Was könnte nach dem Coronavirus kommen?

Viele sehen es jetzt klar: Nach dem Coronavirus wird es nicht mehr möglich sein, den Kapitalismus als Produktionsweise und den Neoliberalismus als politischen Ausdruck fortzusetzen. Der Kapitalismus dient nur den Reichen, für alle anderen ist er Fegefeuer oder Hölle, und für die Natur ist der Kapitalismus ein endloser Krieg.

Was uns jetzt rettet, ist nicht der Wettbewerb – der Hauptmotor des Kapitalismus – sondern die Zusammenarbeit. Nicht Individualismus – der kulturelle Ausdruck des Kapitalismus –, sondern die gegenseitige Abhängigkeit von allen und allem.

Aber wir kommen zum zentralen Punkt: Wir haben entdeckt, dass das Leben der höchste Wert ist, nicht die Anhäufung materieller Güter. Der Militärapparat, der in der Lage ist, das ganze Leben auf der Erde mehrmals zu zerstören, hat sich als lächerlich erwiesen, wenn er mit einem mikroskopisch kleinen unsichtbaren Feind konfrontiert wird, der die gesamte Menschheit bedroht. Könnte dies der nächste große (NBO) sein, den die Biologen fürchten, „das nächste große Virus“, das die Zukunft des Lebens zerstören wird? Das glauben wir nicht. Wir hoffen, dass die Erde weiterhin Mitgefühl für uns hat und dass sie uns nur eine Art Ultimatum stellt.

Das bedrohliche Virus kommt von der Natur, sodass soziale Isolation uns die Möglichkeit bietet, zu hinterfragen: wie war unsere Beziehung zur Natur und ganz allgemein zur Erde als Gemeinsames Zuhause, und wie sollte sie sein. Medizin und Technologie sind zwar sehr notwendig, aber nicht ausreichend. Ihre Funktion ist es, das Virus anzugreifen – es auszurotten. Aber wenn wir weiterhin die lebendige Erde angreifen, „unser Zuhause mit einer einzigartigen Gemeinschaft des Lebens“, wie es in der Präambel der Erdcharta heißt, wird sie zum Gegenangriff übergehen mit noch tödlicheren Pandemien, bis hin zu unserer Ausrottung.

Tatsächlich erkennt die Mehrheit der Menschheit und die Staatsoberhäupter nicht, dass wir uns bereits im sechsten Massenaussterben befinden. Bis jetzt fühlten wir uns weder als Teil der Natur noch als ihr bewusster Teil. Unsere Beziehung ist nicht wie die Beziehung, die man zu einem Lebewesen, Gaia, hat, das einen Wert an sich besitzt und respektiert werden muss, sondern nur eine der Nutzung, für unseren Komfort und unser Wohlbefinden. Wir beuten die Erde so heftig aus, dass 60 % des Landes erodiert sind sowie der gleiche Prozentsatz des tropischen Dschungels. Wir verursachen eine unglaubliche Vernichtung von Arten: zwischen 70-100.000 Arten sterben pro Jahr aus. Dies ist die gegenwärtige Realität des Anthropozäns und des Nekrozäns. Wenn wir so weitermachen, werden wir mit unserem eigenen Aussterben konfrontiert werden.

Wir haben keine andere Wahl, als, wie es in der päpstlichen Enzyklika „Über die Sorge des Gemeinsamen Hauses“ heißt, eine „radikale ökologische Umkehr“ zu vollziehen. In diesem Sinne ist das Coronavirus keine Krise wie andere Krisen, sondern die freundliche und fürsorgliche Forderung unserer Beziehung zur Natur. Wie können wir sie in einer Welt umsetzen, die sich der Ausbeutung aller Ökosysteme verschrieben hat? Es gibt noch keine ausgereiften Projekte. Weltweit sind Menschen am Forschen. Das Schlimmste, was uns passieren könnte, wäre, nach der Pandemie zu dem zurückzukehren, wie es vor der Pandemie war: Fabriken, die mit voller Geschwindigkeit produzieren, mit höchstens minimaler ökologischer Verantwortung. Wir wissen, dass sich die großen Konzerne miteinander abstimmen, um die verlorene Zeit und Gewinne auszugleichen.

Doch wir müssen erkennen, dass diese Umkehr nicht schnell, sondern nur schrittweise erfolgen kann. Als Emmanuel Macron, Präsident von Frankreich, sagte, „die Lehre aus der Pandemie war, dass es Waren und Dienstleistungen gibt, die nicht von den Kräften des Marktes abhängen dürfen“, provozierte er einen Ansturm Dutzender großer ökologischer Organisationen wie Oxfam, Attac u. a., die forderten, dass die 750.000 Millionen Euro, die die Europäische Zentralbank zum Ausgleich der Unternehmensverluste vorgesehen hatte, stattdessen für die soziale und ökologische Umstellung des Produktionsapparates in Richtung einer besseren Pflege der Natur bestimmt werden sollten sowie für mehr Gerechtigkeit und soziale Gleichheit. Logischerweise wird dies nur durch die Ausweitung der Debatte erreicht werden, indem alle Arten von Gruppen einbezogen werden, von der Beteiligung der Bevölkerung bis hin zu wissenschaftlichen Erkenntnissen, bis eine Überzeugung und kollektive Verantwortlichkeit entsteht.

Eines muss uns völlig bewusst sein: Wenn die globale Erwärmung zunimmt und die Weltbevölkerung zunehmend natürliche Lebensräume verwüstet und dies die Menschen den Tieren näherbringt, werden sie mehr Viren übertragen, gegen die wir Menschen nicht immun sein werden und für die wir zu neuen Wirten werden. So werden verheerende Pandemien entstehen.

Der wesentliche Punkt, der nicht ignoriert werden kann, ist die neue Sichtweise der Erde, nicht länger als ein Geschäftsplatz, dessen Meister (Dominus) wir darstellen, außerhalb der Erde und ihr übergeordnet, sondern als ein lebendiges Superwesen, ein selbstregulierendes und selbst schaffendes System, dessen bewusster und verantwortungsvoller Teil wir sind, zusammen mit den anderen Wesen als Brüder und Schwestern. Der Übergang vom Dominus (Besitzer) zu Bruder und Schwester erfordert eine neue Denkweise und ein neues Herz, das in der Lage ist, die Erde mit neuen Augen zu sehen und in unseren Herzen zu spüren, dass wir zu ihr und zu dem Großen Ganzen gehören. Dazu kommt das Gefühl der Inter-Retro-Beziehung aller mit allen und eine kollektive Verantwortung für die gemeinsame Zukunft. Nur so werden wir, wie die Erdcharta prognostiziert, „eine nachhaltige Lebensweise“ und eine Garantie für die Zukunft des Lebens und der Mutter Erde erreichen.

Die gegenwärtige Phase des sozialen Abstandhaltens kann eine Art reflexiver und humanistischer Rückzug sein, um über solche Dinge und unsere Verantwortung ihnen gegenüber nachzudenken. Es drängt, und die Zeit läuft. Wir dürfen nicht zu spät dort ankommen.

