unten ist die Erde, der blaue und weiße Planet, unglaublich schön, strahlend, die Heimat der Menschheit. Von hier aus gesehen würde der Mond in meine Handfläche passen. Aus dieser Perspektive gibt es weder Weiße noch Schwarze auf der Erde, keine Trennung zwischen Ost und West, Kommunisten und Kapitalisten, Nord und Süd. Gemeinsam bilden wir eine einzige Erde. Wir müssen lernen, diesen Planeten zu lieben, dessen Teil wir sind.“

Aus dieser Erfahrung werden die Worte von Pierre Teilhard de Chardin von 1933 prophetisch und provokativ: „Das Zeitalter der Nationen ist vorüber. Wenn wir nicht sterben wollen, ist dies der Augenblick, die alten Vorurteile über Bord zu werfen und die Erde zu bilden. Die Erde wird ihrer selbst bewusst sein durch kein anderes Mittel als durch eine Krise aus Konversion und Transformation.“ Diese Krise ist in unsere Köpfe eingedrungen: Jetzt sind wir für das einzige Gemeinsame Heim, das wir besitzen, verantwortlich. Und wir haben die Mittel unserer eigenen Selbstzerstörung erfunden, was unsere Verantwortung für den ganzen Planeten nur noch verstärkt.

Wenn wir genauer hinsehen, entstand dieses Bewusstsein früh im 16. Jahrhundert, genau genommen im Jahr 1521 als Ferdinand Magellan zum ersten Mal den Globus umrundete und bewies damit empirisch, dass die Erde rund ist und dass wir überall hin kommen können, unabhängig davon, an welchem Ort wir uns befinden.

Die Globalisierung nahm mit der Verwestlichung der Welt Form an. Europa begann das koloniale und imperialistische Abenteuer von Eroberung und Beherrschung aller entdeckten und noch zu entdeckenden Länder, indem es sie den Interessen Europas zu Diensten mache, wie der Wille zur Macht zeigte, den man gut übersetzen kann mit dem Willen zu unbegrenzter Bereicherung, der Durchsetzung der Weißen Kultur, seiner politischen Institutionen und seiner christlichen Religion.

Aus der Sichtweise der Opfer dieser Entwicklung wurde dieses Abenteuer gewalttätig durchgeführt, was zu großen Vernichtungen von Völkern, Ethnien und der Umwelt führte. Dieses Abenteuer war ein Trauma und eine Tragödie für die Mehrheit der Völker, und dessen Konsequenzen sind noch heute zu spüren, selbst unter denen, die die Kolonialmacht stellten, die Sklaverei einführten und zur Unterwefung unter die großen imperialistischen Mächte zwangen.

Wir müssen nun die positive und essentielle Bedeutung des Begriffs Planetisierung sicherstellen, ein Wort, das besser ist als „Globalisierung“ wegen seinen ökonomischen Konnotationen. Am 22. April 2009 machten die Vereinten Nationen die Nomenklatur Mutter Erde offiziell, um ihr die Konnotation etwas Lebendigen zu verleihen, das respektiert werden und verehrt werden muss wie eine Mutter. Papst Franziskus benutzte den Ausdruck Gemeinsames Haus, um die tiefe Verbundenheit der Menschen herauszustreichen, die den gemeinsamen Platz bewohnen.

Dieser Moment ist ein Schritt nach vorn im Prozess der Geo-Genese. Wir können nicht zurückgehen mit einem verringerten Bewusstsein und uns abschotten wie Donald Trump vorgibt, innerhalb unserer nationalen Grenzen. Wir müssen uns selbst für diesen neuen Schritt vorbereiten, den die Erde gegeben hat, dieser lebendige Super-Organismus, gemäß der Gaia-These. Wir sind das Momentum von Bewusstsein und Intelligenz auf der Erde. Wir sind die Erde, die fühlt, denkt, liebt, Achtsamkeit pflegt und verehrt. Wir sind die einzigen Wesen der Natur, deren ethische Mission darin besteht, sich um dieses geheiligte Erbe zu kümmern, zu sichern, dass es ein bewohnbarer Ort für uns alle bleibt und für die ganze Gemeinschaft der Lebewesen.

