Die kapitalistische Kultur ist lebens- und glücksfeindlich

Der Niedergang der Theorie, die dem Kapitalismus als eine Produktionsform zugrunde liegt, nahm seinen Anfang mit Karl Marx und schritt fort durch das 20. Jahrhundert mit dem Aufkommen des Sozialismus. Um seinen Hauptzweck, dem unbegrenzten Anhäufen von Reichtum, zu erreichen, steigerte der Kapitalismus alle zur Verfügung stehenden Produktionskräfte. Doch als Resultat war von Anfang an ein hoher Preis zu zahlen: eine perverse soziale Ungleichheit. Ethisch-politisch ausgedrückt bewirkt er soziale Ungerechtigkeit und das systematische Anwachsen von Armut.

In den vergangenen Jahrzehnten wurde den Menschen bewusst, dass es nicht nur soziale Ungerechtigkeit gibt, sondern auch ökologische Ungerechtigkeit: die Zerstörung des gesamten Ökosystems, der Raubbau von Bodenschätzen und schließlich eine allgemeine Krise des Lebens- und Erdsystems. Produktive Kräfte wurden in destruktive Kräfte verwandelt. Geld ist zum Selbstzweck geworden. So warnte Papst Franziskus in allgemein bekannten Abschnitten des Apostolischen Schreibens über die Ökologie: „Im Kapitalismus regiert nicht mehr der Mensch, sondern das Geld und nochmals das Geld. Der Antrieb ist der Profit … Ein Wirtschaftssystem, das sich um den Gott Geld dreht, bedarf des Raubbaus der Natur, um seinen inhärenten frenetischen Konsumrhythmus beizubehalten.

Jetzt hat der Kapitalismus sein wahres Gesicht gezeigt: Wir haben es mit einem System zu tun, das gegen das Leben der Menschen und das Leben der Natur ist. Und wir stehen vor einem Dilemma: entweder ändern wir uns, oder wir laufen Gefahr, uns selbst zu zerstören, wie die Erd-Charta warnt.

Nichtsdestoweniger besteht der Kapitalismus weltweit als dominantes System fort unter dem Namen der neo-liberalen Markt-Makroökonomie. Worauf beruhen seine Dauer und sein Fortbestand? Meiner Meinung nach auf der Kultur des Kapitals. Die Kultur des Kapitals ist mehr als ein Produktionsmodus. Als eine Kultur verkörpert sie eine Lebensweise eine Produktionsweise, eine Konsumweise, die Art des Verhältnisses zu Natur und zum Menschen, die Art, wie man ein System schafft, dem es gelingt, sich selbst ständig zu reproduzieren unabhängig von der Kultur, in der es sich befindet. Er hat eine Mentalität geschaffen, eine Art der Machtausübung und einen ethischen Kodex. Fabio Konder Comparato streicht dies in seinem Buch „A civilização capitalista“ (Eine kapitalistische Kultur), (Saraiva, 2014) heraus, das sich zu lesen lohnt: „Der Kapitalismus ist die erste Welt-Zivilisation der Geschichte“ (S. 19). Voller Stolz bekräftigt der Kapitalismus: „Es gibt keine Alternative“.

Wir wollen uns kurz einige seiner Charakteristika vor Augen halten: der Endzweck des Lebens besteht im Ansammeln von materiellen Gütern durch unbegrenztes Wachstum, hergestellt durch grenzenlose Ausbeutung aller natürlichen Ressourcen, durch die Vermarktung von allem und jedem und mithilfe von Finanzspekulation. All dies wird durch geringstmögliches Investieren erreicht, im Streben nach dem größtmöglichen Profit, durch Effizienz und in kürzest möglicher Zeitspanne. Der Motor heißt Wettbewerb, angetrieben durch Werbung, der zuletzt Begünstigte ist das Individuum, das Versprechen heißt Glück in einem puren materialistischen Kontext.

Zu diesem Zweck übernimmt der Kapitalismus die Macht über die gesamte Lebenszeit des Menschen und lässt ihm keinen Raum für unnötige Aktivitäten, für geschwisterliche Koexistenz unter Menschen und mit der Natur, für Liebe, für solidarische Bekenntnisse und für die Erfahrung von Lebensfreude durch einfaches Leben. Da solche Realitäten für die Kultur des Kapitals nicht wichtig sind, aber die Realitäten sind, die Glück möglich machen, zerstört der Kapitalismus die nötigen Bedingungen für das, was er anbietet: Glück. Auf diese Weise richtet sich Kapitalismus nicht nur gegen das Leben, sondern auch gegen das Glück.

Wie sich daraus folgern lässt, sind diese Ideale nicht gerade das, was am dringendsten für die endliche und einzige Zeit, die wir in unsrem Leben auf diesem kleinen Planeten haben, brauchen. Der Mensch hungert nicht nur nach Brot und Reichtum; der Mensch trägt auch andere Bedürfnisse in sich, wie die nach Kommunikation, Verzauberung, liebende Leidenschaft, Schönheit, Kunst und den Hunger nach Transzendenz und vielem anderen mehr.

Doch wieso scheint die Kultur des Kapitals so beharrlich? Ohne zu zögern würde ich sagen, dass, selbst wenn sie dies in einer entstellten Form tut, sie deshalb fortbesteht, weil die Kultur des Kapitals eine der essentiellen Dimensionen der menschlichen Existenz verwirklicht: das Verlangen nach Selbstbestätigung, um das Ego zu bestärken. Andernfalls könnte sie nicht bestehen und würde von anderen Dimensionen absorbiert werden oder einfach verschwinden.

Biologen und selbst Kosmologen (wie z. B. Brian Swimme, um nur einen der Intelligentesten zu nennen) lehren uns, dass in allen Lebewesen des Universums, vor allem im Menschen, zwei Kräfte vorherrschen, die miteinander in Spannung stehen. Die eine ist der Wille des Individuums, zu sein, fortzubestehen und innerhalb des Lebensprozesses voranzuschreiten; dafür muss das Individuum sich selbst bestätigen und seine Identität, sein „Ego“ bestärken. Die andere Kraft ist die der Integration in das größere Ganze, innerhalb der Spezies, deren Teil das Individuum ist, indem es Netzwerke und Beziehungssysteme bildet, ohne die niemand bestehen kann.