Leonardo Boff
Ökologe – Theologe – Philosoph
Erdcharta-Kommission

28.04.2020

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Das Coronavirus erweckt den Menschen in uns

Leonardo Boff
Ökologe – Theologe – Philosoph
Erdcharta – Kommission

Die Coronavirus-Pandemie zwingt uns alle zum Nachdenken: Was zählt wirklich: Leben oder materielle Güter? Der Individualismus eines jeden für sich allein, ohne sich um den anderen zu kümmern, oder die Solidarität des einen mit dem anderen? Können wir die natürlichen Güter und Dienstleistungen gedankenlos weiter nutzen, um bequemer zu leben, oder können wir uns um die Natur, die Vitalität von Mutter Erde und um das Gute Leben kümmern, nämlich die Harmonie zwischen und mit allen Wesen der Natur? Hat es sich jemals für die kriegsliebenden Länder gelohnt, immer mehr Massenvernichtungswaffen anhäufen, jetzt, da sie vor einem unsichtbaren Virus in die Knie gezwungen werden, das die Ineffizienz all dieses tödlichen Apparats offenbart? Können wir unseren konsumbetonten Lebensstil fortsetzen und grenzenlosen Reichtum in den Händen Weniger auf Kosten von Millionen armer und elender Menschen anhäufen? Ist es immer noch sinnvoll, dass jedes Land seine Souveränität gegenüber anderen Ländern bekräftigt, während wir eine globale Regierung brauchen, um globale Probleme zu lösen? Warum haben wir immer noch nicht das einzigartige Gemeinsame Haus, Mutter Erde, und unsere Pflicht entdeckt, uns um sie zu kümmern, damit wir alle, die Natur eingeschlossen, darin Platz finden?

Das sind Fragen, denen wir nicht ausweichen können. Niemand hat die Antworten. Ein Sprichwort, das Einstein zugeschrieben wird, ist jedoch wahr: „Die Weltsicht, die die Krise verursacht hat, kann nicht die gleiche sein wie die, die uns aus der Krise führt“. Wir müssen uns drastisch ändern. Das Schlimmste wäre, wenn alles würde wie zuvor, mit der gleichen konsumbetonten und spekulativen Logik, möglicherweise mit noch größerer Heftigkeit. Dann, vielleicht, weil wir nichts gelernt haben, würde uns die Erde ein weiteres Virus schicken, das möglicherweise dem katastrophalen menschlichen Projekt ein Ende setzen könnte.

Doch wir können den Krieg, den das Coronavirus weltweit hervorruft, aus einem anderen, positiven Blickwinkel betrachten. Das Virus zwingt uns, unsere tiefste und authentischste menschliche Natur zu entdecken. Unsere Natur ist zweideutig, gut und schlecht. Schauen wir uns die gute Seite an.

In erster Linie sind wir Wesen, die in Beziehungen miteinander stehen. Wir sind, wie ich schon mehrfach erwähnt habe, ein Knoten totaler Beziehungen in alle Richtungen. Folglich ist niemand eine Insel. Wir neigen dazu, Brücken in alle Richtungen zu bauen.

Zweitens, was daraus folgert, sind wir alle aufeinander angewiesen. Der afrikanische Ausdruck „Ubuntu“ drückt es gut aus: „Ich bin ich selbst durch dich“. Folglich ist jeder Individualismus, die Seele der kapitalistischen Kultur, falsch und menschenfeindlich. Das Coronavirus ist ein Beweis dafür. Die Gesundheit des einen hängt von der Gesundheit des anderen ab. Diese gegenseitige Abhängigkeit, bewusst übernommen, wird Solidarität genannt. In einer anderen Zeit ermöglichte uns die Solidarität, die anthropoide Welt zu verlassen, und half uns, menschlich zu werden, zusammenzuleben und einander zu helfen. In diesen Wochen haben wir bewegende Gesten wahrer Solidarität gesehen, bei der nicht nur Überflüssiges gespendet wird, sondern das geteilt wird, was man besitzt.

Drittens sind wir im Grunde genommen fürsorgliche Wesen. Ohne Fürsorge, vom Augenblick unserer Zeugung an durch das ganze Leben hindurch, könnte niemand leben. Wir müssen für alles sorgen: für uns selbst, sonst könnten wir krank werden und sterben; wir müssen uns um die anderen kümmern, um die, die mich retten könnten, oder ich könnte sie retten; ich muss mich um die Natur kümmern, sonst wird sie mit einem schrecklichen Virus, verheerenden Dürren und Überschwemmungen, extremen Wetterereignissen über uns kommen; uns um Mutter Erde kümmern, damit sie uns weiterhin alles gibt, was wir zum Leben brauchen, und damit sie uns immer noch auf ihrem Boden haben will, auch wenn wir sie seit Jahrhunderten erbarmungslos verwundet haben. Gerade jetzt, unter dem Angriff des Coronavirus, müssen wir alle für die Schwächsten sorgen, zu Hause bleiben, soziale Distanz wahren und uns um die sanitäre Infrastruktur kümmern, ohne die wir eine humanitäre Katastrophe biblischen Ausmaßes erleben würden.

Viertens stellen wir fest, dass wir alle mitverantwortlich sein müssen, das heißt, uns der positiven oder böswilligen Folgen unserer Handlungen bewusst zu sein. Leben und Tod liegen in unseren Händen, Menschenleben, soziales, ökonomisches und kulturelles Leben. Es reicht nicht, dass der Staat oder ein paar Leute Verantwortung zeigen. Es muss die Verantwortung aller sein, denn wir sind alle betroffen, und jeder von uns kann den anderen schaden. Wir alle müssen die Ausgangssperre akzeptieren.

Letztendlich sind wir spirituelle Wesen. Wir entdecken die Kraft der spirituellen Welt, die uns in der Tiefe ausmacht, wo große Träume geschaffen werden, wo die ultimativen Fragen über den Sinn unseres Lebens entstehen und wo wir das Gefühl haben, dass es eine liebevolle und machtvolle Energie gibt, die alles durchdringt; eine Energie, die den Sternenhimmel und unser eigenes Leben aufrechterhält, worüber wir nicht die volle Kontrolle haben. Wir können uns dieser Energie öffnen, sie wie in einer Wette willkommen heißen, darauf vertrauen, dass diese Energie uns in ihrer Hand Geborgenheit verleiht und trotz aller Widersprüche ein gutes Ende für das ganze Universum garantiert, für unsere Geschichte, die sowohl weise als auch verrückt ist, und für jeden von uns. Wenn wir diese spirituelle Welt kultivieren, fühlen wir uns stärker, fürsorglicher, liebevoller und schließlich auch menschlicher.

Mit diesen Werten besitzen wir die Fähigkeit zu träumen und eine andere Art von Welt zu schaffen: eine Welt, die sich um das Leben dreht, in der die Wirtschaft, geleitet durch eine andere Raison, eine weltweit integrierte Gesellschaft unterstützt, die mehr durch affektive Bündnisse gestärkt wird als durch rechtliche Verträge. Es wird die Gesellschaft der Fürsorge, der Sanftmut und der Lebensfreude sein.

Leonardo Boff
19.04.2020

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Coronavirus: Gaias Reaktion und Rache?

Alles hängt mit allem zusammen: Das ist jetzt ein Datenpunkt im kollektiven Bewusstsein derjenigen, die eine integrale Ökologie entwickeln, wie z. B. Brian Swimme, viele andere Wissenschaftler sowie Papst Franziskus, in seiner Enzyklika „Über die Sorge des gemeinsamen Hauses“. Alle Wesen des Universums und der Erde, einschließlich uns, der Menschen, sind Teil des komplizierten Netzes von Beziehungen, die in alle Richtungen gesponnen werden, sodass außerhalb dieser Beziehungen nichts existiert. Das ist auch die Grundthese der Quantenphysik von Werner Heisenberg und Niels Bohr.

Es war den ursprünglichen Völkern bekannt, wie es 1856 durch die weisen Worte des Duwamish Großvaters Seattle zum Ausdruck kam: „Eines sind wir sicher: Die Erde gehört nicht dem Menschen. Der Mensch gehört zur Erde. Alles ist miteinander verbunden wie das Blut, das eine Familie vereint; alles ist mit allem verbunden. Was die Erde verwundet, verwundet auch die Söhne und Töchter der Erde. Es war nicht der Mensch, der das Netz des Lebens strickte: Der Mensch ist nur ein Knoten im Netz des Lebens. Alles, was der Mensch gegen dieses Netz tut, wird auch dem Menschen selbst angetan.“ Das heißt, es gibt eine intime Verbindung zwischen der Erde und dem Menschen. Wenn wir der Erde wehtun, verletzen wir uns auch selbst und umgekehrt.

