Mit Papst Franziskus endet die Kirche des Westens und beginnt die universelle Kirche

Leonardo Boff
Ökologe-Theologe-Philosoph
Erdcharta-Kommission

Das Pontifikat von Franziskus, dem Bischof von Rom und Papst der universellen Kirche, besteht nun seit fünf Jahren. Viele detaillierte und brillante Schilderungen wurden bereits über diesen neuen Frühling gemacht, der in der Kirche anbrach. Für meinen Teil möchte ich nur einige Punkte hervorheben, die für uns von Bedeutung sind.

Im ersten Punkt geht es darum, wie die Rolle des Papstes in der Gestalt, wie Franziskus selbst sie ausfüllt, revolutioniert wurde. Er ist nicht länger der herrschende Papst mit allen Machtsymbolen, die er von den römischen Kaisern geerbt hatte. Franziskus selbst tritt als eine einfache Person auf, als jemand, der zum Volk gehört. Seine ersten Grußworte, die er ans Volk richtete, waren „buona sera“: „Guten Abend“. Dann stellte er sich als der Bischof von Rom vor, der gerufen ist, liebevoll die Kirche weltweit zu leiten. Bevor er den offiziellen Päpstlichen Segen erteilte, bat er das Volk um dessen Segen. Er wählte, nicht in einem Palast zu leben – das könnte Franz von Assisi zum Weinen gebracht haben -, sondern in einem Gästehaus. Und dort nimmt er zusammen mit allen Gästen seine Mahlzeiten ein.

Der zweite wichtige Punkt ist die freudvolle Verkündigung des Evangeliums, eher als ein Überfließen des guten Lebens denn als eine Doktrin des Katechismus. Es geht nicht darum, Christus in die säkularisierte Welt zu bringen, sondern darum, die Präsenz Christi in der Welt zu entdecken im Dürsten nach Spiritualität, das überall sichtbar ist.

Der dritte Punkt behandelt drei Pfeiler im Zentrum seiner Aktivität: die Begegnung mit dem lebendigen Christus, die leidenschaftliche Liebe zu den Armen und die Achtsamkeit für Mutter Erde. Im Mittelpunkt steht Christus, nicht der Papst. Die lebendige Begegnung mit Christus hat Vorrang über der Doktrin.

Anstatt Recht und Gesetz verkündigt er unermüdlich Barmherzigkeit und die Revolution der Zärtlichkeit, wie er den Bischöfen auf seiner Reise durch Brasilien sagte.
In seiner ersten offiziellen Verkündigung drückte er die Liebe zu den Armen aus: “Wie wünschte ich, die Kirche sei eine Kirche der Armen”. Er traf die Flüchtlinge, die auf der Insel Lampedusa im Süden Italiens strandeten. Dort gebrauchte er strenge Worte für eine gewisse Art der modernen Zivilisation, die ihren Sinn für Solidarität verloren hat und nicht mehr in der Lage ist, über das Leid der Anderen zu weinen.

Mit seiner Enzyklika „Laudato Si: über die Sorge für das gemeinsame Haus“ (2015), die er an die ganze Menschheit richtete, schlug er ökologischen Alarm. Diese Enzyklika zeigt ein deutliches Bewusstsein für die Risiken, denen das Leben und die Erdsysteme ausgesetzt sind. Dazu weitet er den ökologischen Diskurs über den Umweltschutz hinaus aus. Er betont, dass wir eine globale ökologische Revolution (Nr. 5) ausrufen müssen. Ökologie ist ganzheitlich und nicht nur grün, denn sie umfasst die Gesellschaft, Politik, Kultur, Bildung, alltägliches Leben und Spiritualität. Sie vereint den Schrei der Armen mit dem Schrei der Erde (Nr. 49). Sie lädt uns ein, den Schmerz der Natur als unseren eigenen zu spüren, denn wir sind alle in einem Beziehungsnetzwerk miteinander verknüpft und verbunden. Papst Franziskus ruft uns auf „eine Leidenschaft für die Achtsamkeit für die Welt zu nähren … eine Mystik, die uns antreibt, innere Anschübe, die uns bewegen, motivieren, ermutigen und den persönlichen wie den gemeinsamen Aktionen Sinn verleihen“ (Nr. 216).

Beim vierten wichtigen Punkt geht es darum, die Kirche nicht als eine Festung zu zeichnen, die von Feinden umgeben ist, sondern als ein Feldlazarett, das allen zu Diensten ist ohne nach Klasse, Hautfarbe oder religiöser Überzeugung zu fragen. Eine Kirche, die sich stets auf die Anderen zu bewegt, insbesondere auf die Menschen an den zahlreichen existenziellen Peripherien der Welt. Die Kirche muss als ein Ansporn sein, um zur Hoffnung zu ermutigen und einen Christus aufzuzeigen, der gekommen ist, um uns zu lehren, als Brüder und Schwestern in Liebe, Gleichberechtigung, Gerechtigkeit und Offenheit zum Vater zu leben, der die Eigenschaften einer Mutter der Barmherzigkeit und Güte besitzt.

Abschließend zeigt der Papst mit klarem Bewusstsein, dass das Evangelium im Gegensatz steht zu den Mächten dieser Welt, die bis zur Absurdität Reichtum anhäufen, während sie einen Großteil der Menschheit im Elend zurücklassen. Wir leben in einem System, das Geld in den Mittelpunkt gerückt hat, das die Armen tötet und sich den Gütern der Natur als Raubtier zeigt. Für sie hat Franziskus die harschesten Worte. Er steht im Dialog mit allen religiösen und spirituellen Traditionen. Bei der Zeremonie der Fußwaschung am Gründonnerstag war auch ein kleines muslimisches Mädchen.

Papst Franziskus möchte, dass die Kirchen sich in ihrer Unterschiedlichkeit im Dienst an der Welt vereinen, vor allem im Dienst an den Hilflosesten. Dies ist die wahre Ökumene in Mission.

Mit diesem Papst, der “vom Ende der Welt kommt”, findet die Kirche des Westens ein Ende, und eine universelle Kirche beginnt, die zum planetarischen Zeitalter der Menschheit passt, gerufen, sich in den unterschiedlichen Kulturen zu inkarnieren und dort ein neues Gesicht zu finden, beginnend beim unerschöpflichen Reichtum des Evangeliums.