Wir sind noch nicht aufgestanden, um diesem Ruf der Erde zu folgen. Daher müssen wir jetzt aufwachen und diese edle Berufung annehmen, an dieser Planetisierung mitzuwirken.

Leonardo Boff
07.04.2017

Veröffentlicht unter Uncategorized | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentar hinterlassen

Die Gekreuzigten von heute und der Gekreuzigte von gestern

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

Der Großteil der Weltbevölkerung lebt heute unter dem Kreuz des Elends, des Hungers, der Wasserknappheit und der Arbeitslosigkeit. Auch die Natur wird gekreuzigt, verwüstet durch die industrielle Gier, die sich weigert, jegliche Grenzen zu akzeptieren. Mutter Erde wird gekreuzigt, ist so sehr erschöpft, dass sie ihr inneres Gleichgewicht verloren hat, was sich in der globalen Erwärmung zeigt.

Im religiösen und christlichen Verständnis wird Christus selbst in all diesen gekreuzigten Wesen als gegenwärtig gesehen. Indem er unsere menschliche und kosmische Realität annahm, leidet er mit allen Leidenden. Er blutet noch immer in unserem dezimierten Ökosystem und am verunreinigten Wasser. Die Inkarnation des Gottessohnes bildete eine geheimnisvolle Solidarität des Lebens und Geschicks mit allem, das Er auf sich nahm, mit unserer ganzen Menschheit und allem Licht und Schatten, das unser Menschsein mit sich bringt.

Im Markusevangelium, dem ältesten der Evangelien, lesen wir die schrecklichen Worte zu Jesu Tod. Von allen verlassen, oben am Kreuz, fühlt er sich auch vom Vater der Güte und der Barmherzigkeit verlassen. Jesus ruft:

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ “Jesus aber schrie laut auf. Dann hauchte er den Geist aus“ (Mk 15,34.37).

Jesus starb nicht so, wie wir alle sterben. Er starb ermordet in der zu damaliger Zeit demütigendsten Weise: ans Kreuz genagelt. Zwischen Himmel und Erde hängend quälte er sich drei lange Stunden am Kreuz.

Die Ablehnung durch Menschen, die zu Jesu Kreuzigung hat führen können, kann nicht die Bedeutung wiedergeben, die Jesus Seinem Kreuzestod gab. Der Gekreuzigte definierte den Sinn Seiner Kreuzigung als Solidarität mit allen Gekreuzigten der Geschichte, die wie Er Opfer waren, sind und sein werden: von Gewalt und ungerechten sozialen Beziehungen, von Hass, von Demütigung der Niedrigen und der Ablehnung des angekündigten Reiches der Gerechtigkeit, Geschwisterlichkeit, des Mitgefühls und der bedingungslosen Liebe.

Trotz Seiner solidarischen Hingabe zu den Anderen und zu Seinem Vater durchfährt eine grausame und letzte Versuchung Seinen Geist. Der große Konflikt Jesu, in seiner Todesqual, ist jener mit Seinem Vater.

Der Vater, den Er in tiefer kindlicher Vertrautheit erfahren hatte, der Vater, den Er als barmherzig und voller Güte verkündigte, ein Vater mit den Zügen einer liebevollen und fürsorglichen Mütter, der Vater, dessen Königreich Er ausgerufen und in Seinen befreienden Handlungen vorangebracht hatte, dieser Vater scheint Ihn nun verlassen zu haben.

Jesus geht durch die Hölle der Abwesenheit Gottes.