Das ist die gleiche Wahrnehmung, die die Astronauten von ihrer Raumsonde und dem Mond genossen: Die Erde und die Menschheit sind eine einzige und einzigartige Einheit. Isaac Asimov drückte es 1982 gut aus, als er auf Anfrage der New York Times die 25 Jahre des Weltraumzeitalters zusammenfasste: „Sein Vermächtnis ist die Bestätigung, dass die Erde und die Menschheit aus der Perspektive der Raumsonde eine einzige Einheit bilden (New York Times, 9. Oktober 1982)“. Wir sind die Erde. Der Mensch, „homo“, kommt vom Humus, der fruchtbaren Erde. Der biblische Adam bedeutet Sohn und Tochter der fruchtbaren Erde. Nach dieser Bestätigung ging uns nie wieder das Bewusstsein dafür verloren, dass das Schicksal der Erde und der Menschheit untrennbar vereint ist.

Leider sehen wir das, was Papst Franziskus in seiner ökologischen Enzyklika beklagt, bestätigt: „Wir haben unser gemeinsames Haus noch nie so sehr misshandelt und verwundet wie in den letzten zwei Jahrhunderten“ (Nr. 53). Die Gier der Anhäufung von Reichtum ist so verheerend, dass einige Wissenschaftler sagen, wir hätten eine neue geologische Ära eingeleitet: das Anthropozän. Es ist nämlich der Mensch selbst, der das Leben bedroht und das sechste massive Aussterben beschleunigt, das wir bereits erleben. Die Aggression ist so heftig, dass jedes Jahr mehr als tausend Spezies von Lebewesen verschwinden und damit etwas Schlimmerem weichen als das Anthropozän, dem Nekrozän: der Ära der Massenproduktion des Todes. Da die Erde und die Menschheit miteinander verbunden sind, entsteht das Massensterben nicht nur in der Natur, sondern auch in der Menschheit selbst. Millionen von Menschen sterben an Hunger, Durst, Kriegsopfern oder sozialer Gewalt überall auf der Welt. Und wir sind unbekümmert und unternehmen nichts dagegen.

James Lovelock, der die Theorie der Erde als selbstregulierenden superlebenden Organismus, Gaia, präsentierte, schrieb ein Buch mit dem Titel „Gaias Rache“ (La venganza de Gaia, Planeta 2006). Er schlussfolgerte, dass die aktuellen Krankheiten wie Dengue, Chikungunya, das Zica-Virus, SARS, Ebola, Masern, das aktuelle Coronavirus und das allgemeine Verkümmern der menschlichen Beziehungen, die durch eine tiefe soziale Ungleichheit/Ungerechtigkeit und das Fehlen einer minimalen Solidarität gekennzeichnet sind, die Reaktion von Gaia auf die Vergehen sind, die wir ihr ständig zufügen. Ich würde nicht sagen, wie Lovelock es tut, dass es alles „die Rache von Gaia“ ist, denn sie als die große Mutter, die sie ist, rächt sich nicht, sondern gibt uns starke Signale, dass sie krank ist (Taifune, Schmelzen des Polareises, Dürren und Überschwemmungen usw.); und am Ende, weil wir die Lektion nicht lernen, ergreift sie Repressalien, wie die oben genannten Krankheiten.

Ich erinnere mich an das Buch/Testament von Theodore Monod, dem vielleicht einzigen großen zeitgenössischen Naturforscher: „Und wenn das menschliche Abenteuer scheitern sollte“ (Y si la aventura humana fallase, Paris, Grasset 2000): „Wir sind fähig zu sinnlosem und dementem Verhalten. Von nun an könnte alles passieren, wirklich alles, einschließlich der Vernichtung der menschlichen Rasse; das könnte der gerechte Preis für unseren Wahnsinn und unsere Grausamkeit sein» (S.246).
Das bedeutet nicht, dass alle Regierungen der Welt resignieren und aufhören werden, gegen das Coronavirus zu kämpfen und die Menschen zu schützen, oder dringend nach einem Impfstoff zu suchen, um es zu bekämpfen, trotz seiner ständigen Mutationen. Neben einer wirtschaftlichen und finanziellen Katastrophe könnte dies eine menschliche Tragödie mit einer unkalkulierbaren Zahl von Opfern bedeuten. Aber die Erde wird mit diesen kleinen Entschädigungen nicht zufrieden sein. Sie plädiert für eine andere Haltung ihr gegenüber: eine, die ihre Rhythmen und Grenzen respektiert, die sich um ihre Nachhaltigkeit kümmert, und von uns ist gefordert, dass wir uns mehr wie die Söhne und Töchter von Mutter Erde fühlen, der Erde selbst, die fühlt, denkt, liebt, verehrt und sich kümmert. So wie wir uns um uns selbst kümmern, müssen wir uns um sie kümmern. Die Erde braucht uns nicht. Wir brauchen die Erde. Vielleicht will sie uns nicht mehr sehen und möchte lieber weiter um die Sonne kreisen, aber ohne uns, weil wir öko- und geofeindlich waren.
Da wir intelligente Wesen und Liebhaber des Lebens sind, können wir den Lauf unseres Schicksals ändern. Möge uns der Schöpfergeist in diesem Sinne stärken


Leonardo Boff
Ökologe -Theologe -Philosoph
Erdcharta Kommission
01.04.2020

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Wäre Sokrates heute noch am Leben, würde er aus Traurigkeit sterben

Leonardo Boff
Ökologe – Theologe – Philosoph
Erdcharta-Kommission

Wir leben in Zeiten des „Post“: Post-Moderne, Post-Kapitalismus, Post-Neoliberalismus, Post-Kommunismus, Post-Sozialismus, Post-Demokratie, Post-Religiosität, Post-Christentum, Post-Humanismus und, seit kurzem, Post-Wahrheit. Praktisch alles hat seine „Post“. Diese Tatsache zeigt nur, dass wir den Begriff, der unsere Zeit definiert, noch nicht gefunden haben, und wir sind Gefangene des Alten. Hier und da gibt es jedoch Anzeichen dafür, dass ein passender Name kommen wird. Mit anderen Worten, wir wissen noch nicht, wie wir unsere Zeit definieren sollen.

Das begann mit dem Ausdruck Post-Wahrheit. Er wurde 1992 von dem serbo-nordamerikanischen Dramatiker Steve Tesich in einem Artikel von The Nation geprägt und von ihm nochmals verwendet, als er ironisch über den Skandal des Golfkrieges schrieb. Präsident Bush Jr., versammelte sich mit seinem ganzen Kabinett und entschuldigte sich für ein paar Minuten. Als christlicher Fundamentalist fragte Bush Jr. den Herrn im Himmel. Präsident Bush Jr. sagt: „Auf meinen Knien bat ich den Herrn, die Entscheidung, die ich treffen sollte, zu beleuchten; Mir wurde klar, dass wir gegen Saddam Hussein in den Krieg ziehen mussten.“ Die besten Spione bestätigten, dass es keine Massenvernichtungswaffen gab. Es war eine Post-Wahrheit. Aber dank des „Herrn“ und entgegen aller Geheimdienste bekräftigte Bush Jr.: „Wir ziehen in den Krieg“. Und diese Barbaren gingen und zerstörten eine der ältesten großen Zivilisationen der Welt.

Das Oxford Wörterbuch 2016 wählte es zum Wort des Jahres und definierte es wie folgt: „Was sich auf den Umstand bezieht, in dem objektive Fakten weniger Einfluss auf die öffentliche Meinung haben als persönliche Emotionen und Überzeugungen“. Die Wahrheit ist nicht wichtig, nur meine Wahrheit zählt. Der britische Journalist Matthew D’Ancona widmete dem Begriff „Post-Wahrheit: der neue Krieg gegen Fakten in Zeiten von Fake News“ ein ganzes Buch (Faro Editorial 2018). In diesem Buch zeigt er, wie persönlicher Glaube und Überzeugung über die kalten Tatsachen der Realität vorherrschen.