Leonardo Boff
23.03.2018

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Dom Pedro Casaldaliga wird 90 Jahre alt: Armut und Befreiung

Leonardo Boff*
Ökologe, Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

Der Pfarrer, Prophet und Poet Dom Pedro Casaldaliga feiert am 16. Februar 2018 seinen 90. Geburtstag. Wir möchten ihn gern mit einigen Gedanken ehren, die meiner Meinung nach den roten Faden aufzeigen, der sich durch sein Leben als Christ und Bischof zieht: das Verhältnis, das er zu Armut und Befreiung entwickelte. Unter Gefährdung seines eigenen Lebens erlebte und beobachtete er sowohl Armut als auch Befreiung der am meisten Unterdrückten, der Indigenen und der Landleute, die im Bereich von São Felix del Araguaia of Mato Grosso, Brasilien, ihres Landes beraubt wurden.

Armut hat schon immer humane Aktionen und alle Arten von Interpretationen hervorgerufen. Die Armen fordern uns so sehr heraus, dass unsere Haltung ihnen gegenüber Einfluss auf unsere ultimative Begegnung mit Gott hat. Dies bestätigt sowohl das Totenbuch aus Ägypten als auch die jüdisch-christliche Tradition, die im Text des Matthäus-Evangeliums 25,31ff kulminiert.

Vielleicht besteht das größte Verdienst von Bischof Dom Pedro Casaldaliga darin, dass er die Herausforderungen der Armen der ganzen Welt, vor allem aber derer von Lateinamerika, die mit uns verbunden sind, absolut ernst nahm, sowie auch deren Befreiung.

Gewiss lebte er nach dem folgenden Prozess: Vor jeglicher Überlegung oder Hilfestrategie ist die allererste Reaktion zutiefst menschlich: sich selbst betroffen fühlen und voll Mitgefühl sein. Wie könnten wir nicht auf ihr Flehen hören oder missverstehen, was ihre flehenden Hände versuchen, uns mitzuteilen? Wenn Armut zu Elend wird, erweckt sie in allen sensiblen Personen, wie auch in Dom Pedro, Gefühle der Empörung und heiligen Zorns, wie man es klar in den prophetischen Texten lesen kann, vor allem in denen gegen das kapitalistische und imperialistische System, das immer weiter Armut und Elend hervorruft.

Liebe und Empörung sind die Grundlage der Aktionen, denen es darum geht, Armut zu lindern oder zu beseitigen. Nur diejenigen, die zutiefst lieben und diese unmenschliche Situation nicht akzeptieren, sind wirklich auf der Seite der Armen. Und Dom Pedro bezeugte diese bedingungslose Liebe.

Doch wir sind auch Realisten, denn bereits im Buch Deuteronomium wird gewarnt: “Die Armen werden niemals ganz aus deinem Land verschwinden. Darum mache ich dir zur Pflicht: Du sollst deinen notleidenden und armen Brüdern und Schwestern, die in deinem Land leben, deine Hand öffnen.“ Die Urkirche Jerusalems wird gelobt, dass es in ihr niemanden gab, dem es an etwas gemangelt hätte, denn sie teilten alles, was sie besaßen.
Die Empörung und das Mitgefühl waren es, was Dom Pedro dazu brachten, Spanien zu verlassen und nach Afrika zu gehen und schließlich nicht nur in Brasilien zu landen, sondern dort im Landesinnern, wo die Landleute und die Indigenen die Gier des nationalen und des internationalen Kapitalismus ertragen müssen.

1. Lesart über den Skandal der Armut

Um die Anti-Wirklichkeit, welche die Armut darstellt, adäquat zu verstehen, sind folgende Klarstellungen hilfreich, die dazu dienen sollen, unser Zusammensein mit den Armen effizient zu gestalten. In den aktuellen Debatten sind drei unterschiedliche Auffassungen über Armut zu beobachten.

Als erstes die traditionelle Sichtweise, die unter einem Armen jemanden versteht, der nicht über die notwendigen Mittel zum Leben verfügt, um Miete zu bezahlen, ein Zuhause zu haben, mit einem Wort: dem es an materiellen Gütern mangelt. Die Armen überleben Arbeitslosigkeit oder unterbezahlte Arbeit und Niedriglöhne. Das System erachtet sie als ökonomische Nullen, verbranntes Öl, Überreste. Da besteht die Strategie in der Mobilisierung derer, die besitzen, um denen zu helfen, die nicht besitzen.

Jahrhundertelang wurde eine breite Unterstützung in Namen dieser Vision organisiert. Eine Wohlfahrtspolitik, doch keine partizipatorische, wurde ins Leben gerufen. Dabei handelt es sich um eine Haltung und Strategie, die die Armen in einer Abhängigkeit hält. Die Armen haben ihr transformatives Potenzial noch nicht entdeckt.

Im zweiten Fall, der progressiven Sichtweise, ist das Potenzial der Armen erkannt und durchschaut, dass dieses Potenzial nicht genutzt wird. Durch Bildung und Ausbildung können die Armen sich qualifizieren und weiter entwickeln. Auf diese Weise werden die Armen in den Produktionsprozess einbezogen. Sie verstärken das System, werden Konsumenten, wenn auch auf einem niedrigen Niveau, und tragen dazu bei, die ungerechten sozialen Verhältnisse aufrechtzuhalten, die weiterhin Armut hervorbringen. Dem Staat kommt die Hauptrolle zu in der Schaffung von Arbeitsplätzen für die sozial Schwachen. Die moderne, liberale und progressive Gesellschaftsschicht hat diese Perspektive eingenommen.

Die traditionelle Sichtweise sieht zwar die Armen, erfasst aber nicht ihren kollektiven Charakter. Die progressive Lesart entdeckt zwar den kollektiven Charakter, hat aber nicht erkannt, dass dieser Charakter konfliktbeladen ist. Analytisch betrachtet resultiert die Armut aus Ausbeutungsmechanismen, die die Menschen verarmen und auf diese Weise einen ernsten sozialen Konflikt erzeugen. Diese Mechanismen aufzudecken war und ist immer noch das historische Verdienst von Karl Marx. Ein Gesellschaftstypus, der stets Arme und Ausgeschlossene produziert und reproduziert, ehe er sie in den laufenden Produktionsprozess integriert, muss immer kritisiert werden.

Die dritte Position ist die der Befreiung, die zutiefst davon überzeugt ist, dass die Armen das Potenzial haben, nicht nur die Arbeitskraft und das System zu verstärken, sondern wesentlich seine Mechanismen und seine Logik zu verändern. Die Armen, die ein Bewusstsein dafür haben, sich organisieren und mit anderen Verbündeten zusammentun, können einen neuen Typus von Gesellschaft bilden. Die Armen können nicht nur planen, sondern auch die Bildung einer Demokratie umsetzen, die offen ist für die Partizipation aller auf ökonomischem und sozial-ökologischem Gebiet. Die Universalität und Fülle dieser grenzenlosen Demokratie nennt sich Sozialismus. Dies ist weder eine Perspektive der Wohlfahrt noch ist sie progressiv. Es ist wahrhafte Befreiung, denn sie macht die Unterdrückten zu den Hauptakteuren ihrer eigenen Befreiung und zu den Schöpfern einer alternativen Vision von Gesellschaft.