Um die dritte Nachmittagsstunde, Minuten vor seinem tragischen Ende, rief Jesus mit lauter Stimme: “Eloi, Eloi, lama sabachtani: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Jesus hat fast alle Hoffnung verloren. Aus der tiefsten Leere Seines Geistes steigt eine schreckliche Infragestellung auf, welche die verblüffendste Versuchung schafft, die Menschen je erlitten, und nun auch Jesus, die Versuchung der Verzweiflung. Jesus fragt sich selbst:

„Könnte es sein, dass mein Glaube absurd war? Ist der Kampf, den die Unterdrückten und Gott führen, sinnlos? War alles vergeblich: die Risiken, die ich einging; die Verfolgungen, die ich ertrug; der demütigende religionsrechtliche Prozess, in dem ich zur Höchststrafe verurteilt wurde: die Kreuzigung, die ich nun erleide?“

Jesus findet Sich selbst nackt, machtlos, völlig leer vor dem Vater, der schweigt und dessen Schweigen Sein ganzes Mysterium enthüllt. Er hat keinen mehr, an den Er sich halten kann.

Nach menschlichen Kriterien beurteilt ist Jesus auf ganzer Linie gescheitert. Seine innere Sicherheit verschwindet. Doch selbst in der am Horizont untergehenden Sonne hält Jesus am Vertrauen in den Vater fest. Aus diesem Grund ruft er laut: „Mein Vater, mein Vater…“ Auf dem Höhepunkt Seiner Verzweiflung begibt sich Jesus selbst in das wahrhafte namenlose Mysterium. Dies wird Seine einzige Hoffnung jenseits jeglicher Sicherheit sein. Durch Sich selbst hat Er keine Stütze mehr, nur durch Gott, der sich verbirgt. Die absolute Hoffnung Jesu kann nur in der Annahme Seiner völligen Verzweiflung verstanden werden. Wo Hoffnungslosigkeit überfließt, war Hoffnung im Überfluss vorhanden.

Die Größe Jesus bestand im Ertragen und Überwinden dieser fürchterlichen Versuchung. Diese Versuchung führte Ihn zu einer totalen Hingabe zu Gott, einer bedingungslosen Solidarität mit Seinen Brüdern und Schwestern, die ebenfalls im Lauf der Geschichte hoffnungslos waren und gekreuzigt wurden, eine völlige Veräußerung Seiner selbst, ein absolutes Aus-sich-Heraustreten hin zu den Anderen. Der Tod ist nur auf diese Weise Tod und kann nur so komplett sein: die perfekte Hingabe zu Gott und zu den leidenden Söhnen und Töchtern Gottes, die Geringsten Seiner Brüder und Schwestern.

Die letzten Worte Jesu machen Seine Hingabe deutlich, weder als resigniert oder schicksalsergeben, sondern frei: “Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist” (Lk 23,46). „Es ist vollbracht“ (Joh 19,30).

Der Karfreitag setzt sich fort, doch er hat nicht das letzte Wort. Die Auferstehung als das Aufkommen des neuen Seins ist die große Antwort des Vaters und Sein Versprechen für uns alle.

Leonardo Boff
12.04.2017

Veröffentlicht unter Uncategorized | Verschlagwortet mit , , , | 1 Kommentar

Eine Ethik für Mutter Erde

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

Es ist eine wissenschaftlich anerkannte Tatsache, dass zu 95%iger Wahrscheinlichkeit der Klimawandel, der sich vor allem in der globalen Erwärmung ausdrückt, auf den Einfluss des Menschen zurückzuführen ist. D. h. die Herkunft dieser Veränderungen liegt in gewalttätigem menschlichen Verhalten gegenüber der Natur. Ein solches Verhalten befindet sich nicht in Harmonie mit den Zyklen und Rhythmen der Natur. Die Menschen passen sich nicht der Natur an, sondern zwingen diese, sich den Menschen und ihren Interessen anzupassen. Ihr Hauptinteresse, das nun seit zwei Jahrhunderten dominiert, dreht sich um die Anhäufung von Reichtum und Vorteile für den Lebensstandard einiger Weniger, beginnend bei der systematischen Ausbeutung von Gütern und Dienstleistungen und vieler Völker, vor allem der indigenen Völker.