Die erste Kraft dreht sich um das Ego und um das Individuum und kreiert Individualismus. Die zweite Kraft hat ihre Grundlage in der Spezies, dem „Uns“, und fördert Gemeinschaft und Gesellschaft. Die erste ist die Basis des Kapitalismus, die zweite die des Sozialismus.

Wo findet sich das besondere Talent des Kapitalismus? In der Überspitzung des Ego bis zum Äußersten, des Individuums und der Selbstbestätigung und unter Außerachtlassung des größeren Ganzen, der Integration und des „Wir“. Auf diese Weise hat er das Gleichgewicht der Menschen gekippt, da die eine Kraft bis zum Exzess ausgeübt und die andere ignoriert wird.

In dieser natürlichen Tatsache beruht die Kraft, die der Kultur des Kapitalismus Bestand verleiht, denn sie ist auf etwas begründet, das zwar korrekt ist, aber in einer unverhältnismäßig einseitigen und pathologischen Form ausgeübt wird.

Wie können wir diese Situation überwinden, die sich in den vergangenen Jahrhunderten aufgebaut hat? Grundsätzlich durch das Wiederherstellen des Gleichgewichts der zwei natürlichen Kräfte, die unsere Realität bilden. Vielleicht wäre eine schrankenlose Demokratie die Institution, die gleichermaßen dem Individuellen (dem „Ego“) gerecht wird, doch innerhalb des größeren Ganzen („Wir“, die Gesellschaft), dessen Teil das „Ego“ ist. Wir werden in Zukunft noch auf dieses Thema zurückkommen.

Leonardo Boff
18.05.2015

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Eine Revolution innerhalb der Evolution

Es gibt eine allgemeine Wahrnehmung, dass der heutige Mensch abgelöst werden muss. Die Schöpfung des heutigen Menschen ist noch nicht abgeschlossen, sondern befindet sich latent in der Dynamik des Evolutionsprozesses. Diese Suche nach dem neuen Mann und der neuen Frau ist vielleicht eine der Sehnsüchte, die im Lauf der Geschichte niemals abgeschlossen wurde.

Zwei Beispiele: Das mesopotamische Denken schuf das Gilgamesch Epos des 7. Jh n. Chr, das der biblischen Erzählung der Schöpfung und Sintflut sehr ähnlich ist. Der Held Gilgamesch, verzweifelt über die Tragik des Todes, sucht nach dem Baum des Lebens. Er möchte Utnapishtim finden, der der Flut entkam, unsterblich geworden war und auf einer wunderbaren Insel lebte, die nicht vom Tod regiert wurde. Auf seinem Weg empfahl ihm Shamash, der Sonnengott: „Gilgamesch, du wirst niemals den Baum finden, nach dem du suchst.“ Die göttliche Nymphe Siduri warnt ihn: „Als die Götter die Menschen schufen, beschlossen sie den Tod als deren Schicksal; die Götter behielten das ewige Leben für sich selbst. Gilgamesch , du tätest besser daran, deinen Magen zu füllen und dich Tag und Nacht des Lebens zu freuen; sei glücklich über das Wenige, über das du verfügen kannst.

Gilgamesch lässt sich nicht von seiner Suche abbringen. Er erreicht die Insel der Unsterblichkeit, greift sich den Baum des Lebens und kehrt zurück. Auf seinem Rückweg bläst die Schlange ihren bösen Atem über den Baum und stiehlt ihn. Der Held des Epos stirbt desillusioniert und kommt ins „Land ohne Wiederkehr, wo man Staub und Schlamm isst und wo die Könige ihrer Krone beraubt sind.“ Unsterblichkeit ist weiterhin das Ziel immer währender Suche.

Unsere Tupi-Guarani und Apopocuva-Guarani entwarfen die Utopie der “Erde ohne das Böse” und das “Mutterland der Unsterblichkeit”. Diese beiden Nationen lebten in ständiger Bewegung. Von der Küste von Pemambuxo bewegten sie sich plötzlich auf das Innere des Dschungels zu, in der Nähe des Quellgebiets des Madeira Flusses. Von dort aus ging eine andere Gruppe nach Peru. Von der Grenze Paraguays wanderte wieder eine andere Gruppe zur Atlantikküste etc. Die von Anthropologen durchgeführten Studien über die Mythen deckten deren Bedeutung auf. Der Mythos der „Erde ohne das Böse“ inspirierte eine ganze Nation dazu, sich auf den Weg zu begeben. Der Shaman sagte voraus: „Sie wird aus dem Meer auftauchen.“ Voller Hoffnung begaben sie sich dorthin. Durch Riten, Tänze und Fasten glaubten sie ihre Körper erleichtern zu können, um der Begegnung mit dem „Mutterland der Unsterblichkeit“ in den Wolken entgegenzugehen. Desillusioniert kehrten sie in den Dschungel zurück, bis sie eine andere Botschaft vernahmen und sich erneut auf die Suche nach der ersehnten „Erde ohne das Böse“ begaben, voll Sehnsucht nach einer niemals endenden Hoffnung.

Diese zwei Beispiele drücken in mythischer Form dasselbe Konzept aus wie es heutzutage von dem modernen Menschen in der Sprache der Wissenschaft ausgedrückt wird. Er will nicht auf das neue Wesen vom Himmel warten, er möchte es selbst schaffen durch genetische Manipulation. Wir suchen weiterhin, und dennoch sterben wir noch immer früher oder später.

Auch das Christentum hat sich dieser Utopie verschrieben, mit dem Unterschied, dass es für die Christenheit nicht länger eine Utopie ist, sondern eine Topie, d. h. ein gesegnetes und noch nie dagewesenes Ereignis, das in der Geschichte auftrat. Das älteste Zeugnis der frühen Christenheit ist dies: „Christus ressurrexit vere et aparuit Simoni“ (Lk 24,34): „Christus ist wahrhaft auferstanden und ist dem Simon erschienen“.

Sie verstanden Auferstehung nicht als die Wiederbelebung des Körpers, so wie bei Lazarus, der schließlich auch wieder sterben musste, sondern als das Erscheinen des neuen Menschen, des „novissimus Adam“ (1 Kor 15,45), des „neuen Adam“, als eine völlige Realisierung aller im Menschen ruhenden Potenziale.