Die Befreiungstheologie übernahm dieses Verständnis von Armut. Dieser Theologie geht es um die Option für die Armen gegen Armut und zugunsten des Lebens und der Freiheit. Aus Solidarität mit den Armen selbst arm zu werden ist ein Engagement gegen die materielle, wirtschaftliche, politische, kulturelle und religiöse Armut. Das Gegenteil von Armut ist nicht Reichtum, sondern Gerechtigkeit und Gleichberechtigung.

Diese zuletzt genannte Perspektive war und ist immer noch zu beobachten und umgesetzt durch Dom Pedro Casaldaliga in all seinen pastoralen Tätigkeiten. Er setzt sogar sein Leben aufs Spiel, um die durch die Großgrundbesitzer von ihrem Land Vertriebenen zu unterstützen. Zusammen mit den Kleinen Schwestern Jesu aus dem Orden von Charles de Foucauld half Dom Pedro bei der Rettung der Tapire, die von der Auslöschung bedroht waren. Es gibt keine soziale und volksnahe Bewegung, die nicht durch diesen Seelsorger unterstützt worden wäre, der sich durch eine außerordentliche Menschlichkeit und Spiritualität auszeichnet.

2. Die andere Armut: die essentielle Armut und die Armut des Evangeliums

Es gibt noch zwei weitere Dimensionen von Armut, die im Leben von Dom Pedro eine Rolle spielen: die essentielle Armut und die des Evangeliums.

Die essentielle Armut resultiert aus unserer Beschaffenheit als Geschöpfe, eine Armut, die konsequenterweise eine ontologische Grundlage hat, d. h. sie ist unabhängig von unserem Willen. Diese Armut entsteht aus der Tatsache, dass wir unsere Existenz nicht uns selbst zu verdanken haben. Wir existieren in Abhängigkeit von Nahrung, Wasser und den ökologischen Bedingungen des Planeten Erde. In diesem radikalen Sinn sind wir arm. Weder gehört die Erde uns noch haben wir sie geschaffen. Wir sind ihre Gäste, Durchreisende auf einem weiten Weg. Noch mehr: menschlich sind wir abhängig von Personen, die uns willkommen heißen und die mit uns leben, mit den Höhen und Tiefen die unserer menschlichen Kondition eigen sind. Wir sind alle gegenseitig voneinander abhängig. Niemand lebt in und von sich selbst. Wir alle sind involviert in einem Netzwerk von Beziehungen, die unser materielles, psychologisches und spirituelles Leben sichern. Daher sind wir arm und voneinander abhängig.

Diese Conditio humanae zu akzeptieren macht uns demütig und menschlich. Arroganz und übertriebene Selbstbehauptung haben hier keinen Platz, denn diese Eigenschaften können sich nicht selbst aufrechterhalten. Diese Situation lädt uns ein, großzügig zu sein. Wenn wir unser Dasein von anderen empfangen, müssen wir es auch anderen zur Verfügung stellen. Diese essenzielle Abhängigkeit lässt uns dankbar sein gegenüber Gott, dem Universum, der Erde und gegenüber allen, die uns so annehmen, wie wir sind. Dies ist essentielle Armut. Dieser Art von Armut machte Dom Pedro zu einem mystischen Bischof, der allen für alles dankbar ist.

Es gibt auch die Armut des Evangeliums, die von Jesus als eine der Seligpreisungen genannt wurde. In der Version des Matthäus-Evangeliums heißt es: „Selig, die arm sind von Gott, denn ihnen gehört das Himmelreich“ (5,3). Diese Art von Armut steht nicht in direkter Verbindung zu Besitz oder Nicht-Besitz, sondern zu einer Seinsweise, einer Haltung, die wir als spirituelle Kindlichkeit bezeichnen könnten. Armut ist hier Synonym für Demut, Loslösung, inneres Leersein, Verzicht auf jeglichen Willen zur Macht und Selbstbehauptung. Sie impliziert die Fähigkeit, sich selbst zu leeren, um Gott aufzunehmen, Anerkennung der Beschaffenheit des Geschöpfs, vor dem Reichtum der Liebe Gottes, die uns ohne Gegenleistung zuteil wird. Das Gegenteil von Armut ist hier Stolz, Großtuerei und das Verschließen seiner selbst vor den anderen und vor Gott.
Diese Armut bezeichnete die spirituelle Erfahrung des historischen Jesus: Er war nicht nur materiell arm und nahm sich der Sache der Armen an, sondern er machte sich selbst auch arm im Geiste, denn „er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz“ (Phil 2,7-9). Diese Armut ist der Weg der Evangelien, weshalb sie auch als evangelische Armut bezeichnet wird, wir der Hl. Paulus vorschlägt: „Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht“ (Phil 2,5).

Der Prophet Zefanja erlebte diese Armut im Geiste als er schrieb: „An jenem Tag brauchst du dich nicht mehr zu schämen wegen all deiner schändlichen Taten, die du gegen mich verübt hast. Ja, dann entferne ich aus deiner Mitte die überheblichen Prahler, und du wirst nicht mehr hochmütig sein auf meinem heiligen Berg. Und ich lasse in deiner Mitte übrig ein demütiges und armes Volk, das seine Zuflucht sucht beim Namen des Herrn“ (Zef 3,11-12).

Diese evangelische Armut und spirituelle Kindlichkeit stehen für die sichtbarsten und überzeugendsten Eigenschaften der Persönlichkeit von Dom Pedro Casaldaliga in seiner armen, doch stets sauberen Kleidung, in seiner humorvollen Sprache, selbst wenn er die Absurditäten der finanzwirtschaftlichen Globalisierung und der neoliberalen Arroganz heftig kritisiert, oder wenn er prophetisch die mittelmäßige Vision der zentralen Führung der Kirche angesichts der Herausforderungen der Elenden dieser Erde anprangert oder wenn es um Themen geht, die die ganze Menschheit betreffen. Diese Haltung der Armut zeigt sich beispielhaft in den Begegnungen mit Christen der Basisgemeinschaften, die in der Regel arm sind, wenn er unter ihnen sitzt und mit tiefer Aufmerksamkeit dem zuhört, was sie sagen, oder wenn er zu den Füßen der Referenten sitzt, seien es Theologen, Soziologen oder Träger anderen qualifizierten Wissens, ihnen zuhört, sich ihre Ideen notiert und demütig Fragen stellt. Diese Offenheit enthüllt ein inneres Leersein, das es ihm ermöglicht, kontinuierlich zu lernen und seine weisen Gedanken über die Wege der Kirche, Lateinamerikas und der Welt darzulegen.

