Die Amtsenthebung einer würdevollen und unschuldigen Präsidentin durch ein mental und finanziell korruptes Pack

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta-Kommission

Es war einmal eine Nation, die groß war in Bezug auf ihr Territorium und ihre fröhliche Bevölkerung, welche jedoch ungerecht behandelt wurde. Das Volk litt Not vor allem in den großen Peripherien der Städte und im tiefen Landesinneren. Jahrhundertelang wurde es von einer kleinen reichen Elite regiert, der das Geschick der Armen nie am Herzen lag. Wie ein Historiker, ein Mulatte, es ausdrückte, war das Volk sozial „wieder und wieder kastriert; wieder und wieder am Ausbluten“.

Doch allmählich begannen sich die Armen Brasiliens zu organisieren. In jeder Form von Bewegung sammelten sie soziale Macht an und nährten den Traum von einem anderen Brasilien. Es gelang ihnen, soziale Macht in politische Macht zu verwandeln. Sie trugen zur Gründung der Arbeiterpartei, PT (aus dem Portugiesischen Partido dos Trabalhadores) bei. Eines ihrer Mitglieder, ein Überlebender der großen Leidenszeit und ein Maschinist, wurde Präsident von Brasilien. Trotz des ausgeübten Drucks und der Konzessionen, die er durch die national und übernational begüterte Klasse erlitt, gelang ihm eine beachtliche Öffnung des Herrschaftssystems, was ihm ermöglichte, eine humanere Sozialpolitik zu schaffen. Ein Teil der Bevölkerung, so groß wie die ganze Bevölkerung Argentiniens, wurde aus Hunger und Not gerettet. Die Schwarzen und die Armen bekamen Zugang, was zuvor nicht möglich war, zu mittlerer und höherer Bildung. Doch vor allem spürten sie, dass sie ihre Würde zurückbekamen, die ihnen immer verwehrt worden war. Sie betrachteten sich nun selbst als ein Teil der Gesellschaft. Sie konnten sich sogar ein Auto oder eine Einrichtung kaufen oder mit dem Flugzeug fliegen, um entfernt lebende Verwandte zu besuchen. All dies irritierte die Mittelklasse, die um ihre Privilegien fürchtete. So kam es zu Diskriminierung und Hass unter ihnen.

In ihrem 13. Jahr hatte die Lula-Dilma Regierung in Brasilien weltweiten Respekt gewonnen. Doch die Wirtschafts- und Finanzkrise, da systembedingt, erreichte uns und verursachte ökonomische Probleme sowie Arbeitslosigkeit, was die Regierung dazu zwang, starke Maßnahmen zu ergreifen. Die endemische Korruption Brasiliens verstärkte sich in Petrobras und bezog nicht nur die oberen Schichten der PT ein, sondern auch die der großen politischen Parteien. Ein voreingenommener, selbstgerechter Richter konzentrierte sich fast ausschließlich auf die PT. Die Massenmedien, insbesondere deren konservativer Flügel, schufen ein Klischee der PT als Synonym der Korruption. Dies ist jedoch nicht wahr, denn es setzt die eigentliche Mehrheit mit einem kleinen korrupten Segment gleich. Doch die verwerfliche Korruption diente als Vorwand für die reichen Eliten und ihre schon historischen Verbündeten, einen parlamentarischen Coup zu schmieden, denn sie hätten niemals demokratische Wahlen gewonnen.

Aus Angst, die den Armen zugewandte Politik könnte sich konsolidieren, entschieden die Eliten, diese zu liquidieren. Die Methode, die sie zuvor gegen Getulio Vargas und Joao („Jango“) Goulart benutzt hatten, wurde nun aufs Neue in Betracht gezogen unter demselben Vorwand der „Korruptionsbekämpfung“, tatsächlich aber, um ihre eigene Korruption zu verbergen. Die Golpistas bedienten sich des Parlaments, von dem 60 % wegen Verbrechen angeklagt sind, und respektieren nicht die 54 Millionen, die Dilma Rousseff gewählt hatten.

Es ist wichtig klarzustellen, dass sich hinter diesem parlamentarischen Coup die kleingeistigen und unsozialen Interessen der Machthaber verbergen, in Allianz mit der Presse, die die Fakten verdreht und die schon immer mit jedem Staatsstreich in Verbindung stand, gemeinsam mit den konservativen politischen Parteien, einem Teil der öffentlichen Ministerien und der Militärpolizei (die die Panzer ersetzt) und einem Bereich des Obersten Bundesgerichts, dem es an Würde und an Neutralität mangelt. Der Coup richtet sich nicht nur gegen Präsidentin Dilma Rousseff, sondern gegen die Demokratie von partizipatorischem und sozialem Charakter. Es geht hier darum, zum schamlosesten Neoliberalismus zurückzukehren und fast alles dem Markt zu überlassen, der stets dem Wettbewerb unterworfen ist, nicht der Kooperation (darum ist dies Konflikt geladen und antisozial). Zu diesem Zweck beschlossen sie, die Sozialpolitik zunichtezumachen, das Gesundheitssystem zu privatisieren sowie das Bildungswesen und das Öl als auch die sozialen Errungenschaften der Arbeiter/innen anzugreifen.

Präsidentin Rousseff wurde kein einziges Verbrechen zur Last gelegt. Administrative Fehler, die ebenso von vorigen Regierungen begangen worden waren, wurden zur Regierungs-unverantwortlichkeit hochstilisiert, was zur Grundlage für die Amtsenthebung gemacht wurde. Dies ist so, als würde man einen Präsidenten wegen eines geringfügigen Fahrradunfalls zum Tode verurteilen, eine völlig unangemessene Bestrafung. Von den 81 Senatoren, die über sie urteilen werden, sind mehr als 40 in andere Verbrechen involviert bzw. es wird gegen sie ermittelt. Sie zwangen sie auf die Anklagebank, wo diejenigen sitzen sollten, die sie verurteilen. Unter ihnen befinden sich fünf frühere Minister.