Sie fanden keine adäquaten Worte, um dieses noch nie dagewesene Phänomen zum Ausdruck zu bringen. Sie nannten es „Geistkörper” (1 Kor 15,44). Dies scheint der vorherrschenden Philosophie dieser Zeit zu widersprechen: Wenn es ein Körper ist, kann es kein Geist sein; ist es ein Geist, kann es kein Körper sein. Nur in der Vereinigung der beiden Konzepte, den frühen Christen zufolge, konnten sie der neuen Wirklichkeit gerecht werden: Es ist ein Körper, jedoch ein transfigurierter; es ist ein Geist, doch befreit von den materiellen Grenzen und mit kosmischer Dimension.

Sie sagen noch mehr: Die Auferstehung ist nicht einfach ein persönliches Ereignis, das im Leben des Jesus von Nazareth stattfand. Sie gilt für alle, einschließlich des Kosmos, wie es in den Briefen des Hl. Paulus an die Kolosser und an die Epheser heißt. Darum bekräftigt Paulus: „Er ist die Hoffnung aller, die gestorben sind … Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden“ (1 Kor 15,22).

Dies ist ein Diskurs über Glaube und Religion, doch er ist auch von anthropologischer Wichtigkeit. Er repräsentiert eine von vielen Antworten auf das Rätsel des Todes, vielleicht die vielversprechendste.

Wenn dem so ist, haben wir es mit einer Revolution innerhalb der Evolution zu tun. Es ist als hätte die Evolution ihr gutes Ende im Zenit der Realisierung ihrer verborgenen Potenziale vorweggenommen. Es wäre ein Modell, das uns die Herrlichkeit und das außerordentlich wunderbare Geschick vor Augen führt, zu dem wir gerufen sind.

Also lohnt es sich zu leben und zu sterben. In Wirklichkeit leben wir nicht, um zu sterben. Wir sterben, um aufzuerstehen. Um mehr und besser zu leben.

Allen, die glauben, und denjenigen, die aufhören zu richten, wünsche ich ein gutes und frohes Osterfest.

Leonardo Boff
05.05.2015

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Religionen und Terrorismus

Die Hauptkonflikte der letzten Jahre des vorigen Jahrhunderts und der ersten Jahre dieses Jahrhunderts haben religiöse Untertöne, sei es in Nord-Irland, im Kosovo, Kaschmir, Afghanistan, im Irak oder im extrem gewalttätigen neuen Islamischen Staat. Dies zeigte sich klar in Paris bei der Ermordung der Karikaturisten und anderer Personen durch islamistische Fundamentalisten. Wie kommt dabei die Religion ins Spiel?

Nicht ohne Grund schrieb Samuel P. Huntington in seinem bekannten Buch von 1997 „The Clash of Civilizations“ (Der Kampf der Kulturen): „In der modernen Welt stellt die Religion eine Zentralkraft dar, möglicherweise die Zentralkraft, die Menschen motiviert und mobilisiert … Was letztlich wichtig für die Menschen ist, sind weder politische Ideologie noch wirtschaftliche Interessen. Womit Menschen sich identifizieren, sind religiöse Bekenntnisse, die Familie und Überzeugungen. Dafür kämpfen sie und sind sogar bereit, ihr Leben zu geben“ (S. 79). Huntington übt Kritik an der nordamerikanischen Außenpolitik, weil diese den religiösen Faktor nie wichtig genug genommen hat, sondern als etwas Altes und Überholtes ansieht. Dies ist ein enormer Fehler. Religion liegt den schwersten Konflikten zugrunde, die wir heute erleben.

Ob uns das gefällt oder nicht, ein Großteil der Menschheit orientiert sich trotz des Säkularisierungsprozesses und des Verschwindens des Sakralen an einer religiösen Weltsicht: der jüdischen, der christlichen, der islamischen, der shintoistischen, der buddhistischen u. a.

Wie Christopher Dawson (1889-1970), der berühmte britische Kulturhistoriker, bekräftigte, „sind die großen Religionen die Fundamente, auf denen die Zivilisationen beruhen“ (Dynamics of World History, 1957, S. 128). Religionen sind Ehrensache einer Kultur, denn durch Religion projizieren sie ihre großen Träume, erarbeiten ihre sie ethische Maxime, verleihen der Geschichte einen Sinn und haben einen Beitrag zum letzten Sinn des Lebens und des Universums zu leisten. Nur die moderne Kultur hat keine Religion hervorgebracht. Die moderne Kultur fand einen Ersatz mit Götzenfunktionen wie Vernunft, endlosem Fortschritt, grenzenlosem Konsum, unbeschränkter Anhäufung u. a. Das Ergebnis wurde von Nietzsche angeprangert, der den Tod Gottes ausrief. Nicht dass Gott gestorben wäre, denn wäre er gestorben, so wäre Gott nicht Gott. Vielmehr ist es so, dass die Menschen Gott töteten. Nietzsche meinte, dass Gott kein Bezugspunkt mehr für grundlegende Werte, für einen vorrangigen Zusammenhalt unter den Menschen darstellt. Wir sehen die Auswirkungen heute auf globalem Niveau: eine richtungslose Menschheit, eine schreckliche Einsamkeit und ein Gefühl des Entwurzeltseins ohne zu wissen, wohin die Geschichte uns führt.

Wenn wir Frieden für diese Welt wollen, müssen wir das Gefühl für das Sakrale wieder aufleben lassen, die spirituelle Dimension des Lebens, die die Quelle der Religionen ist. Tatsächlich ist Spiritualität wichtiger als Religion, denn sie stellt eine zutiefst menschliche Dimension dar. Doch Spiritualität drückt sich durch Religionen aus, deren Zweck es ist, das Leben zu nähren, zu erhalten und mit Spiritualität zu durchdringen. Dies wird nicht immer erreicht, denn fast alle Religionen, sind sie erst einmal institutionalisiert, verwickeln sich in Machtspiele und Hierarchien und können pathologische Formen annehmen. Alles Gesunde kann auch krank werden. Doch wir messen Religionen wie Menschen, an den „gesunden“ Versionen, nicht an den „pathologischen“. So können wir sehen, dass Religionen eine unabdingbare Funktion erfüllen: Sie versuchen, dem Leben einen letzten Sinn zu verleihen, und stellen die Menschheitsgeschichte in einen hoffnungsvollen Rahmen. Heute haben Fundamentalismus und Terrorismus, beides religiöse Pathologien, an Bedeutung gewonnen. Dies liegt zum Großteil am zerstörerischen Globalisierungsprozess (genau genommen an der Verwestlichung der Welt), der die Unterschiede ignoriert, Identitäten zerstört und ihnen fremde Gewohnheiten aufzwingt.