Die Staaten, die diesen Prozess anführen, gaben den Grenzen des Erdsystems nicht die angemessene Bedeutung. Sie unterwerfen noch immer Natur und Erde einem wahren Krieg, obwohl sie wissen, dass sie besiegt sein werden.

Mutter Erde äußert sich auf den Druck, der auf ihre vorgegebenen Grenzen ausgeübt wird, durch extreme Ereignisse (verlängerte Trockenperioden einerseits und zerstörerische Überflutungen andererseits, unvorhergesehene Schneestürme hier und unerträgliche Hitzewellen dort).

Angesichts solcher Ereignisse wurde die Erde zu einem deutlichen Gegenstand menschlicher Sorge.

Die diversen Klima-Konferenzen, die von der UNO organisiert wurden, erreichten niemals eine Übereinstimmung. Lediglich die Konferenz von Paris 21 (30.11.-13.12.2015) erreichte erstmalig einen Minimal-Konsens, der von allen unternommen wurde: die globale Erwärmung auf 2 Grad Celsius zu beschränken.

Bedauerlicherweise ist dieses Abkommen nicht bindend. Jeder Staat kann sich ihm anschließen, aber es ist nicht von zwingender Natur, wie sich im Nordamerikanischen Kongress zeigte, der die ökologischen Maßnahmen des Präsidenten Barack Obama rückgängig machte. Nun bezichtigt Präsident Donald Trump diese als sinnlos und betrügerisch.

Es wird immer klarer, dass es eher um eine ethische denn um eine wissenschaftliche Frage geht. D. h. die Qualität unseres Verhältnisses zur Natur und zu unserem Gemeinsamen Haus war und ist nicht adäquat. Tatsächlich ist es zerstörerisch.

Ich zitiere Papst Franziskus aus seiner inspirierenden Enzyklika Laudato Si von 2015 zum Thema Achtsamkeit für das Gemeinsame Haus: „Niemals haben wir unser gemeinsames Haus so schlecht behandelt und verletzt wie in den letzten beiden Jahrhunderten. … Diese Situationen rufen das Stöhnen der Schwester Erde hervor, die sich dem Stöhnen der Verlassenen der Welt anschließt, mit einer Klage, die von uns einen Kurswechsel verlangt.“ (Nr. 53)

Wir brauchen dringend eine regenerative Ethik für die Erde, die ihre beschädigte Vitalität wiederherstellt, sodass sie uns weiterhin geben mag, was sie uns schon immer gab. Dabei muss es sich um eine Ethik der Achtsamkeit handeln, des Respekts für ihre Rhythmen und der gemeinsamen Verantwortung.

Doch eine Ethik für die Erde ist nicht ausreichend. Sie muss mit Spiritualität einhergehen.

Diese Spiritualität wurzelt in der Vernunft des Herzens und der Empfindsamkeit. Von dort kommt die Leidenschaft für Achtsamkeit und einer ernsthaften Hingabe zur Liebe, zur Übernahme von Verantwortung und zu Mitgefühl für unser Gemeinsames Haus, wie es am Ende der Enzyklika von Franziskus, dem Bischof Roms, ausgedrückt wird.

Der bekannte und allgemein bewunderte Antoine de Saint-Exupéry bekräftigt nachdrücklich in einem posthum veröffentlichten, 1943 geschriebenen Text „Brief an General X“: „Es gibt ein Problem und nur dies eine: zu entdecken, dass es ein Leben des Geistes gibt, das sogar über dem Leben der Intelligenz steht. Es ist das einzige, das den Menschen zufriedenstellen kann“ (Macondo Libri 2015, S. 31).