Dies ist nicht nur eine Korruption des Geldes. Am schlimmsten ist die Korruption ihrer Herzen und Gedanken, die voller Hass sind. Die Gedanken der Senatoren, die für die Amtsenthebung sind, sind korrupt, denn sie wissen, dass sie eine unschuldige Frau verurteilen. Doch Blindheit und die Interessen der Großkonzerne stehen nun einmal über den Interessen des ganzen Volkes.

Hierzu passt gut das harsche Urteil des Apostels Paulus: „Der Zorn Gottes wird vom Himmel herab offenbart wider alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten“ (Röm 1,18). Die Gesichter der Golpistas werden für immer das Kainsmal tragen, der seinen Bruder Abel umbrachte. Die Golpistas töteten die Demokratie. Ihr Andenken wird wegen des von ihnen begangenen Verbrechens verflucht sein. Und Gottes Zorn wird auf ihnen lasten.

Leonardo Boff
28.08.2016

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Gelegentlich proben die Superreichen einen Staatsstreich

Die brasilianische Plutokratie (laut der IPEA sind dies 71.440 Multimillionäre) hat wenig Phantasie. Sie bedient sich derselben Methoden, derselben Sprache, derselben pharisäischen Zuflucht zum Moralismus und zur Bekämpfung der Korruption, um ihre eigene Korruption zu verbergen und einen Coup gegen die Demokratie zu landen, mit dem Ziel, ihre Privilegien zu schützen. Jedesmal, wenn eine Demokratie auftrat, die sich für soziale Fragen öffnet, erfüllt dies die Oberen Zehntausend mit Angst. Sie bündeln dann Kräfte, die den politischen Sektor einschließt, die Staatsanwaltschaft, die Bundespolizei und vor allem die konservative und reaktionäre Presse wie im Fall des Konglomerats O Globo. Das Gleiche geschah bei Getulio Vargas, Joao (Jango) Goulart und nun mit Lula da Silva und mit Dilma Rousseff.

In einem Interview mit La Folha de São Paulo (24.04.2016) schrieb Jesse Souza ganz richtig: „Unserer wohlhabende Elite lag das Geschick unseres Landes nie am Herzen. Brasilien ist eine Bühne für die Streits dieser beiden Projekte: dem Traum eines großen und machtvollen Landes für die Mehrheit einerseits – und die Realität einer habgierigen Elite andererseits, die das Geld von jedermanns Arbeit aufsaugen will und den Reichtum des Landes plündern, um damit die Taschen der Reichen zu füllen. Die wohlhabende Elite ist nur deshalb an der Macht, weil sie in der Lage ist, alle anderen Eliten zu ‚kaufen‘.“ (Wer landete den Coup gegen wen).

Im aktuellen Prozess zur Amtsenthebung, der Entfernung von Präsidentin Dilma Rousseff, hatten sie einen machtvollen Verbündeten: den staatlichen Komplex aus Gerichtsbarkeit und Polizei, der die Bajonetten ersetzt. Der Vizepräsident eignete sich widerrechtlich den Titel des Präsidenten an und stellte ein Schatten-Ministerium aus mehreren korrupten Ministern zusammen, schwächte die Ministerien für Kultur und Kommunikation sowie die Menschenrechte der Schwarzen und der Frauen, kürzte auf kriminelle Weise die Budgets für Gesundheit und Bildung, die Rechte der Arbeiter, das Mindesteinkommen, die Rechte bezüglich Arbeit, Rente und anderer sozialer Vorteile, die von den vergangenen zwei Regierungen geschaffen worden waren.

Hinter dem parlamentarischen Coup stecken zwei Kräfte, die Jesse Souza erwähnt. Papst Franziskus sagte dies sehr richtig vor zwei Monaten zu Leticia Sabatelle, als diese und andere bekannte Juristen eine Audienz mit dem Papst in Rom hatten, und sie teilten mit Papst Franziskus ihre Sorge über die Bedrohung der brasilianischen Demokratie. Papst Franziskus kommentierte dies mit den Worten: „Dieser Coup stammt von den Kapitalisten.“

Tatsache ist, dass wir alle müde sind von so viel Korruption, die ganz richtig angeprangert wird, und von den Verzögerungen im Prozess der Amtsenthebung.

Niemand weiß, wohin der Weg uns führt. Eines scheint klar: Das gesellschaftliche Gerüst, das seit Kolonialisierung und Sklaverei mit der reichen Klasse in der Regierung geschaffen wurde, sei es in Gesellschaft oder in der Staatsstruktur, geht seinem Ende zu.

In so düsteren Zeiten wie der jetzigen brauchen wir ein Minimum an theoretischem Konzept, das uns Licht und etwas Hoffnung bringt. Ich lasse mich darin vom bereits verstorbenen Arnold Toynbee leiten. Er war der britische Historiker, der zehn Bände über die Geschichte der Zivilisationen schrieb. Um Entstehung, Entwicklung, Reifung und Niedergang einer Zivilisation zu erklären, benutzt Toynbee einen völlig simplen, aber aufschlussreichen Test: „Herausforderung und Antwort“.

Toynbee sagt: Innerhalb von Zivilisationen gibt es immer wieder fundamentale Krisen. Sie sind Herausforderungen, die eine Antwort erfordern. Ist die Antwort auf die Herausforderung exzessiv, so kommt es zu Arroganz und Machtmissbrauch. Das Ideal besteht darin, die Gleichung für ein Gleichgewicht zwischen Herausforderung und Antwort zu finden, sodass die Zivilisation ihren Zusammenhalt wahrt, neue Herausforderungen positiv angeht und erblüht.