Es ist schmerzlich zu bekräftigen, dass die ganze philosophische Tradition des Westens und des Ostens, die eine erschöpfende Anstrengung auf der Suche nach der Wahrheit der Dinge implizierte, jetzt von einer beispiellosen historischen Bewegung entkräftet wird, welche bestätigt, dass die Wahrheit der Realität und die Stärke der Tatsachen gewissermaßen irrelevant ist. Worauf es ankommt, sind meine Glaubensvorstellungen und Überzeugungen: Nur diejenigen Tatsachen und Versionen, ob wahr oder falsch, die zu meinen Überzeugungen und Überzeugungen passen, werden berücksichtigt. Für mich sind sie die Wahrheit. Das hat in den Präsidentschaftswahlkämpfen von Donald Trump und Jair Bolsonaro sehr gut funktioniert.

Wenn Sokrates, der unaufhörlich mit seinen Gesprächspartnern über die Wahrheit von Gerechtigkeit, Schönheit und Liebe sprach, die Vorherrschaft der Post-Wahrheit erleben würde, würde er gewiss nicht den Giftbecher sicher nicht trinken. Er würde an Traurigkeit sterben.

Post-Wahrheit offenbart die Tiefe der Krise unserer Zivilisation. Sie steht für die Feigheit des Geistes, der sich weigert zu sehen und zu leben mit dem, was ist. Sie muss deformiert und nach dem subjektiven Geschmack der Menschen und Gruppen geformt werden, und zwar meistens politisch.

Hier finden wir die Worte des spanischen Dichters Antonio Machado, der vor der Verfolgung des faschistischen Diktators Francisco Franco floh: „Deine Wahrheit? Nein, Die Wahrheit. Und komm mit mir, um danach zu suchen. Deine Wahrheit? Behalte sie für dich selbst“. Beschämenderweise ist es jetzt nicht mehr notwendig, gemeinsam nach der Wahrheit zu suchen. Von der kapitalistischen Kultur als Individualisten bezeichnet, nimmt jeder als Wahrheit das, was ihm selbst dient. Einige wenige stellen sich der „wahren“ Wahrheit und lassen sich daran messen. Aber die Realität widersteht und überwindet und erteilt uns harte Lektionen.

Wie Ilya Prigogine, Nobelpreisträger für Thermodynamik, in seinem Buch „The end of certitudes“ (1996) gut beobachtete: Wir leben in Zeiten von Möglichkeiten mehr als Gewissheiten, was die Suche nach der Wahrheit der Naturgesetze nicht behindert. Zygmunt Bauman würde es vorziehen, „von den flüssigen Realitäten“ als Charakteristikum für unsere Zeit zu sprechen. Er würde das mit Ironie sagen, denn so wurde die Wahrheit der Dinge (die Wahrheit des Lebens, der Liebe usw.) geopfert. Es wäre das Reich des „alles geht“, des „alles ist würdig“. Aber wir wissen, dass nicht alles würdig ist, wie ein Kind zu vergewaltigen.

Post-Wahrheit ist nicht dasselbe wie Fake News: Das sind Lügen und Verleumdungen gegen Personen oder politische Parteien, die mit digitalen Mitteln an Millionen von Menschen verbreitet werden. Sie spielten eine entscheidende Rolle beim Sieg von Bolsonaro und auch beim Triumph Trumps. Hier herrschen Schamlosigkeit, Charakterlosigkeit und völliger Mangel an Engagement für Fakten. In der Post-Wahrheit überwiegt die Auswahl dessen, was zu meiner Sicht der Dinge passt, ob wahr oder falsch. Sein Mangel ist sein unkritisches Fehlen von Unterscheidungskraft, um nach dem zu streben, was wirklich wahr oder falsch ist.

Ich glaube nicht, dass wir uns in einer Ära der „Post-Wahrheit“ befinden. Das Perverse hat keine Möglichkeit, sich selbst zu erhalten, um eine Geschichte zu schaffen. Die Wahrheit – deren Licht nie erlischt – hat immer das letzte Wort.

Leonardo Boff
19.02.2020

 

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„Dos Papas“: zwei Arten von Menschen, zwei Modelle von Kirche

Leonardo Boff
Ökologe -Theologe -Philosoph
Erdcharta Kommission

 

Ich habe gerade den Film „Dos Papas“ von Fernando Meirelles, dem genialen brasilianischen Filmemacher, gesehen. Meiner Meinung nach ist der Film technisch und ästhetisch gut gemacht, so wie er die grandiosen Räume des Vatikans und seine Gärten zeigt. Der Film basiert auf historischen Ereignissen, mit der logischen Kreativität, die diese Kunstform ermöglicht, insbesondere bei der Konstruktion der Dialoge, die ihre jeweiligen Theologien und ihre bekannten Positionen widerspiegeln. Was ich hier sage, ist meine ganz persönliche Meinung. Ich hatte das Privileg, beide Päpste persönlich zu kennen, mit denen ich enge Beziehungen und Freundschaften pflegte und unterhalte.

Papst Ratzinger: rigoros und raffiniert

Ich bin Professor Joseph Ratzinger dankbar, dass er meine Doktorarbeit über „Die Kirche als Grundsakrament in der säkularisierten Welt“ positiv bewertet hat. Sie war umfangreich mit mehr als 500 gedruckten Seiten. Professor Ratzinger hat mich mit einer beachtlichen Summe finanziell unterstützt und einen Redakteur gefunden, der sie veröffentlichte, als niemand riskieren wollte, ein Buch von solchen Dimensionen zu verlegen. Seine Aufnahme in der internationalen theologischen Gemeinschaft war ausgezeichnet. Es gilt als ein grundlegendes Werk, vor allem für den französischen Dominikaner Jean Yves Congar, einem bekannten Spezialisten des Themas Kirche.

Professor Ratzinger ist eine sehr kultivierte und äußerst intelligente Person. Ich habe ihn noch nie seine Stimme erheben hören. Er ist sehr schüchtern und zurückhaltend.

Als ich erfuhr, er sei zum Papst gewählt worden, dachte ich sofort: „Er ist ein Papst, der viel leiden wird, weil er vielleicht nie das Volk umarmt hat, am allerwenigsten eine Frau, noch ist er jemals einer Vielzahl ausgesetzt gewesen.“

Unsere Freundschaft wurde durch die Tatsache gestärkt, dass sich fünf Jahre lang, beginnend in der Osterwoche 1974 (was oft um den Mai herum stattfindet) ca. 25 bekannte progressive Männer und Frauen aus der ganzen Welt in der Stadt Nijegen in den Niederlanden versammelten und in anderen europäischen Städten.  Eine Woche lang führten wir in einer kleinen Gruppe von Wissenschaftlern, ebenfalls mit Paulo Freire, ökumenische Diskussionen über Themen, die für die Welt und die Kirche relevant sind.  Wir veröffentlichten die Zeitschrift Concilium, die in 7 Sprachen erschien und noch heute erscheint (in Brasilien beim Verlag Editora Vozes). In diesem Magazin arbeiten die besten Köpfe der Welt in verschiedenen Wissensgebieten zusammen, von Sexualität und Befreiungstheologie bis hin zur modernen Kosmologie.

Professor Ratzinger saß fast immer neben mir.  Nach dem Mittagessen, während alle anderen ein Nickerchen machten, schlenderten Professor Ratzinger und ich durch die Gärten und diskutierten theologische Themen; unsere Lieblingsthemen waren Augustinus und der Hl. Bonaventura, deren Bücher ich praktisch alle gelesen habe.