In einem anderen Text von 1936, als er Korrespondent des Paris Soir während des spanischen Bürgerkriegs war und der den Titel trägt „Es ist wichtig, dem Leben Bedeutung zu geben“, kommt Saint-Exupéry auf das Leben des Geistes zurück. Hier bekräftigt er: „Der Mensch verwirklicht sich nur in Gemeinschaft mit anderen Menschen, in Liebe und Freundschaft. Jedoch vereinen die Menschen sich nicht nur, indem sie einander nahe stehen, sondern durch ihren Zusammenschluss in derselben Gottheit. In einer Welt, die zur Wüste gemacht wurde, dürsten wir danach, Kum-panen zu finden, Kameraden, mit denen wir das Brot teilen können“ (Macondo Libri, S. 20).

Am Ende des Briefs an den General X schließt er mit den Worten: „Oh, wie sehr brauchen wir einen Gott!“ (a.a.O. S. 36).

In der Tat verleiht nur das Leben des Geistes dem Menschen die Fülle. Dies ist eine schöne Synthese von Spiritualität, die oft mit Religiosität identifiziert oder verwechselt wird. Das Leben des Geistes ist mehr. Es ist eine ursprüngliche und anthropologische Wirklichkeit wie die Intelligenz und die Willenskraft. Es ist etwas, das zu unserer essentiellsten Tiefe gehört

Wir wissen, wie wir uns um das Leben des Körpers zu kümmern haben. Dies ist inzwischen ein wahres Kulturphänomen, mithilfe so zahlreicher sportlicher Fitness-Center. Psychoanalytiker verschiedener Strömungen helfen uns, uns um das Leben der Seele zu kümmern, ein Leben relativen Gleichgewichts ohne Neurosen oder Depressionen zu führen.

Doch unsere kulturelle Praxis vergisst, das Leben des Geistes zu pflegen, d. h. unsere radikalste Dimension. Es ist der Ort, an dem die großen Lebensfragen, die waghalsigsten Träume verweilen und wo die größten Utopien entstehen. Das Leben des Geistes wird genährt durch Mitgefühl, Achtsamkeit und Offenheit für das Unendliche. Ohne das Leben des Geistes irren wir ziellos umher und ohne eine Richtung, die uns leitet und das Leben einladend und dankbar gestaltet.

Eine Ethik für die Erde ist nicht selbsterhaltend, nicht ohne den Zusatz der Seele, d. h. das Leben des Geistes. Es lässt uns fühlen, dass wir ein Teil von Mutter Erde sind, der wir Liebe und Achtsamkeit schulden.

Leonardo Boff
09.04.2017

Veröffentlicht unter Uncategorized | Verschlagwortet mit , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Die Bedrohung der Menschheit durch zerstörerische Kriege

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

 

In Brasilien haben wir es mit einer großen sozialen Gewalt zu tun und einer der höchsten Ermordungsraten der Welt. Wir haben keinen Frieden, da es so viel Wut, Hass, Diskriminierung und eine perverse soziale Ungleichheit gibt.

Dennoch befinden wir uns damit am Rand der großen kriegerischen Konflikte, die in 40 Teilen der Welt vor sich gehen. Einige von ihnen sind eine wahre Bedrohung für die Zukunft der Menschheit. Wir erleben einen Kalten Krieg zwischen den USA, China und Russland. Und ein neues Wettrüsten hat begonnen, sei es in Russland oder in den Vereinigten Staaten mit Trump, um noch stärkere nukleare Waffen zu produzieren, als könnten die bisherigen nicht schon alles Leben auf dem Planeten zerstören.

Am schlimmsten ist, dass die hegemoniale Gewalt USA sich in einen Terrorstaat verwandelt hat, der als eine Art Auslandspolizei einen erbarmungslosen Krieg gegen alle Arten des Terrorismus führt: er fällt in Länder des Mittleren Ostens ein und zu Hause jagt er Einwanderer ohne gültige Papiere, nimmt Verdächtige fest ohne deren Grundrechte zu respektieren als Konsequenz des „Patriot Act“ eingeführt von George Bush Jr., der es ermöglicht, die Habeas-Corpus-Garantie aufzuheben, was Barack Obama hatte abschaffen wollen, es aber doch nicht tat.