Wenn die gegenwärtigen turbulenten Zeiten vorbei sein werden, wenn Misstrauen und Bosheit vom Strudel der Zeit verschluckt sein werden, wenn wir zurück auf die Vergangenheit blicken und die letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts und des Beginns des 21. Jahrhunderts bedenken werden, werden wir einen Stern am Himmel unseres Glaubens erkennen, einen Stern, der scheint, nachdem er Wolken durchquert, Dunkelheit ertragen und Stürme überwunden hat: Es wird die einfache, arme, demütige, spirituelle und heilige Gestalt eines Bischofs sein, der, auch wenn er aus einem anderen Land stammte, einer der Unsrigen wurde, und der trotz seiner Distanz uns nahe kam und Bruder aller wurde, ein universeller Bruder: Dom Pedro Casaldaliga, der heute seinen 90. Geburtstag feiert.

Leonardo Boff
16.02.2018

*Leonardo Boff, geb. 1938, ist ein Theologe, Philosoph und Autor, der mit Michail Gorbatschow, Maurice Strong u. a. das Dokument der UNO schrieb und publizierte: die Erd-Charta. Er ist bewegt, fasziniert und inspiriert durch Dom Pedro Casaldaliga.

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Die Zukunft der Erde fällt nicht vom Himmel

Leonardo Boff
Öko-Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

 

Den meisten Leserinnen und Lesern wird es schwer fallen zu akzeptieren, was ich heute schreibe. Obwohl in den besten wissenschaftlichen Köpfen verankert, die an der Universität studierten, ist die Situation des Planeten Erde und ihr eventueller Kollaps oder qualitativer Sprung in ein anderes Realitätslevel seit fast einem Jahrhundert weder ins kollektive Bewusstsein eingedrungen noch in die größeren akademischen Institute. Das alte atomische, mechanistische und deterministische Paradigma, entstanden im 16. Jh. durch Newton, Francis Bacon und Kepler, besteht beharrlich weiterhin, als hätte es Einstein, Hubble, Planck, Heisenberg, Reeves, Hawking, Prigogine, Wilson, Swimme, Lovelock, Capra und so viele andere nie gegeben, die eine neue Vision des Universums und der Erde ausarbeiteten.

Zu Beginn möchte ich Christian de Duve zitieren, den Nobelpreisträger für Biologie von 1974, der eines der besten Bücher über die Geschichte des Lebens schrieb: „Vital Dust: Life as a Cosmic Imperative (Aus Staub geboren. Leben als kosmische Zwangsläufigkeit, 1995): „Die biologische Evolution treibt mit einem beschleunigten Rhythmus auf eine ernsthafte Instabilität zu. Unsere Zeit erinnert uns an die großen Umbrüche in der Evolution, die durch massives Artensterben geprägt waren“ (S. 355). Diesmal wird die Ursache kein riesiger Meteorit sein, der fast alles Leben eliminiert wie in vergangenen Epochen, sondern die Ursache wird der Mensch selbst sein, der nicht nur selbstmörderisch und gemeingefährlich sein kann, sondern der auch eine Gefährdung für die Umwelt, das Leben und den Planeten darstellt. Der Mensch ist in der Lage, fast alles Leben auf unserem Planeten auszulöschen, sodass nur noch die unterirdischen Mikroorganismen überleben, Bakterien, Pilze und Viren, deren Anzahl in die Billiarden geht.

Angesichts dieser Bedrohung, dem Resultat der Todesmaschine, die durch die Irrationalität der Moderne geschaffen wurde, führte man den Begriff „anthropozentrisch“ ein zur Bezeichnung der  Gegenwart als eine neue geologische Ära, in welcher die große Bedrohung von Zerstörung durch den Menschen (Anthropos) selbst kommt. Der Mensch hat in den Rhythmus der Natur und der Erde interveniert und setzt dies tiefgreifend fort, was die eigentliche ökologische Basis, die uns trägt, beeinträchtigt.

Gemäß den Biologen Wilson und Ehrlich werden jährlich zwischen 70 und 100 Tausend Spezies aussterben aufgrund des feindseligen Verhältnisses, das der Mensch zur Natur aufrechterhält.  Die Konsequenz ist klar: Die extremen Ereignisse, die wir erleben, zeigen unwiderlegbar, dass die Erde aus dem Gleichgewicht gekommen ist. Nur ein Ignorant, so wie Donald Trump es ist, leugnet diese empirische Evidenz.

Der berühmte Kosmologe, Brian Swimme, der in Kalifornien ein Dutzend Wissenschaftler anleitet, die die Geschichte des Universums erforschen, tut sich hingegen schwer, einen Ausweg zu finden. Bei dieser Gelegenheit möchte ich darauf hinweisen, dass der Kosmologe Swimme und der Kultur-Anthropologe Thomas Berry eine Geschichte des Universums herausgaben, die auf den besten wissenschaftlichen Daten basiert, vom Urknall bis heute (The Universe Story, San Francisco, Harper 1992), was bis heute als das brillanteste Werk gilt. (Die Übersetzung ins Portugiesische wurde bereits angefertigt, doch die brasilianischen Verleger waren zu töricht, und bis heute wurde es dort noch nicht publiziert. Die spanische Übersetzung wurde gering geschätzt, da das Buch der konkreten Situation der USA zu viel Raum gibt). Die Autoren entwarfen das Konzept „die ökozoische Ära“ oder das „Ökozoikum“, eine vierte biologische Ära, die auf das Paläozoikum, Mesozoikum und unser Neozoikum folgt.

Das Ökozoikum beginnt mit einer Sichtweise des Universums als kosmogenetisch. Sein Markenzeichen ist nicht die Beständigkeit, sondern die Evolution, Expansion und Selbst-Erschaffung von immer komplexerem „Entstehenden“. Dadurch wird die Geburt neuer Galaxien, neuer Sterne und Lebensformen auf der Erde möglich, einschließlich unseres bewussten und spirituellen Lebens.

Die Autoren schrecken vor dem Begriff „spirituell“ nicht zurück, denn sie begreifen, dass der Geist Teil des Universums selbst ist, stets präsent und der in einer fortgeschrittenen Phase der Evolution selbst-bewusst wurde und uns selbst als Teil des Ganzen versteht.