Ein jeder in seiner Rolle, ohne die Beziehung abzubrechen

1984 zum Kardinal und Präsidenten der Kongregation für die Glaubenslehre ernannt, hatte er die undankbare Aufgabe, mich zu meinem Buch Kirche: Charisma und Macht zu befragen. Kardinal Ratzinger erfüllte seine institutionelle Rolle als Verhörer und ich die des Verteidigers meiner Meinungen. Es war ein starker Dialog, war aber stets elegant geführt von seiner Seite, auch wenn es nach der Vernehmung einen zweiten Teil gab, nämlich eine noch schwierigere Begegnung mit ihm und den brasilianischen Kardinälen Don Paulo Evaristo Arns und Don Aloysio Lorscheider, die mich nach Rom begleiteten und zu meinen Gunsten aussagten. Wir waren drei gegen eins. Ich muss zugeben, Kardinal Ratzinger fühlte sich unwohl.

Ein Jahr später erlebte ich den Höhepunkt des Lehrprozesses, der dazu führte, dass ich vom Lehrstuhl für Theologie und von meiner Position im Verlag Vozes entfernt wurde, und mir ein „silencio obsequioso“ („Schweigejahr“, Anm. der Übersetzerin) auferlegt wurde, das mich daran hinderte, zu sprechen, zu lehren, Interviews zu geben oder etwas zu veröffentlichen. Die endgültige Entscheidung nach der Vernehmung wurde von 13 Kardinälen getroffen (die Anzahl 13, um ein Unentschieden zu vermeiden). Später erfuhr ich von einem Abgesandten seines Privatsekretärs, dass Kardinal Ratzinger zu meinen Gunsten gestimmt hatte, aber es war die unterlegene Stimme. Es muss gesagt werden, dass immer, wenn Nachrichtenreporter Kardinal Ratzinger nach mir fragten, er mit Humor antwortete, dass ich „ein frommer Theologe“ sei, dass ich eines Tages meinen wahren theologischen Weg vertiefen würde.  Der Film zeigt nicht die raffinierte und elegante Figur, die Kardinal Ratzinger charakterisiert.  In einer Szene erhebt er seine Stimme und schreit fast, was mir völlig unwahrscheinlich und unvereinbar mit seinem Charakter erscheint.

Obwohl wir uns in verschiedenen Situationen befanden, er als Papst und ich, ein zum Laien beförderter Theologe, zerbrach unsere Freundschaft nie. Als zu seinem 90. Geburtstag eine  Festschrift erstellt wurde, in der viele namhafte Persönlichkeiten auf Bitten von Papst Benedikt selbst Beiträge leisteten, wurde ich gebeten, mein Zeugnis über ihn zu schreiben, was ich mit Freude tat.  Freundschaft ist stärker als jede Lehre, ist immer menschlich.

Papst Franziskus: zärtlich, brüderlich und erneuernd (ein Innovator)

In Bezug auf Jorge Mario Bergoglio, der jetzige Papst Franziskus, würde ich Folgendes sagen: Wir haben uns 1972 im Colegio Maximo de San Miguel in Buenos Aires, Argentinien, getroffen. Er sprach über die Einzigartigkeit des spirituellen Weges des Hl. Ignatius von Loyola und des geistlichen Weges des Hl. Franziskus. Wir diskutierten die Hermeneutik eines französischen Schriftstellers, an dessen Namen ich mich nicht erinnere, und auch Aspekte der Befreiungstheologie Argentiniens (das schweigende Volk und die unterdrückte Kultur) und die unseres Brasiliens und Perus (die soziale Ungerechtigkeit und die historische Unterdrückung der Armen und der Afro-Nachkommen). Es gibt ein Foto von dieser Versammlung, das mir Papst Franziskus freundlicherweise aus Rom geschickt hat.  Dieses Foto zeigt die gesamte Gruppe der anwesenden Theologen, von denen die meisten nicht mehr unter uns weilen. Einige von ihnen wurden verfolgt und gefoltert unter der barbarischen Unterdrückung des argentinischen oder chilenischen Militärs.  Nach diesem Treffen haben wir uns gegenseitig aus den Augen verloren.

Papst Franziskus: Theologe der ganzheitlichen Befreiung

Juan Carlos Scannone, der kürzlich verstorben Hauptvertreter der Theologie der Befreiung in Argentinien und Professor für Theologie von Papst Franziskus, erzählte mir, dass Bergoglio als Erwachsener in den Jesuitenorden eintrat (er war zuvor Chemiker, wie der Film zeigt). Er mochte sofort die Theologie der Befreiung des argentinischen Typs und er machte ein Versprechen, das er auch als Kardinal von Buenos Aires immer hielt: Jede Woche verbrachte er einen Nachmittag und sogar einen Tag in einem Slum, immer allein, er ging in die Häuser und sprach mit jedem. Er wohnte nicht im Kardinalspalast, hatte kein Auto, benutzte den Bus oder die U-Bahn.  Er lebte allein in einer Wohnung und bereitete seine eigenen Mahlzeiten zu.

Bergoglio war Generaloberer der Jesuiten Argentiniens, insbesondere aktiv in der Region Buenos Aires. Als junger Mann war er sehr streng und musste er sich einer ernsten Situation stellen, die er bis jetzt in seinem Herzen trägt: Zwei Jesuiten, Pater Francisco Jalics und Pater Orlando Yorio (ich habe Yorio persönlich in Quilmes kennengelernt) lebten in einer Barackenstadt mit den Armen und Ausgegrenzten. Alle, die mit dem Volk arbeiteten, wie 1964 in Brasilien (und vielleicht auch heute noch unter der neuen autoritären Regierung von Bolsonaro), galten als Marxisten und Subversive. Sie wurden von den Organen der militärischen Sicherheit beobachtet. Bergoglio wurde darüber informiert, dass diese beiden Jesuiten entführt und gefoltert werden sollten. Er versuchte, sie zu retten, und appellierte sogar an das Votum des Gehorsams.  Es ist typisch für den Jesuitenorden und bedeutet, dass sie die Favela verlassen sollten, um nicht Opfer gewaltsamer Repression zu werden.

Sie argumentierten in evangelikaler Form: „Ein Pastor verlässt niemals seine Herde, sein Volk; er teilt ihr Schicksal; es ist besser, dem Gott der Armen zu gehorchen, als einem menschlichen religiösen Vorgesetzten zu gehorchen.“

Letztendlich wurden sie entführt und schwer gefoltert. Jalics versöhnte sich mit Bergoglio und lebt in Deutschland, während Yorio sich im Stich gelassen fühlte und sich vom Kardinal distanzierte (Yorio starb vor Jahren in Uruguay). Ich konnte seine persönliche Bitterkeit spüren, als ich versuchte, die Sackgasse zu verstehen, mit der verantwortungsvolle religiöse Autorität in Extremsituationen konfrontiert ist. Schon damals versteckte Bergoglio viele im Colegio Méximo de San Miguel oder half ihnen, die Grenze eines anderen Landes zu erreichen, um dem sicheren Tod zu entkommen.

Papst Franziskus:  Sorge um das Gemeinsame Zuhause

Als er zum Papst gewählt wurde, haben wir wieder miteinander kommuniziert. Da er wusste, dass ich mich intensiv mit dem Thema der ganzheitlichen Ökologie beschäftigt hatte, einschließlich des Gemeinsamen Hauses, Mutter Erde, bat Papst Franziskus um meine Mitarbeit, die ich eifrig gewährte. Aber er warnte mich: „Schick die Texte nicht an den Vatikan, denn sie werden sie mir nicht geben (der berühmte Sottoseder der päpstlichen Kurie: aussitzen und vergessen), sondern sende sie direkt an mich über den argentinischen Botschafter beim Hl. Stuhl, denn er nimmt den Kumpel täglich frühmorgens mit“. So habe ich es immer getan. Es heißt, dass meine Gedanken und Themen in der Enzyklika „Laudato Si: über die Sorge um das Gemeinsame Haus“ (2015) auffallen. Aber die Enzyklika ist die des Papstes, und er kann alle Berater haben, die er will. Ich schickte ihm auch Texte für die Pan-Amazonische Synode 2019, für die er sich bedankt hat.