Franziskus, der Bischof von Rom, sagte auf seinem Rückweg aus Polen am 12. Juli 2016 im Flugzeug: „Dies ist ein Interessenkrieg, ein Krieg für Geld, für Bodenschätze, ein Krieg, um das Volk zu beherrschen: Das ist der Krieg. Man könnte denken, ich spräche über Religionskriege. Nein. Religionen wollen Frieden. Andere wollen Krieg. Verstanden?“ Dies ist eine direkte Kritik an der aktuellen Weltordnung grenzenloser Anhäufung von Reichtum, die Krieg gegen die Erde und Ausbeutung schwächerer Völker bedeutet. Alle sprechen von Freiheit, doch ohne weltweite soziale Gerechtigkeit. Ironischerweise könnte man sagen: Dies ist die Freiheit von freien Füchsen in einem Stall freier Hühner.

Kommentatoren der aktuellen Weltlage, die nicht in unserer Presse zitiert werden, sprechen von der realen Gefahr eines Atomkriegs zwischen Russland und den Vereinigten Staaten oder zwischen China und den Vereinigten Staaten.

Trump ist, dem französischen Intellektuellen Bernard-Henri Lévy zufolge (O Globo 3/5/2016): „eine Katastrophe für die Vereinigten Staaten und für die Welt. Und er ist auch eine Bedrohung.“ Dieselbe Zeitung sagt über Putin: „Er ist eine ausdrückliche Bedrohung. Wir wissen, dass Putin Europa destabilisieren und die Krisen der Demokratien verstärken will, und er unterstützt und finanziert alle politischen Parteien der extremen Rechten. Wir wissen auch, dass überall, wo es Kämpfe zwischen Barbarei und Zivilisation gibt, wie in Syrien und in der Ukraine, Putin auf der falschen Seite steht. Er ist eine wahre und große Bedrohung.“

Moniz Sodres wunderbarem Buch „World Disorder“ zufolge möchte Putin Rache nehmen für die Demütigung seines Landes durch den Westen und die Vereinigten Staaten am Ende des Kalten Krieges. Er nährt ganz klar expansionistische Vorwände, nicht im Sinne von Wiederherstellung der alten UdSSR, sondern der Wiederherstellung der Grenzen des historischen Russlands. Das Risiko einer atomaren Konfrontation mit dem Westen wird dabei nicht ausgeschlossen.

Wir verlieren die Warnungen der großen Persönlichkeiten des vergangenen Jahrhunderts aus dem Blick, wie die von Bertrand Russell und Albert Einstein vom 10. Juli 1955, denen sich einige Tage später, am 15. Juli 1955 achtzehn weitere Nobelpreisträger anschlossen, u. a. Otto Hahn und Werner Heisenberg, wo es heißt: „Wir sehen voll Schrecken, dass diese Art von nuklearer Wissenschaft der Menschheit die Instrumente für ihre eigene Zerstörung in die Hände legte.“ Dasselbe bekräftigten mehrere Nobelpreisträger in Rio92.

Damals hielt man die Lage für ernst, heute ist sie bereits dramatisch, da es neben atomaren Waffen nun auch chemische und biologische Waffen zur Dezimierung der menschlichen Spezies gibt.

Manche Analysten der Weltkonflikte vermuten, dass die nächste Stufe des Terrorismus sich nicht mehr mit Bomben und Selbstmordattentaten abgeben wird, sondern mit chemischen und biologischen Waffen, u. a. solchen, die Gaddafi hinterlassen hat.