Um auf Brasiliens zurückzukommen: Die Wohlhabenden und Mächtigen können nicht auf die Herausforderung antworten, die von der Basis kommt, welche in den vergangenen Jahren enorm an Bewusstsein gewann und ihre Rechte mehr und mehr einklagte. Gleichgültig, wie sehr die Wohlhabenden und Mächtigen die Zahlen auch manipulieren, sie wissen, dass es schwer für sie sein wird, durch Wahlen zurück an die Macht zu kommen. Daher landeten sie diesen Coup. Demoralisiert wie sie sind, können sie einem neuen Brasilien, das sich ihrer Kontrolle entzogen hat, nichts bieten.

Das Erbe der gegenwärtigen Krise wird sich vermutlich zeigen im Entstehen einer neuen Art Brasiliens, seiner Demokratie, seines Staates und anderer Formen von Mitbestimmung des Volkes.

Die Schmerzen der Gegenwart sind nicht die eines Sterbenden am Tor zum Tode, sondern die Geburtswehen eines anderen Brasiliens: demokratischer, mit mehr Mitbestimmung für das Volk und mehr Sensibilität gegenüber der schlimmsten Wunde, die uns mit Scham erfüllt: die abgrundtiefe soziale Ungleichheit. Schließlich wird es ein humaneres Brasilien geben, in dem wir einfach nur glücklich sein können.

Leonardo Boff
06.08.2016

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Stille Revolutionen: Geselligkeit

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

Mit dem Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989 und dem des Sozialismus, der deren Kontrapunkt war (unabhängig von seinen schwer wiegenden inneren Problemen) besetzte schließlich der Kapitalismus den gesamten Raum in Ökonomie und Politik. Mit Margaret Thatcher an der Macht in Großbritannien und Ronald Reagan in den Vereinigten Staaten bekam die Logik des Kapitalismus freie Bahn: die komplette Liberalisierung der Märkte einhergehend mit dem Zusammenbruch jeglicher Kontrollen, der Einführung des minimalistischen Staates, der Privatisierung und dem grenzenlosen Wettbewerb.

Die sogenannte „glückliche Globalisierung“ war nicht so glücklich.

Der Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz schrieb im Jahr 2011: „Nur 1 % der sehr Reichen lenken die Wirtschaft und alle essentiellen Funktionen unseres Planeten so, dass diese ihren eigenen Interessen dienen.“ („Über das 1 % von 1%“ Vanity Fair, Mai 2011). Aus diesem Grund prahlte der Spekulator Warren Buffet, einer der größten Multimillionäre: „Ja, Klassenkampf existiert, doch meine Klasse, die Klasse der Reichen, führt den Kampf an, und wir gewinnen ihn“ (Interview CNN, 2005).

Wie es der Zufall will, gelang es all den Reichen nicht, den Faktor Ökologie in ihre Kalkulationen einzubeziehen. Vielmehr erachten sie die Schätze und Dienste der Natur als wertlose Äußerlichkeiten. Dies geschieht ebenfalls in den Wirtschaftsdebatten in Brasilien, das in dieser Thematik eher rückständig ist, abgesehen von wenigen Ausnahmen wie z. B. Ladislaus Dowbor.

Parallel zur globalen Hegemonie des kapitalistischen Systems entstanden überall stille Revolutionen. Sie sind die Basisgruppen, Wissenschaftler und andere um die Ökologie besorgte Personen, die alternative Weisen zu den bisherigen lehren, unseren Planeten Erde zu bewohnen. Sollte die Erde weiterhin erbarmungslos gestresst werden, könnte sie sich verändern und ein Ungleichgewicht erreichen, welches in der Lage wäre, einen Großteil unserer Zivilisation zu zerstören.

In solch dramatischem Kontext entstand die Bewegung „The Coexistence“ aus Gruppen, die inzwischen mehr als 3.200 Menschen weltweit zählen (siehe http://www.lesconvivialistes.org). Es geht ihnen um das Zusammenleben (daher der Name Koexistenz), wobei man sich umeinander und um die Natur kümmert, ohne Konflikte zu leugnen, doch diese zu Faktoren von Dynamik und Kreativität zu machen. Es ist dies eine Win-Win-Politik.

Vier Prinzipien stützen dieses Projekt: das Prinzip gemeinsamer Menschlichkeit. Trotz all unserer Unterschiedlichkeit formen wir eine einzige Menschheit, die in Einheit gehalten werden muss.

Das Prinzip gemeinsamer Sozialität: das menschliche Wesen ist sozial und lebt in verschiedenen Gesellschaftssystemen, deren Unterschiede respektiert werden müssen.
Das Prinzip der Individualität: Auch als soziales Wesen hat jeder Mensch das Recht, seine Individualität und seine Einzigartigkeit zu bekräftigen, ohne dadurch den/die anderen zu schaden.

Das Prinzip der verordneten und kreativen Opposition: wer anders ist, kann auf legitime Weise opponieren, muss jedoch stets darauf achten, aus dem Unterschied keine Ungleichheit zu machen.

Diese Prinzipien implizieren ethische, politische, ökonomische und ökologische Konsequenzen, die wir hier nicht detailliert aufführen.

Wichtig ist, anzufangen: von unten zu starten mit Bio-Regionalismus, mit kleinen Einheiten ökologischer Produktion, mit der Generierung von Energie durch Abfall, mit einem Sinn für Selbstbeschränkung und für das rechte Maß, in bescheidenem Maß zu konsumieren und miteinander zu teilen.