Bei der Wahl des Namens Franziskus, auf Anregung seines brasilianischen Freundes, Kardinal Claudio Hummes, der ihm den Namen Franziskus zuflüsterte, und auf die klare Option für die Armen, wurde er verwandelt. Die Jesuitenstrenge wurde mit der franziskanischen Zärtlichkeit vereint. Er geht äußerst streng mit den internen Problemen der Vatikanischen Kurie um, der Pädophilie und der Finanzkorruption der Vatikanbank. Auf der anderen Seite ist er sichtlich zärtlich und brüderlich.

Kein Papst vor ihm hat das System aufs schärfste gerügt, das seine Sensibilität, seine Solidarität mit den Millionen Armen und Hungernden, und seine Fähigkeit zu weinen verloren hat und stattdessen das Idol des Geldes anbetet. Es ist ein Raubtier für die Natur, gegen das Leben und gegen Mutter Erde. Wir brauchen nicht zu sagen, von welchem System er spricht. Seine Option für die Armen ist deutlich. Papst Franziskus ist durch seine mutige Haltung zur ökologischen Notlage der Erde, zur globalen Erwärmung und zur Entmenschlichung der menschlichen Beziehungen zu einem religiösen und politischen Führer geworden. Seine Stimme wird auf der ganzen Welt gehört und respektiert.

Zwei Arten von Mensch und zwei Modelle von Kirche 

Der Zweck des Films ist es, zwei Arten von religiösen Personen und zwei Modelle für die Kirche zu zeigen.

Zunächst zeigt er Ratzinger und Bergoglio, beide menschlich, zutiefst menschlich. In diesem Sinne haben beide ihre positive und auch ihre dunkle Seite. Für Papst Benedikt XVI. ist es seine Milde und Nachsicht gegenüber den Pädophilen. Wir dürfen nicht vergessen, dass er unter päpstlicher Geheimhaltung, die niemals gebrochen werden kann, an alle Bischöfe geschrieben hat, um die pädophilen Priester und Bischöfe nicht an die Zivilgerichte zu übergeben. Dies würde die institutionelle Kirche demoralisieren. Sie sollten ihre Sünde bekennen und woanders hin versetzt  werden. Papst Benedikt erkannte nicht, dass es nicht nur um eine Sünde ging, die durch die Beichte vergeben werden konnte. Es war ein Verbrechen gegen unschuldige Menschen, das die Ziviljustiz untersuchen und bestrafen musste. Man dachte nicht an die Opfer, sondern nur darum, das Bild der Kirche als Institution zu bewahren. Dieses Versäumnis wurde von Kardinal Bergoglio scharf kritisiert, wie der Film deutlich zeigt.

Papst Benedikt XVI. folgte der Linie von Johannes Paul II., der ein moralischer und doktrinärer Konservativer war.  Er versuchte, den „aggiornamento“ des II. Vatikanischen Konzils (1962-1965) zu relativieren. Er sah die Kirche als eine Festung an, die von allen Seiten von Feinden belagert wurde, d.h. von den Fehlern und Abweichungen der Moderne. Die vorgeschlagene Lösung bestand darin, zur früheren Disziplin der Konzile von Trient (1545-1563) und Vatikan I (1869-1870) zurückzukehren. Im Zentrum stand die Orthodoxie und die wahre Lehre, als würden Predigen retten und nicht die Glaubenspraxis. In dieser Linie war Kardinal Joseph Ratzinger streng: Mehr als 110 männliche und weibliche Theologen wurden verurteilt, von ihren Lehrstühlen abgesetzt, zum Schweigen gebracht (in Brasilien, Yvone Gebara und ich) oder in irgendeiner Form bestraft. Einer von ihnen, ein ausgezeichneter Theologe, wurde ohne Erklärung verurteilt.  Er wurde so deprimiert, dass er an Selbstmord dachte.  Er wurde erst geheilt, als er nach Mittelamerika ging, um mit den Comunidades Eclesiales de Base (Basisgemeinden) zu arbeiten. Das Glaubensleben der einfachen und armen Menschen gab ihm den Sinn des Lebens zurück.

Die Kirche durchlebte einen harten Winter. Eine ganze Generation von Priestern wurde in diesem doktrinären Stil ausgebildet, mit ihren Augen auf die Vergangenheit gerichtet und in Ausübung der Symbole der klerikalen Macht. Ebenso wurden viele Bischöfe geweiht, die eher orthodoxe autoritäre Geistliche waren als Pastoren inmitten ihres Volkes.

Papst Franziskus ist eine andere Art von religiöser Persönlichkeit. Er kommt von den Enden der Erde, weit weg vom alten und fast im Sterben liegenden europäischen Christentum. Und er hat der Kirche und der politischen Welt den Frühling gebracht.

Papst Franziskus hat zuerst die Gewohnheiten verändert. Er weigerte sich, die „Mozzeta“ zu benutzen, diesen kleinen weißen Umhang voller Brokat, die Päpste auf ihren Schultern trugen, ein Symbol für die absolute Macht der heidnischen römischen Kaiser. Im Film sagt Franziskus deutlich: „Der Karneval ist vorbei“. Er nimmt das goldene Kreuz nicht an und behält sein Kreuz aus Eisen, lehnt die roten Prada-Schuhe ab und behält seine alten schwarzen Schuhe an. Er erklärt sich nicht zum Papst der Kirche, sondern zum Bischof von Rom und nur von dort aus zum Papst der Weltkirche. Als er als neuer Papst vorgestellt wurde, bat Franziskus das Volk, für ihn zu beten. Erst danach segnete der neue Papst das Volk. Hier erscheint eindeutig eine neue theologische Vision gemäß dem II. Vatikanischen Konzil: Zuerst kommt das Volk Gottes und danach kommt der Papst und alle anderen kirchlichen Autoritäten im Dienst des Volkes Gottes.

Papst Franziskus inspiriert die Kirche nicht mit dem Kanonischen Recht, sondern mit Liebe und Kollegialität (Beratung mit der Gemeinschaft der Bischöfe).  In seiner ersten öffentlichen Rede sagte Papst Franziskus: „Wie sehr wünsche ich mir eine Kirche, die arm ist und da ist für die Armen„. Er wohnt nicht im päpstlichen Palast, das wäre eine Beleidigung für den Poverello aus Assisi, sondern in einer Pension. Beim Essen steht er wie alle anderen Schlange und kommentiert mit Humor: „So ist es schwieriger, vergiftet zu werden„.

Franziskus verzichtet auf ein spezielles Papamobile und auf eine Leibgarde. Er mischt sich unter das Volk, gibt seine Hand dem, der ihm die Seine ausstreckt, und küsst die Kinder. Er ist ein Vater und Großvater, der von der Menge geliebt wird.

Sein Modell der Kirche ist ein „Feldlazarett“, das sich um alle kümmert, ohne zu fragen, woher sie kommen und was ihre moralische Situation ist. Es ist eine „Kirche auf dem Weg“ zu den menschlichen und existenziellen Peripherien. Er respektiert Dogmen und Lehren, bekräftigt aber deutlich, dass er es vorzieht, sich vor dem historischen Jesus zu positionieren, indem er sich für direkte Begegnungen mit den Menschen und für die pastorale Fürsorge der Zärtlichkeit entscheidet. Er insistiert darin, dass Jesus gekommen ist, um uns zu lehren, bedingungslose Liebe, Solidarität und Vergebung zu leben. Für Franziskus steht Gottes unendliche Barmherzigkeit im Mittelpunkt. Und er sagt noch mehr: „Gott kennt die ewige Verurteilung nicht, weil Gott angesichts des Bösen verlieren würde.  Und Gott kann nicht verlieren.  Seine Barmherzigkeit hat keine Grenzen.“ Folglich ruft Er alle, wenn sie von ihrer Schlechtigkeit gereinigt sind, in das Haus, das der Vater und die Mutter des Guten für alle von Ewigkeit her vorbereitet haben. Sterben heißt, sich von Gott berufen zu fühlen; und man geht glücklich zur Großen Begegnung.