An der Wurzel dieses gewalttätigen Systems liegt das westliche Paradigma des Willens zur Macht, d. h. eine Organisationsweise der Gesellschaft und des Verhältnisses zur Natur auf der Grundlage von Macht, Gewalt und Unterwerfung. Dieses Paradigma stellt Konkurrenz über Solidarität. Anstatt die Bürger zu Partnern zu machen, macht dieses Paradigma sie zu Rivalen.

Die Antwort auf dieses Paradigma der Faust ist die ausgestreckte Hand als ein Bündnis, um das Leben zu retten. Anstelle von Machtherrschaft sollte Achtsamkeit vorherrschen. Sie gehört zur Grundlage des menschlichen Wesens und jeden Lebewesens. Entweder gehen wir diesen Schritt oder wir werden zu Zeugen dramatischer Szenen, der Frucht der Irrationalität und der Arroganz der Staatsoberhäupter und ihrer Scharfmacher.

Leonardo Boff
07.03.2017

Veröffentlicht unter Uncategorized | Verschlagwortet mit , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Gibt es außerirdisches Leben?

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

Wissenschaftler der NASA haben einen Stern im Trappist-1 System entdeckt, 39 Lichtjahre von der Erde entfernt. Er besitzt sieben Gesteinsplaneten, von denen es bei dreien möglich wäre, dass es auch Wasser auf ihnen und folglich Leben gibt. Diese Entdeckung warf wieder die Frage nach der Möglichkeit der Existenz außerirdischen Lebens auf.

Wir wollen über dieses Thema nachdenken und stützen uns dabei auf berühmte Kenner dieses Gebiets.

Durch die Erdwissenschaften und das Wissen, das wir der neuen Kosmologie verdanken, sind wir es gewohnt, all diese Fragen in den Rahmen der großen kosmischen Evolution zu stellen. Alles befindet sich in einem Entstehungsprozess, der die Voraussetzung für das Aufkommen von Leben ist.

Leben wird als die komplexeste und mysteriöseste Realität des Universums erachtet. Fakt ist, dass sich in einem Ozean oder einem urzeitlichen Sumpfland, unter dem Einfluss unvorstellbarer Stürme von Strahlen und kosmischen Elementen der Sonne, interagierend mit der Geochemie der Erde, bis zu einem Zeitpunkt vor ca. 3,8 Milliarden Jahren die extreme Komplexität unbelebter Formen entwickelte. Dann wurde plötzlich eine Grenze überschritten: ca. 20 Aminosäuren und vier Phosphatbasen entstanden. Wie ein großer Blitzschlag auf dem Meer oder Sumpf entstand das erste Lebewesen.

Wie ein Quantensprung in unserer gekrümmten Raumzeit, in einem Winkel unserer durchschnittlichen Galaxie, in einer sekundären Sonne, auf einem unbedeutenden Planeten von durchschnittlicher Größe, der Erde, entstand das große Novum: das Leben. Die Erde ging durch 15 gewaltige Phasen der Vernichtung, doch als wäre es selbst eine Plage, ließ das Leben sich nie erlöschen.

Wir wollen kurz Rückschau auf die innere Logik halten, die es dazu kommen ließ, dass das Leben entstand. Die Materie und Energie des Universums neigen dazu, in dem Maß, wie sie sich weiter ausbreiten, immer komplexer zu werden. Jedes System befindet sich in einer Reihe von Wechselwirkungen, einem Tanz wechselseitigen Austauschs von Materie und Energie in einem ständigen Dialog mit ihrer Umgebung und stetem Speichern von Informationen.