Heutzutage ist es besonders wichtig, Geselligkeit zu betonen, denn zurzeit gibt es viele, die kein Zusammenleben mehr anstreben.

Geselligkeit als Konzept wurde von Ivan Illich (1962-2002) in seinem Buch „Werkzeuge zur Geselligkeit“ (Tools for Conviviality, 1973, La convivialidad, 1975) in Umlauf gebracht. Illich war einer der großen Vordenker des 20. Jahrhunderts. Als Österreicher lebte er die meiste Zeit seines Lebens in Süd- und Nordamerika. Für ihn bestand Geselligkeit aus der Fähigkeit, die Dimensionen der Produktion und der Achtsamkeit, der Effizienz und des Mitgefühls, der Massenproduktion und der Kreativität, der Freiheit und der Fantasie, des multidimensionalen Gleichgewichts und der sozialen Komplexität koexistieren zu lassen: Sie alle sollen den Sinn für die universelle Zugehörigkeit bestärken.

Geselligkeit beansprucht für sich auch, eine angemessene Antwort auf die ökologische Krise darzustellen. Geselligkeit kann einen wirklichen Zusammenbruch des Planeten verhindern.

Es wird einen neuen natürlichen Bund mit der Erde und einen sozialen Bund unter den Völkern geben. Der erste Paragraph des neuen Bundes wird das geheiligte Prinzip der Selbstbeschränkung und des rechten Maßes sein; danach geht es um die essentielle Achtsamkeit aller die existieren und leben, um Freundlichkeit zu den Menschen und um Respekt für Mutter Erde.

Es ist möglich, eine gute Gesellschaft zu organisieren, eine Erde der guten Hoffnung (Sachs und Dowbor), wo Menschen Kooperation und Teilen dem Wettbewerb und grenzenlosem Anhäufen von Eigentum vorziehen.

Leonardo Boff
29.07.2016

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Kein Papst ging bisher in der Verurteilung des Kapitalismus so weit

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta-Kommission

Michael Löwy ist ein französisch-brasilianischer Soziologe und Philosoph,der sich gut mit der Denkweise der lateinamerikanischen Christen auskennt. Es ist interessant, seine Meinung durch das Interview zu erfahren, das er am 21. Juni 2016 dem Correio da Cidadania gab. Im Folgenden ein Auszug aus dem Interview:

Die Enzyklika “Laudato Sí“ ist ein direkter Angriff auf das kapitalistische System. Was bedeutet das, wenn man sich vor Augen hält, dass der Angriff von einem Papst stammt?

Bergoglio ist kein Marxist, und der Begriff „Kapitalismus“ kommt in seiner Enzyklika nicht vor. Doch ihm ist klar, dass die dramatischen ökologischen Probleme unserer Zeit aus den „Interaktionen der gegenwärtigen globalen Ökonomie“ resultieren, Interaktionen, die ein globales System schaffen, „ein strukturell perverses System aus Handelsbeziehungen und Eigentum“. Was sind diese „strukturell perversen“ Charakteristika für Franziskus? Zunächst einmal geht es um ein System, in dem die „unbeschränkten Geschäftsinteressen“ und eine „fragwürdige ökonomische Rationalität“ vorherrschen, eine instrumentelle Rationalität, deren einziges Ziel darin besteht, Profit zu vermehren. Für den Papst ist diese Perversität kein einzigartiges Charakteristikum des einen oder anderen Landes, sondern ein Charakteristikum für „ein Weltsystem, in dem Spekulation und die Prinzipien der Profitmaximierung und das Streben nach finanzieller Rentabilität vorherrschen, ein System, das dazu neigt, jeglichen Kontext und Auswirkung auf die Menschenwürde und die Umwelt zu ignorieren. Dadurch zeigt sich die enge Verflechtung zwischen Umweltverschmutzung einerseits und menschlicher und ethischer Verkümmerung andererseits.“ Andere perverse Eigenschaften des Systems bestehen in der Besessenheit auf unbegrenztes Wachstum, Konsumdenken, Technokratie, in der absoluten Beherrschung durch das Geld und in der Vergötterung des Markts. In seiner destruktiven Logik wird alles zur Ware degradiert und zur „finanziellen Kosten-Nutzen-Rechnung“. Doch wir wissen, dass „die Umwelt eines der Dinge ist, welche die Marktmechanismen nicht beschützen oder adäquat voranbringen können.“ Der Markt ist nicht in der Lage, die qualitativen, ethischen, sozialen, menschlichen oder natürlichen Werte, d. h. die „Werte, die jegliche Kalkulation übersteigen“ in Betracht zu ziehen. Die „absolute“ Macht des spekulativen Finanzkapitals ist ein wesentlicher Aspekt dieses Systems, wie sich bei der jüngsten Finanzkrise herausstellte. Der Kommentar der Enzyklika darüber spricht deutliche Worte: „Die Banken zu jedem Preis zu retten und den Menschen dafür bezahlen zu lassen, bestätigt die absolute Herrschaft des Finanzsektors. Dies kann keine Zukunft haben und generiert nur neue Krisen nach langen kostspieligen vermeintlichen Erholungen.“ Indem er stets den Bezug zu den ökologischen und sozialen Fragen herstellt, zeigt Franziskus, dass „dieselbe Logik, welche drastische Maßnahmen gegen die Erderwärmung erschwert, es unmöglich macht, das Ziel der Ausrottung der Armut zu erreichen.“ In der katholischen Kirche gibt es eine alte Tradition, den liberalen Kapitalismus zu kritisieren bzw. die „Exzesse“ des Kapitals, aber kein Papst vor Franziskus ging bisher so weit in seiner Kapitalismuskritik.