Wenn so etwas geschieht, halten sich Völker im allgemeinen an Dinge, die ihre Identität bewahren. Durch Religionen bewahren sie ihre Erinnerungen und ihre besten Symbole. Wenn sie sich überfallen fühlen, wie es im Irak und in Afghanistan mit Tausenden von Opfern der Fall war, flüchten sie sich in ihre Religionen als einer Form von Widerstand. Dann geht es nicht mehr um etwas Religiöses, sondern die Politik bedient sich der Religion als Selbstverteidigung. Invasion schafft Wut und Rachegelüste. Fundamentalismus und Terrorismus haben ihre Wurzeln in diesem Fragekomplex. So kommt es zu Terrorattacken.

Wie kommen wir aus dieser kulturellen Sackgasse wieder heraus? Es ist unerlässlich, die Werte der Gastfreundschaft zu leben, offen für den Dialog zu sein und von denen zu lernen, die anders sind als wir, eine aktive Toleranz zu leben und sich seiner Menschlichkeit bewusst zu sein.

Religionen müssen einander anerkennen, um in den Dialog zu treten und ein Mindestmaß an Gemeinsamkeiten zu finden, das eine friedliche Koexistenz ermöglicht.

Vor allem ist es wichtig, den religiösen Pluralismus als eine Tatsache und als ein Recht anzuerkennen. Pluralismus kommt von einem richtigen Verständnis von Gott. Keine Religion kann hoffen, innerhalb der Grenzen ihres Redens und ihrer Riten das Mysterium zu definieren, die Ur-Quelle aller Wesen, oder welchen Namen sie der Höchsten Wirklichkeit geben wollen. Wenn das möglich wäre, wäre Gott ein Teil der Welt, ein Idol. Gott ist immer jenseits und immer weit über uns. Folglich gibt es Raum für unterschiedliche Ausdrucks- und Zelebrationsformen Gottes, die nicht nur einer einzigen Religion eigen sind.

Die ersten elf Kapitel des Buchs Genesis enthalten eine wunderbare Lektion. Sie sprechen nicht von den Israeliten als dem auserwählten Volk. Sie nehmen Bezug auf alle Völker der Erde, die alle Völker Gottes sind. Über ihnen entsteht der Regenbogen des göttlichen Bündnisses. Diese Botschaft erinnert uns noch heute daran, dass alle Völker mit ihren Religionen und ihren Traditionen Völker Gottes sind. Sie alle leben auf der Erde, im Garten Gottes, und bilden die einzigartige menschliche Spezies, die sich aus vielen Familien mit ihren Traditionen, Kulturen und Religionen zusammensetzt.

Leonardo Boff
30.01.2015

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Intoleranz im heutigen Brasilien und in der Welt

Der jüngste Mord an den Karikaturisten von Charlie Hebdo in Frankreich und die letzten Wahlen in Brasilien zeigten einen latenten Umstand der brasilianischen Kultur und der Welt auf: Intoleranz. Ich will mich hier auf die Intoleranz in der brasilianischen Kultur beschränken, denn mein voriger Artikel handelte von dem, was sich in den Mordanschlägen bei Charlie Hebdo gezeigt hat. Die brasilianische Intoleranz ist Teil dessen, was Sérgio Buarque de Holanda als „vom Herzen kommend“ bezeichnete in dem Sinn, dass Hass und Vorurteile ebenso wie Gastfreundschaft und Sympathie vom Herzen kommen. Doch eher als „vom Herzen kommend“ würde ich es im Fall von Brasilien als „passioniert“ bezeichnen.

Was die letzte Wahlkampagne zeigte, war „vom Herzen kommend-passioniert“ in Form von Klassenhass (Verachtung der Armen) und Rassendiskriminierung (Schwarze und die aus dem Norden Stammenden). Arm zu sein oder schwarz oder aus dem Norden zu stammen wurde als ein Manko angesehen. Daher rührt das absurde Verlangen einiger, Brasilien in den „reichen“ Süden und den „armen“ Nordosten aufzuteilen. Dieser Klassenhass leitet sich vom Archetypus von La Casa Grande und von Senzala her, der in manchen sozialen Bereichen fortbesteht und treffend von einer reichen Dame aus Salavador zum Ausdruck gebracht wurde: „Die Armen geben sich nicht mehr zufrieden mit der Stillung der Grundbedürfnisse einer Familie; nun wollen sie auch noch Rechte.“ Dem liegt die Einstellung zugrunde, dass, wenn sie zuvor Sklaven waren, sie alles kostenlos tun sollten, als wäre die Sklaverei nie abgeschaffen worden gegeben und als ob es keine Rechte gäbe. Homosexuelle und andere LGBT-orientierte Personen werden sogar in öffentlichen Debatten von Kandidaten beleidigt, welche eine unerträgliche Intoleranz an den Tag legten.

Um Intoleranz besser zu verstehen, müssen wir tiefer bis in den Kern des Problems vordringen. Die heutige Realität ist durch und durch widersprüchlich und komplex, denn sie ist die Konvergenz der unterschiedlichsten Faktoren. Darin finden sich das ursprüngliche Chaos und Kosmos (Ordnung), Licht und Schatten, das Sym-bolische und das Dia-bolische. Tatsächlich sind diese keine Konstruktionsfehler, sondern die tatsächliche Bedingung der Fülle, aus der das Universum besteht. Dies zwingt zu universeller Koexistenz mit Unterschieden und Unvollkommenheiten und zu Toleranz mit denjenigen, die nicht so denken und handeln wie wir. In klaren Worten ausgedrückt: dies sind zwei gegensätzliche Pole, doch Pole einer einzigen und einzigartigen dynamischen Realität. Diese Polaritäten können nicht aufgehoben werden. Alle Versuche, sie aufzuheben, führen zu Terror durch diejenigen, die meinen, im Besitz der Wahrheit zu sein, und die versuchen, diese Wahrheit Anderen aufzuzwingen. Der Exzess von Wahrheit wird dann schlimmer als ein Irrtum es sein könnte.

Was jede und jeder (und die Gesellschaft) wissen muss, ist wie sich ein Pol vom anderen unterscheidet und wie man eine Wahl trifft. Menschen erscheinen als ethische Wesen, wenn sie Verantwortung für ihre Taten und für deren Konsequenzen übernehmen.

Man könnte meinen, dann wäre alles gut, und sich fragen, ob es nun keine Unterschiede mehr gibt. Es ist nicht so, dass alles gut wäre und dass alle Unterschiede aufgehoben wären. Unterschiede müssen gemacht werden. Unkraut ist Unkraut und kein Weizen. Weizen ist Weizen und nicht einfach Unkraut. Der Folterer kann nicht dasselbe Schicksal haben wie der Gefolterte. Die Menschen dürfen nicht der Gleichmacherei verfallen und diese beiden verwechseln. Die Menschen müssen urteilsfähig sein und Entscheidungen treffen können.

Um Koexistenz zu erreichen, ohne diese Prinzipien zu verwechseln, müssen wir die Toleranz in uns stärken. Toleranz ist die Fähigkeit, in positiver Weise diese schwierige Koexistenz aufrecht zu erhalten und die Spannung zwischen den Polen auszuhalten, im Wissen, dass sie sich gegenüber stehen, doch dass sie Teil einer einzigen dynamischen Realität sind. Selbst wenn sie sich gegenüber stehen, sind sie doch zwei Seiten desselben Ganzen, wie links und rechts.

Das aktuell bestehende Risiko ist die Intoleranz. Intoleranz verkleinert die Realität, denn sie akzeptiert nur einen Pol und verleugnet den anderen. Intoleranz zwingt jede und jeden dazu, den einen Pol anzunehmen und den anderen auszulöschen, so wie der Islamische Staat und al-Quaida es auf kriminelle Weise tun. Fundamentalismus und Dogmatismus halten ihre Wahrheiten für absolut. Daher verurteilen sie sich selbst zu Intoleranz und weder anerkennen noch respektieren sie die Wahrheit Anderer. Ihre erste Handlung besteht darin, die Meinungsfreiheit und Pluralismus zu unterdrücken und ihre einzigartige Denkweise Anderen aufzuzwingen. Anschläge wie der in Paris haben ihre Wurzel in dieser Intoleranz.

Passive Toleranz muss allerdings vermieden werden, d. h. die Haltung, dass man die Existenz des anderen akzeptiert, nicht weil man das so möchte, sondern weil es nicht anders geht.

Stattdessen muss zu aktiver Toleranz ermutigt werden, die aus Koexistenz besteht mit einer Haltung aus positivem Zusammensein mit dem Anderen, und zwar aus Respekt und im Bewusstsein, dass das Anderssein einen Wert besitzt, der uns selbst bereichern kann.

Toleranz ist vor allem eine ethische Erfahrung. Toleranz repräsentiert das Recht aller so zu sein, wie sie sind, und weiterhin so zu bleiben. Dieses Recht wurde universell in der goldenen Regel formuliert: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“ Oder positiv ausgedrückt: „Was ihr wollt, das andere euch tun, das tut auch ihnen.“ Dies ist ein einleuchtendes Prinzip.

Im Grunde lässt sich die Wahrheit, die in der Toleranz liegt, folgendermaßen zusammenfassen: Jede Person hat ein Recht auf Leben und auf Koexistenz auf dem Planeten Erde. Alle haben ein Recht, hier zu sein mit ihren je eigenen Unterschieden. Dieses Recht geht jeder Ausdrucksweise von Leben als eine Weltsicht, Glaube oder Ideologie voraus. Dies ist die große Schwierigkeit der europäischen Gesellschaften: der Mangel an Akzeptanz des Anderen, sei er ein Araber, Moslem oder Türke, und in der brasilianischen Gesellschaft ist es der Mangel an Akzeptanz des Nachkommens von Afrikanern, der aus dem Norden Stammenden, der Indigenen. Gesellschaften müssen so organisiert sein, dass sich per Recht jede und jeder einbezogen fühlen kann. Auf diese Weise entsteht Frieden, der, gemäß der Erd-Charta „die Gesamtheit dessen ist, das geschaffen wird durch rechte Beziehungen zu sich selbst, zu anderen Personen, anderen Kulturen, anderen Lebewesen, der Erde und dem größeren Ganzen, zu dem alles gehört“ (Nr. 16f).

Die Natur lehrt uns die wichtigste Lektion: Ganz gleich, wie verschieden die Lebewesen auch sind; sie alle koexistieren und kreieren die Komplexität der Wirklichkeit und die herrliche Vielfalt des Lebens.

Leonardo Boff
23.01.2015

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Zum besseren Verständnis der Terrorattacke auf Charlie Hebdo in Paris

Es ist eine Sache, und es ist berechtigt, sich über die Terrorattacke zu empören, die die besten französischen Karikaturisten tötete. Dies war ein abscheulicher und krimineller Akt, den niemand unterstützen kann.

Eine andere Sache ist es, auf analytische Weise verstehen zu wollen, warum solche terroristischen Akte ausgeübt werden. Solche Taten fallen nicht vom Himmel. Der Himmel über ihnen ist dunkel, voll tragischer Geschichten, großer Massaker, Demütigungen und Diskriminierungen, und nicht nur durch echte Kriege wie im Irak und in Afghanistan, die Tausenden Menschen das Leben kostete oder sie ins Exil zwang.

Die Vereinigten Staaten und mehrere europäische Staaten waren in diese Kriegen involviert. Millionen von Moslems leben in Frankreich, die meisten davon in Randgebieten von Großstädten in prekärer Lage. Viele von ihnen werden, obwohl sie in Frankreich geboren sind, so sehr diskriminiert, dass es sich um eine richtige Islamophobie zu handeln scheint. Nach dem Anschlag auf das Büro von Charlie Hebdo wurde eine Moschee beschossen, ein muslimisches Restaurant wurde in Brand gesetzt und auch ein muslimisches Gebetshaus wurde beschossen.

Worum es gehen muss, ist, den Geist der Rache zu überwinden und auf eine Strategie zu verzichten, die auf Gewalt mit immer mehr Gegengewalt antwortet. Dies erzeugt eine Spirale niemals endender Gewalt, die unzählige, zumeist unschuldige Opfer kostet. Und Friede lässt sich so nie erreichen. Wer Frieden will, muss die Mittel zum Frieden vorbereiten, der das Produkt von Dialog und respektvollem Zusammenleben aller ist.

Der Terroranschlag vom 11. September 2001 gegen die Vereinigten Staaten war paradigmatisch. Die Reaktion von Präsident Bush darauf war die Ankündigung eines „endlosen Kriegs“ gegen Terror und das Durchsetzen des „Patriot Act“, der die fundamentalen Bürgerrechte verletzt.

Was die Vereinigten Staaten und ihre westlichen Verbündeten im Irak und in Afghanistan unternahmen, war ein moderner Krieg, der zahllosen Zivilisten das Leben kostete. Hätte es in diesen Ländern nur große Dattelpalmen und Feigenanbau gegeben, wäre so etwas nicht geschehen. Doch in diesen Ländern gibt es große Ölvorkommen, das Blut des weltweiten Produktionssystems. Eine solche Gewalt führte bei vielen Moslems, die in diesen Ländern, aber auch anderswo in der Welt leben, zu Wut, Hass und Rachegelüsten.

Von diesem Hintergrund ausgehend kann man verstehen, dass der abscheuliche Anschlag in Paris das Ergebnis dieser vorigen Gewalt war und kein spontaner Akt, was diesen jedoch nicht rechtfertigt.

Die Auswirkung dieses Anschlags ist die Verbreitung von Angst. Das ist genau das, was Terrorismus bezweckt: dass sich die Menschen nur noch mit Terrorismus befassen und sie zu Gefangenen ihrer Angst werden. Das Hauptinteresse des Terrorismus besteht nicht darin, das Territorium des anderen zu erobern, wie es die westlichen Verbündeten in Afghanistan und dem Irak taten, sondern deren Gedanken zu besetzen.

Bedauerlicherweise verwirklichte sich die Prophezeiung des intelligenten Autors der Anschläge vom 11. September, Osama Bin Ladens, die er am 8. Oktober 2001 machte: „Die Vereinigten Staaten werden sich niemals wieder in Sicherheit wiegen können, niemals wieder Frieden haben.“ Sich in den Köpfen der Menschen zu verankern, sie emotionell zu destabilisieren, sie gegenüber jeder fremden Geste oder Person misstrauisch machen, ist das wesentliche Ziel des Terrorismus.

Um sein Ziel, die Gedanken der Menschen zu beherrschen, zu erreichen, folgt der Terrorismus folgender Strategie:

1. Die Aktionen müssen spektakulär sein, sonst führen sie nicht zu weit verbreitetem Aufruhr.

2. Die Aktionen müssen, auch wenn sie verabscheuenswürdig sind, Bewunderung für ihren Ideenreichtum hervorrufen.

3. Die Aktionen müssen erkennen lassen, dass sie minutiös geplant waren.

4. Die Aktionen müssen unerwartet sein, um den Eindruck der Unkontrollierbarkeit zu erwecken.

5. Die Autoren der Aktionen müssen anonym bleiben (maskiert), denn das macht sie suspekter und flößt mehr Angst ein.

6. Die Aktionen müssen dauerhafte Angst einflößen.

7. Die Aktionen müssen die Wahrnehmung der Realität verzerren: Alles, was anders ist, kann Terror hervorbringen. Es genügt schon, irgendein armes Kind in ein Einkaufszentrum gehen zu sehen, und schon entsteht der Eindruck eines potentiellen Aggressors.

Folgendermaßen lässt sich das Konzept des Terrorismus zusammenfassen: Es handelt sich um eine beliebige spektakuläre Gewalthandlung, die zum Zweck hat, die Gedanken der Menschen mit Angst und Bedrohung zu besetzen. Die Gewalt an sich ist nicht maßgeblich; wichtig ist ihre spektakuläre Eigenschaft, ihre Fähigkeit, sich in den Köpfen aller zu verankern. Eine der bedauerlichsten Auswirkungen des Terrorismus war, dass es den terroristischen Staat, zu dem die Vereinigten Staaten sich entwickelt haben, vorantrieb. Noam Chomsky zitiert einen Funktionsträger des nordamerikanischen Sicherheitsapparats, der bekannte: „Die Vereinigten Staaten sind ein terroristischer Staat, und darauf sind wir stolz.

Hoffentlich setzt sich dieser Geist nicht in der Welt durch, vor allem im Westen. Tut er es doch, sind wir auf dem besten Weg zum Schlimmsten, das uns bevorstehen kann. Nur friedliche Mittel haben die geheime Kraft, Krieg und Gewalt zu überwinden. Dies ist die Lektion, die die Geschichte uns lehrt, und der Rat von weisen Menschen wie Mahatma Gandhi, Martin Luther King Jr., Franz von Assisi und Franziskus von Rom.

Leonardo Boff
16.01.2015

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Papst Franziskus gegen seine Verleumder den Rücken stärken

An mehreren Orten weltweit, insbesondere jedoch in Italien, entwickelt sich unter den Kardinälen und Mitgliedern der Römischen Kurie sowie in konservativen Gruppen ein starker Widerstand gegen Papst Franziskus, um diesen zu diskreditieren. Sie bringen ihr Unbehagen zum Ausdruck und verbergen sich dabei hinter Vittorio Messori, einem bekannten laizistischen, konvertierten Schriftsteller.