Biologen und Biochemiker wie Ilya Prigogine (Chemienobelpreis 1977) bekräftigen, dass es eine Verbindung zwischen lebenden und unbeweglichen Wesen gibt. Um das Entstehen des Lebens zu erklären, brauchen wir nicht auf transzendente oder externe Prinzipien zurückzugreifen, so wie Religionen und die klassische Kosmologie es oft handhaben. Es reicht, dass das universelle Prinzip, einschließlich das des Lebens (genannt kosmogenetisches Prinzip) der Komplexität, der Selbstorganisation und Selbstschaffung in der embrionalen Form gegenwärtig war, in diesem winzig kleinsten Punkt, der aus der Grundenergie auftauchte und später explodierte. Einer der besten heutigen Physiker, Amit Goswami, hält an der These fest, dass das Universum mathematisch inkonsistent ist, gäbe es kein höheres, ordnendes Prinzip, keinen Gott. Darum besitzt das Universum seiner Meinung nach ein Selbst-Bewusstsein (The self aware universe, 1998).

Die Erde hat keinen alleinigen Anspruch hat das Privileg des Lebens. Laut Christian de Duve (Biologie-Nobelpreis 1974) gibt es „so viele lebende Planeten im Universum wie Planeten in der Lage sind, Leben zu generieren und zu erhalten. Eine konservative Schätzung geht von einer Anzahl in Höhe einer Milliarde aus. Milliarden von Biosphären füllen das Weltall mit Milliarden von Planeten, die Materie und Energie in den schöpferischen Evolutionsprozess leiten. In welche Richtung wir auch blicken, überall im All ist Leben (…). Das Universum ist kein regloser Kosmos der Physik mit einer vorsorglichen Prise Leben. Das Universum ist Leben, das von den dafür notwendigen Strukturen umgeben ist“ (Vital Dust: Life as a Cosmic Imperative, 1996, S. 383).

Der Astronomie ist zu verdanken, dass sie in einem Millimeter-Bündel eine Gruppe von Molekülen identifizierte, in denen sich alles finden lässt, das notwendig ist, um den Prozess der biologischen Synthese zu starten (Longair, M., „The origins of our universe“, Rio de Janeiro, 1994, 65-66). In Meteoriten wurden Aminosäuren gefunden. Diese sind gewiss die Träger der Ur-Bakterie des Lebens. Vermutlich gab es mehrere Lebens-Beginne, von denen viele scheiterten, bis das Leben sich endgültig etablieren konnte.

Man nimmt an, dass die unterschiedlichsten Lebensformen auf nur eine einzige ursprüngliche Bakterie zurückzuführen sind (O. E. Wilson, The diversity of life, 1994). Mit den Säugetieren kam es zu einer neuen Eigenschaft des Lebens: emotionale Vernunft und Achtsamkeit. Unter den Säugetieren stachen vor ca. 70 Millionen Jahren die Primaten heraus; dann, vor ca. 35 Millionen Jahren, waren es die höheren Primaten, unsere genealogischen Großeltern, und vor ca. 17 Millionen Jahren unsere Vorgänger, die Hominiden. Vor 8-10 Millionen Jahren tauchte der Mensch, der Australopithecus, in Afrika auf. Schließlich erschien vor ungefähr 100.000 Jahren der Homo sapiens-sapiens/demens-demens, dessen direkte Nachfahren wir sind (Hubert Reeves u. a. „The most beautiful story in the world“, 1998).

Das Leben ist kein Zufallsprodukt (im Gegensatz zu Jacques Monod in „Zufall und Notwendigkeit“, 1979). Biochemiker und Molekularbiologen haben mithilfe von zufallsgenerierenden Computerprogrammen die mathematische Unmöglichkeit von Zufall gezeigt. Es bräuchte Milliarden von Milliarden von Jahren, damit die Aminosäuren und die zweitausend zugrunde liegenden Enzyme einander nahe genug kommen könnten, um eine lebendige Zellen zu bilden, also viel länger als 13,7 Milliarden Jahre, dem aktuellen Alter unseres Universums.

Der so-genannte Zufall ist ein Ausdruck unserer Unwissenheit. Wir vermuten, dass die voranschreitende Evolution mehr und mehr Leben produzieren wird, auch außerirdisches.

Leonardo Boff
03.03.2017

Veröffentlicht unter Uncategorized | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen