Brasiliens traurigster Tag: der parlamentarische Putsch

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

Und es geschah in jenen Tagen, dass angeheuerte Attentäter sich als Senatoren verkleideten, zumindest eine große Anzahl von ihnen, wenn auch nicht alle, und beschlossen, eine ehrenhafte und unbestechliche Frau, die deren Weg zur Staatsmacht blockierte, anzugreifen. Wenn sie erst einmal an der Macht wären, könnten sie tun, was sie schon immer getan hatten: die öffentlichen Güter zu ihrer eigenen Bereicherung nutzen, dem Arm des Gesetzes entkommen und wie immer weiterhin ihre privilegierte Situation auf Kosten des Volkes genießen, das sie ausschließen und an den Rand drängen wollen, quasi Sklaven als nützliche Reservistenarmee, zu ihren Diensten.

Es bereitete ihnen ein sadistisches Vergnügen, eine unbestechliche und ehrenhafte Frau zu verletzen unter dem Vorwand, dass einige deren Steuerpraktiken kriminell gewesen wären, was die große Mehrheit der Rechts- und Wirtschaftsspezialisten bestritt. Sie inszenierten eine Farce und verrieten damit die Verfassung. Eine Präsidentin vom Amt zu entfernen ohne ihr ein Verbrechen nachweisen zu können, ist ein Putsch. Die korrekte Bezeichnung dafür lautet: „parlamentarischer Putsch“. Heuchlerisch gaben sie vor, dass dies sie bedrücke, selbst als sie davon sprachen, in eine „neue Ära, einen neuen Frühling, einen Beginn für ein neues, reiches und gerechtes Brasilien“ aufzubrechen. Alles Lüge!

Der Plan „Eine Brücke zur Zukunft“ ist im Grunde genommen eine Brücke rückwärts, denn er würde die Errungenschaften, welche die Arbeiter, die Frauen, die Schwarzen, die indigenen Völker, die LGBT-Gemeinschaft, die Armen und die quasi Unsichtbaren zum ersten Mal in unserer Geschichte bezüglich sozialer Inklusion, besseren Löhnen, Gesundheit, Bildung, Arbeitsgesetz, Rente und Zugang zu höherer Bildung, gewonnen hatten, auslöschen. Und was noch schlimmer ist: Sie wollen das Volk ungebildet halten, sodass es still hält und nicht in der Lage ist, seine Rechte und Würde einzuklagen.

Nun geht es nur noch um den Markt. Jemand, der medizinische Behandlung braucht, muss zum Markt gehen und bezahlen.

Jeder, der zur Universität gehen möchte, muss zuvor zum den Marktpreis dafür bezahlen. Alles wird zur Ware gemacht, die man kaufen und verkaufen kann. Lässt Würde sich kaufen? Ist Solidarität käuflich? Muss für Liebe bezahlt werden? Das ist ihnen gleichgültig. Diese Dinge zählen nicht für sie. Doch kann man im Leben ohne sie glücklich sein?

Zu Beginn der Eroberung und der Beherrschung Mexikos gab es die „traurigste Nacht“ im Jahr 1520, als ein großer Teil der spanischen Armee zerstört wurde. Jetzt haben wir den „traurigsten Tag“, an dem eine Präsidentin ungerechtfertigterweise von der Macht entfernt wurde, welche sie durch demokratische Wahl errungen hatte.

In den Räumen und Fluren des Senats wird Blut gespuckt. Eine „politisch traurige Nacht“ hat sich über Brasilien gelegt und hat denen die Hoffnung gestohlen, die dem Elend entkommen waren und nun bedroht sind, wieder hineinzufallen.

Und diejenigen, die kämpften, um eine Demokratie zu konsolidieren, der es um soziale Belange und um den Respekt des Volkswillens geht, wie er sich an der Wahlurne gezeigt hatte, werden aufs Neue verraten. Dies ist der Tag „der langen Messer“, die gegen eine ehrenhafte Frau gerichtet wurden und die die Souveränität des Volkes schwer verletzten.

Heute, am 31. August 2016, ist ein Tag der Traurigkeit. Diejenigen, die die Farce veranstalteten, sowie die mörderischen Senatoren werden für den Rest ihres Lebens vom Stigma der golpistas und des Betrugs gezeichnet sein. Ihr Gewissen wird sie verfolgen und ihr Vermächtnis wird zerstört sein. Der Wille zur Verdammung kann nicht die Vernunft ersetzen, die zur Wahrheit führt. Sie erstickten die Wahrheit unter dem Mantel der Ungerechtigkeit.

Sie werden sich in düsterer Gesellschaft befinden, in Gesellschaft derer, die vor Jahren den Staat überfielen, das Volk unterdrückte, viele folterte, so wie sie es jetzt mit Präsidentin Dilma Rousseff taten, und diejenigen töteten, die danach strebten, die Demokratie wieder aufzurichten.

Und am Ende ihres Lebens werden sie einem größeren Richter gegenüberstehen, der sie mit all der von ihnen bewusst begangenen Ungerechtigkeit konfrontieren wird.

Leonardo Boff
05.09.2016

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Über Bettina Gold-Hartnack

Ich habe u. a. kath. Theologie und Deutsch für das Lehramt studiert (1. Staatsexamen an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt 1990), eine Ausbildung zur Fremdsprachen-korrespondentin IHK absolviert und mit meinem Mann und unseren drei Kindern knapp 20 Jahre in Frankreich gelebt. Anfang September 2014 bin ich wieder nach Deutschland gezogen und arbeite inzwischen für einen Online-Shop, der weltweit Accessoires für Musikinstrumente vertreibt. Übersetzen, vor allem das Übersetzen theologischer Texte, bereitet mir viel Freude und umso mehr, wenn ich mit meinen Übersetzungen dazu beitragen kann, Leonardo Boffs Texte einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Übersetzungen fertige ich ehrenamtlich an und deren Veröffentlichung geschieht in Übereinkunft mit Leonardo Boff.
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