Was kann die Befreiungstheologie den Linken dieser Welt lehren in Anbetracht der unterschiedlichen Gedankenströmungen?

Zuerst einmal lehrt uns die Befreiungstheologie, dass Religion etwas anderes sein kann als ein simples “Opium fürs Volk”. Darüber hinaus sahen Marx und Engels die mögliche Entstehung von religiösen Bewegungen mit einer antikapitalistischen Dynamik voraus. Die Linke muss religiöse Überzeugungen mit Respekt behandeln und linke Christen als einen wesentlichen Teil der Bewegung zur Befreiung der Unterdrückten anerkennen. Die Befreiungstheologie lehrt uns ebenfalls die Bedeutung von Ethik im Prozess der Bewusstmachung und des Vorrangs der Arbeit an der Basis, gemeinsam mit den populären Volksschichten, in deren Nachbarschaft, in ihren Kirchen, ihren ländlichen Gemeinden und in ihren Schulen.

Befindet sich die katholische Kirche Brasiliens auf einer Linie mit Papst Franziskus?

Der Großteil der Bischöfe der brasilianischen Bischofskonferenz, der CNBB, befindet sich mit Franziskus auf einer Linie. Manche würden sogar gern etwas weiter gehen. Andere hingegen denken, dass Franziskus die Glaubenslehre gefährdet, und sie versuchen, seine Vorstöße zu behindern. Doch trotz ihrer Beschränkungen, insbesondere hinsichtlich der Rechte der Frauen auf ihren Körper – Scheidung, Verhütung, Abtreibung -, ist die brasilianische Kirche eine der fortschrittlichsten in der katholischen Welt.

Sollte die “Option für die Armen”, ein Gerüst aus Ideen und praktischen Aktionen, die dem gegenwärtigen politischen und ökonomischen System, das auf Anhäufung und Rückhaltung von Kapital ausgerichtet ist, entgegenstehen, umgesetzt werden, würde dies ganz klar zu einer gewalttätigen Konfrontation führen. Was wäre Ihrer Meinung nach die Haltung des Papstes diesbezüglich?

Traditionell versucht die Kirche, gewalttätige Konfrontationen zu “meiden”. Doch bei der Konferenz der lateinamerikanischen Bischöfe 1968 in Medellin wurde eine wichtige Resolution gefasst, die dem Volk das Recht auf Aufstand gegen die Tyrannei und unterdrückerische Strukturen zugesteht. Wie wir wissen, zogen einige Mitglieder des Klerus die logische Konsequenz aus ihrer Option für die Befreiung des Volkes und für den Kampf auf dessen Seite und nahmen an bewaffneten Befreiungskämpfen teil. Dies war bei Camilo Torres in Kolumbien der Fall, der in die Nationale Befreiungsarmee (Ejercito de Liberacion Nacional) eintrat und 1966 im Kampf fiel. Einige Jahre später unterstützte eine Gruppe junger Dominikaner die Nationale Befreiungsaktion ALN, angeführt von Carlos Marighella, im Kampf gegen die Militärdiktatur. Und in den 1970er Jahren nahmen die Cardenal-Brüder und einige andere Ordensleute an der Nationalen Befreiungsfront Nicaraguas (Frente de Liberacion Nacional) teil. Es ist schwer vorauszusagen, welche Arten „gewalttätiger Konfrontationen“ gegen das kapitalistische System auftreten werden, und noch schwerer, welche Position die Kirche dabei einnähme.

Leonardo Boff
12.07.2016

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Gott im Heute erfahren

Unsere heutige Zeit ist so sehr von der Politik belastet, dass unsere Psyche davon betroffen ist. Keinen Ausweg zu sehen, im Blindflug zu leben, wie ein steuerloses Schiff dahinzutreiben löscht unseren letzten Lebensfunken. Am Ende vergessen wir, was in unserem Leben essentiell ist.

Wer meinen letzten Artikel “Gibt es noch Rettung für das heutige Brasilien?” liest, findet dort den Hintergrund für diese Betrachtung über Gott. In Zeiten wie dieser, ohne pietistisch zu sein, wenden wir uns der Quelle zu, die schon immer die Menschheit nährte. Vor allem in düsteren Zeiten allgemeiner Krisen spüren wir eine Sehnsucht nach Gott. Wir erwarten Sein Licht. Und noch mehr: Mitten in den Turbulenzen möchten wir Gott erfahren und Ihn in unseren Herzen spüren.

Schauen wir uns in der Geschichte um, so sehen wir, dass die Menschheit sich schon immer die Frage nach der Letzten Wirklichkeit gestellt hat. Den Menschen wurde bewusst, dass sie ihren unendlichen Durst nicht ohne etwas Unendliches stillen können, das diesem Durst entspricht. Sie konnte sich die Größe des Universums und unserer eigenen Existenz nicht erklären ohne das, was üblicherweise als Gott bezeichnet wird, selbst wenn diese „Es“ in den verschiedenen Kulturen Tausende von Namen trägt. In der säkularen Sprache von heute sprechen wir in der neuen Kosmologie von der „Urquelle, aus der alle Wesen stammen“.

Trotz dieser unermüdlichen Suche besagt das universelle Zeugnis, dass „niemand jemals Gott sah“ (1 Joh 4,12). Moses bat darum, die Herrlichkeit Gottes sehen zu dürfen, doch dieser sagte ihm: „Du kannst mein Angesicht nicht sehen, denn kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben“ (Ex. 33,20). Doch selbst wenn wir Ihn nicht sehen können, so können wir Zeichen Seiner Gegenwart wahrnehmen. Dafür brauchen wir nur achtsam zu sein und uns für die Feinfühligkeit des Herzens zu öffnen.

Das folgende Zeugnis eines Cherokee beeindruckte mich. Er sprach von jemandem, der verzweifelt nach Gott suchte, doch die vielen Zeichen der göttlichen Gegenwart nicht wahrnehmen konnte. So lautet die Erzählung:

“Ein Mann flüsterte: Gott, sprich zu mir! Und eine Nachtigall begann zu singen. Doch der Mann achtete nicht darauf. Er bat wiederum: Gott, sprich zu mir! Und ein Donnerschlag hallte durch das Land. Und der Mann achtete nicht darauf. Er bat wieder: Gott, lass mich dich sehen! Ein großartiger Mond schien am Nachthimmel, doch der Mann nahm das nicht wahr. Nervös begann er auszurufen: Gott, zeige mir ein Wunder! Und ein Baby wurde geboren. Doch der Mann hielt sich nicht damit auf, das Baby zu betrachten oder das Wunder des Lebens zu bestaunen. Verzweifelt schrie er: Gott, wenn du existierst, so berühre mich, lass mich deine Gegenwart hier und jetzt spüren. Und ein Schmetterling landete sanft auf seiner Schulter. Doch der Mann schüttelte ihn ärgerlich ab.

Enttäuscht und unter Tränen setzte der Mann seine Reise fort. Er lief ziellos umher, bat um nichts mehr und war voller Angst, da er nicht wusste, wie er die Zeichen von Gottes Gegenwart erkennen konnte.”

Sein Mangel an Achtsamkeit war die Ursache für seine Verzweiflung, seiner Einsamkeit und Heimatlosigkeit. Das Gegenteil vom Glauben an Gott ist nicht Atheismus, sondern das Gefühl von Einsamkeit und existentieller Verlassenheit. Mit Gott wird alles transformiert und von Sinn erfüllt.

Inmitten unserer aktuellen verstrickten politischen Situation suchen wir nach einer wahren Gotteserfahrung. Dafür müssen wir über unsere rationale Vernunft hinausgehen, welche die Phänomene über deren Verzweigungen zu verstehen sucht, sie berechnet, manipuliert und in das Spiel des Wissens als wissenschaftliche Objektivität sowie als politische Interessen einfügt, wie es zurzeit geschieht. Dieser berechnende Geist denkt zwar über Gott nach, nimmt Ihn aber nicht wahr.

Wir brauchen einen anderen Geist, einen, der Gott fühlt: einen Geist der Feinfühligkeit und der Herzlichkeit, der Bewunderung und Verehrung. Es ist die Vernunft des Herzens oder der Sensibilität, die Gott vom Herzen aus spürt.

Gott lässt sich besser spüren, wenn wir von der Intelligenz des Herzens ausgehen, als wenn wir versuchen, mit den intellektuellen Verstand über Ihn nachzudenken. Dann werden wir begreifen, dass wir niemals allein sind. Eine unauslöschliche, mysteriöse und liebende Gegenwart ist uns zu allen Zeiten nahe.

Ist das nicht der Grund, warum wir Jahrhunderte lang nicht aufhören nach Gott zu fragen? Ist es nicht das, was unsere Herzen füllt, wenn wir Zeit mit Ihm verbringen? Ist es nicht, weil Er es ist, der Namenlose und Mysteriöse, der uns innewohnt? Ist dies nicht der Grund, warum wir glauben, dass es immer eine Lösung für unsere Probleme gibt?

Wir wissen, dass Er es ist, wenn wir keine Angst mehr haben, denn Er ist der wahre Herr der Geschichte. Und wir wagen zu hoffen, dass ein gutes Geschick aus der Dunkelheit entspringen wird, die wir gerade ertragen müssen.

Leonardo Boff
24.06.2016

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Gibt es noch Rettung für das heutige Brasilien?

Jeder, der sich die politisch-sozioökonomische Situation anschaut, fragt sich: „Gibt es noch Rettung für das heutige Brasilien?“ Eine Diebesbande, verkleidet als Senatoren und Richter, sind entgegen aller das Gegenteil belegenden Argumente darauf aus, eine unschuldige Frau, Präsidentin Dilma Roussef, zu verdammen, die weder der unrechtmäßiger Aneignung öffentlicher Güter noch irgendeiner persönlichen Korruption anzuklagen ist.

Durch die neuen, wichtigen Enthüllungen wurde klar, dass das Problem nicht Präsidentin Roussef ist, sondern die Operation Lava Jato, welche, abgesehen von einzelnen Beschuldigungen gegen die Arbeiterpartei PT, den Großteil der Oppositionsführer betrifft. Sie alle haben auf die eine oder andere Weise durch Geschenke von Petrobras profitiert, um ihre Wahlsiege sicherzustellen. „Wir müssen diese Blutung stoppen“, sagte einer der bekanntesten der Korrupten, „sonst wird es uns alle betreffen. Wir müssen Dilma loswerden.

Niemand setzt sein eigenes Vermögen aufs Spiel, um seine Wahlkampagne zu finanzieren. Niemand braucht dies zu tun: Dafür gibt es eine schwarze Kasse, die durch korrupte Unternehmen gefüllt wird, welche sich damit spätere Vorteile für große Projekte zu sichern suchen, oftmals zu überhöhtem Preis. So kommt deren Vermögen zustande.

In den Augen der Welt befinden wir uns in einer lächerlichen Situation: zwei Präsidenten, einer davon unrechtmäßig, schwach und ohne eine Führungsqualität; der andere legitim, aber ausgebootet und zur Gefangenen im eigenen Palast gemacht; zwei Planungsminister: einer ausgebootet, der andere nur ein Ersatz; eine monströse Regierung, reaktionär und im Volk unbeliebt.

Wir befinden uns in der Tat im Blindflug. Niemand weiß, worauf diese Nation zusteuert, die die siebtgrößte Weltwirtschaft mit den weltgrößten Öl- und Gasvorkommen ist sowie von unübertroffenem ökologischem Reichtum, d. h. der Grundlage der künftigen Ökonomie. So wie die Kräfte jetzt aufgestellt sind, führt uns das nirgendwohin außer in einen eventuellen sozialen Konflikt.

Die Armen, die die Mehrheit der Brasilianer stellen, sind es gewohnt zu leiden und einen Ausweg finden zu müssen. Doch es wird ein Punkt kommen, an dem das Leid unerträglich werden wird. Niemand kann mehr gleichgültig bleiben beim Anblick von Kindern, die vor Hunger sterben und am kompletten Mangel an medizinischer Versorgung. Und man kommt zum Schluss: so kann es nicht weitergehen, eine Revolte muss her.

Dies erinnert mich an einen franziskanischen Bischof aus dem 13. Jh. in Schottland, der die vom Papst erhobenen hohen Steuern ablehnte und auf die Nachfrage durch den Papst antwortete: „Ich akzeptiere dies nicht, ich verweigere mich und revoltiere.“ Und der Papst gab nach. Könnte so etwas auch heute bei uns vorkommen?

Wenn ich mich in meinen Reden bemühe, einen Hoffnungsschimmer auszustrahlen und man mir sagt, ich sei wohl ein Pessimist, erwidere ich mit Saramago: „Ich bin kein Pessimist; es ist die Realität, die so deprimierend ist.“ Die Realität ist in der Tat für alle deprimierend, außer für die betuchten Eliten, die an rücksichtslose Ausbeutung gewohnt sind und von der sich verschlechternden Lage des Volkes profitieren. Diese Eliten haben ihren profanen Tempel in Sao Paulos Paulista Avenue, wo sich ein Großteil des brasilianischen BSP konzentriert.

Unser großes Problem besteht im Mangel an Führungspersönlichkeiten. Abgesehen vom früheren Präsidenten Lula, dessen Charisma außer Frage steht, sind nur zwei Personen der Rede wert: Ciro Gomes und Roberto Requiao. Meiner Ansicht nach sind sie die einzigen starken Führungspersönlichkeiten, die den Mut haben, die Wahrheit auszusprechen, und mehr an Brasilien denken als an parteipolitische Streitereien.

Diese Krise hat einen bisher ungelösten Präzedenzfall in unserer Geschichte, wie Jesse Souza vor kurzem herausstellte (A tolice da inteligência brasileira, 2015). Wir sind die Erben von jahrhundertealtem Kolonialismus, der uns den Stempel des „wertlosen Volkes“ aufdrückte, das immer von Fremden abhängig war.

Noch schlimmer ist das weltliche Erbe der Sklaverei, die ihre Erben La Casa Grande glauben lässt, sie können Herr über Leben und Tod der Schwarzen und Armen sein. Ihnen reicht es nicht, die Schwarzen und Armen an den Rand zu drängen, nein, sie müssen auch noch abgelehnt und gedemütigt werden. Die Mittelklasse imitiert die Oberklasse, indem sie sich von dieser völlig manipulieren lässt und unbewusst zu Komplizen der horrenden sozialen Ungleichheit wird.

Die superreichen Eliten (71.440 Personen, die laut IPEA 600.000 Dollar pro Monat verdienen), die mithilfe der Massenkommunikationsmittel, welche das Öl in der Maschinerie ihrer Beherrschung ist, wurden „Golpistas“ und Reaktionäre. Diesen Eliten lag nie an wahrer Demokratie, sie wollen nur eine Demokratie von sehr niedriger Intensität, welche sie kaufen und manipulieren können. Sie bevorzugen Putsch und Diktatur. Da Putsche nicht länger mit Bajonetten durchgeführt werden können, planten sie etwas anderes: einen Coup mithilfe von künstlicher Manipulation unter korrupten Politikern, eine politisierte juristische Branche, und durch polizeiliche Repression. Folglich gibt es drei Arten von Putsch: durch Politik, Justiz und Polizei.

Ich schließe mit den Worten von Jesse Souza: „Wir befinden uns selbst in einer Welt, in der Politik von einer Diebesbande bestimmt wird, Justiz durch „justicieros“ gemacht wird, die diese protegiert, einer Elite von Blutsaugern und in einer Gesellschaft, die zu materiellem Elend und spiritueller Armut verdammt ist. Es ist wichtig, dass jeder diesen Coup versteht. Es ist der Spiegel dessen, was aus uns wurde.“ Sollte ich hier Heidegger zitieren: „Nur Gott kann uns retten“? Karl Marx ist da vielleicht bescheidener und akkurater, wenn er sagt: „Es gibt immer eine Lösung für jedes Problem“. Und so wird es sein.

Leonardo Boff
21.06.2016

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Die Atombombe und die Olympischen Spiele

Zu genau dem Zeitpunkt, an welchem die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro am 6. August 2016 um 8:00 Uhr abends beginnen, wird in Hiroshima (Japan) zur entsprechenden Zeit um 8:15 Uhr morgens des entsetzlichen Abwurfs der Atombombe auf diese Stadt gedacht werden. Diese Bombe forderte 242.437 Opfer einschließlich derer, die sofort starben, und derer, die später an den Folgen der radioaktiven Strahlung starben.

Im Kapitulationsschreiben vom 14. August räumte Kaiser Hirohito ein, dass „es eine Waffe war, die die totale Vernichtung der menschlichen Zivilisation verursachen könnte“. Tage später, als er dem Volk die Gründe für die Kapitulation mitteilte, erklärte er, die Hauptursache sei gewesen, dass die Atombombe „den Tod des ganzen japanischen hätte Volkes verursachen könne“. In seiner traditionellen Weisheit hatte Kaiser Hirohito Recht.

Die Menschheit zitterte. Dem Kosmologen Carl Sagen zufolge erkannte die Menschheit plötzlich, dass wir für uns selbst den Beginn unserer Selbstzerstörung erschaffen hatten. Jean-Paul Sartre sagte dasselbe: „Die Menschen werden sich die Mittel für ihre eigene Zerstörung aneignen.“ Entsetzt schrieb der große britische Historiker Arnold Toynbee, der kürzlich 12 Bände über die Geschichte der Zivilisationen schrieb, in seinen Memoiren (Erlebnisse & Erfahrungen, 1969): „Ich lebte, um zu erleben, dass das Ende der Geschichte der Menschheit eine anti-historische Möglichkeit wurde, die tatsächlich eintreten könnte, nicht als ein Eingriff Gottes, sondern als Tat der Menschen.“ Der berühmte französische Naturforscher Théodore Monod sagte nachdrücklich: „Wir sind zu sinnlosem und  gestörtem Verhalten in der Lage; von nun an müssen wir alles befürchten, wirklich alles, selbst die Auslöschung der kompletten menschlichen Spezies“ (Und wenn das Abenteuer Menschheit versagt? 2000).

Tatsächlich hat das Entsetzen nichts bewirkt, denn Nuklear-Waffen wurden weiterhin entwickelt, sogar immer stärkere, die in der Lage sind, das Leben von unserem Planeten auszulöschen und der menschlichen Spezies ein Ende zu bereiten.

Zurzeit besitzen 9 Staaten Nuklarwaffen, insgesamt ca. 17.000. Und wir wissen, dass es keine absolute Sicherheit gibt. Die Katastrophen von Three Mile Island in den USA, Tschernobyl in der Ukraine und Fukushima in Japan belegen dies auf überzeugende Weise.

Vor einigen Tagen besuchte der US-Präsident Barak Obama zum ersten Mal Hiroshima. Er beklagte nur den Fakt und sagte: „Der Tod fiel vom Himmel und die Welt war verändert … unser moralisches Erwachen begann.“ Doch Präsident Obama hatte nicht den Mut, um Vergebung vom japanischen Volk für die apokalyptischen Szenen zu bitten, die sich dort ereigneten.

Darüber, wie dieser kriegerische Akt zu bewerten ist, wird heute weltweit diskutiert. Viele behaupten eher pragmatisch, dies sei der einzige Weg gewesen, um Japan zur Kapitulation zu zwingen und Tausende von Opfern auf beiden Seiten zu vermeiden. Andere halten den Gebrauch dieser tödlichen Waffe, nach der offiziellen japanischen Version, für einen „illegalen feindlichen Akt innerhalb der Normen des internationalen Rechts“. Wieder andere gehen noch weiter und behaupten, dass dies ein „Kriegsverbrechen“ und sogar „Staatsterrorismus“ war.

Heute sind wir geneigt zu sagen, dass es sich um einen kriminellen Akt gegen das Leben handelt, der in keiner Weise zu rechtfertigen ist, denn unter ökologischen Gesichtspunkten betrachtet, tötete die Bombe viel mehr als Menschen: alle Formen von Pflanzen, tierisches und organisches Leben und führte ebenfalls zur totalen Zerstörung von Kulturgütern. Normalerweise kämpfen in Kriegen Armeen gegen Armeen, Kriegsflugzeuge gegen Kriegsflugzeuge, Schlachtschiffe gegen Schlachtschiffe. Hier nicht. Es war ein totaler Krieg im Stil der Nazis, der alles tötete, was sich bewegt, der Wasser vergiftet, den Wind kontaminiert und die physikalisch-chemischen Lebensgrundlagen dezimiert. Albert Einstein weigerte sich, am Projekt der Atombombe teilzunehmen, und verurteilte dieses gemeinsam mit Bertrand Russel vehement.

Neben anderen tödlichen Bedrohungen gegen das Lebens- und das Erdystem, bleibt die nukleare Bedrohung die schrecklichste, ein wahres Damokles-Schwert, das über dem Kopf der Menschheit hängt. Wer kann die Irrationalität Nord-Koreas einschätzen, wenn eine zerstörerische Nuklearattacke ausgelöst wird?

Es gibt einen zutiefst menschlichen Vorschlag aus Sao Paulo, Brasilien, von der Gesellschaft der Überlebenden von Hiroshima und Nagasagi („Hibakusha“; man geht von ungefähr 118 Überlebenden aus, die in Brasilien leben), angeführt von Chico Whitaker, einem kämpferischen Gegner der Kernenergie, dass am 6. August zum Zeitpunkt der Eröffnung der Olympischen Spiele eine Schweigeminute eingehalten werden soll, um der Opfer von Hiroshima zu gedenken. Nicht nur dies, sondern auch dass unsere Gedanken sich gegen die Gewalt gegenüber Frauen, Flüchtlingen, Schwarzen und Armen wenden, die systematisch dezimiert werden (in Brasilien waren es allein im Jahr 2015 60 000 jugendliche Schwarze), gegen Indigene, die Quilombolas, die Landlosen, die Obdachlosen, im Prinzip alles Opfer der Unersättlichkeit unseres Systems der Anhäufung von Gütern.

Zu diesem Thema hat der Bürgermeister Hiroshimas bereits einen Brief an das Olympische Organisations-Komitee geschrieben. Hoffen wir, dass das Komitee diesen stummen Schrei gegen Krieg und für Frieden unter allen Völkern der Welt unterstützt.

Leonardo Boff
14.06.2016

 

 

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