Was die Ökumene betrifft, so betont er, dass die verschiedenen Kirchen einander anerkennen und gemeinsam im Dienst des Reiches der Gerechtigkeit, der Solidarität, der Geschwisterlichkeit und der Liebe stehen müssen, um die heilige Flamme der Spiritualität zu nähren, die in jedem Menschen verborgen ist.

Es ist eine andere Art von Pontifikat, eine andere Form des Menschseins; eine, die zugibt, dass er die Geduld verloren hat, als eine Frau seine Hand packte und sie kräftig drückte. Verärgert schlug er ihr zwei oder drei Mal mit der Hand. Doch am nächsten Tag entschuldigte er sich öffentlich.  Er ist auf natürliche Weise demütig und erkennt seine Schwächen an.

Zwei Päpste: unterschiedlich und komplementär

Papst Franziskus öffnete seine ganze Menschlichkeit und gestand sich das Recht auf Freude am Leben zu, sein Lieblingsteam, San Lorenzo, zu ermutigen, die Musik der Beatles zu genießen; und sogar, um Papst Benedikt XVI. dazu zu bringen, mit ihm einen Tango zu tanzen… etwas Undenkbares für einen ernsten deutschen Akademiker. Hier erscheint er nicht als Papst, sondern als der Mann, Bergoglio, der die schüchterne Menschlichkeit des Mannes Ratzinger entwirrt. Die beiden sind unterschiedlich, aber sie vereinen sich in einem Tango erwachsener Personen.

Der Film ist eine schöne Metapher des menschlichen Seins, mit zwei verschiedenen Formen, das Menschsein zu leben, die sich nicht entgegenstehen, sondern sich gegenseitig komponieren und ergänzen, eine mit Zärtlichkeit und die andere mit Kraft. Der Film ist sehenswert, weil er uns zum Nachdenken anregt und uns lehrt, einander zuzuhören, bietet offenen Dialog, Wahrheiten, die ausgesprochen werden, ohne um den heißen Brei herum zu reden, und eine Freundschaft, die wächst, während die Beziehung durch jede Begegnung erweitert wird. Die Vergebung, die jeder dem anderen gibt, und die letzte Umarmung, lang und liebevoll, erweitert die Menschlichkeit und Spiritualität, die in jedem von uns gegenwärtig ist.                           

Leonardo Boff
05.01.2020

 

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Das Weihnachtsfest der heutigen Herodesse

Leonardo Boff
Philosoph – Ökologe – Theologe
Erdcharta-Kommission

 

Weihnachten besitzt immer eine gewisse Idylle. Es kann keine Traurigkeit geben, wenn das Leben geboren wird, besonders wenn Jesus, der Puer aeternus, das göttliche Kind, in die Welt kommt. Es singen Engel, der Stern von Bethlehem leuchtet, die Hirten beobachten ihre Herde über Nacht. Aber hauptsächlich sind da Maria, der gute Josef und das Kind, das in der Krippe liegt, „weil im Gasthaus kein Platz für sie war“. Und siehe, es erschienen auch, aus dem Orient kommend, die Weisen, die Magi genannt wurden, die ihre Kassen öffneten und ihm Gold, Räucherwerk und Myrrhe, geheimnisvolle Symbole darboten. Aber es gab auch einen schlechten König namens Herodes, sehr grausam, so grausam, dass er sogar seine ganze Familie hinrichtete. Herodes hörte, dass in Bethlehem, der Stadt Davids, ein Kind geboren worden war, das der Erretter sein würde. Aus Angst, seinen Thron zu verlieren, ordnete er an, dass alle Jungen unter zwei Jahren in Bethlehem und Umgebung getötet werden. Die heiligen Texte bewahren eines der schmerzlichsten Klagen des Neuen Testaments: „Ein Geschrei war in Rama zu hören, lautes Weinen und Klagen. Rachel weinte um ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn sie waren dahin“ (Matthäus 2,18).

Weihnachten in diesem Jahr erinnert an die heutigen Herodesse, die unsere Kinder und Jugendlichen umbringen. Zwischen 2007 und 2019 sind in Brasilien 57 Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren durch Streugeschosse bei Polizeiaktionen gestorben. Erst in diesem Jahr, 2019, berichtet die Plattform von Cross Fire, dass 6 Kinder und 19 Jugendliche in Rio de Janeiro bei Polizeiaktionen ihr Leben verloren haben. In der Metropolregion Rio gab es 6.058 Schießereien, bei denen 2.301 Menschen erschossen wurden, von denen 1.213 getötet und 1.088 schwer verletzt wurden. Für mehr Aufschrei sorgte der Fall von Agatha Félix, einem 8-jährigen Mädchen, das von einer streunenden Riffle-Kugel im Rücken getötet wurde, als sie sich in einem Kombi-Wagen befand, in dem sie mit ihrer Mutter nach Hause fuhr. Ihre Namen verdienen Erwähnung. Nur wenige Jahre älter teilten sie das Schicksal der unschuldigen Kinder, die von Herodes getötet wurden: Jenifer Gomes,11; Kauan Peixoto, 12; Kaua Rozério, 11; Kau dos Santos, 12; Agatha Félix, 8; und Ketellen Gomes, 5 Jahre alt. Dem Gouverneur von Rio de Janeiro und seiner wilden Polizei werden Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen, weil er Angriffe auf Gemeinden mit Hubschraubern und Drohnen anordnet und die Menschen terrorisiert. Bürgermeister Marcelo Crivella gestand, dass in den 436 Schulen der Gemeinde 7000 Unterrichtsstunden durch Polizeieinsätze verloren gingen.

Zusammen mit Vanessa Francisco Sales, der Mutter von Agatha Félix, die die Puppe ihrer kleinen Tochter bei der Beerdigung trug, lasst uns die Stimmen der biblischen Rachel hören: die Mütter des Morro do Aleméo, von Jacarezinho, der Chatuba de Mesquita, der Vila Moretti de Bangu, of the Complejo de Chapado, of Duque de Caxias, of Vila Cruzeiro in the Complexo de Penha, of Maricé. Hören wir ihre Klagen:

„Viele Stimmen sind zu hören, viele Schreie und Wehklagen. Die Mütter weinen um ihre geliebten Söhne und Töchter, die von streuenden Kugeln getötet wurden. Sie wollen nicht getröstet werden, weil sie ihre geliebten Kinder für immer verloren haben. Sie verlangen nach einer Antwort, die von nirgendwo kommt. Unter Tränen und vielen Klagen plädieren wir dafür, dass das Töten unserer Kinder aufhört. Im Namen der Liebe Gottes: Hört auf mit dem Töten! Wir wollen, dass unsere Kinder am Leben sind. Wir fordern Gerechtigkeit.“

Dies ist der Kontext dieses Weihnachtsfestes im Jahr 2019, verschlimmert durch eine offizielle Politik, die die perversen Mittel von Lügen, Fake News, Wut und viszeralem Hass nutzt. Jesus wurde arm geboren und lebte sein ganzes Leben lang arm. Und da kommt ein Präsident, der oft den Namen Jesus auf den Lippen trägt, aber nicht in seinem Herzen, weil er die LGBT, die Schwarzen, die Indigenen, die Quilombolas (Afro-Brasilianer, die in den Quilombos leben) und die Frauen beleidigt.

Der Präsident gibt freimütig zu, dass er die Armen nicht mag, bzw. er mag diejenigen, von denen Jesus sagte: „Selig sind die Armen“ und nannte sie „meine jüngeren Brüder und Schwestern“, und dass „am Ende des Lebens unsere Richter sein werden“ (Matthäus 25,40). Dass er die Armen nicht mag, bedeutet, dass er nicht für die Mehrheit der Brasilianer regieren will, die arm sind und sogar im Elend leben; für sie sollte er in erster Linie regieren und sich um sie kümmern.