Daher machte es mich traurig, als ich den Artikel von Vittorio Messori im Mailänder Corriere della Sera las, der den Titel trug: „Franziskus‘ Optionen: Zweifel am Kurs des Papstes“ (24.12.2014). Er wartete auf die Vesper des Heiligen Abend, um den Papst tief zu treffen. Messori kritisiert vor allem seine „Unvorhersehbarkeit, die nicht aufhört, die Ruhe der moderaten Katholiken zu stören.“ Hingegen bewundert Messori den linearen Kurs des „geliebten Joseph Ratzinger“ und zwischen fromme Phrasen injiziert er eine große Dosis Gift. Und dies tut er, wie er selbst zugibt, im Namen derer, die nicht den Mut aufbringen, dies öffentlich zu tun.

Ich würde gern den Zweifeln des Herrn Messori etwas entgegensetzen. Er bemerkt die neuen Zeichen der Zeit nicht, die der römische Franziskus gesetzt hat. Darüber hinaus unterlaufen ihm drei Fehler: zwei Fehler theologischer Natur und ein dritter bezüglich der Interpretation der Relevanz der Kirche in der Dritten Welt.

Messori empört sich über die „Unvorhersehbarkeit“ dieses Hirten, denn dieser „hört nicht auf, die Ruhe der moderaten Katholiken zu stören.“ Man muss die Qualität des Glaubens dieses „moderaten Katholiken“ hinterfragen, dem es schwer fällt, einen Hirten zu akzeptieren, der den Geruch der Schafe an sich trägt und der „die Freude des Evangeliums“ verkündet. In der Regel sind dies kulturelle Katholiken, die an die pharonische Figur eines Papstes gewohnt sind, der mit allen Machtsymbolen des heidnischen römischen Kaisers ausgestattet ist.

Nun kommt ein „franziskanischer“ Papst daher, der die Armen in den Mittelpunkt stellt, der nicht „Prada trägt“, der mutig das System kritisiert, das Elend in vielenTeilen der Welt produziert, der die Kirche den Menschen zugänglich macht, ohne über sie zu urteilen, und der sie in dem Geist willkommen heißt, den er als eine „Revolution der Zärtlichkeit“ bezeichnete, als er zu den lateinamerikanischen Bischöfen sprach.

Messoris Denkweise weist große Lücken auf. Seine beiden theologischen Fehler bestehen in der fast völligen Abwesenheit des Heiligen Geistes und im Christomonismus (d. h. dass nur Christus zählt). Es gibt keinen Platz für den Hl. Geist. Alles in der Kirche wird allein durch Christus beschlossen. Dies stimmt allerdings nicht mit der Lehre Jesu überein. Ich sage dies deshalb, weil das, was Messori an den Aktionen des Papstes stört, dessen „Unvorhersehbarkeit“ ist. Nun aber ist gerade dies eine Eigenschaft des Heiligen Geistes, wie der Evangelist Johannes sagt: „Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht“ (Joh 3,8). Das Charakteristikum des Geistes ist sein unvorhersehbares Erscheinen.

Messori ist Geisel eines linearen Kurses seines „geliebten Joseph Ratzingers“ und anderer Vorgänger-Päpste. Leider machte dieser lineare Kurs die Kirche zu einer Festung, die nicht in der Lage ist, die Komplexität der modernen Welt zu verstehen, und die inmitten anderer Kirchen und spiritueller Wege isoliert da steht, ohne Dialoge zu führen und von anderen zu lernen, die ebenfalls durch den Geist erleuchtet sind. Es ist schon Blasphemie dem Hl. Geist gegenüber, zu denken, dass die Gedanken der anderen alle irrig sind. Aus diesem Grund ist eine offene Kirche, wie Papst Franziskus sie wünscht, der Schlüssel zur Erkenntnis des Geistes, wo immer er durch alle Zeiten hinweg erscheint. Nicht grundlos nennen einige Theologen ihn die „Fantasie Gottes“ wegen seiner Kreativität und Neuheit für die Geschichte und die Kirche.

Ohne den Hl. Geist würde die Kirche zu einer schweren Institution, der es an Kreativität mangelt. Am Ende hätte sie wenig in der Welt zu sagen, außer Doktrin für Doktrin von sich zu geben, und könnte nicht zu einer lebendigen Begegnung mit Christus führen oder Hoffnung und Lebensfreude erwecken.

Es ist ein Geschenk des Hl. Geistes, dass dieser Papst von außerhalb dieser alten und müden europäischen Christenheit kam. Papst Franziskus ist kein subtiler Theologe, sondern ein Hirte, der den Auftrag Jesu an Petrus versteht: „Stärke deine Brüder und Schwestern im Glauben“ (Lk 22,32). Franziskus bringt die Erfahrung der Kirchen in der Dritten Welt, insbesondere der in Lateinamerika, mit.

Es gibt noch eine andere Lücke in Messoris Denken: Er unterschätzt die Tatsache, dass die heutige Christenheit eine Religion der Dritten Welt ist, wie es der deutsche Theologe J. B. Metz so oft wiederholt hat. Katholiken stellen weniger als 25 % der europäischen Bevölkerung, während sie in der Dritten Welt fast 73 % darstellen und in Lateinamerika fast 49 %.

Warum sollten wir nicht das Neue annehmen, das von diesen Kirchen kommt, die nicht länger ein Spiegelbild der alten europäischen Kirchen sind, sondern Quellen-Kirchen mit ihren eigenen Märtyrern, Bekennern und Theologen?

Wir können uns vorstellen, dass in nicht zu ferner Zukunft der Sitz des Primas nicht mehr in Rom bei der Kurie sein wird mit allen ihren Widersprüchlichkeiten, die Papst Franziskus vor kurzem mit mutigen Worten entlarvte, wie man es nur aus dem Munde Martin Luthers kannte und aus meinem Buch „Kirche: Charisma und Macht“ (1984), das sich aus heutiger Sicht eher harmlos als kritisch liest. Es wäre sinnvoll, wenn der Hauptsitz sich dort befände, wo die Mehrheit der Katholiken lebt, also in Lateinamerika, Asien und Afrika. Dies wäre ein unmissverständliches Zeichen für die wahre Katholizität der Kirche in dieser neuen globalisierten Phase der Menschheit.

Ich hatte ernsthaft gehofft, bei Vittorio Messori auf eine größere Intelligenz des Glaubens und auf mehr Offenheit zu stoßen mit seinen Referenzen als Katholik, der dieser einen Art von Kirche gegenüber treu und ein bekannter Schriftsteller ist. Papst Franziskus hat vielen Katholiken und anderen Christen Hoffnung und frischen Wind gebracht, die sehr stolz auf ihn sind.

Wir wollen dieses Geschenk des Geistes nicht mit eher negativem als positivem Analysieren vergeuden, das die „Freude am Evangelium“ für alle nicht stärkt.

Leonardo Boff
02.01.2015

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Das Ende einer Epoche, eine neue Zivilisation oder das Ende der Welt?

Einige hoch angesehene Persönlichkeiten warnen davor, dass wir uns bereits in einem Dritten Weltkrieg befinden. Derjenige unter ihnen, der die höchste Autorität innehat, ist Papst Franziskus. Am 13. September sagte er während des Besuchs eines Friedhofs für italienische Soldaten, die in Radipulia in der Nähe von Slowenien ums Leben kamen: „Der Dritte Weltkrieg könnte bereits begonnen haben. In Teilen wird er bereits ausgefochten in Form von Verbrechen, Massakern und Zerstörung.“ Am 12. Dezember 2014 warnte der 93-jährige Altbundeskanzler Helmut Schmidt vor einem möglichen Dritten Weltkrieg (Boletim Carta Maior vom 22.12.2014). Genauso kann man hier und da auch andere maßgebliche Stimmen hören.

Die für mich am überzeugendste Analyse, die ich für prophetisch halte, da bereits stattfindet, was in ihr vorhergesagt wurde, stammt von Jacques Attali in seinem bekannten Buch „Die Welt von morgen. Eine kleine Geschichte der Zukunft“ (Parthas, 2008). Er war ein Berater François Mitterands und steht nun der Kommission zur „Freisetzung des Wirtschaftswachstums“ vor. Er arbeitet mit einem hochqualifizierten, interdisziplinären Team zusammen. Attali sah drei Szenarien voraus:

1. Das Super-Empire, bestehend aus den USA und ihren Verbündeten. Seine Stärke liegt in seiner Kapazität, die ganze Menschheit zu vernichten. Doch es befindet sich im Niedergang aufgrund der systemischen Krise des kapitalistischen Systems. Es folgt der Ideologie des Pentagon von der „Dominanz des ganzen Spektrums“ in allen Bereichen, im Militär, der Ideologie, der Politik, Wirtschaft und Kultur. Doch es wurde auf dem wirtschaftlichen Feld von China überholt und hat Schwierigkeiten, anderen seine imperialistische Logik aufzuzwingen.

2. Der Super-Konflikt. Mit dem langsamen Niedergang des Empires taucht eine Balkanisierung der Welt auf, wie es zurzeit an den regionalen Konflikten in Nordafrika, dem Mittleren Osten, in Afrika und der Ukraine zu beobachten ist. Diese Konflikte können sich mit dem Gebrauch von Massenvernichtungswaffen verstärken (siehe Syrien und Irak), dann mit kleinen Nuklearwaffen (es gibt Tausende davon in Aktentaschen-Größe), die zwar wenig zerstören, aber ganze Regionen für viele Jahre durch hohe radioaktive Strahlung unbewohnbar machen. Mit der weit verbreiteten Nutzung nuklearer, chemischer und biologischer Waffen könnte eine Zeit kommen, in der die Menschheit sich dessen bewusst wird, dass sie sich selbst zerstören könnte. Und dann träte das dritte und letzte Szenario in Kraft:

3. Die Super-Demokratie. Um nicht sich selbst und einen Großteil der Biosphäre zu zerstören, würde die Menschheit einen Welt-Sozial-Vertrag abschließen, der verschiedene Instanzen globaler Regierungen umfasst. Mit knappen natürlichen Ressourcen haben wir das Überleben der menschlichen Spezies und der ganzen Lebensgemeinschaft zu gewährleisten, die ebenfalls von Mutter Erde (Gaia) geschaffen und aufrechterhalten wird.

Sollte es nicht zu dieser Phase kommen, könnten wir das Ende der menschlichen Spezies und eines großen Teils der Biosphäre erleben. Der Fehler läge in unserem rationalistischen Zivilisations-Paradigma. Der Ökonom und Humanist Luiz Gonzaga Belluzzo fasste dies kürzlich gut zusammen: „Der westliche Traum von der Schaffung eines menschlichen Lebensraums basierend ausschließlich auf Vernunft, Ablehnung von Tradition und Verwerfung von jeglicher Transzendenz, befindet sich in einer Sackgasse. Die westliche Vernunft kann nicht gleichzeitig die Werte der universalen Menschenrechte, die Ambitionen technischen Fortschritts und das Versprechen von Wohlstand für alle umsetzen. (Carta Capital, 21.12.2014). Durch seine Irrationalität schafft diese Art von Vernunft die Mittel, um ihre eigene Zerstörung zu bewirken.

Wahrscheinlich bedürfte es dann Tausende oder Millionen von Jahren für den Evolutionsprozess, um wieder ein Wesen hervorzubringen, das ausreichend komplex wäre und in der Lage, den Geist zu erhalten, der sich zuerst im Universum befand und danach erst in uns.

Doch es könnte ebenso gut zu einer neuen Epoche kommen, die den sensiblen Verstand (Liebe und Achtsamkeit) mit der instrumentell-analytischen Vernunft (Technowissenschaft) vereint. Schließlich käme dann heraus, was Teilhard de Chardin im Jahr 1933 in China als Noosphäre bezeichnete: Geist und Herz vereint in Solidarität, Liebe und Achtsamkeit für das Gemeinsame Haus, die Erde. Attali schrieb: „Ich möchte endlich glauben, dass der Schrecken über die zuvor erwähnte Zukunft uns dazu führen wird, dies unmöglich zu machen Dann würde das Versprechen einer Erde, die allen durch das Leben Reisenden gegenüber gastfreundlich eingestellt ist, erfüllt“ (a.a.O. S. 210).

Und am Ende überlässt er uns Brasilianern diese Herausforderung: „Wenn es ein Land gibt, das so aussieht wie ein Land, in das die ganze Welt sich verwandeln könnte, im Guten wie im Schlechten, dann ist dieses Land Brasilien“ (S. 231).

Leonardo Boff
01.01.2015

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