Diese ökozoische Ära repräsentiert eine Restauration des Planeten durch ein Verhältnis, das geprägt ist von Achtsamkeit, Respekt und Hochachtung gegenüber dem wunderbaren Geschenk der lebendigen Erde. Die Ökonomie sollte nicht Akkumulation anstreben, sondern nur das, was für alle notwendig ist, sodass die Erde ihre Nährstoffe reproduzieren kann. Die Zukunft der Erde fällt nicht vom Himmel, sondern hängt ab von den Entscheidungen, die wir treffen, um im Einklang mit den Rhythmen der Natur und dem Universum zu bleiben. Ich zitiere Swimme:

Die Zukunft wird entweder durch diejenigen bestimmt, die dem Technozoikum angehören – eine Zukunft mit steigender Ausbeutung der Erde als Ressource, stets zum Vorteil der Menschen – oder durch diejenigen, die sich dem Ökozoikum verschrieben haben, einer neuen Weise, mit der Erde in einem Verhältnis zu stehen, in welchem dem Wohlbefinden der Erde und der gesamten Gemeinschaft irdischen Lebens das Hauptinteresse gilt (S. 502).

Wenn das Ökozoikum sich nicht durchsetzt, werden wir aller Wahrscheinlichkeit nach eine Katastrophe erleben, diesmal von der Erde selbst hervorgerufen, womit sie sich von einer Spezies ihrer Kreaturen befreien wird, die alles auf gewaltsame Weise besetzte, indem sie eine andere Spezies bedrohte, die durch die gemeinsame Abstammung und dasselbe genetische Erbe ihre Brüder und Schwestern sind, was aber nicht anerkannt wird und in deren Missbrauch und sogar Mord mündet.

Unser Überleben auf diesem Planeten müssen wir uns verdienen. Doch dies hängt davon ab, ob wir ein freundschaftliches Verhältnis zu Natur und Leben pflegen, und von einer tiefgreifenden Veränderung unserer Lebensweisen. Swimme fügt hinzu: „Wir werden nicht in der Lage sein zu überleben, ohne eine besondere Intuition (Innensicht), die die Frauen schon immer in allen Phasen der menschlichen Existenz hatten“ (S. 501).

Dies ist der Scheideweg unserer Zeit: uns entweder zu verändern oder auszusterben. Doch wer glaubt das schon? Wir werden weiterhin laut unsere Stimme erheben.

Leonardo Boff
12.01.2018

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Im roten Bereich: Der Mensch – ein Teufel für Mutter Erde

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

Der 2. August 2017 bezeichnete ein Datum, das sowohl für die Menschheit als auch für jede einzelne Person Besorgnis erregend ist. Es war der „Welterschöpfungstag“, der Tag, an dem die menschliche Nachfrage an Ressourcen das Angebot und die Kapazität der Erde zur Reproduktion dieser Ressourcen in diesem Jahr übersteigt. Wir waren im grünen Bereich und sind nun in den roten Bereich gelangt, d. h. wir schreiben nun rote Zahlen. Was auch immer wir von nun an verbrauchen, wird der Erde gewaltsam entrissen, nicht nur um unerlässliche menschliche Bedürfnisse zu stillen, sondern, was noch schlimmer ist, um das zügellose Maß an Konsum der reichen Ländern aufrecht zu erhalten.

Diesen Fakt bezeichnet man oft als den „ökologischen Fußabdruck“. Dieser Fußabdruck misst die Größe an fruchtbarem Land und Wasser, das gebraucht wird, um die notwendigen Lebensmittel wie Wasser, Getreide, Fleisch, Fisch, Holz, erneuerbare Energien u. a. herzustellen. Zurzeit nutzen wir 12 Milliarden Hektar an fruchtbarem Land (Urwald, Weideland und Ackerland), doch eigentlich bräuchten wir 20 Milliarden. Wie lässt sich  dieses 8 Milliarden Defizit überbrücken? Indem wir immer mehr von der Erde nehmen… doch wie lange ist das noch möglich? Wir plündern Mutter Erde nach und nach aus. Wir wissen nicht, wann der Punkt gekommen sein wird, an dem sie kollabiert, doch wenn das opulente Maß an Konsum und Müllerzeugung sich fortsetzt, wird dieser Tag kommen, und zwar mit entsetzlichen Konsequenzen für alle.

Wenn wir von Hektar Land sprechen, meinen wir nicht nur den Ackerboden, sondern alles, das uns zur Produktion dient wie z. B. Holz für Möbel, Baumwolle für die Kleidung, Farbstoffe, natürliche Quellen für Medizin, Mineralien u. a.

Jeder Mensch braucht im Durchschnitt 1,7 Hektar Land, um zu überleben. Fast die Hälfte der Menschheit (43 %) befindet sich unter diesem Level, wie die von Hunger gezeichneten Länder: Eritrea mit einem ökologischen Fußabdruck von 0,4 Hektar, Bangladesch mit 0,7 Hektar, Brasilien mit überdurchschnittlichen 2,9 Hektar. 54 % der Weltbevölkerung leben über ihre Bedürfnisse, so wie die USA mit 8,2 Hektar, Kanada mit 8,2, Luxemburg mit 15,8, Italien mit 4,6 und Indien mit 1,2 Hektar.

Dieses ökologische Defizit ist ein Darlehen, das wir zu unserem gegenwärtigen Nutzen und Spaß den künftigen Generationen wegnehmen. Doch wenn diese Generationen da sein werden, wie sollen wie ihren Bedarf an Nahrung, Wasser, Fasern, Getreide, Fleisch und Holz stillen? Sie werden einen verarmten Planeten erben.

Wir befürchten, dass unsere Nachkommen beim Blick auf die Vergangenheit uns schließlich verfluchen werden: “Ihr habt nicht an eure Kinder, Enkel und Urenkel gedacht; ihr wusstet nicht, wie man einen bewahrt und einen moderaten und bescheidenen Konsum entwickelt, sodass einige der Güter der Erde für uns übrig blieben, und nicht nur für uns, sondern auch für alle Lebewesen, die brauchen, was wir uns aneignen“. Dies führt uns zu den Worten von Duwamish-Suquamish Großvater Si’ahl, aka, von Seattle: „Wenn alle Tiere verschwunden sind, wird der Mensch aus spiritueller Einsamkeit sterben, denn alles, was den Tieren passiert, wird auch dem Menschen geschehen, denn alles ist miteinander verbunden“.

Eine perverse, grausame und erbarmungslose soziale Ungerechtigkeit herrscht vor: 15 % derjenigen, die in den opulenten Regionen der Nordhälfte des Planeten leben, eignen sich 75 % dessen natürlichen Güter an und nutzen 40 % seines fruchtbaren Landes. Millionen von Menschen müssen wie verhungernde Hunde auf die Krümel hoffen, die von den übervollen Tischen der Reichen fallen.

Tatsächlich resultiert das Defizit der Erde aus einer Ökonomie, die „die Freundlichkeit der Natur“ verschwendet, wie die Völker in den Anden sagen, durch Entwaldung, Verschmutzung von Wasser und Erde, Verarmung des Ökosystems und Erosion der Biodiversität. Diese Effekte werden als „extern“ bezeichnet, was weder den Profit beeinträchtigt noch in die Buchführung des Managements Eingang findet. Doch sie haben einen Einfluss auf gegenwärtiges und künftiges Leben.

Der Wirtschaftswissenschaftler Ladislau Dowbor von der Päpstlichen Katholischen Universität von Sao Paulo fasst das Problem in seinem Buch „Ökonomische Demokratie“ (Democracia economica, Vozes, 2008) klar zusammen: „Es erscheint schon absurd genug, doch das Wesen der Wirtschaftstheorie, mit der wir arbeiten, berücksichtigt nicht die Plünderung des Planeten. In der Praxis, innenpolitisch betrachtet, ist es so, als überlebten wir, indem wir die Möbel, die Vermögen des Hauses, verkauften … und glaubten, dass wir mit diesem Einkommen normal weiterleben können und dass wir unseren Haushalt ordentlich geführt hätten. Wir zerstören die Erde, das Wasser, das Leben in den Meeren, den Pflanzenwuchs, die Ölreserven, die Ozonschicht, das ganze Klima, doch alles, woran wir denken, ist das Wirtschaftswachstum“ (S. 123).

Dies ist die gängige Logik der gegenwärtigen neoliberalen, irrationalen und selbstmörderischen Marktwirtschaft. In radikalen Worten ausgedrückt würde ich sagen: die Menschheit offenbart sich selbst als der Teufel der Erde und nicht als ihr Schutzengel.

                                                                                                                                                                                                                                                                    Leonardo Boff
15.08.2017

 

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Die Kraft der Niedrigen und Geringen: die Theologie der Befreiung

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta-Kommission

 

Wie immer fand drei Tage vor dem Weltsozialforum das Forum der Befreiungstheologie statt. Aus allen Kontinenten nahmen mehr als zweitausend Personen, die für diese Art der Theologie arbeiten, an dem Forum teil: aus Südkorea, aus mehreren afrikanischen Ländern, den USA, Europa und aus ganz Lateinamerika. Die Befreiungstheologie erfordert, stets einen Fuß in der Welt der Armut und des Elends zu haben und einen anderen Fuß in der theologischen und pastoralen Reflexion. Ohne diese enge Verbindung verdient eine Befreiungstheologie diesen Namen nicht.

Gelegentlich  führen wir Auswertungen durch. Die erste Frage lautet: Wie existiert das Reich Gottes hier in unserer widersprüchlichen Realität? Wo sind die Zeichen des Gottesreiches in unserem Kontinent, in China und im gekreuzigten Afrika, vor allem in den kleinsten unserer Länder? Nach dem Gottesreich zu fragen heißt nicht, nach der Kirche zu fragen, sondern danach, wie der Traum Jesu vorankommt. Sein Traum besteht aus bedingungsloser Liebe, Solidarität, Mitgefühl, sozialer Gerechtigkeit, Offenheit für das Heilige und dass die Unterdrückten in den Mittelpunkt rücken. Diese und andere Werte bilden den Inhalt dessen, was wir Reich Gottes nennen, die zentrale Botschaft Jesu. Der Name klingt zwar religiös, doch sein Inhalt ist humanistisch und universell. Jesus von Nazareth kam uns zu lehren, wie wir diese Werte leben können, nicht wie wir die Doktrin darüber  verbreiten.

Wenn jemand fragt, welche Fortschritte die Befreiungstheologie macht, findet sich die Antwort ebenfalls in einer anderen Frage: Wie werden die Armen, Unterdrückten, Frauen, Arbeitslosen, Ureinwohner, die Nachkommen der Afro-Bevölkerung und andere Ausgeschlossene behandelt? Wo finden sie Platz in der befreienden Praxis der Christen? Es ist unerlässlich zu betonen, dass nicht die Befreiungstheologie im Mittelpunkt steht, sondern die konkrete Befreiung der Unterdrückten, d. h. das gegenwärtige Gottesreich und nicht bloß das Nachdenken darüber.

Vom 12.-14. Oktober versammelten sich ca. 50 Theologen und Theologinnen aus ganz Lateinamerika in Puebla (Mexiko). Diese Versammlung wurde durch Amerindia organisiert, einem Netzwerk von Organisationen und Personen, die sich für den Prozess der Transformation und der Befreiung unserer Völker einsetzen. Diese Versammlung, die in einem christlichen und kritischen Ton abgehalten wurde, analysierte den  historischen Moment, in dem wir uns zurzeit befinden, aus einer ganzheitlichen Perspektive und mit Betonung auf den prophetischen/mystischen und methodologischen Inhalten der Befreiungstheologie, ausgehend von dieser Realität.

Einige der “Gründungsväter” dieser Art von Theologie (aus den frühen 1970er Jahren) waren anwesend, alle im Alter zwischen 75 und 80 Jahren. Ihnen schloss sich die neue Generation von jungen Theologen (incl. einiger Indigenen) und Theologinnen (Schwarze und Indigene) an. In  einem tiefen Gefühl der Gleichheit und Geschwisterlichkeit wollten wir neue Perspektiven, Herangehensweisen und Methoden des Voranbringens dieser Art von Theologie herausarbeiten sowie die Würde, die wir denjenigen zurechnen, die „nicht zählen“ und denen in unserer neoliberalen und kapitalistischen Gesellschaft kein Platz zugestanden wird.

Anstelle von großen Versammlungen – es gab nur zwei Einführungen zur Eröffnung – zogen wir es vor, an runden Tischen und in Kleingruppen zu arbeiten und uns auszutauschen. Auf diese Weise konnten alle teilnehmen und sich gegenseitig konstruktiv bereichern. Da waren Theologen und Theologinnen, die inmitten der Ureinwohner arbeiten, andere in den armen Randgebieten der Städte, andere Theologen und Theologinnen, die sich mit Genderfragen in einer ganzen Region beschäftigen (wie die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen in Machtverhältnissen überwunden werden kann), andere waren Universitätsprofessoren und Forscher, die mit sozialen Bewegungen in organischer Verbindung stehen. Alle brachten kraftvolle und sogar aus gefährlichen Situationen stammende Erfahrungen mit, insbesondere in Mittelamerika mit seinen Drogenkartells, den Verschwundenen, den „Maras“ (organisierten Verbrechergruppen gewaltbereiter Jugendlicher) und der Gewalt der Polizei. Die ganze Arbeit wurde durch das Internet weitergeleitet, und dort gibt es Abertausende von Anhängern im ganzen Kontinent.

Die Dichte der Reflexion in diesen drei Tagen intensiver Arbeit kann hier nicht zusammengefasst werden, doch es war klar, dass es unterschiedliche Formen im Verständnis der Realität (Erkenntnistheorie) gibt, sei es auf Seiten der Ureinwohner, der Afro-Nachkommen oder der Ausgegrenzten oder integrierten Männer und Frauen. Allen war klar, dass das Problem der Armen nicht gelöst werden kann ohne die Armen selbst. Die Armen müssen sowohl das Thema als auch die Handelnden ihrer eigenen Befreiung sein. Wir sind bereit, ihre Verbündeten zu sein und sie zu unterstützen.

Die Befreiungstheologie der „Alten“ und der Neuen ist wie eine Saat, die für „die Kraft der Niedrigen und Geringen“ steht, das Motto der Versammlung. Diese Saat ist nicht gestorben. Sie wird so lange leben, wie es auch nur einen einzigen unterdrückten Menschen geben wird, der nach Befreiung ruft.

Wir erinnerten uns an das Gedicht von Pablo Neruda: „Woher wissen die Wurzeln, dass sie sich ausstrecken müssen, um das Licht zu sehen und dann den Wind zu grüßen mit so vielen Blüten und Farben?“ Mit Dostojewski und Papst Franziskus glauben wir auch, dass das, was die Welt retten wird, im Grunde die Schönheit ist, die Frucht der Liebe zum Leben und zu all denjenigen,  die ungerechterweise weniger vom Leben haben.

Leonardo Boff
24.10.2017

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Das mexikanische Volk hat der Welt ein Beispiel gegeben

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

 

Am 19. und 23. September wurde Mexiko von zwei Erdbeben erschüttert, eins davon in der Stärke 7,1 und das andere 6,1 auf der Richterskala. Davon betroffen waren zwei Staaten und  viele Kommunen einschließlich der Hauptstadt Mexiko City. Hunderte von Häusern waren eingestürzt, und in weiteren Hunderten von Gebäuden gab es Risse in den Wänden. Von schönen Kirchen, wie der Franziskus-Kirche von Puebla, wurden die Türme beschädigt. Jeder erinnert sich noch an das schreckliche Erdbeben von 1985, dem mehr als 10.000 Menschen zum Opfer fielen. Dieses Erdbeben tötete, obwohl es ein sehr starkes war, 360 Menschen.

Ich war vor kurzem in Mexiko City und in Puebla, wo ich zu Vorträgen eingeladen war, und konnte mir vor Ort ein Bild machen von den Verwüstungen und Traumata, mit denen die Menschen dort belastet sind.

Doch was allgemeine Aufmerksamkeit erregte, war der Geist der Solidarität und der Kooperation des mexikanischen Volkes. Ohne dass auch nur einer von ihnen dazu aufgefordert worden wäre, kamen Tausende von Menschen, vor allem junge Leute, und begannen, die Trümmer wegzuräumen, um die verschütteten Opfer zu bergen. Spontan bildeten sich Helfergruppen, und dieser solidarische Geist ist es, der viele Leben rettete.

Sofort wurden Zentren geschaffen, in denen Opfer Hilfe bekamen wie reichlich Wasser, Vorräte, Kleidung, Decken und alle Art von wichtigen Haushaltsutensilien. Während ich diesen Artikel schreibe (am 13. Oktober 2017) bestehen noch viele Stellen, an denen es Proviant für die Opfer gibt. Kooperation kennt keine Grenzen.

Ich möchte nur zwei bewegende Fakten benennen. Erstens: ein Schulgebäude, in dem sich viele Kinder befanden, war langsam dabei, einzustürzen. Ein junger Mann, der sah, dass sich eine Art Kanal inmitten der Ruinen gebildet hatte, kroch schnell durch das Loch und rettete mehrere 5-7 Jahre alte Kinder. Als er gerade das letzte Kind gerettet hatte, fiel ein weiterer Gebäudeabschnitt der Schule plötzlich zusammen, dem er nur um Haaresbreite entkam.

Das zweite Geschehen: eine junge, ca. 30 Jahre alte Frau verbrachte 34 Stunden unter dem Schutt begraben. Sie gab ein bewegendes Fernsehinterview, in dem sie die verschiedenen Phasen ihrer Tragödie mitteilte. In den Trümmern gefangen lag eine Betonwand auf einer Seite ihres Gesichts. 30 Stunden lang konnte sie keine Stimmen, keine Fußschritte oder andere Geräusche vernehmen, die ihr angezeigt hätten, dass jemand in ihrer Nähe sie retten könnte.

Dann beschrieb sie die unterschiedlichen psychologischen Stadien wie wir sie kennen, wenn eine kranke Person erfährt, dass ihre Krankheit unheilbar ist und der nahe Tod unausweichlich.

Im ersten Augenblick fragte die Frau sich selbst: “Warum ich, warum muss gerade ich diese Tragödie erleiden?” Dann begann sie fast hoffnungslos zu weinen bis sie keine Tränen mehr hatte. Danach fing sie an zu beten und Gott und alle Heiligen anzuflehen, vor allem Unsere Dame von Guadeloupe, die das mexikanische Volk am meisten verehrt. Schließlich fand sie sich mit der Situation ab und übergab sich vertrauensvoll dem geheimnisvollen Willen Gottes. Doch die Hoffnung gab sie nicht auf.

Endlich hörte sie Schritte, dann Stimmen. Die Hoffnung brach wieder auf. Nach 34 Stunden, während derer sie sprichwörtlich unter einem Trümmerberg begraben war, wurde sie gerettet. Und da war sie nun, glücklich und wohlauf, begleitet von einem Psychologen, einem Spezialisten für Traumata wie solchen nach plötzlichen Erdbeben, der von ihrer schrecklichen Erfahrung berichtete.

Mexiko ist bekannt dafür, durch die Konfiguration seiner tektonischen Platten ein erdbebengefährdetes Gebiet zu sein. Der Mensch hat über diese Naturgewalten keine Macht. Was Menschen tun können, ist Vorkehrungen zu treffen: lernen, erdbebensichere Gebäude zu errichten, so wie die Japaner dies tun, und vor allem lernen, mit dieser unbezwingbaren Realität zu leben, wie die Bevölkerung unseres halb-ariden Nordbrasiliens, das sich an die Dürre anpassen und mit ihr leben muss, die so wie jetzt mehrere Jahre lang anhalten kann.

In der Debatte nach einem Vortrag an der Iberoamerikanischen Universität von Mexiko City erklärte eine Frau: „Würde unser Land und die ganze Menschheit in diesem Geist der Solidarität und der Kooperation leben, gäbe es weltweit keine armen Menschen, und wir hätten einen Teil des verlorenen Paradieses gerettet.“

Ich bestärkte sie in diesem Ideal und sagte ihr, dass es die Kooperation und Solidarität unserer anthropoiden Vorfahren war, welche begannen, ihr Essen zu teilen, die es ihnen ermöglichte, den Sprung von der Bestialität zur Humanität zu machen. Was gestern wahr war, muss auch heute noch wahr sein. Ja, Solidarität und allgemein die Kooperation aller mit allen wird retten, was uns so ganz menschlich macht. In dieser jüngsten Zeit hat das mexikanische Volk uns ein glänzendes Beispiel dieser grundlegenden Wahrheit gegeben.

Leonardo Boff
13.10.2017

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Angst: der Feind der Lebensfreude

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta-Kommission

In Brasilien wie in der ganzen Welt haben die Menschen heute Angst vor Überfällen, auch vor tödlichen Übergriffen sowie vor verirrten Kugeln und Terrorattacken.  Die jüngsten Terrorattacken in Barcelona und London verursachten verbreitete Angst, ungeachtet der vielen Solidaritätsbezeugungen und Aufrufen, Ruhe zu bewahren.

Wenn wir den Dingen auf den Grund gehen, müssen wir erkennen, dass dieser allgemeine Angstzustand  letztlich eine Konsequenz dieser Art von Gesellschaft ist, die die Anhäufung materieller Güter über den Menschen und den Wettbewerb als höchsten Wert über Kooperation gestellt hat. Darüber hinaus wählte sie die Gewalt als Mittel, um persönliche und soziale Problem zu lösen.

Wir müssen Wettbewerb unterscheiden von Wetteifer. Wetteifer ist gut, denn er bringt das Beste in uns an die Oberfläche und zeigt es in Einfachheit. Wettbewerb ist problematisch, denn er bedeutet den Sieg des Stärksten unter den Herausforderern, der alle anderen besiegt, wodurch Spannungen, Konflikte und Kriege entstehen.

Es gibt keinen Frieden in einer Gesellschaft, in der diese Logik vorherrscht, höchstens Waffenstillstand. Da ist immer die Angst vor Verlust, Verlust von Marktanteilen, von Wettbewerbsvorsprung, von Verdienst, vom Arbeitsplatz und den Verlust des eigenen Lebens.

Der Wille zur Anhäufung produziert gleichermaßen Sorge und Angst. Seine dominierende Logik ist folgende: Wer nichts besitzt, möchte besitzen; wer besitzt, möchte mehr besitzen; wer mehr besitzt sagt, es sei nie genug. Der Wille zur Anhäufung nährt die Struktur einer Begierde, die unersättlich ist, wie wir wissen. Daher strebt er danach, das Niveau der Anhäufung und des Konsums zu garantieren. Dies resultiert in Sorge und Angst vor dem Nicht-Besitzen, vor dem Verlust des Konsumniveaus, vor dem Abstieg des sozialen Status und schließlich auch vor drohender Armut.

Der Gebrauch von Gewalt, um Probleme zwischen Staaten zu lösen, wie der Krieg der USA gegen den Irak zeigt, gründet sich auf der Illusion, dass sich durch das Bekämpfen oder Demütigen des Anderen  eine friedliche Koexistenz aufbauen lässt. Etwas, das so zutiefst böse ist wie die Gewalt, kann nicht die Quelle eines dauerhaften Wohls sein. Ein friedliches Ziel verlangt nach friedlichen Mitteln. Menschen können verlieren, doch sie werden niemals Wunden tolerieren, die ihrer Würde zugefügt wurden. Wunden, die nicht verheilen können, bleiben offene Wunden, und es bleibt immer die Bitterkeit und ein Geist der Rache, ein Humus, der Terrorismus nährt, viele unschuldige Leben schikaniert, wie wir in so vielen Ländern gesehen haben.

Unsere Gesellschaft weißer, chauvinistischer, westlicher Art hat den Weg repressiver und aggressiver Gewalt gewählt.  Aus diesem Grund sind westliche Gesellschaften stets in Kriege verwickelt, die sich immer zerstörerischer auswirken wie der gegenwärtige Krieg in Syrien, mit Guerillas, die sich zunehmend ausgetüftelter Techniken bedienen und immer häufiger angreifen. Hinter diesen Fakten versteckt sich ein Ozean aus Hass, Bitterkeit und Rachegelüsten. Angst schwebt wie eine dunkle Wolke über der Allgemeinheit und dem Einzelnen.

Wenn sich ein Mensch um einen anderen sorgt, werden Angst und ihre Folgen entkräftet. Fürsorge besitzt einen fundamentalen Wert für das Verstehen des Lebens und der Beziehungen zwischen allen Lebewesen. Ohne Fürsorge kann Leben weder geboren noch reproduziert werden. Fürsorge ist die wichtigste Richtschnur für unser Verhalten, sodass seine Auswirkungen gut sind und Koexistenz fördern.

Sich um Menschen zu sorgen heißt, mit ihnen zu tun haben, sich für ihr Wohlergehen zu interessieren und sich für ihr Geschick verantwortlich zu fühlen. Aus diesem Grund sorgen wir für alle, die wir lieben, und wir lieben alle, für die wir sorgen.

Eine Gesellschaft, die sich an der Fürsorge leiten lässt, an der Sorge um das Gemeinsame Haus, die Erde, an der Sorge für das Ökosystem, das die Bedingungen für die Biosphäre und unseres Lebens gewährleistet, an der Sorge für die Nahrungssicherheit aller, an der Sorge für die sozialen Beziehungen, sodass sie partizipatorisch, gleichberechtigt, gerecht und friedlich sind, an der Sorge für die spirituelle Umgebung der Kultur und dadurch Menschen ermöglichen, sich eines positiven Lebenssinns zu erfreuen, Begrenzungen zu akzeptieren, das Älterwerden und den Tod selbst als Teil des sterblichen Lebens: eine solche Gesellschaft wird sich am Frieden und der Harmonie erfreuen, die für die menschliche Koexistenz unabdingbar sind.

Gerade in Momenten großer Angst kommen den Worten des Psalm 23 besondere Bedeutung zu: “Der Herr ist mein Hirte. Nichts wird mir fehlen“. Der gute Hirte sorgt für Sicherheit: „Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir.“

Wer in diesem Vertrauen lebt, fühlt sich durch und in der Hand Gottes geborgen. Das Leben des Menschen gewinnt an Licht und bewahrt sich selbst inmitten von Risiken und Bedrohungen eine gelassene Fröhlichkeit und Lebensglück. Es spielt keine große Rolle, was auf uns zukommt, denn es wird in Seiner Liebe geschehen. Er kennt den Weg, und Er kennt ihn gut.

Leonardo Boff
05.09.2017

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