Trotzdem muss Weihnachten gefeiert werden. Es ist dunkel, aber wir feiern die Menschlichkeit und Fröhlichkeit unseres Gottes. Gott machte sich zu einem hilflosen Kind. Welch ein Glück ist es zu wissen, dass wir von einem Kind beurteilt werden, das nur spielen und annehmen und lieben will.

Möge uns Weihnachten ein wenig von dem Licht geben, das von dem Stern kommt, der die Hirten auf den Feldern von Bethlehem mit Freude erfüllte und die weisen Magier zum Stall führte. „Sein Licht erleuchtet alle Menschen, die in diese Welt kommen“ (Johannes 1,9), euch und mich, alle, nicht nur zu diejenigen, die getauft worden sind. Frohe Weihnachten.

Leonardo Boff
Dezember 2019

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Lula und Bolsonaro: Das Aufeinandertreffen zweier Visionen für Brasilien

Die Freilassung des ehemaligen Präsidenten Luiz Inacio Lula da Silva aus dem Gefängnis unter der Präsidentschaft von Jair Bolsonaro hat zu einer dramatischen Konfrontation zweier Visionen für Brasilien geführt. Diese beiden Sichtweisen sind nicht nur gegensätzlich, sondern antagonistisch. Ohne die Begriffe erzwingen zu wollen, sieht es aus wie die Umsetzung der Weltsicht der Gnostiker, die Geschichte als Kampf zwischen Gut und Böse liest, oder nach St. Agustinus‘ „Die Stadt Gottes“ ein Kampf zwischen Liebe und Hass.

Tatsächlich basiert Bolsonaros Vision auf der Verbreitung von Hass auf die Homo-Freundlichen, die LGBT, die Schwarzen und die Armen im Allgemeinen und auf der Verherrlichung von Diktaturen bis hin zur Lobpreisung notorischer Folterer. Lula seinerseits beteuert, dass er keinen Hass hegt, sondern Liebe, die ihn dazu gebracht hat, eine Sozialpolitik umzusetzen, um Millionen von Ausgegrenzten einzubeziehen und ihnen das Lebensnotwendige zu garantieren.

Wir erkennen an, dass dies eine Vision projiziert, die dialektisch erscheint und die Geschichte in Hell und Dunkel teilt, aber leider ist es so, selbst wenn dieser Dualismus abgelehnt wird.

Dies geschieht im Kontext des weltweiten Aufstiegs des Konservatismus, des Fundamentalismus, sowohl des politischen als auch des religiösen Fundamentalismus und der Verschärfung der Logik des Kapitalismus, wie sie im ultraradikalen Neoliberalismus zum Ausdruck kommt, der zur Axialoption von Bolsonaros Regierung wurde. Dieser radikale Neoliberalismus, der von den Schulen in Wien und Chicago formuliert wurde, aus denen Paulo Guedes stammt, behauptet, dass „es keine anderen Rechte als die Gesetze des Marktes gibt, und Armut kein ethisches Problem ist, sondern die technische Inkompetenz wider spiegelt, weil die Armen Individuen sind, die aufgrund ihrer eigenen Unzulänglichkeiten die Verlierer im Wettbewerb mit den anderen sind.“ Diese theoretische Voraussetzung impliziert, dass man sich keine Sorgen um die Politik für die Armen machen muss. Es ist eine Regierung der Reichen für die Reichen.

Lula hingegen bekräftigt die zentrale Bedeutung der sozialen Gerechtigkeit, beginnend mit der großen Mehrheit, die Opfer des Kapitalismus ist. Lula schlägt eine soziale und partizipative Demokratie vor, die diese Mehrheiten einschließt. Er wollte dieses Projekt mit einem Präsidialismus einer Koalition von Parteien durchführen, was ich für seinen großen Fehler halte, anstatt sich auf soziale Bewegungen zu verlassen, aus denen er kam, wie es der bolivianische Präsident Evo Morales Ayma, der kürzlich durch einen klassischen und rassistischen Staatsstreich abgesetzt wurde, erfolgreich tat.

In Brasilien sind Rassismus und Intoleranz – die immer präsent, aber nur latent vorhanden waren – explizit ausgebrochen. Früher versteckten sie sich unter dem Namen „Brasilianische Herzlichkeit“. Aber wie Sergio Buarque de Hollanda (in Roots of Brazil) bemerkte, kann Herzlichkeit sowohl Gewalt und Hass als auch Offenheit und Liebe bedeuten, weil beide im Herzen leben. Daher der Ausdruck „cordial“ (herzlich).

Auf dieser nationalen und internationalen Welle wurde Jair Bolsonaro gewählt, und der ehemalige Präsident Lula wurde von der Justiz, die die Operation „Lava Jato“) durchgeführt hat, verhaftet und durch Rechtshilfe (Anwendung des Gesetzes zum Schaden der Verhörten) verurteilt.

Jair Bolsonaro verwendet selbst nach seiner Wahl noch oft „fake news“, offene Lügen und regiert mit seinen Kindern (Nepotismus) auf autoritäre und oftmals grobe Weise.

Lula erscheint als bekannter charismatischer Führer, der zu denHerzen der hoffnungslosen Massen spricht und eine Sozialdemokratie, Rechtsstaatlichkeit und die Dringlichkeit der Wiederherstellung des Abgeschafften vorschlägt.

Alles hängt vom Stil dieser Konfrontation ab. Bolsonaro vermeidet eine direkte Konfrontation. weil er die Grenzen seiner Kompetenzen kennt; er hat es in den Händen seines Justizministers Sergio Moro und des Finanzministers, Paulo Guedes, gelegt, die besser vorbereitet sind.

Meiner Ansicht nach muss Lula es vermeiden, sich auf Bolsonaros Ebene zu einer Konfrontation zu hinabzulassen. Es ist wichtig, dass Lula ans Licht bringt, was Bolsonaro verbirgt und nicht nutzen kann: die Schärfe der Tatsachen, die Tragödie, die die große Mehrheit plagt, demütigt und beleidigt. Es gibt keine Notwendigkeit für eine lange Rede als Antwort auf Bolsonaro, weil er selbst zerstörerisch ist. Lula muss positiv sein, wenn er zu den Herzen der mittellosen Massen spricht und das Übel, das durch die Maßnahmen der Ausgrenzung, die im Widerspruch zu den etablierten Rechten und dem Leben selbst stehen, begangen wird, entschieden anprangert.

Um eine lange Argumentation zusammenzufassen: Es wäre klug, die Haltung des besten Mannes anzunehmen, den der Westen hervorgebracht hat, des armen und demütigen Franz von Assisi. Mit seiner realistischen Sensibilität wusste er, dass die Wirklichkeit widersprüchlich ist, bestehend aus dem Dia-bolischen (dem Trennenden) und dem Sym-bolischen (dem Verbindenden). Er betonte nicht die dunkelste Seite unserer Realität, sondern die leuchtende Seite, sodass sie Geist und Herz durchflutet. Wie der Poverello von Assisi verkündet: „Wo Hass ist, bringe ich Liebe; wo Zwietracht herrscht, bringe ich Einheit; wo Verzweiflung herrscht, bringe ich Hoffnung; wo Dunkel ist, bringe ich Licht.“

Diese Option impliziert die Überzeugung, dass keine Regierung bestehen kann, wenn sie auf Hass, Lügen und Verachtung der bescheidensten und ärmsten Menschen der Erde beruht. Wahrheit, aufrichtige Absichten und selbstlose Liebe werden das letzte Wort haben. Nicht Kain, sondern Abel. Nicht Judas, sondern Jesus. Nicht Brilhante Ustra, sondern Vladimir Herzog

Leonardo Boff
Ökologe – Theologe – Philosoph, Erdcharta Kommission
28.11.2019

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